Infobrief - 2002 geschrieben, aber immer noch brandaktuell.
Copyright liegt bei Daniela Lord, Gernsheim.
Diesen Brief habe ich geschrieben um Missverstaendnissen vorzubeugen.
Sie werden diesen Brief auf einigen Tagesmuetterseiten im Netz finden da ich ihn auf
Bitten meiner Kollegen/innen hin zur Verwendung unter Angabe der Quelle zur Verfuegung
gestellt habe.
Falls Sie diesen Brief (gedruckt oder auf Ihrer HP) verwenden moechten bitte ich Sie sich
vorher kurz mit mir in Verbindung zu setzen, vielen Dank.
Sie haben sich dazu entschlossen Ihr Kind in private Tagespflege zu
geben.
Eine gute Entscheidung, denn in keiner vergleichbaren oeffentlichen
Einrichtung erfaehrt Ihr Kind so viel Zuneigung und individuelle
Betreuung und Foerderung wie durch eine Tagesmutter.
Nachfolgend habe ich eine Menge ueber Dinge aufgeschrieben die immer
wieder zu Missverstaendnissen zwischen der Tagesmutter und den
abgebenden Eltern fuehren. Ich hoffe so schon im Vorfeld eines
Betreuungsverhaeltnisses gewisse Unklarheiten aus dem Weg zu raeumen
bzw. vorzubeugen, dass erst gar kein Grund fuer Unstimmigkeiten
aufkommen kann.
Natuerlich ist in einer Tagespflegefamilie auch vieles anders als zu
Hause oder in einer Kinderkrippe. Eine Tagesmutter wird niemals ein
Programm wie eine oeffentliche Krabbelgruppe bieten. Die private
Tagespflege versteht sich als familienergaenzendes Angebot fuer
berufstaetige Eltern oder solche, die ihr Kind - aus welchen Gruenden
auch immer zeitweise fremd betreuen lassen moechten/muessen.
Es ist also meine oberste Prioritaet den Kindern einen Platz in
unserer Familie zu geben an dem sie sich wohl, behuetet, geliebt,
sicher und aufgehoben - ja vielleicht sogar heimisch fuehlen. Das
bedeutet, dass die Kinder wie meine eigenen in der Familie am Alltag
teilhaben.
Und zu einem normalen Familienalltag gehoert neben dem gemeinsamen
Spielen, Singen, Basteln und Spazierengehen auch das Einkaufen gehen,
Kochen, Waesche waschen, Buegeln, Putzen, aufraeumen, Arztbesuche
gemeinsam wahrzunehmen, usw. Das soll jetzt nicht heissen, dass ich
die Kinder ins Spielzimmer einschliesse, sich selbst ueberlasse und
dann in Ruhe meinen Haushalt und meine Besorgungen mache, sondern nur,
dass neben dem Leben und Spielen mit den Kindern auch die o.g. Dinge
erledigt werden muessen. Die Kinder profitieren von diesem normalen
Familienleben und geniessen die gemeinsamen Aktivitaeten die trotz
allem nicht zu kurz kommen. Es kann nicht im Sinne einer normalen
Erziehung sein, dass das Kind den ganzen Tag "bespielt" wird. Fuer
die Entwicklung der Kinder ist es wichtig Erfahrungen im Spiel selbst
und ohne Hilfe und Vorgaben zu sammeln was nicht heisst, dass die
Tagesmutter nur als Wache bei den Kindern sitzt.
So kann es auch mal sein, dass wir aufgrund eines Ausfluges mittags
ein schnelles Essen kochen damit die Kleinsten trotz einem
ausgiebigen Vormittagsprogramm noch rechtzeitig zu Ihrem Mittagsschlaf
kommen.
