Diabetes: "Wow wer bist DU"

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Wow, wer bist du denn?

Ich bin Kurt. Und ich bin hier für alles verantwortlich, was mit dem Körper zusammenhängt. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass ich früher Mal in einer Fabrik gearbeitet habe. Und jetzt vergleiche ich gern die Abläufe im Körper mit denen in einer Fabrik. Irgendwie scheinen das die meisten zu verstehen.
Sogar die, die selber noch nie in einer Fabrik gearbeitet haben. Und warum siehst du so ratlos aus?
Na, bestimmt, weil ich irgendwie gar nicht so richtig weiß, wo ich mit der ganzen Lernerei anfangen soll. Ist schon blöd, wenn jeder darüber redet und man selber weiß gar nicht was eigentlich davon wichtig ist.
Wichtig ist eigentlich fast alles. Aber wenn du eine gut funktionierende Fabrik bauen willst, dann musst du auch erst mal mit einem soliden Fundament anfangen.
Okay, vielleicht hiermit: warum sagen die eigentlich alle "Diabetes" zur Zuckerkrankheit?
Gute Frage!
Wenn es vier Beine hat und bellt, dann sagen die meisten ja Hund dazu. Aber die, die das nur schwer aussprechen können sagen vielleicht "Wauwau" oder so was in der Art. Wie man es nennt ist eigentlich fast egal. Hauptsache ist doch, das einen der Andere versteht.
Diabetes heißt soviel wie "Durchfluss". Stell dir mal ein Rohr vor, oben und unten offen - wie der Mensch eben. Wenn du da oben jetzt Wasser reingießt (als wenn du etwas trinkst), was passiert dann?
Na, das fließt eben sofort unten wieder raus. Als wenn ich pinkel?
GENAU! Man, du bist ja echt clever...
Weißt du, die Leute im Altertum haben versucht zu beschreiben, was bei einem Zuckerkranken, also einem "Diabetiker" passiert:
Er muss unheimlich viel Wasser lassen und damit er nicht austrocknet, muss er natürlich auch unheimlich viel trinken.
Moment mal: heißt das, das viele Pinkeln kommt zuerst? Ich dachte das wäre logisch, wenn man so viel trinkt.
Damit bist du nicht alleine, so denken viele.
In der Körperfabrik gibt es ja unheimlich viele Räume, die heißen "Zellen". Und in diesen Zellen gibt es eben auch viel Wasser.
Damit man auch Sachen zu diesen Zellen transportieren kann hat die Fabrik kilometerlange Gänge mit Fließbändern, die Blutgefässe. Der Zucker in diesen Gängen heißt Glucose und wird wie als Pakete mit den Fließbändern transportiert. Wenn aber nicht genügend Arbeiter von der Insulintruppe da sind um die Pakete wegzuräumen, dann könnten die Fließbänder irgendwann verstopfen. Das muss die Fabrikleitung verhindern, also versucht sie die Gänge wieder Freizuspülen. Und dazu benutzt sie die Wasserreserven aus den Zellen.
Der Abfluss geschieht dann über die Nieren. Die spülen viele Pakete mit dem Urin aus dem Körper. Für einen solchen Notfall leihen die Zellen das Wasser natürlich gern aus, aber sie wollen es wiederhaben. Und das Firmeninterne Codewort dafür heißt "Durst".
Na, fällt dir was auf?
Hmm... Das würde ja heißen, man pinkelt nicht so viel, weil man viel trinkt, sondern man trinkt so viel, weil man so viel pinkelt...?
Goldrichtig! Da hast du gut mitgedacht.
Aber dann müsste doch jeder merken, das was nicht stimmt wenn er so viel trinkt und pinkelt...
Wenn das von heute auf morgen passiert sicherlich. Aber merkst du denn, das du jeden Tag wächst?
Wenn etwas langsam geht, lange dauert, dann kriegt man das nicht so mit und hält es für normal.
Dauert das denn soooo lange?
Oh, das kommt ganz darauf an, um welchen Typ Diabetiker es sich handelt.
Typen? Da gibt es mehr als nur einen Typ?
Aber ja. Komm mal mit, auf der nächsten Seite erkläre ich es dir...
Wieso denn jetzt auf einmal "Nicht-Diabetiker", ich dachte du willst mir was über die verschiedenen Typen erzählen?
Na will ich ja auch. Aber um zu verstehen, was falsch läuft ist es doch hilfreich, wenn man weiß wie es richtig läuft, oder?
Stimmt auch wieder. Und du wirst das sicher wieder am Beispiel der Fabrik erklären?
Hatte ich vor, ja.
Also die Fabrik hat natürlich mächtig viele Abteilungen, Aufgaben und Produkte. Aber wir kümmern uns nur um das, was mit Zucker und Insulin zu tun hat.
Zucker wird vom Körper quasi als Brennstoff gebraucht. Und da ja das wichtigste immer die Steuerzentrale ist (in dieser Fabrik sind es die Nervenzellen) muss sichergestellt werden, das die grundsätzlich immer mit Brennstoff, also Zucker versorgt wird.
Im Körper läuft das wie in einer hochherrschaftlichen Firma: die haben auch oft eine Privatküche für die Chefetage, während die Arbeiter ihr Essen angeliefert bekommen.
Diese Privatküche ist in der Körperfabrik die Leber.

