Die historischen Wurzeln
des Schriftenstreits in Deutschland


Der zuweilen heftig geführte Schriftenstreit in Deutschland,
zwischen den Anhängern der gebrochenen Typen einerseits und den
Befürwortern der Antiqua andererseits hat lange zurückreichende
Ursachen. Im Jahre 1525 endete der Deutsche Bauernkrieg mit einer
fürchterlichen Niederlage der Bauern. Die deutschen Humanisten,
die mehrheitlich anfänglich der Reformation freundlich gegenüber-
standen, wandten sich nach diesem historischen Ereignis wieder der
katholischen Kirche zu. Die Humanistische Minuskel, fortan als
»Lateinische Schrift« bezeichnet, setzte sich daraufhin in den
Drucken des katholischen Klerus immer stärker durch.



Die evangelische Kirche hingegen, mit starken Bindungen an die
protestantischen Fürsten, war an einer Weiterentwicklung oder gar
an einer Veränderung wenig interessiert und verwendete in ihren
Drucken vorrangig die Fraktur. In einer im Jahre 1545 in Wittenberg
gedruckten Lutherbibel werden Frakturversalien immer dann benutzt,
wenn im Text von Gnade und Trost die Rede ist. Die Antiqua-Versalien
hingegen kommen zum Einsatz, wenn der Text der Bibel von Strafe und
Zorn berichtet. Deutlicher kann eine Parteinahme zugunsten eines
Schrifttyps kaum ausfallen. Das »gemeine Volk«, als passiver Zuschauer
dieser Parteilichkeit, empfand die Fraktur, da alle deutschsprachige
Kirchenliteratur in dieser Type gedruckt war, als etwas Selbst-
verständliches. Daher dürfte auch die (historisch gesehen)
äußerst zweifelhafte Bezeichnung der Fraktur als »Deutscher Schrift«
herrühren. Matthias Mieses schrieb 1919 folgendes hierzu:

»
... kaum verflossen einige Jahrzehnte trennender lutheranischer Arbeit
und schon empfand das führende Volk des Lutheranismus, die deutsche
Nation, die Fraktur im Gegensatz zu den katholischen Ländern als
so heimisch, daß es dieselbe als ›deutsche‹ Schrift ansehen konnte.
«

(Die Gesetze der Schriftgeschichte, Wien und Leipzig, 1919)


Verkleinerte Seite aus: »Neues Braunschweigisches Gesangbuch,
nebst einem kurzen Gebetbuche, zum öffentlichen und häuslichen Gottesdienste«.
Gedruckt 1784 bei Johann Christoph Meyer, Braunschweig


Literatur zu diesem Thema:
Kapr, Albert: Schriftkunst. Geschichte, Anatomie und Schönheit
der Lateinischen Buchstaben. München, New York, 1983
Kapr, Albert: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen
Schriften. Mainz, 1993



Zwei Zeitungsköpfe aus dem 19. Jahrhundert:
»Neue Rheinische Zeitung«, Köln 1849
und »Der Sozialdemokrat«, Zürich, 1883

 

Der Antiqua-Fraktur-Streit im Reichstag

Aus der Epoche der Romantik, als das Mittelalter schwärmerisch
verkl
ärt wurde, stammt die historisch zweifelhafte Annahme, die 
Frakturschriften verk
örperten schlechthin die deutsche Gotik.
Antiquaschriften wurden als
undeutsch und welsch diffamiert;
die Fraktur hingegen entspr
eche den angeblich deutschen Eigen-
schaften wie
Ernsthaftigkeit und Tiefe. Von Goethe ist bekannt, daß
er an den Antiquaschriften Gefallen gefunden hatte, worauf ihn seine
Mutter schriftlich ermahnte, er solle doch
»um Gottes Willen
deutsch bleiben, auch in den Buchstaben
« — gemeint war selbst-
verst
ändlich die Frakturschrift!


Ausschnitt aus dem Theaterzettel zur Welturaufführung
von Goethes Faust im Hof-Theater Braunschweig (19. 01. 1829)

Anton Joseph Dorsch dagegen hatte bereits 1791 in seinem Werk
»Philosophische Geschichte der Sprache und der Schrift« polemisiert:
»
Unsere gotischen Lettern sind nichts anderes als verdorbene römische Buchstaben.«

Jacob Grimm, der angesehene deutsche Sprachforscher, wurde
noch deutlicher: 
»Leider nennt man diese verdorbene und geschmacklose
Schrift sogar eine deutsche, als ob alle unter uns im Schwang gehenden Mißbräuche,
zu ursprünglich deutschen gestempelt, dadurch empfohlen werden dürfen
. Deutsch
kann aber diese Vulgärschrift ... nicht genannt werden...«
(Vorrede zum Deutschen
Wörterbuch)


Deutlich nationalistisch geprägt sind die Argumente für die Verwendung
der Frakturschrift in einem Plädoyer des Buchdruckers August Marahrens
aus dem Jahre 1870. (Handbuch der Typographie, Leipzig).