Eine Tagesmutter mit mehreren Kindern lebt wie eine Grossfamilie. Und
da geht nun mal nichts ohne Planung und genaue Absprachen. Deshalb ist
es mir auch so wichtig, dass die Eltern die Bring- und Abholzeiten
einhalten. Denn im Winter mit 4 angezogenen Kindern im Flur zu sitzen,
die alle quengeln weil es ihnen zu heiss wird, oder im Sommer im
heissen Auto zu warten weil eine Mutter/ein Vater zu spaet kommt ist
mindestens genauso anstrengend fuer alle wie die verfruehte Abholung
eines Kindes mitten im Spiel oder Mittagessen. Natuerlich habe ich
Verstaendnis dafuer, dass den Muettern/Vaetern auch einmal ein Stau,
ein laengeres Warten beim Arzt oder aehnliches. das puenktliche
Erscheinen bei der Tagesmutter erschweren kann, aber fuer diesen Fall
gebe ich jeder Familie meine Visitenkarte mit auf der saemtliche
Telefonnummern stehen ueber die ich im Notfall zu erreichen bin. Ich
bitte Sie zu bedenken, dass auch Sie auf eine zuverlaessige und
puenktliche Betreuung angewiesen sind.
Schon einige Eltern haben mich gefragt wie ich auf die Hoehe der
monatlichen Beitraege komme und warum nur ein Teil davon als
Betreuungsgeld gilt, der Rest als sogenannte Betriebskostenpauschale
und Verpflegungsgeld ausgewiesen werden.
Nun, das ist ganz einfach. Der Betrag, den Sie monatlich fuer die
Unterbringung ihres Kindes zahlen ist nicht gleichzusetzen mit dem
Bruttoverdienst der Tagesmutter.
Der Verdienst ist der Betreuungsgeldanteil.
Die Verpflegungspauschale wird fuer die Nahrungsmittel und Getraenke
aufgebraucht, die das Kind bei der Tagespflegefamilie zu sich nimmt
und mit der Betriebskostenpauschale werden die restlichen Kosten
finanziert. Dazu gehoeren u. a. Investitionen in Spielzeug, Buecher,
Hochstuehle, Kinderbetten, Bettwaesche, Bettzeug, Matratzen,
Autositze, Fahrradsitze, Kinderwagen, Buggys, Laetzchen, Geschirr,
Besteck, Bastelmaterial, usw. die alle einem wesentlich hoeheren
Verschleiss unterliegen als in sogenannten "normalen" Familien und
deshalb wesentlich oefter erneuert, repariert oder gekauft werden
muessen. Durch die Anwesenheit von wesentlich mehr Kindern im Haushalt
steigen natuerlich auch die Nebenkosten wie Strom, Wasser,
Muellgebuehren, Heizkosten, der Verbrauch an Putz- und Waschmitteln
usw. Die Tagesmutter stellt Pflegeprodukte wie Wickeltuecher,
Wundschutzcreme, Sonnenmilch, Toilettenpapier, Taschentuecher ect.
auch das kostet Geld.
Nicht zuletzt die wichtigen und teilweise unumgaenglichen
Versicherungen der Tagesmutter, die ja nicht angestellt sondern
selbstaendig taetig ist muessen davon bezahlt werden. Dazu gehoeren
eine Haftpflicht-, eine Unfall-, eine Kranken- und eine
Rechtschutzversicherung.
Außerdem muessen die Pflichtbeitraege an die Deutsche
Rentenversicherung Bund fuer die Rente getragen werden.
Auch Beitraege zu Berufsverbaenden, Kosten fuer Fortbildungen (die in
der Freizeit und somit als unbezahlte Zeit gemacht werden und trotzdem
wichtig sind und bei keiner Tagesmutter fehlen sollten) und
Fachliteratur, Werbekosten fuer freie Plaetze ect. fallen an.
Das alles muss erst einmal verdient werden und nicht selten hat eine
Tagesmutter wochen- bzw. monatelang freie Plaetze und somit auch
erhebliche Verdienstausfaelle.
Eine Tagesmutter kann das alles nicht, wie eine normale Selbstaendige
steuerlich absetzen. Ihr wird vom Finanzamt eine sogenannte
Betriebskostenpauschale vorgeschrieben die sich nicht an den
tatsaechlichen Ausgaben orientiert, sondern im Jahre 1988 festgelegt
wurde.
