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Alexander Puschkin

 

 
Der Engel
Im Tor von Eden strahlte helle
Ein Engel zart und senkt sein Haupt
Zum finstren Dämon und Rebellen,
Der ihn vom Höllenschlund erschaut.

Der Geist des Zweifels, der Verneinung,
Erblickte diesen reinen Geist
Zum ersten Mal und die Erscheinung
Ihn ungewollt zum Bessren weist.

»Verzeih«, sprach er, »dass ich so frech,
Doch nicht vergeblich strahlt dein Schimmer:
Auf Erden ist nicht alles schlecht,
Nicht alles hasse ich im Himmel.«

1827

An Caadaev *


Nicht lange schlugen uns in Bande
Die Liebe, Hoffnung, stiller Ruhm,
Die jugendlichen Freuden schwanden
Wie's Träume, Morgennebel tun.
Doch brennt in uns noch ein Verlangen:
Im Joch verhängnisvoller Macht
Hören wir mit Zittern, Bangen
Wie das Vaterland erwacht.
Unser hoffnungsmüdes Harren
Auf der Freiheit heilgen Kuss
Gleicht dem jungverliebten Warten
Auf ein sichres Rendezvous.
Solange wir nach Freiheit zehren
Und noch ein Herz für Ehre schlägt,
Woll'n wir dem Vaterland verehren,
Was schöne Seelen hoch erhebt.
Denn glaub' mir, Freund, die Zeit rückt näher,
Der freudenvolle Glücksstern steigt,
Und Russland wird sich bald erwehren,
Bis jemand unsre Namen schreibt
Aufs Bruchgestein der Zarenära.

1818

Wiedergeburt
Ein Kunstbarbar mit schlaffer Hand
Befleckt das Bild eines Genies,
Indem er es voll Unverstand
Mit eignen Krakeln überzieht.

Die fremden Farben mit den Jahren
Platzen schuppenwelk herab;
Bis das, was das Genie gestaltet,
In alter Schönheit wieder strahlt.

So muss auch jener Irrtum schwinden,
Der lang schon meine Seele quält,
Bis sich Visionen wiederfinden,
Die rein der erste Tag enthält.

1819

Wenn das Leben dich betrügt,
Sei nicht traurig, nicht beklommen!
Bleib auch beim Schicksalsschlag vergnügt:
Ein bessrer Tag, glaub mir, wird kommen.

Das Herz: im Zukünftigen lebts;
Die Gegenwart kennt nur Beschwerden;
Doch schon im Nu ist sie verweht;
Und was vergeht, wird wieder werden.

1825

Sendschreiben nach Sibirien


In der Tiefe sibirischer Erze
Bewahrt Geduld, seid stolz und klug.
Euer Werk, das schicksalsschwere,
Wird wachsen im Gedankenflug.

Des Unglücks treuergebne Schwester,
Die Hoffnung, weckt im finstren Schacht
Den Mut, die Fröhlichkeit, bis letztlich
Die lang ersehnte Zeit erwacht:

Die Liebe und die Freundschaft dringen,
Obwohl ihr eingekerkert seid,
Zu eurer schweren Zwangsarbeit,
Wie jetzt nur meine freie Stimme.

Die Fessel, die den Fuß beschwert,
Wird brechen, wie des Kerkers Schranken,
Die Freiheit euch am Tor empfangen
Und Brüder reichen euch das Schwert.

1827

Arion
Wir waren viele auf dem Kahn;
Die einen hingen in den Wanten,
Es stemmten unter Deck die andern
Die Ruder. Unser Steuermann
Stand weise schweigend auf der Brücke
Und steuerte das Frachtschiff still;
Und ich – von Glauben tief erfüllt –
Sang sorglos Lieder... Als voll Tücke
Uns eine Sturmbö überfiel...
Steuermann und Schiffer kamen um! –
Nur mich, den Sänger, hat's im Sturm
Geheimnisvoll zurück zum Strand verschlagen,..
Ich sing die alten Lieder weiter
Und trockne meine nassen Kleider
Im Sonnenlicht, wo Felsen ragen.

1827

Der Dichter
Der Dichter bleibt, solang ihn nicht
Apoll zum heilgen Opfer fordert,
Kleinmütig der Welt verpflichtet,
Wird geplagt von eitlen Sorgen;
In kaltem Schlaf verharrt die Seele,
Und seine heilge Leier schweigt,
Noch unter den Geringsten zählt er
Als Allerwenigster vielleicht.

Doch kaum berührt sein feines Ohr
Das Wort, das ihm von Gott gegeben,
Schon schwingt die Seele sich empor,
Ein Adler, neu erwacht zum Leben.
Er bleibt nun fern den irdschen Festen,
Wenn Menschen reden, scheint er taub,
Und vor den hocherhobnen Götzen
Senkt er nicht das stolze Haupt.
Er flüchtet wild und ungebändigt,
Verwirrt dem innren Klang zu lauschen,
Zum öden Wellenschlag der Strände,
Wo Eichenwälder weithin rauschen...

1827



Sing mir, schönes Mädchen, nicht
Das Lied Georgiens voll Trauer;
Denn allzusehr erinnerts mich
An fernes Leben, fremd-vertraut.

O weh, es steigt Erinnrung schon
Aus deinen feurigen Gesängen:
Die Steppe, Nacht – und unterm Mond
Des fernen Liebchens sanfte Tränen.

Es war dies liebliche Gespenst,
Als ich dich sah, schon fast vergessen;
Jedoch du singst – und es bedrängt
Von neuem mich wie ein Verhängnis.

Mein schönes Mädchen, singe nicht
Das Lied Georgiens voll Trauer;
Denn allzusehr erinnerts mich
An fernes Leben, fremd-vertraut.

1828



Fliegt zum Raben Rabe,
Spricht zum Raben Rabe:
Werden wir heut satt, Rabe?
Zeige deine Sehergabe!

Antwort gibt dem Raben Rabe:
Kenne unsre Mittagslabe;
Unterm Weidenstrauch, im Feld,
Liegt ein totgeschlagner Held.

Wer erschlug ihn, und warum?
Nur sein Falke kennt den Grund:
Rabenschwarz ist seine Stute,
Seine Frau von jungem Blute.

In den Hain der Falk' entschwand,
's Pferdchen folgt des Gegners Hand,
Und die Frau erwartet eben
Schon den Liebsten, der am Leben.

1828



Ich liebte dich; und liebe wohl noch immer,
Denn ganz erstarb's in meiner Seele nicht;
Doch möge dies Gefühl dich nicht bekümmern;
Ich stellte es nicht gern in schlechtes Licht.
Ich liebte schweigend, ohne Zuversicht,
Von Schüchternheit, von Eifersucht gequält;
Ich liebte dich so innig und so zärtlich,
Gott mit dir, wird der andre so beseelt.

1829


Durchwandre ich die lauten Straßen, –
Wenn ich in vollen Tempeln bin, –
Sitz ich auch zwischen jungen Knaben,
Stets schwelge ich in Fantasien.

Ich sage: Jahr um Jahr verfallen,
Und was wir nicht auch alles sahn,
Wir alle gehn in ewge Hallen,
Sein Ende fühlt so mancher nahn.

Seh ich die Eiche einsam stehen,
Dann denk ich: Patriarch des Walds,
Auch mich wirst du noch überleben,
Wie meine Ahnen, die längst kalt.

Liebkose ich ein kleines Mädchen,
Schon denke ich: Mein Kind, mach's gut!
Ich muss dir meinen Platz abtreten:
Mir bleibt die Asche, dir die Glut.

Seit sich die Tage, Jahre runden,
Bin ich die Grübelei gewohnt,
Und ich versuch die Todesstunde
Zu erraten, die mir droht.

Wo wird das Schicksal mich ereilen?
Im Kampf, auf Reisen, auf dem Meer?
Wird sie im Nachbartal verweilen,
Mein Asche, kalt und schwer?

Mag's auch dem Leichnam, tief im Stillen,
Ganz gleich sein, wo er faulend liegt,
Ich möcht' in heimischen Gefilden
Schlummern, zärtlich eingewiegt.

Am Eingang meiner Ruhestätte
Soll junges Leben kindlich spieln
Und die Natur, von mir gesättigt,
In Schönheit unvergänglich blühn.

1829

Was läge dir an meinem Namen?
Er stirbt, wie's laue Rauschen bald
Der Wellen, die am Strand zerschlagen,
Als nächtger Laut im dunklen Wald.

Auf einem Blättchen zum Gedenken
Bleibt er als tote Spur zu sehn,
So wie sich Grabinschriften schlenkern
In Sprachen, die wir nicht verstehn.

Was läge dran? Nur's längst verdeckte
Vom neuen wilden Seelenrausch.
Er würde dir nicht neu erwecken
Erinnrung, – zarten, reinen Hauch.

Am Trauertag jedoch, im Stillen
Sprich ihn beschwörend vor dich hin
Und sag: die Welt kennt noch ein Fühlen,
Es gibt ein Herz, wo ich noch bin.

1830


Dem Dichter
Auf Volkes Gunst darfst, Dichter, du nicht schwören.
Begeisterter Applaus wird schnell verdrängt
Von dummem Urteil, du wirst kaltes Lachen hören;
Doch du bleib fest, gelassen, ernst und streng.

Als Kaiser bleib allein. Auf freien Wegen
Geh dorthin, wo Verstand in Freiheit lebt,
Wo der Gedanke höchste Früchte trägt,
Und fordre keinen Lohn für solches Leben.

Der Lohn liegt in dir selbst. Bist selbst dein höchster Richter;
Viel strenger urteilst du, ein auserwählter Dichter,
Als alle andern, kannst du je zufrieden sein?

Zufrieden? Lass der Menge ihren Zank,
Ihr Geifern am Altar, auf dem dein Dreibein schwankt
Und kindlich-nüchtern flammt dein hehrer Feuerschein.