Sehr viel sachlicher argumentiert dagegen 1919 Matthias Mieses:

»Nationalismus hat in der Schriftgeschichte nichts zu schaffen. Dieselbe religiöse
Sezession
, die der Fraktur eine Heimstätte bei Finnen und Esten, protestantischen
Litauern
und Masuren, Dänen und Schweden bereitete, hat diese auch in Deutsch-
land konserviert. Das ›Deutschtum‹ der Fraktur führt noch heute so manchen
guten deutschen Mann irre. Es gibt noch in der Gegenwart manche Deutsche,
die eine Steigerung ihres Nationalselbstbewußtseins darin sehen, wenn sie die
Fraktur als den Ausdruck des ethnischen Wesens des Deutschtums proklamieren.«

(Die Gesetze der Schriftgeschichte. Wien und Leipzig).

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bem
ühte sich ein 
Verein für Altschrift (wobei Altschrift als Eindeutschung des
Begiffes
Antiqua zu verstehen war) darum, die Antiqua als Amtsschrift
einzufü
hren und die deutsche Schreibschrift (= Kurrent) fortan nicht mehr
an den Schulen unterrichten zu lassen. Dieses Anliegen wurde bis in das 
Parlament, den Reichstag, getragen. Gründer des Vereins war übrigens
der Bonner
Büroartikelhersteller Friedrich Soennecken (1881), prominen-
tester Mitstreiter der
Altschriftler war der spätere Reichskanzler und
Au
ßenminister Gustav Stresemann.


Gebrochene Schrift auf dem Frauenwahlrechts-Plakat
aus der Anfangszeit der Weimarer Republik (1919)

Am 4. Mai 1911 kam es schließlich im Berliner Reichstag nach einer
langwierigen und heftig gef
ührten Debatte, in deren Verlauf der SPD-
Abgeordnete Beck die rhetorische Frage gestellt hatte

»Sind wir wirklich in der Lage, das Vaterland in Gefahr zu bringen,
wenn jemand lateinische Schriftzeichen,die Antiqua, w
ählt?
«,
zu einer Abstimmung über den eingebrachten Antrag, die Antiqua als
Amtsschrift einzuführen.

Der Antrag wurde mit knapper Mehrheit (85 zu 82 Stimmen) abgelehnt.
Die Ausszählung der Stimmen ergab aber schließlich, daß das hohe
Haus beschlußunfähig war! Deshalb kam es am 17. 10. 1911 erneut
zu einer Abstimmung, die ein eindeutiges Ergebnis von über
75 Prozent der Stimmen zugunsten der gebrochenen Schrift ergab.


Fette Fraktur: Schlagzeile der Braunschweiger Arbeiterzeitung
»Volksfreund« vom Freitag, 8. November 1918

Wie verbissen der Streit auch nach dieser Abstimmung noch geführt
wurde, mag folgendes Zitat von August Kirschmann verdeutlichen:
»Das Bestreben, die deutsche Druckschrift und auch die deutsche
Schreibschrift zugunsten eines allgemeinen Weltmonopols der 
lateinischen Druck- und Schreibschrift aufzugeben, mu
ß als eine
mittelalterliche Vers
ündigung am deutschen Volke mit aller Ent-
schiedenheit zur
ückgewiesen werden.
«
(aus: Kirschmann: Antiqua oder Fraktur? Leipzig, 1912, 2. Auflage)


November 1918: Die junge Republik mahnt zur Ruhe
und Ordnung — in Frakturschrift


Literatur zu diesem Thema:
Matthias Mieses: Die Gesetze der Schriftgeschichte. Wien und Leipzig, 1919.
Neuloh, Wolfgang: Der Schriftenstreit von 1911. In: Die deutsche Schrift, Heft 64, 1981.
Werfel, Silvia: Wie »deutsch« sind Fraktur und Co?. In: Deutscher Drucker Nr. 37/2006.
Rück, Peter: Die Sprache der Schrift. Zur Geschichte des Frakturverbots von 1941.
In: homo scibiens. Perspektiven der Schriftlichkeitsforschung. Tübingen 1993.


