»Um die Idealvorstellung vom unpolitischen Fachidioten abzusichern,
wird das frühere Vordiplom jetzt „Bachelor“ genannt und so ein kritikloses
Schmalspurstudium ermöglicht. Die Geisteswissenschaften werden pauschal
als „brotlose Kunst“ verspottet, und selbst hier setzten sich im Zuge der
„Eigenverantwortung“ zusehends „Wissenschaftler“ durch, die „Drittmittel
einwerben“, also von der Industrie gesponsert sind.«
Thomas Wieczorek, Autor von »Die verblödete Republik«
Capitalis monumentalis
Im 8. Jahrhundert vdZ entstand der römische Stadtstaat.
Er übernahm im Wesentlichen die Kultur der Etrusker. Leider sind aus der
Frühzeit Roms, der sog. Königszeit, keine Schriftdenkmäler erhalten.
Die Entstehung der lateinischen Schrift fällt etwa in den
Zeitraum der römischen Republik, die ab dem 6. Jahrhundert vdZ begann,
ganz Italien militärisch zu unterwerfen. Die älteste
überlieferte lateinische Inschrift auf der sog. Maniosspange
ist noch linksläufig, aber bereits zu dieser Zeit treten bustrophedone
Inschriften auf. Der Richtungswechsel zur Rechtsläufigkeit
dürfte etwa im 3. Jahrhundert vdZ statgefunden haben.
Das erste lateinische Alphabet bestand aus 21 Zeichen,
überflüssig gewordene etruskische Zeichen verschwanden,
oder wurden als Zahlzeichen verwendet.
Die Entstehung der klassischen römischen Kapitalschrift,
der Capitalis monumentalis, (etwa ab dem 1. Jahrhundert vdZ)
muß im Zusammenhang mit der Architektur gesehen werden.
Die Triumphbögen, Prachtbauten und Denkmäler der Römer
wurden mit diesen ausgewogenen Großbuchstaben (Versalien) versehen.
Vermutlich mit einem Flachpinsel wurden zwischen einer oberen
und unteren Begrenzungslinie die Zeichen auf
dem Stein vorgeschrieben. Dann wurden die durch den
Flachpinsel entstandenen breiten und schmalen Striche
an- und abschwellender Kurven mit einem Meißel nachgeschlagen.
Um ein Ausbrechen des Steins am Buchstabenende zu verhindern,
ließ man die Enden zu beiden Seiten hin ausschwingen,
die Serifen waren entstanden. (Es soll aber hier
nicht verschwiegen werden, daß es auch andere Theorien zur
Entstehung der Serifen gibt!)

Capitalis monumentalis (Trajans-Säule in Rom)
Die Capitalis monumentalis besticht auch heute, nach über
2000 Jahren, durch ihre erstaunliche Vollkommenheit.
Sie ist der Ursprung unserer heutigen
Groß- wie auch der Kleinbuchstaben.
Auch als reine, mit dem Flachpinsel geschriebene, Wandschrift
(etwa für Bekanntmachungen) wurde die Capitalis monumentalis
angewandt. Auffällig ist dabei ihr schmallaufender Duktus.
Die Römische Stempelschrift
Leider viel zu wenig Beachtung in der Fachliteratur findet eine (5) Während seines Italienaufenthaltes 1950 holte sich der
ganz besondere Schriftform der Römer: die Stempelschrift.
Sie wurde für Ziegel-, Brot- und Brandstempel verwendet und
besteht meist aus linearen Capitalisformen mit gleichstarken Balken.
Meist fehlen die Serifen. Diese Schriften dürften als Vorbild
für die serifenlosen florentinischen Inschriften an den
Kirchen Sta. Maria Novella und Sta. Croce gedient haben,
die in der Frührenaissance entstanden sind(5).
Nach 1800 standen diese Formen wahrscheinlich auch Pate
bei der Entwicklung der Egyptienne und der Grotesk-Schriften.

