HINDUISMUS

„Wenn es einen Ort auf der Erde gibt, wo alle die Träume lebendiger Menschen seit den ersten Tagen,
da der Mensch den Traum des Lebens zu träumen begann, eine Heimat gefunden haben, dann ist es Indien.“
(Romain Rollan )

Was ist unter "Hinduismus" zu verstehen? Der Hinduismus ist, genau betrachtet, keine Religionsgemeinschaft, sondern ein untrennbares Geflecht verschiedener Religionsgemeinschaften, die auf keinen gemeinsamen Nenner gebracht werden können.
Aus diesem Geflecht haben sich Buddhismus und Jainismus seit ihrer Entstehungszeit, dem 6. Jahrhundert v.Chr., gewissermaßen herausentwickelt. Viele Stammesreligionen haben sich in den letzten Jahrtausenden in den Hinduismus hineinentwickelt, während manche noch außerhalb stehen. Viele religiöse bzw. spirituelle Traditionen der neueren Zeit haben indische Wurzeln, zum Beispiel Sikhismus, Theosophie (und damit Anthroposophie), Neo-Sannyas-Bewegung (nach Osho Bhagwan Rajneesh), Neo-Tantrismus und Satsang-Bewegung (Neo-Advaita). Im Laufe der Jahrtausende fanden manche fremde Religionen ihren Weg nach Indien, z.B. mosaisches Judentum und Christentum (aus Israel), Mazdaismus oder Parsismus (aus Persien).
Der Hinduismus besitzt keine einheitliche Organisation, keine zentrale Führung, kein gemeinsames Glaubensbekenntnis. Der Vishva Hindu Parishad, der sich selbst gern als religiöse Organisation aller Hindus darstellt, ist in Wirklichkeit eine politische Organisation indischer Nationalisten, die den Hinduismus ausnutzen, weil er das stärkste einigende Band der Inder darstellt.
Die Hindus bezeichnen ihre Religion als „Sanatana Dharma“, d.h. etwa: „ewige göttliche Lebensordnung“. Sie glauben an eine göttliche Ordnung des Universums, die auch das Diesseits durchdringt und immer wieder eine geeignete Entsprechung in der menschlichen Welt finden muss, wenn menschliches Handeln auf Dauer erfolgreich und segenbringend sein soll. So gewinnen alle menschlichen Handlungen und Einrichtungen, selbst Symbole, Gegenstände, Orte und Zeitpunkte eine religiöse Dimension. Da eine so verstandene Religion nichts rein Äußerliches sein kann, hat der Hinduismus auch keine „Anhänger“; vielmehr ist man ein Hindu, in der Regel seit der Geburt. Konversionen zum Hinduismus nehmen nur wenige religiöse Gemeinschaften vor, unter anderem der auf Shankara zurückgehende Dashanami-Orden und die Reformbewegung Arya Samaj.
Der wichtigste Unterschied zwischen hinduistischer und europäischer Religiösität besteht darin, dass in Indien das universale Göttliche Bewusstsein nicht am Rande des Lebens steht, sondern dessen Mittelpunkt bildet. Es wird nicht als eine Einrichtung angesehen, die für das individuelle Wohlergehen der Gläubigen zu sorgen hat, sondern als etwas unbedingt Verehrungswürdiges.
Die Wurzeln ihres Glaubens sehen die Hindus in göttlichen Offenbarungen verschiedenster Art. Der Hinduismus kann auf eine Geschichte von mindestens 3500 Jahren zurückblicken. Wenn man die Religion der Indus-Kultur als eine Frühform des Hinduismus ansieht, sind es mindestens 4500 Jahre. Hindus leben vor allem in Indien, in Nepal und auf Bali (Indonesien). In vergangenen Jahrhunderten war der Hinduismus noch in weiteren Ländern die vorherrschende Religion: im heutigen Afghanistan, Pakistan, Sri Lanka, Bangladesh, Burma, Thailand, Kambodscha, Malaysia, Singapur und Indonesien. In den meisten dieser Länder gibt es heute noch hinduistische Minderheiten.
