Geschichten, Teil II
Kurzer Hinweis: Die Geschichten sind von mir selbst geschrieben. Ich stelle immer wieder mal welche rein. Also, wer Interesse daran hat, kann ja ab und zu mal vorbeischauen.
Unvergessene Liebe
Aufgeregt ging das Mädchen neben der Telefonzelle auf und ab und sah ungeduldig auf die Frau, die angeregt telefonierte und überhaupt keine Notiz von ihr zu nehmen schien. Endlich legte die Frau auf und trat aus der Telefonzelle. Kurz musterte sie das Mädchen, das nach ihr die Telefonzelle betrat. Es war die sechzehnjährige Anita Glas, die ebenfalls in dem kleinen Ort wohnte.
Die Leute hier waren der Meinung, es gehörte sich nicht, wenn ein so junges Mädchen wie Anita, sich ständig mit Jungs herumtrieb.
Aber das braucht mich ja nicht zu kümmern, dachte die Frau, es ist ihre Sache, was sie tut.
Anita war ein bildhübsches Mädchen, dem oft die Blicke auf der Straße folgten. Sie war zierlich mit langen blonden Haaren, die ihr apartes mädchenhaftes Gesicht umrahmten. Früher hatten sie solche Blicke gefreut. Heute jedoch wich sie ihnen aus. Von einem Tag auf den anderen existierte das Mädchen, das laufend die Freunde wechselte, nicht mehr. Vom ersten Augenblick an, als sie Frank gesehen hatte, stand für sie fest: Der oder keiner.
Anita nahm den Hörer in die Hand und wählte die Telefonnummer, die sie bereits auswendig kannte. Bisher hatte sie sich jedoch gescheut ihn anzurufen, was eigentlich nicht ihrer impulsiven Art entsprach. Ihre Hände zitterten und sie glaubte nicht mehr länger atmen zu können. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich eine tiefe männliche Stimme mit "Frank Mardo" meldete. Sekundenlang schwieg sie, dann nahm sie all ihren Mut zusammen.
"Hallo, Frank!" begann sie. "Ich bin Anita!"
"Anita?" Er schien einen Augenblick zu zögern. "Sollte ich dich kennen?"
"Eigentlich kennen wir uns nicht", gestand sie ihm. "Ich wohne bei dir in der Nähe und finde, wir sollten uns kennenlernen."
Ein warmes herzliches Lachen am anderen Ende der Leitung erklang und Anitas Herz schlug höher.
"Du hast eine originelle Art jemanden anzusprechen. Das macht mich neugierig. Komm doch einfach mal bei mir vorbei!"
Sie schwieg einen Augenblick, viel zu sehr überraschten sie seine Worte.
"Wie wäre es mit heute Abend?" fragte sie zögernd.
"In Ordnung", erwiderte er. "Ich erwarte dich um acht Uhr. Passt dir das?"
"Ja!"
"Gut, bis heute Abend!" sagte er. "Ich muss weiter arbeiten. Wir können uns heute Abend ausführlich unterhalten." Es klang so, als bedauerte er es, nicht länger Zeit für sie zu haben.
Nach dem Gespräch verharrte sie minutenlang in der Telefonzelle. Sie konnte es kaum glauben, dass sie wirklich mit ihm gesprochen hatte.
Seit Anitas Eltern vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, lebte sie bei ihrer älteren Schwester Nicole. Anita ging zur Schule und würde diese im nächsten Jahr mit der mittleren Reife beenden. Der Kontakt der beiden Schwester war trotz des Altersunterschiedes von zehn Jahren so eng, dass es keine Geheimnisse zwischen ihnen gab.
Mit geröteten Wangen betrat Anita das Haus. Nicole konnte ihr die Freude vom Gesicht ablesen. Sie ahnte, wie Franks Antwort ausgefallen sein musste.
Nicoles Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit, bis zu dem Tag, an dem Anita das erste Mal von Frank gesprochen hatte. Es war ungefähr fünf Monate her. Anita ging mit ihrem Hund Sandy spazieren. Dabei begegnete sie Frank auf der Straße. Und die Liebe traf sie wie ein Blitz. Zwar war Anita häufig mit Jungs unterwegs und hatte auch schon den einen oder anderen geküsst, richtig verliebt hatte war sie jedoch noch nie gewesen.
Eigentlich war es kein Wunder, dass Frank bei Anita einen so großen Eindruck hinterlassen hatte. Mit seinen wirren dunklen Locken und den südländischen Teint war er genau der Typ Mann von dem junge Mädchen schwärmten. Geschickt hatte Anita es verstanden mehr über Frank zu erfahren.
Er war neunundzwanzig Jahre alt und vor ein paar Monaten hierher gezogen, wo er sich eine Kfz-Werkstatt einrichtete. Allerdings schien es, als würde er häufig die Frauen wechseln.
Hoffentlich zeigt er Verständnis für Anita, dachte Nicole besorgt, denn sie wusste, wie sensibel ihre Schwester war.
An diesem Abend legte Anita mehr als sonst Wert auf ihr Äußeres. Das hautenge grüne Minikleid, das sie trug, ließ sie erwachsener erscheinen, als sie es war.
Sorgfältig fönte sie ihr Haar, bis es in weichen Wellen ihr schmales Gesicht umrahmte. Bevor sie das Haus verließ, warf sie noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie konnte vor Nicole ihre Angst nicht verbergen.
"Du vermutest, dass es heute Nacht passieren wird!" sagte Nicole und sah Anita nachdenklich an.
Anita nickte und in ihren Augen stand ein sonderbarer Glanz.
"Ich kannte zwar schon viele Jungs", meinte sie und das klang wie eine Entschuldigung. "Aber ich habe immer auf den Richtigen gewartet."
Nicole hielt Anita am Arm fest und drückte ihr etwas in die Hand. Es waren zwei Päckchen Kondome.
"Versprich mir, dass du sie benützt, wenn wirklich etwas passiert!"
Anita nickte und steckte die Kondome in ihre Handtasche. Mit gemischten Gefühlen blickte ihr Nicole nach. Sie wusste wie verliebt Anita war. Doch Frank war um vieles älter als sie. Nicole wollte ihrer Schwester keine Vorschriften machen, sie hoffte nur auf deren Vernunft.
Anita verharrte kurz vor der Werkstatt, dann nahm sie ihren Mut zusammen und klingelte.
Mein Gott, dachte sie voller Panik und wäre am liebsten davongelaufen. Was soll ich tun, wenn er mich nicht mag?
Sie zitterte am ganzen Körper als geöffnet wurde. Sekundenlang schauten sie sich in die Augen.
"Hallo!" sagte Anita und senkte verlegen den Kopf zu Boden.
Franks aufmunterndes Lächeln beruhigte sie und sie entspannte sich.
"Hallo, Anita! Komm herein!"
Zögernd folgte sie ihm durch die Werkstatt hindurch ins Wohnzimmer und nahm auf der Couch Platz.
"Willst du eine Cola?" fragte er sie. Stumm nickte sie. Er ging hinaus und brachte ihr ein Glas Cola. Eine Weile verging und sie saßen schweigend nebeneinander.
Plötzlich fing Frank zu lachen an. Irritiert musterte Anita ihn.
"Entschuldige, bitte!" bat er sie. "Ich komme mir auf einmal albern vor. Wie ein Teenager beim ersten Rendezvous. Das liegt wohl daran, dass du so jung bist. Ich hoffe, es war kein Fehler, dich einzuladen. Wie alt bist du? Fünfzehn?"
Am liebsten wäre Anita aufgestanden und gegangen, so unwohl fühlte sie sich in diesem Moment.
Er schien zu spüren, was in ihr vorging und nahm sanft ihre Hand in die seine.
"Ich wollte dich nicht beleidigen, ehrlich!" sagte er. "Ich hatte dich deiner Stimme nach älter geschätzt und bin überrascht."
"Ich bin fast siebzehn!" entgegnete sie trotzig und sah ihn herausfordernd an. "Ist das ein Problem für dich? Sage es mir und ich gehe!"
Frank schwieg und die Spannung zwischen ihnen steigerte sich ins Unerträgliche. Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich will nicht, dass du gehst. Wahrscheinlich begehe ich den größten Fehler meines Lebens, aber ich will, dass du bei mir bleibst."
Erleichtert atmete sie auf und lächelte ihn an. Langsam begann das Eis zu tauen und es gelang ihnen, sich unbefangen zu unterhalten. Anita kam es vor, als kannte sie Frank schon eine Ewigkeit.
Irgendwann - nach einer schier endlosen Zeit - warf Anita das erste Mal einen Blick auf ihre Uhr und erschrak.
"Ich muss gehen", sagte sie. "Es ist spät und ich morgen ist wieder Schule."
Sie stand auf und öffnete die Türe, doch Frank stellte sich ihr in den Weg und schloß die Türe wieder.
Irgend etwas Seltsames - für Anita Undefinierbares - lag in seinem Blick.
"Bitte bleibe hier!"
Leidenschaftlich presste er Anita an sich und küsste sie zum ersten Mal.
Ein Traum ist in Erfüllung gegangen, dachte sie überglücklich, und ich wünsche mir, dass er niemals zu Ende geht.
Sie wollte etwas sagen, doch er schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick wussten beide auch ohne Worte was sie wollten. Behutsam hob er sie hoch und trug sie auf seinen Armen ins Schlafzimmer.
Längst hatte Anita ihre Furcht verloren und fühlte sich geborgen wie noch niemals zuvor.
Sie lag in seinen Armen und er flüsterte ihr ins Ohr: "Ich liebe dich!"
Anita fand in dieser Nacht kaum Schlaf, starrte nur unentwegt an die Decke.
Würde Frank sie noch am Morgen lieben, oder waren es von ihm nur Worte gewesen? Worte, die einfach dazugehörten? Sie hatte wahnsinnige Angst, dass etwas passieren könnte und ihre Liebe zerstören würde.
Sie frühstückten gemeinsam und Anita nahm sich vor, nicht eher zu gehen, bis sie von ihm eine Antwort hatte, wie er sich ihre Beziehung vorstellte.
Doch sie brauchte ihn nichts zu fragen. Er sprach von selbst das Thema an.
"Ich war noch niemals so glücklich", gestand er ihr und diese Worte zerstreuten all ihre Zweifel. "Hoffentlich bekommen wir keine Probleme wegen deines Alters."
Sie schüttelte den Kopf. "Nicole hat das Sorgerecht für mich. Sie wird uns keine Steine in den Weg legen und in 1 1/2 Jahren bin ich achtzehn. Du wirst sehen, die Zeit vergeht schnell."
Frank nahm sie wieder in seine Arme und küsste sie.
"Ich warne dich!" sagte er lachend. "Mich wirst du nie wieder los!"
Anita konnte sich den ganzen Vormittag kaum auf die Schule konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten um Frank. Sie freute sich auf den heutigen Tag. Es war herrliches Wetter und sie wollten zum Baden fahren. Abends würden sie bei Anita zu Hause essen. Nicole bestand darauf, Frank so bald wie möglich kennen zu lernen.
Das ganze Leben ist wie ein Traum, dachte Anita und hätte ihr Glück am liebsten laut heraus geschrien. Doch sie wollte noch eine Weile warten, ehe sie ihre Freundinnen einweihen würde.
Es erschien Anita wie eine Ewigkeit, bis die Schulglocke ertönte. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Heimweg. Bevor sie heimfuhr, wollte sie noch kurz bei Frank vorbeischauen.
Nachdem sie ihr Fahrrad an der Hauswand abgestellt hatte, ging sie zur Werkstatt. Anita wollte klingeln, doch die Türe stand offen. Vorsichtig schob sie sie auf und trat ein. In der Werkstatt war keine Spur von Frank. Aus seiner Wohnung hörte Anita laute Geräusche. Zögernd öffnete sie die Türe zum Wohnzimmer. Wie von selbst fiel ihr Blick auf den Fleck in dem hellen Teppich. Er sah wie Blut aus. Panik stieg in ihr hoch und sie überlegte, ob sie nicht umkehren sollte.
Du bist eine Idiotin, schimpfte sie sich, vermutlich hatte sich Frank bei der Arbeit verletzt.
Die Blutspur führte in Franks Schlafzimmer und Anita folgte ihr. Die Schlafzimmertüre stand einen Spalt offen und Anita warf einen Blick hinein.
Frank lag auf dem Boden. Über ihm kniete ein Mann. Voller Entsetzen sah Anita das blitzende Messer in der Hand des Mannes, mit dem er immer wieder auf Frank einstach. Frank versuchte den Mann von sich zu stoßen.