1830

Die Teufel
Donnerwolken stürmen, jagen
Und der Mond, der nicht zu sehn,
Lässt den Wirbelschnee erstrahlen;
Finster Nacht und Himmel stehn.
Durch das freie Feld zu fahren;
's Glöckchen bimmelt klingeling,
Schrecken rauft an meinen Haaren;
Ebne, fremd: ich mittendrin!

»Vorwärts, Kutscher!« – »Herr, unmöglich:
Das Gespann ist ausgelaugt,
Windsbraut blendet mir die Augen,
Alle Wege sind verbaut!
Schlagt mich tot, die Spurn verwischten;
Wir sind fällig! Was nur tun!
Teufel führt uns offensichtlich,
Seht, dort wirbelt er herum.

Schaut nur, wie er spielend waltet.
Seht! er pustet, spuckt mich an,
Fort! er lockt in eine Spalte
Unser scheuendes Gespann;
Einen Werstpfahl, der verwunschen,
Hat er vor mich hingestellt;
Funkelt dort als schwacher Funken
Und verschwindet wieder schnell.«

Donnerwolken stürmen, jagen
Und der Mond, der nicht zu sehn,
Lässt den Wirbelschnee erstrahlen;
Finster Nacht und Himmel stehn.
Kraftlos sind wir, 's geht nicht weiter;
's Glöckchen wurde plötzlich stumm;
Pferde stehn... »Dort auf der Heide?« –
»Ist's ein Wolf? Wer weiß! Ein Stumpf?«

Böse Windsbraut jault und zetert
Und die Pferde schnaufen matt;
Doch schon jagt der Teufel weiter,
Augen funkeln in der Nacht
Bis die Pferde weitertraben,
's Glöckchen bimmelt klingeling.
Sieh, wie Geister, sich beratend,
Durch die weiße Ebne ziehn.

Teuflisch, scheußlich, ohne Ende
Spielen sie im Mondesglanz.
Ihre bunte Schar, sie tändelt,
Wie das Laub im Herbstwind tanzt...
Viele sind's! Wohin sie jagen?
Klagen hört man und ein Schrein.
Ob sie einen Geist begraben
Oder eine Hexe frein?

Donnerwolken stürmen, jagen
Und der Mond, der nicht zu sehn,
Lässt den Wirbelschnee erstrahlen;
Finster Nacht und Himmel stehn.
Teufel reiten reihenweise
In der Höhe unbegrenzt,
Klagen, Heulen und ein Schreien
In der Brust das Herz verengt...

1830

Der Taube lud den Tauben dem tauben Richter vor,
Der Taube schrie: »Der Taube hat meine Kuh entführt!«
»Erbarmen«, rief dem Richter der Taube laut ins Ohr,
»Dem toten Oheim schon hat's brache Land gehört.«
Der Richter schloss: »Nun Schluss mit der Verkommenheit.
Die brave Maid hat schuld, verheiratet sie gleich.«

1830

Abschied
Letztmals deiner Zartgestalt
Durft ich Zärtlichkeiten schenken –
So mein Traum. Mit Herzenskraft
Und mit Wonne, ängstlich, zaghaft
Wag ich deiner zu Gedenken.

Ändernd schreitet unsre Zeit,
Alles ändernd, uns verändernd.
Schon trägst du für mich ein Kleid
Wie aus Grabes Dunkelheit,
Auch für dich mein Leben endet.

Ferne Freundin, nimm den Abschied
Meines Herzens in Empfang,
Als ob ein Gatte von dir schied,
Wie Freund in Freundes Armen liegt,
Wenn es ihm vorm Kerker bangt.

1830

Verse,
nachts verfasst
während einer Schlaflosigkeit


Ich schlafe nicht, kein Lichtlein brennt,
Nur Finsternis, lästiges Sinnen.
Eintönig an Zeit erinnert
Meine Uhr, die leis ertönt.
Weibisch hör ich Parzen plappern,
Nächtlich-stilles Schlafgerappel,
Mäuselebens Trippelschlich –
Warum nur bewegt es mich?
Ist's das Murren, ist's das Klagen
Der von mir verprassten Tage,
Was aus diesem Flüstern spricht?
Was nur willst du mir bedeuten?
Rufst du, Zukunft anzudeuten?
Ich versuch dich zu verstehn,
Einen Sinn in dir zu sehn...

1830


Zur fernen Küste deiner Heimat
Verließest du das fremde Land;
In unvergessener, trauriger Stunde
Lang ich weinend vor dir stand.
Meine erkaltenden, bebenden Hände
Suchten dich zurückzuhalten;
Mein Seufzen bat, nicht zu beenden
Des Abschieds quälerisches Walten.

Doch meinen bittren Zärtlichkeiten
Sich dein Lippenpaar entwand;
Aus der Verbannung finstren Weiten
Riefst du mich ins andre Land.
Du sprachst: »Am Tag des Wiedersehens
Unterm ewig blauen Himmel
Im Schatten der Oliven stehend,
Wird uns neu die Liebe finden.«

Doch, weh, wo hell der Himmelsbogen
Im blauen Glitzerlicht erstrahlt,
Olive Schatten gibt den Wogen,
Dort schläfst du deinen letzten Schlaf.
Und deine Schönheit, deine Leiden
Die Grabesurne mit sich nahm –
Und auch den Kuss des treuen Freundes...
Doch warte nur, er folgt dir nach...

1830


Das Echo
Brüllt wild ein Tier im dichten Wald,
Ob Donnern dröhnt, ein Horn erschallt,
Ob hinterm Berg ein Mädchen singt –
    Was auch erklingt:
Durch leeren Äther dann schon bald
    Dein Nachhall dringt.

Du lauschst gewittrigem Gedröhn,
Dem Wellenlauf, dem Sturmgestöhn,
Dem Ruf des Schnitters, und du schickst
    Ihm Antwort zu;
Und keiner fragt danach... So bist,
    Poet, auch du!

1831

Vor Wahnsinn mög mich Gott bewahrn.
Nein, besser Ranzen, Wanderstab
     Und Hunger, schwere Bürden.
Nicht, dass ich des Verstandes Glühn
Verehrte, dass ich mich von ihm
     Nicht freudig trennen würde:

Denn, wenn man mich in Freiheit ließ,
Wie eilig dann mein Fuß doch lief
     In einen dunklen Wald!
Ich sänge flammend, wie im Fieber,
Verlöre mich im Dunst der Lieder,
     In wirren Träumen bald.

Und lauschte Wellen alle Zeit
Und schaute, voll Glückseligkeit,
     In Himmel, völlig leer;
Und ich wär stark, ununterdrückt,
Ein Wirbelsturm, der Felder pflügt,
     Der einen Wald zerstört.

Das Schlimme ist: wirst du verrückt,
Hält man dich für ein Pestgezücht
     Und sperrt dich sofort ein,
Legt dann in Ketten diesen Irren
Und zu dem Gitter, wie bei Tieren,
     Kommt man, um dich zu reizen.

Und nachts dann würden mir erschalln
Nicht der Gesang der Nachtigalln,
     Flüsternde Eichenblätter –
Nur der Genossen Wehgeschrei,
Von Wächtern: nächtliches Gekeif,
     Und's Klirren schwerer Ketten.

1833


Gefährtin, es wird Zeit! Das Herz verlangt nach Ruh –
Die Tage fliehen hin, und jede Stund im Nu
Verschlingt ein Stück des Seins: Wir wollten grad zu zwein
Das Leben neu beginnen – schon holt der Tod uns ein.
Die Welt enthält kein Glück, doch gibt es Ruh und Frieden.
Schon längst träumt mir ein Los, beneidenswert hienieden,
Schon lang, als müder Sklave, plante ich die Flucht
Ins ferne Gut, wo Arbeit und Zärtlichkeit uns ruft.

1834

Auf solches sagt man mir mit ungläubigem Lächeln:
Als Dichter sind sie bloß ein Abweichler und Frechling,
Sie foppen uns doch nur – sie brauchen keinen Ruhm,
Als lächerlich und flüchtig bezeichnet ihn ihr Spott;
Fur wen nur schreiben sie? – Ich? für mich selbst. – Warum
Lassen sie's dann drucken? – Für Geld. – Du lieber Gott!
Wie peinlich! – Ja? Warum?

1835

(Aus Pindemonte) *
Der laute Ruf nach Rechten hat mich nie geschert,
Kein einziges von ihnen hat je das Herz betört.
Ich murre nicht deswegen, weil Götter mir versagten,
In zärtlicher Beschwernis die Steuern zu beklagen
Oder Zarn zu störn, einander zu bekriegen;
Ob es der Presse freisteht, Idioten zu betrügen
Oder ob Zensoren, empfindlich, dumme Schwätzer
Am Spaltenfüllen hindern, kann mich kaum verletzen.
Das sind nur Worte, Worte, Worte weiter nichts,
Auf andre, bessre Rechte leg ich mehr Gewicht;
Die andre, bessre Freiheit ist mir mehr vonnöten;
Vom Zaren abzuhängen oder von Proleten –
Ist das nicht völlig gleich? Gott mit euch!
                                                                 Aber keinem
Je Rechenschaft zu geben, sich selber nur zu meinen
Beim Schaffen und im Dienst; für Macht und für Livreen –
Gewissen und Gedanken, den Hals nicht zu verdrehen;
Zu schlendern hier und dort, nach eigner Lust und Laune
Die gottgegebne Schönheit der Natur bestaunen,
Und durch die Schöpfungen von Geist und Kunst verführt,
In freudiger Entzückung zu zittern tief gerührt.
– Das nenn ich Glück! Hier liegen Rechte...