Religiöse Verehrung gilt in der Regel dem einen, absoluten, göttlichen Bewusstsein, und zwar (realistischerweise) in unüberschaubar vielen verschiedenen Formen. Dabei wird oft eine Unterscheidung zwischen den Begriffen „Brahman“ und „Ishvara“ getroffen. Das Brahman gilt als überpersönlicher Urgrund des Universums; Ishvara („der Herr“) hingegen als der eine, absolute persönliche Gott. Dabei wird meist der sogenannte Panentheismus vertreten (Das Göttliche Leben existiert in allem, und alles existiert im Göttlichen Leben), manchmal aber auch ein Dualismus, wo die Gottheit strikt von Welt und Menschen unterschieden gedacht wird. Da die Vorstellung eines einheitlichen göttlichen Urgrundes schon seit den frühesten Zeiten verbreitet ist, wäre es unpassend, den Hinduismus als Polytheismus zu bezeichnen. Zwar gibt es zahlreiche niedere Gottheiten, d.h. verehrungswürdige Wesen verschiedenster Arten und Grade; aber sie alle gelten in der Regel als Hervorbringungen eines einheitlichen spirituellen Urprinzips.
Konsequenterweise werden auch bestimmte Menschen als heilig verehrt: Avatare als göttliche Verkörperungen (speziell Vishnus oder Shivas) oder einer niederen Gottheit, spirituelle Lehrer (Gurus), Erlösungssuchende verschiedenster Art (Mönche, Asketen, Einsiedler usw.). Besondere Verehrung erfahren dabei Eigenschaften, die als Zeichen eines fortgeschrittenen Grades von Heiligkeit gelten: yogische Selbstbeherrschung; Ausstrahlung von Frieden, Weisheit, Kraft und Freude; paranormale Fähigkeiten.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, in dem genannten religiösen Geflecht „Hinduismus“ Unterscheidungen zu treffen. Mir erscheint es als günstig, fünf Hauptströmungen zu unterscheiden, die jeweils viele einzelne Religionsgemeinschaften umfassen. Sie unterscheiden sich vor allem hinsichtlich der Gottesverehrung und der religiösen Texte, auf die sie sich berufen.
1. Der Vedismus, der mindestens aus der Zeit um 1500 v.Chr. stammt. Verehrt wird vor allem eine Gruppe von 33 Gottheiten (Devas). Als Ursprung und oberster Herr aller Wesen gilt die Gottheit Prajapati. Grundlage dieser Religionsform sind die Texte der vier „Veden“, die von Rishis ("Sehern") der Frühzeit in tiefer Versenkung erschaut wurden. Dies sind: Rigveda (eine Sammlung von Götterhymnen), Samaveda (Opfersprüche mit Vortrags-Anweisungen), Yajurveda (Opferanweisungen und Ritualverse) und Atharvaveda (eine Sammlung magischer Formeln). Hinzu kommen die Brahmanas und Aranyakas (Erklärungen zu den Opferritualen). Die Mehrzahl der vedischen Kultformen ist bis heute allgemein verbreitet. Eine große integrative Bedeutung für die Hindus verschiedener religiöser Strömungen hat das aus dem Rigveda stammende Gayatri-Mantra, eine täglich drei Mal zu sprechende Gebetsformel.
