"Haben sie ihren Partner schon erreichen können?"
Samantha fuhr erschrocken zusammen, der Anblick der blutgetränkten Laken hatte ihre Aufmerksamkeit lange genug so in seinen Bann gezogen, dass sie sich Agent Mulders Anwesenheit gar nicht mehr bewusst gewesen war. Ein verstehender Ausdruck lag auf seinem Gesicht als sie verwirrt den Kopf schüttelte, versuchend, ihre Gedanken wieder in klarere Bahnen zu lenken.
"Er scheint nicht zu Hause zu sein und hat sein Handy ausgeschaltet... Ich habe ihm eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, mehr kann ich zur Zeit nicht tun."
Mulder versuchte, ein aufmunterndes Lächeln aufzusetzen.
"Vermutlich feiert er irgendwo die Nacht durch, oder er hat einfach einen sehr tiefen Schlaf."
Auch er wusste, dass man in Anbetracht eines solchen Falles ziemlich paranoid und beunruhigt auf jede noch so geringe Möglichkeit, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte, reagierte, aber noch bestand keinerlei Anlass dazu, sich Sorgen zu machen. Es war ja noch nicht einmal so, dass er zu spät dran war; immerhin war es erst 5 Uhr morgens, und Inspektor Fellows offizielle Arbeitszeit hatte noch garnicht begonnen.
Den beiden Ermittlern gegenüber saß Bernard Riley, aschfahl vor unausgesprochener Sorge, nicht wissend, was ihn nun eigentlich erwartete. Er wagte nicht, in Betracht zu ziehen, dass die Nachricht noch um einiges schrecklicher sein könnte als er sich ausmalte.
Zitternd begann er zu sprechen, wenige Worte wurden ruckartig, bruchstückhaft ausgestoßen und formten sich zu einer einzigen, angsterfüllten Frage:
“Wo… Wie… geht es Elize und den.. den Kindern?”
Ein dumpfes Gefühl der Hilflosigkeit durchströmte Ardelias Körper, Sätze, die sie sich zurechtgelegt hatte, um die Nachricht so schonend wie es unter diesen Umständen nur ging, zu überbringen, zerfielen zu Nichts. Jedes Wort erschien unangebracht, jede Phrase wie eine makabere Beleidigung angesichts dessen was geschehen war.
Hilfesuchend wandte sie sich an Kenneth Brown, auf dessen Gesicht derselbe innere Kampf erkennbar war. Leise, mit jedem Ton durchzogen von tiefstem Bedauern, begann er zu sprechen:
“Mr. Riley… es tut mir unendlich leid ihnen diese schreckliche Nachricht überbringen zu müssen… aber ihre Frau und ihre beiden Töchter wurden heute Nacht ermordet aufgefunden.”
Kurz.. aber nicht ansatzweise schmerzlos. Jegliche Fassung wich aus Bernards starrem Blick, er wollte den Sinn dieser wenigen Worte einfach nicht begreifen. Solange sie ohne Bedeutung waren, waren sie nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben, willkürlich… sie sagten nichts aus, waren wunderbar kalt. In ihnen lagen keine Gefühle, nein, die Gefühle kamen erst mit der Nachricht, die durch sie weitergegeben wurde.
Er wünschte, er könnte die Nachricht ausblenden, nur die leeren Worte hören… doch der Schmerz brach über ihn herein, und die Welle der Emotionen ließ ihn erstarren für die Welt. In seinem Innersten tobte die Flut, der Klang der Stimme brannte ihn seinen Ohren, vor seinen Augen befand sich nicht mehr länger der vertraute Raum sondern grauenhafte Bilder…Assoziationen mit dem gehörten, Vorstellungen, wie es geschehen sein könnte.
„Mr. Riley... wann haben sie ihre Frau zuletzt lebend gesehen?“
Der Mann blickte auf, mit leeren Augen, es schien, also ob er eine Weile brauchte, um seine Sprache wiederzufinden.
„Um.. um halb 8 heute morgen, als ich das Haus verlassen habe. Ich gehe jeden Donnerstagabend nach der Arbeit mit ein paar Kollegen auf ein Bier in eine Bar in der Innenstadt, Creacher’s Hole, jeden Donnerstag...“
Kenneth Brown warf der jungen Polizistin einen kurzen Blick zu, diese verstand. Sie würde das Alibi des Ehemannes überprüfen, wenn er auch noch so erschüttert über den seiner geliebten Frau erschien gehörte er bei einem Verbrechen dieses Kalibers zwangsläufig zum Kreis der Hauptverdächtigen. Der Agent hasste Befragungen dieser Art, denn allzu oft bemerkten die Befragten die feinen Nuancen der Anklage in den sorgsam gewählten Worten der Ordnungshüter, und verständlicherweise reagierten sie darauf in einer solchen Situation, nach solch einem Verlust, mit fassungsloser Wut.
„Jeden Donnerstag gehe ich dorthin, jeden Donnerstag versuche ich, um halb 10 wieder zuhause zu sein.. nur heute, nur heute bin ich länger geblieben..“
Ardelia hakte nach:
„War dort irgendetwas besonders, was sie dazu gebracht hat, länger zu bleiben?“
Es konnte ein Zufall sein, vielleicht aber auch nicht. Jedes Detail konnte von unverzichtbarer Wichtigkeit sein.
„Nein.. nein. Wir hatten ein interessantes Gesprächsthema, Lenny hat eine Runde nach der anderen ausgegeben.“
„Lenny, und weiter?“
„Lenny Foster.“
Sie sah, wie sich ihr Kollege im Geiste eine Notiz machte. Auch sie würde den Namen im Hinterkopf behalten.