Anita wollte schreien, doch ihr Mund war wie gelähmt. Ihr kam es vor, als würde sie sich die Szene eines Filmes ansehen. Ein letztes Röcheln von Frank riss sie aus ihrer Trance. Hysterisch schrie sie. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu schreien. Der Mann ließ von Frank ab und drehte den Kopf zu ihr. Sekunden vergingen. Als der Mann aufsprang, wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie schlug die Türe hinter sich zu und lief so schnell sie konnte - quer durchs Wohnzimmer und die Werkstatt - das heftige Atmen ihres Verfolgers im Nacken. Gerade als sie aus der Werkstatt laufen wollte, holte der Mann sie ein und warf sie zu Boden. Anita verspürte einen stechenden Schmerz am Bein. Wie von Sinnen schlug und trat sie um sich. Es gelang ihr sich von ihm zu befreien und schreiend lief sie ins Freie. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr linkes Bein voller Blut war. Sie humpelte zum Nachbarhaus und klingelte mit letzter Kraft, bevor sie ohnmächtig wurde.
Es dauerte zwei Tage bis Anita das Bewusstsein wieder erlangte. Nicole saß an ihrem Krankenbett.
"Er ist tot, nicht wahr?"
Nicole nickte mit Tränen in den Augen. Anita brach in hemmungsloses Weinen aus. Nicole umarmte ihre Schwester und redete beruhigende Worte auf sie ein. Doch wie sollte man jemand trösten, der das Liebste auf der Welt verloren hatte?
Anita hatte am Anfang Angst, Franks Mörder könnte nach ihr suchen. Immerhin war sie die einzige Zeugin, die ihn belasten hätte können. Doch nichts geschah.
Anita hatte sich das Gesicht des Mannes intensiv eingeprägt und der Polizei eine genaue Personenbeschreibung gegeben. Doch der Mörder wurde nicht gefasst.
Zehn Jahre vergingen. Anita musste noch einen schweren Schicksalsschlag verkraften: Ihre Schwester Nicole starb an Krebs.
Anita hatte sich in den Jahren sehr verändert. Ihr Haar war inzwischen dunkelblond und kurzgeschnitten. Ihr Gesicht wirkte hart und sie sah älter aus, als sie es war. Der vergangene Schmerz hatte seine Spuren hinterlassen.
Sie hatte einen Job als Sekretärin in einem Verlag und war die rechte Hand ihres Chefs Manfred Friedrich. Manfred wusste, was für ein schlimmes Erlebnis hinter Anita lag und sie tat ihm leid. Mehr noch. Er hatte sich in sie verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Anita mochte Manfred gerne. Doch sie war nicht bereit, wieder eine Beziehung zu einem Mann zu haben.
Anita kam von der Mittagspause zurück und begann die neu eingegangene Post durchzusehen. Überrascht hob sie ihren Kopf, als laute Stimmen aus Manfreds Büro ertönten. Das war ungewöhnlich, denn Manfred war ein friedliebender Mensch. Niemals hatte Anita ihn streiten gehört. Leise erhob sie sich und schlich zur Türe um die Unterhaltung verstehen zu können.
"Ich werde nicht verkaufen!" schrie Manfred erregt. Anita hörte jemanden lachen.
"Noch ist das letzte Wort in dieser Sache nicht gefallen", sagte der andere Mann. "Ich habe meine Mittel und Wege, Sie zum Verkauf zu zwingen."
Ganz unerwartet wurde die Türe aufgerissen. Bei dem Versuch so schnell wie möglich an ihren Schreibtisch zurückzukehren, geriet Anita ins Stolpern und wäre vermutlich gefallen, wenn nicht starke Männerhände sie festgehalten hätten.
"Langsam, Kleine!" hörte sie eine männliche Stimme neben sich. Sie machte sich aus der Umarmung frei und richtete sich auf. Dann sah sie den Mann ins Gesicht. Er war an die Vierzig mit kurzem blonden Haar und blauen Augen. Mit seiner stark gebräunten Haut und der dunklen Sonnenbrille wirkte er überheblich und arrogant.
Er schien verwirrt zu sein. "Könnte es sein, dass wir uns schon irgendwo einmal begegnet sind?"
Anita schwieg und starrte ihn unentwegt an. Dutzende von Erinnerungen überrollten sie. Sie sah Franks Gesicht vor sich; sie sah seinen Körper - blutüberströmt - und dazwischen immer wieder das Gesicht dieses Mannes.
"Anita!" Erst Manfreds Ruf holte sie in die Gegenwart zurück. Verlegen sah sie ihn an. Sie wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, in der sie den Mann nur angestarrt hatte.
Er ging zur Türe. Bevor er das Büro verließ, wandte er sich nochmals an Anita.
"Mir fällt es bestimmt wieder ein, woher wir uns kennen. Ich rufe Sie an!"
Krachend flog die Türe hinter ihm zu. Anita lief zum Fenster und sah zum Hof hinaus. Der Mann stieg in einen schwarzen Porsche und raste davon.
"Anita!" Ungläubig sprach Manfred diese Worte aus und schüttelte den Kopf. "Woher kennst du ihn?"
"Wer ist er?" Anita stellte nur diese eine Frage.
"Er heißt Reinhard Birner", erzählte Manfred. "Er ist sehr reich und einflußreich und in Geschäften jeder Art verwickelt. Mein Verlag hat sich im Laufe der Jahre zu einem angesehenen Unternehmen entwickelt, darum will er ihn mir abkaufen. Er ist verrückt. Er glaubt, mich zum Verkauf zwingen zu können. Anita, ich flehe dich an, lass dich nicht mit ihm ein! Er mag noch so gut aussehen, aber er ist gefährlich für dich und das nicht nur, weil er verheiratet ist. Glaub mir, ich sage das nicht weil ich eifersüchtig bin."
Anita setzte sich an ihren Schreibtisch und ging wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Fast glaubte Manfred diese Unterhaltung hatte nie stattgefunden, denn was sollte ein Mädchen wie Anita für ein Interesse an einem Mann wie Reinhard Birner haben?
Anita machte in dieser Nacht kein Auge zu. Die Schatten der Vergangenheit hatten sie endgültig eingeholt. Ihr erster Gedanke war zur Polizei zu gehen. Endlich konnten sie den Mörder von Frank festnehmen und er würde seine Strafe erhalten. Plötzlich überfiel sie ein anderer, schrecklicher Gedanke. Der Mord lag zehn Jahre zurück und alle Spuren waren verwischt. Würde man Reinhard Birner überhaupt seine Schuld beweisen können? Zwar würde sie als Zeugin aussagen, doch er war reich und mächtig.
Anita liefen die Tränen übers Gesicht. Niemals, so schwor sie sich, niemals sollte dieser Mann so einfach davonkommen.
Als Anita am nächsten Morgen ins Büro kam, war sie noch immer zu keiner Entscheidung gekommen. Überrascht sah sie, dass in Manfreds Büro Licht brannte. Es war erst kurz nach sieben und Manfred tauchte nie vor halb neun Uhr im Büro auf. Anita klopfte an die Türe. Als niemand antwortete, trat sie ein.
Manfred saß hinter seinem Schreibtisch, die Hände vors Gesicht geschlagen. Er bemerkte nicht einmal Anitas Eintreten. Zögernd trat sie näher und legte eine Hand auf seine Schulter.
"Manfred, was ist los mit dir? Geht es dir nicht gut?"
Er zuckte zusammen und hob den Kopf. Er sah fürchterlich aus, als hätte auch er in der vergangenen Nacht keinen Schlaf gefunden. Die Tränen, die in seinen Augen standen, erschütterten Anita.
"Dieser Kerl will mich fertigmachen", begann Manfred und wich ihrem Blick aus.
Ohne das ein Name fiel, wusste Anita von wem Manfred sprach.
"Was hat er getan?" fragte sie tonlos.
Und Manfred erzählte ihr alles. Reinhard Birner terrorisierte ihn seit einigen Wochen. Gestern hatte die Geschichte seinen Höhepunkt erreicht. Manfreds Haushälterin fand Simba, Manfreds Schäferhündin vergiftet im Garten. Manfred war fix und fertig, als er von dem Tod des Hundes erfuhr. Doch es ging noch weiter: Den ganzen Abend über läutete das Telefon. Wenn Manfred sich meldete, wurde er beleidigt oder bedroht. Schließlich hatte er das Telefon ausgehängt. Trotzdem hatte er die ganze Nacht nicht schlafen können. An diesen Morgen entdeckte Manfred, daß man in der vergangenen Nacht sein Auto demoliert hatte.
"Du musst zur Polizei gehen", riet Anita ihm.
Manfred lächelte bitter. "Und was soll ich denen erzählen? Dass jemand mich am Telefon belästigt? Dass jemand meinen Hund vergiftet hat? Dass ein Unbekannter meinen Wagen zerstört hat? Ich habe nicht den geringsten Beweis, dass Reinhard Birner hinter all dem steckt. Ich weiss, er ist viel zu schlau um sich irgend etwas nachweisen zu lassen. Ich überlege, ihm den Verlag zu verkaufen. Sein Angebot ist gut - sehr gut sogar. Und ich hätte dann meine Ruhe vor ihm."
Energisch schüttelte Anita den Kopf. "Das darfst du nicht tun. Du darfst nicht seinen gemeinen Erpressungen nachgeben. Du hast den Verlag doch zu dem gemacht, was er heute ist und ich weiss wieviel er dir bedeutet."
"Aber was soll ich tun?" fragte Manfred verzweifelt. "Dieser Mann wird keine Ruhe geben. Glaube mir, ich kenne ihn!"
Sekundenlang schwieg Anita und sah Manfred nachdenklich an.
"Warum nimmst du dir nicht ein paar Tage frei? Fahre irgendwo hin, wo er dich nicht findet. Vielleicht findet sich inzwischen eine Lösung. Ein paar Tage schaffe ich es hier auch alleine."
Zweifelnd sah Manfred sie an, dann willigte er ein.
"Du hast recht! Ich werde ein paar Tage Urlaub machen und versuchen, nicht an diese Geschichte zu denken. Aber Montag morgen bin ich wieder zurück. Das verspreche ich dir!"
Eine Stunde später machte sich Manfred auf den Weg und er sagte nicht einmal Anita, wohin er fahren würde.
Kaum war die Türe hinter ihm zugefallen, verlor Anita die Kontrolle über sich und brach in hemmungsloses Weinen aus.
Wo sollte das hinführen? fragte sie sich verzweifelt. Was war dieser Reinhard Birner nur für ein Mensch? Er würde Manfreds Leben zerstören, das ahnte sie inzwischen. Genauso eiskalt und kaltblütig, wie er Franks Leben zerstört hat. Gab es denn nichts, das diesen Mann aufhalten konnte?
Anita wusste nicht, wie lange sie dagesessen und einfach ins Leere gestarrt hatte. Erst das monotone Klingeln des Telefons riss sie jäh hoch. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und nahm den Hörer ab.
"Hallo, Anita", erklang eine männliche Stimme an ihrem Ohr. Anita wusste, wer am anderen Ende der Leitung war, bevor er seinen Namen nannte. Sie war so überrascht, dass sie sekundenlang schwieg.
"Anita, sind Sie noch dran?" hörte sie ihn fragen.
"Guten Tag, Herr Birner", sagte sie. Er lachte laut.
"Sie wissen also, wer ich bin?"
"Wollen Sie mit Manfred sprechen?" fragte sie.
Er verneinte. "Nein, mit Ihnen."
Anita war wie erstarrt und plötzlich wusste sie, was zu tun war.
"Ich weiss einiges über Sie", begann sie. "Das Wichtigste ist, dass Sie verheiratet sind. Also, was wollen Sie von mir?"
Wieder lachte er, dann wurde er ernst.
"Wissen Sie, Anita, eigentlich sind Sie nicht mein Typ. Ich liebe weibliche Frauen. Frauen, die sich ihrer Wirkung auf Männer bewusst sind. Sie sind ganz anders. Sie verstecken sich hinter einer unweiblichen Frisur und unweiblicher Kleidung. Doch ich habe sofort erkannt, was Sie in Wirklichkeit für eine Frau sind."
"Und was für eine Frau bin ich?" wollte sie wissen.
"Eine sehr leidenschaftliche und zärtliche Frau", fuhr er fort. "Und wissen Sie, woher ich das weiß? Es war der Blick in Ihren Augen, als Sie mich angesehen haben. Das hat mich beeindruckt. Ich spürte, dass Sie mich wollten und ich will Sie - vom ersten Augenblick an."
Anita war sprachlos angesichts dieser maßlosen Arroganz und schwieg.
"Ich bin ein Mann der schnellen Entschlüsse", fuhr er fort. Wollen Sie das Wochenende mit mir in den Bergen verbringen?"
