Titel: The great big feeling
Autor: Cat
Kontakt: CrazyCat179@aol.com
Kategorie: DSR, MSR, DR/UST, Angst, POV, V
Rating: PG
Spoiler: bis Season 8
Disclaimer: Was soll ich jetzt groß sagen? Weder Doggett, noch Scully, noch William, noch Reyes oder Mulder gehören mir. Sie gehören CC und Co.! Aber diese Story, die ist mir! *eifrignick*
Short-Cut: Täglich treffen wir unendlich viele Entscheidungen. Doch woher wollen wir wissen, ob wir uns an der entscheidenden Weggabelung richtig entscheiden? Und was geschieht, wenn die Entscheidung bereits getroffen ist, und wir uns auf dem falschen Weg befinden? Haben wir dann die Kraft, umzukehren?
Widmung: Diese FF ist für Marion, die Doggett genauso sehr mag, wie ich! Ich hoffe, dir gefällt die gesamte Story so gut, wie dir einige kleine Teile daraus bereits gefallen haben! Auch wenn einige Stellen wohl zu kitschig für deinen Geschmack sein werden. You rock, Honey!
Danke: Ich möchte mich recht herzlich bei Phoebe für ihre Beta bedanken!
The great big feeling
Love is a very powerful thing
but sometimes it’s the only weapon we have
Jayhyena
Es ist doch sehr erstaunlich, noch vor kurzem habe ich gedacht, dass man nur den hassen kann, den man liebt. Doch die Realität hat mich davon überzeugt, dass man jemanden, den man kaum kennt, wesentlich mehr hassen kann. Ich weiß nicht so genau, ob mich die Einsicht, die Hoffnungslosigkeit oder schlichtweg die nackte Verzweiflung hierher getrieben haben. Fakt ist, dass ich jetzt den siebten - oder schon den achten - eiskalten Scotch in mich hinein geschüttet habe. Auf einer Skala der Bedauerlichkeit sitze ich vermutlich ganz unten, ein vom Leben frustrierter Mann mittleren Alters, wahrscheinlich kurz vor der Midlife-Crisis, mitten in einer Bar, in der sich die unterste Schicht unserer Bevölkerung herumtreibt. Schreckliche und dröhnende Musik vernichtet gerade meine letzten verbleibenden Gehirnzellen, während die mit Zigaretten und anderen, wahrscheinlich illegalen, Drogen behaftete Luft ihren Rest tut. Ich sehe das Selbstmitleid förmlich von mir heruntertriefen, doch es scheint keinen zu stören, denn jeder, der sich hierher verirrt hat, suhlt sich in seinem eigenen Schmerz, ohne seine Umgebung wahrzunehmen.
Aber eigentlich hätte ich es ja wissen müssen, ich hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen. In Anbetracht dieser Tatsache liegt die Gesamtschuld wohl bei mir, obwohl ich sie herzlich gerne auf IHN abwälzen würde. Doch das letzte Fünkchen Verstand meines zermarterten Gehirnes weiß, dass Leugnen die Angelegenheit nicht vereinfachen würde. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und das ohnehin schon aussichtslose Spiel mit Pauken- und Trompetenknall verloren. So einfach. Ich weiß auch, dass Alkohol dagegen nicht hilft, doch die dumpfe Betäubung des Scotch’s schenkt mir eine zeitweilige Linderung. An morgen möchte ich gar nicht denken, und das Gestern habe ich aus dieser Bar verbannt, übrig ist einzig und allein das Hier und Jetzt, die schlechte Musik, die brennende Flüssigkeit und die Hoffnungslosigkeit. Doch ich war vollkommen hilflos gewesen, ich war ihr vom ersten Moment an erlegen. Als mich diese eisblauen Augen durchbohrten und sie mir Wasser ins Gesicht schüttete. Vielleicht war dies ein Vorzeichen gewesen, ein schlechtes Ohmen, doch ich habe es übersehen.
Ihr Misstrauen, dieser allgegenwärtige Argwohn und ihre Sturheit hätten mich in meine Schranken weisen sollen, doch sie weckten eine unglaubliche Kraft, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie überhaupt noch besaß. Sie war die erste, die mich aus meinem kleinen Kämmerlein herausgelockt hatte, obwohl ich fest davon überzeugt war, dass ich den Schlüssel dazu schon längst entsorgt hatte. Doch diese zierliche und doch so wahnsinnig starke Frau weckte meinen Ehrgeiz, sogar meinen Lebenswillen. Sie hat in mir, ohne es zu wissen, den Beschützerinstinkt geweckt und damals hatte ich von ihrer Schwangerschaft nicht den blassesten Schimmer.
Ja, spätestens als ich erfuhr, dass sie ein Kind bekommen würde, das Kind eines anderen Mannes, SEIN Kind, da hätte ich zurücktreten müssen. Ihre Verschwiegenheit darüber hätte mich warnen sollen, sie hatte es vor mir verheimlicht, Himmel, sie hatte sogar ihr Leben, und das ihres ungeborenen Kindes aufs Spiel gesetzt. Doch statt auf diese Warnsignale zu hören, schlug mein Herz in ihrer Gegenwart immer höher. Bei jedem Lächeln, einem winzig kleinen nur, glaubte ich, dass es einen Gott geben würde, der bei mir etwas wiedergutmachen wollte.
