Wüstenmond
Prolog
Als sie kamen, war er noch jung, keine fünfzehn Jahre alt. Ein halbes Kind, dass mit aufgerissenen Augen die Männer anstarrte, die, die Hütte seiner Eltern durchsuchten. Sie sprachen nicht viel dabei, gingen durch alle Ecken und schauten auch unter die Betten. Die weiten Kaftane oder blauen Tücher, die sie vor den Mund gezogen hatten, nahmen sie dabei nicht ab.
Er drückte sich ängstlich an die Wand und hoffte, dass diese Männer ihn übersehen würden. Aber es dauerte nicht lange und einer von ihnen sagte etwas, und beugte sich zu ihm herunter. Die dunklen Augen, die ihn über dem Tuch ansahen, wirkten hart; sie musterten ihn, wie Vieh auf dem Markt. Der Junge wimmerte unter diesem Starren und rollte sich selbst zu einer Kugel zusammen.
„Das ist das letzte Kätzchen, Dahbar!“, rief jemand und der Mann nickte. Dann packte er den Arm des Jungen und zog ihn hoch.
*******
Er wagte nicht, sich zu bewegen. Der Mann, den sie Dahbar nannten, hielt ihn auf seinem Schoss. Unter ihnen ging das Kamel mit weiten schaukelnden Schritten und Dahbar hatte ihn fest an sich gedrückt, damit er nicht herunterfiel.
Der Junge war für sein Alter nicht sehr groß, dafür wirkte er nicht schlaksig oder ungelenk, wie die anderen Jungen, bei denen die Reife eingesetzt hatte. Dahbar fiel dagegen gleich durch seine Statur auf. In seinem Arm wirkte sein Gefangener wie ein Kind und mühelos konnte er ihn festhalten.
Der Junge hatte bisher noch nie auf einem Kamel gesessen, aber Angst und Trauer ließen keine Faszination zu.
Die Schritte des Tieres ließen den Körper vor und zurück schaukeln und die Landschaft wankte vorbei. Wenn er zu lange versuchte, sich auf einen Punkt zu konzentrieren, spürte er, wie sich sein Magen umdrehte. Er fühlte sich elend, versuchte sich aber zusammen zu reißen. Nach einer Weile wurde das Geschaukel jedoch immer ärger und der Junge konnte nicht mehr – instinktiv drehte er den Kopf und der Unrat floss direkt auf den steinigen Sandboden.
Der Mann, der neben ihnen geritten war, stieß wütende Schreie aus. Dabei drohte er ihm mit seiner Peitsche, doch Dahbar brachte den Reiter mit einer herrischen Handbewegung zum schweigen.
Er zog ein Tuch hervor, hielt es dem Jungen hin und bedeutete ihm, sich das Gesicht abzuwischen. Der Junge tat, wie ihm geheißen, wobei ihm heiße Tränen über die Wangen liefen. „Wo bringt ihr mich hin? Was habt ihr vor?“, brachte er schließlich schluchzend hervor. Dahbars Augen musterten das schmale sonnengebräunte Gesicht. Er antwortete jedoch nicht, presste nur den Kopf des Jungen wieder gegen seine Brust und ritt weiter.
*******
Bei Einbruch der Nacht hatten sie die Wüste erreicht. Jetzt erst sah der Junge die anderen aus seinem Dorf, die auf Kamelen saßen. Die Tiere hatten Ringe durch die Nasenflügel gezogen bekommen, durch die man ein langes Seil gefädelt hatte. So wurden sie daran gehindert, wegzulaufen und den gefesselten Menschen zur Flucht zu verhelfen.
Er erkannte wenige Gesichter und sah daher schnell weg. Der leere, gebrochenen Ausdruck darin sorgte trotz allem dafür, dass sich sein Magen zusammenzog.
Bewegung kam in die Gruppe aus Reitern. Die Kamele gaben blökende Laute von sich, als sie begannen, schneller zu laufen. Sowohl ihre Herren, als auch die Tiere selber wähnten sich am Ende ihrer Reise und Vorfreude ging durch die Reihen der Männer.
Der Junge spürte, wie auch Dahbars Kamel schneller wurde. Trainierte Muskeln begannen sich wie Schlangen unter dem lohfarbenen Fell zu bewegen und das bisher sachte Schaukeln wurde zu einem Schwanken. Der Wind, der sie bisher stetig begleitet hatte wurde, brauste stärker um seine Ohren und der Junge schnappte unwillkürlich nach Luft.
Mit weiten, fliegenden Schritten, rannte das Kamel durch die hereinbrechende Dunkelheit und scheinbar mühelos ließ es all die anderen hinter sich zurück. Dahbar gab keine Regung von sich, doch als der Junge den Kopf hob, um in sein Gesicht zu sehen, glaubte er, ein Funkeln in den schwarzen Augen zu bemerken.
Gegen seinen Willen war er gefesselt. ’So müssen Vögel sich fühlen’, schoss es ihm durch den Kopf und er hielt sich an Dahbars Kaftan fest, um nicht vom Kamel geworfen zu werden.
Die Spitzen einiger Palmen tauchten am Horizont auf und der schnelle Schritt der Kamele, brachte sie bald näher heran, so dass der Junge eine winzige Oase entdecken konnte.
In den letzten roten Sonnenstrahlen erkannte er flache Zelte, die sich an die Dünen und Erhebungen der Wüste schmiegten. Wind und Wetter hatten die Farben ausbleichen lassen, doch neue bunte Bänder und Borten schmückten die Beduinenbehausungen.
Die Männer ritten bis kurz vor das Lager und zügelten ihre Kamele, die weitere Blöklaute ausstießen.
Hier und da ertönte ein klatschendes Geräusch, als die Reiter ihre Gerten auf die Flanken der Tiere schlugen, damit diese auf die Knie gingen und die Männer bequem absteigen konnten.
Dahbar brauchte keine Gerte. Er drückte dem lohfarbenen Kamel nur einmal kurz die Hacken in die Seite und sofort ließ es sich auf alle Viere nieder. Er schob den Jungen aus dem Sattel und stieg dann selbst ab.
Die Beine des Jüngeren fühlten sich weich an und er begann in seiner dünnen Kleidung zu frieren, jetzt, da die Nacht hereinbrach.
Dahbars Hand legte sich in seinen Nacken; nicht schmerzhaft oder brutal, aber mit deutlichem Druck dirigierte er den Jungen in ein bestimmtes Zelt. Es brauchte einen Augenblick, bis er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, die in dem Zelt herrschten.
„Was bringt du mir?“, ertönte eine helle Stimme und ein Vorhang, der den hinteren Teil der Behausung vom Vorderen trennte, wurde zur Seite geschoben. Im flackernden Licht der Öllampen sah Karim eine Frau. Sie wirkte noch nicht sehr alt, obwohl ihr Haar bereits jetzt schlohweiß war.
Dahbar schob den Jungen zu ihr hin. „Er braucht neue Kleider. Und ein Bad. Er stinkt vor Angstschweiß.“
Die Frau trat vor und zog sich ihren Schleier höher, der nun ihr Gesicht und ihr Haar verbarg. Ihre Augen blickten jedoch freundlich, als sie ihm über die Wange streichelte. „So ein hübscher Junge“, gurrte sie auf mütterliche Weise. Der stand nur stocksteif da und sah diese Fremde an.
„Und er hat Angst vor dir, Weib“, antwortete Dahbar. Leichter Spott schwang in seiner Stimme mit. Die Frau lachte nur. „Nicht mehr als vor dir – aber das werden wir schon noch ändern. Wie heißt du denn Junge?“
„Karim.“
Sie fasste seine Hand. Ihre fühlte sich kühl und trocken an. Die Frau führte ihn aus dem Zelt, ohne einen weiteren Blick auf Dahbar zu werfen und führte ihn in ein zweites Zelt, dessen Plane aus Leder anstatt aus Stoff bestand und wesentlich niedriger war, als die anderen. Auch stand es abseits, unter einigen Palmenwedeln, so dass tagsüber die Sonne direkt darauf scheinen musste.
Die Frau zog das Leder, das den Eingang verdeckte zur Seite und wies Karim an, hineinzugehen. Er tat es und sah sich mit vollkommener Dunkelheit konfrontiert. Draußen war es ebenfalls dunkel, aber dort hatte er wenigstens Mond und Sterne gehabt, die seinen Weg mit fahlem weißen Licht beleuchtet hatten. Hier jedoch sperrte das dichte Leder jeden Lichtstrahl aus.
Er erschrak, als er ihre Hände auf seinen Schultern spürte. Sie kicherte leise, während ihre Finger über seinen Körper krochen und an dem einfachen gewebtem Wollhemd nestelten.
Seine Brust hob und senkte sich wie gehetzt, aber sobald das Hemd offen war, verschwanden die Finger wieder.
„Zieh den Rest aus“, hörte er ihre Stimme sagen, und dann leise Schritte, die sich entfernten. Unsicher schlüpfte er aus dem Hemd und knotete den Riemen seiner Hose auf. Sie war ebenfalls aus grober Wolle und kratzte auf seiner Haut, als er sie abstreifte.
Plötzlich flackerte eine Flamme auf, in der Mitte des Zeltes. Die Frau mit den weißen Haaren kniete davor und pustete auf den Zunder, den sie entfacht hatte. Umsichtig legte sie erst Schafswolle darauf, dann Reisig.
Während die Flamme wuchs, drehte sie den Kopf und er sah, wie ihre Augen sich lachend verengten. „Guter Junge!“, lobte sie ihn wie einen Hund. „Bring mir bitte ein paar Holzscheite. Da vorne, neben den Steinen, findest du welche.“
Er tat wie ihm geheißen, und schämte sich derweil, dass er nackt vor einer Frau war. Sie aber tat, als würde sie es nicht bemerken. Dankend nahm sie ihm die Scheite ab und legte sie auf die Flammen, die sich hungrig hineinfraßen.
Mehr und mehr wurde so von dem Zelt ausgeleuchtet. Karim sah drei Bänke, mit Fellen ausgelegt, die an den drei Seitenwänden des Zeltes standen. In der Mitte stand das bereits erwähnte Feuer und daneben stand ein großer Wasserbottich, über den quer ein gegabelter Stock balancierte.
In einer Ecke stapelten sich die Holzscheite und einige Steine, ungefähr so groß, wie zwei von Karims Fäusten.
„Setz dich hierher“, sagte die Frau und deutete auf eine der Bänke. Als er platz genommen hatte, durch das Zelt gegangen und hatte ein paar der Steine aufgehoben. Sie legte sie in die Glut des Feuers und verschwand aus dem Zelt.
Es dauerte nicht lange und sie kehrte zurück, mit einem Joch an dem zwei Ziegenhäute hingen. Karim hörte es leise plätschern und ahnte nicht, was die Frau jetzt mit dem Wasser bezwecken wollte. Seine Neugier wurde jedoch bald gestillt, als er ihr bei ihren weiteren Handlungen zusah.
Das Wasser goss sie in den Bottich, der sich erstaunlich schnell füllte und griff dann nach dem gegabelten Stock.
Sie stocherte in der Glut herum und zog einen der Steine heraus, der mittlerweile rot glühte. Mit der zangenförmigen Spitze des Stockes hob sie ihn an und ließ ihn ins Wasser fallen; unter lautem Zischen entwickelte sich starker Dampf.
Weitere Steine folgten dem ersten und zum Schluss warf sie noch eine Handvoll Kräuter hinein. Ein fremdartiger, würziger Duft breitete sich in dem kleinen Zelt aus.
Die Sicht wurde Karim wieder genommen, diesmal jedoch durch den rasch dichter werdenden Dampf. Die Frau sah durch die Schwaden aus, wie ein Djinn, ein Geist. Karim zog die Beine an und schlang die Arme darum. Aus seiner Angst war mehr und mehr Neugierde geworden, aber dieses Bild brachte etwas von dem bekannten Zittern zurück.
Sie nahm die zweite Ziegenhaut und kam zu ihm. „Nein“, sagte sie und zog seine verschränkten Arme auseinander. „Du musst die Hitze deinen Körper berühren lassen. Der Schweiß reinigt dich.“
Ungläubig sah er sie an. „Schweiß soll mich reinigen?“
Sie schob die Ärmel ihres Kaftans hoch und zog einen Schwamm aus dem Ziegenbeutel. „Ja, und jetzt setz dich richtig hin, damit wir dich sauber bekommen.“
Karim stützte sich mit den Händen auf der Bank ab und streckte die Füße aus. Tatsächlich begann der Schweiß bereits aus allen Poren zu dringen angesichts der Hitze. Der Junge fühlte, wie er sich langsam entspannte und sein Kopf schwer wurde. Die Augenlider fielen herunter, aber ihre Hand rüttelte ihn wach.
Erschrocken sah er sie an; in ihren Augen war wieder dieses Lachen. Karim atmete tief ein und fragte sich im stillen, wie die Frau es hier drin aushielt. Er war nackt und schwitzte erbärmlich. Sie trug noch Kaftan, Burka und Schleier, aber sie zeigte keine Anzeichen von Unwohlsein.
Die Frau drückte den Schwamm aus und begann, damit über seine Schultern zu streichen. Das Wasser roch ebenfalls nach Kräutern und Karim vergaß vor lauter Wohlbehagen fast, zurückzuweichen.
Der Schwamm rieb über seine Hals, seine Brust und seinen Bauch und verlegen wandte er den Blick zur Seite. Die Schenkel hielt er fest geschlossen, um zumindest diesen Teil seines Körpers vor ihren Blicken zu schützen.
Die Frau wusch ihn weiter, spülte mit dem Schweiß, den gröbsten Dreck herunter und wiederholte die Prozedur ein weiteres mal.
Karim wurde es immer heißer, und als er glaubte, gleich von der Bank zu fallen, sagte sie ihm, dass er aufstehen solle – er wäre jetzt sauber genug. Dankbar stand er auf und lief mit großen Schritten zum Eingang, als ihn plötzlich ein Schwall Wasser über dem Kopf traf. Er japste erschrocken nach Luft.
Ihr Lachen war hell, klang wie das eines Kindes. „Aufstehen, nicht rausgehen!“, tadelte sie ihn, aber noch immer kicherte sie. Karim hatte sich wütend umgedreht, aber als er ihr Glucksen hörte, verlor er augenblicklich den wütenden Ausdruck.
Er schüttelte schnell den Kopf, wie ein nasser Hund und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie mit einem lautren Quietschen zurückwich. Wassertropfen spritzten umher und die meisten davon trafen sie. „Lass das“, rief sie lachend, und hob die Hände schützend vors Gesicht.
„Was ist hier los?“, erklang es vom Eingang her und augenblicklich erstarrten der Junge und die Frau. Dahbar war ein dunkler Schemen vor dem Zelteingang.
Die Frau drehte sich um und begann hektisch, die Badeutensilien aufzusammeln. Karim spürte, wie er überrot wurde und instinktiv hielt er seine Hände schützend vor sein Geschlecht. Dahbar sah beide noch einmal an, ging dann wieder hinaus und ließ das Leder am Eingang wieder zufallen.
