Geschichten, Teil I

Bitte beachten: Diese Geschichten sind von mir selbst geschrieben.

 

Grüne Augen in der Nacht

Merkwürdig, wie intensiv Träume manchmal sein können. Haben Sie dieses Gefühl nicht auch schon einmal gehabt? Aber ich will die Geschichte ganz von vorne erzählen.
Es war vor ungefähr zwei Wochen. Gegen zwölf Uhr abends ging ich nach einem Fernsehabend zu Bett. Es war einer dieser einsamen Abende, die nie zu enden schienen. Einer dieser Abende ohne Michael. Der zweiunddreißigste genau, seit er mich wegen einer anderen verlassen hatte.
Manchmal wünschte ich mir, nach der Arbeit nicht mehr in diese Wohnung gehen zu müssen. In die Wohnung, in der er bis vor kurzem noch gelebt hatte, in der jedes einzelne Stück an ihn erinnerte. Ja, selbst den Geruch seines Rasierwassers glaubte ich noch wahrzunehmen, wenn auch schwach. Und das Schlimmste war wohl die Gewißheit, ihn nie wiederzusehen. Ich glaube, nur jemand, der schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, kennt die grausame Bedeutung der Worte: nie mehr. Aber ich will nicht sentimental werden, sondern einfach die Geschichte erzählen, die Geschichte von jenem Abend.
Wieder einmal lag ich stundenlang wach. Der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Irgendwann war es dann doch soweit. Ich mußte eingeschlafen sein, denn was nun passierte, war unglaublich. Ich fühlte, wie ich immer kleiner wurde und immer leichter. Ich sah auf meine Hände, die schwarzen Haare sprossen nur so hervor. Nein, das waren keine Hände mehr, das waren Pfoten. Nach einigen Minuten betrachtete ich mich im Spiegel des Schlafzimmerschrankes und sah was die Ver-wandlung aus mir gemacht hatte.
Eine kleine schwarze Katze mit grünen Augen, bei der nur die Pfoten und ein kleiner runder Fleck am Hals weiß waren.
Ach, müßte es herrlich sein, auszuprobieren, was man im Traum alles machen konnte, dachte ich übermütig. So sprang ich voller Elan aus dem Bett und tippelte auf den Balkon hinaus. Da meine Wohnung im Erdgeschoß lag, fiel es mir nicht schwer mit einem Satz hinunter zu springen.
Nun, hier stand ich also und überlegte, wo ich hin sollte. Auf den Fall irgendwohin, wo es schön warm war und wo viel-leicht jemand sein würde, der sich um eine arme verwaiste Katze kümmern würde. Mit anderen Worten: Ich mußte zu Michael.
Michael liebte Katzen, also würde er auch mich lieben.
Und es war gar nicht weit. Nur drei Kilometer. Aber für eine Katze bedeuteten diese drei Kilometer eine Ewigkeit.
Unschlüssig lief ich vor dem Haus, in dem Michael wohnte, auf und ab. Ich setzte mich auf mein Hinterteil und putzte mich gründlich. Mit meiner rauhen Zunge fuhr ich über das ganze Fell. Mein Gott, war das anstrengend, aber jetzt sah ich, so hoffte ich wenigstens, einigermaßen manierlich aus.
Mit einem Satz sprang ich auf Michaels Balkon. Ich hatte großes Glück. Die Balkontüre stand einen Spalt offen. Vorsichtig quetschte ich meinen Kopf durch die Türe und schob sie mit meinen Pfoten auf. In der Wohnung war alles dunkel. An den Möbeln erkannte ich, daß ich im Wohnzimmer gelandet war. Vorsichtig schlich ich weiter und kam zur Küche. Ich versuchte ein plötzlich aufkommendes, ganz natürliches Gefühl, zu unterdrücken: Hunger. An dem Geruch, der in der Luft lag, erkannte ich, daß Michael heute Abend etwas Verlockendes gegessen hatte. Zwar hatte ich keine Erfahrungen, was die Eßgewohnheiten anderer Katzen betraf, aber ich wußte: Gegrilltes Hähnchen war mein Lieblingsgericht.
Von Hunger getrieben, sprang ich auf die Spüle, wo Teller und Töpfe standen. Vielleicht konnte ich ja noch einen letzten Rest von dem Hähnchen erwischen. Leider ging mein Sprung daneben. Rückwärts fiel ich hinunter und mit mir einige Tassen. War das ein Lärm! Ich erschrak furchtbar.
Bevor ich mich in einer Ecke verstecken konnte, ging das Licht an und wir sahen uns in die Augen: Michael und ich. Sekundenlang befürchtete ich, er könnte mich erkennen. Aber das war unmöglich.