Zum einen hat die Leber eine ziemlich große Vorratskammer. Zucker, der im Körper nicht gerade dringend gebraucht wird von ihr verpackt und dort zwischengelagert. (Vorräte sind für Notfälle ja nie verkehrt)
Zum anderen kann sie sich Stoffe vom Blutgefäßes-Fließband nehmen und daraus selber Zucker herstellen.
Wie jetzt? Die kann Zucker herstellen? So wie er bei uns in der Küche steht?
Na ja, nicht ganz so. Eigentlich sogar noch besser
Der Zucker aus deinem Küchenschrank ist ja nur eine Rohform. Die muss der Körper erst noch umwandeln, bevor er ihn als Brennstoff nutzen kann.
Wie sieht das denn aus?
Kann ich dir zeigen:


Die kleinsten Bausteine sind die Einfachzucker. Nur sie sind klein genug um auch ins Blut zu kommen.
Die Fließbänder?
Genau. Die Anlieferung der Nährstoffe wie Zucker, Fett oder Eiweiß erfolgt ja über den Darm. Und wenn da ein so großer Fenster wäre, das alles durchpasst, dann könnte es echt Probleme geben. Damit der Zucker durch dieses Fenster vom Darm ins Blut wandern kann muss er also klein genug sein. Und das ist die absolute Minigröße.