„Sie waren also den ganzen Abend in dieser Bar?“
„Ja... bis gerade eben. Die Bar hat die ganze Nacht geöffnet. Sie... sie können jeden fragen.“
Kenneth Brown musterte sein Gegenüber nachdenklich. Warum hielt er es für nötig, sich derart zu verteidigen? War es nur der Stress, der Schock, oder war da noch mehr?
Mehr würde Mr. Riley nicht sagen, jetzt, er war in der Bar gewesen, er hatte getrunken, mit Kollegen. Das war alles, und ob es wirklich so gewesen war würde sich später herausstellen. Er würde auf jeden Fall aufmerksam zu Werke gehen bei der Überprüfung des Ehemannes.
Zeit, zum nächsten Punkt überzugehen.
„Haben, bzw. hatten Sie oder ihre Frau irgendwelche Feinde, gab es anonyme Anrufe, Briefe, irgendetwas in der Art?“
Er schüttelte nur den Kopf.
„Sie hatte nicht viele Kontakte hier in der Gegend, ist nicht ausgegangen. Die Kinder waren ihr Leben, mehr wollte sie nicht. Und ich, ich bin nur ein kleiner Angestellter in einer großen Firma, ich habe Kollegen, Freunde, aber wie soll ich mir schon Feinde gemacht haben?
„Und vorher, bevor sie Kinder hatten, ist ihre Frau da manchmal ausgegangen?“
„Mit mir und meinen Kollegen, ja, aber sonst nicht.“
Eine kurze Pause.
„Leben sie schon immer in diesem Haus hier?“
„Seit wir geheiratet haben, ja.“
Er wirkte müde und verzweifelt.
Ardelia seufzte. „Okay, ich denke, das war es von uns. Ein anderer Polizist wird ihnen vermutlich noch ein paar weitere Fragen stellen wollen.“
Nach kurzer, gedankenschwerer Stille fügte sie hinzu:
„Was geschehen uns, tut uns unendlich leid für sie.“
Bernard blickte auf. Mitleid war kaum tröstlich angesichts einer solchen Situation.
„Werden sie den Mistkerl kriegen?“
Sie wandten sich zum gehen.
„Wir melden uns, falls wir etwas herausfinden. Ich verspreche ihnen, wir werden unser möglichstes tun.“
8. Kapitel – Extraordinary Cruel
Samantha sprang auf, als George Fellow in ihr gemeinsames Büro rauschte. Er warf seinen Mantel achtlos über einen Stuhl und ignorierte ihren vorwurfsvollen Blick.
„Wo warst du, verdammt?“
„Was fällt dir ein, ohne mich zu benachtrichtigen die Ermittlungen aufzunehmen? Du und diese verdammten Agenten aus Washington, ich war gerade am Tatort, überall waren sie schon...“
Sie war verdutzt über den aggressiven Ton in seiner Stimme. Ihre Sorge schlug rasch in Wut um, als sie hörte, was er zu sagen hatte.
„Ich habe dich nicht benachrichtigt? Was glaubst du eigentlich, wie oft ich in dieser Nacht versucht habe, dich zu erreichen? Dein Handy war aus, du hast nicht auf deinen Pieper reagiert, an deinem Privatanschluss ist niemand rangegangen. Was hätte ich denn noch tun sollen?“
Wenn hier jemand das Recht hatte, sauer zu sein, dann war das wohl sie.
Er schwieg, und das machte sie wahnsinnig.
„Was hätte ich denn verdammt noch mal tun sollen? Nichts, den Tatort liegen lassen und warten bis die Spuren kalt sind? Einen Streifenwagen zu deinem Haus schicken? Glaub mir, ich war nahe dran, als ich dich nicht erreicht habe...“
Nun wartete sie seine Antwort nicht ab und verließ den Raum. Ja verdammt, sie hatte sich Sorgen um ihn gemacht, ein Serienmörder lief dort draußen herum, und ihr Kollege war trotz aller Bemühungen unauffindbar gewesen. Und jetzt wagte er es auch noch, sie zu tadeln, weil sie die Ermittlungen selbst ihn die Hand genommen hatte...
Die Anwesenheit des FBIs störte sie ebenso wie ihn, doch konnte er sein albernes Reviergehabe nicht einmal vergessen? Es galt ein grauenhaftes Verbrechen aufzuklären, und sie hatte, wenn auch mit einigem Widerwillen, erkennen müssen, dass sich die Zusammenarbeit mit den Agenten aus Washington bei den Nachforschungen durchaus als wertvoll erweisen könnte. Sie jedenfalls würde sich nun bei diesen nach dem Fortschritt der Ermittlungen erkundigen.
Einsatzzentrale, Scotland Yard Hauptquartier – 9:50 am
Ein Stapel Tatortfotos war scheinbar wahllos über den Tisch verstreut, davor waren zwei gebückte Gestalten zu erkennen. Mulders Lesebrille war ein Stück nach unten verrutscht, während er mit konzentriertem Gesichtsausdruck einzelne Bilder, einzelne Gegenstände auf den Bildern musterte.
Nicht minder in ihre Tätigkeit versunken befand sich am anderen Ende des Tisches Samantha, ihre Züge ausdruckslos ob der dargebotenen Grausamkeit. Sarah war sich nicht sicher, ob sie wirklich sehen wollte, was sich auf diesen Fotos befand, der Brechreiz, den sie beim Betreten des Tatzimmers verspürt hatte, war noch immer nicht vollständig verflogen. Möglich, dass eine fotografierte Abbildung des Selbigen nicht annähernd dieselbe Wirkung hatte wie der eigentliche Anblick haben würde, aber die Bilder, die sich bereits in fest in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten, würden ohne Zweifel zurückkommen, sie erneut heimsuchen.