Die Frau nahm das Joch, die Häute und Karims Kleiderhaufen, und reichte ihm dann mit der freien Hand eine saubere Burka. Er streifte sie über und sah, wie sie nach draußen deutete. Karim ging hinaus und sie folgte ihm dichtauf.
Dahbar wartete in seinem Zelt auf beide und unter seinem unbewegtem Blick traten sie ein. „Ist er nun sauber, Dahjira?“
Sie neigte den Kopf und murmelte: „Ja, Sajidi.“
„Dann lass ihn hinten schlafen.“
Die Frau namens Dahjira umfasste Karims Arm und führte ihn in den hinteren Teil des Zeltes. Der Junge wehrte sich zaghaft. „Aber ich kann doch nicht...!“
Dahjira legte nur ihren Finger auf den Schleier, an die Stelle, die ihren Mund verbarg und bedeutete ihm so zu schwiegen. Erst als sie hinter dem Vorhang verschwunden waren, wagte er wieder zu sprechen. Dennoch traute er sich nur zu flüstern: „Das ist der Frauenteil! Ich kann hier nicht bleiben!“ Scham und Moral waren ihm lange anerzogen worden - solche grundlegenden Dinge brachen immer wieder hervor.
Die Frau zog ihren Schleier herunter und er bemerkte jetzt die Grübchen in ihren Wangen. Und die Augen...sie wirkten vertraut. Wo hatte er diese dunklen Augen nur schon einmal gesehen?
„Du musst keine Angst haben, mein hübscher Junge“, sagte sie. „Er ist nicht mein Mann, sondern mein Bruder. Er hat keinen Harem.“
Karim ging ein Licht auf – dort hatte er diese Obsidiansteine bereits gesehen! Er war nur nicht gleich darauf gekommen, da der Blick in Dahbars Augen kalt und hart wirkte, in Dahjiras dagegen ständig ein Lachen zu funkeln schien.
„Dennoch...das ist nicht...“, murmelte er halbherzig, aber Dahjira überhörte es. Ob bewusst oder unbewusst, wusste er nicht zu sagen.
„Du schläfst hier, bei mir. Ich passe auf dich auf“, sagte sie fast kindlich und deutete auf einen Stapel Decken und Felle.
Karim ließ seine Bedenken fallen und gab auf. Er kuschelte sich auf dem kleinen Lager zusammen. Die Decken waren bequemer als der harte Boden auf den ihn seine Mutter früher hatte schlafen lassen.
Müdigkeit von dem langen Ritt, der Angst und nicht zuletzt dem Schwitzbad brach über den Jungen herein. Emotional und körperlich hatten ihn die Ereignisse ausgelaugt. Karim fragte sich noch, wie er überhaupt imstande gewesen war, alles zu überstehen, als er auch schon eingeschlafen war.
*******
In der Nacht schreckte Karim hoch. Mit rasendem Herzen saß er aufrecht auf dem Lager und starrte in die Dunkelheit. Wo war er? Wo war seine Mutter?
Der Gedanke an seine Mutter riss ihn in die Realität zurück und betreten sah er auf seinen eigenen Schoss. Mit einem heiseren Laut in der Kehle hob er seine Hand und barg das Gesicht darin, als würde sich alles umkehren lassen, wenn er nur nicht hinsah.
Sie hatten ihn fortgenommen. Ihn und all die anderen. Seine Mutter war schon Tage vorher verschwunden, ohne Nachricht oder etwas anderes. Die Dorfbewohner hatten vermutet, dass sie wohl einem Schakal oder einem Löwen zum Opfer gefallen sein musste. Karim hatte weiter auf sie gewartet, doch dann waren die Tu’rak gekommen –die Windreiter.
Sie waren bisher nicht schlecht zu ihm gewesen, hatten ihn weder geschlagen noch angekettet. Dennoch...
Karim schielte in Richtung des Vorhanges. Umsichtig, um kein Geräusch zu verursachen, streifte er die Decken ab und warf einen raschen Blick zur Seite. Unter einem weiteren Haufen dunkler Tücher musste Dahjira liegen. Er sah einige Strähnen weißen Haares hervorlugen und hörte sie lang atmen. Ein wenig bedauernd seufzte er und schlich sich dann hinaus.
Der Wind war kalt geworden, blähte seine Burka auf. Karim, der nichts weiter darunter trug, fröstelte. Die Wüste präsentierte sich ihm von ihrer schönsten Seite – der Mond war rund und voll. Sein Licht verlieh den fernen Dünen einen silbrigen Glanz, die sich sanft an den schwarzen Himmel schmiegten. Durch die klare Luft schienen die Sterne besonders nah und Karim glaubte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um einen der funkelnden Diamanten vom schwarzen Samt erhaschen zu können.
„Du würdest keinen Tag da draußen überleben.“
Karim schreckte hoch und drehte sich um. Dahbar stand hinter ihm und trug trotz der Kälte nur eine weite Leinenhose. Das Kopftuch hatte er abgelegt und zum ersten mal sah der Junge sein Gesicht.
Die Ähnlichkeit mit seiner Schwester war nun nicht mehr zu übersehen, aber das war es nicht, was Karims Atem rascher gehen ließ.
Dahbar hatte fein geschnittene Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, die seinem Gesicht Kontur und einen eleganten Schwung verliehen. Die Nase wies die gleiche, klare Linie auf, ebenso wie der Mund. Sacht geschwungen, mit vollen Lippen, wurde er durch den sorgsam zurechtgestutzten und geschnittenen Bart des Mannes eingerahmt.
Wie bei jedem Windreiter, war auch Dahbars Haut dunkel wie Bronze. Sie spannte sich über den Muskeln seines Oberkörpers, der das Ergebnis eines harten Lebens in der Wüste war.
Unwillkürlich schluckte Karim und wandte den Blick ab. „Ich wollte nicht fortlaufen, Sajidi.“
„Ich schätze keine Lügen, Karim. Bisher hast du keinen Anlass von uns bekommen, zu fliehen.“
Karim raffte die Burka enger um seinen Körper. „Keinen Grund?“ Ihr habt mich und die Anderen entführt und nur die Götter allein wissen, was ihr mit uns vorhabt!“
Er wagte nicht, seine Stimme zu erheben, doch die Bitterkeit darin war unüberhörbar.
Dahbar lächelte schmal und kam näher zu dem Jungen. Karim wollte es nicht, doch er konnte nicht umhin, die Geschmeidigkeit dieses Körpers zu bemerken.
Dahbar umfasste sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger und hob Karims Kopf an, damit dieser ihn ansah. „Du bist hübsch und scheinst nicht dumm zu sein. Dein Schicksal wird nicht unangenehm werden – du wirst mehr sehen, mehr lernen und besser leben, als du es in deinem Kaff jemals hättest tun können.“
Karim schwieg, konnte nur weiter in diese dunklen Augen starren, die ihn hypnotisierten, ihn festhielten.
Dahbar neigte den Kopf ein wenig und sein schwarzes Haar rutschte über die Schultern, streifte Karims Wange. Der Junge zitterte.
Der Daumen ließ das Kinn des Jungen los, strich über die Haut und wanderte hoch zu den jungen Lippen. Erstaunlich sanft strich er über den Mund und Karim öffnete ihn instinktiv, noch immer gebannt von Dahbars Blick.
Der Mann lachte leise und entließ Karim unerwartet aus seinem Griff. Der Junge blinzelte verwirrt.
„Geh zurück ins Bett und schlaf“, wies Dahbar ihn an. Er stand jetzt mit verschränkten Armen da und wandte Karim den Rücken zu. Der Tu’rak schien den Nachthimmel zu beobachten.
Karim atmete tief ein und ging ins Zelt zurück. Auf seinem Lager konnte er lange nicht schlafen – die Spitze seines Fingers strich wieder und wieder über seinen Mund.
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Diesmal war es Dahjira, die ihn weckte. „Beeil dich! Die Sonne wird bald aufgehen und dann müssen wir fort sein!“ Verschlafen rieb sich Karim über die Augen, während sie bereits wieder hinaus gelaufen war. Warum diese Eile?
Betont langsam setzte er sich auf und fand neben seinem Lager einen Stapel Kleider und ein kleines rundes Brot. Es war noch warm und er brach sich etwas davon ab. Es schmeckte warm, knusprig und Karim glaubte Anis darin zu erkennen.
Rasch brach er sich noch mehr ab und schob es sich in den Mund. Seit dem Morgen des vorranggegangenen Tages hatte er nichts mehr zu essen bekommen und er hätte alles verschlungen. Das Brot aber schmeckte ihm gut, köstlich, und er kaute mit vollen Backen. Noch während er so aß, ertönte plötzlich ein lautes Rufen und Karim saß im Freien.
Er schrie auf, ließ das Brot fallen, erhielt als Antwort aber nur Gelächter. „Ich sagte doch, du sollst dich beeilen!“, erklang Dahjiras Stimme, während sie und einige andere Frauen die Zeltplane zusammen aufwickelten. Nur noch das Gerüst und die Trennwände standen und mittendrin der verdatterte Junge.
Schnell griff er die Sachen, die sie ihm hingestellt hatte und unter dem Gelächter und den spottenden Rufen der Frauen, krabbelte er rasch hinter die Trennwand.
Zumindest vorerst vor ihren Blicken gerettet, beeilte er sich, die Leinenhose, und den Kaftan überzustreifen. Sein Gesicht war schon wieder tiefrot und verlegen. Das Gelächter hatte ihn getroffen und verunsichert. Er wollte gar nicht mehr zurück gehen, aber er war sich sicher, dass Dahjira ihn würde holen kommen, wenn er zu lange wegblieb. Außerdem ließen die Rufe, die den kalten Morgen durchdrangen, darauf schließen, dass sie sich bald an den Abbau der Zwischenwände machen würden. Dann hätte der Junge seine Deckung ohnehin verloren.
Seufzend knotete er die Schärpe um den Kaftan und trat dann um das Zelt herum. Dahjira wickelte noch immer mit den Frauen die Plane auf. Ähnliche Aktivitäten waren jetzt auch bei den anderen Behausungen des Lagers zu sehen. Überall waren Jungen, junge und alte Frauen dabei, die Zelte in ihre einzelnen Teile zu zerlegen und sie sorgsam einzupacken. Die Männer standen derweil bei den Kamelen und beluden sie. Säcke, Beutel, Decken, all das wurde auf den knienden Tieren festgezurrt, damit es während der weiteren Reise nicht herunter fiel. Jeder Handgriff wirkte sicher und geübt.
Karim hatte Gerüchte gehört, dass die Tu’rak durch die Wüste zogen und niemals an einem Ort, an zwei Tagen hintereinander zu finden waren. Sogar von Magie und Zauberei war dabei die Rede gewesen und der fahrende Händler, der den Kindern diese Geschichten erzählt hatte, hatte an dieser Stelle immer verschwörerisch die Augenbrauen gehoben und mit dem Finger gen Himmel gedeutet.
„Windreiter“, hatte er dabei ehrfürchtig geflüstert und alle Kinder hatten gebannt an seinen Lippen gehangen.
Karim spürte ein kleines, wehmütiges Lächeln auf seinen Lippen. Die Geschichte der Windreiter war nicht einmal halb so eindrucksvoll, wenn man sah, dass sie sich ebenso wie jeder andere Mensch auf ihr körperliches Können beschränken mussten.
Der Junge drehte den Kopf und entdeckte schließlich die Gestalt, die er in dem hektischen Aufbruchszenario bisher vermisst hatte. Dahbar trug wieder die ihn verhüllende Kleidung und beobachtete das Geschehen. Manchmal rief er einige Anweisungen, half hier und dort, wo eine helfende Hand gebraucht wurde.
Karim beobachtete ihn dabei aus der Entfernung. Die Bilder der letzten Nacht tauchten vor seinem inneren Auge wieder auf. Dahbars schmales Lächeln, sein Gesicht...und seine Berührung. Ohne, dass Karim es bemerkt hatte, hatte er seine eigenen Hand gehoben und damit seine Wange berührt. Seine Augen, so hell wie Bernstein, schlossen sich ein wenig.
„Karim! Hilf jetzt endlich!“, rief ihn Dahjiras Stimme und riss ihn aus seinen Träumerein. Er drehte sich rasch um und lief zu ihr, um mit ihr zusammen, die Leinenwände von den Holzpfosten zu nehmen.
*******
Karim hatte den Tag im Sattel eines Kamels verbracht. Die Tu’rak ritten in einer festgelegten Ordnung. Ein Teil der Männer und Krieger ritt an der Spitze. Ihnen folgten die jungen Männer, denen bisher noch die Gelegenheit gefehlt hatte, sich als Mann zu beweisen. Hinter ihnen ritten die Frauen und Alten mit den Kindern. An ihren Kamelen waren auch die Führzügel der Packkamele und – Esel befestigt. Die Tiere trotten mit gleichmütigem Gesicht nebenher.
Das Schlusslicht bildete die Gefangenen und einige Tu’rak, die sie bewachten.
Karims Position in der Karawane war nicht bei ihnen. Er war angewiesen worden, direkt hinter Dahbar zu reiten und zu beiden Seiten war er ebenfalls von Tu’rak eingekreist gewesen. Selbst wenn er hätte fliehen wollen, wäre es ihm unmöglich gewesen. Aber wollte er es denn noch? Letzte Nacht hatte er einen halbherzigen Versuch unternommen, aber Dahbar hatte recht. In der Wüste würde er, unvorbereitet und unerfahren wie er war, nicht lange überleben.
Und wo würde er hinwollen, selbst wenn er es schaffte? Das Dorf war leer, die Bauern, die sich gewehrt hatten waren tot, der Rest ritt angebunden weit hinten in der Karawane. Im Gegensatz zu ihnen hatte Karim es wahrlich besser – er konnte sich relativ frei bewegen und wurde behandelt, wie ein Mitglied unter den Tu’rak. Es ging ihm nicht schlechter, als es noch im Dorf der Fall gewesen war. Niemand behandelte ihn wie einen Sklaven.
Die Tu’rak ritten nicht stumm. Einer der Männer hatte mit lauter Stimme Lieder und Geschichten gesungen, von denen Karim einige nicht verstand, da sie in der Zunge der Tu’rak vorgebracht worden waren. Dennoch schienen sie den Reitern zu gefallen, denn oftmals lachten sie und stimmten in den Gesang mit ein.
Als es Mittag war, hatten sie eine kurze Rast eingelegt, um den Gefangenen, die nicht so sehr an die Hitze gewöhnt waren, wie sie, die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen. Unter schnell aufgespannten Planen hatten sie den kühleren Nachmittag abgewartet, wobei Dahjira ihn daran hinderte sich mit ihnen zu unterhalten. Sie hatte ihn einfach angewiesen mit den Frauen und Jungen unter einer Plane zu sitzen, bei den Windreitern.
Später, bei Einbruch der Dämmerung hatten sie eine weitere Oase erreicht. Diese hier war wesentlich größer , ein weites Gebiet, gesäumt mit grünen Büschen und Palmen. Karim sah sogar eine Stadt zwischen den Palmwedel durchscheinen. Gebäude, deren Rosenstein hervorragte und die in all der Üppigkeit wie das Gemälde in einem schönen Rahmen wirkten.