Röm. Stempelschrift. Ziegel der Villa Hadrian, ca. 130
Römische Kursiv
Für den täglichen Gebrauch schrieben die Römer mit dem Stilus
(Stift aus Metall oder Holz) oder dem Calamus, einem Rohrgriffel.
Mit ersterem ritzte man die Schriftzeichen in eine Wachstafel, mit
dem Calamus hingegen schrieb man mit Tusche entweder auf
Papyrus und Pergament oder auch auf Tonflächen und
Leinwand. Beide Schreibmittel beeinflußten natürlich
das Aussehen der Schrift. Dem Schreiber kam es vor allem
darauf an, seine Gedanken möglichst rasch festzuhalten.
Das Ergebnis war eine Abschleifung der klassischen Buchstabenformen.
Die der Nachwelt erhalten gebliebenen Zeugnisse zeigen eine flüchtig und
schräg geschriebene Verkehrs- und Handschrift,
die, obwohl sie noch eine reine Versalschrift war,
bereits Ansätze zu Ober- und Unterlängen zeigte.
Die Wissenschaft unterscheidet heute zwischen der älteren römischen Kursiv
(1. bis 3. Jahrhundert) und der jüngeren römischen Kursiv (3. bis 7. Jahrhundert),
bei der bereits erste Minuskelformen (Kleinbuchstaben) auftauchen.
Die zeitgenössischen Typografen Adrian Frutiger und Manfred Klein
haben übrigens mit ihren Schriftentwürfen Herculanum (1990)
bzw. Pompeji (1991) den Geist der römischen Versalkursiven
neu belebt und nutzbar gemacht.
Die Buchschriften
Als Capitalis quadrata und Capitalis rustica werden die
Buchschriften der römischen Kaiserzeit bezeichnet.
Beide gehen auf die klassische römische Kapitalschrift zurück.
Bei der Capitalis quadrata fällt der Kontrast
zwischen fetten und feinen Strichen, bedingt
durch die Federdrehung des Schreibers, sofort ins Auge.

Ein wesentliches Merkmal der schmallaufenden Capitalis rustica
sind ihre feinen senkrechten und fetteren waagerechten Striche.

Auch lange nach dem Niedergang des römischen Imperiums
wurde die Rustica noch als Auszeichnungsschrift verwendet.
Beide Schriften wurden auch in Stein gehauen, gelegentlich
auf Grabsteine, und als Wandschrift mit dem Pinsel aufgetragen.
So fand man z.B. in Pompeji mit roter Farbe
aufgetragene Reklamebeschriftungen.
Der unaufhaltsame Zerfall des römischen Reiches brachte auch
einen Verfall der Schriftkultur mit sich. Kaiser Konstantin
war es zwischenzeitlich gelungen, das Imperium
zu stabilisieren, vor allem, weil er das Christentum
zur Staatsreligion erhob, doch das Machtzentrum
hatte sich mittlerweile nach Osten verschoben.
Konstantinopel (Byzanz) trat an die Stelle Roms.
Während in der Glanzzeit des Imperiums nicht wenige
einfache Soldaten schreib- und lesekundig waren, konnten
nunmehr nur relativ wenige Angehörige der Oberschicht
und die amtlichen Schreiber lesen und schreiben.
Albert Kapr hat darauf hingewiesen, daß sich durch das Christentum
auch der Zweck des Schreibens wandelte(6). Inschriften auf
Triumphbögen und Tempeln wurden nicht mehr gebraucht,
die Kirchenväter lehnten zudem jene Schriften ab,
mit denen das »heidnische« Rom sich und seine Macht gefeiert hatte.
An ihre Stelle trat nun die sog. Unzialschrift.
Römische Unziale und Halbunziale
Die erste und bedeutendste frühchristliche Schrift, die Unziale,
entwickelte sich aus den teilweise sehr rund geschriebenen Formen
der Capitalis rustica wahrscheinlich bereits im 2. Jahrhundert.
Obwohl sie eine Versalschrift ist, zeigen sich deutliche Frühformen
der Kleinbuchstaben, so z.B. bei a und e.
Zu erkennen sind auch kleine Ober- und Unterlängen.
Die Unziale wirkt dynamisch und besticht
durch eine sehr gute Lesbarkeit.

Einhergehend mit dem Siegeszug der Unziale in den Scriptorien
des Abendlandes ist der Niedergang des Römischen Reiches.
In der Zeit der Völkerwanderung, als das Lesen und Schreiben
das Privileg einer kleinen Klasse, der Berufsschreiber
und Teilen des Klerus war, beginnt auch das Ausschmücken
und Hervorheben einzelner Buchstaben. Die Schrift
ist nun nicht mehr ausschließlich Mittel zum Zweck
der Informationsübermittlung, sondern dient auch
als Gestaltungsmittel.

Halbunziale (ca. 6. Jahrhundert)
Etwa ab dem 5. Jahrhundert datiert das Auftauchen der Römischen
Halbunziale. Hier vollzieht sich sehr deutlich der Übergang zur
Kleinbuchstabenschrift. Die Ober- und Unterlängen sind weitgehend
ausgebildet und die Formen der Minuskeln der späteren Antiqua
sind klar zur erkennen.
Fußnoten
Typograf Hermann Zapf hier Anregungen für eine
seiner bekanntesten Schriftschöpfungen: die Optima.
Siehe hierzu Zapf, Hermann: Über Alphabete.Frankfurt am Main, 1960
(6) Kapr, Albert: Schriftkunst. Anatomie und Schönheit
der lateinischen Buchstaben.
München, NewYork, London, Paris 1983
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