Das sind zum Beispiel bei einem Kind, das 5 Tage die Woche fuer
jeweils mindestens 8 Stunden kommt gerade mal 245.42 Euro. Ab dem
01.01.2009 ist die Betriebskostenpauschale nach 21 Jahren auf 300 Euro
für eine 40 Stundenbetreuung. Wenn das Kind weniger betreut wird sinkt
auch die Betriebskostenpauschale. Stündlich umgerechnet sind das
1,875 Euro pro Stunde. Das ist ein Maximalbetrag der sich nicht
erhoehen laesst, egal ob die Tagesmutter hoehere Ausgaben hat oder
nicht. Deshalb nehmen die meisten Tagesmuetter auch ueber das ganze
Jahr eine festgelegte Pauschale bei der Urlaubs-, Feier- und
Krankheitstage durch bezahlt werden, denn die Nebenkosten muessen ja
auch durchgaengig bezahlt werden.
Manche Eltern beschweren sich darueber, wenn die Tagesmutter bezahlten
Urlaub nimmt, meist mit dem Argument, dass sie ja fuer diese Zeit eine
Ersatzbetreuung brauchen.
Ich kann da nur anfuehren, dass jeder der arbeitet normalerweise
bezahlten Urlaub nimmt und die Tagesmuetter geben ihren Urlaub ja auch
immer so rechtzeitig bekannt, dass die Eltern ihren Urlaub damit
abgleichen koennen und somit keine Ersatzbetreuung anfaellt.
In der Kindergruppe "Der kleine Lord" wird übrigens der gesetzliche
Mindesturlaub, der jedem Arbeitnehmer (also den Eltern) zusteht von
den Betreuungskosten abgezogen, sie zahlen also nur 11 Monate
statt 12!
Das Gleiche gilt fuer Krankheitstage auf beiden Seiten.
Die Tagesmutter hat sich die Zeit zur Betreuung des Kindes
freigehalten und behaelt deshalb auch den Anspruch auf die Beitraege.
Auch wenn ein Kind frueher abgeholt wird oder vorzeitig aus der
Betreuung ausscheidet behaelt die Tagesmutter den Anspruch auf
Bezahlung waehrend der Kuendigungsfrist, da sie ja dem Kind auch den
Platz reserviert hat bzw. willens war das Kind bis zum ausgemachten
Zeitpunkt zu betreuen und alle Termine darauf abgestimmt hat.
Wenn man nun die Kosten der Kinderbetreuung gegen die Arbeitszeiten
der Tagesmutter aufwiegt wird man sehr schnell feststellen, dass man
durch den Beruf der Tagesmutter nicht reich werden kann.
Jetzt verstehen Sie vielleicht auch warum Ihre Tagesmutter Ihnen das
Betreuungsgeld auf der Abrechnung einzeln auffuehrt und quittiert,
denn das ist der Bruttoverdienst von dem Sie allerdings in der Regel
auch noch die Differenzen zwischen der Betriebskostenpauschale und
den tatsaechlich entstehenden Aufwendungen zu decken hat und somit
auch der Teil der Kosten für die Fremdunterbringung ihres Kindes den
Sie steuerlich geltend machen dürfen. Die Nebenkosten würden bei einer
Betreuung zu Hause auch anfallen und sind daher nicht steuerlich
absetzbar. Die Tagesmutter muss aber auch für diese Einnahmen Steuern,
Sozialabgaben und Versicherungen zahlen obwohl diese dafür ausgegeben
werden und somit der Tagesmutter nicht als Verdienst zur Verfügung
stehen.
Sie erhalten von mir zum Betreuungsjahresende eine Bescheinigung ueber
die gezahlten Betreuungsgelder des vergangenen Jahres. Diese legen Sie
bitte bei Ihrem zustaendigen Finanzamt vor und tragen Sie auf dem
Formular "Kind" den von mir ausgewiesenen Betrag in der Spalte
Kinderbetreuungskosten ein.
Alles in allem ist es mir aber wichtig noch einmal zu betonen das ich
meinen Beruf gerne und aus voller Ueberzeugung ausuebe und zwar nicht
aus Geldgruenden oder weil ich "zu faul" bin "was Richtiges" arbeiten
zu gehen, denn Kinderbetreuung ist eine "richtige" Arbeit, auch wenn
sie im eigenen Haushalt ausgeführt wird und außerdem mein
Ausbildungsberuf, sondern weil ich es gerne mache!