Die Tiere waren wieder unruhig geworden. Die Aussicht auf einen Lagerplatz, Futter und Wasser ließ sie tänzeln, aber Dahbar wies seine Leute an, stehen zu bleiben.
Er winkte einen der Tu’rak zu sich heran und sagte etwas zu ihm, woraufhin dieser zum Ende des Zuges ritt und einige Befehle brüllte. Die angebundenen Kamele mit den Gefangenen wurden weg geführt. Karim hatte sich auf seinem eigenen Kamel umgedreht und sah, wie sie zu zwischen den Palmen in der Oase verschwanden. Er hatte keinem einzigen von ihnen noch ein mal ins Gesicht sehen können.
Erst als sie vollkommen verschwunden waren, gab Dahbar das Zeichen um weiter zu reiten. Als sie die Stadt erreicht hatten, war es bereits dunkel geworden.
*******
Karim saß auf dem Balkon seines Zimmers und sah zum Mond hinauf. Heute Nacht war er rot, tiefrot und der Junge verspürte ein seltsames Gefühl, als er ihn betrachtete.
Das Zimmer musste er mit niemandem teilen und seine Augen waren groß geworden, als er hinein geführt wurde. Wie die meisten Gebäude, bestanden die Wände auch hier aus Rosenstein und gaben dem Raum eine warme Atmosphäre.
Das Zimmer, dessen Größe allein schon die Hütte seiner Eltern übertraf, wurde von Öllampen erleuchtet, die von der Decke hingen. Seiden – und Leinentücher wallten im Wind, der sich durch die offenen Fenster Zutritt verschaffte. Ein Bett stand an der Wand, rund und mit unzähligen Seidenkissen übersät, die in allen Farben glänzten. Alleine vom Ansehen, konnte Karim sich bereits vorstellen, wie es wäre, darin zu versinken.
Der Junge stand auf und riss seinen Blick von der Nacht los. Er war müde, gleichzeitig aber auch aufgewühlt. Unruhig trat er näher an den Balkon und legte seine Hände auf das steinerne Geländer. Es hatte noch die Hitze des Tages gespeichert und fühlte sich warm unter seinen Handflächen an. Karim schloss die Augen. Der Stein war glatt, warm, fast lebendig – und er trug den gleichen Schimmer, den auch Dahbars Haut ausgezeichnet hatte.
Karim fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen, ohne es zu merken. Seine Finger krümmten sich auf dem Geländer, als würden sie es streicheln, sein Blick aber war hinaus auf die Wüste gerichtet. Noch immer spürte er den heißen Atem den Tu’rak, der seine Haut koste, sah sich wieder gefangen in dem dunklen Blick, der ihn so mühelos bezwang.
Sein Magen zog sich zusammen, als Karim glaubte, wieder diese langen, schlanken Finger auf seiner Wange zu spüren. Sein Griff war sanft gewesen aber bestimmt. Die raue Handfläche, die seine junge Haut gereizt hatte...
Die Tür flog auf und Karim wurde unsanft aus seinen Träumen gerissen. Als er sich umdrehte, spürte er wieder Röte auf seinen Wangen brennen, und er fragte sich, ob das langsam zu einem Dauerzustand werden würde, dass er ständig wie eine Frau errötete.
Vor ihm stand Dahbar und zog das Tuch zur Seite, das sein Gesicht verdeckte. „Genießt du die Aussicht?“
Karim lächelte schüchtern. „Ich genieße alles hier, Sajidi“, gab er zu. Dahbar erwiderte es nicht. Er ging an Karim vorbei zum Balkon und winkte dem Jungen dann, ihm zu folgen. „Wie alt bist du?“, fragte er direkt.
„Fünfzehn, Sajidi.“ Er wagte nicht, direkt aufzublicken, denn er stand nah neben dem Tu’rak. Der Nachtwind brachte einen betörenden Hauch von Jasmin mit sich. Er vermischte sich mit dem Duft von Sandelholz und Karims Knie wurden weich, als er erkannte, dass es Dahbar war, der diesen Duft an sich trug.
Aber da war noch etwas anderes, herberes, dass Karim den Sinn verwirrte. Der Duft wurde präsenter, als Dahbar sich zu ihm wandte. Garangblüten, sagte Karim sich leise. Er wusste, dass man dieser Pflanze aphrodisierende Wirkung nachsagte. Karim schreckte in Gedanken zusammen. Warum war Dahbar hier?
„Kein Bartwuchs, kein Haar auf der Brust – du wirkst viel jünger“, antwortete dieser gerade und lenkte Karims Gedanken wieder zu ihrem Gespräch.
Die Röte auf den Wangen des Jungen intensivierte sich. Er sah zur Seite. „Das...das liegt am Erbe meiner Mutter. Sie war...ist eine sehr zarte Frau und man sagte mir immer wieder, dass ich wie sie aussehen würde.“
Dahbar warf einen abschätzenden Blick auf Karim. „Ein Mann, der das Erbe einer Frau trägt? Wo ist dein Vater?“
„Er verschwand nach meiner Geburt. Ich kannte ihn nicht.“
Der Tu’rak sah nicht weg, musterte Karims Gesichtszüge sehr genau. „Dann hast du deine hellen Augen und dein Haar nicht ihm zu verdanken?“
Karims strich sich das erwähnte Haar aus der Stirn, dass er mit einem Lederband gebändigt hatte. Man hatte ihn schon oft auf sein seltsames Äußeres angesprochen und auch oft genug gehänselt. Bernsteinfarbene Augen, langes Haar von der Farbe dunklen Honigs.
Zwischen den schwarz - und braunhaarigen Jungen seines Dorfes war er immer ein Außenseiter gewesen, ebenso wie seine Mutter.
Sie war eine Fremde gewesen, die sein Vater mitgebracht hatte. Ihre Haut war vollkommen weiß, das Haar rote Glut und die Augen flüssiges Gold. Für Karim war sie immer ein sanftes, schönes Wesen gewesen, ein Engel, wie die, aus ihren Geschichten, die sie ihm vor dem einschlafen erzählt hatte. Für die Dorfbewohner war sie jedoch immer eine Fremde geblieben. Man hatte beide mit Unbehagen angesehen, was zur Folge hatte, dass weder Karim, noch seine Mutter viel mit der übrigen Gemeinschaft zu tun hatte.
„Antworte mir, Junge, wenn ich dir eine Frage stelle“. Dahbars Stimme klang streng. Karim sah erschrocken auf. „Äh...nein Sajidi. Meine Muter...“
Der Tu’rak hob seine Hand und brachte Karim damit zum schweigen, bevor er sich weiter stammelnd entschuldigen konnte. Karim nickte und verschränkte seine Hände vor dem Bauch. Der Junge keuchte überrascht auf, als Dahbars Hand sich plötzlich auf seine Hüfte legte. „Sajidi...?“
Dahbar beugte sich ein wenig tiefer zu Karim herunter und strich über das weich fallende Rund der Hüfte, weiter nach hinten. Der Duft nach Sandelholz und Garang nahm nun vollständig Karims Welt ein und der Junge schloss die Augen bis zu einem Spaltbreit.
Dahbars Hand drückte leicht zu, als sie Karims Kehrseite erreicht hatte. „Nicht...was tut ihr?“, flüsterte Karim ungläubig.
„Du hast noch niemals jemanden berührt“, sagte Dahbar nur. Es war eine Feststellung, keine Frage. Seine Finger gruben sich tiefer in das weiche Fleisch. Das entrang Karim ein gehauchtes Seufzen und er schloss seine Augen vollständig.
Der Tu’rak streichelte Karims Wange mit seinem Atem. „Nein“, murmelte der Junge. Er schlug die Augen wieder auf und sah direkt in den schwarzen Obsidianblick Dahbars. Zum ersten mal wirkte er amüsiert.
„Das ist gut – das macht dich wertvoller.“
Er drückte noch einmal zu, ließ Karim dann aber los. „Morgen wird sich entscheiden, was mit dir geschieht.“
Karims bernsteinfarbenen Augen waren dunkel vor Lust und er sah Dahbar mit einer Mischung aus Flehen, Verwirrung und Wut an. Warum tust du das?, wollte er schreien. Warum quälst du mich so? Seine Lippen aber blieben stumm.
Dahbars Blick hingegen war keineswegs kalt, oder abschätzend, wie noch zuvor. Kurz glomm Wärme darin auf. Das verwirrte Karim mehr als es Dahbars Taten getan hatten.
Noch einmal hob Dahbar seine Hand und strich über Karims Wange, legte eine der widerspenstigen Strähnen des Jungen hinter dessen Ohr. „Du solltest dich ausruhen, Karim“, sagte er und Karim spürte Gänsehaut. Zum ersten mal sprach der Tu’rak seinen Namen aus – es erschien ihm sehr intim, brachte eine besondere Seite in ihm zum klingen
So nickte der Junge nur. Dahbar warf ihm noch einen letzten Blick zu und einen Augenblick lang schien es, als würde er Karim wieder berühren. Abrupt drehte er sich dann jedoch um und ging hinaus. Karim stand noch lange so, bis er schließlich Dahbars Rat nachkam und zu Bett ging.
An Schlaf war jedoch noch lange nicht zu denken. Zu viele Dinge schwirrten noch in Karims Kopf herum und ließen den Jungen in dem breiten Bett unruhig hin und her rollen.
Ihm wurde das riesige Zimmer zu klein – er musste raus. Man hatte ihm erlaubt, sich frei im Palast zu bewegen. Die Grenze seiner Freiheit wurde durch die Wachen vor dem Tor begrenzt. Er wusste das. Aber im Augenblick stand ihm nur der Sinn, nach Flucht aus diesem Zimmer.
Er stand auf und zog sich die weite Leinenhose und ein offenes Hemd an, bevor er vorsichtig die Tür öffnete.
Von Fackeln erhellte Gänge empfingen ihn. Der rosenfarbene Stein des Bodens fühlte sich angenehm kühl unter seinen nackten Fußsohlen an. Er machte einige Schritte und kam an diversen hölzernen Türen vorbei, als er plötzlich eine vertraute Stimme hörte.
Karim schlich sich quer über den Flur, zu der Tür, die einen spaltbreit offen stand und aus deren Spalt goldenes Licht sickerte.
Er schmiegte sich an die Wand und lugte vorsichtig in das Zimmer hinein; er konnte seine Neugier nicht zügeln. Er sah ein Zimmer, ähnlich dem seinen, doch wesentlich größer eingerichtet. Der vorherrschende Ton war hier tiefstes Ocker, eine erdige, dunkle Farbe. Das Licht der Kerzen und Öllampen malte Muster auf die Wände, die Möbel und die Gestalt, die dort nahe des Balkons saß. Karim hätte blind sein müssen, um Dahbar nicht zu erkennen. Er war aber nicht allein.
Der Mann, der zu Dahbar Zimmer gekommen war, zog gerade sein Gesichtstuch beiseite und offenbarte damit ein altes Gesicht. Tiefe Furchen schnitten durch die Haut, die wie Leder wirkte und seine Nase erinnerte an den Schnabel eines Falken.
„Die Ausbeute war gut, Sajidi. Deine Instinkte sind verlässlich und bringen Reichtum“, pries der Alte Dahbar, während dieser lächelnd an seinem Scherbet nippte.
„Wie könnte sich diese bescheidenen Kunst mit deinem Wissen messen?“, antwortete er. Der Alte lachte meckernd. „Versuch den Fuchs nicht mit Honig zu locken“, kicherte er und nahm sich selbst einen der Tonkrüge.
Karim wich tiefer in die Schatten zurück, aus Angst entdeckt zu werden. Der Tisch, den der Alte ansteuerte, stand gefährlich nah bei der Tür. Aber gehen konnte Karim noch nicht – er würde hier Antworten bekommen, antworten über das was geschah und das was mit ihm geschehen würde.
Vorsichtig, um nichts zu verschütten, goss sich der Alte etwas von der kalten Flüssigkeit ein. Der Wind hatte in der Nacht mittlerweile abgeflaut und nur ab und an strich eine Böe an den Bahnen aus Stoff, die vor den Fenstern hingen, entlang.
Dahbar stellte sein eigenes Glas auf einen der Alabastertische und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über den gestutzten Bart. Einige Tropfen Scherbett blieben zwischen den kurzen schwarzen Haaren hängen. Sie glitzerten im Kerzenlicht.
Die dunklen Augen darüber bargen ebenfalls ein Funkeln. „Verzeih’ diesen stümperhaften Versuch, mein Freund“, lächelte er und die schmalen Lippen deuteten an, dass es ihm ganz und gar nicht leid tat.
Der Gesichtsausdruck des Alten wies ein ähnliches Lächeln auf. „Sajidi, du solltest einen alten Mann nicht so zum Narren halten. Ich versuche nur, mein bescheidenes Auskommen zu finden, wie du auch...“
„Du verdienst genug an dem, was wir dir bringen Mohak, also lamentiere nicht, wie ein altes Weib!“, lachte Dahbar. „Und du weißt genauso gut, wie ich, dass die Beute aus den Randgebieten gut ist. Es sind einige wahre Perlen dabei.“
Mohak schmatze abfällig, trank mehr Scherbet und deutete dann mit der Hand zum Zelt hinaus. „Solche Perlen nun auch wieder nicht – viele sind zu alt und verbraucht. Man kann ihnen das Tal’hat nicht einsetzen und sie sind zu störrisch um noch gute Handlanger abzugeben.“
„Sie sind Bauern und haben von klein auf gelernt, zu arbeiten. Hart zu arbeiten! Du wirst sie in Arakash gut loswerden, denn die Sklaven dort sind alle verweichlicht.“
Dahbar ballte die Hand zur Faust und sein Lächeln gewann eine grausame Note, als er fortfuhr: „Für das Tal’hat ist gesorgt. Ich habe einen Jungen gefunden, der wie geschaffen dafür ist. Er ist jung, kräftig und von angenehmen Aussehen. Das Tal’hat wird sich ihm gegenüber wohlwollend zeigen.“
Karims Augen waren weit aufgerissen. Er wagte es nicht einmal, zu atmen, aus Angst, der Laut würde ich verraten. Doch das Gespräch, dass in dem Zimmer abgehalten wollte, ließ keinen Zweifel über sein Schicksal zu – er würde ein Shushat werden. Ein Unfreier.
Karim drehte sich um und rannte los.
Er rannte weiter, ohne auf seine Umgebung zu achten. Tränen nahmen ihm ohnehin die Sicht, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis er irgendwo gegen lief. Die Wucht des Zusammenpralls hätte ihn umgeworfen, wenn nicht ein erstaunlich kräftiger, schlanker Arm ihn aufgefangen hätte.
„Vorsichtig, Kleiner! Sonst zertrümmerst du dir noch dein hübsches Gesicht!“
Karim, noch immer überrascht über das abrupte Ende seines Laufes, sah hoch zu demjenigen, der ihn da im Arm hielt. Zwei blaue lachende Augen sahen auf ihn herab. Mehr als die ungewöhnliche Augenfarbe irritierten den Jungen aber das goldenen Haar des Anderen und die seltsame Zeichnung im Gesicht. Sie bedeckte dessen linke Wange fast vollständig. Es sah aus, wie die stilisierte Form einer Blüte und es schien, als wäre da eine Art Leuchten um den Fremden, etwas, dass ihn strahlen ließ. Es fühlte sich an wie warmes Wasser oder lauer Wind am Abend.