2. Der Shivaismus (einschließlich Shaktismus). Hier gibt es nachweisbare Bezüge zur Religion der Indus-Kultur. Das Gottesbild ist uneinheitlich, denn sowohl die oberste Gottheit Shiva als auch dessen feminines Gegenstück Shakti (oder Devi) werden teils dualistisch verstanden, meist monistisch als personaler Ishvara, bisweilen sogar als letzter Urgrund (Brahman). Shiva bzw. Shakti gelten als die erschaffende, bewegende und zerstörende Energie des Universums, weswegen Shiva meist abstrakt als phallisches „Lingam“ dargestellt wird, zusammen mit Shakti als „Yoni“ (Vulva). Oft wird Shiva als kosmischer Tänzer abgebildet. Somit werden Sexualität und Ekstase als entscheidende Momente des ewigen kosmischen Wandels begriffen. Als ebenso wichtig gilt die Enthaltsamkeit, weswegen Shiva oft in asketischer Meditation erscheint. Zentrale Texte dieser Religionsform sind die Agamas und die Tantras. Große Bedeutung haben Hatha-, Kundalini- und Raja-Yoga, d.h. Körperübungen, Energietechniken und Meditation, außerdem Bhakti-Yoga, d.h. die hingebungsvolle Liebe zu Menschen, die als heilig gelten, zu einzelnen Gottheiten oder zum universalen Göttlichen Leben selbst.
3. Der Vishnuismus. Diese Strömung knüpft an den Vedismus an, noch stärker als der Shivaismus. Vishnu erscheint stets als der eine, wohlwollende personale Gott, der „Herr“ (Ishvara), der den Kosmos sowohl erschafft als auch in seiner religiösen Ordnung (Dharma) erhält. Um letztere sicherzustellen, soll er sich wiederholt in sogenannten Avataren verkörpert haben. Das sind mythische Gestalten bzw. historische Personen, die vor allem gegen Dämonen kämpften und religiöse Lehren verbreiteten. In der praktischen Religion haben zwei dieser Avatare eine herausragende Bedeutung erlangt, nämlich Rama und Krishna. Von ersterem berichtet das Epos Ramayana, von Krishna das Epos Mahabharata. In letzterem ist die Bhagavadgita enthalten, die berühmte Lehrrede Krishnas über die Wege zur spirituellen Befreiung. Das weibliche Element wirkt im Vishnuismus zwar nicht so stark wie im Shivaismus bzw. Shaktismus; jedoch erfreut sich Vishnus Gattin Lakshmi größter Beliebtheit. Vorherrschende spirituelle Wege im Vishnuismus sind Karma-Yoga (selbstlose Pflichterfüllung) und Bhakti-Yoga (hingebungsvolle Liebe).
4. Der (philosophisch untermauerte) heterodoxe Yoga. Diese Religionsform ist in sich sehr heterogen. Sie überschneidet sich teilweise mit Vedismus, Shivaismus und Vishnuismus. Gemeinsam ist all ihren Ausprägungen, dass die Einheit und Universalität des Göttlichen Lebens in den Vordergrund tritt gegenüber den rituellen Differenzen der verschiedenen Kulte. Dies findet man bereits in den spirituell-philosophischen Texten der Upanishaden, die unmittelbar an die Veden anknüpfend entstanden sind. Diese Lehren behandeln das Verhältnis von Brahman (dem göttlichen Urgrund) und Atman (dem individuellen spirituellen Selbst), von Karma und Wiederverkörperung. Im Unterschied zu den Veden steht nicht das Ritual, sondern die praktische Verwirklichung des Spirituellen im Mittelpunkt. Auf den Upanishaden beruht die von Badarayana begründete Vedanta-Philosophie mit ihren beiden Hauptströmungen, dem Kevala-Advaita Shankaras (meist kurz "Advaita" genannt) und dem monistisch- vishnuitischen Vishishta-Advaita Ramanujas. Im Kevala-Advaita („Lehre der absoluten Nichtzweiheit“) wird das Göttliche Leben ausschließlich als überpersönliches Brahman verstanden. Die Einheit mit ihm wird auf dem Weg der Selbst-Erkenntnis, Jnana-Yoga, angestrebt. Um letzteren geht es auch in Philosophie und Yoga des von Kapiladeva begründeten Sankhya-Systems. Bei dem auf die Yoga-Sutras des Patanjali zurückgehenden Ashtanga-Yoga geht es vor allem um Hatha- und Raja-Yoga, d.h. um Körperübungen und Meditation. Der äußeren Form nach shivaitisch ist z.B. die Tradition der Nath-Yogis bzw. Siddha-Siddhanta (Philosophie und Hatha-, Kundalini-, Raja- und Bhakti-Yoga). Die 1828 von Ram Mohan Roy begründete Reformbewegung Brahmo Samaj versucht, mit Bezug auf Upanishaden und Vedanta, verschiedene ethische Fehlentwicklungen und Kultformen des puranischen Hinduismus zu überwinden, wobei vor allem Karma- und Bhakti-Yoga praktiziert werden.