Ihr Blick schweifte durch den großen, relativ leeren Raum und blieb an John Eagle hängen. Der Agent schien ebenso wenig Verlangen zu verspüren, sich an der Überprüfung der Tatortfotos zu beteiligen, doch hier in diesem Raum gab es keine Möglichkeit, dem Allgegenwärtigen Grauen der Werke dieses Serienmörders zu entkommen. Zeitungsausschnitte, Fotos und Landkarten zierten Wände und Stellwände, ganze Kartons von Akten und Dokumenten warteten darauf, durchgearbeitet zu werden – was darin stand war nicht schwer zu erraten.
John war dabei, aus einer eben erworbenen Tageszeitung einen Artikel auszuschneiden. Selbstverständlich hatte die Presse bereits Wind von dem Fall bekommen, und die detaillierte Schilderung des Tatortes ließ vermuten, dass die Informationen von einem Insider stammten. Manche Polizisten plauderten nur allzu gerne aus dem Nähkästchen, für ein bisschen Geld. Und bei all den Leuten, die am Tatort zu tun hatten, würde es schwierig sein, die undichte Stelle ausfindig zu machen.
Die Agentin seufzte und suchte ihre eigenen handschriftlichen Notizen aus einem chaotischen Haufen von Blättern heraus. Sie und Agent Mulder würden voneinander unabhängig je ein Profil des Täters erstellen, und die beiden anschließend vergleichen.
Ihr Kopf schien vollkommen leer zu sein, als sie sich an ihren Laptop setzte und ein Dokument öffnete. Niemals würde sie an Mulders Fähigkeiten als Profiler heranreichen, dessen war sie sich sicher, und sie befürchtete, sie könnte etwas vollkommen falsch interpretieren und sich vor ihren Kollegen blamieren.
Immerhin würde, falls sie versagte, niemand zu Schaden kommen. Ohne Zweifel würde der erfahrene Agent ihre Fehler erkennen und ausmerzen, bevor das Profil in die Ermittlungen mit einfloss, aber dennoch blieb die Angst. Wie sollte sie sich unter diesen Umständen in den Kopf dieses Monsters hineindenken?
So sehr sie es auch versuchte, er wollte ihr keinen Zutritt gewähren. Sie sah die blutigen Bilder des Tatorts, das Bett, Elize Riley in der Stunde ihres Todes, ihre Kinder, starr vor Angst, doch sie sah sie nicht aus seinen Augen. Sie fühlte die Panik, die schreckliche Gewissheit des Todes, sie empfand den Schrecken, die Fassungslosigkeit und den Ekel eines unabhängigen Zuschauers, doch die Empfindungen, die Reaktionen dessen, der für all dies verantwortlich war, blieben ihr verwehrt.
Ihn. Sie brauchte ihn, seine Gedanken. Alles andere war nebensächlich, ganz gleich wie wichtig es in einem anderen Zusammenhang vielleicht war. Sarah brauchte die Bilder, aber nicht aus ihrer Perspektive, sie brauchte seine Perspektive, musste wissen, was sie ihm gaben.
Das Geräusch, das die Lüftung ihres Laptops von sich gab. Das Rascheln der Zeitung. Ein Bild fiel zu Boden. All diese Banalitäten drängten sich in den Vordergrund, zersetzen die Gedanken und Bilder in ihrem Kopf und ließen nichts anderes zu.
Resigniert fuhr sie Windows herunter und klappte das Gerät zu. Es hatte keinen Sinn. Sie knallte ihre Notizen auf den Tisch. Verdammtes Profil, es wurde sobald wie möglich gebraucht.
Es brachte nichts, etwas zu erzwingen. Ein wenig frische Luft, ein paar Meter laufen und an etwas anderes denken als Blut, Mörder und Tatmotive. Oder auch nicht. Vielleicht kam ihr auch der entscheidende Gedanke. Sie wollte nur raus aus diesem Raum.
Das “Golden Lunchbreak” war ein schäbiges kleines Lokal, das neben dämmrigen Licht, durchgesessenen Stühlen und Schutz vor dem Regen nur eine kleine Auswahl an Speisen zu bieten hatte, von denen keine ihren Appetit zu sehr anregte. Der einzige Grund, warum sie beschlossen hatten, dort zu Mittag zu Essen, war der, dass es sich in unmittelbarer Nähe des Scotland Yard Hauptquartier befand, und sie somit auch in wenigen Minuten wieder dort sein konnten, falls sich etwas ereignete, was ihrer Anwesenheit bedurfte. Mulder und Scully waren alleine, Ardelia Lopez, Samantha Baker und John Eagle hatten beschlossen, noch einmal die Tatorte abzuklappern und unterwegs etwas zu essen, Kenneth Brown hatte nur abgewinkt und sich wieder in seine Aufzeichnungen vergraben und Sarah Barnes war noch immer draußen im Park. Sie musste einen klaren Kopf bekommen, hatte sie gesagt. Und der gute Inspektor George Fellow war in den Tiefen des Hauptquartiers seiner Behörde unauffindbar gewesen, vermutlich wollte er ihnen überhaupt nicht begegnen.