So stand er vor mir: Groß und dunkelhaarig und ich war nur eine kleine schwarze Katze. Zwar eine sehr schöne Katze, mit funkelnden grünen Augen, aber immerhin eine Katze.
Vorsichtig bewegte ich mich auf ihn zu und strich um seine Füße.
"Na, wo kommst denn du her?" fragte er und beugte sich zu mir hinunter.
Lächerlich, dachte ich, da redete er mit einer Katze, glaubte er denn, ich könnte ihm antworten?
Seine Hände strichen über meinen Kopf. Ein Gefühl zum Sterben schön und ohne es zu wollen, schnurrte ich. Schließlich kraulte er mich hinter dem Ohr und meine Zunge begann, die einzelnen Finger seiner anderen Hand abzulecken.
Mein Gott, dachte ich, Michael was tust du mir nur an? Doch unser "zärtliches Beisammensein" wurde jäh durch eine schrille weibliche Stimme aus dem Nebenzimmer unterbrochen.
"Michael, wo steckst du? Mit wem sprichst du da?"
Und dann stand sie in der Türe. Groß und blond, die Art von Frau, die sich vermutlich sogar noch fürs Schlafengehen schminkte.
Unwillkürlich knurrte ich und spitzte meine Ohren, damit mir ja nichts entging, was die beiden miteinander sprachen.
"Ich weiß nicht, wo die Katze herkommt", sagte Michael.
"Schmeiß Sie raus!" keifte sie. "Ich hasse Katzen. Sie stinken und machen nur Dreck."
"Ich stinke nicht!" schrie ich, doch sie konnten mich nicht hören, denn es erklang nur ein klägliches Miauen. Das war also die Frau, die mir meinen Michael weggenommen hatte. Ich sah rot. Mit wütendem Fauchen ging ich auf sie los und ehe sie sich versah, hatte ich mit meinen Krallen ausgeholt und sie am Bein erwischt.
Sie schrie hysterisch. Und obwohl es nur ein paar winzige Blutstropfen waren, die auf den Fußboden tröpfelten, erleichterten sie meine Seele. Endlich konnte ich mit meiner Rivalin abrechnen. Mein Fell sträubte sich im Nacken und ich war stolz auf mich, wie gut mir ein "Katzenbuckl" gelang. Ein wildes Fauchen sollte meinen nächsten Angriff ankündigen, doch daraus wurde nichts. Michael packte mich im Genick und hob mich hoch.
"Wirf sie doch endlich raus!" kreischte die Blonde.
Michael trug mich in Richtung Balkon. Sein Vorhaben war klar. Er wollte mich loswerden und wieder wegen dieser Frau. Das konnte ich mir kein zweites Mal gefallen lassen.
Da er mich nicht sehr fest hielt, gelang es mir, mich loszureißen und hinunterzuspringen. Als Versteck diente mir die Wohnzimmercouch.
"Mieze, komm her!" hörte ich Michaels bereits ungeduldig klingende Stimme. "Oder ich werde böse."
Und ich auch, fügte ich in Gedanken hinzu, noch einmal räume ich nicht kampflos das Feld.
Ganz vorsichtig guckte mein kleiner Kopf hinter der Couch hervor. Oh weh, da sah ich auch schon das Unglück!
Die Blonde stand direkt vor mir und schwenkte zu meinem Erschrecken einen großen Besen.
"Du kannst was erleben, du Biest!" drohte sie und beugte sich weit über mich.
Da Angriff nun mal die beste Verteidigung ist, griff auch ich an. Ich setzte zum Sprung an und kam genau ins Ziel. Meine scharfen Krallen, die ich ausgefahren hatte, trafen sie mitten im Gesicht. Sie schrie und hielt sich die blutende linke Wange. Ihre Schrecksekunde nutzte ich um endgültig das Weite zu suchen.
Ich lief zum Balkon und nichts wie hinunter. Dann machte ich mich auf den Heimweg. Meine Pfötchen taten weh nach diesen Anstrengungen und ich war müde.
Na, Gott sei Dank, dachte ich erleichtert am nächsten Morgen, es war alles nur ein Traum. Was man doch für verrückte Sachen träumte.
Als ich später mein Bett machte, entdeckte ich etwas Merkwürdiges. Leintuch, Bettdecke und sogar das Kissen waren voll von schwarzen Haaren, Haare wie von einer Katze. Und das, obwohl ich keine Katze hatte. Und es passierte noch etwas Eigenartiges. Zwei Tage später traf ich doch tatsächlich Michael auf der Straße mit seiner blonden Freundin. Mir blieb vor Schreck der Mund offen stehen, als ihr ins Gesicht blickte. Ihre linke Wange war übersät von tiefen Kratzern - wie von einer Katze.