Anfang 1919: Alfred Stillers Werbung für das Zentralorgan
des Spartakusbundes — in gebrochener Schrift und Antiquaschrift



Das Verbot der gebrochenen Schriften von 1941
und seine Folgen bis in die Gegenwart




In den Jahren vor 1933 war es kaum möglich, aufgrund der Schriftauswahl,
z.B. auf Wahlplakaten, Rückschlüsse auf das jeweilige ideologische
Lager zu ziehen. So bedienten sich z.B. die Sozialdemokraten und
Kommunisten bedenkenlos der Fraktur, während die Nazis (auch noch
nach 1933) zuweilen die Antiqua bzw. serifenlose Schriften benutzten.


Frakturschrift: Das berühmte Heartfield-Plakat
der Kommunistischen Partei von 1928


Ebenso wie die Sprache wurde allerdings auch die Typografie ab 1933
in den Dienst der braunen Ideologie gestellt. Nicht nur die monumentalen
Bauten aus dieser Zeit, auch einige Schriften spiegeln in erschreckender
Weise den Zeitgeist jener Jahre wider. Die Nazis verwarfen fast alle Versuche
zur typografischen Modernisierung, insbesondere aus der Bauhaus-Zeit (1).

Die Vertreter der »Neuen Typografie« verloren ihre Posten und einige
waren gar gezwungen ins Ausland zu emigrieren. Fortan galt nur die
gebrochene Schrift als »wahrhaft deutsch«. In der Folge beugten
sich auch mehrere Schriftkünstler dem herrschenden Zeitgeist und
realisierten Schriftentwürfe, an denen sich bis heute die Geister scheiden.
Während viele Typografen diese Schriften als ausgesprochen häßlich
empfinden, sprechen andere von formalen Reduzierungen, die bereits
aus der Bauhauszeit von Typografen wie Renner, Tschichold, Albers
und Beyer bekannt waren (Futura, T. Stencil, Transito, Universal etc.)
und nun auf die gotischen Schriften angewandt wurden.

Die Namen dieser Schriften lassen indes kaum Zweifel an ihrem
Entstehungszeitraum zu: »Standarte«, »Tannenberg«, »Kurmark«,
»National«, »Potsdam«, »Deutschmeister«, »Element« oder gar
»Großdeutsch«. Sie hatten als vorherrschendes Stilmerkmal eines
gemeinsam: die Reduzierung auf schlichte, einfache Formen (2), daher
auch die Bezeichnung »schlichte Gotisch« für diesen Schrifttyp.


Die Schriftsetzer jener Epoche hatten indes ein feines Gespür für diese
neuen, merkwürdigen Formen und sprachen schlicht und ergreifend von
der »Schaftstiefelgrotesk«. Genauer kann man diese Schriften
kaum klassifizieren. Die Bezeichnung »Schaftstiefelgrotesk« ist übrigens
entgegen anderslautender Gerüchte keine Erfindung des Typografen
Hans Peter Willberg. Ich selbst habe als junger Schriftsetzer einen
älteren Kollegen aus Berlin kennengelernt, der diese Schriften genau so
bezeichnete. Eine weitere Bezeichnungen für diesen Schrifttypus
lautet
»Gotische Grotesk«.


Schriftmuster der »Potsdam«. 1934 von Robert Golpon
für die Schriftgießerei Trennert & Sohn in Hambug-Altona entworfen



Die Germroth-Deutsch von 1935, gegossen bei Ludwig & Mayer,
Frankfurt am Main



Schriftmuster der »Kursachsen Auszeichnung«,
1937 von Peterpaul Weiß für die Schriftguß AG, Dresden,
entworfen. Hier wird die Abstraktion einzelner Zeichenformen
förmlich auf die Spitze getrieben. Anklänge an die Bauhaus-
Tradition sind kaum zu übersehen


Deutschland koppelte sich in dieser Zeit völlig von der typografischen
Entwicklung außerhalb seiner Grenzen ab. Die neu auf den Markt kommenden
»Zeitgeist-Schriften« ähnelten sich wie ein Ei dem anderen. Das Niveau der
veröffentlichten Arbeiten sank spürbar. Ausnahmen bilden die zeitlosen
Antiqua-Entwürfe von Schneidler und Wolpe, einige Schreibschriften, die
damals entstanden und, nicht zu vergessen, die »City« von Trump.(3)