1836

   

            Wenn ich hinter der Stadt nachdenklich spaziere,
Die Schritte mich zum Friedhof, dem öffentlichen, führen,
Wo Gitterstäbe, Säulchen, geschmückte Gräber sind,
Wo man all die Toten dieser Hauptstadt find't,
Die im Sumpf verfaulen, in Reihen eng durchmischt,
Wie Gäste voller Gier an eines Bettlers Tisch,
Die Händler und Beamten in ihrem Mausoleen,
Die ein Steinmetz billig mit Schnörkelwerk versehen,
Über ihnen stehn, in Vers und Prosa, Sprüche
Die über guten Taten, von Rang und Dienst berichten;
Beim Alten, dem gehörnten, der Witwe Liebesklagen;
Auch Säulen, wo die Diebe frech die Urnen stahlen,
Glitschig-freche Gruben liegen hier bereit,
Erwarten gähnend schon den Gast zur Morgenzeit, –
Solch Gedankenwirrnis strömt hier auf mich ein,
Bis eine böse Trauer voller Ärger greint.
Da spuck ich drauf, will fliehn...
 Wie angenehm dagegen
Am Abend, wenn im Herbst sich still die Blätter regen,
Den heimatlichen Friedhof im Dorfe zu besuchen,
Wo die Toten schlummern in feierlicher Ruhe,
Dort ungeschmückten Gräbern Raum zum Atmen blieb;
Hier kraucht in dunkler Nacht auch nicht der blasse Dieb;
Bei ehrfürchtigen Steinen, die gelbes Moos bedeckt,
Geht ein Landmann lang, seufzt, spricht ein Gebet;
Anstelle eitler Urnen, gezierter Pyramiden,
Nasenloser Genien, zerzauster Karyatiden
Steht eine Eiche weit über geehrten Gräbern,
Die leise schwankt und rauscht...

1836


                    Exegi monumentum
Ein Denkmal schuf ich mir, wie's keine Hand je baute,
Zu dem nie überwuchern wird der völkerreiche Pfad,
Sein Haupt sich in den Himmel weitaus höher schraubte,
        Als es die Alexandersäule tat.

Ganz sterben werd ich nie – es überlebt die Leier
Den Staub und jede Fäulnis als der Seele Testament,
Ich werde auf der Welt unter dem Mond gefeiert,
        Solange noch ein Dichter lebt und denkt.

Im großen weiten Russland wird man von mir hören
Und meinen Namen nennt lebendig voller Glück
Der stolze Slavenenkel, der Finne, es gehören
        Tungusen jetzt dazu, in der Steppe der Kalmück.

Und lange wird das Volk mir danken voller Liebe,
Weil ich mit Leierklang das Herz zum Guten rief,
Weil ich in böser Zeit den Geist der Freiheit rühmte,
        Geächtete so teilnahmsvoll beschrieb.

Bleib, Muse, stets gehorsam göttlichen Befehlen,
Fürchte keine Kränkung, dem Kranz nicht zugeneigt.
Verleumdung oder Lob nimm gleichgültig entgegen
        Und suche mit dem Dummkopf keinen Streit.

1836

Michail Lermontov

Der Kelch des Lebens

Wir trinken aus des Daseins Kelch,
    Die Augen fest verschlossen,
Und haben auf den goldnen Rand
    Schon Tränen viel vergossen;

Wenn aber uns der nahnde Tod
    Das Augenband entwindet,
Und alles, was uns Freude bot,
    Mit diesem Band entschwindet,

Dann sehen wir: es stellt sich leer
    Die goldne Schale dar,
Der Trank in ihr – ein Traum, und mehr:
    Sie gar nicht unsre war.

1831

Sollt ich auch irgendeine lieben:
Die Liebe schmückt mein Leben nicht,
Ist stets als dunkler Fleck geblieben
Meinem Herz; sie brennt – kein Licht.
Da Feindschaft mich zum Handeln treibt,
Lebe ich so, wie andre sterben:
Wie der Allmächtige – allein
In schöner Welt – mir zum Verderben.

1831


Ein Segler

Einsam glänzt ein weißes Segel
In des Meeres blauem Nebel!
Von der Fremde, was verlangt's?
Was verblieb am Heimatstrand?..

Winde heulen, treiben Wogen,
Und der Mast knarrt weggebogen...
Weh, der Segler sucht kein Glück,
Und er weist es nicht zurück!

Unter ihm strömt helle Bläue,
Golden strahlt die Sonn' aufs neue...
Mit der Windsbraut will er rechten,
Als wenn Stürme Ruhe brächten!

1832



Hoffnung – wäre ihr zu trauen,
Hätt ich bessres zu erwarten.
Auch wenn sie an Trennung glauben,
die Erinn'rung wird verharren. –
Fern am andern Ufer schlendernd,
Werd ich ihnen lange folgen,
Kommen, wenn sie ängstlich rufen,
Falls Gewitter drohen sollten.

1832


Gebet

Wenns Leben voll Beschwernis ist
Und Gram das Herz bezwingt:
Dann ein Gebet beschwöre ich,
Das wunderbar erklingt.

Voll Kraft und voller Segen ist
Der Worte Harmonie,
Denn Heilig-Unverständliches
Erfüllt mit Leben sie.

Von meiner Seele fällt die Last,
Der Zweifel? Er ist weit –
Ein Glauben, Weinen mich erfasst,
Und alles wird so leicht...

1839


Gelangweilt und traurig

Gelangweilt und traurig! – kein einziger steht mehr bereit,
        Die helfende Hand dir zu reichen...
Noch Wünsche?.. die fruchtlosen Hoffnungen keimen stets neu,
        Während die Jahre, die besten, verstreichen.

Und Liebe! – zu wem denn? – die flüchtige hat keinen Wert,
        Die ewigen Lieben vergehen...
Du schaust in dich selbst? – Vergangenes bleibt dir verwehrt,
        Die leidigen, freudigen Spuren verwehen.

Begehren! – doch muss diesen süßen Betrug mit der Zeit
        Der klare Verstand nicht verwerfen?..
Vom Leben bleibt, wenn du es kälter betrachtend umkreist,–
        Nur eine Ansammlung dämlicher Scherze!

1840


Wiegenlied der Kosaken


Schlaf, mein Kindchen, du mein kleines,
        schlafe ruhig ein.
Still, im Lichte seines Scheines
        schaut der Mond herein.
Ich erzähle dir ein bisschen,
        sing ein Liedchen, fein.
Du, träum süß, die Äuglein schließe,
        schlafe ruhig ein.

Über Steine gießt der Terek
        plätschernd trübe Wog'n;
Der Tschtschene hat, versteckt,
        seinen Dolch gezog'n;
Doch dein Vater, stark und mutig,
        wird stets Sieger sein.
Schlaf, mein Kindchen, sei beruhigt,
        schlafe ruhig ein.

Du wirst wissen, wann es Zeit ist,
        wann dein Kampf beginnt,
Mutig blickend auf dem Pferd sitzt,
        das Gewehr dir nimmst.
Schmücken werden deinen Sattel meine
        Seidenstickerein.
Schlaf, mein Kindchen, du mein eigen,
        schlafe ruhig ein.

Bist vom Kopf bis zu den Zehen
        dann Kosak, ein Mann.
Blickbegleitend werd ich stehen –
        Abschied winkt die Hand...
Wieviel bittre Tränen heimlich
        jene Nacht ich wein´!..
Schlaf, mein Engel, süß und friedlich,
        schlafe ruhig ein.

Eine Sehnsucht wird mich quälen,
        wartend unbedacht,
Alle Tage werd ich beten,
        grübeln in der Nacht;
Werde wissen, wie es quält dich
        heimatfern zu sein.
Schlaf, noch kennst du Sorgen nicht,
        schlafe ruhig ein.

Auf den Weg werd ich dir geben
        der Ikone Bild,
Das bei allen Nachtgebeten
        deine Sehnsucht stillt.
Denke vor des Kampfes Schrecken
        an die Mutter dein!
Schlaf, ich werd dich morgen wecken,
        schlafe ruhig ein.

1840


Der gefangene Ritter

Schweigend im finsteren Kerkerloch sitzend,
Seh ich durchs Guckloch die himmlische Bläue:
Schwermütig kann ich die Vögel erblicken,
Die ihrer völligen Freiheit sich freuen.

Keine Gebete auf sündigen Lippen,
Keine Gesänge, die Liebste zu preisen;
Denk nur noch, wie ich in Kämpfen gelitten,
Ans Schwert, das schwere, den Panzer aus Eisen.

Ein steinerner Helm hält den Kopf mir vermauert,
In steinerner Panzerung sitz ich verriegelt,
Mein Schild ist von Schwertern und Pfeilen entzaubert,
Mein Pferd jagt dahin, von keinem gezügelt.

Die Zeit – ich spür sie dem Pferde gleich rennen,
Des Helmes Visier sind die Schießschartengitter,
Als Panzerung dienen die steinernen Wände,
Geschmiedete Türen sind's Schild ihres Ritters.

Fliehende Zeit, musst schneller noch rennen!
Steinerner Panzer, du nimmst mir den Atem!
Ich wisch vom Gesicht das Visier meiner Tränen;
Der nahende Tod wird den Steigbügel halten.

1840


Warum

Ich bin so schrecklich traurig, weil ich dich so liebe,
Und weiß: nicht einmal deiner Jugend erste Blüte
Werden die Lästernden mit Hohn und Spott verschonen.
Für jeden hellen Tag, und alle süßen Wonnen
Hat dir das Schicksal Tränen, Schwermut zugedacht:
Darum macht mich so traurig, was dich fröhlich macht.

1840



Non, si j'en crois mon espérance,
J'attends un meilleur avenir.
Je serai malgré la distance
Près de vous par le souvenir. –
Errant sur un autre rivage,
De loin je vous suivrai,
Et sur vous si grondait l'orage,
Rappelez-moi, je reviendrai.