 

 

 

C L E O


"Manuela wird sterben!"
Die Worte, die die lauschende Elke ungewollt aufschnappte, waren ein Schock für sie.
Ihr Vater hatte sie ausgesprochen und Elkes Mutter wurde daraufhin von einem heftigen Weinkrampf erschüttert.
Nein, das kann nicht wahr sein, dachte Elke, während sie wie gelähmt auf ihr Zimmer schlich. Die einzige Person, die Elke persönlich kannte und die gestorben war, war ihre Großmutter. Doch die war über Achtzig gewesen und lange Zeit krank. Elke wußte natürlich, daß auch jüngere Menschen starben, z.B. bei Unfällen usw. Doch ihre Schwester Manuela war erst dreizehn Jahre alt. Es erschien Elke unmöglich, daß sie sterben würde.
Manuela war in letzter Zeit häufig krank gewesen. Sie hatte einige Kilo abgenommen und konnte öfters nicht in die Schule gehen, weil sie sich schwach fühlte. Deswegen starb sie doch nicht gleich, dachte Elke. Nein, die Eltern mußten sich getäuscht haben.
Elke ließen die Worte keine Ruhe und sie wollte mit Manuela darüber reden. Sie würden lachen und herumalbern und alles würde so wie immer sein. Mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf dem Lippen öffnete sie die Türe zum Zimmer ihrer Schwester. Manuela stand neben ihrem Wäscheschrank und packte einige Sachen in ihre Reisetasche.
"Du packst?" Ungläubig trat Elke näher und stand nun direkt neben Manuela. Diese nickte und sah zur Seite. Doch Elke hatte die Tränen in ihren Augen entdeckt.
"Ich muß morgen ins Krankenhaus."
Ohne aufzusehen, packte Manuela weiter ein. Verwirrt verließ Elke das Zimmer. Nein, sie konnte und wollte nicht es nicht glauben, daß Manuela wirklich so krank sein sollte.
Ihre Eltern warteten bereits in ihrem Zimmer auf sie. Die Mienen von beiden waren bedrückt und voller Verzweiflung. Nun saßen auch bei Elke die Tränen locker. Ihr Vater nahm sie behutsam in den Arm und erzählte ihr, daß Manuela sehr krank war. Morgen mußte sie zur Behandlung ins Krankenhaus. Elke wollte wissen, wann sie wieder zurückkam, doch der Vater zuckte mit der Schulter.
Elke und Manuela - das war immer eine besondere Beziehung gewesen. Obwohl Elke zwei Jahre jünger war, waren sie mehr Freundinnen als Schwestern. Sie hatten die gleichen Interessen und machten alles gemeinsam.
Monate vergingen und Elke spürte, daß alle Hoffnungen und Gebete für Manuela vergebens waren. Sie besuchte sie täglich und mußte mit ansehen, wie die Schwester immer schmächtiger wurde. Durch die starken Medikamente hatte sie ihr gesamtes blondes Haar verloren.
Eines Tages kam ein Anruf aus dem Krankenhaus.
Manuela würde diese Nacht nicht mehr überleben, sagten man ihnen. Die Eltern wollten nicht, daß Elke noch einmal zu ihrer Schwester ging. Sie sollte sie lieber so in Erinnerung behalten, wie sie früher gewesen war, doch Elke setzte ihren Willen durch. Sie flehte und bettelte solange, bis die Eltern nachgaben.