5. Der „volkstümliche“, puranische Hinduismus, der sich nach der Zeitenwende herausbildete. Dies ist die am stärksten synthetische religiöse Strömung in Indien. Das zeigt sich schon in der Gottesvorstellung: Verehrt werden Vishnu (mit Gattin Lakshmi), Shiva (mit Gattin Devi) und der von seiner Gattin Sarasvati begleitete Weltschöpfer Brahma (nicht zu verwechseln mit dem uranfänglichen, überpersönlichen Brahman, das hier kaum eine Rolle spielt). Innerhalb der von Brahma geschaffenen Welt sind die Gottheiten des vedischen Pantheons anzutreffen. Hinzu kommen Gottheiten aus regionalen und lokalen Kulten, Familiengottheiten und viele andere verehrungswürdige Wesen. Grundlage dieser Religionsform sind die als göttliche Offenbarung geltenden Puranas (mythologische Erzählungen), die mal stärker vishnuitisch, mal stärker shivaitisch sind, und in der Tendenz auf einen Ausgleich zwischen diesen beiden Strömungen zielen. Vorherrschende spirituelle Wege sind rituelle Verehrung und Bhakti-Yoga.
Seiner Struktur nach erlaubt es der Hinduismus, verschiedenste Wesen als göttlich anzuerkennen. Das ermöglicht einen erstaunlich hohen Grad religiöser Toleranz. Schon aus der genannten Verflechtungsstruktur des Hinduismus ergibt sich ja, dass die einzelnen Religionsgemeinschaften keinen religiösen Alleinvertretungs-Anspruch erheben können. Es wird zwar keine Relativität der Wahrheit behauptet, da der vorherrschende Monismus auf die Anerkennung einer einzigen, göttlichen Wirklichkeit hinausläuft. Allgemeines Gedankengut ist aber die Vorstellung, dass es sowohl verschiedene (auch gegensätzliche) Sichtweisen derselben Realität als auch verschiedene Stufen des Aufsteigens zur letzten Erkenntnis geben muss. Im Unterschied zur neuzeitlich-europäischen Auffassung von Toleranz gibt es übrigens kein Gebot, fremde religiöse Anschauungen kennen zu lernen oder zu beurteilen - nur höfliche Duldung wird erwartet.
Wenn man versucht, die verschiedenen hinduistischen Vorstellungen über den Schöpfungsprozess in ein einziges Modell zusammenzufassen, so kann man in etwa das folgende Bild gewinnen (das allerdings in seiner Gesamtheit von keiner einzelnen Religionsgemeinschaft vertreten wird). Brahman, der bewusste Urgrund der Welt, die absolute Realität, bringt eine Realität niederen Grades hervor, die Maya, in Gestalt unendlich vieler einzelner Welten. Jede einzelne geschaffene Welt ist zunächst rein spirituell, gewissermaßen ein einziger "Weltgeist", ein Paramatman („Überseele“), mythologisch dargestellt als die auf dem Urozean ruhende Weltschlange Ananta. Dieser bringt aus sich heraus die Einzelseelen (Jiva's) hervor, außerdem die „Urmaterie“ Prakriti und die Gottheit Prajapati, den "Vater der Geschöpfe". Dieser übt Askese (d.h. zieht sich in sich selbst zurück), meditiert über die Ur-Silbe Om und erschafft dadurch die Welt. Prajapati bringt unterschiedliche persönliche Formen hervor, mit jeweils verschiedenen Charakterzügen: den wohlwollenden und ausgleichenden Vishnu, den Weisheit bringenden und weltschöpfenden Brahma, die inspirierende Sarasvati, den gnädigen und spielerisch tanzenden Shiva, die energetisch-dynamische Devi (Shakti). Dann, auf niederer Stufe, werden die Gottheiten des vedischen Pantheons geschaffen. Einer von diesen, Yama, verkörperte sich als der erste Mensch, musste als solcher sterben und wurde daraufhin eine Gottheit des Todes und des jenseitigen Gerichts. Während die drei unteren Sphären der Welt, die den räumlich ausgedehnten Kosmos bilden, periodisch geschaffen werden und wieder vergehen, sind die darüber befindlichen Sphären unvergänglich. Bei jedem "Weltende" ziehen sich die Seelen dorthin zurück.