Während Scully die Speisekarte studierte, stirnrunzelnd, mit nach oben gezogenen Augenbrauen, schien Mulder tief in Gedanken versunken. Sie hielt einen Moment inne um ihn zu beobachten, und sie konnte ihm ansehen, wie weit weg er war. Vermutlich drang er gerade in die Tiefen des Verstandes dieses Mörders ein, beinahe war sie in der Lage, hinter dem Vorhang seiner dunklen Augen die Bilder sehen, die dort vorbeizogen, ihn in ihrem Bann hielten. Sein Gesicht trug nun einen Ausdruck tiefster Konzentration, und so wagte sie nicht, ihn in die Realität zurückzuholen, selbst als sich der Kellner langsam ihrem Tisch näherte.
Er war ein hoch gewachsener Mann, leicht gebückt ob seiner Körpergröße, so schlurfte er auf sie zu. Fettige Strähnen fielen ihm permanent ins Gesicht, und die Hand, mit der er zurück nach hinten strich, ließ einen schmutzigen Streifen auf seiner Stirn zurück. Sie war versucht, aufzustehen und zu gehen, der Anblick hob das Lokal in ihrer Wertung kein Stück. Dennoch beließ sie es dabei, sich vorzunehmen, Mulder später für die Auswahl dieser Spelunke zu rügen. Nach einem neuerlichen Blick in die Speisekarte klappte sie diese schließlich zu und bestellte einen Kaffee. Damit konnte sie kaum etwas falsch machen, selbst hier.
Mulder, aus seinen Grübeleien auftauchend, tat es ihr zerstreut gleich.
„Warum.. haben wir eigentlich nur Kaffee bestellt?“, fragte er sie, nachdem er seine Gedanken halbwegs ordnen konnte.
Scully rollte mit den Augen. „Sehen sie sich um, Mulder.“
Er tat wie ihm geheißen, und verzog dem Mund zu einem entschuldigenden Grinsen. Jedoch schien er derartiges gewohnt zu sein, denn als der Kellner mit zwei Tassen lauwarmen, wässrigen Kaffees zu ihnen hinüberschlurfte bestellte er sich selbst noch einen Cheeseburger. Von Scully, die ihren Kaffee so schnell wie möglich hinunterstürzte, argwöhnisch beobachtet, machte er sich daran, das noch verpackte Aufwärmgericht aus der Folie zu schälen. Sie konnte nicht sagen, ob es ihm tatsächlich schmeckte oder ob er eine Show abzog um sie zu necken, aber er aß scheinbar begeistert. Wenigstens war sein Essen verpackt gewesen, und so wohl mit keinem Teil dieses Lokals in Berührung gekommen. Sie überlegte, ob man von Kaffee eine Lebensmittelvergiftung bekommen konnte.
Einsatzzentrale, Scotland Yard Hauptquartier – 3:00 pm
Die Spezialeinheit zum Aufspüren des „Ripper von Birmingham“ hatte sich in dem großen Raum im ersten Stock des Scotland Yards Hauptquartiers versammelt. Während vor – oder aus ihrer Sicht hinter – den geschlossenen Fensterblenden trotz des Dauerregens das Leben in London seinen gewohnten Gang ging, waren sie hier, um den Tod eben jener zu untersuchen, die diesem entrissen worden waren. Alle waren gekommen, um die ersten Fortschritte in den Ermittlungen zusammenzutragen, selbst der lange verschollene George Fellow, der nun mürrisch und widerwillig in die Runde stierte. Auch Sarah Barnes war aus dem Park zurückgekommen, nass und auffällig schweigsam, doch niemand fragte, denn letzteres war man von ihr gewohnt.
Scully ordnete ihre Papiere, und viele rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Autopsieresultate waren nicht jedermanns Sache, und so waren sie nicht sonderlich erpicht auf die nun folgenden Ausführungen. Dies als erfahrener und abgebrühter Polizist zu zeigen wäre allerdings über alle Maßen peinlich gewesen, und so bemühte sich jeder verbissen für sich, seine Übelkeit hinunterzuwürgen und den Ekel im Zaum zu halten.
„Ich nehme an, sie sind mit der Natur dieses Verbrechens bereits vertraut.“
Sie warf einen forschenden Blick in die Runde, und verzichtete darauf, ihre Kollegen noch einmal daran zu erinnern, dass sich keiner von ihnen anhören musste, was sie zu sagen hatte. Die Gesichter waren entschlossen, und die Informationen von großer Wichtigkeit.
„Im Wesentlichen kann ich bestätigen, was bereits die Inszenierung des Tatortes und der erste Eindruck von den Verstümmelungen vermuten ließ – Modus Operandi stimmt mit dem des Rippers von Birmingham vollkommen überein. Die Todesursache war in allen drei Fällen ein einzelner präzise geführter Stich in der Herzgegend, Vorhofkammern und Arterien waren zerfetzt.
Tiefe und Ausdehnung der Einstichwunden lässt auf eine ca. 20 cm lange, doppelschneidige Klinge schließen, ein Detail, das schon in den Autopsien älterer Fälle des Rippers dokumentiert wurde. Genauere Abdrücke deuteten damals auf einen alten Dolch aus Militärbeständen, wahrscheinlich aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs hin, Techniker sind noch dabei, dies anhand der neuen Abdrücke zu bestätigen.
Die Menge an Blut und die Verletzungen im umgebenden Gewebe zeigen, das bei dem erwachsenen Opfer die Verstümmelungen, die diesem Mörder eine besonders grauenhafte Handschrift verleihen, wie auch in früheren Morden zum größten Teil vor dem Tod zugefügt wurden. Es handelt sich dabei um einen 25 cm langen Schnitt von den unteren Rippen bis zum Schambein, eine abgetrennte rechte Hand, was bisher in jedem anderen Fall ebenso zu finden war und eine letzte, bis dato nicht vorgekommene Verstümmelung, nämlich das Fehlen der linken Brust. Wie wurde nicht gefunden.