Sie erschrak, als sie die Schwester sah. Ihr Gesicht war blaß und sie sah unendlich müde aus. Elke griff nach Manuelas Hand und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
"Wie soll ich nur ohne dich weiterleben?" schluchzte sie voller Verzweiflung. "Wir waren doch immer zusammen. Ich kann nicht ohne dich sein."
Ein zaghaftes Lächeln huschte über Manuelas Gesicht. Sie drückte Elkes Hand ganz fest.
"Du brauchst keine Angst zu haben, Elke. Niemand wird uns jemals trennen können. Ich werde immer bei dir sein und dich beschützen."
Manuela ließ Elkes Hand los und schloß die Augen. Sekunden später ging ihr letzter Atemzug.
Wie in Trance erlebte Elke die Beerdigung von Manuela. Sie sprach in den folgenden Wochen kaum ein Wort. Die Lehrer beklagten sich, daß die Leistungen der sonst so intelligenten Elke rapide nachließen und sie sich kaum mehr am Unterricht beteiligte. Die Eltern führten ein langes und intensives Gespräch mit Elke, erklärten ihr, sie hätten sie bei einem Psychotherapeuten angemeldet. Elke ging zwar wie von den Eltern gewünscht zu diesem, doch auch dort sprach sie kaum ein Wort. Es verging kein Nachmittag - und es konnte noch so schlechtes Wetter sein - an dem Elke nicht auf dem Friedhof am Grab ihrer Schwester zu finden war.
Eines Tages, als sie wieder dort war, entdeckte sie ein kleines Kätzchen am Grab. Es war erst ein paar Wochen alt und von außergewöhnlicher Schönheit. Das Fell war dreifarbig - rot, weiß und schwarz. Vorsichtig näherte sich Elke um es nicht zu erschrecken. Das Tier zeigte jedoch keinerlei Furcht und lief auch nicht davon, als Elke direkt neben ihm stand. Elke bückte sich und strich über das weiche geschmeidige Fell. Es wunderte sie, woher das Kätzchen plötzlich gekommen war. Das Fell des Tieres war samtweich und wirkte gepflegt. Nein, das war nicht das Katzenbaby einer verwilderten Katze. Kurz entschlossen packte Elke das Kätzchen und nahm es auf dem Arm mit nach Hause. Ihre Eltern staunten, als sie mit dem Tier zu Hause ankam. Elke erzählte ihnen aufgeregt die Geschichte, wie sie es gefunden hatte. Die Eltern waren der Meinung, es müßte in ein Tierheim gebracht werden. Vielleicht war es weggelaufen und es gab Menschen, die es verzweifelt suchten.
Das erste Mal seit Manuelas Tod zeigte Elke eine Gefühlsregung. Mit Tränen in den Augen flehte sie ihre Eltern an, das Kätzchen behalten zu dürfen. Die Eltern stimmten schließlich zu. Falls sie jedoch erfuhren, daß jemand das Tier vermißte, mußte Elke es zurückgeben, sagten sie ihr. Elke war einverstanden. Das Kätzchen bekam den Namen Cleo.
Im Laufe der Monate wurde aus der kleinen Cleo eine wunderschöne große Katze. Elke war seit dem Auftauchen des Tieres ein anderer Mensch. Sie wirkte lustig und unbefangen - genau wie andere Mädchen in ihrem Alter. Auch die Leistungen in der Schule normalisierten sich.
Elke und Cleo wurden unzertrennlich. Selbst in der Nacht wollte Elke sich nicht von ihr trennen und nahm sie mit ins Bett.