Der typische Europäer meint, die Welt wäre real und dramatisch, aber sie sei doch letztlich eine gute Schöpfung. Dem Hindu erscheint die geschaffene Welt nicht als gut, sondern als verkehrt; aber das belastet ihn nicht sonderlich, denn er sieht sie als ein irreales, zauberhaftes Spiel.
Hinsichtlich der Lehren von Leben, Sterben und Erlösung gibt es relativ große Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen Ausprägungsformen des Hinduismus. Jeder Mensch gilt als verantwortlich für seine Taten. Diese erzeugen ein Karma („das Geschaffene“), das wiederum das künftige Schicksal des Urhebers bestimmt. Da dieser Zusammenhang als universales Gesetz betrachtet wird, erscheint die Welt den Hindus als gerecht und sinnvoll eingerichtet, was sowohl zur Vermeidung sozialer Konflikte als auch zur Stabilität des Glaubens beiträgt. Die Lehre vom Samsara, vom Kreislauf der Wiedergeburten, besagt, dass der Mensch nach seinem Ableben zunächst in ein karmisch angemessenes Jenseits und dann in ein karmisch angemessenes neues irdisches Leben gelangt. Diese Gewissheit hilft den Hindus, gelassener an das Leben heranzugehen. Im Vergleich zum Leben in den unvergänglichen Sphären gilt die Existenz im Samsara als ausgesprochen leidvoll und frustrierend. Ein erlösender Ausstieg aus diesem Kreislauf, Moksha genannt, wird daher allgemein als höchstes Ziel angesehen und von vielen Hindus real angestrebt. Verbreitet ist die Idee einer allmählichen individuellen Höherentwicklung, die schließlich in die endgültige Befreiung mündet.
Vedismus und puranischer Hinduismus sind die religiösen Hauptquellen des Kastensystems. Diese Form sozialer Organisation geht auf eine Unterteilung in Stände zurück, wie sie in Europa bis in die Neuzeit hinein verbreitet war. Dabei gibt es vier sogenannte Varnas („Farben“): Brahmanas (Priester), Kshatriyas (Krieger), Vaishyas (Händler, Handwerker, Bauern) und Shudras (Knechte bzw. Arbeiter). In der nachvedischen Zeit gab es wichtige Neuerungen: Einerseits wurden die Varnas in hunderte von Jatis (Geburts- und Berufsgruppen, „Kasten“) ausdifferenziert, andererseits wurde das Kastensystem um die Kategorien „Unberührbare“ (Ausgestoßene), „Stämme“ (nichthinduistische Ureinwohner) und „Ausländer“ (Nichthindus) erweitert. Fehlentwicklungen des Kastensystems wurden schon frühzeitig kritisiert, z.B. seit dem 6. Jahrhundert v.Chr. vom Buddhismus. Erst im 20. Jahrhundert gelang es jedoch, die rechtliche und religiöse Diskriminierung der Kastenlosen und das Verbot der freien Berufswahl in Indien zu überwinden.