Und was hat es mit diesen Paaren auf sich?
Das sind die Zweifachzucker. Was du da als "Rohrzucker" siehst ist übrigens der Haushaltszucker, wie er bei dir in der Küche steht.
Aber so passt er ja gar nicht durch das Darmfenster...
Gut aufgepasst! Erst mal muss das Paar also noch getrennt werden und dann hat man...?
Einen Teil Fruchtzucker und einen Teil Traubenzucker!
Stimmt genau. Und dieser Traubenzucker, also die Glucose ist auch das, was im Körper hauptsächlich an Zucker verarbeitet wird. Kannst du dich noch erinnern, was ich über die Leber gesagt habe?
Sie verpackt die Glucose und lagert sie, kann aber auch Zucker herstellen.
Ja. Sie kann Glucose herstellen. Allerdings nicht sehr viel, gerade mal genug, um die Nervenzellen zu versorgen. Und wenn sie die Glucose zum Lagern einpackt, dann nennt man die "Glykogen".
Glükogen? Warum nicht einfach weiter Glucose dazu sagen?
Na ich vermute mal, damit man das besser auseinanderhalten kann. Du weißt ja, das Glucose ein Einfachzucker ist. Rohrzucker ist schon ein Zweifachzucker. Dann gibt es noch Mehrfachzucker, die aus bis zu 8 Einzelbausteinen bestehen. Und es gibt die Vielfachzucker; und zu denen gehört das Glykogen.
Das besteht dann aus mehr als 8 Bausteinen?
OH JA!
Das kann aus bis zu 90.000 (Neunzigtausend) Bausteinen bestehen.
Uiuiui... das ist aber eine Menge...
Ja, und weil das so gut klappt mit dem Speichern haben sich die Muskelzellen diese Idee übernommen und speichern auch für Notfälle.
Aber wenn die so groß sind, kann man die Vielfachzucker dann überhaupt noch essen?
Die sind gar nicht so groß, weil die Einzelbausteine winzig klein sind. Nicht mal mit einer Lupe könnte man die sehen. Und du isst sie täglich. Denk nur mal an dein Pausenbrot.
Hehe... reingefallen: ich esse gar kein Brot mit Zucker.
Brauchst du ja auch gar nicht: das Brot selber besteht aus Zucker. Aus dem Vielfachzucker "Stärke". Kannst du ganz einfach feststellen: nimm mal ein Stück trockenes Brot in den Mund und dann kau lange darauf herum, ohne es runterzuschlucken.
Hey... das wird ja süß???
Ganz genau: wir haben ja festgestellt, das große Mehrfachzucker erst in kleine Einfachzucker gespalten werden müssen. Und ein Teil davon passiert schon im Mund. So wird dann aus dem nicht so süßen Mehrfachzucker süßer Zweifachzucker. Und der Rest dieser Spaltung passiert dann vor den Darmfenstern.
Na okay, jetzt weiß ich wo der Zucker im Körper herkommt. Und wie geht es dann weiter?
Na, ich würde mal sagen nach einer kleinen Verschnaufpause:
Wo sind wir denn jetzt auf einmal gelandet?
Naja, nachdem ich dir ein bisschen was zur Glucose erzählt habe wollte ich dir jetzt zeigen, wie die vom Insulin-Trupp verarbeitet wird. Und das machen wir am besten vor Ort: also an den Zellen.
Und da kommt auch das Insulin her?
Es kommt schon aus Zellen, aber nicht aus diesen Muskelzellen hier. Auf der Seite vorher habe ich dir ja ein Bild der Organe gezeigt. Da war auch die Bauchspeicheldrüse zu sehen. Und aus der kommt das Insulin.
Echt jetzt? Ich hätte gedacht "Bauchspeichel" - was immer das auch sein mag...
Das stimmt ja auch. Übrigens ist der Bauchspeichel ein Saft, der die Nährstoffe so klein aufspalten kann, das sie durch das Darmfenster ins Blut wandern können. Die Bauchspeicheldrüse trägt aber auch die Zellen, die für den Zuckerstoffwechsel wichtig sind. Und aus den sogenannten "Beta-Zellen" kommt eben das Insulin ins Blut.
Und das frisst dann den Zucker auf?
Nee, nee, sieh mal her...

Hier siehst du, wie es vor und in einer Zelle in Sachen Zucker aussieht:
In der Zelle sitzen Glucose-Transporter vom Typ 4 (Jedes Gewebe hat seinen eigenen Typ). In die Zellwand eingebaut sind so eine Art Schlösser, die Rezeptoren. Und im Blut schwimmen die passenden Schlüssel (nämlich das Insulin) und die Glucose.

Der Schlüssel verbindet sich dann mit dem Schloss. Ist ja klar: da passt er rein.

Als nächstes wandern Schlüssel und Schloß gemeinsam in die Zelle und sagen den Leuten von den Glucosetransportern, das die jetzt ein Stück Glucose von draußen reinholen sollen. Insulin erteilt also quasi den Transportauftrag, nachdem es die Zelle aufgeschlossen hat.