Er ist verrückt, dachte sie fassungslos, Manfred hatte recht. Er glaubt, sich mit Geld alles kaufen zu können.
"Ich bin einverstanden", hörte sie sich sagen. "Vorher aber möchte ich etwas klarstellen. Ich will nicht, dass irgend jemand von diesem Wochenende mit Ihnen erfährt. Immerhin sind Sie verheiratet. Und nun geben Sie mir die Adresse."
Reinhard versprach ihr, niemanden etwas über sie zu erzählen und gab ihr die Adresse, unter der er sie am Freitag Abend erwartete.
Anita saß noch lange nachdem sie aufgelegt hatte, regungslos vor ihrem Schreibtisch.
Er plant seine Affäre mit mir wie irgendein Geschäft, kam ihr in den Sinn. Noch niemals zuvor hatte sie einen so arroganten und gefühllosen Menschen getroffen. Dass er einen Mord begangen hatte, verwunderte sie nicht mehr.
Sollte Anita noch letzte Zweifel gehabt haben, ob sie die Sache nicht der Polizei überlassen sollte, so waren diese jetzt verschwunden.
Die folgenden Tage vergingen rasch und dann war es soweit. Es war Freitag Mittag.
Anita hatte alles, was sie brauchte in ihrem Kofferraum verstaut und machte sich auf den Weg ins Gebirge.
Sie hatte sich komplett neu eingekleidet. Das rote Stretchkleid, das sie trug, war hauteng und kurz, dazu steckten ihre langen schlanken Beine in den passenden roten Schuhen.
Es war gegen sechs Uhr abends, als sie an dem abgelegenen kleinen Wochenendhäuschen ankam. Reinhards schwarzer Porsche parkte vor dem Haus. Reinhard stand am Fenster, als sie eintraf und öffnete ihr die Haustüre.
Mit weit geöffneten Augen musterte er sie von oben bis unten. "Ich hätte dich fast nicht erkannt. Du siehst toll aus", sagte er und führte sie ins Haus. Galant nahm er ihr den schwarzen Blazer ab und hängte ihn auf einen Kleiderhaken.
Anita musste zugeben, daß Reinhard unwiderstehlich aussah. Er trug enge weiße Jeans und durch sein weit geöffnetes hellgemustertes Hemd konnte man einen Blick auf seine stark behaarte Brust werfen.
Anita folgte ihm ins Wohnzimmer und nahm auf der Couch Platz.
"Soll ich im Kamin Feuer machen?" fragte er sie. "Wir könnten uns ein wenig vor den Kamin setzen."
Sie nickte lächelnd und beobachtete wie er sie vor dem Kamin hinkniete und Feuer machte.
"Komm her!" forderte er sie auf und reichte ihr die Hand. Anita legte ihre Handtasche auf die Couch und setzte sich neben ihn auf den weichen hellen Teppich. Ehe sie zum Nachdenken kam, hatte er sie zu Boden gedrückt und küßte sie. Fast gleichzeitig wanderten seine Hände unter ihr Kleid.
Anita musste sich zusammenreißen, um nicht laut loszuschreien und ihn wegzustoßen. Sanft schob sie ihn von sich.
"Wir haben das ganze Wochenende Zeit", meinte sie. "Warum hast du es so eilig?"
"Entschuldige!" meinte er und grinste anzüglich. "Das ist die Macht der Gewohnheit. Wenn ich etwas sehe, das ich haben will, dann will ich es sofort. Egal, ob es sich dabei um eine Firma oder eine Frau handelt."
Du mieses Schwein, dachte Anita voller Verachtung. Wie lange würde es ihr gelingen, ihre wahren Gefühle zu verbergen?
"Willst du einen Drink?" unterbrach er ihr Schweigen. Wortlos nickte sie. Reinhard ging zu der kleinen Bar am anderen Ende des Zimmers und schenkte zwei Gläser Whisky Cola ein.
Anita schmiegte sich eng an ihn und küßte ihn auf die Wange.
"Hast du vielleicht eine Kleinigkeit zum Essen da?" fragte sie. "Ich bin so schnell es ging hierher gekommen, um bei dir zu sein und hatte keine Zeit mehr etwas zu essen."
Lächelnd nickte er. "Ja, natürlich! ich mache dir ein Brot."
Gebannt sah Anita ihm nach wie er in die Küche ging. Sie atmete mehrere Male tief durch, bevor sie sich erhob und zu ihrer Handtasche ging. Nervös warf sie einen Blick zur Türe, doch man hörte Geräusche aus Küche. Es würde noch eine Weile dauern, bis er zurückkam. Sie entnahm ein kleines Päckchen aus ihrer Handtasche und setzte sich zum Kamin. Hastig riss sie das Päckchen auf und goß den Inhalt in Reinhards Glas. Mit einem Finger rührte sie das Getränk um. Hastig versteckte sie das leere Päckchen unter dem Teppich. Kurze Zeit später kam Reinhard zurück.
"Laß uns ein Glas auf uns trinken!" bat sie ihn liebevoll und reichte ihm sein Glas.
Wortlos stießen sie miteinander an und tranken beide ihre Gläser leer. Sekundenlang hatte sie Angst, er könnte etwas bemerkt haben, doch das schien nicht der Fall zu sein.
Langsam begann sie das Brot zu essen, während er einige Holzscheite in die Flammen warf.
"Du hast nicht viele Erfahrungen mit Männern, nicht wahr?" fragte er und sah sie lange an. "Du hast Angst vor mir."
"Ja, du hast recht", gestand sie ihm und legte den Arm um ihn. "Wenn du es genau wissen willst: ES gab erst einen Mann in meinen Leben. Ist das ein Problem für dich?"
Grob drückte er sie zu Boden und legte sich auf sie.
"Ich bin zu alt für irgendwelche Spielchen", sagte er zynisch. "Du wusstest, worauf du dich eingelassen hast, als du hierher kamst. Ich werde jetzt mir dir schlafen. Danach kannst du verschwinden - wenn du willst."
Reinhard küßte sie und seine Lippen wanderten über ihren Hals bis zu dem Ausschnitt ihres Kleides.
Regungslos lag Anita da und ließ es mit sich geschehen. Mein Gott, dachte sie, wie lange kann ich seine Berührungen noch ertragen?
"Warte!" bat sie ihn. "Du zerreißt mir das Kleid. Ich ziehe es aus."
Reinhard ließ sie los. Mit zitternden Händen zog sie sich das Kleid aus. Während dessen begann er seine Hose aufzuknöpfen. Da bemerkte Anita, dass er wankte.
"Warum bin ich nur so müde?" fragte er. Dann brach er zusammen und fiel zu Boden. Minutenlang stand Anita da und starrte ihn an. Dann zog sie sich an. Sie nahm ihre Jacke und ihre Handtasche und ging zum Wagen. Mühsam schleppte sie den schweren Benzinkanister ins Wohnzimmer, vergoß Benzin im ganzen Wohnzimmer. Ein letztes Mal blickte sie zurück auf den bewusstlosen Reinhard.
Die Tränen liefen ihr über die Wangen und ihre Hände zitterten, als sie nach der Streichholzschachtel in ihrer Handtasche griff.
"Frank!" flüsterte sie. "Frank, ich muss es tun. Für dich, mein Liebling."
Sie nahm ein Streichholz und zündete es an. Das brennende Streichholz warf sie mitten ins Benzin. Sofort stand der halbe Raum in Flammen. Mit schnellen Schritten verließ Anita das Haus und stieg in ihren Wagen. Noch einmal warf sie einen Blick auf das brennende Haus zurück und atmete erleichtert auf, als wäre ihre Seele von einer schweren Last befreit worden.
Am Montag morgen kam Anita fast eine Stunde später als sonst ins Büro.
Manfred sah sie verwundert an. "Geht es dir nicht gut?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe verschlafen."
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und öffnete die Post. Plötzlich hob sie den Kopf und sah ihn fragend an.
"Du wirst den Verlag doch nicht verkaufen, oder?"
Ernst sah er sie an. "Reinhard Birner ist in seinem Wochenendhaus verbrannt."
Anita stand auf und sah zum Fenster hinaus. Nachdenklich beobachtete er sie. Sie wirkte irgendwie verändert. Er wusste nur nicht wie. Jetzt fiel es ihm auf. Sie lächelte. Das erste Mal seit langer Zeit lächelte sie.
Sie war es, schoß ihm ganz plötzlich durch den Kopf. Er wusste nicht wie oder warum, aber er war sich sicher.
Minutenlang herrschte Schweigen zwischen den beiden.
"Ist irgend etwas?" fragte sie und wandte sich ihm wieder zu. "Warum starrst du mich so an?"
Sekundenlang überlegte er, sie zu fragen. Doch irgend etwas hielt ihn davor zurück. Langsam trat er auf sie zu und legte den Arm um ihre Schulter.
"Nein, Anita, es ist nichts! Es ist alles in Ordnung. Lass uns an die Arbeit gehen!"
Endlose Liebe
Das Mädchen saß vor dem Spiegel. Langes hellblondes Haar umrahmte ihr zartes ebenmäßiges Gesicht. Eitel schüttelte es seine blonde Mähne und betrachtete sich von allen Seiten.
"Erik?" wandte es sich fragend an den hinter ihr stehenden Jungen. "Findest du mich hübsch?"
Der Junge, knapp siebzehn und ein Jahr älter als sie, strahlte sie an.
"Du bist das schönste Mädchen, das ich kenne", behauptete er. "Du bist viel schöner, als all die Mädchen auf den Titelseiten der Zeitschriften!"
Geschmeichelt über die Worte des Jungen, drückte das Mädchen ihm einen zarten Kuß auf die Wange. Erik wusste, was sie hören wollte und er hatte die Worte zum richtigen Zeitpunkt ausgesprochen.
Sie schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln.
"Komm!" rief sie fröhlich und packte ihn am Arm. "Gehen wir schwimmen!"
Lachend verließen die beiden jungen Leute die Villa. Kopfschüttelnd blickte ihnen Frau Roth, die Haushälterin, nach.
"Mit der nimmt es kein gutes Ende!" murmelte sie zu sich selbst. "Von jedem wird sie nur verwöhnt."
Cindy war die Tochter des erfolgreichen und mächtigen Geschäftsmannes Albert Mardo. Eines Tages würde sie Alleinerbin seines Vermögens sein. Kein Wunder, das schon jetzt unzählige Verehrer die knapp Sechzehnjährige umschwärmten.
Cindy wuchs wie eine Prinzessin im Märchenland auf. Jeden ihrer Wünsche bekam sie erfüllt. Wenn einmal etwas nicht nach ihrem Willen ging, schrie und weinte sie, bis sich ihr Vater erweichen ließ. Elisabeth Mardo ermahnte ihren Gatten häufig, nicht so nachsichtig mit Cindy zu sein. Aber Albert Mardo brachte es nicht übers Herz seinem einzigen Kind einen Wunsch abzuschlagen.
Die Beziehung zwischen Elisabeth Mardo und Cindy hingegen war gespannt, denn ihre Mutter war nicht so tolerant wie der Vater und sie erschrak über Cindys Auftreten anderen Menschen gegenüber.
Erik genoß das Privileg, als ihr Freund auserwählt worden zu sein. Stets hatte er für sie dazusein. Wenn sie mit anderen Jungs unterwegs war, musste er sich diskret zurückziehen. Kein anderer Junge hätte Cindys Verhalten akzeptiert. Erik hingegen verlor nie ein Wort darüber.
Die ersten Jahre der Freundschaft zwischen den beiden, hegte Elisabeth Mardo die leise Hoffnung, dass sich Cindy in Erik verlieben und ein anderer Mensch aus ihr werden würde. Doch die Zeit verging und nichts änderte sich.
Cindy wurde älter und sofern es möglich war, noch hübscher und arroganter. Ihre Mutter wagte oft nicht, die Morgenzeitung aufzuschlagen, aus Angst, sie könnte darin über eine heiße Liebesaffäre ihrer Tochter lesen. Früher wollte Albert Mardo nicht in Cindys Leben eingreifen, heute konnte er es nicht mehr. Sie lachte ihn nur aus, wenn er ihr Vorwürfe machte.
"Aber Vati! Sei kein Spielverderber!" Und damit war für sie das Thema erledigt.
Nachdenklich betrachtete sich Cindy im Spiegel. Ihre Gedanken wanderten zu dem vergangenen Abend zurück. Wieder einmal war Erik ihretwegen in eine Schlägerei verwickelt worden.
Lieber guter Erik, dachte Cindy mit einem warmen Lächeln, was täte ich nur ohne dich. Es ist schön so einen Freund zu haben.