Grafik: © B. Schnelle

1941 geschah plötzlich Merkwürdiges: Einem nicht zur Veröffentlichung
bestimmten Rundschreiben der Reichskanzlei war zu entnehmen,
daß die Antiqua ab sofort als die
»Normalschrift« anzusehen sei
und die Verwendung der »Schwabacher Judenlettern« (Originalzitat)
zu unterbleiben sei. Hatte man vor Jahren noch Fachleute aufgeboten,
um nachzuweisen, daß ausschließlich die gebrochenen Schriften
»wahrhaft deutsch« seien, so bemühte man sich jetzt skrupellos,
das Gegenteil zu beweisen. Schon die Tatsache, die Antiqua als
»normal«
zu bezeichnen, disqualifizierte die gebrochenen Typen von nun an faktisch

als
»abnormal«. Was wie ein schlechter Scherz anmuten mochte, war den
braunen Machthabern aber bitterer Ernst: Die gebrochenen Schriften
begannen tatsächlich zu verschwinden (3a).

Von dem faktischen Verbot von 1941 sollten sie sich auch nach Ende des
2. Weltkrieges nicht wieder erholen, was aber nicht verhinderte,
daß die Nachkriegsgenerationen, zumindest in Westdeutschland, sie
bis heute als »Nazi-Schriften« brandmarken (3b). Allerdings gibt es
zwei bemerkenswerte Ausnahmen: Auf Bier- u. Spirituosenetiketten
oder Wirtshaus-Schildern beispielsweise werden sie, nicht nur in Deutschland,
nach wie vor toleriert und immer gern verwendet. Jüngstes Beispiel dürfte
das neu gestaltete
Label der traditionsreichen New Yorker Biermarke
»Rheingold« sein: eine schlichte Gotisch ziert die Bierflasche — niemand
käme auf die Idee,  eine Brauerei oder einen Wirt deshalb mit der
Ideologie der Nationalsozialisten in Verbindung zu bringen.


Bierdeckel aus DDR-Zeiten mit Frakturbeschriftung

Ebenso tauchen Gebrochene Schriften weltweit in
Zeitungsköpfen
auf: Die New York Times, die F.A.Z.,
Irish Examiner, Omaha Herald, San Francisco Chronicle, Sydney



Morning Herald, Le Monde, Norrköpings Tidningar (Schweden),
die norwegischen Zeitungen Aftenposten, Oppland
Arbeiderblad, Faedrelandsvennen, Adresseavisen oder
De Telegraaf aus den Niederlanden sollen hier als Beispiele genügen.




Aus deutscher Sicht bemerkenswert ist die Tatsache, wie unbefangen
die Typografen in der DDR mit den gebrochenen Schriften umgegangen
sind. Auf Theater- und Kino-Plakaten, ja selbst auf politischen Plakaten
der Einheitspartei (3c) wurden bedenkenlos gebrochene Schriften eingesetzt.
Willberg berichtet in seinem Aufsatz »Vom falschen Image der Fraktur«
(siehe Literaturverzeichnis) von einem Besuch bei Kollegen in der DDR.
Seine Frage, ob eine »Entnazifizierung der Fraktur« möglich sei, stieß
hier bei Studenten und Professoren auf Unverständnis. Während in der
Bundesrepublik der 70er Jahre ein so populärer Grafiker wie Klaus Staeck
gebrochene Schriften lediglich für seine satirischen Plakat-Schlagzeilen
»Mitbürger! Lesen macht dumm und gewalttätig« (1975) oder
»Unternehmer! Macht euch die Erde untertan« (1973) einsetzte, erschien
in der DDR die Auseinandersetzung mit der belasteten Vergangen-
heit dieser Schriften offensichtlich als ein Problem des Westens.
Der Berliner Typograf Martin Z. Schröder, der in (Ost-)Berlin seine Lehre
absolvierte, kommentierte diesen Sachverhalt sehr treffend wie folgt:
»Die ideologischen Zuschreibungen in Westdeutschland waren uns nicht geläufig,
wir unterschieden zwischen schöner und häßlicher Schrift, nicht zwischen guter
und böser.
«


Albert Kapr, Professor in Leipzig und weltweit anerkannter Gutenberg-
Forscher, bestätigte mir angesichts eines Besuches der HBK Braunschweig
im Jahr 1983, daß die Grafiker der DDR, was den Einsatz der Fraktur
beträfe, keinerlei Beschränkungen unterworfen seien.
Zahlreiche Bücher aus der DDR, die in Fraktur oder Schwabacher
gesetzt waren, mögen dafür als Beleg dienen.