Dann fanden sie IHN, tot. Und damit war ihre letzte Hoffnung, an die sie sich verzweifelt geklammert hatte, vor ihren Augen zerschellt und die grausame Realität hatte ihren Einzug gehalten. Ich wusste genau, wie sie sich nun fühlte, hatte ich etwas ähnliches doch vor einiger Zeit am eigenen Leibe erfahren, und ich wusste, wie ein solches Ereignis ein vorher als solide empfundenes Leben durcheinander bringen kann. Was ein solches Drama einer einzigen Person antun kann. Und dennoch hatte sie irgendwie niemals aufgegeben. Denn sie hatte eine große Verantwortung. Ich bin mir nicht sicher, ob sie diese Zeit ohne die Gedanken an ihr ungeborenes Baby überstanden hätte. Denn obwohl ich den Bund zwischen ihr und IHM nur allzu deutlich spüren konnte, so hatte ich die Beschaffenheit ihrer Beziehung nie ganz verstanden.
Zu der Verwunderung aller, meine war wohl die größte von allen, durften wir die Wiederauferstehung des wohl mysteriösesten Mannes überhaupt miterleben. Der Spruch „Wie Phönix aus der Asche“ hatte von nun an eine neue Bedeutung für mich gewonnen. Ja, und dann hatte ich es mit Spooky Mulder persönlich zu tun. Mir war vom ersten Moment an klar, dass er mir nicht traute. Aber ob es an meiner Arbeit an den X Akten, seinem heiligen Gral, oder an dem zarten Bund, der sich zwischen Dana und mir geformt hatte, lag, ist mir bis heute ein Rätsel. Sein neues Leben verhalf Dana, das ihre wieder zu genießen. Sie blühte förmlich auf, und obwohl das keine Besonderheit bei schwangeren Frauen war, so tat sie es erst, nachdem sie ihren Mulder wieder zurück hatte.
Doch trotz seiner Anwesenheit verlief ihre Schwangerschaft keineswegs problemlos. Unzählige Male mussten ihre Familie, ihre Ärzte und ihre Kollegen um sie und ihr Baby bangen. Das wohl gefährlichste Abenteuer stellte wohl die Geburt Williams selbst dar.
Und kurz darauf tat Mulder das Unverständlichste überhaupt. Er verließ sie und sein Baby. Auch wenn ich niemals eine eindeutige Bestätigung seiner Vaterschaft bekommen hatte, so bezweifelte ich diese nie. Ich habe keine Ahnung, unter welchem Verfolgungswahn der Agent wirklich litt, und obwohl ich die Gefahr erkannt hatte, wäre diese Flucht wohl das Letzte, was ich in dieser Situation in Erwägung gezogen hätte. Denn wie sollte er Dana und dem Baby helfen, wenn er verschwand? Ich würde Dana Scully niemals auch nur im entferntesten Sinne für hilflos halten, aber alles hatte sich mit der Geburt des kleinen Jungen verändert. Sie hatte nun nicht nur die Verantwortung für ihr Leben, sondern auch die für ihren Sohn. Und genau zu dieser schlimmen Zeit öffnete sie sich mir, so erstaunlich das auch erscheinen mag. Hätte ich ihre süße Liebe niemals kennengelernt, dann wäre das Problem jetzt erheblich kleiner, aber ich hatte den Duft der Liebe gerochen, ich wurde geradezu süchtig danach. Diese rauschenden 7 Wochen mit Dana waren wohl das beste, was mir nach Lukes Tod widerfahren war.
Nach Mulders überhasteten und für mich unverständlichen Aufbruch versuchte ich, Dana auf jede erdenkliche Art und Weise zu unterstützen, für sie und ihr kleines Baby dazusein. Ich machte es mir zur Gewohnheit, regelmäßig bei ihr aufzutauchen. Manchmal einfach nur, um nach dem Rechten zu sehen, einige Male erledigte ich Einkäufe für sie, oft brachte ich Take-Out-Essen mit, und hin und wieder schwang ich selbst den Kochlöffel. Was mich zu der Zeit am meisten überraschte, war die Tatsache, dass sie es zuließ. Aber ich vermutete, dass sie mit ihren Kräften am Ende war. Mulders Verschwinden und die neue Verantwortung für ein Baby, und das ganz alleine, kann ganz schön an einem nagen. Und da sie mir mittlerweile vertraute, nahm sie meine Hilfe, am Anfang zwar noch abwehrend, zum Schluss aber recht dankbar, an. Zuerst drehten sich unsere Gespräche vorwiegend um Will, zu erledigende Dinge und meine Arbeit, aber mit der Zeit wurde das ermüdend, und ich bemerkte, dass wir von Tag zu Tag persönlicher wurden. Ich wusste damals, dass sie Mulder liebte und versuchte verbissen, meine Gefühle für sie abzuschalten. Doch was mich zunehmend schockte, war ihre Unbekümmertheit mir gegenüber.
So verschwand sie irgendwann zum Stillen nicht mehr in ihr Schlafzimmer, oder in Wills Zimmer, sondern blieb dabei neben mir auf der Couch sitzen. Sie erklärte mir mit leiser Stimme, um ihren Sohn nicht abzulenken, dass sie meine Gesellschaft genießen würde und fragte dann etwas unsicher, ob es mich stören würde. Ich wusste nicht so genau, wie ich diese Sache hinnehmen sollte. Was sah sie in mir? War unsere Freundschaft so intim geworden, dass sie sich nicht vor mir genierte, ihrem Baby die Brust zu geben? Nicht, dass ich was dagegen hatte. Eine junge Mutter, die ihr Baby stillt, ist eines der natürlichsten Dinge der Welt, etwas, das mich glücklich und zufrieden stimmt. Aber diese spezielle Frau stellte eine Ausnahme dar. Ich war in sie verliebt. Ich nickte also nur stumm und deutete ihr an, weiter fortzufahren. Meine einzige Sorge war jetzt nur, meine Blicke im Zaum zu halten. Ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht ihre wohlgeformten und prallen Brüste anzustarren. Sie waren einfach perfekt. Ein perfektes Paar. Ich beschloss, dieses Privileg stillschweigend zu genießen, und mit der Zeit hatte ich mich soweit daran gewöhnt, dass sich mein Puls nicht sofort überschlug, wenn sie anfing, ihre Bluse aufzuknöpfen.
