Titel: Ein schöner Tag zum Sterben
Autor: Cat
Rating: PG
Spoiler: viele der Krycek-Episoden, ganz besonders Existence
Keywords: V, CD
Disclaimer: Wenn Krycek mir gehören, würde, dann hätte ich ihn nicht sterben lassen. Aber noch mal in Short: Akte X und alles, was dazu gehört, ist nicht meiner Feder entsprungen, bedankt euch bei Chris Carter dafür!
Short-Cut: Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer!
Der Tod dauert das ganze Leben,
und er hört vermutlich auf,
wenn er eintritt.
Mit den ersten Sonnenstrahlen, die warm durch die verschmierten und verstaubten Fenster dieses Rattenloches drangen, wusste ich es. Ich würde heute sterben. Und es beunruhigt mich nicht. Viel mehr gibt es mir ein Gefühl von Gleichgültigkeit. Jeder wird früher oder später sterben, die menschlichen Körper sind nicht dazu bestimmt, ein unendlich langes Leben zu führen. Wir werden geboren und wir sterben auch wieder. Der Lauf der Dinge; unabänderlich. Mein Großvater, seinerseits schon vor Jahrzehnten von uns gegangen, pflegte stets zu sagen: „Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer!“ Und er hat Recht! Viele Menschen verbringen ihr Dasein damit, Angst vor ihrem Ableben zu haben und vergessen dabei, zu leben. Traurig aber wahr. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Mit ihm wird sich ein Kreis schließen.
Oftmals in der Vergangenheit war ich in die Rolle des Herrschers über Leben und Sterben geschlüpft, habe unzählige Male mit meinen eigenen Händen das Lebenslicht eines Anderen ausgelöscht. Doch nun wurden die Karten des Schicksals neu gemischt und ich hatte ahnungslos die Karte des Todes gezogen. Noch vor Mitternacht wird sich eine Kugel durch meinen Körper bohren und mein Dasein beenden. Und obwohl ich mich nicht fürchte, möchte ich nicht sterben. Es wird gewalttätig und schmerzvoll sein. Das möchte ich auch nicht, aber es überrascht mich nicht wirklich. Ich habe immer erwartet, gewaltsam zu sterben, vielleicht damals schon, als ich vor vielen Jahren den Pakt mit dem zigarettenrauchenden Teufel höchstpersönlich geschlossen habe. Und nun denke ich, ist es an der Zeit, aufzugeben.
Ich glaube fast, dass dies die Revanche der Zeit selbst ist. Damals, in diesem Silo, sollte ich sterben. Ich hatte fürchterliche Angst und war doch so menschlich wie nie zuvor in meinem Leben. Aber ich blieb verschont. Es war keinesfalls fair, was danach geschah. Ich entkam dem Tod, wurde zurück ins Leben geworfen und tat schrecklichere Dinge, als je zuvor. Ich habe viele Dinge betrogen: Menschen, Prinzipien, Gesellschaften, doch habe ich auch schnell bemerkt, dass man den Tod selbst nicht sehr lange betrügen kann.
Ich habe mich nach unzähligen Überlegungen dafür entschlossen, meine ursprünglichen Pläne zu verfolgen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gewalt, die über Tod und Leben entscheidet, den vielschichtigen Namen Schicksal trägt, doch ist meine mir verbleibende Zeit zu kurz, mich als Philosoph zu üben. Denn ich glaube nicht, meinem Schicksal entkommen zu können, sollte ich mich für einen anderen Tagesablauf entscheiden. Ich werde heute sterben, dies liegt außerhalb meines Einflusses! Oft habe ich den Sensenmann einen Streich gespielt und war mir doch nie sicher, ihm entkommen zu können. Aber die Sicherheit, mit der ich meinen nahenden Tod spüre, ist nicht falsch zu interpretieren.
Ob wir alle eine Aufgabe haben, die es zu erfüllen gilt, weiß ich nicht, und sollte dem so sein, so kann ich auch nicht erahnen, ob ich die Meinige erfolgreich erledigt habe. Doch das ist irrelevant. Die Würfel sind gefallen.
Die nächste Frage, die sich mir heute Morgen aufdrängte war, was ich noch vor meinem Ableben tun möchte? Gab es so etwas wie eine Routine für einen dem Tod geweihten Mann? Ein starker Drink? Leidenschaftlicher Sex? Ich weiß es nicht. Also bin ich hier, um meine Pläne zu verfolgen, ungeachtet der Konsequenzen. Hier ist die Garage des J. Edgar Hoover Buildings. Es ist jedes Mal wieder erfrischend, mit welcher Leichtigkeit es mir möglich ist, in eines der scheinbar sichersten Gebäude der Vereinigten Staaten der USA zu gelangen. Beinahe lächerlich. Und ich weiß, dass ich in einem Plastiksack diesen Schauplatz verlassen werde. Tod. Und obwohl mir Mulder vorwirft, ein Feigling zu sein, so fürchte ich diesen entgültigen Moment nicht. Er ist meine Bestimmung.
Ich komme nicht umhin, die beiden Bauern, die mit mir in diesem Moment auf dem Schachspiel des Lebens stehen, zu manipulieren. Zu oft bin ich dieser Gewohnheit bereits verfallen, um jetzt eine Ausnahme zu machen. Vielleicht will ich auch nur sehen, wie beeinflussbar sie sind, wie weit Mulder und Skinner für ihre Wahrheit und für Scully zu gehen bereit sind. Unzweifelhaft spüre ich, dass es Walter Skinner sein wird, der zu meinem vernichtenden Schlag ausholen wird. Beide Männer hassen mich mit einer Leidenschaft, die mich ein wenig stolz macht. Ich weiß, dass der Assistent Director niemals seine Waffe auf Mulder richten wird, zu tief sind ihrer beider Leben ineinander verstrickt, zu oft wurden die Fäden von ihren Gegner stramm um sie und Agent Scully gezogen, schweißten sie immer dichter zusammen.