„Oh, du hast dich wohl doch bei deinem irren Lauf verletzt, was? Deine Zunge gleich verschluckt?“
Karim schüttelte den Kopf und merkte, dass der Andere ihn immer noch im Arm und halb an sich gedrückt hielt. Beschämt machte er sich los und trat einen Schritt zurück. „Danke“, stammelte er.
Der Blonde grinste und zeigte damit makellose Zähne. „Wunderbar! Ich kann meine Sorgen also begraben!“
Mit dem kehligen rauen Akzent in der Sprache, klangen diese Worte spottend aber auch voller Freude und Lachen. Karim spürte, wie seine Mundwinkel sich nach oben verzogen. Der Blonde klatschte in die Hände als Zustimmung. „Sehr gut. Und jetzt verrat mir, warum du nachts durch die Gänge rennst, als wären alle Leoparden der Kush’tar hinter dir her?“
Karim schüttelte nur den Kopf. Er konnte doch keinem Fremden erzählen, warum er weglief!
Der Blonde legte abermals seinen Arm um Karims Schulter und führte ihn in den Gang zurück. Obwohl er schlank und hochgewachsen war, war er nicht schmächtig. Karim spürte deutlich, dass, wenn er versuchen würde, sich loszumachen, der Andere ihn mühelos hätte wegtragen können.
„Ein wenig Tee wird deine Zunge lockerer machen – und vielleicht den Kaninchen Blick aus deinen Augen vertreiben!“, grinste der Andere und blieb nach wenigen Schritten vor einer der Türen stehen. Karim folgte dem Blonden in das Zimmer hinein – es war ähnlich eingerichtet wie sein eigenes, doch hier beherrschten blaue Töne das Umfeld, anstelle der roten in seinem Zimmer. Sein Gastgeber drehte sich zu ihm um und Karim sah einen Funken Stolz und Erwartung in der Miene des Blonden. „Du hast es selbst eingerichtet?“, fragte er aus einer Ahnung heraus und der Andere nickte. „Gefällt es dir?“
Nun nickte Karim, zum einen um zuzustimmen, zum anderen, um seinen Eindruck zu bestätigen. Der Blonde hatte Geschmack und ein gutes Gespür für schöne Dinge. Alles in diesem Raum war darauf ausgelegt, das goldenen Haar und die saphirenen Augen des Jungen zu betonen und hervorzuheben. Wie das seltene Schmuckstück in einer samtenen Schatulle saß er jetzt auch da, in der Mitte des Raumes auf dem Bett. Karim rieb sich etwas verlegen über den Arm.
„Verzeih meine Manieren – setzt dich doch, ich hole dir den Tee!“, sagte der Blonde, als er ihn so dastehen sah und sprang selbst wieder auf.
Mit einem ergeben Seufzen ließ Karim sich auf einen Stuhl nieder doch der andere schüttelte den Kopf und zeigte aufs Bett.
Am äußersten Rand sitzend, beobachtete er, wie der Andere aus einer Kanne, gekühlten Tee in zwei Bronzebecher goss und das Ganze mit einem Teller voller Süßigkeiten auf einem Tablett arrangierte.
Er nahm den Becher entgegen und balancierte ihn auf seinem Knie, als das Bett unter dem Gewicht des Blonden wackelte, der sich dazu setzte.
„Trink, er wird dir gut tun. Und dann will ich hören, was dich so erschreckt hat.“ Er hielt einen der Becher vor Karims Nase. „Und falls es dir danach besser geht: mein Name ist Sabés.“
Karim nahm einen Schluck Tee. Er schmeckte nach Honig und Zimt und der Junge leckte sich über die Lippen. Sein Gastgeber lächelte als er das sah und strich Karim einen winzigen Tropfen aus dem Mundwinkel. Unwillkürlich setzte der Junge sich aufrechter hin, was den Blonden zum Lachen reizte. Er sagte aber nichts weiter dazu, sondern fragte ein weiteres mal nach dem Grund für Karims Aufregung. Der Junge umklammerte den Becher und starrte in die grüne Flüssigkeit darin.
„Ich weiß nicht“, begann er mit leiser Stimme. „Ich hatte Angst.“
Sabés hatte seinen Becher noch nicht angerührt, stattdessen griff er nach einer gezuckerten Feige und knabberte daran. „Du bist mit den Tu’rak gekommen, nicht wahr? Wenn sie dich alleine hier wohnen lassen, bist du entweder ein Sklave, oder sehr wertvoll für ihre Zwecke.“
Karim kniff kurz die Augen zusammen und öffnete sie dann wieder. „Sie wollen mich zu einem Shushat machen!“, platzte es schließlich aus ihm heraus und er starrte Sabés mit ängstlichem Blick an. Der musterte sein Gesicht sehr genau, strich einige Haarsträhnen aus der Stirn und sagte schließlich: „Nein, für einen einfachen Sklaven bist du zu hübsch. Und du siehst nicht aus, als ob du arbeiten könntest – zumindest nicht schwer. Die Tu’rak und vor allem Dahbar sind nicht dumm. Als Shushat würden sie nicht viel für dich bekommen.“
Karim strich sich über die Schläfe. „Ich habe Dahbar heute Nacht zugehört. Er sprach davon mich das...das Tal’hat...“
„Ah!“, unterbrach ihn Sabés. „Das erklärt es! Ich ahnte so etwas bereits!“
Karim war bei diesem freudigen Ausruf zurückgeschreckt. „Was...was ist das denn? Ein Tal’hat?“
Sabes lächelte strahlend und plusterte sich ein wenig auf. „Ich bin ein Tal’hat“, sagte er und fasste nach Karims Hand. Er führte sie an seine Wange und ließ den Jungen die Konturen und die Beschaffenheit dessen ertasten, was Karim bisher für eine Zeichnung oder Tätowierung gehalten hatte. Tatsächlich spürte er aber kleine Erhebungen unter der Haut, dort, wo die Linien dieser stilisierten Blüte über die Haut glitten. „Was ist das?“, hauchte er erstaunt darüber.
Sabés ließ Karims Hand los. „Das ist das, was einen Tal’hat ausmacht. Die Blüte.“
„Ich verstehe nicht...“
Sabés lehnte sich etwas zurück, griff nach einem Kissen und drapierte es so, dass er und Karim eine bequeme Stütze für den Rücken hatten. „Du siehst ja, dass ich nicht aussehe, wie die anderen hier.“
Karim nickte; endlich schien etwas Licht auf sein weiteres Schicksal zu fallen und außerdem mochte er Sabés – er war freundlich und schien sich ganz uneigennützig für Karim zu interessieren.
„Ich wurde, ebenso wie du wahrscheinlich, früh als Sklave gefangen“, fuhr dieser derweil fort, „und direkt hierher gebracht. Mohak entschied, dass ich zu einem Tal’hat werden sollte und er ließ mir den Samen einpflanzen.“ Sabés neigte den Kopf, so dass Karims Blick unweigerlich auf die Wange mit der Blüte fallen musste. Karim biss sich auf die Unterlippe. „Tat es weh?“
„Es ist ein kurzer Schnitt in die Wange. Da hinein wird das Samenkorn gelegt und die Wunde wird verbunden. Einen Tag später keimt das Korn und breitet seine Wurzeln aus. Die Blüte öffnet sich unter der Haut und ihre Kraft verändert dich.“
Karim berührte Sabés Arm und nickte. Der Glanz, das musste dieses Besondere sein. Es verlieh dem ohnehin schönen Gesichts Sabés’ etwas unwirkliches.
Karims Finger blieb weiterhin auf dem Arm ruhen, drückte dessen Hand leicht. Durch das gleiche Schicksal, dass sie bald teilen würden, wurde der Junge vertrauensvoller. Und er fühlte sich leicht benommen...was war in dem Tee gewesen? Karim konnte den Gedanken nicht weiterverfolgen, denn Sabés sprach weiter. „Ein Tal’hat muss schön sein – die Blüte kann dir nichts geben, was du nicht schon hast. Aber sie verstärkt deine Vorzüge, verleiht dir etwas unverwechselbares.“
Immer noch ein wenig benommen, lehnte Karim den Kopf gegen das Kissen. „Dann muss es wundervoll sein, eine solche Blüte zu tragen. Warum hat sie nicht jeder?“, fragte er naiv
Sabés blaue Augen wurden dunkler, als würde Sturm in ihnen toben. „Ein Tal’hat ist nicht frei. Die Blüte gehört zu einem Samenkorn. Das Samenkorn gehört zu einer Pflanze. Was auch immer mit dieser Pflanze geschieht, geschieht auch mit dem, der die Blüte trägt.“
„Was?“
Der blonde Sklave wandte sich Karim zu und lehnte seinen Kopf neben den des Jungen gegen das weiche Kissen. „Mohak besitzt die Pflanze, von der meine Blüte stammt“, sagte er mit flüsternder Stimme. „Ich gehöre ihm und habe ihm zu gehorchen. Mein Leben und mein Körper liegen in seinen Händen.“
Karim schwankte zwischen Mitleid und Angst. Wenn er ein Tal’hat werden würde, würde auch er vollkommen in der Hand eines anderen Menschen sein. Nur welcher Mensch würde das sein? Dahbar wollte ihn verkaufen – das hatte er zumindest gesagt. Was sollte er nur tun?
„Nichts –akzeptiere dein Schicksal.“
Karim merkte, dass er den letzten Satz, laut ausgesprochen hatte und dass Sabés ihm nur geantwortet hatte. Der blonde Tal’hat legte seine freie Hand auf Karims, die noch immer seinen Arm umfasst hielt. In den blauen Augen war der Sturm wieder gegangen und sie waren freundlich und sanft. „Tal’hat sind teuer und sehr kostbar. Er wird selten schlecht behandelt, also mach dir keine Sorgen. Außerdem ist Dahbar kein grausamer Mann.“
Karims Kopf wurde schwer, ebenso wie seine Augenlider. „Du scheinst ihn gut zu kennen“, murmelte er.
Alkohol, das musste im Tee gewesen sein. Karim wurde schläfrig. Er spürte, wie Sabés seinen Kopf zu sich zog und an seine Schulter bettete. Warmer Atem strich über den Scheitel des Jungen, als dieser einschlief, aber eine Antwort blieb der Tal’hat ihm schuldig.
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Sabés erwies sich das Beste, was Karim hätte passieren können. Der Tal’hat kümmerte sich in den nächsten Tagen um Karim, zeigte ihm die kleine Oasenstadt und erklärte ihm, worin seine Aufgaben liegen würden, wenn er ein Tal’hat sein würde. Dazu gehörte schreiben und lesen, Gesang und die Kunst der angenehmen Gesellschaft.
Für den Jungen, der bisher immer ein Außenseiter gewesen war, wurde Sabés zu einem echten Freund und er fühlte sich trotz aller Umstände glücklich, wenn er bei ihm war.
Karim hatte sein Zimmer immer noch, doch meist verbrachte er die Nacht in Sabés Armen. Der Tal’hat berührte ihn niemals in einer Weise, die Karim nicht gewollt hätte und dieser war ihm dankbar dafür. Denn manchmal, Nachts, träumte er von Dahbar und den Abend auf dem Balkon.
Doch Karim traf weder Dahbar noch Dahjira. Nach Ablauf einer Woche kam Sabés in Karims Zimmer, als dieser sich an einigen Schriftzeichen versuchte. Eine endlose Reihe schön geschwungener Zeichen wand sich über das Stück Papier. „Es geht wie von selbst!“, strahlte Karim, als er seinen Freund sah und deutete auf den Schreibtisch. Sabés lächelte und besah sich Karims Arbeit. „Du lernst sehr schnell und scheinst ein Talent fürs schreiben zu haben. Sehr gut!“
Karim strahlte, doch er wurde ernster, als er sah, dass Sabés Lächeln seine Augen nicht erreichte. „Was ist los?“, fragte er, doch wusste Karim bereits, was es bedeutete. Sabés rieb sich mit der Hand über Wange, die keine Blüte trug. „Sie werden heute Abend kommen. Es ist soweit.“
Karim merkte erst, dass er zitterte, als er den Federkiel in seiner Hand ansah. Sabés sah es ebenfalls und war sofort bei ihm, um beruhigend seine Arme um Karim zu legen.
„Es wird schnell gehen“, sagte er. „Und du wirst danach einige Dinge anders sehen und sie werden dir leichter fallen. Das Laute spielen zum Beispiel.“ Trotz seiner Angst, huschte ein leises Lächeln über Karims Lippen. Laute spielen war eine der Aufgaben, die ihm große Schwierigkeiten bereitete. Sabés drückte einen Kuss auf Karims Stirn. „Siehst du, Lächeln ist gut. Ich werde ja bei dir sein und...“
Lärm von draußen unterbrach den Tal’hat. Beide Jungen liefen zum Fenster und sahen hinaus. Eine eintreffende Karawane war die Ursache für den Tumult.
Der Hof des Hauses war zu klein für die Anzahl der Kamele und die Tiere blökten und jammerten, während sie unruhig hin und hertraten. Ihre Reiter versuchten sie wieder hinaus zu führen, während andere versuchten, weiter in den Hof hinein zu kommen das Ergebnis war ein heilloses Durcheinander.
„Was ist denn da los?“, fragte Karim Sabés. Der Tal’hat grinste. „Mir scheint, da hat jemand ein bisschen übertrieben mit dem angeben“, kicherte er und beugte sich weiter vor, um mehr sehen zu können. „Das ist die Karawane von Alralef, Dahjiras zukünftigem Ehemann. Er wollte wohl Eindruck schinden mit seiner Menge an Gefolgsleuten aber da hat er sich verschätzt!“
„Dahjira soll heiraten?!“, entfuhr es Karim. Er besah sich die verschleierten Männer da draußen und überlegte, welcher von ihnen wohl Alralef war. Er mochte Dahjira und hatte es bedauert, dass er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.
Sabés trat wieder vom Fenster zurück und ging zum Schreibtisch. „Natürlich – nach dem Tod ihres Mannes, muss sie wieder neu verheiratet werden. Das ist der Grund, warum die Tu’rak hierher gekommen sind. Der Vertrag ist bereits ausgehandelt, es fehlt nur noch die Zeremonie des Versprechens.“
Das Wort Zeremonie erinnerte Karim wieder daran, was heute mit ihm passieren würde. Das musste sich auch auf seinem Gesicht gespiegelt haben, denn Sabés fasste seine Hand und strich mit dem Daumen über den Handrücken. „Ich sagte es dir bereits – ich werde bei dir sein.“ Karim nickte schwach.
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Als es Nacht geworden war, öffnete sich die Tür zu Karims Zimmer. Zu seiner Überraschung stand jedoch nicht Sabés dort, sondern Dahjira. Sie wirkte vergnügt, soweit er es beurteilen konnte, denn die Tu’rak war stärker verschleiert, als noch in der Wüste. Er erkannte sie nur an einer Strähne weißen Haares, die sich unter dem Schleier hervorgestohlen hatte.
Sie kam zu ihm und umarmte ihn, was Karim erst noch schüchtern, aber froh darüber sie wiederzusehen, erwiderte.