Buchtypografie aus der DDR:
»Ein kurzweilig Lesen von Till Eulenspiegel«
(Haupttitel). Leipzig, 1983.
Bis auf das Vorwort und das Impressum komplett
in Schwabacher Typen gesetzt. Gestaltet und
illustriert von Werner Klemk
e


Polit-Satire aus der (alten) Bundesrepublik:
Staeck-Plakat zur Bundestagswahl 1972



Zum Schluß noch zwei Zitate, die geeignet erscheinen, die auch
heute noch zum Teil sehr heftig und polemisch geführten Debatten
der Fraktur-Gegner und -Befürworter zu versachlichen:


»Italiener, Franzosen und Engländer gaben schon frühzeitig
die eckige Buchschrift, mit der die ersten Werke gedruckt waren, auf,
während die Deutschen, Holländer, Dänen, Schweden, Czechen und
Slovaken die Frakturschrift bis auf die jüngste Zeit bewahrt
haben, indem hier der Gebrauch der Antiqua auf die Werke
in lateinischer, sowie allen romanischen und in englischer
Sprache beschränkt wurde. Hieraus entstand die Ansicht, die
Frakturschrift sei die nationale deutsche Schrift, ein Miss-
verständnis, dessen sich nur Derjenige schuldig machen kann,
der die ältesten englischen und französischen Drucke
nicht kennt.« (4)

»Wer die Entwicklung in den zwanziger Jahren unvoreingenommen
studiert, wird feststellen, daß auch ohne jenen unsinnigen
Regierungserlaß im Januar 1941 die Antiqua früher oder später
die Frakturschriften abgelöst hätte.
Ich glaube heute nicht mehr daran, daß die Frakturschriften
jemals wieder eine praktische Bedeutung erlangen werden. Sie
waren eine wichtige historische Entwicklungsphase in der
Schriftgeschichte unseres Landes, wie beispielsweise die Unziale,
ehe die karolingische Minuskel sie ablöste.« (5)


Fußnoten

(1) Eine »offizielle« Schriftpolitik der Nazis hat es freilich
vor 1941 nicht gegeben. Noch in den Richtlinien für die Volksschulen
von 1939 wird gefordert, daß die Kinder am Ende des 4. Schuljahres
»im Gebrauch der deutschen und der lateinischen Schrift sicher«
sein sollten. Vergleiche hierzu: Kolk, Dieter: Ist die »Tannenberg«
eine Nazi-Schrift? Aus: Die deutsche Schrift 4/2004.

(2) Hans Peter Willberg hat in seinem Buch »Typolemik«
richtigerweise darauf hingewiesen, das solche Schriftformen
allerdings bereits im frühen 15. Jahrhundert auftauchten.
Es hat also selbst für diese Schriftgattung historische
Vorbilder gegeben. Dazu ein weiteres Beispiel:
Im späten 12. Jahrhundert hatte sich eine Form der frühgotischen
Schrift herausgebildet, die Kalligraphen heute als

»Textura Prescissa« bezeichnen. Auch hier sind bereits Formen-
merkmale vorhanden, die uns in der »Schlichten Gotisch« erneut
begegnen (siehe Harris, David, Die Kunst des Schreibens,
Starnberg, 2005).
»Der Abend«, die Spätausgabe der sozialdemokratischen
Tageszeitung
»Vorwärts«, benutzte Anfang der 30er Jahre in seiner
Titelzeile Kleinbuchstaben, die stark an die
»Textura Prescissa«
angelehnt waren.


(3) Daß nicht alle Designer von »Schaftstiefel-Schriften«
Parteigänger der Nazis waren, wird am Beispiel von Berthold Wolpe
deutlich. Er emigrierte wegen seines jüdischen Glaubens bereits
1935 nach England. 1934 schuf er mit der »Deutschmeister«
(Wagner, Leipzig) und der »Sachsenwald-Gotisch« (Monotype) zwei für
die damalige Zeit typische Schriften im Stil »schlichte Gotisch«.

(3a) Der einzige Neuguß einer gotischen Schrift in Deutschland nach dem
unsinnigen Verbots-Rundschreiben dürfte die Sinkwitz-Gotisch gewesen sein.
1942 bei der Schriftguß AG in Dresden veröffentlicht und 1950 vom Nachfolge-
betrieb VEB Typoart neu aufgelegt.