Bei den Leichen der beiden Kinder sind lediglich Fesselspuren nachzuweisen, beiden wurden postmortem die Hände abgetrennt.“
Keiner wagte es, das Gesicht zu verziehen, doch in den Augen der Polizisten war grenzenlose Fassungslosigkeit zu erkennen. Wie konnte man dies einem Menschen, wie konnte man dies zwei unschuldigen Kindern antun? Es gab Motive, es gab Faktoren, die Mörder dazu brachten, das zu tun was sie taten, das wussten sie alle, doch eine letztendliche Erklärungen konnten auch diese nicht abgeben. War diese Grausamkeit, diese abgrundtiefe Unmenschlichkeit, wirklich im Menschen selbst verwurzelt?
„Sperma wurde keines gefunden, ebenso wenig Vergewaltigungsspuren. Dies schließt allerdings eine sexuelle Komponente nicht aus. Eines ist klar, er ist vorsichtig. Der Tatort mag ausgesehen haben wie ein Schlachtfeld, doch alle gefunden Hinweise deuten auf ein sorgfältig geplantes Verbrechen hin.“
Damit übergab Scully das Wort an Samantha Baker, die im Wesentlichen zur sagen konnte, dass die Spurensicherung mit der Auswertung der gefundenen Fasern noch nicht fertig geworden war. Zur Zeit konzentrierten sich die Hoffnungen auf die blau gefärbte Kunststofffaser, die in recht hoher Zahl an den Laken gefunden worden waren, und die eventuell Aufschluss über die Kleidung des Mörders geben konnte, aber sicher war bisher nichts.
Ardelia bemerkte, wie ihre Hände, die mit einem Kugelschreiber spielten, zitterten. Die Wirkung, die Scullys Auslassungen über die Details der Morde bei ihr hinterlassen hatten, saß ihr noch immer in den Knochen. Sie hoffte, dass das Täterprofil ihr vielleicht helfen konnte, all dies besser zu verstehen – vielleicht sogar diesen Menschen, dieses Monster auf gewissen Weise zu verstehen -, doch hierzu musste sie sich noch gedulden, denn dieses zu erarbeiten würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Nun galt es, das Analysieren, das Grübeln und das Sinnieren Mulder und Barnes zu überlassen, der Rest würde sich herkömmlicher Polizeiarbeit widmen – Zeugen befragen, Namen notieren, Verdächtige überprüfen, Spuren verfolgen.
9. Kapitel - Profiles
Der Schutz der Dunkelheit hatte sich über ihn gelegt wie ein Mantel, er verlieh ihm Anonymität, Sicherheit. Nicht dass er ihn brauchte – er hielt ihn für überflüssig, bei all seiner Vorsicht, all seinen Plänen. Wer von ihnen konnte ihn erwischen, mit ihren Profilen, und ihren Spuren, die sich am Ende doch nur im nirgendwo verliefen? Er glaubte nicht der Presse, die anfangs voller Zuversicht die Worte der Polizeisprecher abdruckte. „Sie würden das Monster bald fassen.“ Sie waren Marionetten, Marionetten einer Gesellschaft von Idioten. Es gefiel ihm, wenn sie ihn als „Monster“ bezeichneten. Man konnte es zwar als Abwertung seiner Person, als Ignoranz gegenüber seinen Werten als Persönlichkeit, auffassen, aber es war nun einmal die beschränkte Meinung dieser Ignoranten. Sie fürchtete ihnen, ein Monster war etwas, dass über ihnen stand und Angst und Schrecken verbreitete, und genau das wollte er sein. Sie hatten ihm das angetan, und nun zahlte er es ihnen zurück. Stück für Stück. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Er dachte an SIE, und seine Fäuste schlossen sich fester um das Bündel Stoff in seinen Händen. Sie, die bei all ihrer Besorgnis doch niemals Zeit für ihn gehabt hatte, sie, die ihn mit seiner Mutter alleine gelassen hatte. Sie hatte ihr Leben gelebt, trotz aller Beteuerungen ihm helfen zu wollen, hatte sie sich entzogen, ihn dem Verderben überlassen. Sie war gegangen, sie war beharrlich auf ihrem Weg geblieben, und hatte ihn dort gelassen, ohne Perspektive, ausgeliefert.
Lodernder Hass fraß sich in sein Innerstes, wie er ihn schon so lange zerfressen hatte. Er lechzte nach ihr, wollte SIE vernichten, sie, die genauso war wie sein Vater. Sie hatten ihn alleine gelassen, und der Rest der Welt hatte es ihnen gleichgetan. Der Welt wollte er schaden, doch sie hatten damit begonnen, ihn ins Verderben zu stürzen. Sie würden diejenigen sein, die den höchsten Preis bezahlen mussten.
Erneut hatte er ein Feuer entzündet, und er glaubte, IHR Gesicht in den Flammen zu sehen, als sie nach dem Stoff griffen. Geschützt vor dem Regen, wieder unter einer Brücke, umgeben von namenlosen Gesichtern, beobachtete er, wie das Kleidungsstück zu Asche wurde. Auch ihr Gesicht verlor sich in der Dunkelheit, war nicht mehr greifbar, wie sie sich schon lange seinem Zugriff entzogen hatte. Er würde sie finden, in der Asche seines Lebens, würde sie dem Schutz dieser Welt entreißen, und dann würde sie zurückbekommen, was sie ihm angetan hatte.
