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Torhüterin Nadine Angerer

„Ich mag keine Spielerinnen, die rumheulen“

29. September 2007 


Torhüter sind ein bisschen anders, und das ist bei Frauen wie Männern ziemlich gleich. Ihre Position bringt es mit sich, dass sie auf dem Fußballplatz zu den einsamen Menschen gehören. Sie trainieren selten mit der gesamten Mannschaft, und auf dem Platz spielen sie mit ihren Händen ein anderes Spiel. Wenn sie einen Fehler machen, sind sie sehr einsam; diese Erfahrung, am Ende immer auf sich alleine gestellt zu sein, prägt die Fußball-Torhüter. Sie sind so etwas wie die Einzelsportler in einem Mannschaftsspiel.

Im deutschen Fußball geht von dieser paradoxen Rolle offenbar eine besondere Anziehungskraft aus. Das zeigt sich nun wieder bei der Frauen-Weltmeisterschaft in China. Nadine Angerer jedenfalls, die mit Deutschland an diesem Sonntag im Endspiel von Schanghai gegen Brasilien steht, verlängert derzeit die große Tradition der deutschen Torhüter.

Ihre Aggressivität schüchtert die Gegner ein

Sie hat bisher mit ihrer Mannschaft fünf Spiele absolviert. In nicht einem einzigen hat sie einen Treffer hinnehmen müssen. Das hat es bei Fußball-Weltmeisterschaften noch nicht gegeben. Es ist nicht zuletzt diese erstaunliche Serie, die den Deutschen große Hoffnung macht, ihren Titel verteidigen zu können. Es ist aber nicht bloß der Rekord, der Nadine Angerer bei dieser Weltmeisterschaft in den Mittelpunkt rückt, sondern auch die Art und Weise, wie sie ihre Rolle ausfüllt. Auf der bei vielen Frauen-Nationalmannschaften notorisch schwach besetzten Position schont sie, ganz untypisch, weder sich noch ihre Gegnerinnen.

Im Gruppenspiel gegen Japan und beim 3:0 im Viertelfinale gegen Nordkorea ist sie, wie immer, aggressiv aus dem Tor gestürmt - und heftig mit den Angreiferinnen zusammengeprallt. Die Japanerin konnte danach nicht mehr weiterspielen, die Nordkoreanerin musste länger behandelt werden. Das ist zwar von der Dramatik weit entfernt, mit der ihr Kollege Toni Schumacher bei der WM 1982 einst einen französischen Spieler schwer verletzte, aber dass Nadine Angerer mit ihrer Aggressivität die Gegner einschüchtern möchte, ist offensichtlich. „Ich mag keine Sportlerinnen, die rumheulen“, sagt sie.

Seltene Chancen bei der WM entschlossen genutztIn der Vorrunde hatte sie nicht viel zu tun, aber sowohl gegen Nordkorea als auch beim 3:0 im Halbfinale gegen Norwegen reagierte sie in entscheidenden Situationen prächtig. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, war voll des Lobes: „Nadine Angerer ist eine Weltklasse-Torhüterin.“

Davon hatte man zuvor in der Welt aber noch nichts mitbekommen. Denn die Geschichte Nadine Angerers in der deutschen Nationalmannschaft ist bis zum Beginn der WM schnell erzählt. Die 28 Jahre alte, für Turbine Potsdam spielende Hessin hatte jahrelang nur zugeschaut, wie das Team mit Silke Rottenberg im Tor alle Titel abräumte. Sie war immer nur Ersatz. Einen Monat vor dem Turnier löste sie ihre Vorgängerin ab, auf ganz unspektakuläre Weise: Ihre Konkurrentin verletzte sich zu Jahresbeginn und wurde nicht mehr rechtzeitig fit. Es liegt im Wesen des Spiels, dass die Menschen im Tor nur selten eine Chance bekommen. Nadine Angerer hat ihre bei der WM entschlossen genutzt.

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Interview mit Nadine Angerer

„Ich bin eine China-Expertin“

Potsdams Torfrau Nadine Angerer steht morgen vor ihrem siebenten Länderspiel gegen die Chinesinnen


In Herzogenaurach bereitet sich gegenwärtig Frauenfußball-Weltmeister Deutschland unter Bundestrainerin Tina Theune-Meyer mit einem Lehrgang auf das Länderspiel am Donnerstag in Fürth gegen China (18 Uhr, Playmobilstadion, live in der ARD) und langfristig auf die Olympischen Spiele in Athen vor. Zu den sechs für diese Partie nominierten Potsdamer Turbine-Kickerinnen (siehe Kasten) gehört Torhüterin Nadine Angerer (25), die bisher 28 A-Länderspiele bestritt.

Wie sieht der Lehrgangsalltag in Herzogenaurach aus?