Die zweite, neben dem Varna-System bestehende Differenzierungsform der Gesellschaft ist das Ashrama-System, das ebenfalls aus vedischer Zeit stammt. Dieses Idealbild legt nahe, vier Lebensstadien zu durchlaufen: 1. Brahmachari, lediger Schüler (in der Regel bis etwa 25 Jahre), 2. Grihastha, verheirateter Hausvater (25-50), 3. Vanaprastha, (ggf. noch verheirateter) nach Erlösung strebender Waldeinsiedler (50-75), 4. Sannyasin, völlig weltentsagender heimatloser spiritueller Sucher (ab 75).
Hindus unterscheiden vier verschiedene Arten von Glück, die mehr oder weniger gleichrangig anzustreben sind: Kama, sinnliche Befriedigung, Artha, weltlich-sozialer Erfolg, Dharma, religiös-soziale Pflichterfüllung, und Moksha, spirituelle Befreiung. Da die Welt als göttlich geordnet angesehen wird, umfasst der Begriff Dharma auch moralische Pflichten, die sich aus der Zugehörigkeit zu Varna / Jati bzw. Ashrama ergeben.
Verschiedene historisch gewachsene Missstände, die vor allem in europäischen Darstellungen beliebt sind, werden schon seit längerem mehr oder weniger erfolgreich bekämpft. Die in nach-vedischer Zeit aufgekommene Sitte, der zufolge sich Witwen (mehr oder weniger freiwillig) gemeinsam mit ihren verstorbenen Männern verbrennen ließen, wurde 1829 verboten. Seit 1856 können Witwen heiraten. Kinderheiraten sind seit 1929 verboten, der Ausschluss der Frauen von Erbschaften seit 1947, das Mitgiftprinzip seit 1961. Die Praxis der Tempelprostitution wurde verboten, Ehescheidungen wurden ermöglicht.
Die hinduistische Kultur hat verschiedene Eigenheiten, an denen sich manche Europäern stören: Tiere werden nicht nur zum profanen Verzehr geschlachtet, sondern manchenorts auch für bestimmte Gottheiten (und anschließend gegessen). Viele Hindus sind Vegetarier (weil sie dies als eine Voraussetzung der spirituellen Befreiung ansehen). Nicht nur Hunde und Katzen sind von der Schlachtung ausgenommen, sondern auch Kühe (weil sie das mütterliche Prinzip symbolisieren). Leichen werden nicht heimlich verbrannt, sondern öffentlich (weil der Tod nicht verdrängt wird). Viele Gottheiten werden mit zusätzlichen Köpfen oder Armen dargestellt (weil sich die Hindus dessen bewusst sind, dass Götterbilder symbolisch zu verstehen sind).
Das Wechselverhältnis von Männlichem und Weiblichem gilt als notwendiges Element im Schöpfungsprozess. Dabei wird teilweise das Männliche als bewusst, das Weibliche als materiell angesehen (z.B. in der Sankhya- Philosophie). Im volkstümlichen Hinduismus werden Frauen bzw. Männer als die notwendige zweite Hälfte des Ehepartners angesehen, Unverheiratete oder Gottheiten ohne Partner gelten aus dieser Sicht als unvollständig. Nur das absolute Göttliche Leben, Brahman, ist (auch grammatisch) geschlechtsneutral. In zölibatären Yoga- Gemeinschaften gilt das Weibliche (bzw. die Sexualität) oft als Hindernis auf dem Weg zur Erlösung. Im 20. Jahrhundert nahm die Rolle der Frauen in der Religion zu: Frauen bekamen wieder Zugang zum Veda-Studium, manche Gemeinschaften (z.B. der Brahmo Samaj) führten die Möglichkeit des weiblichen Priesterdienstes ein; mehr Frauen als früher entscheiden sich heute für ein Leben als Sadhvi (Nonne) oder Yogini.