Der Raum, in dem Sarah Barnes und Kenneth Brown übernachteten war der Größte der drei, und er lag abseits genug, um eventuell vorhandene weitere Gäste nicht zu stören. So hatten sich die Agenten dort versammelt, um weiter zu diskutieren, zu reflektieren, zu planen. Man könnte meinen, nach all der Gewalt, nach all den Grausamkeiten, die sie im Laufe des Tages zu Gesicht bekommen hatten, hätten sie alle eine Pause davon nötig gehabt, in der ihre Gedanken nicht dieser düsteren, blutigen Seite des Lebens galten, doch dafür war keine Zeit. Die Zeit drängte, und keiner von ihnen würde sich erlauben, zur Ruhe zu kommen, einen Gedanken an irgendetwas anderes zu verschwenden, bevor der Mörder nicht gefasst war.
Niemand wusste, wie lange sie wach bleiben würden, sie alle waren müde, doch keiner verspürte das Verlangen, die Runde aufzulösen und sich hinzulegen. Wie könnte man schlafen, während die Gedanken um das heute Gesehene kreisten, wenn die Gefahr drohte, dass der Ripper von Birmingham in genau in dieser Nacht noch einmal zuschlagen könnte.
„Sowohl die alten als auch die neuen Tatorte sind voller Hinweise darauf, dass wir es bei diesem
Bastard mit einem organisierten Serienmörder zu tun haben. Er bringt sein Werkzeug mit, verwischt seine Spuren mehr als nur gründlich, und allen Anschein nach plant er sorgfältig..“
Es war Mulder, der seine Gedanken, die er bald im Profil verwenden würde, zum Ausdruck brachte.
„Aber er versteckt seine Opfer nicht sondern lässt sie liegen wie sie sind, ist das nicht ein eindeutiger Hinweis auf den desorganisierten Typus?“, warf Ardelia ein.
„Er inszeniert.“
„Der Tatort war ein einziges Schlachtfeld.“
„ER INSZENIERT. Dieser Hurensohn weiß verdammt noch mal ganz genau was er tut, und er hat sie NICHT umgebracht und liegengelassen, weil er sein eigenes Werk nicht ertragen konnte. Er war nicht unvorsichtig, er VERHÖHNT uns, indem er direkt in unserem Blickfeld mordet, dafür sorgt, dass die Opfer bald gefunden werden. Nennen sie es wie sie wollen, stecken sie ihn in so viele Kategorien wie sie wollen – Tatsache ist das er PLANT, und dass er dies alles im vollen Bewusstsein seiner Handlungen tut.“
„Das hat auch niemand angezweifelt“, gab Scully trocken zurück, und ihr Blick war sowohl tadelnd als auch kampflustig. Sie hatte einen ebenso harten Tag gehabt wie er selbst, und wenn er streiten wollte, bitte. Er sollte es allerdings nicht an den jungen Agenten auslassen, die etwas darauf gaben, was er von ihnen hielt.
„Ich geh schlafen.“
Sie alle erwarteten, dass die Tür knallend ins Schloss fiel, doch sie tat es nicht.
„Was war das gerade eben?“
Sie stand im Türrahmen, die Hände in die Hüfte gestemmt, mit vorwurfsvollem Blick. Er wandte ihr nicht das Gesicht zu, sondern fuhr damit fort, in einem Fach des hohen Kleiderschrankes zu kramen.
Ihm zuzuhören, dazu wäre sie bereit gewesen, und sie hätte auch versucht, fair und verständnisvoll zu sein, aber keine Antwort zu erhalten brachte sie in Rage.
„MULDER?“
„Nichts.“
Die Dunkelheit im Inneren des Kleiderschranks dämpfte den Klang seiner Stimme, verschluckte das gesprochene Wort zur Hälfte. Was draußen ankam, klang noch missmutiger und unwilliger als ursprünglich beabsichtigt.
Scully konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. So unangebracht es auch erschien, es zeigte wie müde sie war.
„Lassen sie uns schlafen.“, murmelte es aus dem Schrank.
Seine Partnerin resignierte. Sie hatte plötzlich keine Lust mehr zu streiten, konnte es nicht, während ihr die Augenlider zufielen.
„Schön.“, grummelte sie mit mühsam aufgebrachter Feindseligkeit. Mit schlurfenden, erschöpften Schritten durchquerte sie den Raum und betrat das Badezimmer, schloss die Tür lauter, als es nötig gewesen wäre.
Das hier war seine Burg, sein sicherer Ort in einer Welt, in der nichts gewiss sein konnte. In einem Leben, in dem Blut und Gräueltaten eine alles umfassende Obsession geworden waren, Gefahren etwas Alltägliches und Angst ein ständiger Begleiter. Er würde diesen Stützpunkt aufgeben, sobald die Fassade, die ihn vor den Blicken der Welt, vor dem Zugriff derer, die ihn verfolgten, Risse bekommen würde, er würde ihn ohne zu zögern zurücklassen, wenn die vollkommene Sicherheit nicht mehr gegeben sein würde.
Doch zurzeit war sie das. Die Menschen in diesem Haus stellten keine Fragen, sie schnüffelten nicht herum, sie interessierten sich nicht. Interesse wäre tödlich gewesen, bei dem was er tat, auch wenn ihm die Vorsicht gebot, all das, was Rückschlüsse auf seine dunkle Seite, auf seine wahre Persönlichkeit, zuließ, sofort zu vernichten. Er ging kein Risiko ein, und das machte ihn überlegen.