Eigentlich wie jeder Lehrgang. Außerdem gibt es einige Sponsortermine bei adidas. Heute abend haben wir ein offizielles Essen bei adidas und morgen eine Veranstaltung im Hause des Unternehmens. Ansonsten trainieren wir, und wir üben ein neues System ein.

Was für ein System?

(lacht) Das werde ich jetzt natürlich nicht verraten.

Ist es für Sie von Vorteil, Ihren Heimtrainer Dirk Heinrichs diesmal als Torwarttrainer bei der Nationalmannschaft zu haben?

Natürlich, obwohl er alle Torhüterinnen gleich behandelt. Abe ich arbeite gern mit ihm zusammen und bin froh, ihn diese Woche hier zu haben.

Es heißt, am Donnerstag gegen China würde Nadine Angerer das Tor hüten…

Es gibt noch keine offizielle Aussage von Tina Theune-Meyer, aber es läuft darauf hinaus, dass ich im Tor stehen werde.

Was wird denn gegen die Chinesinnen möglich sein?

Es wird schwer, denn China gehört zu den stärksten Nationen im Frauenfußball. Allerdings ist die Mannschaft derzeit schwer einzuschätzen, weil sie umgemodelt wurde und auch einen neuen Trainer hat. Das Spiel wird, denke ich, eine Standortbestimmung sowohl für uns als auch für die Chinesinnen werden. Ich hoffe, wir spielen hinten zu Null und schießen vorn ein, zwei Tore.

Wird das von Ihnen erwähnte neue System gegen China zu begutachten sein?

Keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob die Bundestrainerin das am Donnerstag nach so kurzer Übungszeit schon machen wird.

Sie selbst haben schon sechsmal gegen China gespielt. An welche Partie erinnern Sie sich dabei am liebsten?

Meine schrecklichste Erinnerung an die Chinesinnen ist mein erstes Länderspiel gegen sie im März 1997 in Euskirchen. Wir spielten damals 2:2, ich war neunzehn und es war eine Katastrophe, denn ich habe ganz schlecht gehalten; das war nicht mein Tag. Das letzte Spiel gegen China vor der WM – das ging auch 2:2 aus – lief dagegen gut, da habe ich gut gehalten.

Sie haben gegen die Chinesinnen sogar schon als Feldspielerin gekickt.

Richtig, das war in einem Vorbereitungsspiel vor knapp drei Jahren in Augsburg. Tina (Theune-Meyer/d. Autor) hatte eine halbe Stunde vor Schluss schon alle möglichen Spielerinnen eingewechselt, um jeden zu sehen. Dann aber hat sich noch Jaenette Götte verletzt und auf der Bank saß nur noch ich. Da habe ich zwanzig Minuten gegen die Chinesinnen auf dem Feld gespielt. Ich glaube, ich bin eine China-Expertin.

Mit dem FFC Turbine Potsdam wurden Sie zweimal Deutscher Vizemeister, jetzt sind Sie mit Ihrem Verein auf Titelkurs – sehen Sie sich mittlerweile schon als Deutschlands Torfrau Nummer eins vor Silke Rottenberg?

Nein, aber der Abstand zwischen Silke und mir wird immer kleiner. Sie hat ihre große Erfahrung von 90 Länderspielen als Vorteil, aber von der sportlichen Seite her ist nicht mehr viel Unterschied zwischen uns beiden. Silke ist eine gute Torhüterin, aber ich werde weiterhin Gas geben, um sie abzulösen.

Wie würden Sie angesichts dieses Konkurrenzkampfes Ihr persönliches Verhältnis zueinander bezeichnen?

Wir hängen generell nicht oft zusammen, weil wir privat vom Charaktertyp her völlig unterschiedlich sind. Silke ist eher ein introvertierter Mensch, ich sehe mich eher als extrovertiert. Das ist unser Hauptunterschied.

Ist jetzt beim Lehrgang der DFB-Auswahl auch schon das Bundesliga-Spitzenspiel Potsdam gegen FFC Frankfurt am Sonntag ein Thema?

Natürlich, wir unterhalten uns mit den Frankfurterinnen, mit denen wir uns recht gut verstehen, bereits darüber. Und beide Seiten freuen sich schon auf den Sonntag. Dass der FFC Frankfurt letzten Sonnabend gegen Freiburg zwei Punkte verlor, wurmt ihn natürlich sehr. Und es wäre der größte Fehler zu glauben, dass er jetzt verunsichert wäre. Birgit Prinz beispielsweise ist ein Typ, der sagt: Jetzt erst recht. Die Frankfurterinnen sind sehr aggresiv und wollen den Fauxpas in Potsdam wieder wettmachen. Wir werden uns also auf einen starken Gegner einstellen müssen.

Denken Sie selbst auch schon an den kommenden Sonntag?

Ich freue mich schon seit Wochen auf das Spitzenspiel. Jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf China – und nach dem Abpfiff dann auf Frankfurt.