„Ist es dir gutgegangen, mein hübscher Junge?“, fragte sie anschließend und strich ihm über die Wangen. Karim nickte. „Sie sind alle sehr freundlich hier. Aber...aber Dahjira, sie haben mir gesagt, du wirst heiraten!“
Die Frau nickte und ihre Augen funkelten. “Dahbar hat einen Mann für mich gefunden. Alralef ist der Führer der östlichen Stämme und ich bin froh, endlich wieder einen Mann zu haben.“ Karim strich sich eine Locke hinter sein Ohr. „Ja, das ist...gut.“
Dahjira hakte sich bei ihm ein und kicherte. „Ja, wir werden alle glücklich dort werden. Du und ich und Alralef!“
„Ich?“
„Natürlich – du wirst mein Hochzeitsgeschenk von Dahbar werden!“
Sie lachte und machte einige tänzelnden Schritte in Richtung Tür. „Es wird wundervoll.“
Karim hatte das Gefühl, dass jemand den Stein auf seinem Herzen in zwei Teile gespalten hatte und eines der Teile war auf wundersame Weise verschwunden.
„Ich werde bei dir bleiben?“, hakte er nach und sah Dahjira nicken.
Sie umfasste seinen Oberarm und drängte ihn sanft in Richtung Tür. „Aber wir müssen uns nun beeilen – sie warten bereits auf dich.“
Dahjira führte ihn durch die bekannten Gänge des Hauses, hinaus, in den Innenhof. Ein Brunnen stand inmitten von sorgsam gepflegten Beeten mit Jasminbüschen und Garagpflanzen. Hinter dem Brunnen hatten sich bereits Mohak, Dahbar und Sabés aufgestellt und erwarteten die beiden Neuankömmlinge.
Vor dem Brunnen blieb Dahjira stehen und drängte Karim, allein weiterzugehen. Sie durfte nicht näher kommen. Unsicher ging Karim also allein weiter. Mohak sah ihn gar nicht an, nur Dahbar und Sabés taten es., der Tu’rak zeigte allerdings keine Regung. Nur Sabés lächelte aufmunternd.
Vor dem Tal’hat blieb der Junge stehen und verschränkte nervös die Hände. Aus irgendeinem Grund hatte er mit mehr Leute gerechnet, aber dies hier wirkte unspektakulär. Er sah nur die drei Männer und einen kleinen Tisch neben einer Liege. Auf dem Tisch...
Karim schluckte, als er diverse Werkzeuge auf dem Tischchen liegen sah. Auch eine kleine Schale mit Wasser stand dort, in der eine große rote Blüte lag. Ihre Wurzeln ragten in das Wasser und sie schien sich leicht im Wind zu bewegen.
Der Junge spürte einen Arm um seine Schultern und blickte in Sabés blaue Augen. „Setz dich auf die Liege, schließe die Augen und halte still. Es wird schnell vorbei sein“, flüsterte sein Freund. Karim konnte sein Zittern nicht verstecken, aber er vertraute dem Tal’hat. So setzte er sich auf die Liege und ließ sich zurücksinken bis er ausgestreckt auf dem samtbezogenen Möbelstück lag.
Mohak trat an den Tisch heran und berührte die Blüte, die merklich bebte. Er nahm etwas daraus hervor und legte es in Sabés Handfläche. Das Samenkorn schien aus Gold gegossen zu sein und fing das Licht der Fackeln ein. Karim gab ein angespanntes Keuchen von sich, angesichts dieses Anblicks.
Der alte Mann beugte sich über Karim, der die Augen noch immer offen hatte, fasste dessen Kinn und drehte den Kopf des Jungen zur Seite. Karims linke Wange lag so offen und Mohak strich nur noch vereinzelte Haarsträhnen aus Karims Gesicht.
Er streckte die andere Hand aus und sofort brachte Sabés ihm eine dünne hauchzarte Klinge. Karims Augen konnten sich nicht von dem Schneidewerkzeug abwenden. Es senkte sich herab – Karim konnte deutlich den Bogen sehen, den es dabei beschrieb. Das Licht der Fackeln leuchtete die Szenerie bis ins kleinste Detail aus. Die Klinge verschwand aus seinem Blickfeld aber nur einen Augenblick später spürte er den Schmerz. Die Klinge war sehr scharf und glitt durch die junge Haut ohne jegliche Mühe. Karim biss die Zähne zusammen, mehr noch, als warmes Blut über sein Gesicht rann. Doch er blieb stumm; sein Kiefer zuckte unter der Anspannung.
Der klaffende Schnitt wurde auseinandergezogen und Karim konnte fühlen, wie Mohak das Korn hineinlegte. Er spürte ein Würgen in seiner Kehle, das aber schnell verschwand, als Mohak ihn losließ. Ein Tuch wurde auf seine Wange gepresst und er hörte Sabés Flüstern, das ihn anwies, sich aufzusetzen und das Tuch auf die Wunde gepresst zu halten.
Ein wenig zittrig tat Karim das und sah Mohak, der in einer feierlich wirkenden Geste die Schale vom Tisch nahm und sie Dahbar reichte. Der Tu’rak nahm die Tal’hat Blüte entgegen und sah erst sie und dann Karim an. Schließlich drehte er sich um und verließ den Innenhof. Dahjira machte Anstalten, zu Karim zu gehen, doch Dahbars Stimme hielt sie zurück. So begnügte sie sich mit einem kurzen Winken und folgte ihrem Bruder dann.
„Kümmere dich um ihn. Und achte darauf, dass das Fieber nicht zu sehr ansteigt, sonst stirbt er uns noch unter den Händen weg.“
Sabés nickte gehorsam angesichts Mohaks Befehl und half Karim auf. Erst als sie außer Hörweite waren, fragte Karim: “Ich kann sterben am Tal’hat?“
Sein blonder Freund seufzte leise. „Es ist wie bei jedem Fieber – wenn es zu hoch steigt, kannst du sterben. Das liegt daran, dass dein Körper die Blüte noch nicht kennt. Er wehrt sich, wenn sie keimt, aber das wird bald verflogen sein. In der Regel dauert es eine Nacht – also ist es besser, wenn du alles verschläfst und ich sorge für dich“, schloss er lächelnd.
Das Fieber setzte bald ein, kaum, dass Karim eingeschlafen war. Er war halb besinnungslos und Sabés hatte alle Hände voll zu tun, um ihm die Stirn und den Körper mit kaltem Wasser zu benetzten, ihm kalte Flüssigkeit einzuflössen und seine verschwitzten Hemden zu wechseln.
In seinen Fieberträumen, während das Tal’hat seine Klauen in ihn schlug und ihn zum Sklaven machte, sah Karim vertraute und neue Gesichter vorbeiziehen – seine Mutter, Dahjira, Sabés und Dahbar. Immer wieder Dahbar.
Erst als der Mond endlich untergegangen war, glitt Karim in einen heilsamen Schlaf in dem ihn keine Träume heimsuchten.
*******
Als Karim erwachte, fühlte er sich nicht anders als sonst. Prüfend zog er das Laken beiseite, mit dem Sabés ihn zugedeckt hatte und betrachtete seinen Körper. Nein, nicht hatte sich verändert, außer...
Er sprang auf und lief zum Spiegel, der an der anderen Seite des Zimmers aufgestellt war. Karim drehte den Kopf so, dass sich seine linke Wange spiegelte und seine Fingerspitzen tasteten über das neue Mal, das sich dort zeigte. Es war noch nicht so groß wie bei Sabés und zeigte auch noch keine Blüte; eher eine Knospe. Karim wusste, von den Erzählungen seines Freundes her, dass es normal war. Eine Tal’hat Blüte wuchs gemeinsam mit ihrem Träger. Je älter der Träger, desto größer war die Blüte.
Sabés, der auf einer Liege neben dem Bett übernachtet hatte, sah Karim, der sich selbst im Spiegel betrachtete. „Na, Hübscher?“, grinste er.
„Ich sehe überhaupt nicht anders aus“, antwortete Karim erstaunt. „Bis auf die Blüte.“
„Es wird sich noch früh genug zeigen. Noch ist sie ja nicht erblüht.“
„Ich dachte...ich würde jetzt ganz anders aussehen.“
Sabés stand auf und trat hinter Karim. Sacht hielt er das hellbraune Haars aus Karims Gesicht und sah dem Spiegelbild des Jungen in die Augen. „Das klingt fast, als würdest du dich freuen, dass Tal’hat durchlebt zu haben.“
Karims seufzte. „Wenn ich ehrlich zu dir sein kann... Ich war noch nie so glücklich wie hier. Es geht mir gut, auch wenn ich jetzt ein Sklave bin. Ich mag auch Dahjira sehr gerne und freue mich, weiter mit ihr zusammenbleiben zu können aber... aber nach dem, was du mir über das Tal’hat erzählt hast – ich hatte gehofft...“ Karim wurde leiser, stockte, doch Sabés Kichern drängte ihn, weiterzusprechen.
„Ja?“
„Ich dachte, ich würde jetzt auch so schön sein wie du“, wisperte Karim leise und zuckte zusammen, als sein Freund lachte. „Ich wusste, du würdest dich über mich lustig machen!“, rief er verletzt und wollte sich wütend wegdrehen, aber Sabés Arme, die sich um seine Schultern legten, hinderten ihn daran. Der blonde Junge drückte Karim fest an sich und küsste das Mal auf seiner Wange. „Ich würde dich nicht auslachen“, sagte er leise. „Ich lache nur über deine Dummheit. Du bist schön, wunderschön mein kleiner Freund und weißt es nicht einmal.“
Karim wurde rot und sah stattdessen wieder in den Spiegel, als Dahjira eintrat.
„Wie geht es dir?“, erkundigte sie sich, während Karim sich etwas verlegen aus Sabés Umarmung löste.
„Gut, Dahjira.“
Sie trat zu ihm und stützte die Hände auf die Knie, um Karims Wange begutachten zu können. „Sabés und Mohak haben gute Arbeit geleistet.“ Der blonde Tal’hat deutete eine Verbeugung an. „Danke Dahjira.“
Die Tu’rak nickte beiläufig. Dann sagte sie: „Jetzt, wo du die Blüte trägst, können wir beginnen. Heute Abend wird das Versprechen gegeben und morgen Nacht dann die Hochzeit vollzogen, allerdings in der Heimat des Bräutigams.“ Sie sah etwas abwesend zur Seite, als hätte sie jetzt schon ihre Hochzeitsnacht vor Augen. Was sie sah, schien ihr zu gefallen, denn sie strahlte regelrecht. „Es wird wundervoll werden!“, fügte sie fröhlich hinzu.
Karim sah etwas zweifelnd aus. „Was muss ich dabei tun?“
Sie berührte kurz sein Kinn mit ihrer Fingerspitze und ihre Augen sahen ihn warm an. „Nichts, mein hübscher Junge. Heute Abend wirst du einfach als mein liebster Pfand mit mir kommen und das fest genießen – und danach wirst du mich in mein neues Leben begleiten.“
Zu Sabés gewandt, fügte sie hinzu: „Mach ihn zurecht. Ich möchte beneidet werden um ihn.“
Sabés nickte wieder, verzog allerdings leicht das Gesicht, als Dahjira gegangen war. „Sie ist das befehlen gewohnt“, sagte er und öffnete den Deckel einer Truhe. Karim sah ihm zu, wie er einige Kleidungstücke hervor holte. „Immerhin ist die Dahbars Schwester“, sagte der Junge und nahm die Hose entgegen, die Sabés ihm reichte.
Der Blonde seufzte leise und seine blauen Augen wurden dunkel. „Ja, und daher bekommt sie, was sie haben will“, sagte er leise. Und danach sagte er nichts mehr.
*******
Das Versprechen wurde zwischen Dahbar und Alralef geschlossen – weder Dahjira noch Karim durften anwesend sein. Der Tal’hat und seine zukünftige Herrin genossen derweil die Vorführung der Tänzer und der Sänger im Fackelerleuchteten garten. Es waren viele Leute anwesend. Die angekommenen Tu’rak, die mit Dahbar geritten waren und Alralefs Leute tranken, saßen oder lagen
auf bunt bestickten Kissen und ließen sich ebenfalls unterhalten.
Dahjira lag ausgestreckt auf einer Liege und Karim saß zu ihren Füssen auf einem Hocker. Ab und an wechselten beide einige Worte, doch meist tranken sie den süßen Tee und schauten den Tänzern zu, die im Augenblick in einem Wirbel aus farbigen Schleiern und Tüchern um den Brunnen umher tanzten.
Das Spektakel endete jedoch plötzlich, als Dahbar und Alralef in den Hof traten. Beide wirkten zufrieden und als Alralef in Richtung Dahjiras nickte, brachen die Anwesenden in Jubelschreie aus. Dahjira selbst lehnte sich zurück und hob ihren Schleier etwas an um eine Dattel knabbern zu können.
Karim jedoch beobachtete Dahbar, der noch immer an seinem Platz stand und mit seinem zukünftigen Schwager redete. Karim wollte gerade wieder wegsehen, als er erschrocken wieder aufsah. Hinter Alralef stand eine schmale Gestalt, weiblich und anmutig. Ihr helles Haar fiel ihr ins Gesicht, aber diese Silhouette war ihm von Kindesbeinen auf vertraut...
„Dahjira!“, flüsterte er heiser. „Wer ist die Frau bei Alralef?“
Sie sah hoch und musterte die Gestalt. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. Karim zitterte. Konnte es wirklich sein? Konnte sie es sein?
Dahjira bemerkte seinen Zustand und legte den Kopf leicht schief. „Willst du es so dringend wissen?“
Er nickte, denn sein Mund war zu trocken für Worte. Sie seufzte leise. „Dann geh zu meinem Bruder und sag ihm, dass ich mich zurückziehen werde. Du darfst dich hier noch weiter aufhalten.“
Karim brachte ein schmales Lächeln zustande. „Danke, Dahjira“, murmelte er. „Dank mir nicht, geh lieber“, lachte sie leise und erhob sich, um den Hof durch einen weiteren Eingang zu verlassen.
Karim trat zu Dahbar und strich sich nervös die Burka glatte. „Sajidi?“
Dahbar drehte sich von Alralef weg und sah zu Karim herunter. „Ja?“
„Die...die Herrin Dahjira trug mir auf, euch zu sagen, dass sie sich nun zu Bett begeben wird. Ich dürfte allerdings noch hier bleiben.“
Dahbar sagte eine Weile lang nichts, beobachtete, wie der Blick des Jungen mehrmals unruhig zwischen ihm und der Frau hinter Alralef hin und her wanderten. „Was ist es, dass du willst Junge?“, fragte er schließlich.
Karim krampfte die Finger in den Stoff seiner Burka. „Ich...ich...“
„Karim!“
Die Gestalt hinter Alralef war vorgetreten und jetzt konnte er vollends ihr Gesicht sehen. Sie war es, sie war es ganz sicher und der Junge spürte sein Herz vor Freude aufschreien.
„Mutter!“, entfuhr es ihm und er konnte nicht verhindern, dass er auf sie zulief und sie in die Arme schloss.