Mit Maggie, ihrer Mutter, verstand ich mich auf Anhieb. Auch sie bemühte sich redlich, ihrer Tochter das Leben zu erleichtern. Eines Abends bot sie einer verdutzten Dana und mir eine Auszeit an. Sie war ganz entschlossen, und auch Danas und meine Proteste konnten sie von ihrem Ziel nicht mehr abbringen. So wurden wir mehr oder weniger sanft aus Danas Wohnung verbannt, mit dem Befehl, „etwas Spaß zu haben“. Dana hatte vor einigen Tagen begonnen, Will nicht nur zu stillen, sondern war teilweise schon auf Babynahrung umgestiegen, da sie nicht mehr genug Milch produzierte, um den nimmersatten kleinen Jungen zu füttern. Dies ermöglichte es ihr, ihren Sonnenschein den fähigen Händen ihrer Mutter zu überlassen. So sahen wir uns wenig später verdutzt vor ihrer Wohnungstüre in die Augen, und dann tat sie etwas, das mich noch mehr verblüffte. Sie brach in schallendes Gelächter aus. Musik für meine Ohren. Nie hatte ich etwas schöneres gehört als Dana Scullys lautes und unbeschwertes Lachen. Und ich tat das einzige, was ich in dieser Situation tun konnte, ich stimmte ebenfalls laut prustend ein. Nachdem wir uns endlich beruhigt hatten, setzte sie ein nachdenkliches Gesicht auf.
„Nun, da wir ja jetzt rausgeschmissen wurden, sollten wir den freien Abend wirklich genießen. Vorschläge, John?“ Ja, sie nannte mich jetzt nicht mehr Agent Doggett, sondern John. Und das erlaubte mir ebenfalls, sie mit Vornamen anzusprechen, was ich auch gerne und oft tat.
„Wozu haben Sie denn Lust? Wir könnten schön essen gehen, oder ins Kino? Wann waren Sie das letzte Mal im Kino, Dana?“
Ich konnte mein Glück einfach nicht fassen. Ich durfte den Abend ganz allein mit ihr verbringen. Ohne Will und ohne Maggie. Nicht, dass ich nicht gerne Zeit mit Will verbringen würde, und auch Maggie habe ich in mein Herz geschlossen, aber einfach NUR mit Dana den Abend zu genießen, das war wie ein Sechser im Lotto, Weihnachten, Geburtstag und Ostern in einem. Der Herr schien mir gnädig gestimmt zu sein. Ich warf ihr einen verstohlenen Blick zu, wie sie so dastand, ihre Tasche in der einen, die Wildlederjacke in der anderen Hand. Sie sah seit Wills Geburt unglaublich jung aus. Ihr Sohn tat ihr einfach gut, aber jetzt, an ihrem ersten freien Abend, sah sie atemberaubend aus. Ihre Augen leuchteten in einem so tiefen blau, dass ich drohte, mich darin zu verlieren. Sie trug kein Make-up, und die winzigen Sommersprossen sahen bezaubernd aus. An diesen Tag hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass sie Mulders Verschwinden akzeptiert hatte und bereit war, wieder zurück in den Sattel des Lebens zu steigen. Und ich würde an ihrer Seite sein, würde hier verharren, solange sie mich nur ließ und ihr bei einem weiteren Abwurf eine helfende Hand reichen. Das laute Knurren ihres Magens riss mich aus meiner Gedankenwelt und abermals lachten wir so laut und lange, dass mir der Bauch wehtat.
„Ihr Magen hat sich zuerst für das Essen entschieden, was darf es sein? Italienisch, Thai, Chinesisch oder doch lieber Griechisch? Ich lade Sie ein.“ Und das tat ich dann auch. Wir fanden ein gemütliches chinesisches Restaurant und genossen gemeinsam die Spezialitäten des Hauses. Und abermals wirkten ihre azurblauen Augen wie Magneten auf die meinen. Ich konnte mich gar nicht mehr von ihnen losreißen, ich war verloren. Ihre melodische Stimme versetzte mich in einen Rauschzustand, aus dem ich nicht mehr entkommen konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte. Süchtig hing ich an ihren Lippen, während sie mir Geschichten aus ihrer Kindheit erzählte. Ab und zu hob sie eine ihrer kleinen Hände und wischte sich die eine oder andere Lachträne aus den Augenwinkeln. Wenn ich sie nicht schon mit meinem ganzen Herzen geliebt hätte, spätestens an diesem Abend wäre es um mich geschehen gewesen . Erst nachdem wir das Restaurant in guter Stimmung wieder verlassen hatten, kehrten ihre Gedanken zu ihrem daheimgelassenen Baby zurück. Beinahe hektisch fischte sie ihr Handy aus der Tasche und rief besorgt in ihrer Wohnung an. Während sie darauf wartete, dass Maggie den Anruf entgegennahm, wippte ihr Fuß aufgeregt auf und ab. Nervös strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Erst als ihre Mutter ihr versichert hatte, dass mit Will alles in Ordnung sei, dass er seine Flasche ganz leer getrunken hatte und sie ihn jetzt ins Bett bringen würde, normalisierte sich Danas Atmung wieder. Maggie entlockte ihrer Tochter sogar das Versprechen, noch nicht zurück zu kommen, sondern den schönen Abend zu genießen. Mit mir. Also fanden wir uns wenig später in einem Park wieder.
