Neben Christian Morgenstern lag mir Hermann Hesse schon immer besonders am Herzen...
Alles was wir erleben
kann Sinn gewinnen.
Als dein Eigenstes erkennst du,
was dir fremd und feind erschien,
und mit neuen Namen nennst du
dein Geschick und nimmst es hin.
Was dich zu erdrücken drohte,
zeigt sich freundlich, atmet Geist,
ist ein Führer, ist ein Bote,
der dich hoch und höher weist.
Aller höhere Humor fängt damit an,
dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei.
Das ist die Welt.
Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.
Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen!
Es kommt alles wieder, was nicht bis zu ende gelitten und gelöst wird.
Im Leeren dreht sich, ohne Zwang und Not, frei unser Leben,
stets zum Spiel bereit, doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
nach Zeugung und Geburt, nach Leiden und Tod.
Meine Aufgabe ist nicht, andern das objektiv Beste zu geben, sondern das Meine so rein und aufrichtig wie möglich.
Jeder Mensch ist etwas Persönliches und Einmaliges, und an Stelle des persönlichen Gewissens ein kollektives setzen zu wollen, das heißt schon Vergewaltigung und ist der erste Schritt zu allem Totalitären.
Der Anfang aller Kunst ist die Liebe. Wert und Umfang jeder Kunst werden vor allem durch des Künstlers Fähigkeit zur Liebe bestimmt.
Genie ist Liebeskraft, ist Sehnsucht nach Hingabe.
Ohne Persönlichkeit gibt es keine Liebe, keine wirklich tiefe Liebe.
Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber hinführen will.
Wenn man etwas für recht hält, muß man es auch tun.
Damit das Mögliche entsteht, muß immer wieder das Unmögliche versucht werden.
Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näher zu kommen, so wenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Unser Ziel ist, einander zu erkennen und einer im andern das zu sehen und ehren zu lernen, was er ist: des andern Gegenstück und Ergänzung.
Man kann alles auf der Welt nachahmen und fälschen, nur die Liebe nicht:
Liebe kann man nicht stellen, nicht nachahmen, sie wohnt nur in dem Herzen, das sich ganz zu geben weiß. Das ist die Quelle jeder Kunst.
Der Künstler bezahlt etwaige Mängel des sozialen Verhaltens durch sein Werk; was er dem Werk zum Opfer bringt, und das ist meistens unendlich viel mehr, als was der brave Durchschnittsbürger zu opfern fähig wäre, das kommt allen zugut....
Ich habe (...) gefunden, daß in der Welt die allermeisten Menschen nicht das tun, wozu sie Anlage und Natur treibt, sondern stets etwas anderes, oft das Gegenteil (...) Das einzige, worin ich mcih von der Masse und von denen, die ich Dillettanten und Streber nenne, unterscheide, ist das, daß ich weiß, zu welcherlei Arbeit und Dienst mein Gehirn und meine Vorgeschichte mich bestimmen, und daß ich diese Arbeit so konzentriert wie möglich zu tun suche (...) Die Welt wird nicht rascher fortschreiten, wenn ihr Dichter zu Volksrednern, Philosophen zu istern macht. Sie wird fortschreiten überall da, wo ein Mensche das tut, wozu er da ist, was sein Amt von ihm fordert, was er darum gerne tut.
1933:
Ich bestärke, soweit meine Einfühlung reicht, jeden Einzelnen in dem, was ihm von den Normen trennt, und suche ihm den Sinn davon zu zeigen.
1919:
Wir müssen nicht hinten beginnen bei den Regierungsformen und politischen Methoden, sondern wir müssen vorn anfangen beim Bau der Persönlichekeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen.
1918:
Mein Dienst und Beruf ist der der Menschlichkeit. Aber Menschlichkeit und Politik schließen sich im Grunde immer aus. sind nötig, aber beiden zugleich dienen ist kaum möglich. Politik fordert Partei, Menschlcihkeit verbietet Partei.
Ich glaube an den Menschen.
Stets wird die Überwindung des Egoismus und der Trägheit nur von Einzelnen geleistet, nie von Majoritäten.
unter Frömmigkeit verstand Hermann Hesse: Die Achtung des Einzelnen vor dem ganzen der Welt, vor der Natur, vor dem Mitmenschen, das Gefühl des Einbezogenseins und Mitverantwortlichseins.
Der Glaube, den ich meine, ist nicht leicht in Worte zu bringen.
Man könnte ihn etwa so ausdrücken:
Ich glaube, daß trotz des offensichtlichen Unsinns das Leben dennoch
einen Sinn hat, ich ergebe mich darein, diesen letzten Sinn mit dem
Verstand nicht erfassen zu können, bin aber bereit, ihm zu dienen,
auch wenn ich mich dabei opfern muß.
Die Stimme dieses Sinnes höre ich in mir selbst,
in den Augenblicken, wo ich wirklich
und ganz lebendig und wach bin.
Was in diesen Augenblicken das Leben von mir verlangt,
will ich versuchen zu verwirklichen, auch wenn es gegen die
üblichen Moden und Gesetze geht.
Diesen Glauben kann man nicht befehlen
und sich nicht zu ihm zwingen.
Man kann ihn nur erleben.
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
„Das Leben, das ich selbst gewählt"
Ehe ich in dieses Erdenleben kam,
ward mir gezeigt, wie ich es leben würde:
Da war Kümmernis, da war Gram,
da war Elend und Leidensbürde.
Da war Laster, das mich packen sollte,
da war Irrtum, der gefangen nahm,
da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham.
Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage
und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden
als Auserwählter hoher Geister denkt.
Mir war gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde, draus ich blute,
mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig Leben schaute,
da hört' ein Wesen ich die Frage tun,
ob ich dies zu leben mich getraue,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.
Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme -
„Dies ist das Leben, das ich leben will!"
gab ich zur Antwort mit entschloss'ner Stimme
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward ich geboren in diese Welt,
so wars, als ich ins neue Leben trat.
Ich klage nicht, wenn's oft mir nicht gefällt,
denn ungeboren hab' ich es bejaht.
Luise Rinser zitiert H.Hesse:
1936 hatte er notiert, die "Morgenlandfahrt", "die beinahe von niemand noch entdeckt wurde", sei ihm "wichtiger als Goldmund". Viel später, 1943, findet er den Roman "Das Glasperlenspiel" "nicht so frisch wie die Morgenlandfahrt" und noch später, 1956, gefiel ihm beim Wiederlesen des Romans [dem Glasperlenspiel] manches gar nicht mehr, während "die Morgenlandfahrt sich restlos bewährte". Diese Erzählung ist ihm also sehr wichtig, so wichtig, daß er 1936 schrieb, die 55 Jahre seines bereits gelebten Lebens erschienen ihm manchmal "bloß als Vorbereitung zur Morgenlandfahrt".
"Ich mußte, der grinsenden Gegenwart zum Trotz,
das Reich der Seele und des Geistes als existent
und unüberwindlich sichtbar machen;
so wurde mir Dichtung zur Utopie... " Hermann Hesse, 1955