Die Wohnung war spärlich eingerichtet, unpersönlich. Drei Zimmer, mit dem Allernötigsten ausgestattet, strahlten eine sterile Kälte aus, die nur zu besonderen Anlässen vom Licht tausender Kerzen überlagert wurde. Nun waren die Kerzen in einer Kommode verstaut, er holte sie hervor, wenn er Besuch erwartete. Weiblichen Besuch.
Die Bewohner seines Hauses sahen ihn oft Frauen mit nach Hause bringen. Sie alle unterschieden sich im Aussehen, in der Kleidung, sogar in der Hautfarbe. Nur eines hatten sie gemeinsam; sie alle kamen nur wenige Male.
Es war ein Muster, das sich durch all seine Beziehungen zog. Er umgarnte eine Frau mit seinem Charme, hatte sie bald soweit, dass sie ihn nach Hause begleitete. Bald verlebte er romantische Stunden mit ihr, doch das Glück hielt nie lange. Sie ergriffen die Flucht vor ihm, doch warum? Man fragte die Frauen nicht.
Er lag regungslos auf den Kissen, auf denen er schon so viele Frauen geschmeckt hatten, was es hieß, mit ihm zusammen zu sein, und hinter seinen geschlossenen Lidern schien ein Traum aufzuflackern, der schwarze Wolken über sein Gesicht ziehen ließ.
Scully erwachte, als eine Hand gegen ihre Brust schlug. Sie verweilte dort nicht, sondern sprang sogleich wieder zurück, wühlte die Laken auf, als sich der, dem die Hand gehörte, auf seiner Seite hin und herwarf, sich in die Decke verhedderte, freikam, und sogleich wieder um sich zu schlagen begann. Sie rollte sich zur Seite, um seinem Arm, der erneut auf ihre Hälfte des Bettes niederfiel, zu entgehen, und richtete sich auf.
Es dauerte einen Moment, bis alle Fakten wieder in ihrem Kopf zusammengefunden hatten. Sie waren London, arbeiteten an einem Fall, sie musste mit ihrem Partner in einem Zimmer – genauer gesagt in EINEM Bett – schlafen, und gestern hatten sie sich gestritten. Gestern.... ja, gestern. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr das.
Nachdem sie also beschlossen hatte, den Streit wegen Müdigkeit und Erschöpfung auf Eis zu legen – paradox, denn er resultierte vermutlich aus nichts anderem als Müdigkeit und Erschöpfung – waren sie beide zu Bett gegangen, und hatten den jeweils anderen mit seinen Gedanken alleine gelassen.
Und nun war sie also von Mulder aufgeweckt worden, der sich unruhig auf dem Bett hin und herwarf.
Das Gesicht ihres Partners war schweißnass, und seine Bewegungen wurden schwächer. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, während sie das Bett umrundete und mit wenigen Schritten an seiner Seite war. Als sie auf den Bettrand sank und nach seinen Armen griff, schien er ruhiger zu werden, einige Male schlug er noch nach einem imaginären Gegner über ihm, dann lag er still. Sie strich eine feuchte Haarsträhne aus seiner Stirn und tastete an seinem Handgelenk nach dem Puls. Seine Augenlider flackerten.
Mulders Herz raste, das bemerkte sie schon nach wenigen Sekunden. Irgendetwas, das aus seinem Verstand in die Welt seiner Träume gedrungen war, hatte ihn in eine extreme Stresssituation versetzt. Sie beobachtete unruhig, wie er erwachte. Mühsam, als seien sie mit tonnenschweren Gewichten behangen, hoben sich seine Augenlider, schließlich öffnete er seine Augen ganz. Fiebrig glänzende Augen blickten ihr gehetzt entgegen.
„Hatten sie einen Alptraum?“
Sie legte eine Hand auf seine Stirn, und hätte sie beinahe erschrocken zurückgezogen. Er glühte förmlich.
„Ich.. Ich weiß nicht.“ Es fiel im schwer, zu sprechen, Worte zu finden, sie mit belegter Stimme zu artikulieren. Seine Augen blickten ihr nur verwirrt, hilflos, entgegen.
Scully bedachte ihren Partner mit einem besorgten Blick. Vorsichtig legte sie die Hand, die noch immer schlaff in ihrer ruhte, ab und stand auf. Im Badezimmer füllte sie Wasser in ein als Zahnputzbecher bereitgestelltes Glas und durchsuchte den Hängeschrank nach einem Thermometer. Als sie keines fand, lief sie leise fluchend zurück ins Zimmer und blickte sich um. Auf dem Stuhl stand ihre Arzttasche. Zum Glück hatte sie diese nicht im Auto gelassen.
Er war dort, am Ort seiner Kindheit. Er spürte ihren Griff um seine Hand, und er wollte weglaufen, doch wie immer war er nicht in der Lage dazu. Unerbittlich zerrte sie ihn weiter, und in der Erinnerung verschwammen die Möbel, die Wände, das gesamte Haus, das ihn umgab zu einer einzigen Fratze des Hasses, der Angst und des Schmerzes. Die Treppe, nun kam die Treppe. Er stolperte, stieß mit dem Fuß gegen eine Stufe und wurde weitergezogen, ohne Rast, der Rhythmus ihrer Schritte passte sich dem Pochen seines Herzens an. Sie betete, ein Ave Maria nach dem anderen, und die vertrauten Worte wurden zu einem Lallen, welches das Stampfen ihrer Pantoffeln untermalte, zeitweise auch übertönte und umspielte. Er wollte die Hände auf die Ohren pressen, schreien, doch seine Hände schlackerten hilflos an seinen Seiten, wanden sich ohnmächtig in ihrem Griff, und kein Laut verließ seine Kehle.