Ich hoffe und kaempfe auf und fuer Anerkennung meines Berufes bei
Eltern, Kolleginnen, Politikern und allen Menschen damit meine Arbeit
vielleicht irgendwann einmal anerkannt wird, denn leider haben meine
Kolleginnen und ich die Erfahrung gemacht, dass jede Putzfrau
anerkannter ist als wir, da sie nach der Meinung Vieler richtig
arbeitet und wir nur ein bisschen mit den Kindern spielen... Oder wie
sonst ist es zu verstehen, dass einer Putzfrau selbstverstaendlich
10 bis 15 Euro in der Stunde bezahlt werden, mit der Tagesmutter aber
um jeden Cent gefeilscht wird oder ueber die Hoehe der quittierten
Kosten diskutiert wird.
Ich selber habe lange nach einer Putzfrau gesucht, die Quittungen
ausstellt, die meisten wollen "schwarz" arbeiten. Bei den meisten
Putzfrauen ist das was sie erhaelt wirklich der Reingewinn, da Ihr
die Arbeitsmaterialen gestellt werden und sie auch sonst kaum Unkosten
durch ihre Tätigkeit hat. Ich moechte nicht die Putzfrauen
abqualifizieren, doch ich denke, es ist ein gutes Vergleichsbeispiel
zur Tagesmutter... oefter schon kam mir der Gedanke ob den Menschen
eine saubere Wohnung wichtiger ist und daher auch finanziell
selbstverstaendlich besser honoriert als eine liebevolle und
engagierte Betreuung und Foerderung eines Kindes.
Ich hoffe, dass ich mich damit bei dem Grossteil der abgebenden Eltern
irre und denen, die bisher dem Irrglauben verfallen waren, dass eine
Tagesmutter mit einem bisschen Spielen, Wickeln und Fuettern bei den
ueblichen Betreuungssaetzen reich wird einen Anstoss zum Nachdenken
gegeben habe. Und die, die schon eine Tagesmutter haben und auch
zufrieden ihre Arbeit honoriert haben zeigen nun sicherlich
Verstaendnis dafuer, dass eine private Betreuung in punkto Kosten
nicht mit den billigeren, aber grundsätzlich vom Land, dem Träger und
dem Bund subventionierten oeffentlichen Einrichtungen konkurrieren
kann. Dort zahlen die Eltern
nur 1/4 der tatsächlich entstehenden Kosten, wenn man die Beträge mal
4 rechnet kommt man sogar auf einen höheren Beitrag als bei einer
Tagesmutter
Am Ende dieses Briefes ist es mir aber noch einmal besonders wichtig,
nicht als Furie zu wirken, ich arbeite seit Jahren gerne und
erfolgreich als Tagesmutter und habe bisher ueberwiegend gute
Erfahrungen machen duerfen. Aber aus den wenigen negativen Erlebnissen
und aus dem Austausch mit anderen Tagesmuettern sind mir einige Dinge
klargeworden bei denen es wohl immer wieder zu Missverstaendnissen und
Unstimmigkeiten kommen kann. Deshalb habe ich mir die Muehe gemacht
und diesen offenen Brief verfasst um solchen Situationen aus dem Wege
zu gehen.
Ich denke, dass wenn Sie mich kennen gelernt haben, Sie mich und meine
Arbeit einzuschaetzen wissen und keine Angst bekommen nur weil ich
hier einmal deutlich auf den Punkt gebracht habe was zwischen vielen
Eltern und Tagesmuettern unausgesprochen bleibt/geblieben ist. Nichts
ist fuer alle Seiten wichtiger und befriedigender als ein harmonisches
und entspanntes Verhaeltnis zwischen Eltern, Tageseltern und Kindern.
In diesem Sinne verbleibe ich mit den herzlichsten Gruessen und der
Hoffnung auf ein langjaehriges, erfolgreiches und fuer alle Seiten
befriedigendes Betreuungsverhaeltnis.
Ihre (vielleicht zukuenftige) Tagesmutter
Daniela Lord
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