1832



Dankbarkeit
Für alles, alles schulde ich dir Dank:
Für die geheime Qual der Leidenschaften,
Für heiße Tränen, für den giftigen Trank
Der Küsse und für das, was Freunde schwatzen;
Für Feindes Rache, für die Seelenglut
Verprasst in dieser Wüste, für den ganzen Lug und Trug,
Den mir das Leben bisher aufgebürdet – – –
Nur eines bitt ich, wenn ich bitten dürfte:
Richt es so ein, dass ich von heute an
Dir nicht mehr schulde soviel Dank!

1840


Nach Goethe


In Nachtfinsternis
Ruhn die Bergeshöhn.
In Taltiefe leis
Frische Nebel entstehn;
Am Weg keine Eile,
Durchs Laub weht kein Hauch...
Wart eine Weile,
Dann ruhest du auch.

1840



Denkst du noch dran, wie wir am Schluss
Der alten Zeiten Abschied nahmen?
Die Abendstund durchschlug ein Schuss,
Den wir voll Unruhe vernahmen...
Die Lichter waren schon verloschen
Und auf dem Meer lag Nebel dicht,
Der Schlag, an uns vorbeigeschossen,
Weit hinter einer Schlucht verblich.

Nachdem des Tages Mühn beendet,
Denk ich an dich in Traum und Rausch,
Bin öde Wasser langgeschlendert,
Hab Schüssen abends nachgelauscht.
Und während ohne Ende Reihn
Von Welln den eignen Graukopf dämpfen,
Werd' ich von Schmerz gequält und wein'
Und würde gern wie sie verenden...

1841


Was weinst du nur, mein liebes Kind?
Der ist doch keine Träne wert,
Sein Streicheln war ein Scherz – vernimm's!
Sein Lieben kam aus Öde – hör's!
Und sind unsre Georgier denn
So wenig liebenswert zu finden?
In schwarzen Augen Feuer brennt,
Das Mädchenherzen leicht entzündet.

Ihn hat's in unsern Raum verschlagen
Aus einem fremden, fernen Land;
Er wollte rühmlich Schlachten schlagen,–
Was glaubst du, was er an dir fand?
Er gab dir Gold, und gab es gern;
Er schwor, nicht eine hat er lieber.
Ja, dein Liebkosen schätzte er –
Doch deine Tränen hat er über!

1841



               Sie liebten sich beide, doch keiner
               wollt es dem andern gestehn.
                                         Heine

Sie liebten sich beide gar lange und zärtlich,
Rebellisch und lustvoll, und tiefgründig schmerzlich!
Doch, Feinde, vermieden sie Blick und Begegnung,
Und zeigten sich kalt, und bar jeder Regung.

Sie trennten sich stolz, und stumm war ihr Leiden;
Im Traum nur erschienen sich manchmal die beiden. –
Das Jenseits barg Hoffnung: der Tod kam heran...
Doch dort haben beide sich nicht mehr erkannt.

1841


Tamara


Im Schluchtengewirr von Darjal,
Das finster der Terek durchwühlt,
Stand einst an die Felsen gekrallt
Ein Turm, tief in Schwärze gehüllt.

Es hat in des Turms engen Höhn
Die Zarin Tamara gelebt,
Wie himmlische Engel so schön,
Dämonische Pläne sie hegt.

Ein Feuerschein glänzte wie Gold
Im wabernden Nebel der Nacht.
Dem Wanderer schien es so hold
Und mahnte an nächtliche Rast.

Tamaras fein Stimmchen erklang
Voll Leidenschaft und voller Lust,
Als mächtiger Zauber umschlang
Es unsichtbar jegliche Brust.

Es folgten dem süssen Betrug
Der Krieger, der Kaufmann, der Hirt.
Es grüßte ein düstrer Eunuch
In der sich öffnenden Tür.

Mit Perlen bekleidet und Samt
Lag sie im Bett ganz allein.
Es schäumten für sie und den Gast
Pokale voll herrlichem Wein.

Die Lippen berührten sich still,
Als Händchen von Händen erfasst.
Und Klänge, so seltsam und wild,
Ertönten von dort durch die Nacht.

Als wären im einsamen Turm
Wohl einhundert Pärchen vereint,
Zu hochzeitlich freudigem Tun,
Das laut eine Leiche beweint.

Doch kaum dass der Morgen, erstrahlt,
Am Felsen das Sonnenlicht streut,
Beherrschte das finstere Tal
Verschwiegene Stille erneut.

Die Stille der Schlucht von Darjal
Alleine der Terek noch stört,
Der Wellen mit rauschendem Schall
Der Wellenflucht jagt hinterher.

Ein Körper, auf ewig verstummt,
Enteilte mit heulender Flut;
Ein zartweißes Etwas vom Turm
Flüsterte zärtlich: »Mach's gut«.

Es war so ein rührender Abschied,
So süß klang die Stimme noch nach,
Die Wiedersehnsfreude und Liebe
Auf ewig und immer versprach.

1941

1
Ich alleine mach mich auf die Reise;
Durch den Nebel glänzt der raue Weg;
Nächtlich still lauscht Gott die Wüste, leise
Führen Sterne zweisam ein Gespräch.

2
Im feierlichen Himmel – welcher Zauber!
Die Erde schläft im dunkelblauen Licht...
Warum bin ich so schwermütig, so traurig?
Was will ich nur? Und was bedaure ich?

3
Nichts hat mir das Leben noch zu geben,
Das Vergangne hab ich nie bereut;
Freiheit will ich, Ruhe; ich erstrebe
Das Vergessen, das der Schlaf bereitet! –

4
Aber nicht den kalten Schlaf der Gräber...
Von dem Tode hätt ich gern gewusst,
Der in sich so Lebenskräfte bärge,
Dass sich atmend hebt die stille Brust;

5
Dass, bei Tag und Nacht mein Ohr verführend,
Eine Stimme singt vom Liebesrausch,
Und dass über mir auf ewig grünend
Eine dunkle Eiche wogt und rauscht.

1841


Die Meeresprinzessin


Es badet sein Streitross im Ozean
Ein Prinz und hört: »He, Prinz, schau mich an!«

Es schnaubt das Ross, spitzt ängstlich die Ohrn,
Und plätschert, und spritzt, und schwimmt schnell davon.

»Auch ich bin ein Zarenkind!«, hört da der Prinz,
»Wenn du mich willst, ist die Nacht dir bestimmt!«

Es zeigt sich im Wasser ein Händchen und fasst
Das seidene Zaumzeug am prächtigen Quast.

Jugendlich steigt aus dem Wasser ein Kopf,
Seegras umwindet den goldenen Zopf.

Strahlende Augen vor Liebeslust glühn,
Tropfen wie Perlen das Hälschen umziehn.

Da denkt der Prinz: »Gut! Die kommt mir recht!«
Und greift mit der Hand des Zopfes Geflecht.

Gepackt unerbittlich – der Krieger bleibt hart –
Wimmert sie, bettelt, beißt sie und kratzt,

Während der Recke sie stolz mit sich nimmt,
Die Freunde herbeiruft, das Ufer erklimmt.

»Heda, Gefährten, herbei! Schaut mal her!
Hier, diesen Schatz zog ich aus dem Meer!

Was glotzt ihr, als ob ihr den Augen nicht traut,
Als ob ihr noch nie solche Schönheit geschaut?«

Es wendet der Prinz seine Augen zurück.
Ach je, da verging ihm der strahlende Blick.

Er sieht, es windet im goldenen Sand
Ein Meeresgetier den grünlichen Schwanz;

Der Schwanz ist von glänzenden Schuppen bedeckt.
Da es sich windet, ersterbend sich streckt,

Zerfließt in schäumenden Strömen das Haupt,
Und tödliches Dunkel verschleiert das Aug'.

Die weißlichen Arme zerwühlen den Sand,
Der Mund flüstert Vorwürfe, keinem bekannt...

Gedankenvoll reitet der Zarensohn fort,
Nimmer vergisst er die Zartochter dort!

1841


Der Prophet


Seit jener Zeit als mir der Herr
Prophetische Erkenntnis schenkte,
Les ich nur Laster, Hass und Schmerz
In den Augen aller Menschen.

Die reine Lehre tat ich kund,
Durch Liebe wollte ich vereinen:
Die Nächsten aber lachten und
Bewarfen mich mit Steinen.

Asche streute ich aufs Haupt,
Die Städte floh ich ohne Habe
Und teilte, durch die Wüste laufend,
Mit den Vögeln Gottesgaben.

Die Schöpfung ist mein treuer Hort,
Weil ich Sein Testament bewahre;
Die Sterne lauschen meinem Wort,
Wie freudig spielen ihre Strahlen!

Doch wenn ich in die laute Stadt
Mich vorübergehend wage,
Die selbstgerechten Alten da
Lächelnd ihren Kindern sagen:

»Nehmt euch seines Beispiels an,
Er war zu stolz, mit uns zu leben:
Der Dummkopf glaubt in seinem Wahn,
Dass Gott mit seiner Zunge redet!

Betrachtet, Kinder, wie er schleicht
Ganz nackt und arm durch unsre Gassen!
Wie dürr er ist, wie finster, bleich, –
Und wie ihn alle Menschen hassen!«

1841



Hoffnung – wäre ihr zu trauen,
Hätt ich bessres zu erwarten.
Auch wenn sie an Trennung glauben,
die Erinn'rung wird verharren. –
Fern am andern Ufer schlendernd,
Werd ich ihnen lange folgen,
Kommen, wenn sie ängstlich rufen,
Falls Gewitter drohen sollten.

1832


Gebet

Wenns Leben voll Beschwernis ist
Und Gram das Herz bezwingt:
Dann ein Gebet beschwöre ich,
Das wunderbar erklingt.

Voll Kraft und voller Segen ist
Der Worte Harmonie,
Denn Heilig-Unverständliches
Erfüllt mit Leben sie.

Von meiner Seele fällt die Last,
Der Zweifel? Er ist weit –
Ein Glauben, Weinen mich erfasst,
Und alles wird so leicht...