Rasch warf Cindy einen Blick auf ihre goldene Armbanduhr. Es war kurz vor acht Uhr. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie an ihren Vater dachte. Er wäre entsetzt, wenn er erfahren würde, dass sein langjähriger Geschäftspartner und Freund Thomas Brunner heute Abend ihr persönlicher Gast sein würde.
Cindy sah an diesem Abend hinreißender denn je aus und sie wusste um ihre Ausstrahlungskraft auf Männer. Taillenlange hellblonde Locken gaben einen reizvollen Kontrast zu dem hauchdünnen schwarzen Anzug, den sie trug.
Thomas Brunner starrte sie wie elektrisiert an, als er ihre Wohnung betrat, die sich in der Villa Albert Mardos befand, jedoch mit separatem Eingang.
Cindy bat ihn Platz zu nehmen und bot ihm ein Glas Champagner an. Kaum hatten sie miteinander angestoßen, riss der große, kräftige Geschäftsmann, Cindy in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich.
"Du bist eine Hexe!" murmelte er in ihr Ohr. "In den letzten Monaten hast du es darauf angelegt, mich herumzukriegen, nicht wahr?"
Cindy kicherte vergnügt, als seine Lippen über ihren Hals wanderten. Wie recht er hat, dachte sie und der Gedanke, dass Thomas es ausgerechnet ihrer Mutter zu verdanken hatte, daß er hier bei ihr war, erheiterte sie.
Elisabeth Mardo hegte große Sympathien für Thomas Brunner.
"Er ist einer der wenigen Männer mit Anstand. Einer, der nicht für ein Abenteuer seine Ehe aufs Spiel setzen würde", hatte sie zu ihrer Tochter gesagt. Was Cindy nicht haben konnte, reizte sie und so wurde ihr Interesse an Thomas Brunner geweckt. Keine Gelegenheit ließ sie aus, um ihm heiße Blicke zuzuwerfen oder ihm einen Einblick in ihr Dekolleté zu gewähren. Verlegen sah Thomas anfangs beiseite, doch irgendwann war es mit seiner Beherrschung vorbei und er bat Cindy um ein Rendezvous.
Viel später an diesem Abend klingelte es an der Türe. Hastig machte sich Cindy aus Thomas' Umarmung frei und zog ihren weißen Bademantel über. Sie merkte nicht, dass sie total zerzaust und ihr Lippenstift verschmiert war. Dafür fiel es Erik auf, der ihr gegenüber stand. Erstaunt flüsterte sie seinen Namen.
"Du hast wahrscheinlich Besuch?" wollte er mit gleichgültig klingender Stimme wissen. Sein Blick wanderte zu der Stelle, an der man deutlich den Ansatz ihrer Brüste erkennen konnte und unwillkürlich zog Cindy den Bademantel fester zusammen.
"Ich habe dir schon vor einer Woche gesagt, dass ich heute vorbeikomme", fuhr Erik fort. "Du weisst doch, heute habe ich den Videofilm von Stefan bekommen."
Cindys Gesicht hellte sich auf.
"Du hast ihn tatsächlich bekommen?" rief sie aus. Wie lange hatte sie sich bemüht, diesen Horrorfilm aufzutreiben. Vergeblich - denn offiziell war er in Deutschland verboten. Erik hatte ein wahres Wunder vollbracht. Stürmisch fiel sie ihm um den Hals und umarmte ihn.
"Erik, du bist ein Schatz! Vielen Dank!"
Ein Räuspern hinter ihnen ließ die beiden auseinander fahren. Es war Thomas.
Abschätzend musterten sich die beiden unterschiedlichen Männer. Thomas war sich seines Alters noch nie so bewusst gewesen, wie in diesem Augenblick, als er dem großen, hübschen Jungen mit dem schulterlangen schwarzen Haar und den dunklen Augen gegenüber stand.
"Ich glaube, ich gehe besser", durchbrach Erik als erster das Schweigen, doch Cindy hielt ihn am Arm fest.
"Nein, bleib hier! Thomas wollte gerade gehen, nicht wahr?" Kühl sah sie Thomas an.
Dieser nickte nur und verließ ohne sich zu verabschieden die Wohnung.
Schweigend folgte Erik Cindy. Erik ging ins Schlafzimmer, während Cindy im Badezimmer verschwand. Ausdruckslos wanderten seine Blicke durch das Zimmer. Er sah das zerwühlte Bett und die halbleere Champagnerflasche. Sekundenlang ging es ihm wie ein Stich durchs Herz, als er daran dachte, daß Cindy vor wenigen Minuten mit diesem Mann im Bett gewesen war. Viel zu oft hatte er solche Situationen schon erlebt, als dass es ihm noch viel ausmachen würde. Er hatte es im Laufe der Jahre geschafft, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Manchmal dachte er daran, Cindy zu sagen, dass er sie liebte. Vermutlich würde sie ihn auslachen, weil er genauso ein verrückter Narr wie alle anderen war. Nein, Cindy durfte es niemals erfahren, denn dann könnten sie nicht einmal mehr Freunde sein.
"Erik!" riss ihn ihre Stimme aus seinen Gedanken. "Was machst du denn? Warum legst du den Film nicht ein?"
Sekundenlang sah er sie schweigend an.
"Der Mann vorhin. Ist das etwas Ernstes?"
Cindy lachte laut und amüsiert auf.
"Aber Erik, was machst du dir für Gedanken? Du kennst mich doch. Ich meine es nie ernst. Aber egal, was passiert, zwischen uns beiden wird sich nichts ändern. Du bist der einzige und beste Freund, den ich habe."
Um ihre Worte zu verstärken, legte sie ihren Arm um Erik. Cindy war so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht einmal merkte, wie Erik unter dieser unerwarteten Berührung zusammenzuckte.
Er war ihr einziger und bester Freund. Diese Worte entschädigten ihn für alles. Mochte Cindy noch so viele Männer haben; er allein war ihr Freund und eines Tages würde sie ihn lieben, daran glaubte er.
Die Partys von Cindy Mardo waren in der ganzen Gegend bekannt. Cindy war äußerst gastfreundlich. Sie hatte gerne eine Menge Leute um sich und es gefiel ihr im Mittelpunkt zu stehen.
An diesem Wochenende fand wieder eine Party im Hause von Cindys Eltern, die zur Zeit in Urlaub waren, statt. Bereits seit Stunden war Cindy damit beschäftigt, sich herzurichten.
Es war kurz vor neun Uhr, als sie einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel warf. Sie hatte ihr blondes Haar zu einer wilden Mähne gefönt. Das enge türkische Kleid saß wie eine zweite Haut an ihrem Körper und betonte ihre schlanke Taille.
Cindy atmete tief durch, bevor sie die Türe öffnete. Wie erstarrt blieb sie stehen, als sie das Mädchen sah, das neben Erik stand und sich vertraulich an ihn schmiegte. Voller Neid musste Cindy zugeben, selten so eine Schönheit wie Patrizia Stratmann gesehen zu haben.
Lange schwarze Locken umrahmten ein helles, puppenhaftes Gesicht, das von großen dunklen Augen beherrscht wurde. Das schwarze Kleid, das sie trug, reichte ihr nicht einmal bis zu den Knien. Erik und Patrizia gaben ein wunderschönes Paar ab.
"Hallo!" sagte Patrizia mit einem freundlichen Lächeln und reichte Cindy die Hand. Cindy musterte die andere kühl, doch kein Lächeln huschte über ihre Züge.
"Hallo, Patrizia!" brachte sie mühsam hervor. Sie zitterte vor Wut. Wie konnte es Erik wagen, Patrizia mitzubringen? Die Feindschaft von Patrizia und Cindy bestand seit über zwei Jahren. Die beiden Mädchen hatten sich für denselben Mann interessiert. Der Mann hatte sich für Patrizia entschieden und das hatte Cindy ihr niemals verziehen.
"Ich muss mit dir reden!"
Cindy packte Erik am Arm und zog ihn beiseite. In diesem Augenblick erschienen die nächsten Gäste. Cindy blieb nichts anderes übrig, als sich um die Neuankömmlinge zu kümmern. Der böse Blick, den sie Erik zuwarf, ließ ihn ahnen, dass das Thema Patrizia für sie nicht erledigt war und sie bei nächstbester Gelegenheit darauf zurückkommen würde.
Erik war mit sich und seinem Einfall zufrieden. Er wollte Cindy zeigen, dass er Chancen bei Mädchen hatte. Vielleicht würde sie endlich merken, was sie an ihm hatte.
Cindy trank ein Glas Champagner nach dem anderen und beobachtete mit zornigem Blick Erik und Patrizia, die den ganzen Abend nur miteinander tanzten. Obwohl viele Männer mit Patrizia tanzen wollten, lehnte sie stets freundlich ab und kümmerte sich nur um Erik. Die beiden hatten sich eben in eine stille Ecke zurückgezogen.
Cindy fühlte sich inmitten der vielen Menschen unendlich einsam. Daran konnte auch Joachim nichts ändern. Joachim, der hübsche Junge, der den Arm um sie gelegt hatte und nichts anderes im Kopf hatte, als sie zu küssen. Gleichgültig ließ sie ihn gewähren.
"Auf eine Chance bei dir habe ich schon lange gewartet", flüsterte er ihr ins Ohr und drückte sie fest an sich. Cindys schlechte Laune wuchs, als sie Patrizia und Erik im Garten verschwinden sah.
Patrizia tat ihr bestes um Erik aufzuheitern, doch es gelang ihr nicht. Patrizia, die Erik genau wie Cindy seit seiner Kindheit kannte, war der einzige Mensch, der über seine Gefühle Cindy gegenüber Bescheid wusste.
Warum musste es ausgerechnet Cindy sein? dachte Patrizia traurig. Sie war seit Jahren unsterblich in ihn verliebt und es gab nichts, wirklich nichts, was sie nicht für ihn tun würde. Es brach ihr fast das Herz, als Erik ausgerechnet sie bat, ihm zu helfen, Cindy eifersüchtig zu machen.
"Ich glaube, du solltest aufgeben", meinte sie und legte ihren Arm um seine Schulter. "Du kannst Cindy nicht ändern. Du wirst dich nur kaputt machen. Denk mal nach! Du bist immer für sie da, aber interessiert es sie was du tust? Was für Probleme du hast? In zwei Monaten fängst du in der Firma deines Vaters zu arbeiten an. Du wirst keine Zeit mehr haben, ihr den ganzen Tag hinterherzulaufen und sie wird sich jemanden anderen suchen. Glaub mir, Erik, ich weiss, wie weh eine unerwiderte Liebe tun kann. Ich weiss aber auch, wann man aufgeben sollte."
Erik sah sie nachdenklich an.
"Ich habe Cindy nicht gesagt, dass ich bei meinem Vater zu arbeiten anfange. Vielleicht bin ich feige, aber ich habe Angst vor ihrer Reaktion. Sie würde nicht verstehen, dass es mein freier Wille ist, zu arbeiten. Für sie ist das Leben ein Spiel und ich kann ihr deswegen nicht böse sein. Aber dass du unglücklich verliebt sein sollst, kann ich mir nicht vorstellen. Ein so hübsches und liebes Mädchen wie dich, findet man so schnell kein zweites Mal."
Patrizia wurde es bei seinen Worten schwer ums Herz und es gelang ihr kaum mehr, sich zu beherrschen.
"Entschuldige!, sagte er leise. "Ich wollte dir nicht weh tun und alte Wunden aufreißen."
Bei diesen Worten war es um Patrizia geschehen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte hemmungslos. Unsicher saß er neben ihr, wusste nicht, was er tun sollte. Sanft zog er sie in seine Arme und strich ihr durchs Haar.
"Bitte, lass mich allein!" schluchzte sie und machte sich aus seiner Umarmung frei. Als er sich noch immer nicht vom Fleck rührte, schrie sie ihn an. "Geh doch!"
Wortlos wandte er sich ab und ging ins Haus zurück.
Die Unterhaltung mit Patrizia hatte Erik aufgewühlt. Es erschien ihm unmöglich, länger zu warten. Er musste Cindy noch heute seine Gefühle gestehen. Das war die einzige Chance, die er sah.
Er suchte den ganzen Partykeller ab, doch nirgends war eine Spur von ihr. Es fiel ihm ein, dass er sie noch vor wenigen Minuten in leidenschaftlicher Umarmung mit Joachim gesehen hatte. Da ahnte er, wo sie zu finden war. Als er ihr Schlafzimmer betreten wollte, stellte sich ihm Denise, eine Freundin von Cindy, in den Weg.
"Bitte, Erik, geh da nicht hinein! Rede morgen mit Cindy!"