Die Frau hielt ihn fest, strich durch sein Haar und murmelte glücklich seinen Namen. Doch nur eine kurze Weile, denn Alralefs Hand auf ihrer Schulter erinnerte sie daran, wer und was sie war.
Karim erfuhr es auch sofort, denn als er sich von ihr lösen musste, sah er im Gesicht seiner Mutter das gleiche Mal, dass Sabés und jetzt auch ihn zeichnete. Seine Mutter war eine Sklavin, eine Tal’hat, ebenso wie er.
Noch immer bebte der Junge und selbst ihre Hand auf der Seinen, konnte nichts daran ändern. Karim hob den Blick und sah sie an. Seine Mutter wirkte fast verlegen. Dahbar hatte ihnen gestattet, sich in einem abgelegenen Teil des Hofes zurückzuziehen und so saßen Karim und seine Mutter verborgen zwischen einigen Jasminbüschen. Keiner von ihnen sprach ein Wort.
Schließlich konnte der Junge sich aber nicht mehr zurückhalten und platzte heraus: „Ich hatte mir solche Sorgen gemacht als du damals verschwunden bist und alle hielten dich für tot und ich wusste nicht wohin...“
Sie legte ihre andere Hand ebenfalls auf seine. „Karim“, sagte sie sanft. „Mein schöner Sohn. Was haben sie nur mit dir getan?“
Unbewusst wandte er sein Gesicht ab, damit sie sein Tal’hat nicht ansehen musste. „Nichts –es geht mir gut. Aber du...“
Unerwartet zog sie ihn an sich, drückte ihr Kind an ihren Körper. „Nichts ist wichtig“, murmelte sie und er spürte, wie sie ihr Gesicht in sein Haar legte.
„Ich habe mein Kind wieder. Du bist wieder bei mir, und das zählt als einziges für mich.“
Karim schluckte und nickte. „Wenn ich Dahjira begleite... wir müssen uns nicht mehr trennen.“
Sie zog sich zurück und es bestürzte ihn, Tränen auf ihre blassen Wangen zu sehen. Das Tal’hat, hatte ihre Schönheit noch vermehrt, und man konnte ihr sanftes Wesen nun förmlich fassen. Karim brach es das Herz, sie nun so fassungslos zu sehen.
Seine Mutter küsste seine Stirn. „Ja, ich weiß.“ Und endlich erschien ihr zartes Lächeln wieder auf ihren Lippen.
Ihr Ausdruck wirkte überrascht und Karim sah über seien Schulter, um zu sehen, was sie sah. Dahbar war zu ihnen gekommen und beobachtete Mutter und Sohn. „Alralef sucht dich“, sagte er ruhig und in einer geschmeidigen Bewegung war die Frau aufgestanden. Ihr Lächeln galt noch einmal Karim, warm, liebevoll und zärtlich, bevor sie an Dahbar vorbei ging, um ihren Herrn aufzusuchen.
Karim vermied den Blick des Tu’rak, als dieser neben ihn trat und beobachtete stattdessen einmal mehr den Mond. Es schien, als würde die silberne Scheibe sein ständiger Begleiter in schicksalhaften Momenten sein.
„Kismet ist ein unfairer Spieler“, sagte Dahbar unvermittelt und Karim sah endlich zu ihm. Der Tu’rak sah jedoch selbst zum Mond hin. „Er trennt und gibt, schenkt und verlangt doch Preise dafür.“
Karim verstand nicht ganz, was Dahbar ihm damit sagen wollte, daher schwieg er.
Der Tu’rak berührte das Tal’hat auf Karims Wange. Der Junge musste eine Gänsehaut unterdrücken. „Danke“, wisperte er daher, um sich abzulenken. Dahbar ließ seine Hand sinken. „Wofür dankst du mir?“
Karim wagte einen Blick in diese dunklen Augen. „Dass ihr mich gut behandelt habt –und dass ich Dahjira und meine Mutter begleiten darf.“
Dahbar ließ sich neben Karim auf die Bank sinken. Hier trug er keinen Gesichtsschleier, doch Karim konnte trotz allem nichts aus Dahbars Gesicht lesen. Wie versteinert wirkten die feinen Züge, die ihm nun entgegensahen.
Plötzlich und ohne Warnung beugte der Mann sich vor und begann, den Hals des Jungen zu kosen. Seine Berührungen waren hungrig, suchend und jagten Schauer um Schauer über Karims Körper. Diese Seite an Dahbar war so neu –aber aufregend. Es war keiner von Karims Träumen.
Der Junge spürte den Körper des Mannes tatsächlich bei sich, roch wieder diesen wunderbaren Duft von Jasmin und Garang. Seine Hände klammerten sich in die Burka des Tu’rak, als würde er sonst jeden Halt verlieren unter den wissenden Berührungen durch Dahbars zärtlichen Mund. Eine Weile genoss Karim diese Liebkosungen, doch dann schob er Dahbar von sich, als ihm ins Gedächtnis kam, was Sabés über die „Pflichten“ eines Tal’hat erzählt hatte. Einige Herren oder Herrinnen forderten sie ein und auch der blonde Junge hatte Karim sanft darauf vorbereitet, dass es ihm passieren konnte.
„Nein“, keuchte Karim schweratmend. „Ich will mehr sein, als nur ein Spielzeug.“
Dahbar lachte. „Ein Spielzeug? Dafür hältst du dich?“
Karim spürte sich wieder einmal erröten, doch er hielt Dahbars Blick stand. „Ja“, antwortete er. Dahbar atmete tief ein. Seine Hand streichelte sacht über Karims Hals und die Obsidianaugen des Tu’rak hielten Karims Blick fest.
„Ich hatte dich für mich gefangen, Karim“, sagte er leise und Karim fürchtete, dass sein Herzschlag fiel zu laut zu hören.
„Warum...warum wolltest du mich dann verkaufen? Und warum hast du mich jetzt Dahjira geschenkt?“, flüsterte er gebrochen und war sich kaum bewusst, dass er nun so vertraulich mit dem Tu’rak sprach.
„Ich hielt dich für meine Schwäche“, antwortete Dahbar. „Und Dahjira hatte sich in dich vernarrt – sie soll es nicht schwer haben in ihrer neuen Heimat.“
Karim spürte heiße Tränen, hielt sie aber zurück. „Dahbar...“
Der Tu’rak stand auf, und Kälte bemächtigte sich des Jungen. Er sah Dahbar an und zum ersten mal konnte man all seine Gefühle, die nun über ihn hereinbrachen, in seinem schmalen Zügen lesen.
Dahbar schlug die Kapuze seiner Burka hoch und dunkle Schatten machten sein Gesicht so hart und abweisend, wie zuvor auch. In seinen Augen aber sah Karim noch immer den Nachhall der Zärtlichkeit, die sie zuvor noch erfüllt hatten. Er würde sie immer dort sehen auch wenn andere blind dafür waren.
„Diesmal überlasse ich dir die Entscheidung“, sagte Dahbar und seine Stimme klang heiser. „Wir werden morgen in die Wüste zurückkehren. Dahjira wird ihrem Mann folgen. Du hast nur eine Nacht für deine Entscheidung.“ Und damit ging er.
*******
Verwirrt und aufgelöst saß Karim in seinem Zimmer, das Gesicht in einem der roten Kissen vergraben. Er atmete abgehackt und glaubte, dass sein Kopf kurz davor war, zu zerspringen.
Es erschien nur typisch, dass, selbst als er Gefühle zeigte, der Tu’rak noch beherrschend war. Eine solche Entscheidung von ihm zu verlangen war grausam. Karim wusste nicht weiter, fühlte sich zerrissen. Er hatte seine Mutter endlich gefunden und hatte die Möglichkeit, wieder mit ihr zusammen sein zu können, aber was würde dann aus seinem Herzen werden? Das Sehnen nach dem Tu’rak konnte er nicht ignorieren – und er wollte es auch nicht. Seine Lust und sein Begehren waren unter dessen Händen erwacht und nichts konnte diese Dinge wieder zum Schweigen bringen.
Karim warf das Kissen in die Ecke und sprang auf. Er brauchte Hilfe und konnte sich nur einen denken, der ihm diese geben konnte.
Einige Augenblicke später stand er vor Sabés Tür und klopfte zaghaft an. Der blonde Kopf des Tal’hat lugte heraus. „Karim! Was ist los?“
Der Junge fuhr sich über die Stirn. Er seufzte. „Ich brauche deinen Rat.“
„Komm rein.“
Karim trat ein und ging zum Balkon. Er hatte das Gefühl, Luft zu brauchen. Sabés trat hinter ihn, eine Decke um seine Schultern geschlungen. Der Wind war kalt heute Nacht.
„Was ist denn los?“, fragte der blonde Junge und nach kurzem Zögern begann Karim zu erzählen, was ihn quälte. Er erzählte ihm alles, von Anfang an – wie Dahbar ihn gefangen nahm, wie er auf Dahjira traf, von seiner Angst, ein Sklave zu werden, den Wandel, den er dank Sabés erlebt hatte, von seiner Mutter und von Dahbars Geständnis.
Als er geendet hatte, war Karim schwach und ausgelaugt. Sabés sah sein Zittern und nahm ihn zu sich unter die Decke. Dankbar lehnte er sich gegen den schlanken Körper, denn seine Knie wollten ihn kaum mehr tragen.
„Du weißt nicht, wohin?“, fragte Sabés leise. Karim nickte nur. „Was soll ich denn tun, Sabés?“
Karim spürte mit einem mal, wie sich die Arme des Freundes fester um seinen Körper schlangen, wie heißer, gehetzter Atem seinen Nacken netzte. „Was auch immer du tun wirst – ich werde dich in jedem Fall verlieren.“
Karim riss die Augen auf, als ihm aufging, was der blonde Tal’hat meinte. „Was?“
Sabés Stimme war nicht mehr fest. „Egal, wie du dich entscheiden wirst, ich werde zurückbleiben. Ohne dich.“
Karim wagte es schließlich, sich umzudrehen. Er begegnete Sabés blauen Augen, die ihn so schmerzlich ansahen. Instinktiv umarmte er den Freund, küsste dessen Wange.
„Du hast mich soviel gelehrt“, murmelte er, „in so kurzer Zeit. Kostbare Dinge und...ich wünschte, du würdest mit mir kommen können.“
Sabés lächelte doch es fehlte der sanfte Spott und die Freude darin. „Das ist der Preis, den das Tal’hat von uns fordert. Ich bin an meine Herrn gebunden, mit Körper und Leben, erinnerst du dich?“
Karim nickte wage. „Ich wollte dich nicht so verletzten“, sagte er.
Sabés neigte den Kopf und drückte seinen Mund sanft gegen Karims offene Lippen. Zärtlich ließ er seine Zungenspitze hervorgleiten und sie netzte Karims Mund, streichelte die zarte Haut. Karim schloss die Augen und ließ ihn gewähren, hielt sich an Sabés Schultern fest.
Die Zeit dehnte sich ins Unendliche aber schließlich beendete Sabés den Kuss, sah zärtlich auf Karim herab. „Ein letztes Geschenk...“, lächelte er. Dann trat er zurück, gab Karim frei und fuhr ernster fort: „Bei deiner Entscheidung kann ich dir leider nicht helfen. Es ist dein Herz – und deine Wahl.“
Karim lehnte sich einen Augenblick gegen die Wand, dann stieß er sich ab und ging zur Tür. Dort sah er sich noch einmal um, doch Sabés hatte sich umgedreht und alles, was Karim sah, war der in eine Decke gehüllte Rücken. Er ging hinaus.
Auf dem Balkon wischte Sabés sich die Tränen von den Wangen und flüsterte in den Nachtwind: „Lebe wohl, Karim.“
(...)
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Der Duft von Magnolien
Teil 1
Sam setzte einen Fuß vor den anderen. Es war Frühling aber schon heiß und die Luft so drückend, wie eine zu warme Decke. Trotz allem sog er sie gierig ein.
Das Aroma von Magnolien lag im Wind. Diese Blüten, die nur einmal im Jahr blühten und noch dazu so kurz, waren dem junge Mann am liebsten. Aber jetzt war es noch zu früh dafür. Bald, aber bald, versprach ihm der Wind. Sam lächelte.
Frühling in North Point.
Er seufzte, fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar. Es hatte ihn viel Mühe und auch Überwindung gekostet, hierher zu ziehen, aber es hatte sich gelohnt.
Sein Blick streifte über die kleinen Buden und Stände, die sich in den Schatten der großen Wolkenkratzer und anderer Gebäude drängten.
Die Luft kühlte langsam ab. Unter den dünnen Sohlen seiner Sommerschuhe spürte Sam die gespeicherte Hitze des Asphalts.
Er blieb stehen, die Hände in die Taschen seiner Jeans gesteckt und sah nach oben. Der Himmel trug an diesem Spätnachmittag Töne von Rot und Violett; unwillkürlich lachte Sam, den Kopf in den Nacken gelegt.
"Kein Maler bekommt jemals diesen Farbton hin."
Erschrocken riss Sam den Kopf herum und bemerkte erst jetzt den jungen Mann neben ihm. Der sah ebenfalls nach oben und lächelte. "Ich habe das schon oft versucht. Aber es ist niemals wie der Himmel geworden."
Sam fand sein Lächeln wieder und sah abermals hoch. "Nichts kann so wie der Himmel sein."
Der Andere lächelte, strich sein langes Haar zurück und küsste ihn.
So traf Sam auf Yuki.
*******
Der blonde Mann öffnete die Tür zu dem kleinen Appartement und trat ein. Seine Gedanken waren noch immer bei seiner Vergangenheit, und das Zusammentreffen gerade hatte einige Aspekte und Erinnerungen hervorgeholt, die nicht unbedingt unangenehm waren.
Dennoch, für Sam war das nur eine weitere, neue, aufregende Seite an North Point, die ihm gefiel. So ganz anders als sein Leben zu Hause.
Es war der typische Werdegang gewesen. Sam war in einer kleinen Stadt im Hinterland aufgewachsen, wo jeder jeden kannte und das höchste der Gefühle darin bestand, zu heiraten und einen Stall voller Kinder zu produzieren.
Anders zu sein, fiel auf. Und meistens war diese Aufmerksamkeit nicht positiv. Die Entdeckung, dass er mit Ken Williams mehr hatte anfangen können als mit dessen Schwester Vanessa, war für Sam ein Schock gewesen. Gleichzeitig hatte er sich aber befreiter gefühlt, als jemals zuvor. Er war sich zum ersten mal sicher in dem was er tat.
Seine Eltern sahen das ganz anders. Seine Mutter hatte versucht, es zu akzeptieren aber sein Vater... Sam lächelte bitter, wann immer er an diesen Mann und die Szenen, die er mit ihm hatte durchleben müssen, dachte. Sein Vater, ein erfolgreicher Mann, ließ nach Feierabend gerne, nicht mal volljährige Huren in sein Auto steigen. Und dieser Mann hatte sich um seinen Ruf gesorgt und Sam hinausgeworfen. Einfach so.
Bis heute war sich der blonde Mann nicht sicher, ob es eine gute oder schlechte Wendung in seinem Leben gewesen war. Sicher war es aber eine drastische Wendung gewesen und nach einer kurzen Verzweiflungsphase hatte er auf Kens Ratschlag gehört. North Point, die große Stadt im Westen...