1839


Gelangweilt und traurig

Gelangweilt und traurig! – kein einziger steht mehr bereit,
        Die helfende Hand dir zu reichen...
Noch Wünsche?.. die fruchtlosen Hoffnungen keimen stets neu,
        Während die Jahre, die besten, verstreichen.

Und Liebe! – zu wem denn? – die flüchtige hat keinen Wert,
        Die ewigen Lieben vergehen...
Du schaust in dich selbst? – Vergangenes bleibt dir verwehrt,
        Die leidigen, freudigen Spuren verwehen.

Begehren! – doch muss diesen süßen Betrug mit der Zeit
        Der klare Verstand nicht verwerfen?..
Vom Leben bleibt, wenn du es kälter betrachtend umkreist,–
        Nur eine Ansammlung dämlicher Scherze!

1840


Wiegenlied der Kosaken

Schlaf, mein Kindchen, du mein kleines,
        schlafe ruhig ein.
Still, im Lichte seines Scheines
        schaut der Mond herein.
Ich erzähle dir ein bisschen,
        sing ein Liedchen, fein.
Du, träum süß, die Äuglein schließe,
        schlafe ruhig ein.

Über Steine gießt der Terek
        plätschernd trübe Wog'n;
Der Tschtschene hat, versteckt,
        seinen Dolch gezog'n;
Doch dein Vater, stark und mutig,
        wird stets Sieger sein.
Schlaf, mein Kindchen, sei beruhigt,
        schlafe ruhig ein.

Du wirst wissen, wann es Zeit ist,
        wann dein Kampf beginnt,
Mutig blickend auf dem Pferd sitzt,
        das Gewehr dir nimmst.
Schmücken werden deinen Sattel meine
        Seidenstickerein.
Schlaf, mein Kindchen, du mein eigen,
        schlafe ruhig ein.

Bist vom Kopf bis zu den Zehen
        dann Kosak, ein Mann.
Blickbegleitend werd ich stehen –
        Abschied winkt die Hand...
Wieviel bittre Tränen heimlich
        jene Nacht ich wein´!..
Schlaf, mein Engel, süß und friedlich,
        schlafe ruhig ein.

Eine Sehnsucht wird mich quälen,
        wartend unbedacht,
Alle Tage werd ich beten,
        grübeln in der Nacht;
Werde wissen, wie es quält dich
        heimatfern zu sein.
Schlaf, noch kennst du Sorgen nicht,
        schlafe ruhig ein.

Auf den Weg werd ich dir geben
        der Ikone Bild,
Das bei allen Nachtgebeten
        deine Sehnsucht stillt.
Denke vor des Kampfes Schrecken
        an die Mutter dein!
Schlaf, ich werd dich morgen wecken,
        schlafe ruhig ein.

1840


Der gefangene Ritter

Schweigend im finsteren Kerkerloch sitzend,
Seh ich durchs Guckloch die himmlische Bläue:
Schwermütig kann ich die Vögel erblicken,
Die ihrer völligen Freiheit sich freuen.

Keine Gebete auf sündigen Lippen,
Keine Gesänge, die Liebste zu preisen;
Denk nur noch, wie ich in Kämpfen gelitten,
Ans Schwert, das schwere, den Panzer aus Eisen.

Ein steinerner Helm hält den Kopf mir vermauert,
In steinerner Panzerung sitz ich verriegelt,
Mein Schild ist von Schwertern und Pfeilen entzaubert,
Mein Pferd jagt dahin, von keinem gezügelt.

Die Zeit – ich spür sie dem Pferde gleich rennen,
Des Helmes Visier sind die Schießschartengitter,
Als Panzerung dienen die steinernen Wände,
Geschmiedete Türen sind's Schild ihres Ritters.

Fliehende Zeit, musst schneller noch rennen!
Steinerner Panzer, du nimmst mir den Atem!
Ich wisch vom Gesicht das Visier meiner Tränen;
Der nahende Tod wird den Steigbügel halten.

1840


Warum


Ich bin so schrecklich traurig, weil ich dich so liebe,
Und weiß: nicht einmal deiner Jugend erste Blüte
Werden die Lästernden mit Hohn und Spott verschonen.
Für jeden hellen Tag, und alle süßen Wonnen
Hat dir das Schicksal Tränen, Schwermut zugedacht:
Darum macht mich so traurig, was dich fröhlich macht.

1840


 
Dankbarkeit

Für alles, alles schulde ich dir Dank:
Für die geheime Qual der Leidenschaften,
Für heiße Tränen, für den giftigen Trank
Der Küsse und für das, was Freunde schwatzen;
Für Feindes Rache, für die Seelenglut
Verprasst in dieser Wüste, für den ganzen Lug und Trug,
Den mir das Leben bisher aufgebürdet – – –
Nur eines bitt ich, wenn ich bitten dürfte:
Richt es so ein, dass ich von heute an
Dir nicht mehr schulde soviel Dank!

1840


Nach Goethe


In Nachtfinsternis
Ruhn die Bergeshöhn.
In Taltiefe leis
Frische Nebel entstehn;
Am Weg keine Eile,
Durchs Laub weht kein Hauch...
Wart eine Weile,
Dann ruhest du auch.

1840


* * *
Denkst du noch dran, wie wir am Schluss
Der alten Zeiten Abschied nahmen?
Die Abendstund durchschlug ein Schuss,
Den wir voll Unruhe vernahmen...
Die Lichter waren schon verloschen
Und auf dem Meer lag Nebel dicht,
Der Schlag, an uns vorbeigeschossen,
Weit hinter einer Schlucht verblich.

Nachdem des Tages Mühn beendet,
Denk ich an dich in Traum und Rausch,
Bin öde Wasser langgeschlendert,
Hab Schüssen abends nachgelauscht.
Und während ohne Ende Reihn
Von Welln den eignen Graukopf dämpfen,
Werd' ich von Schmerz gequält und wein'
Und würde gern wie sie verenden...

1841


* * *
Was weinst du nur, mein liebes Kind?
Der ist doch keine Träne wert,
Sein Streicheln war ein Scherz – vernimm's!
Sein Lieben kam aus Öde – hör's!
Und sind unsre Georgier denn
So wenig liebenswert zu finden?
In schwarzen Augen Feuer brennt,
Das Mädchenherzen leicht entzündet.

Ihn hat's in unsern Raum verschlagen
Aus einem fremden, fernen Land;
Er wollte rühmlich Schlachten schlagen,–
Was glaubst du, was er an dir fand?
Er gab dir Gold, und gab es gern;
Er schwor, nicht eine hat er lieber.
Ja, dein Liebkosen schätzte er –
Doch deine Tränen hat er über!

1841


               Sie liebten sich beide, doch keiner
               wollt es dem andern gestehn.
                                         Heine

Sie liebten sich beide gar lange und zärtlich,
Rebellisch und lustvoll, und tiefgründig schmerzlich!
Doch, Feinde, vermieden sie Blick und Begegnung,
Und zeigten sich kalt, und bar jeder Regung.

Sie trennten sich stolz, und stumm war ihr Leiden;
Im Traum nur erschienen sich manchmal die beiden. –
Das Jenseits barg Hoffnung: der Tod kam heran...
Doch dort haben beide sich nicht mehr erkannt.

1841


Tamara
Im Schluchtengewirr von Darjal,
Das finster der Terek durchwühlt,
Stand einst an die Felsen gekrallt
Ein Turm, tief in Schwärze gehüllt.

Es hat in des Turms engen Höhn
Die Zarin Tamara gelebt,
Wie himmlische Engel so schön,
Dämonische Pläne sie hegt.

Ein Feuerschein glänzte wie Gold
Im wabernden Nebel der Nacht.
Dem Wanderer schien es so hold
Und mahnte an nächtliche Rast.

Tamaras fein Stimmchen erklang
Voll Leidenschaft und voller Lust,
Als mächtiger Zauber umschlang
Es unsichtbar jegliche Brust.

Es folgten dem süssen Betrug
Der Krieger, der Kaufmann, der Hirt.
Es grüßte ein düstrer Eunuch
In der sich öffnenden Tür.

Mit Perlen bekleidet und Samt
Lag sie im Bett ganz allein.
Es schäumten für sie und den Gast
Pokale voll herrlichem Wein.

Die Lippen berührten sich still,
Als Händchen von Händen erfasst.
Und Klänge, so seltsam und wild,
Ertönten von dort durch die Nacht.

Als wären im einsamen Turm
Wohl einhundert Pärchen vereint,
Zu hochzeitlich freudigem Tun,
Das laut eine Leiche beweint.

Doch kaum dass der Morgen, erstrahlt,
Am Felsen das Sonnenlicht streut,
Beherrschte das finstere Tal
Verschwiegene Stille erneut.

Die Stille der Schlucht von Darjal
Alleine der Terek noch stört,
Der Wellen mit rauschendem Schall
Der Wellenflucht jagt hinterher.

Ein Körper, auf ewig verstummt,
Enteilte mit heulender Flut;
Ein zartweißes Etwas vom Turm
Flüsterte zärtlich: »Mach's gut«.

Es war so ein rührender Abschied,
So süß klang die Stimme noch nach,
Die Wiedersehnsfreude und Liebe
Auf ewig und immer versprach.

1941


Der Prophet
Seit jener Zeit als mir der Herr
Prophetische Erkenntnis schenkte,
Les ich nur Laster, Hass und Schmerz
In den Augen aller Menschen.

Die reine Lehre tat ich kund,
Durch Liebe wollte ich vereinen:
Die Nächsten aber lachten und
Bewarfen mich mit Steinen.

Asche streute ich aufs Haupt,
Die Städte floh ich ohne Habe
Und teilte, durch die Wüste laufend,
Mit den Vögeln Gottesgaben.