Dana saß wie ein kleines Mädchen auf einer Schaukel und alles in mir drängte mich, ihr etwas Schwung zu geben. Doch ich konnte mich nicht überwinden. Obwohl wir uns in den letzten Wochen sehr viel näher gekommen waren, so hatte ich noch immer einen riesigen Respekt vor der unsichtbaren Grenze, die zwischen uns lag. Es war keine belastende und allgegenwärtige Barriere, doch in meinen Augen war sie für mich unüberwindbar. Also übte ich mich in der Rolle des stillen Beobachters und genoss es, Dana dabei zuzusehen, wie sie mit ihren Beinen immer mehr Schwung nehmend, die Gesetzte der Physik zu brechen versuchte. Irgendwie hätte es mich nicht einmal überrascht, wenn sie mitsamt der Schaukel den Sternen entgegengeflogen wäre. Doch das atemberaubendste an diesem Moment war der Ausdruck auf ihrem Gesicht. Eigentlich nicht mit Worten beschreibbar. Eine kindliche Freude, über eine so simple Sache wie Schaukeln spiegelte sich in ihrem feinen, durch den Mond in sanftes Licht gehülltes, Gesicht wieder. Ein Ausdruck von Freude, Freiheit, Unbekümmertheit und einfachem Glücklichsein. Ich konnte mich nicht abwenden, es war mir unmöglich. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starrte ich die Frau, die ich schon seit einiger Zeit heimlich liebte, an. Dies war einer der Momente, an denen man sich wünscht, die Zeit anhalten zu können, um ihn greifen und für immer festhalten zu können. Er brannte sich in mein Gedächtnis ein. Ein Augenblick, dem ich keine geringere Bezeichnung als perfekt zu geben wagte.
„Hallo, John? Was ist los?“ Erschrocken zuckte ich zusammen. Mir war nicht bewusst gewesen, wie tief in meiner Gedankenwelt ich mich eigentlich befunden hatte. Die Schaukel schwang inzwischen zunehmend kraftloser aus, während mich Dana mit ausgesteckten Beinen und weit nach hinten gelehnt, aufmerksam musterte.
„Ach, alles in Ordnung. Ich muss wohl einen Moment lang abgelenkt gewesen sein.“ In diesem Moment war ich dankbar für die uns umhüllende Dunkelheit, die es vermochte, die aufsteigende Röte meines Gesichtes zu verbergen. Aber Dana schien meine Antwort anstandslos zu akzeptieren. Allmählich kam die Schaukel zum Stehen. Zögerlich, doch einem unterbewussten Drängen folgend, ging ich auf die rothaarige Frau vor mir zu.
Unsere Blicke trafen sich im fahlen Mondschein. Dunkler als je zuvor schienen ihre Augen sich in die meinen zu brennen. Unfähig, den Blick abzuwenden trat ich einen weiteren Schritt vor. In der Stille der Nacht hörte ich nur unsere Atmung, die sich zusehends beschleunigte. Ich hatte den Eindruck, mein Blut lautstark durch mich hindurchfließen zu hören, mir war, als käme das bloße Einatmen der Lautstärke eines Schreies gleich. Immer mehr näherte ich mich Dana, bis ich die sanfte und warme Luft ihrer Atemzüge an meinem Hals wahrnahm. Sofort lief mir ein angenehmer Schauer über den Rücken, gebannt hielt ich inne, die Möglichkeiten dieser verzauberten Nacht abwägend. Was in Gottes Namen gab mir die Dreistigkeit, mich dieser Frau in eine Art und Weise wie dieser zu nähern? Wäre sie vor mir zurückgewichen, so hätte ich damit vermutlich wesentlich besser umgehen können. Meinen Blick nicht von dem ihren abwendend, suchte ich in ihren Augen, dem Spiegel ihrer Seele, nach einem Zeichen. Fassungslos erkannte ich, wie sich ein zärtlicher und liebevoller Schleier über ihre stark geweiteten Pupillen legte. Auch schienen sie mir stumme Zustimmung entgegenzubringen. Verwirrt verharrte ich in meiner Position, scheinbar jeder Bewegung unfähig . Was geschah hier gerade?
Millimeter für Millimeter näherte sich ihr Gesicht dem meinen. Vorsichtig schob sich Dana nach vorne und unmittelbar in meine Arme. Noch immer erstarrt verfolgte ich, wie sich ihr Kopf leicht schief legte und ihr Mund sich unausweichlich dem meinen näherte. Fast schon rechnete ich damit, just in diesem Moment jäh aus dem Schlaf gerissen zu werden. Denn was hier passierte, war einzig und allein meine Wunschvorstellung. Völlig elektrisierend pressten sich ihre samtweichen Lippen sanft auf die meinen und tausend Funken schienen sich in meinen Körper zu entladen. Erst jetzt brach ich aus meiner Starre aus und schlang meine Arme vorsichtig um ihren schlanken Körper. Und wenn ich glaubte, der Moment auf der Schaukel sei der atemberaubenste meines Lebens gewesen, so wurde ich eines Besseren belehrt. Dana Scully in den Armen zu halten, sie zu küssen im Zauber der Nacht, DAS war das Paradies. Gemeinsam hatten wir den Garten Eden betreten. Die Zeit schien still zu stehen, und die Welt drehte sich nur noch im Takt zweier wild und aufgeregt pochender Herzen. Ganz allmählich wurde aus dem noch schüchternen ersten Kontakt ein zunehmend leidenschaftlicher werdendes Kennenlernen. Vehement forderte ihre Zunge Einlass, und ich öffnete meine Lippen einen Spalt, um ihr diesen zu gewähren. Mein ganzer Körper schien auf einmal zu vibrieren, als ihre Zunge, anfangs noch schüchtern, über die meine fuhr. Blitzschnell entzog sie mir ihre Zunge, und ich setzte zum Gegenangriff an. Sie fester in meine Arme schließend, attackierte ich ihren wunderbar weichen und süßen Mund. Die Realität verblasste an diesem Abend und der Puls der Zeit setze aus. Irgendwann in dieser Nacht lösten wir uns unwillig voneinander und traten schweigend Hand in Hand den Rückweg an.