Wie in anderen Kulturen, gibt es auch im Hinduismus Priester (meist aus der Brahmanen-Kaste), spirituelle Lehrer (Gurus) und Mönche bzw. Nonnen (Sadhus / Sadhvis, Sannyasins). Die Priester führen die Tempelrituale durch (während die häuslichen Rituale zumeist in den Händen der Laien selbst liegen), wofür sie Spenden und Stiftungen erhalten. Zum Unterhalt des Priesterdienstes kann auch der Ertrag von Tempelländereien beitragen. Spirituelle Lehrer und Mönche leben in der Regel von Spenden. Manche Gurus vermitteln allgemeines religiöses Wissen (z.B. über die Veden), andere geben Unterweisungen in spezielle Yoga-Disziplinen. Mönche und andere Yogis sind eher selten an einen bestimmten Ort gebunden. Zum Teil leben sie in sogenannten Ashrams, die den europäischen Klöstern oder Einsiedeleien entsprechen.
Religiöse Rituale finden teils im Familienkreis statt (speziell bei Geburt, Initiation, Heirat, Tod), teils in der jeweiligen religiösen bzw. sozialen Gemeinschaft (speziell bei den Festen im Jahreslauf). Die traditionelle vedische Initiation (Upanayana) wird für Brahmanen, Kshatriyas und Vaishyas durchgeführt. Bei diesem Ritual erhält der Einzuweihende eine symbolische Schnur, die von nun an am Körper getragen wird. Der Guru weiht ihn in das Gayatri-Mantra ein (das fortan täglich drei Mal rezitiert werden soll) und erteilt ihm eine erste Lektion im vedischen Wissen. Heiraten gelten im Familienkreis als die wichtigsten Festlichkeiten. Die meist als heilsnotwendig erachteten Rituale nach dem Tod werden traditionellerweise von den Söhnen vollzogen - ein Grund dafür, dass männlicher Nachwuchs sehr erwünscht ist. Tempel gelten als Spiegelbild des Kosmos und als symbolischer Wohnsitz der jeweiligen Gottheit. Sie werden in der Regel individuell besucht, nur bei Festlichkeiten im Rahmen der Gemeinschaft. Die meisten Hindus beten individuell; bei gemeinschaftlichen Gottesdiensten werden Lieder gesungen. Hinduistische Wohnhäuser haben zumeist einen Schrein oder Altar mit Götterbildern bzw. religiösen Symbolen.
Als heilige Örtlichkeiten in Indien ("Bharata") gelten vor allem: der Fluss Ganga (als Verbindung zum Himmel), die Städte Varanasi (Kashi, Benares), Rishikesh und Haridvar (alle an der Ganga), der Berg Arunachala (wegen Shiva), Shrirangam (wegen Vishnu), Pushkar (wegen Brahma), Kanchipuram, Badrinath und Chidambaram (wegen Shiva), Eklingi (wegen der göttlichen Vierheit Vishnu-Brahma-Surya-Shiva), Mathura, Vrindavan, Dvarka und Puri (wegen Krishna), Ayodhya und Rameshvaram (wegen Rama), Bodhgaya und Sarnath (wegen Buddha), und Ganeshpuri (wegen Nityananda). In Nepal werden die folgenden Orte als heilig angesehen: Budhanilkantha (wegen Vishnu), Pashupatinath (wegen Shiva und Gorakshanatha), Janakpur (wegen Sita), Lumbini bei Kapilavastu (wegen Buddha), Svayambhunath und Bodhnath (wegen großer alter buddhistischer Stupas), und Muktinath (wegen eines ewigen Altarfeuers vulkanischen Ursprungs). Wichtige Tempel auf Bali sind Pura Besakih (ein Heiligtum für alle Götter) und Pura Ulun Danu Batur (ein Tempel der Devi Danu). Des weiteren gibt es in den genannten Ländern unzählige Plätze von lokaler Bedeutsamkeit, die als heilig gelten und jeweils als solche markiert sind.
Das Symbol des Hinduismus ist die Ur-Silbe Om, aus der einst die Welt entstand: 