Ich kann dieser Situation sogar eine gewisse Art von Komik abgewinnen.
„Erschießen Sie Mulder!“, fordere ich Skinner auf, wohl wissend, dass eine Kugel sich in Zeitlupenbewegung bereits auf mich zu bewegt. Ein Metazylinder wird durch Schichten aus Fleisch, Haut und Muskelgewebe in weniger als einer Sekunde hindurchjagen, mit einer tödlichen Gewalt und Kraft. Es wird plötzlich sein. Mein Körper wird Flüssigkeit verlieren. Blut und Schleim und andere Körperflüssigkeiten, bei deren bloßen Gedanken sich mir der Magen umdreht. Meine Knie werden nachgeben und die Kraft des Einschlages wird mich zusammensinken lassen. Die Überraschung und die Gravitation werden mich auf meinen Rücken stürzen lassen und diese Kugel, gejagt durch meine Knochen, die Muskeln, Haut und innere Organe, wird weiter ihren Weg verfolgen, unaufgehalten durch den geringen Widerstand, den ein menschlicher Körper ihr bietet.
Ich werde hinauf starren, werde in der dunklen Garage den Himmel über mir erkennen, wirbelnde Blautöne, die immer wieder neue Nuancen und Facetten annehmen werden. Dann werden Wolken auftauchen, weiße kleine Flocken, und sie werden das letzte sein, was ich sehen werde. Und es wird schön sein. Wolken sind schön und friedvoll, im Gegensatz zu meinem eigenen Leben.
Das Sterben an sich wird schön sein. Dort werde ich auf Farben treffen, die durch ihren wunderschönen Kontrast mein Ableben in ein ruhmreiches Ereignis hüllen werden. Stell dir nur all die Farben vor! Der Himmel ein gigantisches Blau mit weißen Highlights, der farblose Boden wird durch das grelle Rot meines Blutes gefärbt. Ich glaube, das Blut wird die wunderschönste Sache überhaupt sein. Es wird in einem starken Kontrast zu meiner farblosen dunklen Kleidung stehen. Es wird schön werden, und dafür bin ich Gott dankbar. Ich danke irgendetwas, woran auch immer ich nicht glauben kann, für die Schönheit, an die ich mich in meinen letzten Sekunden erinnern werde.
Vielleicht bin ich doch ängstlich. Vor einer Ewigkeit, vielleicht vor zehn Minuten, hätte ich es noch ganz sicher gewusst, aber nun ist alles nur noch verschwommen. Aber das Blut, das ich laut und schnell durch meinen Körper fließen höre, und der rasante Rhythmus, der mein Herz schlagen lässt, lassen Angst vermuten. Ich sollte sehr ängstlich vor der Kugel, die sich auf mich zu bewegt, sein, doch dann bin ich wiederum so ruhig - ich vermag es nicht zu sagen.
Herr, bitte, wenn ich sterben muss – ich will nicht sterben – lass es bitte schnell sein. Ich glaube nicht, dass ich es verkraften könnte, mein Leben noch einmal vor meinem inneren Auge ablaufen zu sehen. Ich kann mich an genug Details aus meinem Leben erinnern um zu wissen, dass es nicht erfreulich sein wird.
Sollte diese verdammte Kugel, die meinem Namen eingraviert trägt, ihr Ziel nicht langsam erreicht haben? Sollte es nicht längst vorbei sein? Bin ich vielleicht schon tot? Warum bewegt sich die Zeit nur so verdammt langsam? Ich könnte mein ganzes erbärmliches Leben in der Zeit, in der die Kugel den Lauf der Waffe verlässt, bis sie in meinen Körper eintritt, noch einmal leben. Ich hoffe, dass dies nicht der Sinn meines Todes ist, ich würde es nicht aushalten. Ich würde mein Leben lieber nicht noch einmal erleben.
Ich schließe die Augen, kann nicht aufhalten, was jetzt auf mich zukommen wird. Und die ersten vielfarbigen Bilder meines Lebens, blutig und gewalttätig, beginnen im Widescreen Theater meines inneren Auges zu laufen, sich immer schneller und aggressiver aneinanderreihend. Der Tod lässt sich auf keine Weise hintergehen. Ich sehe den Beweis dafür klar und deutlich. Immer schneller, immer wirrer.
Den Schmerz spüre ich nicht einmal mehr. Auch nicht den Fall und Aufprall. Es ist aus, es ist vorbei. Mein Schicksal ist besiegelt. Es gibt keinen Aufschub, keine Bewährungsprobe mehr. Dutzende Schatten tanzen um mich herum, verlaufen zu verzerrten Fratzen. Greifen nach mir. Tausende von Bildern, Emotionen und Tönen jagen durch mein Hirn. Ich kann sie kaum absorbieren, zu einem sinnvollen Puzzle zusammensetzten. Dann dringt ein Gedanke an die Oberfläche, greift mit aller Kraft aus dem Abgrund heraus um sich hochzuziehen. Und ja, ein wahrlich richtiger Gedanke.
Ein schöner Tag zum Sterben!