Der darauffolgende Abschiedskuss an Danas Haustüre hatte die selbe Intensität wie unser erster Kuss. Dennoch war er der lieblichste und sanfteste Kuss, den ich jemals mit einer Frau teilte. Wie es mir danach gelang mit meinem Wagen nach Hause zu fahren, liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft. Erst daheim übermannten mich meine düsteren Ängste, die mir den Schlaf raubten. Ich malte mir die fürchterlichsten Szenarien aus, wie mich Dana jetzt wohl ignorieren würde und mir eines Tages beibringen würde, dass dies alles nur ein schrecklicher Fehler gewesen war. Umso überraschter war ich, als sie am späten Nachmittag mit ihrem Sohn William auf dem Arm bei mir auftauchte und mir als Willkommensgruß einen sanften Kuss auf die Lippen hauchte.
Nachdem mein anfänglicher Schock überwunden war, folgte ein sehr langes und intensives Gespräch, mit William schlafend in seinem Sitz zu unseren Füßen. Ich konnte es kaum glauben. Diese Frau suchte tatsächlich meine Nähe. Sie erklärte mir, dass sie die Gefühle für mich, die sie tief in ihrem Innersten verborgen hielt, nicht mehr ignorieren konnte. Dass es unfair mir und auch ihr gegenüber wäre. Und alles was ich tun konnte war, ihr mit aller Deutlichkeit zuzustimmen. Auch machte sie aus ihren Gefühlen zu Fox Mulder, dem Kindsvater, kein Geheimnis. Sie sagte mir, dass sie sich dazu entschieden habe, ihr Leben weiter zu führen, auch ohne Mulder. Und sie hatte Recht. Dana Scully und ihr kleiner Sohn verdienten alles Glück dieser Erde. Dann brachte sie schüchtern die Worte hervor, von denen ich seit dem Moment, an dem mir aufgegangen war, was ich für sie empfand, geträumt hatte.
„Ich kann nicht leugnen, dass ich Fox Mulder liebe, aus tiefstem Herzen. Aber ich habe mich in dich verliebt.“ Verliebt, in mich! Hätte ich nicht auf dem Sofa gesessen, so wäre ich wahrscheinlich umgefallen. Ich wusste, wie egoistisch sich Mulder ihr gegenüber immer verhalten hatte, und dass sie trotz allem nicht anders konnte, als ihn weiterhin bedingungslos zu lieben. Aber das hier war eine Wendung, eine vollkommen positive Wendung. Von meinem Schweigen verunsichert, richtete sie eine wichtige Frage an mich. Nämlich, ob ich damit leben könne. Natürlich! Denn ich konnte sie verstehen. Obwohl ich schon seit Jahren geschieden bin, werden die Gefühle, die ich einst meiner Frau entgegengebracht habe, nie ganz vergehen. Und ich glaube, das sollen sie auch nicht. Meine Gefühle zu Barbara machen aus, wer ich heute bin. Und Danas Empfindungen für Fox sind ebenso ein wichtiger Bestandteil ihrer selbst. Und so in etwa erklärte ich ihr das auch. Sie verstand. Mit diesem Gespräch wurden die wunderbarsten Wochen meines Lebens eingeleitet.
Wir waren nahezu unzertrennlich. Zu heiß und tief brannte das Feuer, das zwischen uns entfacht war. Aber es ging nicht um nackte Leidenschaft, nein, um so viel mehr. Wir redeten sehr viel, über Gefühle, Sorgen, Ängste, und die Zukunft. Ja, wir redeten über eine gemeinsame Zukunft, die Dana, William und mich beinhaltete. Ein WIR. Wir lernten, dem anderen ganz und gar zu vertrauen. Wir waren füreinander da, sie war mein Fels in der Brandung, und ich ihre starke Schulter zum Anlehnen. Obwohl sie dies wohl niemals laut ausgesprochen hätte. Und das musste sie auch nicht, es war unnötig. Wir erbauten uns unser eigenes kleines Kartenhaus in der volle Überzeugung, jedem Sturm trotzen zu können. Wie sollten wir auch wissen, dass keine 2 Monate später ein Orkan über das Häuschen fegen würde, um es dem Erdboden gleichzumachen.
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Die Erinnerungen an diese vergangene, doch längst nicht vergessene Zeit durchfluten mich und umhüllen meine Gedanken mit einem bittersüßen Beigeschmack. Mich überkommt das Gefühl, dass die Vergangenheit und die Zukunft - die Ewigkeit – Hand in Hand gehen. Ich brauche nur einen davon anzusehen, um die Anwesenheit des anderen zu bemerken. Dagegen läuft die Zeit, die niemals aufhört, nie vergeht, ewig die Gegenwart bleiben wird, die alle Geheimnisse des Lebens birgt. Und für einen kurzen Augenblick lang, 7 Wochen, die einen winzigen Augenaufschlag für die Ewigkeit bedeuten, habe ich wieder gelebt. Ich habe geliebt, eine Liebe, die an Extremen kaum zu überbieten schien. Zurück bleibt allein mein Hass. Hass auf den Mann, der all meine Träume zunichte zu machen vermochte, auf die Frau, der ich all diese Gefühle entgegenbringe und der es unmöglich war, deren Intensität zu begreifen oder gar zu erwidern. Und erst jetzt erkenne ich den wahren Schuldigen. MICH! Die Erfahrung und die Vergangenheit waren unfähig, mich zu überzeugen, die Vorsicht und die Vernunft hatte ich ignoriert und den erhobenen Zeigefinder der Einsicht hatte ich wohlwissend übersehen. Linderung in weiterem Alkohol suchend, signalisiere ich dem geschäftigen Barmann, meinen Durst zu stillen.
