
Joseph Beuys habe ich vor gut 20 Jahren einmal auf einer Podiumsdiskussion real erlebt. Nie in diesem Leben bin ich einem geistig regeren, aktiveren, geistesgegenwärtigerem Menschen begegnet. Er ließ erst alle Vertreter unterschiedlichster Richtungen zu Wort kommen und hörte dabei so gut und intensiv zu, dass er hinterher, während dem Formulieren, auf alles zuvor Gesagte einen direkten Zugriff hatte und so seine Formulierungen bis in feinste Zusammenhänge aus dem Moment heraus in wahnsinnig hoher Qualität souverän und ungewohnt lebendig gestalten konnte. Hinzu kam ein feines, extrem vielschichtiges, mitsprechendes Minenspiel, dessen Tiefendimensionen heute leider nur noch sehr grob zu erahnen sind, wenn man Videoaufnahmen von ihm sieht....(trotzdem kann es sich lohnen, das ein oder
andere Video anzu-schauen)
>Jeder Mensch ist ein Künstler<
"Die Kunst ist nach meiner Meinung die einzige evolutionäre Kraft.
Das heißt, nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die verhältnisse ändern. Und ich glaube, viele Menschen spüren, daß das Menschliche, also dieser menschliche Punkt, in der Kunst am meisten weiterentwickelt werden kann"
"Ich bin kein Künstler [und] nicht länger am modernen Kunstbetrieb interessiert, diesem kleinen pseudokulturellen Getue." (1983)
"Hier ist die Schwelle, die ich kennzeichnen will als das Ende der Moderne, das Ende aller Traditionen, wir werden gemeinsam den sozialen Kunstbegriff entwickeln als ein neugeborenes Kind aus den alten Disziplinen." (1985)
"Ich behaupte, daß dieser Begriff SOZIALE PLASTIK eine völlig neue Kategorie der Kunst ist. Eine neue Muse tritt den alten Musen gegenüber auf! [...] Sie trägt den zukünftigen Begriff von Plastik, der vor jedem andren Begriff von Plastik Vorrang hat. Ich schreie sogar: es wird keine brauchbare Plastik mehr hienieden geben, wenn dieser SOZIALE ORGANISMUS ALS LEBEWESEN nicht da ist. Das ist die Idee des Gesamtkunstwerkes in dem JEDER MENSCH EIN KÜNSTLER ist." (Joseph Beuys,1982)
Die unsichtbare Skulptur
zum erweiterten Kunstbegriff von JOSEPH BEUYS, FIU Kassel
So wie der Mensch nicht da ist, sondern erst entstehen muß,
so muß auch die Kunst erst entstehen , denn es gibt sie noch nicht. J. B.
Beuys wichtigster Beitrag bestand darin, die Kunst aus den Randzonen der Gesellschaft mitten in das Lebens- und Arbeitsfeld hineingetragen zu haben. Das er dies zugleich als eine in der Sache selbst begründete, auch therapeutische Notwendigkeit ansah, wird selbst von einem interessierten Publikum nur unzureichend nachvollzogen. Die meisten Zeitgenossen sehen in Beuys den Künstler, der neue Materialien in die Kunst einführte; weniger sehen sie in ihm denjenigen, dem diese Materialien dazu dienten, den Kunstbegriff seiner Zeit radikal zu revolutionieren. Deswegen ist auch schwer durchschaubar, daß dem erweiterten Kunstbegriff auch ein gewandelter Materialbegriff einherging: ein neuer Inhalt der Kunst.
In diesem Kontext waren Filz und Fett nur die Vorboten eines viel größeren Umsturzes, der nicht in irgendwelchen Randbereichen, sondern in den Zentralen eines bereits hypertroph gewordenen Kunstbetriebs statt fand. Dabei sieht er die Kunst als eng mit der Erkenntniskraft zu sammenhängend: der Gedanke ist das erste Produkt
Deswegen kann es mit dem in die anthropologische und soziale Dimension erweiterten Kunstbegriff nicht um kunsttherapeutische Beiläufigkeiten, nicht um ein Nebenbeikurieren an den Symptomen gehen, sondern darum, zuerst das »Tragende « zu befreien. Das Tragende aber ist die Arbeit des Menschen. In diesem Zusammenhang liegt eine unbedingte Priorität für die Zukunft der neuen Kunstdisziplin, die eine Wärmeskulptur zum Ziel hat.