"Geh mir aus dem Weg!" schrie er das Mädchen an und stieß sie grob beiseite. Er zögerte einen winzigen Augenblick, bevor er die Türe öffnete.
Überall in Cindys Schlafzimmer lagen Kleidungsstücke verteilt. Cindy und Joachim hatten die Welt ringsherum vergessen und bemerkten nicht einmal Erik in der Türe. Niemals in seinem Leben hatte Erik einen solchen Schmerz verspürt. Jede Hoffnung auf Cindy erschien ihm auf einmal so sinnlos. Vielleicht ist es ganz gut so, dachte er, vielleicht habe ich diesen Schock gebraucht, um endlich eine Entscheidung zu treffen.
So leise wie möglich, schloß er die Türe hinter sich. Denise stand noch immer wie angewurzelt da und war erschrocken über den starren Blick in seinen Augen.
"Erik, wo willst du hin?" rief sie ihm nach, aber er ging weiter, als hätte er sie nicht gehört.
Wahrscheinlich ahnen längst alle, daß ich Cindy liebe, dachte er bitter, wie müssen sie über mich gelacht haben. Wie konnte ich nur glauben, dass sie sich eines Tages für mich interessieren würde?
Erik warf einen letzten Blick auf die Villa, bevor er in seinen Wagen stieg und wegfuhr.
Cindy hatte sich von den letzten Gästen verabschiedet, nur Denise war noch da. Cindy war müde von dem vielen Alkohol und dachte an nichts anderes mehr als an Schlaf.
"Ich muss mit dir reden!" sagte Denise mit ernster Stimme.
"Hat das nicht bis morgen Zeit?" fragte Cindy gereizt. "Falls du mir wieder einmal Moralpredigten halten willst, kannst du die Sache vergessen."
Jeder andere hätte sich von dem bösen Blick in Cindys Augen einschüchtern lassen, nicht so Denise.
"Nein, Cindy. Wir müssen sofort reden!"
Sie hatte sich fest vorgenommen, sich nicht von Cindy abwimmeln zu lassen. Die schrecklichsten Gedanken gingen ihr durch den Kopf, seit Erik vor zwei Stunden die Villa verlassen hatte.
"Okay!, meinte Cindy. "Gehen wir ins Wohnzimmer! Willst du einen Drink?"
Denise nickte. Cindy ging zur Bar und goß zwei Drinks ein. Einen reichte sie Denise, den anderen leerte sie in einem Zug. "Also?"
"Was hat Erik vorhin zu dir gesagt?" kam Denise zur Sache. Cindy sah ihre Freundin erstaunt an.
"Ich habe den ganzen Abend kein Wort mit ihm gesprochen. Er war dauernd mit dieser Patrizia beschäftigt und ich nehme an, dass die beiden zusammen gegangen sind."
"Aber er muss doch irgend etwas zu dir gesagt haben, als er zu dir und Joachim ins Schlafzimmer kam", warf Denise ein.
Bei diesen Worten musste sich Cindy am Stuhl festhalten, um nicht zusammenzubrechen. Sie konnte nicht glauben, was Denise ihr erzählte.
"Sag bloß, du hast ihn nicht bemerkt?" fragte Denise ungläubig.
Cindy schüttelte den Kopf. "Ich verstehe das gar nicht. Was kann er von mir gewollt haben?"
"Ich glaube, ich werde verrückt!" rief Denise. "Wie kannst du nur so gefühllos sein? Weißt du denn nicht, dass er dich liebt? Das hat doch inzwischen schon jeder mitbekommen."
Als sie Cindys bestürztes Gesicht sah, wusste sie, dass diese bis zu diesem Zeitpunkt ahnungslos gewesen ist.
Das kann doch nicht wahr sein, dachte Cindy, warum sollte Erik mich lieben? Er, der mich am besten kennt und alles von mir weiß?
"Wo ist er?" fuhr sie Denise. Zwar wusste sie nicht, was sie Erik eigentlich sagen wollte, aber vor allem wollte sie ihn sehen.
Denise stand auf und legte den Arm um Cindy.
"Ich weiß es nicht. Er ist wie ein Verrückter davon gerast, nachdem er aus deinem Schlafzimmer kam."
Cindy schob ihre Freundin beiseite und wischte sich die Tränen weg, die ihr übers ganze Gesicht liefen. Wortlos lief sie in die Nacht hinaus, sprang in ihren Wagen und brauste davon.
Denise ging noch einmal zur Bar und schenkte sich einen Whisky ein. Sie wusste heute Nacht würde sie kein Auge zutun.
Tausend Gedanken gingen Cindy auf dem Weg zu Eriks Wohnung durch den Kopf. Sie sah sich und Erik bei einem Ausflug ans Meer, den sie vor zwei Jahren unternommen hatten. Nie zuvor waren sie sich so nahe gekommen und noch immer glaubte Cindy seine Hände auf ihrer Haut zu spüren, als er sie mit Sonnenmilch eincremte. Sie war damals überrascht über ihre Reaktion auf Eriks unmittelbare Nähe gewesen. Doch sie hatte versucht, nicht weiter darüber nachzudenken. Sie wollte ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.
Wieder sah Cindy Erik regungslos am Boden liegen, nachdem ein Bekannter von ihr, ihn zusammengeschlagen hatte. Gott sei Dank waren seine Verletzungen weit weniger schlimm gewesen, als es zuerst aussah. Wie ein Film lief Cindys Vergangenheit vor ihr ab und sie wunderte sich, warum ihr nie aufgefallen war, welch große Rolle, Erik in ihrem Leben spielte. Was musste er in all den Jahren empfunden haben, wenn er sie laufend mit anderen Männern beobachtete? Niemals hatte er sich etwas anmerken lassen. Wieviel Liebe gehörte dazu, so wie er, über ihre Fehler hinwegzusehen?
Cindy wusste, daß auch sie Erik liebte. Vermutlich schon seit langer Zeit. Nur war sie zu feige gewesen, sich ihre Gefühle einzugestehen.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie seine Wohnung erreichte. Da auf Ihr Klingeln nicht geöffnet wurde, benutzte sie den Schlüssel, den ihr Erik gegeben hatte. Suchend sah sie sich in der Wohnung um, doch nirgends war eine Spur von ihm. Im Wohnzimmer lag eine leere Flasche Whisky auf dem Boden. Das wunderte Cindy, denn Erik trank kaum Alkohol. Schon wollte sie die Wohnung verlassen, da fiel ihr Blick auf einen Briefumschlag auf dem Schreibtisch. Zögernd nahm sie ihn in die Hand. Er war an sie gerichtet, doch sie überlegte sekundenlang, bevor sie ihn öffnete. Eine düstere Ahnung sagte ihr, dass etwas Schreckliches passiert war.
Liebe Cindy, las sie, nie hatte ich den Mut, Dir etwas zu sagen. Erst jetzt, nach einer Flasche Whisky habe ich mich dazu entschlossen. Ich liebe dich! Für mich hat nie eine andere Frau außer Dir existiert. Ich weiß inzwischen, dass Du meine Gefühle nie erwidern wirst und das ist Dein gutes Recht. Gefühle kann man nun mal nicht erzwingen. Ich will nicht, daß Du Dir irgend welche Vorwürfe machst. Es ist einzig und allein meine Sache, was ich mit meinem Leben anfange. Ich habe mich viel zu lange gequält und ich weiß, es gibt nur eine Möglichkeit, um Dir für immer aus dem Weg zu gehen. Ich muß mich nun verabschieden, denn ich habe eine weite Fahrt vor mir. Erinnerst Du Dich an das Wochenende, das wir an dem kleinen See verbrachten? Das waren die glücklichsten Tage meines Lebens. Leb wohl!
Erschüttert ließ Cindy den Brief zu Boden fallen. Plötzlich kam Leben in sie. Sie lief aus dem Haus und sprang in ihren Wagen. Sie ahnte, wo Erik zu finden war. Sie musste ihn einfach finden, sonst war ihr eigenes Leben sinnlos geworden.
Benommen taumelte Erik am Seeufer entlang. Es gelang ihm kaum noch sich auf den Beinen zu halten. Alle paar Schritte machte er einen Schluck aus der bereits halbleeren Whiskyflasche. Cindys Bild wollte einfach nicht aus seinen Gedanken verschwinden. Bestimmt ist sie noch mit Joachim zusammen, dachte er verbittert, wenn sie meinen Brief findet, ist längst alles vorbei.
"Verdammt!" fluchte er. Wann würden die Tabletten endlich wirken? Mit zitternden Händen griff er in seine Hosentasche, holte eine kleine Dose heraus und schluckte nochmals eine Handvoll Tabletten.
Seufzend ließ er sich zu Boden sinken. Er nahm kaum noch etwas wahr. Die Welt war für ihn in einem wunderschönen Traum versunken. Er glaubte Cindy deutlich vor sich zu sehen. Er hörte auch ihre Stimme aus einer unendlich weiten Entfernung. Es war ein schöner Traum und er wollte gar nicht aufwachen. Cindys Stimme erschien ihm immer deutlicher und lauter.
"Erik!" hörte er sie rufen. "Erik!" Es klang wie ein Schluchzen. "Ich liebe dich! Du darfst nicht sterben!"
Er spürte zwei Arme, die ihn vom Boden hochzogen. Das war kein Traum mehr, Cindy war bei ihm. Glücklich hauchte er ihren Namen, bevor er das Bewusstsein verlor.
Es gelang ihr nur mühsam, Erik zu ihrem Wagen zu schleppen. Er darf nicht sterben, betete sie zu Gott, bitte lass ihn nicht sterben. Nicht meinetwegen.
Es kam Denise wie eine Ewigkeit vor, bis sie die nächste Stadt und das Krankenhaus erreichte.
Ungeduldig marschierte Cindy im Aufenthaltsraum des Krankenhauses auf und ab. Es waren Stunden vergangen seit die beiden Ärzte Erik mit sich genommen hatten. Erst gegen Morgen kam ein Arzt zu ihr.
"Wie geht es ihm?" fragte sie aufgeregt. Sie sah fürchterlich aus. Ihr Make up war von den vielen Tränen ruiniert, wie egal ihr das war. "Er hat es überstanden", sagte der Arzt und legte ihr einen Arm um die Schulter. "Sie können beruhigt sein. Nur gut, dass Sie ihn so schnell gefunden haben. Sie haben ihm das Leben gerettet. Ich hoffe, er versucht es nicht noch einmal."
Cindy lächelte den Arzt erleichtert an. "Keine Sorge, Herr Doktor. Ich werde dafür sorgen, dass es nicht wieder passiert."
Erik würde keinen Grund mehr haben, sich das Leben nehmen zu wollen, denn von nun an würde sich einiges ändern. Er hatte Cindy an seiner Seite.
Rendezvous mit einem Fremden
Wieder einmal war Heilig Abend. Es war mittags und die Geschäfte begannen langsam zu schließen. Die Menschen, die noch die letzten Geschenke besorgt hatten, eilten nach Hause. Nach Hause, zu den Menschen, die sie liebten und die auf sie warteten. Auch Saskia war auf dem Heimweg, bepackt mit drei Einkaufstüten. Doch in Saskias Tüten befanden sich keine Geschenke für die Familie, nur Lebensmittel für die freien Tage.
Seufzend schloß Saskia die Türe ihrer kleinen Zweizimmerwohnung, stellte die Tüten auf den Küchentisch und räumte die Lebensmittel ein. Sie hatte keine Eile, denn es lagen drei Tage Zeit vor ihr. Sie musste kein Festessen zubereiten und auch keinen Weihnachtsbaum schmücken. Nein, dieses Weihnachten war alles anders. Das erste Weihnachten, das sie alleine verbrachte. Das erste Weihnachten ohne Frank.
Ohne es zu wollen, liefen Saskia die Tränen übers Gesicht. Verflucht, dachte sie, wie soll ich diese drei Tage nur überleben? Die letzten zehn Monate hatte sie einigermaßen gut überstanden, hatte auch samstags gearbeitet, nur um nicht alleine in der Wohnung zu sein. Saskias Blick fiel auf das Foto von Frank, das auf dem Wohnzimmerschrank stand. Eine heiße Welle des Schmerzes überwältigte sie und sie brach in hemmungsloses Weinen aus.
Warum nur? fragte sie sich verzweifelt, Frank war erst siebenundzwanzig, warum nur musste er sterben?
Frank und Saskia, das war die große Liebe gewesen. Bereits in der Schule hatten die beiden sich kennengelernt und als sie achtzehn waren, zogen sie zusammen. Saskia war glücklich wie nie zuvor. Endlich konnte sie ihrer ungeliebten Pflegemutter entkommen, bei der sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Da sie keine leiblichen Verwandten hatte, wurde Frank ihr ganzes Leben. Auch Frank hatte nie eine richtige Familie gehabt. Seine Eltern waren geschieden und er wurde zwischen den beiden hin und her gerissen. Frank arbeitete als Elektriker, während Saskia eine Ausbildung im Büro abschloß. Nach Beendigung ihrer Ausbildung arbeitete Saskia in einer Spedition.