Der Spruch, „Lieber geliebt und die Liebe wieder verloren zu haben, als nie geliebt zu haben“, irrt durch meinen Kopf. Es ist absurd. Liebe... ein Wort, das durch den häufigen und unaufrichtigen Gebrauch nahezu abgenutzt ist. Liebe, wahre, wahrhaftige Liebe hat an Bedeutung verloren. Dieses reine und uralte Gefühl wird von Träumern achtlos ausgesprochen. Doch es liegt in der menschlichen Natur, nach Zweisamkeit zu streben, um dem Alleinsein zu entkommen. Es ist schwer, wahre Liebe zu finden, noch schwerer ist es zu erreichen, dass sie im selben Maße erwidert wird. Vielleicht ist sie auch nur ein Mythos. Ein Mythos ist das, was niemals war, doch immer ist. Verhält es sich mit der Liebe ähnlich? Und obwohl ich nicht fähig bin, Liebe zu definieren, weiß ich doch, dass ich Dana Scully wirklich liebe. Mit allen Konsequenzen. An sie zu denken ist beinahe so selbstverständlich wie zu atmen. Es scheint, als ob ein Teil von ihr in mir lebt, in jeder Tätigkeit, die ich verrichte, jedem Gedanken, den ich habe, ja, sogar in jedem Atemzug, den ich nehme. Es ist nicht so, dass Dana in jede Form meines Denkens passt, vielmehr füllt sie Lücken aus, von denen ich annahm, dass sie niemals ausgefüllt werden würden. Es schmerzt, es schmerzt zu sehr, um weiter über eine bereits verlorene Schlacht nachzudenken. Doch ich bin noch zu nüchtern, um in den ersehnten stumpfen Zustand des Vergessens zu versinken. Erleichterung suchend leere ich mein Glas in einem Zug, hieß das Brennen in meiner Kehle willkommen.
Durch die schmierigen und verstaubten Fenster dringen die ersten Lichtschimmer, Boten des Sonnenaufgangs. Dicht aufsteigender Nebel umhüllt die niemals schlafende Stadt und taucht sie ins Zwielicht. Der Tag bezwingt die dunkle Nacht, ein Tag, der sich an all seine trostlosen Vorgänger anschließen wird, und dem zahlreiche weitere folgen werden.
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Stechende und dumpfe Schmerzen jagen durch mich hindurch und entladen ihre gesamte, schmerzende Macht in meinem Schädel. Laut stöhnend lass ich mich zurück in die Kissen fallen. Was für eine Nacht! Der Standart-Vorsatz bei einem Kater gräbt sich in mein Hirn: „Nie wieder Alkohol!“ Warum quäle ich mich jedes freie Wochenende aufs Neue? Warum kann ich mir diese Frau nicht ein für allemal aus dem Kopf schlagen? Himmel, sie hat jetzt IHN. Sie liebt ihn, er ist der Vater ihres Sohnes, und ich war nur ein billiger Ersatz. Ich habe meinen Dienst getan. Danke Soldat, weggetreten! Schon zu lange trauere ich einer Sache nach, die nie hätte sein sollen. Dana wird seit Wochen keinen einzigen Gedanken an meine Person verschwendet haben.
Wütend gräbt sich meine geballte Faust ins Kopfkissen. Eine zu schnelle Bewegung für meinen geschundenen Körper. Sofort machen sich wieder meine rasenden Kopfschmerzen bemerkbar. Aspirin, ich brauche dringend Aspirin, am besten sehr viel Aspirin. Weder fit, noch sonderlich wach, schleppe ich mich in mein Badezimmer. Irgendwo im Medizinschrank müssen die Pillen doch sein!?
Die Türklingel reißt mich aus meinem weniger erholsamen Schlaf auf der unbequemen Couch. Dumpf dröhnt im Hintergrund eine Dokumentation über das Paarungsverhalten von Erdhörnchen aus dem Fernseher, während ein ungebetener Gast penetrant Einlass fordert. Genervt schalte ich den Fernseher aus und schaue an mir herunter. Tolles Outfit, John! Ein zerknittertes, altes T-Shirt, noch dazu verwaschen und mit einem ausgeleierten Kragen, und eine Trainingshose. Die perfekte Kleidung, um einen Gast zu empfangen. Ohne meinen Besucher eines Blickes zu würdigen, öffne ich die Türe und ziehe mich auf mein Sofa zurück. Mein abweisendes Verhalten war überdeutlich erkennbar . Erst ein leises Schluchzen erstickt mein Desinteresse und ich hebe den Kopf – um in Dana Scullys blaue und traurige Augen zu starren. Ihr vorher perfektes Make-up weist deutliche Spuren von Nässe auf. Sie weint. Meine zuvor fest vorgenommene Zurückhaltung und doch nie vorhandene Abneigung wird von einfacher Sorge vertrieben.