Fast zwei Jahre vergingen.
Elkes Tante Melanie mußte wegen einer schweren Operation ins Krankenhaus. Als Elkes Eltern sie an einem Samstag besuchen wollten, fragten sie Elke, ob sie mitkommen wollte. Seit Manuelas Tod hatte Elke das Krankenhaus nicht mehr betreten und es war ein eigenartiges Gefühl für sie, an den Ort zurückzukehren, an dem sie ihre geliebte Schwester verloren hatte. Da Elke jedoch sehr an ihrer Tante hing, entschloß sie sich, mitzufahren.
Elke und ihre Eltern blieben eine knappe Stunde bei Tante Melanie. Dann verließen sie das Krankenhaus und gingen zum Wagen zurück. Aus einem plötzlichen Impuls heraus, drehte sich Elke noch einmal um und blickte zurück auf den Eingang des Krankenhauses. Auf den Stufen des Krankenhauses saß eine Katze. Ungläubig riß Elke die Augen auf. Sie war sich sicher, die Katze hatte eben, als sie die Stufen hinabgestiegen waren, noch nicht dagesessen. Und das Merkwürdigste war, die Katze sah aus wie Cleo. Elke ging langsam auf die Katze zu. Es war tatsächlich Cleo.
Das ist unmöglich, dachte Elke ganz durcheinander, das Krankenhaus ist viele Kilometer von zu Hause entfernt und außerdem hatte Cleo im Wohnzimmer geschlafen, als sie losfuhren.
Cleo saß ganz ruhig da und sah Elke nur an. Elke bückte sich und hob sie hoch. Auf dem Arm trug sie Cleo zum Wagen. Auch Elkes Eltern schauten entgeistert, als sie Cleo erkannten. Keiner hatte dafür eine Erklärung. Elke wollte sich mit Cleo auf den Rücksitz des Autos setzen, doch die Katze war auf einmal wie verwandelt. Sie knurrte und fauchte, riß sich wütend von Elke los. Mit einem Satz war sie nach draußen gesprungen und lief davon.
"Cleo!" schrie Elke verzweifelt. "Ich muß ihr hinterher."
"Elke, dein Vater muß nach Hause", wandte ihre Mutter ein. "Er erwartet einen wichtigen geschäftlichen Anruf."
"Ich kann sie doch nicht hier lassen", schluchzte Elke verzweifelt und sah die Mutter mit Tränen in den Augen an.
"Ich fahre allein", entschied Elkes Vater und wandte sich an seine Frau. "Du bleibst hier bei Elke und ihr sucht Cleo. Ihr könnt dann mit dem Taxi nach Hause fahren."
Elke und ihre Mutter nickten und liefen in die Richtung, in die Cleo verschwunden war. Und sie brauchten gar nicht weit zu laufen. Gleich um die Ecke saß Cleo, als hätte sie gewartet, daß man sie suchen kam. Widerstandslos ließ sie sich von Elkes Mutter auf den Arm nehmen.
"Na, Gott sei Dank!" atmete Elkes Mutter auf. "Was war nur vorhin mit ihr los? Sie ist doch schon öfters Auto gefahren. Hoffentlich steigt sie uns überhaupt in ein Taxi ein."
Gegen allen Befürchtungen hatten sie keine Probleme Cleo auf den Rücksitz eines Taxis zu bekommen. Elke setzte sich neben sie und streichelte sie.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Hier passiert dir nichts!"
An der nächsten Kreuzung hatte sich ein Stau gebildet.
"Auch das noch", stöhnte der Taxifahrer. "Da ist ein Unfall passiert. Sehen Sie sich das einmal an! Der Lkw hat das Auto total zusammengequetscht."
Elke und ihre Mutter sahen gleichzeitig zum Fenster hinaus und erkannten voller Entsetzen den Wagen von Elkes Vater.
Elkes Mutter ließ einen lauten Schrei los. "Das ist das Auto meines Mannes."
Sofort parkte der Taxifahrer seinen Wagen am rechten Seitenrand.
"Du bleibst hier!" wandte sich Elkes Mutter an Elke und sprang aus dem Wagen. Elke folgte mit ihren Blicken der Mutter. Ihr Vater stand unverletzt - so hatte es zumindest den Anschein - neben seinem total zerstörten Wagen. Ein paar Minuten später kehrte Elkes Mutter zurück.
"Es ist ihm nichts passiert!" beruhigte sie Elke. "Er muß noch auf die Polizei warten. Wir sollen nach Hause fahren."
Der Taxifahrer startete den Wagen und fuhr weiter. Einige Minuten später äußerte die Mutter den gleichen Gedanken, der Elke durch den Kopf ging.
"Es ist wirklich merkwürdig. Trotz des schweren Unfalls ist deinem Vater nichts passiert. Das Vorderteil des Wagens ist unbeschädigt, nur das Hinterteil ist zerstört. Mein Gott, wenn ich daran denke, daß beinahe du hinten im Wagen gesessen hättest."
Elke erwiderte nichts, sondern sah nur zum Fenster hinaus.
Während die Mutter das Abendessen zubereitete, machten es sich Elke und Cleo im Wohnzimmer bequem. Elke saß auf der Couch und schaltete den Fernseher ein. Cleo legte sich auf einen Sessel und schlief.
Nochmals ging Elke in Gedanken die Ereignisse des ganzen Nachmittags durch. Soviel war passiert für das es keine logische Erklärung gab. Vor allem wie war Cleo zum Krankenhaus gekommen? Sie war im Haus gewesen, als sie losfuhren und alle Fenster und Türen waren verschlossen. Und warum wollte sie nicht den Wagen von Elkes Vater steigen?
Merkwürdigerweise fiel Elke in diesem Augenblick das letzte Gespräch ein, daß sie mit Manuela vor deren Tod geführt hatte.
"Ich werde immer bei dir sein. Dir kann nichts passieren, denn ich werde dich beschützen", hatte sie gesagt.
Elke spürte wie ihr bei der Erinnerung an die geliebte Schwester die Tränen übers Gesicht liefen.
"Manuela", flüsterte sie immer wieder. "Ich vermisse dich so sehr."
Unwillkürlich warf Elke einen Blick zu Cleo. Bei Elkes Worten spitzte die Katze die Ohren und öffnete die Augen. Sekundenlang sahen sich die beiden nur an. Cleo erhob sich und sprang auf Elkes Schoß, als hätte sie beim Namen gerufen.
Elke streichelte das weiche Fell der Katze und plötzlich fühlte sie sich nicht mehr einsam.






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