Die Schöpfung ist mein treuer Hort,
Weil ich Sein Testament bewahre;
Die Sterne lauschen meinem Wort,
Wie freudig spielen ihre Strahlen!

Doch wenn ich in die laute Stadt
Mich vorübergehend wage,
Die selbstgerechten Alten da
Lächelnd ihren Kindern sagen:

»Nehmt euch seines Beispiels an,
Er war zu stolz, mit uns zu leben:
Der Dummkopf glaubt in seinem Wahn,
Dass Gott mit seiner Zunge redet!

Betrachtet, Kinder, wie er schleicht
Ganz nackt und arm durch unsre Gassen!
Wie dürr er ist, wie finster, bleich, –
Und wie ihn alle Menschen hassen!«

1841

Anna Achmatova

(1889 – 1966)

Wir trafen uns zum letzten Mal da,
Wo wir uns immer trafen, an der Uferstraße.
Die Newa stand sehr hoch, es drohte die Gefahr,
Die Überschwemmung könnte bald die Stadt erfassen.

Er sprach vom Sommer und hat rumgemault,
Vor Dichterinnen soll ihn Gott bewahren.
Ich dachte an die Festung Peter-Paul
Und an das ewig hohe Haus der Zaren! –

Die wunderbare Luft, die Gott uns schenkt,
Sie war von da an zwischen uns geschieden.
Und diese Stunde gab mir als Geschenk
Das letzte aller wahnerfüllten Lieder.

Januar 1914

Sind frische Worte, einfaches Gefühl
Für uns nicht das, was für den Maler – Sehen,
Dem Schauspieler – die Stimme und Bewegung,
Der schönen Frau – ihr schönes Spiegelbild?

Doch hüte dich, das in dir zu verschließen,
Was überreich der Himmel dir geschenkt:
Wir sind verurteilt – wie wir selber wissen –
Nicht aufzuhäufen, sondern zu verschenken.

Geh hin, allein, und heile alle Blinden,
Damit du in der Zweifelsstunde siehst,
Wie deine Schüler schadenfroh sich winden
Und in der Menge keiner dich vermisst.

1915



Du bist verrückt! Soll dir gehorsam sein?
Gehorsam bin ich nur dem HERRN allein.
Ich mag nicht zittern, ängstliche Bedrängnis,
Der Mann ist mir ein Richter und sein Haus Gefängnis.

Sieh es doch ein! Ich kam von ganz allein;
Dezemberwinde heulten, durcheilten Feld und Rain,
Es war so warm und hell in deiner Enge,
Weil man vorm Fenster Finsternis verhängte.

So schlägt ans Fensterglas der Vogel immer wieder
Mit ganzem Körper, weil der Winter kalt und feucht,
Und Blut befleckt sein weißliches Gefieder.

Doch jetzt ist mir so ruhig und so leicht.
Leb wohl, mein stiller Freund, bin dir auf ewig gut
Für die Erlaubnis, dass die Fremde in deinem Haus geruht.

1921


Mit denen bin ich nicht, die Erde überließen
Den Feinden zur Zerstückelung, zum Fraß.
Der Grobheit werd ich stets mein Ohr verschließen,
Kein Lied ich denen überlass.

Und der Verbannte? – Werd ihn stets bedauern,
Wie ist er eingeschlossen, kränkelt in der Not!
Dein dunkler Weg wird, Pilger, lange dauern,
Nach Wermut duftet fremdes Brot.

Doch hier, wo dichter Qualm und Feuerrauch
Den letzten Rest von Jugend uns erstickt,
Hier weichen wir nicht einem Schlage aus,
Und treten keinen einzgen Schritt zurück.

Wir wissen, dass von denen, die uns folgen,
Nicht eine Stunde Leids vergessen wird,
Denn auf der Welt ist niemand tränenloser,
Hochmütiger und einfacher als wir.

Juli 1922
Petersburg



Ich brauch' keine Heerschar von tosenden Oden
Und Liebreiz elegischen Läutens.
Bei mir geht der Vers niemals nach der Mode,
Nie ist er so, wie bei den Leuten.

Ja, wüsstet ihr nur, in welchem Dreck
Die Dichtung wächst, sich schamlos bettet,
Wie gelber Löwenzahn am Weg,
Wie Ackerwinden oder Kletten.

Gekreisch und frischer Teergeruch,
Geheimnisvoller Schimmel an den Wänden...
Schon klingt der Vers, ist zärtlich, flucht,
Um Freude dir und mir zu spenden.

21. Januar 1940

Kleopatra
              Alexandrias Paläste
              Deckte längst ein süßer Schatten.
                                Puschkin

Der tote Mund des Antonius war längst geküsst,
Längst vor Augustus auf Knien die Tränen geflossen...
Von Dienern verraten. Die Siegesposaunen protzten
Unter dem römischen Adler, in Nachtfinsternis.
Da kommt schon der letzte, den ihre Schönheit gepeinigt,
Hochgewachsen und stark, doch er flüstert und wimmert:
»Er wird dich – als Sklavin... auf dem Triumphzug zeigen...«
Doch neigt sich ihr Schwanenhals ganz so ruhig wie immer.

Die Kinder sind morgen in Ketten. Ihr blieb nicht mehr viel
Zu tun auf der Welt – noch mit einem Landmann zu scherzen,
Die schwarze Natter zum traurigen Abschied noch mild
Mit ruhiger Hand an die tiefbraune Brust sich zu setzen.

7. Februar 1940

M. Bulgakov zum Gedenken
Dies hier, es ist für dich, statt Rosen auf dein Grab,
Anstatt dir Weihrauch zu entfachen;
Du lebtest so grausam und hast bis zum Ende bewahrt
Die gewaltige Kraft der Verachtung.
Du trankst den Wein und scherztest wie sonst keiner,
Und bist in engen Wänden fast erstickt,
Die Schreckensfrau, du ließt sie zu dir ein
Und teiltest ganz allein mit ihr's Geschick.
Du bist nicht mehr, und alles schweigt jetzt rings,
Von deinem hohen, tiefbedrückten Leben,
Nur meine Stimme ist's, die wie die Flöte klingt,
Die Totenklage schweigsam zu erheben.
Wer hätte wohl geglaubt, dass ich, die halb im Wahn,
Ich Klageweib längst ausgestorbner Tage,
Ich Schwelende nach langem Feuerbrand,
Die alles verlor, die alle vergessen haben,
Dir nun gedenken muss, dir, der so voller Kraft,
Voll heller Pläne willensstark gestritten,
Der du wohl gestern noch mit mir gesprochen hast,
Den Schmerz verbergend und des Todes Zittern.

März 1940
Fontannyj Dom

Von den Versen
                                      Für Vladimir Narbut

Sie sind ausgepresste Nächte,
Sie sind schwarzer Dochte Krümmung,
Sie sind erste Morgenschläge
Hundert weißer Glockentürme...
Sie sind warme Fensterbretter
Unterm Mond von Cernigov.
Sie sind Bienen, Steinkleeblätter,
Finsternis, Staub, Hitze oft.

April 1940
Moskau


An Blok
Er hatte recht: Laterne, Apotheke,
Von neuem das Schweigen, die Newa, Granit...
Als Denkmal des Jahrhundertbeginns
Ist dieser Mensch dort zu sehen –
Wie er dem Puschkin-Haus am Kai
Zum Abschied mit der Hand noch winkte
Und dann in der tödlichsten Mattigkeit
Die Ruhe nicht fand, die er verdiente.

7. Juni 1946


Epigramm
Hat Beatrice, so wie Dante, auch gedichtet
Oder Laura Liebesgluten hoch gerühmt?
Im Dichten hab ich Frauen unterrichtet!
Nur Gott weiß, wie man sie zum Schweigen bringt...

1958


Die Muse


Wie soll ich nur leben mit dieser Last,
Der man den Namen MUSE verpasst.
Man sagt: »Du hast ihr auf Wiesen gelauscht...«
Man sagt: »Das ist göttliches Lallen...«
Die grausamsten Wunden reißt ihre Kralle;
Ein Jahr lang dann wieder – kein Laut.

1959


Der Dichter


Ach was, eine Arbeit auch das,
Dies Leben, das sorglos sich schlägt?
Heraushören aus der Musik irgendwas,
Es scherzhaft dann als »meins« auszugeben.

Wenn man jemandes fröhliches Scherzo
In einige Zeilen gebettet hat,
Zu schwören, dass kränklich ein Herz so
Stöhnt beim Anblick von Halm und Blatt.

Dann später den Wald zu belauern,
Die Kiefern am schweigsamen Weg,
Solange der rauchige, graue
Vorhang des Nebels überall schwebt.

Ich nehme zur Linken, zur Rechten
Und kenne kein Schuldgefühl,
Ein bisschen vom Leben, dem schlechten,
Und alles – von der nächtlichen Stille.

Sommer 1959
Komarovo


Das jüngste Gedicht

Das eine, wie Donner von jemand geweckt,
Das Haus mit lebendigem Atem durchfegt,
Es lacht und tänzelt ohne Ende,
Es zittert am Hals und klatscht in die Hände.

Ein andres, geboren in Mitternachtsstille,
Stahl sich zu mir, entgegen dem Willen.
Es schaut aus dem Spiegel und nörgelt
Und brummelt etwas verärgert.

Auch solche gab's: am hellichten Tag,
Fast so, als wäre ich selbst gar nicht da,
Strömten sie über das weiße Papier,
Wie reine Quellen durch Erdspalten schwirrn.

Und jenes noch: geheimnisvoll schaut's,
Unsichtbar lauert's, nicht Farbe, nicht Laut;
Es windet sich, ändert sich, rangelt
Und lässt sich mit Händen nicht fangen.

Doch tropfenweise trank dies hier mein Blut,
Wie Gören verächtlich die Liebesglut,
Und, ohne ein Wort mir zu borgen,
Ist es zu Schweigen geworden.