Ken war es auch gewesen, der ihm Kanas Adresse und Telefonnummer gegeben hatte. "Ist eine alte Freundin", hatte er gegrinst und Sam hatte sich auf den Weg gemacht.
Sam dachte an Kana. Sie war...nun Kana war das, was seine Mutter früher gerne ein Unikat genannt hatte. Sie hatte ihn vom Flughafen abgeholt und war ihm um den Hals gefallen, als wäre er ein verlorener Bruder. Mit ihrer Hilfe hatte er sich auch an der Kunsthochschule einschreiben können und auch sonst führte sie ihn durch den Dschungel, der sich selbst Großstadt nannte.
Sam schloss hinter sich ab, ließ den Schlüssel auf die kleine Theke neben der Tür fallen, und hörte das Klirren in der stillen Wohnung. Seine Mitbewohnerin konnte also noch nicht zuhause sein.
Er fegte geistesabwesend einen Spitzen BH von der Sessellehne und ließ sich dann hineinfallen. Der Typ war seltsam gewesen. Sam hatte nur überrascht und unfähig, sich zu bewegen, dagestanden, während Yuki ihn küsste, seine Arme um seinen Körper legte. Schließlich hatte der Mann mit den langen Haaren ihn aber losgelassen, sich umgedreht und war gegangen. Ohne seinen Namen zu verraten oder ein weiteres Wort zu sagen.
Sam atmete ein wenig wehmütig aus, grinste aber dabei und träumte ein wenig vor sich hin. Sein Leben hier versprach interessant zu werden.
Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, die Tür aufgestoßen und eine kleine weibliche Gestalt torkelte herein. "Du sollscht nich abschließen!", lallte sie etwas undeutlich, wegen dem Handtaschenriemen zwischen den Zähnen. In der einen Hand gestikulierte sie wild mit ihrem Schlüsselbund, in der anderen balancierte sie mehrere Einkaufstüten.
Mit Schwung warf sie zwei der Tüten auf das Sofa und ließ die restlichen neben der Tür auf den Boden fallen. "Mist", nuschelte sie dabei und prompt fiel ihr dabei auch noch die Handtasche auf den Boden. Sie begutachtete den Inhalt der Tüten, um zu sehen, ob etwas kaputt gegangen war.
Sam beäugte derweil die beiden bunten Taschen auf dem Sofa. Der protzige Schriftzug zweier teurer Designer prangte darauf und er war sich sicher, dass der Inhalt sein eigenes Monatsgehalt an Wert weit überstieg.
Kana hatte ihre Inspektion abgeschlossen und fiel mit einem erleichterten Seufzen auf die Couch. Dabei zerknitterte eine der Tüten achtlos unter ihrem Hintern.
"Und du sollst nicht mehr einkaufen, als du schleppen kannst", erwiderte Sam. Es war ein vertrautes Geplänkel, dass keiner der beiden wirklich ernst nahm.
Kana winkte ab. "Ach was..."
Sam seufzte, schüttelte den Kopf und stand auf. "Ich mach dir 'nen Kaffe." Die Frau grinste selig, lehnte sich auf der Couch zurück und rief: "Ich liebe dich!"
Sam grinste ebenfalls auf dem Weg zur Küche. "Ja ja." Er kehrte mit einer Tasse voll schwarzem Kaffe zurück und hielt sie ihr unter die Nase. "Das sagst du jedem, der dir Kaffe bringt."
"Bei dir mein ich's wenigstens ernst."
Sam kicherte und setzte sich wieder in den Sessel. "Ich dachte, du hast Carlo verlassen?", sagte er und deutete auf die Tüten neben sich. Kana indes fluchte leise, als sie sich die Zunge an dem heißen Koffein verbrannte und sah dann auf die Tüten. "Glaubst du etwa, ich brauche unbedingt einen Mann, der mir alles bezahlt?"
Ungerührt trank Sam einen Schluck Kaffe. "Jap."
Kana lachte. "Erwischt! Ich hab jemand neues kennen gelernt."
Seufzend stellte ihr Mitbewohner die Tasse auf den Couchtisch und öffnete eine der Tüten. Kana hatte schon immer ein besonderes Talent dafür entwickelt, gut betuchte Männer auf sich aufmerksam zu machen. Sie finanzierten ihr fast ihren gesamten Lebensunterhalt und hatten dabei noch das Gefühl, ihr einen Gefallen zu tun. Ganz umsonst bekam Kana allerdings nichts.
"Ich bin nur drei Zentimeter vom Edelstrich entfernt", hatte sie mal trocken zu Sam gesagt und er hatte nicht gelacht.
Jetzt zog er ein Stück rote Seide hervor und hielt es mit gespreizten Fingern in die Höhe. Kana beobachtete das Ganze. "Gefällt's dir nicht?", fragte sie, nachdem sie Sams skeptischen Blick bemerkt hatte. Der Mann schüttelte den Kopf. "Das ist es nicht...es passt nur irgendwie nicht zu dir."
Kana stand auf, schnappte Sam das Top weg und stopfte es in die Tüte zurück. "Mag sein, aber Marcus mag es -und er bezahlt dafür."
Ein wenig nachdenklich starrte sie die Tüten an. "Und ich muss mich fertig machen. Er hat mich für heute Abend an die Promenade eingeladen und da werde ich das hier", sie hielt die Tüte mit dem roten Top hoch, "und das hier tragen! Wenn auch nicht lange."
Flink hatte sie etwas aus der zweiten Tüte gezogen, dass ein Nichts von Spitze und Satin war. Sam stöhnte entnervt und warf den herumliegenden Spitzen BH nach Kana, die lachend Richtung Tür spurtete.
*******
Yuki ließ sich in den schicken Designersessel sinken. Solche Möbelstücke sahen sonst einfach nur gut aus, bereiteten aber schon nach zehn Minuten sitzen Rückenschmerzen. Vincent hatte allerdings bei der Einrichtung seiner Wohnung darauf geachtete, dass Stil und Zweck eine löbliche Ehe eingingen.
Der Wohnungsbesitzer kam in diesem Augenblick auch aus der Küche zurück, in jeder Hand eine offene Flasche Budweiser.
"Also, was ist so aufregend, dass du gleich herkommen musstest?"
Yuki nahm die zweite Flasche entgegen und lehnte sich in dem weißen Sessel zurück. "Habe ich dich etwa von einem Date mit deinem Mäuschen abgehalten", frotzelte er dabei und grinste Vincent an. Der lächelte nur müde, öffnete seine Krawatte und setzte die Flasche an die Lippen. Geduldig wartete Yuki darauf, dass er getrunken hatte.
Vincent stellte die Flasche zur Seite und fuhr sich durch das brünette Haar. "Ich wüsste nicht, was dich das angeht?"
"Ich bin dein bester Freund. Natürlich hat es mich was anzugehen. Oder bist du immer noch nicht weitergekommen?"
Vincent verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich gleichfalls zurück. "Ich wollte da niemals weiterkommen. Bisher ist es gut so, wie es ist. Ich bekomme, was ich will..."
"Du bezahlst für ein paar Stunden Sex mit ihm", unterbrach ihn sein Freund. Vincent zuckte mit den Schultern. "Dann gehört er zumindest mir - und ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich etwas von ihm verlange."
Yuki sagte nichts, nippte nur an seinem Budweiser. Vince, dem Yukis Schweigen auf die Nerven ging, lenkte das Gespräch wieder auf die Neuigkeit, die Yuki angekündigt hatte. Der Mann mit dem langen blauschwarzem Haar grinste, als würde er ein besonderes Geheimnis preisgeben. "Ich hab mich verliebt!"
"Was?"
Yuki lachte. "Ich habe ihn heute auf der Strasse getroffen - ein Engel, eine Offenbarung! Die Unschuld selbst!"
Jetzt war es an Vincent zu lächeln, angesichts Yukis überschwänglicher Begeisterung. "Und wie heißt dein fleischgewordener Traum?", hakte er nach. Yuki hob die Bierfalsche an die Lippen, merkte, dass sie leer war und stellte sie wieder zur Seite. "Keine Ahnung."
"Du hast dich verliebt und weißt nicht einmal seinen Namen?!"
Yukis Augen wurden schwarz, als er sich an den Kuss erinnerte. "Nein - es hätte den Moment zerstört. Seinen Namen habe ich ihm gelassen, aber einen Kuss habe ich ihm gestohlen..."
Vincent rieb sich über die Augen. "Ihr Künstler habt alle einen an der Klatsche. Egal ob Maler, Schauspieler oder Schriftsteller."
Yukis Lachen war ehrlich amüsiert. "Du musst es ja wissen, Herr Agent!"
Vincent wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als das Klingeln seines Handys ihn unterbrach. Er klappte das silberne Mobiltelefon auf und murmelte herrisch: "Ja?"
Yuki versuchte etwas zu verstehen, doch aus dem Telefon kamen nur undeutliches Knistern. Der Anrufer schien Vincent jedoch gut zu kennen, denn der harte Gesichtsausdruck, den er sonst trug, wurde merklich weicher, als er erkannte wer da sprach.
Vincent murmelte ein kurzes "Gut, bis dann" ins Handy und klappte es dann wieder zusammen.
"Ich muss gehen, hm?", fragte Yuki und war nicht überrascht, als Vincent nickte.
"Willst du was für den Hormonspiegel tun?", fragte er weiter. Sein Freund stand auf und warf die Krawatte in die Ecke. "Das lass nun wirklich meine Sorge sein", sagte Vincent vage und begann bereits, sein Hemd aufzuknöpfen. "Wie schade, ich wollte mir diese Show doch nicht entgehen lassen...", säuselte Yuki weiter und lachte, als Vince mit dem Daumen Richtung Tür deutete. "Verschwinde endlich", knurrte der Agent. Yuki winkte, griff seine Jacke und verschwand aus der Tür.
Draußen war es noch immer warm, aber die Sonne war mitten im untergehen begriffen. Rotes Licht empfing den Maler und zeichnete seltsame Schatten auf den Asphalt boden.
Yuki winkte einem Taxi, dass ihn nach Hause brachte und ging dort direkt in sein Atelier. Auch hier hatte sich die Atmosphäre durch das abendliche Zwielicht gewandelt, verlieh den kleinen Staubteilchen, die in der Luft lagen, etwas träumerisches.
Gefangen davon zog Yuki seine Jacke aus und holte einen Schemel an ein frisches Stück Leinwand heran. Seit drei Wochen hatte dieses Stück Stoff und Holzrahmen hier unbenutzt herumgestanden. Yuki hatte jeglicher Funken Inspiration gefehlt und er hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören. Aber dann hatte er heute diesen Mann entdeckt...
Wie von selbst griffen seine Finger nach dem Stück Zeichenkohle und die schwarze Farbe kratzte über das Papier. Yuki sah von seiner Arbeit selbst nichts, seine Gedanken fuhren die Gesichtskonturen des blonden Jungens nach.
Vor seinem Inneren Auge sah er den Mann noch einmal so, wie er ihn heute auf der Marktstrasse gesehen hatte. Eine hochgewachsene, schlanke Gestalt. Das Haar neckisch, schelmisch ins Gesicht hängend. Ob er wusste, dass seine Locken wie Gold wirkten? Oder wie sehr der Kontrast zwischen seiner braunen Haut, die unter dem kurzen Hemdärmel hervorblitze und den blauen Augen das Verlangen weckte?
Yuki hatte ihn küssen müssen -und am liebsten hätte er noch mehr getan.
Während er zeichnete, gingen seine Gedanken weiter. Er sah sich selbst, seine Hand, wie sie durch das blonde Haar fuhr, es zerwühlte und in Unordnung brachte. Seine Zunge leckte die Süße von den weichen Lippen, die sich für ihn geöffnet hatten und er legte die Hände um dessen Taille. So zog er ihn näher zu sich, zu seinem wartenden hungrigen Körper und sein Liebhaber schmiegte sich bereitwillig in diese Umarmung.
Yukis Hände begannen die Knöpfe zu lösen, langsam, einen nach dem anderen, bis das Hemd endlich offen war. Die Haut darunter war so braun, wie er es sich erhofft hatte, vollkommen glatt und straff über den jungen Muskeln. Er beugte den Kopf und spürte die Hände des anderen, die sich in sein schwarzes Haar krallten, seinen Mund über den willigen Körper dirigierten.
Die Kohle zerbrach und Yuki schreckte aus seinen Phantasien hoch. Jetzt erst nahm er bewusst das Bild vor sich wahr und musste insgeheim schmunzeln. Dort auf der Leinwand sah er den Jungen von heute Mittag, allerdings ohne Kleidung und so, wie er ihn sich gerade ausgemalt hatte.
'Du brauchst dringen Sex', sagte er sich kichernd selbst, und legte die Kohle wieder in ihre Schachtel. 'Ist wohl doch schon zu lange her.'
Dann streckte er die Hand aus und berührte die Leinwand mit seinen Fingerspitzen. Vorsichtig, um die Kohle nicht zu verwischen, fuhr er die äußere Kontur nach. Seine rechte Hand fuhr derweil tiefer, strich über seinen eigenen Bauch und legte sich auf seinen Schoss.
Der Maler träumte weiter, stellte sich vor, wie er den blonden Mann berühren würde, während seine eigene Hand gleichzeitig die Beule in seiner eigenen Hose massierte. Er drückte immer wieder sanft zu, nur um dann wieder loszulassen und quälte sich selbst, bis zum Wahnsinn.
In seiner Phantasie hörte er das Keuchen des Blonden, spürte dessen Erregung zwischen seinen Händen, die hart und verlangend nach mehr, zuckte.
Schließlich hielt Yuki es nicht mehr aus; durch den Stoff seiner Leinenhose hindurch, rieb er hart sein Geschlecht, klammerte die schlanken Finger darum, während er heiser stöhnte. Er zitterte, legte den Kopf in den Nacken und dann netzte sein Höhepunkt den Stoff zwischen seinen Beinen. Ein erstickter Lustlaut hallte in dem offenen Atelier wieder und erschöpft saß Yuki auf dem gepolsterten Schemel. Nach einer Weile richtete er sich auf, hauchte einen Kuss auf seine Fingerspitzen und drückte sie auf die Wange der Kohlezeichnung.
Teil 2
Es war ein vertrautes Geräusch, dass einschläfernd wirkte und Kana gleichzeitig hellwach dasitzen ließ. Ihr Blick war aus dem Fenster gerichtet, auf die vorbeirauschenden Gebäude, die Bäume die zu grünen langgezogenen Streifen wurden, aufgewirbelt durch den vorbeifahrenden Zug.
Immer weiter weg, weiter, weiter...
Sie hatte Sam angelogen, als sie so eilig aus dem haus ging. Sie war mit Marcus erst sehr viel später verabredet, aber der Gedanke an diesen Mann hatte ihr das Gefühl gegeben, eingesperrt zu sein. Alles war zu eng - ihre Kleidung, ihre Wohnung, diese ganze verdammte Stadt. Kana musste fliehen, aber sie war feige. So saß sie wieder im Zug und fuhr durch den hereinbrechenden Abend, aber nicht weit weg von North Point.