Das Interview führte Michael Meyer (Potsdamer Neueste Nachrichten)

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Torfrau mit Topquote

Für Nadine Angerer ist es Zeit, Nummer eins im DFB-Team zu werden

BERLIN, 5. März. So eine Beckenprellung ist eine schmerzhafte Sache. An Schlaf ist kaum zu denken. Doch die körperlichen Leiden sind für Nadine Angerer von Turbine Potsdam nur eine Sache. Sie will am Sonntag beim Gipfeltreffen gegen Meister 1. FFC Frankfurt (14 Uhr, Liebknecht-Stadion) "die Zähne zusammenbeißen, ein oder zwei Mittelchen nehmen" und alles verdrängen. Aber die Beckenprellung hat auch eine Geschichte, eine, die sich nur schwer verdrängen lässt.

Es war die Woche der Nadine Angerer. Als Belohnung für eine bislang herausragende Saison hatte Bundestrainerin Tina Theune-Meyer am Donnerstag gegen China die Nummer zwei zur Nummer eins erklärt. Künftig soll sich Angerer mit Keeperin Silke Rottenberg die Einsätze teilen. Fürth stellte dabei den Auftakt für das Kräftemessen zwischen den Pfosten dar.

Nadine Angerer litt Anfang der Woche an einem Mageninfekt, riss sich aber zusammen, um dabei zu sein. Doch ihr 29. Länderspiel, das für den Weltmeister 0:1 verloren ging, endete mit einem kleinen Desaster. In der 26. Minute segelte sie an einer Flanke vorbei, rammte zwar in Kung-Fu-Kahn-Manier die Chinesin Teng Wei um, stürzte dabei aber so unglücklich, dass sie ausgewechselt werden musste.

Vertan war die Chance, der Öffentlichkeit zu zeigen, was sie drauf hat. Vertan die Möglichkeit, im Hinblick auf Olympia ein Ausrufezeichen zu setzen. "Ich muss die Nationalmannschaft, den Tag, ach, die ganze Woche aus meinem Kopf rausstreichen", sagt sie. Dirk Heinrichs, Torwarttrainer bei Turbine und im deutschen Team, bemüht sich, positive Aspekte zu finden: "Am Sonntag kann sie beweisen, dass sie eine Alternative ist. Dann ist sie ein gutes Stück weiter."

Positive Anzeichen für ihren Wandel gab es aber auch in Fürth. "Gut, dass sie nicht unter dem Oliver-Kahn-Syndrom leidet", meint Heinrichs. Sie hätte im Spiel bleiben und bei Fehlern Ausflucht in der Verletzung suchen können. Doch sie stellte sich in den Dienst der Mannschaft. Eine glückliche Entscheidung, auch weil Rottenberg beim 0:1 durch Lilil (79.) eine unglückliche Figur abgab. Darüber schweigt Angerer - anders als Jens Lehmann nach Kahns Schnitzer.

Umdenken in Babelsberg

Das war nicht immer so in siebeneinhalb Jahren hinter Rottenberg. Die Arbeit mit Heinrichs brachte ein Umdenken. Der 35-Jährige, einst Torwart beim Zweitligisten Babelsberg 03, trainiert Angerer gemeinsam mit Babelsbergs Keeper Sebastian Rauch. Doch in erster Linie hat sich die Lebenseinstellung der 25-Jährigen gewandelt. Sie wisse jetzt, was sie wolle und arbeite hart dafür, sagt Heinrichs.

Die Keeperin zeigt konstant Leistung, mit nur sechs Gegentoren hat sie die beste Quote der Liga. "Sie hat uns zuletzt so viele Siege beschert, jetzt muss ihr das Team gegen Frankfurt etwas zurückgeben", fordert Turbine-Coach Bernd Schröder. Die Bundestrainerin spendiert Nadine Angerer schon mal eine schöne Aussicht: die Chance auf Olympia als Nummer eins im Tor.

Gipfeltreffen // Die Bundesligapartie zwischen Turbine Potsdam und dem 1. FFC Frankfurt an diesem Sonntag wird zu einem Treffen der Weltmeisterinnen: Auf dem Feld des Karl-Liebknecht-Stadions werden neun jener Spielerinnen stehen, die im Oktober in den USA durch einen Finalsieg über Schweden die WM gewannen.

Bei den Gastgeberinnen von Turbine zählen Nadine Angerer, Ariane Hingst, Viola Odebrecht und Conny Pohlers zum Kader von Bundestrainerin Tina Theune-Meyer. Der 1. FFC Frankfurt bietet am Sonnabend die Nationalspielerinnen Sandra Minnert, Steffi Jones, Renate Lingor, Pia Wunderlich und Birgit Prinz auf. Nia Künzer (Kreuzbandriss) fehlt.


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