Mit Joseph Beuys "erweiterten Kunstbegriff" hat keine Stilrevolution, vielmehr eine Sinnrevolution stattgefunden. Mit dem letzten gepflanzten Baum seiner »7000-Eichen«-Skulptur zu Beginn der documenta 8 ist sichtbar geworden, daß die Frage nach der Qualität im plastischen Vorgang heute anders als früher zu ent scheiden ist: das zu formende Material der Kunst ist jetzt universell.
Solche Fragen weiterzutragen, hat in der FIU-Kassel dazu geführt, während der 100 documenta-Tage im Sommer I987 ein Projekt durchzuführen, dessen Kern die »Soziale Skulptur« im Werk von Joseph Beuys bildete. Das Anliegen zielte darauf, eine Auseinandersetzung herbeizuführen, um den Stand der Begriffe und deren notwendige Erweiterung aufzuzeigen und die kontinuierliche - in Kassel seit I977 bestehende - Arbeit der FIU sinngemäß fortzusetzen.
Im Informationscontainer vor dem Hauptgebäude der documenta 8 arbeiteten elf Mitarbeiter im Wechsel 100 Tage. Wichtig in den Gesprächen mit kunstinteressierten Besuchern aus aller Welt war, den Ist-Zustand der Kunst zu problematisieren, ihren affirmativen Charakter bloßzulegen und die Möglichkeiten eines jeden einzelnen zu erörtern, von der Kunst ausgehend aktiv in die gesellschaftlichen Zusammenhänge einzugreifen. »Und mir kam es darauf an, daß hier Tiere an der Arbeit beteiligt sind« (Joseph Beuys), war das Motto an der Stirnseite des Veranstaltungsraumes.
Zum Ende des 100 tägigen Geschehens wurde der » OMNIBUS FÜR DIREKTE DEMOKRATIE IN DEUTSCHLAND« vorgestellt. Als über die Veranstaltungen hin ausweisendes Element begann er von Kassel aus seine Reise durch Deutschland, um ein wichtiges Zeitanlie gen klarzumachen: Ohne die Selbstbestimmung des Menschen in voller Freiheit und Selbstverantwortung kann es keine qualitative Weiterentwicklung des Bestehenden geben. Im Prozeß zum Volksentscheid liegt das Übungsfeld der sozialen Skulptur. Im vorliegenden Buch sind nun zehn Vorträge und Gespräche ausgewählt, die zusammen mit den Photographien und Beschreibungen einen ersten Eindruck der »Unsichtbaren Skulptur« geben können.
©FIU Kassel 1989
> So wie der Mensch nicht da ist, sondern erst entstehen muß,so muß auch die Kunst erst entstehen , denn es gibt sie noch nicht. <
>Meine Kunst ist Befreiungspolitik<
>Der Mensch ist ein Naturwesen auf der untersten Stufe, dann ist er ein Gesellschaftswesen, und darüber hinaus ist er ein freies Wesen<
>Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität. Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst<
>Durch Menschen bewegen sich Ideen fort, während sie in Kunstwerken erstarren und schließlich zurückbleiben<
> Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken an.Das ist die neue Qualität des Willens<
>Ästhetik ist eine Begleiterscheinung jeder menschlichen Tätigkeit<
> Wärme ist das evolutionäre Prinzip<
> Jeder Mensch ist ein Künstler<
> Der größte Künstler ist der Lebenskünstler<
> Kunst = Kapital<
> Wer nicht denken will fliegt(sich selbst) raus<
> Die Revolution sind wir<
> Intuition statt Kochbuch<
> Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt<
> Mit dummen Fragen fängt jede Revolution an<
> Wir müssen mit der Wüste fertig werden und die Wüste muß mit sich selbst fertig werden<
> Laßt Blumen sprechen<
>Jeder Mensch ist ein Gott<
> Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung<
> Ob Werbung Kunst ist, hängt davon ab wofür sie wirbt<
>Die Zeichnung ist die Verlängerung des Gedankens<
> Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung<
>Lieber aktiv als radioaktiv<
>Auffangetechnik statt Explosionstechnik<
> Ich bin auf der Suche nach dem Dümmsten<
> Ich denke sowieso mit dem Knie<
> Jeder Griff muß sitzen<
> Hinter dem Knochen wird gezählt<
> Der Fehler fängt schon an, wenn einer sich anschickt Keilrahmen und Leinwand zu kaufen<
Die Christuskraft; das Evolutionsprinzip kann nur aus dem Menschen quellen, es kann aus dem Menschen hervorbrechen, denn die alte Evolution ist bis heute abgeschlossen. Das ist der Grund der Krise. Alles, was an Neuem sich auf der Erde vollzieht, muß sich durch den Menschen vollziehen....