(3b) Siehe auch: Gerdes, Claudia: Typografie in Reih und Glied.
Wie die Nazis die Schrift mißbrauchten. (PAGE 7/93)

(3c) z. B. Ernst-Thälmann-Gedächtnisplakat von 1954 oder Aufruf zur
Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, Januar 1989 (untere Abbildung)


(4) Faulmann, Karl: Illustrierte Geschichte der Schrift.
Wien, 1880 (Reprint Augsburg, 1990). Seite 574

(5) Hermann Zapf in: Plata, Walter (Hrsg.): Schätze der Typo-
graphie. Gebrochene Schriften. Frankfurt am Main, 1968


Weblinks


Christel Baumgart: Zur Auseinandersetzung um die Fraktur
im »Dritten Reich«

Hans Peter Willberg: Die Fraktur und der Nationalismus

 

Michael Plata: Die Abschaffung der Deutschen Schrift
in schleswig-holsteinischen Tageszeitungen 1941-44




Typisch deutsch?
Inserat für eine US-amerikanische TV-Dokumentation über Deutschland
aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Designer: Lou Dorfsman



Typisch deutsch?
Club Aleman in der südchilenischen Hafenstadt Puerto Varas.
Typografische Todsünde: Gebrochene Schriften im Versalsatz!
Foto: G. Reitberger


Typisch amerikanisch?
Illustration aus einem Inserat
der Firma ITC aus dem Jahre 1979



Typisch bayerisch?
Bei manchen zeitgenössischen Anwendungen
von Gebrochenen Schriften weiß der Betrachter nicht,
ob er lachen oder weinen soll. Die hier in einem Inserat
einer Discothek verwendete Schrift soll wohl
»bayerisches Flair« vermitteln. Dabei ist die Schrift
so »bayerisch« wie der Schottenrock: es handelt sich um die
»American Text« von Morris Fuller Benton, einer
amerikanischen Zierschrift aus dem Jahr 1932 ...



Typisch Bild-Zeitung!
Offensichtlich haben die Nazis die Gebrochenen Schriften
für alle Zeiten diskreditiert: Schlagzeile der Bild-Zeitung
vom April 1992 mit der »Fetten Fraktur«. Die stammt zwar aus
dem 19. Jahrhundert, wurde von den Nazis 1941 als »Schwabacher
Judenletter« diffamiert, aber wer weiß das schon? Der Art Director
der Bild-Zeitung jedenfalls nicht ...
Übrigens steckt hinter der Verwendung der Fraktur bei der Bild-Zeitung
eindeutig Methode: Im August 2006 erschien die Schlagzeile
»Hitler ließ die Bibel umschreiben«. Dreimal dürfen Sie raten,
aus welcher Schrift das Wort »Hitler« gesetzt war ...

Der »Spiegel« wußte es aber auch nicht besser...

Bereits 1972 veröffentlichte das Hamburger Nachrichtenmagazin
diese merkwürdige Titelseite zum Abschluß des Grundlagenvertrages
zwischen BRD und DDR. Eine gewisse typografische Flexibilität bewiesen
die
»Spiegel«-Grafiker dann allerdings im Winter 1989. Die Titelzeile 
»
Die unheimlichen Deutschen« war — kaum zu glauben — nicht aus
der fetten Fraktur, sondern aus einer fetten Kanzlei-Schrift gesetzt!



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Harry Rowohlt zur sogenannten Rechtschreibreform:
»Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie.«
Gelesen im Hamburger Abendblatt vom 31. Juli 1997

»Die Reform der Rechtschreibreform endet als Reformtorso.«
Hubert Spiegel in der FAZ vom 4. März 2006

»Schrift und Sprache verändern sich behutsam, gleichsam evolutionär.
Auch vor der Rechtschreibreform hat beispielsweise die Duden-Redaktion
hieraus ihre Schlüsse gezogen und regelmäßig neue Schreibweisen in die
jeweils aktuelle Ausgabe übernommen. Diese Regelung hat sich jahr-
zehntelang gut bewährt – bis zu dem Tage, als Bürokraten uns eine neue
Schriftsprache verordnet haben. Das konnte ja nur in die Hose gehen!«

Der Autor dieser Internet-Seiten in einem Leserbrief an den
Rheinischen Merkur, 2004

»Die Rechtschreibreform ist endgültig gescheitert.«
Welt Online, 30. 08. 2009

»Die Rechtschreibreform ist doch ganz in Ordnung,
wenn man weder lesen noch schreiben kann.
«

Vicco von Bülow alias Loriot

 

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