Und nie kannte ich eine schwerere Not.
Es ging, seine Spuren führen weit fort:
Ins fernste der äußersten Reiche.
Ich sterbe... und kann's nicht erreichen.

1. Dezember 1959
Leningrad

Heimaterde
          Und auf der Welt ist niemand tränenloser,
          Hochmütiger und einfacher als wir.
1922

Wir tragen sie nicht auf der Brust in Broschen,
Wir dichten schluchzend keinen Vers auf sie,
Kein bittrer Traum hat sich aus ihr ergossen,
Wir sehn sie nicht als künftges Paradies,
Wir machen sie in unsrer Seele nicht
Zum Gegenstand von Ankauf und Verkauf,
Und er, der arm und krank über sie schlich,
Nahm sie nicht einmal in sein Beten auf.
Ja, für uns ist das Schmutz auf Galoschen.
Ja, für uns ist das Sand beim Kaun.
Und wir zermahlen, schlucken und stoßen
Diesen unvermischten Staub.
Und weil wir, zu ihr werdend, uns in sie legen,
Nennen wir sie – die unsrige eben.

1961
Leningrad. Krankenhaus in Gawan.

Im Spiegelland
      O quae beatam, Diva, tenes Cyprum et Memphis
                                     Horaz

Eine Schönheit in frischester Blüte,
Jedoch nicht aus diesem Jahrhundert,
Nie sind wir zu zweit, denn uns stört, –
Die uns niemals verlässt – jene dritte.
Du schiebst ihr den Sessel unter,
Ich teile mit ihr meine Blumen...
Wir wissen selbst nicht, was zu tun ist,
Die Angst steigt mit jeder Minute.
Entkommen demselben Gefängnis
Erinnern wir schreckliche Dinge;
Aus dieser Höllenbedrängnis
Der Ausweg wär: dass wir's nicht sind.

5. Juni 1963
Komarovo

Sergej Esenin

(1895 – 1925)

 

Das Lied vom Hund

Im Heuschober morgens verborgen,
Wo Bastmatten golden sich reihn,
Hat sechs rote Junge geworfen
Die Hündin, sechs Welpen, ganz klein.

Sie hegte bis abends sie zärtlich,
Hat sie mit der Zunge gekämmt,
Der Schnee, den sie erwärmte,
Bäuchlings ist er geströmt.

Doch abends, als alle Hühner
Sich längst auf die Stange gesetzt,
Da kam das Herrchen finster
Und steckt' in den Sack alle sechs.

Sie lief, hat etwas gewittert,
Und ist ihnen nachgejagt,
Noch lange das Wasser erzittert
Dort, wo das Eis aufgehackt.

Sie schleppt sich zurück, ermattet,
Und schleckt von den Seiten den Schweiß,
Der Mond hoch über der Kate
Schien eins ihrer Welpen zu sein.

Ins laute Blau hoch oben
Schaute sie winselnd und bellt,
Ganz schmal ist der Mond gezogen,
Versank hinterm Hügel im Feld.

Und stumm, wie wenn einer zur Täuschung
Statt Fleisch ihr 'nen Stein hingerollt,
Kullerten hündische Äuglein
In den Schnee, wie Sterne von Gold.

1915


Haine nackt, gemähte Felder,
Wasserlauf bringt Nebelwolken.
Als ein Rad die stille Sonne
Hinter blaue Berge rollte.

Weg hat's Träumen angefangen,
Den man neu geebnet grade:
Er muss nicht mehr, nicht mehr lange
Auf den grauen Winter warten.

Ach, ich sah im Nebel gestern
Durch das klangerfüllte Dickicht:
Roter Mond hat sich als Füllen
Eingespannt vor unsern Schlitten.

1917


für L. I. Kašina

Grün ist deine Haarpracht,
Mädchenhaft die Brust,
Was schaust du, schmale Birke,
So lange in den Fluss?

Was flüstern dir die Winde?
Was klimpert dir der Sand?
Magst für der Zweige Flechtwerk
Aus Mondlicht einen Kamm?

Verrat mir das Geheime,
Was du seit Alters denkst,
Dein frühherbstliches Rauschen
Liebe ich schon längst.

Die Birke gibt zur Antwort:
»Mein neugieriger Freund,
Heut nacht hat hier ein Hirte
Tränen viel geweint.

Der Mond warf lange Schatten,
Es leuchtete das Gras.
Meine bloßen Knie
Hielt er lang umfasst.

Und so, mit tiefem Seufzen,
Versprach er: »Bin dir gut!
Leb wohl, mein süßes Täubchen,
Sehn uns beim Kranichzug.«

15. August 1918

für Mariengof

Als letzter bin ich noch ans Dorf gefesselt,
Den Dichtern wird der Brettersteg zu schmal.
Die Birken schwingens Laub wie Weihrauchkessel,
Ich sing das Lied zum letzten Abendmahl.

Mit goldner Flamme brennt die Kerze nieder,
Eine, die man zog aus Körpertalg.
Die Monduhr im Gehölz zeigt mir mal wieder:
Meine Mitternacht erreich ich bald.

Übern Pfad, wo goldne Felder sprossen,
Kommt der Gast aus Eisen schon gerannt.
Hafer sammelt er, rot übergossen,
In der schwarzen, fingerreichen Hand.

Diese fremden Hände ohne Leben
Raufen alles das aus, was ich sing',
Einzig nur der Ähren wilde Pferde
Trauern um den alten Herrn, der ging.

Ihr Gewieher wird der Wind zerstreuen.
Er lädt feierlich zum Totentanz.
Bald schon röchelts Uhrwerk in den Bäumen:
Deine Mitternacht, sie kam heran.

1920


Selbstbetrug will ich nicht länger üben,
Mein schwarzes Herz: von Sorge ist's befallen,
Warum nur heißt es, ich sei ein Betrüger?
Warum nur heißt's, ich wälz mich in Skandalen?

Kein Holzdieb bin ich und kein Missetäter,
Hab keinen Kerkerhäftling je erschossen.
Ich steh auf gutem Fuß mit Straßenkötern
Und grinse den Passanten in die Goschen.

Ich schwärme Tag und Nacht durch Moskaus Straßen,
Der Tverer Stadtbezirk ist mein Revier.
Das Pfötchen hebt im dichten Netz der Gassen
Ein jeder Hund, sieht er mich beim Flaniern.

Und jedes Droschkenpferd, alt, ausgemergelt,
Grüßt mich nickend, komm' ich ihm entgegen.
Bin gut Freund den Tieren, meine Verse
Heilen ihre angeknacksten Seelen.

Nicht für Frauen trag ich den Zylinder –
Keine Kraft für dumme Leidenschaften, –
Er trägt sich gut, weils eigne Leid sich mindert,
Reicht man Stuten etwas goldnen Hafer.

Freundschaft fühl' ich nicht für Menschenwesen,
Andrer Herrschaft bin ich unterworfen.
Doch den Rüden würd' ich sofort geben
Meinen Shawl von allererster Sorte.

Will mich länger nicht den Schmerzen fügen.
Mein schwarzes Herz: es lösten sich die Qualen,
Darum heißt es, ich sei ein Betrüger,
Darum heißt's, ich wälz' mich in Skandalen.

1922

Ja! Entschieden ist's! Hab sie verlassen,
Die heimischen Felder, für ewig und immer.
Über mir werden nicht mehr die Pappeln,
Die blattbeflügelten, summend erklingen.

Mein Köter, der alte, hat ausgewinselt,
Ohne mich krümmt die Hütte ihr Kreuz.
In Moskauer Straßen, den verwinkelsten,
Hat Gott mir den Tod vorgezeigt.

Ich lieb diese Stadt, die verknäuelte Kordel,
So gedunsen und siech sie auch sei.
Hier schlief die asiatische Horde
Ermüdet auf goldenen Kuppeln ein.

Und, wenn sich nachts die Mondscheibe zeigt,
Und es heller wird... Der Teufel mag's fassen!
Ich gehe, den Kopf tief herabgebeugt,
In meine Kneipe, schräg durch die Gassen.

In der Höhle herrscht wildes Gelärme,
Doch die Nacht hindurch, bis der Morgen anbricht,
Deklamier ich für Prostituierte Verse,
Verheize mit Gaunern reinen Sprit.

Immer öfter gibts Herz sich die Sporen
Und mir springt's von den Lippen, missglückt:
»Ich bin auch, so wie ihr, ein Verlorener,
Für mich führt kein Weg mehr zurück«.

Mein Köter, der alte, hat ausgewinselt,
Ohne mich krümmt die Hütte ihr Kreuz,
In den Moskauer Straßen, den verwinkelten,
Hat mein Sterben mir Gott angezeigt.

1922

Saufen hier wieder, prügeln sich, jammern,
Wo die Harmonika spielt, gelben Frust.
Hinterbliebenes hat sich versammelt
Im Angedenken der Moskauer Rus'.

Auch ich selber, gesenkten Hauptes,
Spül mir die Augen mit Weinflaschen aus;
Um dies Verhängnis nicht länger zu schauen,
Dass durch das Hirn mal was anderes saust.

Jedem scheint etwas auf immer verloren.
Mein hellblauer Juni! Schwarzblauer Mai!
Riecht es nicht deshalb nach Aas und Vergor'nem
Im haltlosen Abgrund der Zecherei.

Den Russen spült's heute so fröhlich die Blase:
Spiritus rinnt selbstgebrannt im Kanal.
Der Musiker mit eingefallener Nase
Singt von der Wolga und von der Tscheka.

Irgendwas Böses in glasigen Blicken,
Unduldsames im lauten Gegröl'.
Leid tun ihnen die unreifen Böcke,
Die blühendes Leben so hitzig zerstört.

Wo sind wohl jene, die weit fort entfleuchten?
Ob unser Licht diese Weiten durchdringt?
Der Musikant heilt mit Sprit jene Seuche,
Die er sich einst in Kirgisien fing.