„Dana, was ist geschehen? Ist etwas mit William?“ Obwohl ich das nicht glaube, vielmehr davon überzeugt bin, dass Fox Mulder an ihrer emotionalen Unruhe die Schuld trägt, schaffe ich es nicht, seinen Namen laut auszusprechen. Feigheit. Bevor Dana auch nur ein Wort über ihre Lippen bringen kann, bebt ihr kleiner Körper auf vor lauter Schluchzen. Behutsam dirigiere ich sie auf meine Couch. Die Aversion meiner Lage gegenüber und meine eigenen Sorgen verschwinden, sobald ich auch nur den Hauch eines Problems, das Dana angeht, wittere. All die zahlreichen Versuche, die vorangegangen Geschehnisse aus meinem Gehirn zu radieren, sind hiermit zwecklos. Umsonst! Vorsichtig gehe ich vor ihr auf die Knie und versuche, sie mit einer sanften Stimme zu beruhigen. Nur sehr langsam sammelt Dana sich wieder und bekommt die zuvor hilflosen Schluchzer unter Kontrolle. Nach einer Weile des Schweigens räuspert sie sich kurz und trocknet verstohlen ihre Tränen. Ich übe mich in der Rolle des stillen Beobachters, versuche, sie nicht zu einer Erklärung zu zwingen, obwohl alles in mir nach einer schnellen Antwort verlangt. Unauffällig mustere ich mein Gegenüber, und obwohl ihre Augen rot und geschwollen sind, kann ich Dana einfach nur wunderschön finden. Ihr Anblick verschnürt mir die Kehle.
„Er ist fort, John.“ Fort? Wie kann der Mann es wagen, diese Frau schon wieder zu verlassen? Nach all dem, was bereits geschehen ist. Ich kann nur erahnen, dass Unglaube und Bestürzung in meinem Gesicht geschrieben stehen. Warum tut sie mir leid? Habe ich mir nicht genau das gewünscht? Verdient sie es nicht? Ich weiß nicht, wie oft ich mir diese Variante ausgemalt hatte, wie verzweifelt ich mir gewünscht hatte, Fox Mulder würde genau das hier tun. Und dennoch verspüre ich kein Gefühl des Triumphes. In meiner Vorstellung war es perfekt gewesen, ich hatte es genossen, es genießerisch ausgekostet. Ich hatte mir so fest vorgenommen, sie in diesem Fall genauso schlecht zu behandeln, wie sie es bei mir getan hatte. Und nun knie ich hier zu ihren Füßen und möchte nichts lieber tun, als Dana in meine Arme zu schließen. Dennoch ermahne ich mich, hart zu bleiben. Diese Frau hat mir mein Herz aus der Brust gerissen und zerstört. Umso erstaunter bin ich, dass ich ihr Trost spenden möchte, dass ich ihr versichern möchte, dass morgen alles wieder in Ordnung sein wird. Aber das wird es nicht. Die Schmerzen werden nicht einfach vergehen, sie sind allgegenwärtig. Sie nagen an einem, bis man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. So muss es sich anfühlen, innerlich an Herzschmerz zu sterben.
„Mit welcher Begründung ist er gegangen, Dana? Wo ist William?“ Ruhige Worte, wie sie über meine Lippen gekommen sind, ist mir schleierhaft. Bevor ich eine Antwort bekomme, fährt sich mein Gegenüber mit dem Ärmel über das tränenverschmierte Gesicht. Mit der Mimik eines kleinen Kindes zieht sie nicht sehr damenhaft die Nase hoch, doch ich komme nicht umhin, dies niedlich zu finden.
„Er hat nur einen Zettel hinterlassen“, und ein Schluchzen mischt sich mit ihren Worten. „Es sei nicht gut für ihn, bei uns zu bleiben. Und dass er nicht weiß, ob und wann er wieder zurück kommen wird. Ich...ich habe William zu Mum gebracht. Ich verstehe es einfach nicht, John.“ Abermals bahnen sich Tränen den Weg ihre Wange hinunter. Warum zur Hölle ist sie hier? Glaubt sie, dass ich sie jetzt trösten werde, ihr über den erneuten Verlust hinweghelfen werde? Sie wieder aufbauen werde, damit sie abermals in seine wartenden Arme zurückzukehren kann? Aber etwas wundert mich nicht, nämlich, dass Fox Mulder seinen Egoismus vor die Gefühle der Frau, die er angeblich liebt, und die sein Kind großzieht, stellt.
„Darf ich dir eine Frage stellen, Dana? Warum bist du hier? Warum kommst du ausgerechnet zu mir?“ Ein bitterer Vorwurf, den zu verstecken ich nicht bereit bin, haftet dieser Frage an. Wenn ich diese Unwissenheit länger in mir gefangen halte, ohne sie an die Oberfläche zu lassen, dann bringt sie mich um. Unwillkürlich sinkt Scully tiefer in ihren Sitz, ihre Schultern fallen resignierend nach vorne, während sie ihr Gesicht in den Händen vergräbt. Diese Geste weckt in mir den Wunsch, die Schroffheit meiner Worte zurücknehmen zu können. Doch nicht einmal für sie vermag ich, dies rückgängig zu machen.
„Ich weiß es nicht, ich kann dir diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Es schien das einzig Richtige zu sein, für den Moment.“ Ihre Hände dämpfen den Ton ihrer Stimme merklich.
„Und was genau erwartest du von mir?“ Angst schleicht sich an die Oberfläche. Kann ich der Antwort dieser schwerwiegenden Frage standhalten?