Viele glückliche Jahre vergingen. Saskia und Frank waren verliebt wie am ersten Tag und nichts schien ihrem Glück was anhaben zu können.
Als Saskias eines Nachmittags nach Hause kam, fand sie Frank ohnmächtig am Boden liegen. Saskia rief den Notarzt und Frank wurde in die nächste Klinik eingeliefert. Die Ärzte waren ratlos, was dem bis dahin immer kerngesunden Frank fehlte und sie untersuchten ihn gründlich. Die Diagnose war erschütternd. Frank hatte Leukämie.
Für Saskia brach eine Welt zusammen, doch sie wusste, sie mußte sich zusammenreißen. Sie durfte sich nicht gehen lassen. Die Ärzte sahen eine winzige Chance für Franks Leben. Wenn er noch ein paar Jahre überlebte, vielleicht hatte die Medizin bis dahin Fortschritte gemacht und sie würden ihn heilen können.
Monatelang klammerten sich Frank und Saskia an diese kleine Hoffnung wie an einen Strohhalm. Die erste Zeit, nachdem die Ärzte mit der Behandlung begonnen hatte, ging es Frank besser, doch ein dreiviertel Jahr später, kam der endgültige Zusammenbruch. Frank war so schwach, dass er mehr das Bett verlassen konnte. Er hatte eine Pflegerin, die ihn rund um die Uhr betreute. Am liebsten hätte Saskia diese Aufgabe übernommen, aber das war unmöglich. Ihr Einkommen war alles, das sie hatten und die Miete musste schließlich auch bezahlt werden.
Als sie eines Mittags einen Anruf von Franks Pflegerin erhielt, die sie bat sofort nach Hause zu kommen, wusste sie was passieren würde. Innerlich hatte sie sich die ganzen Monate darauf eingestellt, dass Frank sterben würde.
Als Saskia zu Hause eintraf, war Frank tot. Die folgenden Wochen vergingen wie in Trance für Saskia. Sie hatte viel zu erledigen, die Beerdigung usw., so dass sie gar nicht zum Nachdenken kam. Ihr Chef bot ihr an ihren Jahresurlaub in voraus zu gewähren, doch Saskia lehnte ab und war bereits eine Woche später wieder im Büro. Sie liebte ihre Arbeit, das war der einzige Halt, den sie hatte.
Oft riefen gemeinsame Freunde von ihr und Frank an. Alle wollten wissen wie es ihr ging. Saskia konnte es nicht ertragen immer wieder auf Frank angesprochen zu werden. Kurz entschlossen meldete sie ihr Telefon ab. Wenn sie jemanden besuchen kommen wollte, wimmelte sie diesen kurz angebunden an der Türe ab und irgendwann hörten die Besuche auf.
Hastig wischte sich Saskia ihre Tränen weg und räumte die restlichen Sachen ein. Nun gut, dachte sie, dann werde ich diese drei Tage eben vor dem Fernseher verbringen.
Alle Kollegen unterhielten sich angeregt über die vergangenen Festtage. Teilnahmslos saß Saskia da und kam sich wie ein Außenseiter vor.
Ihre Kollegin Margit schien zu spüren, was in ihr vorging.
"Ich weiss, wie schwer die letzten Tage für dich waren", sagte sie fürsorglich. "Wie oft habe ich dich schon zu mir und meiner Familie eingeladen? Doch gekommen bist du nie. Aber ich will dir gar nicht erzählen, wie ich Weihnachten verbracht habe, denn das willst du ja sowieso nicht wissen."
Saskia sah Margit ernst an. "Ich komme mir so gemein vor. Ständig belaste ich dich mit meinen Problemen und frage nie, was für Sorgen du hast."
Margit erhob sich und legte den Arm um Saskia. "Ich bin dir nicht böse. Ich sehe das ganze so: Wenn ich Sorgen habe, kann ich zu meiner Familie gehen. Du weisst ja wie das bei uns zu Hause ist. Du aber hast niemanden mit dem du reden kannst."
Saskia nickte. Margit wohnte bei ihren Eltern und hatte auch zu ihren sechs Geschwistern einen engen Kontakt.
Zum Abendessen kochte Saskia Spaghetti mit Fleischsoße und machte es sich vor dem Fernseher bequem. Nebenbei öffnete sie die Post von diesem Tag.
Rechnungen über Rechnungen, dachte sie frustriert, allein zu leben, ist verdammt teuer.
Dann fiel ihr ein Brief in die Hand. Der Briefumschlag war mit Hand geschrieben, doch die Handschrift war Saskia fremd. Zögernd öffnete sie.
Liebe Saskia, las sie,
ich hoffe, ich darf Dich so nennen. Ich habe lange gezögert, Dir zu schreiben.
Es ist drei Jahre her, als ich Dich das erste Mal sah. Es war wohl die berühmte "Liebe auf den ersten Blick". Da ich wusste, wie glücklich Du mit Deinem Frank warst, habe ich Dich nie angesprochen. Nein, ich hätte niemals versucht diese Beziehung zu stören. Es war wie ein Schock für mich, als ich von Franks Tod erfuhr.
Saskia, bitte glaube mir, ich weiss, wie sehr Du in den letzten Monaten gelitten hast und es brach mir fast das Herz. Ich kann es nicht ertragen, wenn Du leidest. Ich weiß, dass Du für eine neue Beziehung noch nicht bereit bist, aber ich kann warten. Wenn die Zeit reif ist, werden wir uns treffen. Wir zwei sind füreinander bestimmt, das spüre ich.
In Liebe
Dein U.
Empört ließ Saskia den Brief fallen. Wie kam ein wildfremder Mann dazu, ihr solch einen Brief zu schreiben?
Saskia dachte den ganzen Abend über den Brief nach. Bevor sie schlafen ging, betrachtete sie sich lange im Spiegel. Schulterlanges, hellbraunes Haar umrahmte in wilden ungestümen Locken ein helles, fast weißes Gesicht mit großen dunkelbraunen Augen. Saskia fand sich weder hübsch, noch außergewöhnlich. Wie kam dieser Mann dazu, sich ausgerechnet in sie zu verlieben?
Tagelang zerbrach sich Saskia den Kopf, wer ihr den Brief geschrieben hatte. Mißtrauisch beobachtete sie ihre Kollegen im Büro, doch alle verhielten sich normal. Nein, sie konnte sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen, den Brief geschrieben hatte. Dann war da ihr Chef. Sie wusste, er mochte sie. Aber er war über zwanzig Jahre älter als sie und der Gedanke, dass ihn romantische Anwandlungen dazu getrieben hätten, ihr einen Liebesbrief zu schreiben, war absurd.
Mehrere Wochen vergingen und Saskia vergaß den Vorfall wieder. An ihrem 28. Geburtstag erledigte Saskia in der Mittagspause einige Besorgungen. Als sie das Büro wieder betrat, bemerkte sie wie die Kollegen sie merkwürdig ansahen.
Und dann sah sie den Grund dafür. Ihr ganzer Schreibtisch und die Fensterbänke auf ihrer Seite waren voller Blumen. Dutzende von roten Rosen waren es.
Es ging Saskia wie ein Stich durchs Herz. Noch im vergangenen Jahr hatte Frank ihr rote Rosen geschenkt.
"Genau 150 Stück", sagte Margit zu ihr. "Sie sind herrlich, nicht wahr? Vor ein paar Minuten wurden sie von dem Blumenladen zwei Straßen weiter geliefert."
"Vielen Dank!" wandte sich Saskia mit hochrotem Kopf an die Kollegen.
Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen.
"Es ist mir echt peinlich, Saskia", gestand Margit verlegen ein. "Ich schäme mich entsetzlich, aber wir haben Deinen Geburtstag vergessen. Ich hoffe, du bist uns nicht böse."
Verwirrt schüttelte Saskia den Kopf und fuhr sich durchs Haar. Sorgsam stellte sie die Blumen beiseite und arbeitete weiter als wäre nichts geschehen. Innerlich jedoch war sie aufgewühlt. Sie ahnte, von dem die Rosen stammten.
Es überraschte sie nicht, als sie zu Hause einen Brief ihres unbekannten Verehrers vorfand. Mit zitternden Händen öffnete sie ihn.
Liebe Saskia,
ich gratuliere Dir herzlich zu Deinem 28. Geburtstag. Ich hoffe, die Rosen gefallen Dir. Ich weiß ja, dass rote Rosen Deine Lieblingsblumen sind. Wie gerne hätte ich Dir ein anderes, persönlicheres Geschenk geschickt. Es gibt so viele Dinge, die ich Dir schenken möchte. Aber ich wusste nicht, ob es Dir recht gewesen wäre. Ich wünsche mir jetzt in diesem Augenblick bei Dir zu sein und Dir Gesellschaft zu leisten, damit Du nicht so alleine bist. Ich möchte neben Dir sitzen und Deine Hand halten und mich mit Dir unterhalten.
Leider kann ich Dir nichts über mich erzählen, denn ich fürchte, Du könntest versuchen, herauszufinden, wer ich bin. Und das will ich nicht - noch nicht.
Dein U.
Mit gemischten Gefühlen legte Saskia den Brief zur Seite. Sie wusste nicht, was sie von dieser Sache halten sollte. Wer ist er nur? fragte sie sich immer wieder.
Am nächsten Tag in der Mittagspause machte sich Saskia auf den Weg zu dem Blumengeschäft. Es war ein kleiner hübscher Laden und eine ältere grauhaarige Frau stand hinter dem Ladentisch.
"Guten Tag!" sagte Saskia freundlich und lächelte die Frau an. "Mein Name ist Saskia Krüger. Sie haben mir gestern durch einen Boten 150 rote Rosen ins Büro geschickt. Erinnern Sie sich?"
"War irgend etwas mit den Blumen nicht in Ordnung?" wollte die Frau wissen.
Saskia schüttelte den Kopf. "Nein, nein, die Rosen sind wunderschön. Ich hätte nur gerne gewußt, von wem Sie den Auftrag erhalten haben."
Die Frau wich Saskias durchdringenden Blick aus. "Ich kann mich nicht erinnern", sagte sie.
"Was?" Ein lauter Schrei entfuhr Saskia. "Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie jeden Tag mehrere Aufträge über 150 rote Rosen erhalten?"
"Bitte schreien Sie nicht so!" bat die Frau. "Es tut leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen."
"Ich verstehe!" Saskias Worte klangen bitter. Sie wandte sich ab und verließ den Laden.
Den ganzen Tag über musste Saskia über das merkwürdige Verhalten der Frau nachdenken. Sie hatte nicht gedacht, dass die Frau, den Namen des Auftraggebers kannte. Vielmehr hatte sie gehofft, die Frau könnte den Mann wenigstens beschreiben oder ihr irgend etwas dazu sagen. Doch ihr abweisendes Verhalten ließ Saskia zu dem Schluß kommen, dass die Frau den Auftraggeber persönlich kannte.
Am nächsten Tag erzählte Saskia Margit die Geschichte.
"Mein Gott, wie romantisch!" seufzte diese. "Warum passiert mir nie so etwas?"
"Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", gestand ihr Saskia.
In der nächsten Zeit war Saskia sehr nervös. Sie fühlte sich beobachtet. Beim Einkaufen musterte sie mißtrauisch den jungen Kassierer im Supermarkt, der sie immer freundlich grüßte. Auch den Hausmeister, der sich ab und zu bei ihr erkundigte, ob er ihr helfen könnte, hatte sie in Verdacht.
Die Briefe des Unbekannten kamen häufiger und wurden immer intensiver. Saskia ertappte sich dabei, dass sie nach der Arbeit rasch nach Hause eilte, als würde sie jemand erwarten. Dabei war es nur der Briefkasten, wo sie einen Brief erhoffte.
Dann kamen keine Briefe mehr. Saskia glaubte, verrückt zu werden. Im Büro wurde sie immer gereizter und war schlecht gelaunt.
"Was ist bloß los mit dir?" fragte Margit, die ihr trübes Gesicht nicht länger ansehen konnte.
Saskia brach in Tränen aus und schlug die Hände vors Gesicht.
Weinend erzählte sie Margit, dass ihr der Unbekannte seit zweieinhalb Wochen nicht mehr geschrieben hatte.
"Ich verstehe dich nicht!" Margit schüttelte verständnislos den Kopf. "Vor ein paar Wochen hast du dich über die Briefe aufgeregt und heute weinst du, weil er nicht mehr schreibt?"