„Heilige Maria, ich bitte dich, nimm dieses Kreuz von mir.“
Sie sagte nun nicht mehr das Gebet auf, nein, sie sprach eigene Worte, und sie wusste, dass sie von ihm sprach. Er hatte damals begonnen, die heilige Maria als Verbündete seiner Mutter zu betrachten, als Verbündete im Kampf gegen ihn, den ungezogenen Knaben, der ihr nur Leid und Last bescherte, das Kreuz. In seinen Träumen wurde die heilige Maria zu seiner Mutter, und umgekehrt. Ihr Gesicht war leidend, die Mutter der Schmerzen, und so sah er sie. Die Fotos, die er von ihr besessen hatte, hatte er verbrannt, zerrissen, vernichtet, denn er konnte die Falschheit nicht ertragen. Das offene Lachen, die Zufriedenheit, die Freude, all dies war ein Widerspruch zu der Frau, die ihm seine Kindheit zur Hölle gemacht hatte. In seinem Kopf umgab ihren Mund ein verbitterter Zug, ihr gesamtes Gesicht war verkniffen, leidend, fanatisch, so wie er es in Erinnerung hatte von dieser Nacht.
Sie drücke ihn vor dem Schrein auf den Boden, entfachte eine Explosion der Schmerzen in seinen zerschundnen Knien, und es war sie, die ihm aus dem Schrein entgegenblickte. Leidend. Verbittert. Die heilige Maria stand hinter ihm und ließ die Geisel auf seinen nackten Rücken heruntersausen, verlangte, dass er betete. Zu seiner Mutter im Schrein.
Sie zog nicht ihr Taschentuch heraus, um das Blut zu trocknen, und ihr Lächeln war nicht gütig. Es war eine Fratze des Fanatismus.
Sie wagte es nicht, SIE, die andere, noch einmal anzurühren, nachdem die sie zu Boden geworfen hatte, als sie das letzte Mal versucht hatte, sie zum Beten zu zwingen. Ihr Name wurde nicht mehr erwähnt, und sie war eine Fremde in diesem Haus gewesen, bis zu dem Tag als sie endgültig gegangen war. Innerlich hatte sich ihre Abspaltung von dieser Familie schon lange zuvor vollzogen.
Mulders Fieber sank nur langsam. Sie befeuchtete das Tuch erneut mit kühlem Wasser und wischte den Schweiß von seiner Stirn. Kleine Wassertropfen rannen seitlich an seinem Gesicht herunter, über seine Schläfen, durchnässten seinen Haaransatz und das Kissen, auf dem er lag. Seine Haut glänzte feucht, und seine Lippen zeigten noch Spuren von dem Wasser, das sie ihm ein paar Minuten zuvor eingeflößt hatte. Sie hatte ihm eine Tablette gegeben, und nun war er eingeschlafen. Merklich wurden seine Atmzüge von Minute zu Minute ruhiger, und sie war froh, dass er keine Fieberträume mehr zu haben schien. Am Morgen würde es ihm besser gehen, dennoch würde sie nicht zulassen, dass er in diesem Zustand arbeitete. Es würde ein harter Kampf werden, ihn dazu zu bringen.
Sie seufzte. War es überhaupt möglich, Fox Mulder vom Arbeiten abzuhalten, ohne in zu fesseln oder zu betäuben? Wohl eher nicht. Aber womöglich würde das Wunder geschehen, und er würde selbst einsehen, dass es nichts brachte, wenn er seine Gesundheit riskierte, wo er doch in diesem Zustand sowieso keine große Hilfe für die Ermittlungen sein würde. Abwarten, das war das Einzige was sie tun konnte...
Eigentlich wollte sie wütend auf ihn sein, ihn dafür zurechtweisen, dass er ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte und ohne Regenschirm oder ähnlichem in diesem Wetter unterwegs war, dass er es nicht für nötig gehalten hatte, seine nassen Haare zu trocknen, dass er entgegen ihrem Rat keinen Schal oder warmen Mantel eingepackt hatte. War es nicht er gewesen, der hier studiert hatte und demnach auch einschlägige Erfahrung mit dem rauen Klima der britischen Inseln gemacht haben sollte?
Sie legte sich all diese Vorwürfe zurecht, um sie ihm an den Kopf zu werfen, sobald er sich halbwegs erholt hatte, aber während sie sein Gesicht betrachtete, erkannte sie resignierend, dass sie das nicht tun würde. Viel zu mitleiderregend sah er aus, wie er hilflos und schwach auf diesem Kissen lag, viel zu sehr fühlte sie mit ihm, als dass sie ihren Ärger ausleben könnte.
Ihre Finger suchten seinen Puls, und sie stellte zufrieden fest, dass er nun vollkommen ruhig war. Mulder schlief tief und fest, doch sie selbst würde nun nicht mehr in der Lage sein, in den Zustand Schlafes hinüberzugleiten. Es würde vielleicht helfen, ein paar Schritte draußen zu laufen, doch sie wollte ihren Partner nicht alleine lassen. „Was soll’s“, dachte sie, nun war sie sowieso wach. Auf dem Tisch stand allzeit bereit ihr Laptop. Über ihren VICAP-Account konnte sie auf die Autopsieberichte aller Ripper-Morde zugreifen. Sie wusste nicht, wonach sie suchte, aber sie hatte das Gefühl, das dort etwas war, das darauf wartete, gefunden zu werden.
Fortsetzung folgt!