Das Rattern, des sich bewegendes Zuges schien dieses Gefühl verblassen zu lassen, linderte es, bis sie nicht mehr den Wunsch hatte, einfach nur noch laut zu schreien.
Nach zwei Stunden Fahrt fuhr der Zug wieder im Central Gate ein und sie stieg mit all den Pendlern und Reisenden aus, eine elegante hübsche Frau deren Gesicht ein heiteres Lächeln zierte.
Marcus traf sie später vor einem Restaurant auf der Promenade. Es war mittlerweile Nacht geworden und die Seeluft zerzauste ihre kunstvoll aufgetürmte Frisur.
Er begrüßte sie mit einem Kuss auf dem Mund, um zu zeigen, zu wem sie gehörte. Es lag wenig liebevolles darin. Dann führte er sie an einen der Tische und bestellte für sie. Kana saß nur stumm daneben und überließ ihm die Auswahl des Menüs, des Weins und des Zeitpunktes, wann sie gingen. Er nahm das als Selbstverständlich hin und Kana widersprach ihm nicht.
Der Vorschlag, bei ihm "doch noch einen kleinen Espresso zu trinken", hatte sie erwartete und folgte ihm in sein teures Appartement.
"Die Aussicht ist schön", sagte sie, während Marcus in der offenen Küche stand und die Espresso- maschine bediente. Er schien das nicht oft zu tun, denn hin und wieder hörte sie ihn fluchen und murmelnd nach einer Gebrauchsanweisung suchen. Kana lächelte und trat noch näher an das große Fenster heran, sah auf die Stadt hinaus. North Point hatte viele Nachteile, doch schlechtes Aussehen gehörte sicher nicht dazu. Die Lichter der Hochhäuser und Banking Türme glitzerten in der schwarzen Dunkelheit und der Leuchtturm, dem die Stadt ihren Namen verdankte, beleuchtete in regelmäßigen Abständen das Meer.
Marcus kam mit zwei Tassen in das Wohnzimmer und sie drehte sich zu ihm um. Vorsichtig nahm sie das zerbrechliche Porzellan entgegen und beobachtete Marcus, wie er dasselbe tat und sich setzte.
Er sah sicher nicht schlecht aus und er hatte Geld. Das einzig wichtige für Kana bei ihrer Männersuche - dachte sie zumindest.
Eine Freundin, die mittlerweile verheiratet war und ihr drittes Kind erwartete, hatte das anders gesehen. "Du traust dich nur nicht, dich zu verlieben!", hatte sie Kana vorgeworfen, aber die hatte dazu geschwiegen. Vielleicht stimmte diese Aussage, aber wenn, dann Kana einen sehr guten Grund, dass nicht zu tun. Kurz biss sie das schlechte Gewissen, aber Marcus lächelte und forderte ihre Aufmerksamkeit, indem er aufstand und seine Hand auf ihre Hüfte legte.
"Nicht durstig?", murmelte er und strich mit seiner Wange über ihre. Kana lachte leise und stellte die Tasse neben seine. "Vielleicht nicht nach Kaffe", antwortete sie und wandte ihm ihr Gesicht zu. Er fasste ihr Kinn, drückte ihren Kopf hoch und küsste sie.
*******
Vincent zog Jeremy näher zu sich. Der sah weiter aus dem Fenster, schloss aber die Augen und lächelte als Vincent ihn umarmte, sein Mund seinen Hals liebkoste. "Du kriegst nie genug", murmelte Jeremy und erhielt leises Lachen als Antwort.
"Von dir sicher nicht."
Jeremy beugte sich etwas vor und stützte die Hände an dem Fensterrahmen ab. Er war noch immer nackt und der Schweiß glänzte auf seinem Körper. Aber er machte keine Anstalten sich zu seinem Freier umzudrehen oder seinen Blick auch nur einen Augenblick vom Fenster wegzunehmen. Wie auch Kana, am anderen Ende der Stadt bewunderte er stumm den Ausblick, den North Point bei Nacht bot.
Vincent leckte die feinen Perlen von Jeremys glatter Haut, führ die Linie des Rückrades entlang. Die Fläche seiner Lippen spürte den anderen Mann zittern.
Er lächelte und ging in die Knie, als seine Zunge auf die Erhebung von Jeremys Fleisch stieß. "Ich will noch viel mehr", murmelte Vincent atemlos und packte die weiche Rückseite fest mit großen Händen.
Jeremy entfuhr ein Stöhnen und er bog den Rücken durch, um seinen Po mehr darzubieten.
Vince brauchte keine weitere Einladung - umsichtig zog er die Backen auseinander und küsste die Innenseiten, bevor seine Zungenspitze die enge Öffnung fand und sich hineindrängte.
Jeremys Keuchen wurde lauter und seine Fingernägel kratzen über das helle Plastik des Fensterrahmens.
Das Spiel der Zunge war anfangs noch sanft, unerträglich neckend, denn Vince zog seinen Kopf wieder und wieder zurück, tupfte nur gegen die Öffnung, bevor er seine Zunge wieder hineinstieß. Aber dann fand er einen steten Rhythmus, der sich im Gleichklang mit Jeremys Stöhnen bewegte. Die glatte Stirn hatte der Callboy gegen seine Handfläche gepresst und stand nun vollkommen vorn übergebeugt da.
Vincents Liebkosungen hörten abrupt auf und er löste sich von Jeremy.
Er stand auf und ging zum Nachttisch auf dem bereits zwei aufgerissene Kondomfolien lagen. Er griff nach dem letzten unbenutzten Viereck, riss es auf und streifte sich das hauchdünne Latex über. Dann kam er zurück zu Jeremy, der noch immer die Stirn gegen seine Haut lehnte und zitterte. Vince Füße stellten sich zwischen Jeremys und tippten leicht die Innenseiten an, damit dieser seine Beine weiter spreizte. Der Callboy tat, wie ihm geheißen, spreizte die Beine, bis Vince sich bequem dazwischen stellen konnte.
Er umfasste die Hüften seines Liebhabers, strich eine Weile zärtlich über dessen Lenden, bevor er die Backen abermals spreizte. In der rechten Hand sein eigenes Glied, führte er einen Finger in den engen Schacht, weitete ihn vorsichtig bis Jeremy spürte, wie die Spitze des Gliedes in ihn eindrang. Er gab einen zischenden Laut von sich.
Vincent sah unter geschlossenen Augen auf den geschmeidigen Rücken vor sich herab und genoss das Gefühl des heißen Fleisches, dass ihn umschloss. Dann stieß er zu, hart, mit einem Ruck und bis zum Anschlag.
Jeremy schrie heiser, mehr noch, als Vince begann seine Hüften zu bewegen. Damit er auch etwas davon hatte, tastete Vince nach dem Glied des anderen, umklammerte es mit seiner Hand. Jeremy unter ihm zuckte und wand sich angesichts der Lust, die ihn übermannte.
Vincent drang immer wieder in Jeremys enge Öffnung ein, wieder und wieder. Er spürte weder den Schweiß auf seiner Stirn, noch das steife Gefühl in seinen Beinen. Alles was für ihn zählte, war das Wissen, dass er in Jeremy war, mit ihm seine Erregung teilte.
Der Orgasmus kam schnell und heftig. Vincent stöhnte laut und Jeremy wimmerte heiser. Noch ein wenig weiter ruckten Vince Hüften vor, bis sein eigener Höhepunkt langsam zum Abschluss schritt.
Er löste sich von Jeremy und beeilte sich, das Kondom abzustreifen. Der Callboy sagte nichts weiter, sondern verschwand gleich im Bad. Vincent sah ihm lächelnd hinterher.
Im Badezimmer ertönte das Geräusch der prasselnden Dusche und Vincent nutzte die Zeit, um sich einen Bademantel überzustreifen. Das unvermeidliche Handy klingelte und er hob es ans Ohr. "Hallo? Nein, sie stören sogar sehr. Was soll das heißen? Verdammt, natürlich müssen sie das wieder... nein! Tun sie das bloß nicht! Ich kümmere mich darum, sie Stümper! Und rühren sie ja nichts weiter an!"
Als er das Handy wieder zur Seite legte, spürte er die vertraute Mischung aus Wut und Resignation. Diese Versager! Warum schien er der einzige zu sein, der etwas vernünftiges zustande brachte? Konnte denn niemand mehr Verantwortung übernehmen?
Er drehte sich um, als er ein Geräusch hörte und sah Jeremy hinter sich stehen. Er hatte sich angezogen, nur das Haar glänzte noch dunkel von Feuchtigkeit.
"Mein Geld, bitte."
Vincent ging zu seiner Brieftasche und zog einige Geldscheine heraus. Er drückte sie in Jeremys offene Hand und strich dem Jüngeren dann über die Wange. "Du könntest noch etwas bleiben..."
Jeremys helle Augen sahen zu ihm hoch und als er den Kopf schüttelte, lächelte er. "Ich muss weiter."
"Auch wenn ich etwas drauflege?"
Der Junge war bereits an der Tür, drehte sich aber noch mal um. "Ich habe es dir doch bereits mehrmals gesagt - nur die vereinbarte Zeit. Ich überziehe keinen Termin." Dann zog er die Tür auf und ging hinaus. Schwer fiel sie hinter ihm wieder ins Schloss.
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Sam wachte etwas verknautscht am nächsten Morgen auf. Er fühlte sich, als hätte man ihn einmal durch die Hecke gezogen und danach durch die Mangel gedreht.
Aber er stand trotzdem auf, duschte und machte sich zurecht. Als er in den Badezimmerspiegel sah, blickte ihm sein gewohntes, sauberes Äußeres entgegen und zufrieden nickte er sich selbst zu.
In der Küche war keiner und auch im Wohnzimmer nicht. Sam vermutete, dass Kana bei ihrem neuen Hengst der Saison war und begann, sich selbst Kaffe aufzubrühen. Da es Samstag war, konnte er sich Zeit mit seinen Frühstücksvorbereitungen lassen. Vor Montag würde er keinen Kurs haben. Während er der schwarzen Brühe dabei zusah, wie sie durch die Maschine in die Kanne tropfte, überlegte er, was er mit dem tag noch anfangen könnte. Er beschloss, sich noch ein wenig mehr von der Stadt anzusehen. Sam war bereits seit einem halben Jahr hier, aber er bekam einfach nicht genug.
Bis zum Stadtzentrum und dem großen Park waren es nur zehn Minuten zu Fuß, aber Sam wollte heute ans Meer. Das wäre ein weiterer Weg, aber es machte ihm nichts und mit guter Laune ging er hinaus. Seine Weg führte ihn durch den park und auch an der Straßenecke vorbei, an der er gestern den langhaarigen Typen getroffen hatte. Er ertappte sich dabei, wie er sich umsah, ob er nicht doch auch hier wäre. Sam wurde enttäuscht. Unter den Menschen, die das warme Frühlingswetter genossen war niemand dabei, der ihm auch nur ähnlich gesehen hätte.
So ging er weiter. Im Park fand er auch endlich die Magnolienbäume, deren Blüten wie runde Pfirsiche aussahen. Sie waren noch geschlossen, aber ihr Duft musste es gewesen sein, der ihn gestern Nachmittag in solche Hochstimmung versetzt hatte. Irgendwann wehte ihm der salzige Seewind entgegen und Sam fand sich auf der Promenade wieder, einem Ort mit tausend kleinen Cafes, Bars und Restaurants. Hier traf sich jeder, egal ob Paradiesvogel oder Büromensch, und jeder genoss an diesem Samstag seine Freizeit am Strand.
Sam schlenderte an den Cafeterrassen vorbei, suchte nichts bestimmtes. Einige Leute lächelten ihn an und er lächelte zurück. Gute Laune schien ansteckend zu wirken.
Plötzlich entdeckte er ein vertrautes Gesicht. Zwei Männer saßen unter einem der großen Sonnenschirme, unterhielten sich leise und steckten ab und zu vertraut die Köpfe zusammen. Sam schluckte hart und drehte sich auf dem Absatz herum.
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Yuki sah zu seinem Begleiter, der ihm gerade erzählte, was sein neuer Job so machte, als er eine Bewegung sah und aufblickte. Er sah gerade noch, wie der blonde Mann sich umdrehte und rasch weiterging. Er starrte wieder zu dem Mann neben sich, sah dann wieder dem anderen hinterher. Es war nicht schwer, zu erraten, was der Blonde wohl aus dieser Situation geschlossen hatte.
Yuki sprang auf, stammelte ein: "Sorry Matthew, aber ich muss weg" und rannte los. Er holte den Mann einige Meter weiter ein, griff nach seinem Arm und brachte ihn so zum stehen. "Hey...du...warte..." Yuki war noch ganz außer Atem und rang nach Luft, während er losplapperte: "Hör zu, ich weiß, wie es aussah, aber das war nur Matthew, weißt du, eine Exliebe von mir...wir treffen uns noch ab und zu, aber da ist absolut nichts mehr, und-"
Der blonde Typ hob seine Hand, legte sie auf Yukis Arm und unterbrach ihn mit einem sanftem Lächeln: "Wir kennen uns gar nicht - wofür entschuldigst du dich?"
Einen Augenblick starrte Yuki ihn entgeistert an -und lachte dann schallend. "Okay, hast ja recht!" Er hackte sich ihm unter und deutete dann auf den Strand. "Aber ich will das ändern. Bei einem Hot Dog am Strand?"
Der Blonde sah in die Richtung, in die Yuki gedeutet hatte. "Warum nicht."
Yuki grinste und zog ihn mit sich. "Gut, bei dem bekomme ich nämlich Rabatt." Sie gingen hinunter und bestellten sich jeweils eines der heißen Würstchen. Yuki führte seine neuste Bekanntschaft weiter zum wasser und ließ sich dort auf einen der Findlinge nieder. "Setzt dich", nuschelte er zwischen zwei Bissen und deutete neben sich.
"Ich hoffe, ich habe deine Verabredung damit nicht zum platzen gebracht?", erkundigte sich der andere etwas unsicher, aber Yuki winkte ab. "Matthew kennt das bereits und er denkt sich nichts dabei."
"Sah aber nicht so aus."
Yuki grinste und wischte seinem Begleiter einen kleinen Krümel von der Wange. "Vertrau mir."
Der Blonde starrte in die dunklen Augen, sah schließlich aber zur Seite. Yuki schmunzelte, als er eine leichte Röte auf den gebräunten Wangen zu sehen glaubte.
"Wie heißt du eigentlich?", fragte er beiläufig.
"Sam", war die Antwort, durch das Brötchen etwas undeutlich vorgebracht.
"Ich bin Yuki - Maler, Lebenskünstler und Liebhaber der männlichen Form", antwortete der blumig. Sam lächelte. "Ich bin nur Kunststudent", sagte er und knabberte an seinem Hot Dog.
"Na, das klingt doch nach dem richtigen Weg, Sam", nuschelte Yuki durch sein Hot Dog hindurch und hielt sich das lange Haar aus dem Gesicht, als der Wind drehte. "Du hast mir meine kleine Aktion gestern doch nicht übel genommen, oder?"
Sam schüttelte den Kopf. "Aber machst du das mit jedem?"
Yuki kicherte. "Das wäre ein schönes Hobby, was?"