Wer mit dem inneren Auge zu sehen sucht, der sieht, daß der Christus längst wieder da ist. Nicht mehr in physischer Form, aber in der bewegten Form einer für das äußere Auge unsichtbaren Substanz. Das heißt, er durchweht jeden einzelnen Raum und jedes einzelne Zeitelement substanziell. Also er ist ganz nah da... Die Form, wie diese Verkörperung Christi sich in unserer Zeit vollzieht, ist das Bewegungselement schlechthin. Der sich Bewegende... Es ist also das Auferstehungsprinzip: die alte Gestalt, die stirbt oder erstarrt ist, in eine lebendige, durchpulste, lebensfördernde, seelenfördernde, geistfördernde Gestalt umzugestalten. Das ist der erweiterte Kunstbegriff.
Am 8.02.1985 zu Michael Ende über den herkömmlichen Künstler (und die Schwelle zur Geistigen Welt):
„...der doch alles verhindert, der die Umwelt verschmutzt, natürlich nicht, weil er Klavier spielt, sondern weil er es versäumt, auch noch darüber nachzudenken, was an der Schwelle passiert mit seiner Kunst ... Jenseits der Schwelle wird vom Menschen mehr gefordert. Da wird gefordert, daß zu dem, was erworben ist in der Geschichte an Begrifflichkeit für die Kunst, noch eine weitere Disziplin dazukommt, die alles andere umfaßt, die quasi die Plazenta des Lebewesens des sozialen Organismus als Lebewesen in seiner Freiheitsgestalt und als die große Errungenschaft einer Kultur jenseits der Moderne...“
siehe auch: http://www.beuys.de/
und: http://www.muenster.org/soziale_plastik/
http://www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/o_mod/beuys.htm
http://www.bedburg-hau.de/moyland/ Museeum Scholls Moyland im Nordwesten von NRW
http://www.moyland.de/pages/josephbeuysarchiv/
http://www.joseph-beuys-photos.de/josephbeuysphotos1024x768.htm
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BeuysJoseph/ Kurzbiografie Joseph Beuys´
http://www.darmstadt.gmd.de/Museum/HLMD/beuys.html
http://www.cologneweb.com/beuys.htm Joseph Beuys im Diözesanmuseum Köln
http://www.ubu.com/sound/beuys.html akustische Aufnahmen
http://www.fiu-verlag.com/ Verlag der von Joseph beuys begründeten FreienInternationalenUniversität
http://www.karlsruhe.de/Kultur/Galerie/Beendet/beuys.htm
http://www.lo-net.de/group/Samples/samples1/groetz.htm Punk und Beuys(-Schüler)
http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/kun/4897.html Gedanken über moderne Kunst und Beuys
http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Beuys
http://www.general-anzeiger-bonn.de/kultur/jahrhundert/1982/kultur3.html
http://www.medienkunstnetz.de/kuenstler/beuys/biografie/
http://www.onlinekunst.de/mai/12_05_Beuys_Portrait.htm
http://shop.zeit.de/images/product_images/popup_images/joseph_beuys.jpg Foto: Beuys mit Axt
http://www.ellwangen.de/content/extern/ellwangen/aktuell/rathaus_aktuell/beuys_schoofs/beuys.jpg "Rosenplakat"
http://www.arithmeum.uni-bonn.de/de/events/62 Rosentext
http://www.rhellbart.de/INDEX/Beuys.htm
http://www.germangalleries.com/Krypta_182/Beuys.03.html Schmerzraum
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/17388.html erweiterter Kunstbegriff
http://www.rhellbart.de/INDEX/soziale_Dreigliederung.htm Dreigliederung/soziale Plastik
http://www.dreigliederung.de/essays/1978-12-001.html
Vor der Frage: Was können wir tun? muss der Frage nachgegangen werden: Wie müssen wir denken? damit der phrasenhafte Umgang mit den höchsten Idealen der Menschheit, die alle Parteiprogramme heute verkünden, nicht weiterhin als Ausdruck des krassen Gegensatzes zur Lebenspraxis unserer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wirklichkeit sich fortpflanzt.
Vor kopflosem Umsteigen wird gewarnt. Beginnen wir mit der Selbstbesinnung.
http://www.carookee.com/forum/m-wie-mensch/31/11242770
Was ist unter »Dreigliederung des sozialen Organismus« zu verstehen?
Versuch einer kurzen Antwort