Und hier sieht man jetzt, wie der Glucosetransporter sich ein Stück Glucose schnappt. Er "schnappt" es sich natürlich nicht richtig, aber er hält ein Loch in der Zellwand offen, durch die ein Stück Glucose in die Zelle hineinrutschen kann. Wenn die Zelle arg hungrig ist (z.B. nach Sport), dann flutschen auch schon mal mehrere in die Zelle rein.
Was man auch noch sehen kann: Das Rezeptor-Schloss hat seine Pflicht getan und darf jetzt erst mal Pause machen. Die anderen Zellen sollen ja auch was abkriegen.

Und wenn die Pause vorbei ist, dann wandert der Rezeptor wieder in die Zellwand und das nächste Insulin kann dieses "Schloss" aufsperren.
Und wenn dann immer weniger Glucose-Pakete vor der Zelle warten, dann sinkt der Blutzucker-Spiegel. Also kann man sagen: Insulin senkt den Blutzuckerspiegel?
Stimmt. Und so solltest du das auch in deinem Referat erwähnen. Viele wissen das nämlich gar nicht.
Aber was passiert denn, wenn alle Glucose in den Zellen ist? Dann ist die Insulintruppe ja arbeitslos...
Nein, die wird niemals arbeitslos. Kannst du dich noch an die Leber erinnern? Die gibt ja immer ein bisschen Glucose für die Nervenzellen ab. Auch wenn du nichts gegessen hast, so hast du deswegen immer etwas Glucose im Blut.
Und die Bauchspeicheldrüse ist ja der Personalchef der Insulintruppe. Ein guter Chef weiß immer, wie viel zu tun ist und wie viele Arbeiter man dafür braucht. Wenn die Bauchspeicheldrüse also merkt, das viele Glucose-Pakete herumstehen, dann schickt sie auch viel Insulin los. Wenn sie sieht, das nur wenig zu tun ist, dann schickt sie weniger los.
Und wenn sie sieht, das ZU wenig zu tun ist? Schickt sie dann keinen mehr los?
Richtig! Dann schickt sie andere Arbeiter los. Die kommen aus den Alpha-Zellen und ihre Truppe nennt sich Glukagon. Die Glukagon-Truppe macht genau das Gegenteil der Insulintruppe
Wie jetzt? Soll das heißen, die holen die Glucose wieder aus den Zellen raus?
Könnte man fast so sagen: Die sagen nämlich der Leber und den Muskelzellen, das da draußen ein Mangel an Glucose besteht. Das ist fast so was wie eine Spendenaktion. Die Muskeln und die Leber kramen dann nämlich in ihren Vorräten...
...dem Glükogähn...
Ja ,dem GLYKOGEN, und dann legen sie ihren Anteil auf das Blutgefäßes-Fließband, damit sich die Zellen davon bedienen können, die zuwenig haben.
Man, das ist ja alles super durchdacht. Und wenn das alles nicht mehr funktioniert, dann wird man Diabetiker.
Hey, du hast ja gar nicht mehr "Zuckerkranker" gesagt! Super!
Ganz genau, dann wird man Diabetiker. Und jetzt weißt du ja auch, worauf es alles ankommt. Dann kannst du dir sicher vorstellen, das da viele verschiedene Dinge schief laufen können.
Na logo. Die Insulintruppe kann ausfallen, die Schlösser können fehlen...
Richtig. Und deswegen hat man die Diabetiker in Typen eingeteilt. Bei jedem Typ ist was anderes nicht in Ordnung.
Ach soooo.... Und ich hatte schon gedacht, je höher der Typ, umso schlimmer der Diabetes.
Das denken viele. Die sagen dann "Oh, sie Armer. Sie müssen schon spritzen? Bei unserer Oma reichen noch Tabletten".
Das ist genauso als würde man sagen "Oh sie Armer. Sie müssen tapezieren? Bei unserer Oma reicht ein neuer Teppich".
Ja, das leuchtet mir ein. Sag mal Kurt, können wir eine kleine Pause machen? Ich will das mal eben in mein Tagebucheintragen.
Ja, mach das mal, ist eine gute Idee. Und wenn du fertig bist, dann erzähle ich dir was über den Fettstoffwechsel



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