"Ich kann dir nicht erklären, was mit mir los ist", schluchzte Saskia. "Wenn du die Briefe nur gelesen hättest. Welch warmherzige und liebevolle Worte mir dieser Mensch schrieb. Ich fühlte mich, als hätte ich einen wirklichen Freund gefunden. Einen Freund, der mich nun verlassen hat."
Tröstend zog Margit die Kollegin in die Arme.
"Wenn ich dir nur helfen könnte. Ich hoffe, du steigerst dich nicht zu sehr in diese Sache hinein. Vielleicht war ja alles nur ein dummer Scherz."
Dieser schreckliche Gedanke war Saskia noch nicht in den Sinn gekommen und sie wollte nicht glauben, dass das wahr war.
Voller Hoffnung öffnete Saskia auch an diesem Tag den Briefkasten, doch wieder nur die übliche Post. Gegen Abend klingelte es an der Türe. Es war Saskias Nachbarin. In der Hand hielt sie einen Brief, den sie ihr reichte.
"Der ist für Sie. Der Postbote muss ihn falsch eingeworfen haben und ich war die letzte Woche zu Besuch bei meiner Schwester in Köln ..."
"Danke!" Schon flog die Türe hinter der Frau zu. In diesem Augenblick war es Saskia gleichgültig, ob sie unhöflich war oder nicht. Sie riss den Brief auf und überflog die Worte. Er schrieb, er wollte sie im Theater treffen. Eine Theaterkarte lag bei.
"Oh Gott!" schrie Saskia erschrocken. "Das ist heute." Hastig warf sie einen Blick auf die Armbanduhr. Sie hatte noch knapp 1 1/2 Stunden Zeit. Hysterisch lief sie im Wohnzimmer auf und ab. Er will mich treffen, dachte sie, und ich war nicht einmal beim Friseur.
In aller Eile wusch sie sich die Haare und fönte sie trocken. Ungeduldig wühlte sie in ihrem Schrank, probierte dieses oder jenes an. Schließlich entschied sie sich für einen hellgrünen seidigen Hosenanzug mit dazu passender weiß/grün gestreifter Bluse.
Saskia genoß den Fußmarsch und ihre angespannten Nerven beruhigten sich. Sie war sogar zu früh im Theater. Auf beiden Seiten neben ihr waren die Plätze leer. Nach und nach füllte sich das Theater. Auf der einen Seite neben ihr nahm ein großer dunkelhaariger Mann Platz. Er war überaus attraktiv und wirkte sehr elegant in dem dunklen Anzug mit Krawatte.
Er bemerkte, wie ihn Saskia neugierig musterte und lächelte sie an. Saskias Herz schlug so schnell, dass sie Angst hatte, er könnte es hören.
Das muss er sein, dachte sie, das ist der Mann, der mir die Briefe geschrieben hat.
Unauffällig warf sie einen Blick auf seine Hände und konnte sich fast bildlich vorstellen, wie er dasaß und einen Brief an sie schrieb.
"Entschuldigung!" sagte jemand, nachdem er Saskia beim Vorbeigehen auf den Fuß getreten war.
Saskia musterte den Mann von oben bis unten. Er war nur knapp einen Kopf größer als sie und trug sein schulterlanges dunkelblondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Bekleidet war er mit einer schwarzen, hautengen Hose und einem roten Seidenhemd, das weit geöffnet war.
Was für ein Angeber, dachte Saskia. Nach dieser Musterung stand für sie fest, dass dieser Mann, nicht der Typ war, der romantische Liebesbriefe schrieb.
Das Theaterstück begann, doch Saskia konnte sich kaum auf den Inhalt konzentrieren.
Verdammt, dachte sie und warf einen langen Blick auf ihren dunkelhaarigen Sitznachbarn, warum spricht er mich nicht an?
Die Zeit verging und nichts passierte. Dann war das Stück zu Ende und Saskia ging enttäuscht nach Hause.
Nochmals las sie alle Briefe des Fremden durch. Sie waren so zärtlich und voller Gefühl geschrieben und Saskia spürte, die Leidenschaft, die in diesem Mann steckte.
Er spielt mit mir, dachte sie traurig, wenn er im Theater gewesen wäre, hätte er mich doch angesprochen.
Am Montag erzählte Saskia Margit von dem Abend im Theater.
"Ich kann nicht mehr!" stöhnte sie verzweifelt. "Ich muß wissen, von wem die Briefe stammen. Irgendwie haben sie mich seltsam berührt. Ich glaube, ich habe mich in ihn verliebt."
Margit wollte wissen, ob Saskia glaubte, dass einer der beiden Männer aus dem Theater der Gesuchte war.
"Es kommt nur der eine in Frage", erzählte Saskia und begann von dem großen dunkelhaarigen Mann zu schwärmen.
"Und der andere?" wollte Margit wissen. "Wie sah der aus? Warum glaubst du, dass er es nicht war?"
"Das ist einfach so ein Gefühl", sagte Saskia. Er machte nicht den Eindruck, wie jemand der romantische Liebesbriefe schreibt. Weißt du, auf mich wirkte er wie ein totaler Angeber." Mit knappen Worten beschrieb Saskia den anderen Mann.
Sie redete eine Weile weiter und Saskia bemerkte nicht, wie blaß die Kollegin geworden war.
"Hast du schon mal darüber nachgedacht, woher dieser Mann soviel über dich weiß?" fragte Margit zögernd.
Saskia zuckte mit der Schulter. "Das ist mir ein Rätsel. Ich habe zu niemanden privaten Kontakt - außer zu dir natürlich."
Margit wich Saskias Blick aus und lächelte gequält. "Du sag mal, mit was für einen Buchstaben unterschreibt er immer?"
"Mit einem U!" Saskia begann wieder mit ihrer Arbeit und ihr fiel nicht auf, wie Margit schweigend ins Leere starrte
Als Saskia nach Hause kam, fand sie erneut einen Brief vor. Zwei Stunden lang überlegte sie, ob sie ihn überhaupt öffnen sollte. Ihr Verstand riet ihr, ihn wegzuwerfen, doch andererseits verzehrte sie sich danach, ihn zu lesen. Ihr Herz siegte über den Verstand und sie riß den Brief ungeduldig auf.
Geliebte Saskia,
Du sahst toll aus, Freitag Abend im Theater. Grün steht Dir gut. Du solltest es öfter tragen. Dein Parfüm duftete so aufregend, dass ich mich kaum beherrschen konnte. Mein Herz klopfte wie wahnsinnig. Es fehlte nicht viel und ich hätte Dich angesprochen. Aber im letzten Augenblick fehlte mir der Mut dazu.
Weißt Du, liebe Saskia, ich habe so viele Phantasien, was Dich betreffen.
Manchmal stelle ich mir vor wie unser erster gemeinsamer Abend verlaufen würde.
Ich komme zu Dir. Du trägst nur einen hauchdünnen Hausanzug, der fast nichts verbirgt und Dein langes Haar ist hochgesteckt. Im ganzen Wohnzimmer brennen Kerzen und Du hast Champagner bereitgestellt. Wir setzen uns nebeneinander auf die Couch und unterhalten uns. Wir verstehen uns gut und lachen viel miteinander.
Du spielst mein Lieblingslied "Is it love" von Whitesnake. Zwischen uns herrscht Schweigen. Die Spannung wird immer erdrückender. Du rückst näher an mich heran und nimmst meine Hand. Langsam beginnst Du mein Hemd aufzuknöpfen, dann ziehst Du es aus. Du beugst Dich zu mir und küßt mich auf den Hals. Dein Mund wandert immer weiter - über meinen ganzen Oberkörper. Dann hebst Du den Kopf und Deine Lippen berühren zum ersten Mal die meinen. Ich lege meine Arme um Dich und wir küssen uns. Der Kuß scheint nie enden zu wollen - wird immer leidenschaftlicher. Ich spüre wie Deine Hand weiter wandert und den Reißverschluß meiner Hose öffnet.
"Ich liebe dich!" flüsterte Du mir zu und ich bin glücklich wie noch nie zuvor. Ich zittere vor Erregung und drücke Dich zu Boden. Ganz langsam ziehe ich Dich aus. Ich sehe wie Du meine Berührungen genießt. Dann lieben wir uns - zwischen endlosen Küssen - immer und immer wieder.
Dein U.
Saskia fühlte sich nach diesem aufwühlenden Brief dem Mann unglaublich nahe. Sie sehnte sich danach, ihn bei sich zu haben und seine Zärtlichkeiten zu spüren.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, wusste sie, daß es so nicht mehr weitergehen konnte. Sie musste etwas unternehmen. Zunächst rief sie ihm Büro an und sagte, dass sie dringend ein paar Tage Urlaub brauchte. Dann schrieb sie einen Brief an den Unbekannten.
Lieber U., schrieb sie,
es ist an der Zeit diesem Spiel ein Ende zu bereiten. Ich will nicht viele Worte machen wie Du, sondern Dir nur eines sagen: Du hast eine einzige Chance, vergib sie nicht. Ich erwarte Dich morgen Abend um 20.00 Uhr bei mir zu Hause.
Deine Saskia
Bereits um acht Uhr morgens wartete Saskia vor dem Blumenladen. Es dauerte eine Weile, bis die Frau kam, um aufzuschließen. Sie erkannte Saskia sofort.
"Was wollen Sie?" fragte sie.
Saskia sah der Frau in die Augen. "Sie wissen es doch, nicht wahr?"
Die Frau schüttelte abwehrend den Kopf. "Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wer er ist."
"Sie kennen ihn aber, nicht wahr?" vermutete Saskia.
Verlegen wich die Frau Saskia Blick aus.
"Verstehen Sie mich!" bat sie. "Der Blumenladen ist mein Geschäft. Ihr unbekannter Freund ist ein Kunde von mir. Er bat mich, niemanden etwas über ihn zu erzählen."
Saskia legte der Frau den Arm auf die Schulter und sah ihr lange in die Augen.
"Ich verlange nicht, dass Sie dieses Versprechen brechen. Ich habe hier einen Brief für den Mann. Ich möchte nur, dass er diesen Brief noch heute erhält. Ist das möglich?"
Ohne auf eine Antwort zu warten, reichte sie der Frau den Brief, mit einem Hundert-Euro-Schein.
Die Frau sah auf den Schein und dann zu Saskia.
"Ja, das ist möglich. Wenn Ihnen soviel daran liegt, werde ich das sofort erledigen. Aber bitte stecken Sie Ihr Geld wieder ein."
Saskia steckte den Geldschein ein, umarmte die Frau und drückte sie heftig.
"Sie wissen nicht, was für einen großen Gefallen, Sie mir tun."
Die Frau lächelte liebenswürdig. "Ich weiß zwar nicht, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, aber ich finde das sehr romantisch. Deswegen werde ich Ihnen helfen."
Sekundenlang überlegte Saskia, der Frau zu folgen, doch sie entschied sich anders. Sie hatte alles getan, um den Mann zu treffen. Nun war er an der Reihe.
Gegen Abend rief sie kurz im Blumenladen an, um sich zu vergewissern, ob der Brief tatsächlich seinen Empfänger erreicht hatte. Die Frau bestätigte ihr dies.
Saskia erledigte am nächsten Tag einige Besorgungen in der Stadt um sich für diesen, für sie so wichtigen Abend vorzubereiten.
Es war Punkt acht Uhr abends, als es klingelte. Saskia sprang auf und lief zur Sprechanlage.
"Hallo!" meldete sie sich und sie spürte wie ihre Stimme zitterte. Sekundenlang meldete sich niemand. Doch Saskia wusste, wer unten stand.
"Lass endlich diese Spielchen!" bat sie. "Wir sind zwei erwachsene Menschen. Hast du es wirklich nötig, dich hinter deinen Briefen zu verstecken? Warum kommst du nicht hoch und sagst mir all diese Dinge persönlich? Ich warte auf dich."
Ohne auf eine Antwort zu warten, drückte sie auf den Türöffner. Wenn er ins Haus gegangen war, würde es etwa zwei Minuten dauern, bis er ihre Wohnung im zweiten Stock erreicht hatte. Saskia stellte sich hinter die Wohnungstüre und wartete. Es dauerte nicht lange und sie hörte Schritte auf die Türe zukommen. Sekunden vergingen.
Klingele, bitte, flehte sie leise, ich kann diese Ungewißheit nicht länger ertragen.
Und tatsächlich klingelte es. Saskia atmete tief durch, bevor sie öffnete. Ihr Herz schlug so schnell und sie glaubte nicht mehr länger atmen zu können.