Nein! Solche sind nicht zu Boden zu treten.
Solcher Abschaum Sorgen nicht kennt.
Du, mein Rassenland, du mein Rass... sä... land...
Mein asiatischer Kontinent!

(1922)


Verstreu, Harmonika. Lange... weile...
In Strömen fließen die Finger dahin.
Trink mit mir, du räudige Schnalle,
Immer nur rin.

Sie guckten dich aus, dich mal ranzunehmen –
Mir schnürts die Kehle.
Was glotzt du so blau, mit spritzenden Tränen?
Eins auf die Fresse gefällig?

Für Kleingärten taugst du, als Vogelscheuche,
Die Raben zu schrecken.
Was quälst du mich so, wie eine Seuche,
Du bist zum Verrecken.

Verstreu Harmonika, immer wieder.
Sing, Zecke, sing.
Die mit den Titten da wäre mir lieber, –
Das dumme Ding.

Unter den Weibern bist du nicht die erste,
Die ich benedeit.
Aber mit so einer solchen Berserke
Kam’s sonst nicht so weit.

Je tiefer der Schmerz, desto voller die Töne,
Hier so wie dort.
Nein, ich nehme mir noch nicht das Leben.
Zum Teufel, mach fort!

Von euch, dieser lärmenden Hundemeute,
Mach ich mich bald frei.
Schätzchen, sieh, du bringst mich zum Weinen,
Verzeih mir, verzeih...

1922

Das Raubein ergibt sich der Freude,
Der Weichling der Traurigkeit.
Ich will vom Leben nichts weiter,
Mir tut auch niemand mehr Leid.

Bedaure mich selbst ein wenig,
Auch streunendes Getier,
Dies ist der direkte Weg,
Der mich zur Kneipe führt.

Was säbelt ihr, Teufel, und rasselt?
Bin ich denn kein Landeskind?
Auch ihr habt die Hosen schon runtergelassen
Für ein Glas Wodka oder Absinth.

Ich schaue betrübt aus dem Fenster.
Schwermut im Herzen und Glut.
Es rollt in sonniger Nässe
Vor mir der Straßenzug.

Ein Rotzjunge steht auf der Straße.
Die Luft ist so trocken und heiß.
Es popelt geschickt in der Nase
Der Knabe voll Glückseligkeit.

Bohre nur, bohr dich, mein Racker,
Bis ganz nach oben empor,
Doch auch bei solchem Beharren
Dringst du zur Seele nicht vor.

Ich bin zwar schüchtern, doch schlüssig.
Schau auf mein Flaschenheer!
Ich sammle schon lang die Verschlüsse –
Meine Seele in Flaschen zu sperrn.

(1922?)

Brief an die Mutter

Bist du noch am Leben, gute Alte?
Auch ich lebe noch. Sei mir gegrüßt!
Dass sich über deiner kleinen Kate
Stets am Abend jenes Licht ergießt!

Schreiben mir, dass du in siecher Sorge
Über mich in tiefen Kummer fällst,
Dass du auf und abläufst oft im Dorfe
Im verblichnen, abgetragnen Pelz.

Und im abendlichen, blauen Dunkel
Siehst du ein ums andre Mal nur wie
Mir bei Schlägereien in Spelunken
's Messer unters Herz gestoßen wird.

Lass doch, traute Mutter, solche Greuel,
Die bedrückend dir vor Augen stehn;
Bin noch nicht so'n abgehärmter Säufer,
Dass ich stürbe, ohne dich zu sehn.

Zärtlich bin ich noch, genau wie früher,
Und ich denk mir ständig Wege aus,
Wie ich aus der rauen Schwermut wieder
Heimkehrn kann in unser enges Haus.

Werde kommen, wenn der weiße Garten
Frühlingshaft die Zweige von sich streckt.
Doch dann weck mich nicht wie vor acht Jahren,
Als du mich früh morgens schon geweckt.

Das, was ausgeträumt ist, lass es ruhen,
Rühre nicht an das, was längst entschwand,–
Allzu früh hab ich vergebne Mühen
Und Verlust erfahren und gekannt.

Und belehr mich nicht, ich solle beten!
Sinnlos! Dorthin führt kein Weg zurück.
Du nur bist mein Schutz und Trost in Nöten,
Du nur bist mein abendliches Licht.

Lass es doch, dass du in siecher Sorge
Über mich in tiefen Kummer fällst.
Lauf nicht auf und ab so oft im Dorfe
Im verblichnen, abgetragnen Pelz.

1924


Mondlicht überm Fenster. Unter ihm: ein Wehen.
Laublos ist die Pappel silberhell zu sehen.

Fern schluchzt's in den Weiden, einsam klingt die Stimme, –
Heimatlich, die traute, unterm weiten Himmel.

Und ein böses Liedchen hört man lachen, weinen.
Wo nur ist die Linde, die auf ewig meine?

Und auch ich kam einmal morgens früh vom Tanzplatz,
Ging durch's Kleid der Weiden froh zu meinem Schatz.

Jetzt bin ich dem Liebchen nicht mehr lieb und wert.
Bei dem fremden Liede lach ich tränenschwer.

August 1925

Wer und was ich bin? Ein Träumer eben,
Des Blauäugigkeit die Nacht verschlang,
Der sein Leben eben grad so lebte,
Wie die andern auch in diesem Land.

Ich küsse mich mit dir gewohnheitsmäßig,
Weil ich viele andre schon geküsst,
Liebesworte spreche ich so flüssig
Wie ein Raucher Feuerzeuge drückt.

»Teure«, »Liebchen« und zudem »auf ewig«,
Doch im Herzen bleibt es, wie es war,
Um in Menschen Leidenschaft zu wecken,
Sagt man besser etwas, das nicht wahr.

Darum muss ich dir so hart erscheinen,
Ohne Lust auf einen Feuertanz.
Du, mein Wechselbäumchen auf zwei Beinen,
Bist für mich und andere gepflanzt.

Weil ich mir 'ne Gleichgesinnte wünsche
Und zu enge Bindung nie gesucht,
War ich niemals auf dich eifersüchtig,
Habe dich in keinem Fall verflucht.

Wer und was ich bin? Ein Träumer eben,
Des Blauäugigkeit die Nacht verschlang,
Der dich liebte und sich nach dir sehnte
So wie andre auch in diesem Land.

(1925)

Auf Wiedersehn, mein Freund, auf Wiedersehn!
Du bist, mein Liebster, noch in meiner Brust.
Der vorbestimmt war, sagt, der Scheideweg,
Dass eine Neubegegnung kommen muss.

Auf Wiedersehn, mein Freund, nicht Wort und Hand,
Zerfurche nicht vor Trauer dein Gesicht, –
Im Diesseits war das Sterben längst bekannt,
Und, wirklich, gar so neu ist leben nicht.

1925


Einem Wechsler stellt' ich heute Fragen,
Der fürn Rubel halben Nebel gibt,
Wie kann ich der schönen Leila sagen
Persisch-zärtlich mein »Ich liebe dich«?

Einem Wechsler stellt' ich heute Fragen,
Windgehaucht, still wie der See von Van,
Wie kann ich der schönen Leila sagen
Jenes zarte Wort, das »Kuss« genannt?

Einem Wechsler stellt' ich weiter Fragen,
Zärtlich und von Herzen tief gemeint,
Wie kann ich der schönen Leila sagen,
Wie kann ich ihr sagen, dass sie »mein«?

Und der Wechsler gab zur Antwort weise:
Worte geben Liebe keinen Sinn,
Von der Liebe seufzt man nur ganz leise,
Wenn die Augen wie Rubine glühn.

Für die Küsse gibt es keine Lettern,
Küsse tragen keine Grabinschrift.
Küsse sind ein Hauch von Blütenblättern
Roter Rosen, der auf Lippen trifft.

Liebe kennt nicht Bürgschaft, noch Beweise,
Liebe teilt sich mit in Freud und Leid.
»Du bist mein« kann nur die Hand erweisen,
Die ihr den Tschador herunterreißt.

1924

Schagané, du bist mein, Schagané!
Ich kam aus dem Norden, um dich zu sehn,
Und bin bereit, dir vom Feld zu erzähln,
Vom Roggen, den Wellen bei Mondlicht durchwehn.
Schagané, du bist mein, Schagané.

Ich kam aus dem Norden, um dich zu sehn,
Vom Mond, der hundertfach größer erscheint;
Vermöchte Schiras noch viel schöner zu sein,
Die Weite von Rjazan wär ebenso schön.
Ich kam aus dem Norden, um dich zu sehn.

Und bin bereit, dir vom Feld zu erzähln:
Vom Roggen zupft ich diese Grannen.
Niemals wird mich der Schmerz übermannen,
Auch wenn deine Finger sie wickeln und drehn.
Ich bin bereit, dir vom Feld zu erzähln.

Vom Roggen, den Wellen bei Mondlicht durchwehn,
Dir meine Locken ein Rätselspiel fächeln.
Mach Scherze, mein Schätzchen, mach Scherze und lächle,
Doch lasse in mir dieses Bild nicht entstehn,
Vom Roggen, den Wellen bei Mondlicht durchwehn.

Schagané, du bist mein, Schagané!
Dort oben, im Norden wartet ein Mädchen,
Dem du so ähnlich, so fürchterlich ähnlich,
Ob sie nach mir noch vor Sehnsucht vergeht?
Schagané, du bist mein, Schagané.

1924

Verseschmied, mein armer, hämmerst du
Immer noch den Liedern Mondlicht ein?
Meine Augen sind schon lange zu
Angesichts von Liebe – Karten – Wein.

Ach, der Mond kriecht in den Fensterrahmen,
Solches Licht kein Auge je erfasst...
Ja, ich setzte alles auf Pik-Dame
Und verspielte dann mein Karo-As.

4. – 5. Oktober 1925

 


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