Schweigend standen sie sich gegenüber und musterten sich von oben bis unten. Er sagte nichts, doch Saskia spürte, dass er genauso nervös war wie sie.
Saskia sah wunderschön aus an diesem Abend in ihrem türkisen dünnen Hausanzug. Ihre langen Locken hatte sie mit zwei goldenen Spangen hochgesteckt und ihr Gesicht war perfekt geschminkt.
Saskia war überrascht. Es war tatsächlich einer der beiden Männer aus dem Theater. Er trug eine hautenge helle Jeans und ein hellgemustertes Hemd. Seine langen Haare hatte er wie damals zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Mein Gott, dachte sie, was hat er nur für schöne grüne Augen. Das war ihr im Theater gar nicht aufgefallen. Viel zu sehr war sie mit dem anderen Mann beschäftigt gewesen.
Sie konnte es nicht fassen, dass dieser Mann so zärtliche Briefe schreiben konnte und doch zu schüchtern war, sie anzusprechen.
"Komm herein!" fand sie als erste wieder Worte. Er folgte ihr wortlos ins Wohnzimmer. Unauffällig ließ er seine Blicke durch die Wohnung gleiten. Das ganze Wohnzimmer war voller Kerzen. Auf dem Wohnzimmertisch standen eine Flasche Champagner und zwei Gläser.
Schweigend setzten sie sich nebeneinander auf die Couch. Saskia öffnete die Champagnerflasche und schenkte zwei Gläser ein. Sie spürte, wie er sie die ganze Zeit über merkwürdig ansah.
"Ich heiße Uwe!" sagte er und Saskia lächelte sanft.
"Ich bin froh, dass ich wenigstens das jetzt weiß. Nun gut, also erzähl mir alles!"
"Weißt du, mir fehlte einfach der Mut dich anzusprechen", begann er zögernd. "Und dann nach den Briefen war es mir peinlich. Im Theater hatte ich mir wirklich vorgenommen, mit dir zu reden. Aber ich hatte Angst. Ich träume schon so lange davon dich kennenzulernen und ich hatte Angst, die Wirklichkeit könnte alle meine Träume zerstören. Kannst du das verstehen?"
Mit Tränen in den Augen nickte Saskia und wandte sich ab.
Und dann begann Uwe ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Vor ungefähr drei Jahren hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Es war für ihn Liebe auf den ersten Blick gewesen. Seine Schwester Margit hatte ihm einige Fotos von einem Betriebsausflug gezeigt. Auf einigen war sie mit Saskia abgebildet. Und Uwe musste Margit nicht einmal ausfragen. Margit, die nur zwei Häuser weiter wohnte, erzählte oft und gerne über ihre nette Kollegin. Uwe kam es bald vor, als würde er Saskia persönlich kennen. Etliche Male wartete er in der Nähe des Büros um Saskia beim Heimgehen zu beobachten. Er war ihr nie aufgefallen.
Einige Jahre vergingen. Zwischenzeitlich war Uwe für kurze Zeit mit ein paar anderen Frauen zusammen, doch Saskia konnte er einfach nicht vergessen. Als er von Franks Tod erfuhr, war er geschockt, wusste nicht, ob und wie er die Bekanntschaft von ihr machen konnte. Er entschied sich einige Zeit abzuwarten, bis Saskia den schlimmsten Schmerz überwunden hatte. Von Margit erfuhr er, dass sich von allen zurückzog. Er hatte Angst, sie könnte auch ihn abweisen. Darum schrieb er ihr. Endlich konnte er in seinen Briefen all das ausdrücken, was er seit Jahren für sie empfand. Die Blumen für ihren Geburtstag hatte er bei Frau Burger, die im gleichen Haus wie er wohnte, gekauft.
Saskia war beeindruckt von dieser Geschichte. Sie wusste, gar nicht, was sie sagen sollte.
Und Uwe erzählte ihr auch einiges über sich. Er war dreißig Jahre alt und von Beruf Modedesigner.
Saskia hatte schweigend zugehört. Langsam erhob sie sich und schaltete den CD-Player an. Es erklang "Is it love" von Whitesnake. Dann setzte sie sich neben Uwe, der sie aufmerksam musterte.
"Nach Franks Tod hatte mein Leben jeden Sinn verloren", begann sie übergangslos. "Ich hatte große Angst vor der Zukunft. Deine Briefe gaben mir neuen Lebensmut. Ich hatte endlich wieder etwas, auf das ich mich freuen konnte. Es klingt vielleicht albern, aber ich habe mich aufgrund deiner liebevollen Briefe in dich verliebt. Der Gedanke, dich vielleicht nie kennenzulernen, machte mich fast wahnsinnig."
Saskia rückte näher an Uwe heran, nahm seine Hand und fuhr mit dem Fingernagel darauf auf und ab. Langsam begann sie sein Hemd aufzuknöpfen, Kopf für Knopf und zog es schließlich aus. Sie spürte, wie sich sein ganzer Körper verkrampfte.
"Ist das jetzt ein Spiel?" fragte er zweifelnd. Saskia schüttelte den Kopf und fuhr mit ihren rot lackierten Fingernägeln über seine ganze Brust. Sie beugte sich zu ihm und küßte ihn auf den Hals. Ihre Lippen wanderten immer tiefer - über seinen ganzen Oberkörper.
Sie hob den Kopf und zum ersten Mal küßten sie sich. Uwe schlang die Arme um sie und preßte sie fest an sich. Der Kuß schien nicht enden zu wollen - wurde immer heftiger.
Sanft schob er sie beiseite. "Wenn du so weiter machst, kann ich mich nicht mehr lange beherrschen", warnte er sie.
Sie nickte lächelnd. "Ja, ich weiß. Du brauchst dich nicht zu beherrschen. Tue einfach was du möchtest. Ich bin hier bei dir und tue alles für dich, genau wie du dir es gewünscht hast."
"Ich liebe dich!" flüsterte er ihr ins Ohr. "Dieser letzte Brief von mir war nur eine Phantasie. Das was wir jetzt tun, ist die Realität." Engumschlungen gingen sie in Saskias Schlafzimmer.
Es war gegen sieben Uhr morgens, als es an der Türe klingelte. Uwe und Saskia lagen noch im Bett und sahen sich erstaunt an.
"Kein Ahnung, wer das ist", sagte Saskia und erhob sich. "Ich schaue mal nach."
Sie stand auf und zog sich rasch einen Morgenmantel über.
"Ja, ich komme!" rief sie, als das Klingeln immer heftiger wurde. Sie lief zur Türe und öffnete. Vor ihr stand Margit.
"Unten stand die Türe offen", entschuldigte sich die Kollegin. "Ich dachte mir, ich sehe mal nach wie es dir geht. Kann ich hereinkommen?"
Saskia nickte und Margit folgte ihr ins Wohnzimmer.
"Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, als du so plötzlich Urlaub genommen hast. Ich dachte ..." Margit hielt mitten im Satz inne. Ihr Blick fiel auf Uwes Hemd und Röte schoß ihr ins Gesicht.
"Oh, entschuldige", stammelte sie. "Wie ich sehe, hast du Besuch!"
"Guten Morgen, Margit!" ertönte Uwes Stimme hinter ihnen. Uwe war barfuß und nur mit einem Morgenmantel von Saskia bekleidet. Margits Blicke flogen zwischen Saskia und Uwe hin und her. Ohne auf eine Entgegnung von Margit zu warten, trat Uwe auf Saskia zu und legte den Arm um sie.
"Ich weiß gar nicht was ich sagen soll", begann Margit. "Ich freue mich wahnsinnig für euch beide."
"Nun setz dich erst einmal", bat Uwe. Margit nahm auf einen Sessel Platz.
"Uwe und ich überlegen, ob wir gleich zusammenziehen sollen oder noch ein paar Wochen warten sollen", erzählte Saskia.
"Du hast die Briefe geschrieben, nicht wahr?" wandte sich Margit an ihren Bruder. Er nickte. "Ich liebe Saskia schon so lange und nun sind wir zusammen."
"Und wir bleiben auch zusammen - für immer", ergänzte Saskia lächelnd und küßte ihn leicht. "Nur eines ist schade: Ich werde nun wohl keine Liebesbriefe mehr bekommen."
"Ich werde dir trotzdem welche schreiben", sagte er zärtlich. "Jeden Tag, wenn du willst."
Saskia schloß die Augen und unwillkürlich musste sie an Frank denken. Wie lange war es her, dass sie in Frank genauso verliebt gewesen war, wie jetzt in Uwe? Die Erinnerung an Frank würde für immer ein Teil ihres Lebens sein und das war auch richtig so. Uwe würde es akzeptieren, das wusste sie.
Ja, endlich freute sich Saskia wieder, dass sie lebte.
Gute alte Freunde
Schnaufend laufe ich die Hauptstraße lang. Nur noch zehn Minuten Zeit um den Bus zu erreichen. Das wird knapp.
Plötzlich kommt mir eine Frau in die Quere.
"Entschuldigung!" kommt aus unser beiden Munde. Dann eine freudige Überraschung.
"Mensch, Helga, bist du es wirklich?" frage ich sie.
Herzliche Umarmung, kurze Musterung.
"Du hast zugenommen", sind ihre ersten kritischen Worte.
"Wie geht es dir?" frage ich sie.
"Schlecht!" klagt sie. "Horst ist ständig geschäftlich unterwegs. Sein Gehalt reicht gerade mal für das Nötigste."
Kein Wunder, denke ich mir und begutachte ihre helle Pelzjacke.
"Hast du Zeit?" möchte sie wissen. "Wir haben uns lange nicht gesehen."
Und dann sitzen wir auch schon in einem kleinen Café und trinken eine Tasse Kaffee.
Helga hat viel zu erzählen. "Stell dir vor, die Maria hat ein uneheliches Kind und weißt du von wem? Du wirst nie darauf kommen. Von unserem Mathelehrer Herrn Jansen. Ja und die Sabine lebt mit einem Farbigen zusammen," berichtet sie empört.
Ich schaue gelangweilt auf die Uhr. Eine Stunde vergeht, zwei Stunden vergehen und dann endlich ihre Frage:
"Sag mal, wie geht es eigentlich dir?"
Ich beginne zu erzählen, berichte von meinem Mann und von meinem Job als Sekretärin. Stumm sitzt sie mir gegenüber, sieht nachdenklich in die Luft und fängt von neuem zu erzählen an. Über ihre langweilige Ehe. Nie ist ihr Mann zu Hause, klagt sie, immer muss sie abends ausgehen, weil sie nicht alleine sein will. Sie ist nervös, raucht eine nach der anderen und ich trinke meinen fünften Kaffee.
"Langsam muss ich aufbrechen", meint sie schließlich. "Es ist schon spät! Es war nett, dich einmal wieder zu sehen."
Ich gebe ihr recht und begleite sie zu ihrem tollen BMW.
"Wie kommst du jetzt nach Hause?" fragt sie mich.
"Mein Auto ist in der Werkstatt", erkläre ich. "Ich muss mit wohl ein Taxi nehmen."
Sie schweigt. Ihr nachdenklicher Gesichtsausdruck soll wohl bedeuten, sie überlegt.
"Steig ein!" sagt sie kurz. "Ich fahre dich nach Hause."
Schweigend nehme ich neben ihr Platz. Sie zündet sich erneut eine Zigarette an. Wieviele sie am Tag raucht, will ich von ihr wissen.
Ein Schulterzucken von ihr folgt. "Keine Ahnung. Ich zähle sie nicht mehr."
"Habt ihr keine Kinder?" frage ich sie.
Sie dreht den Kopf zu mir und sieht mich überrascht an. "Ja, natürlich! Ich habe wohl vergessen, es zu erwähnen. Ich habe eine Tochter. Sie ist zwei Jahre alt."
"Wo ist die jetzt?" erkundige ich mich.
Sie erzählt von ihrer Mutter. Die ist krank, leidet an Diabetes und hohem Blutdruck und kümmert sich um die Helgas Tochter.
Gott sei Dank! Ich atme förmlich auf, als ihr Wagen vor unserem Haus hält. Hastig verabschiede ich mich.
"Bis zum nächsten Mal!" ruft sie mir nach. "Ruf doch mal an! Ich stehe im Telefonbuch."
"Werde ich machen", verspreche ich ihr.
In unserem Haus atme ich erst einmal tief durch. Mein Mann hat schon auf mich gewartet und ich mache Abendbrot für uns beide.
Und dann denke ich mit etwas Wehmut an jene Zeit, in der Helga und ich zusammen zur Schule gingen. Wir waren die besten Freundinnen, die durch dick und dünn gingen. "Siamesische Zwillinge", haben viele uns spöttisch genannt.
Wie sich die Zeiten doch ändern.
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!