„Du warst immer für mich da, John. Ich weiß nicht, warum ich hier bin, was ich von dir erwarten soll. Ich habe einfach meine Autoschlüssel genommen und dann stand ich vor deiner Türe.“ Klein und hilflos klingt ihre Stimme, nichts scheint mehr von der harten FBI-Agentin übrig zu sein. Und irgendwie macht es mich glücklich, dass Dana mir gegenüber ihre steinharten Fassaden fallen lassen kann. Dennoch fehlen mir die Worte das auszudrücken, was mein Herz zu sagen verlangt. <Bleib bei mir, ich liebe dich, vergiss Mulder, ich verzeihe dir!> Nur einige der unzähligen Varianten, doch verlieren sie sich, werden von mir wieder mühsam hinuntergeschluckt. Dieses ganze Szenario noch einmal mitzuerleben würde mich alles kosten, meinen Willen, meine Kraft und womöglich auch die Fähigkeit, Liebe für eine andere Person zu empfinden. Also schweige ich, sehe Dana aber an. Und obwohl kein Wort meine Lippen verlässt, scheint sie zu verstehen, was ich ihr sage. Stumm und resigniert neigt sie ihren Kopf leicht zur Seite, nicht fähig, mir weiterhin in die Augen zu blicken. Mein Augenmerk ist auf ihr Profil gerichtet. Auf ihre seidige Haut, die das sanfteste ist, was meine Finger je berührt haben. Auf ihr kleines Ohr, hinter dem einige lose Haarsträhnen hängen. Ein Ohr, das ihren sinnlichen Körper zum Beben bringt, sobald ich es sanft berühre. Auf ihren eleganten Hals, der sie, wenn ich mit meiner Zunge darüber hinweg fahre, zum Stöhnen bringt. Auf ihre zierlichen Schultern, die über die Kraft hinwegtäuschen, die in diesem kleinen Körper ruht. Tränen verdrängend, zwinge ich die Frau, die ich über alles liebe, in meine Augen zu blicken und hole zu meinem eigenen, vernichtenden Schlag aus.
„Dana, ich kann dir nicht mehr helfen. Nicht nach dem, was geschehen ist. Ich glaube einfach, dass wir uns so nur noch mehr verletzen würden. Es tut mir aufrichtig leid.“ Ende, aus, vorbei. So fühlt es sich also an, zu sterben. Der Körper wird kalt, eine unheimliche Leere hält Einzug und versucht, die Seele zu verdrängen. Und jetzt kann ich meine Tränen nicht mehr hinunterschlucken. Ungehindert bahnen sie sich ihren Weg über meine Wangen, meinen Hals hinunter, um den Kragen meines T-Shirts zu tränken. Feuchtigkeit hängt in meinen Wimpern und verschwommen nehme ich wahr, dass auch Dana der Tränenflut nicht mehr Einhalt gewähren kann. Hilflos stehen wir einander gegenüber, während die Wogen um uns herum peitschen und über uns hereinpreschen. Rettung ist nicht in Sicht, ich werde ertrinken. Mit einer fahrigen Geste versucht Dana, alle Emotionen abzuschütteln.
„Es..., John, ich gehe jetzt besser.“ Leer und emotionslos klingt ihre Stimme. Tot. Das nächste, was ich wahrnehme, ist das Zufallen der Haustüre.
Ich bin allein.
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Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze. Es ist auch nicht relevant. Irgendwann im Laufe der letzten Monate wurde dieses dunkle Kellerbüro mein Zufluchtsort. Ich sitze hier oft stundenlang nach Feierabend, in absoluter Dunkelheit. Ich denke nach. Über ihn. Die Schwärze macht die Situation nicht einfacher, doch hilft sie mir, diese aussichtslose Lage länger zu ignorieren. Keine gute Strategie, zugegeben. Wäre mir nicht zum Weinen zumute, so würde ich wohl über diese absurde Sache hysterisch lachen. Dies ist der Stoff, aus dem Soap-Operas bestehen. Eine irrwitzige Vorstellung. Eine FBI-Agentin liebt einen männlichen Agenten, ihren Partner. Alles schön und gut, würde dieser Mann nicht seine Ex-Partnerin lieben. Ein Dreieck? Wohl kaum. Denn diese andere Frau liebt ebenfalls ihren Ex-Partner, nur nicht den, den die erste Frau liebt. Kapiert? Doch es kommt noch ein weitere Faktor hinzu. Der Ex-Liebhaber der ersten Agentin, der diese noch immer liebt, sie ihn jedoch nicht. Ich würde diese Serie nicht schauen wollen, zu surreal. Und das macht ironischerweise mein Leben aus.
Aber im Moment hat eine tiefangestaute Wut meine Depression vertrieben. Dana hat John das Herz gebrochen. Ich weiß es, immerhin bin ich die Person, bei der er vor einigen Wochen Trost gesucht hat. Nicht Trost körperlicher Natur, nein, was er brauchte war eine herzliche Umarmung und jemanden, der ihm zuhörte. Also tat ich es, obwohl ich die ungeeignetste Person für diesen Job überhaupt war. Doch ich liebe ihn, also verschluckte ich all meine Gefühle, all die bitteren Worte, die auf meiner Zunge lagen, und tat das, was er von einer guten Freundin erwartete. Ohne Erfolg. Jedes Mal, wenn ich diese tieftraurigen Augen sehe, die hilflos versuchen, das Geschehene zu verstehen, durchleide ich Höllenqualen. Denn eines habe ich begriffen: John liebt Dana Scully mit der gleichen Hingabe, mit der ich ihn liebe. Also leiden wir beide. Ich sollte mit der Freundschaft, die er mir entgegenbringt, entstanden aus dem tragischen Mord an seinem kleinen Sohn, zufrieden sein. Doch kann ich es nicht, weiß ich doch, dass ich diesem Mann nicht nur mein Leben, sondern auch mein Herz schenken würde, wäre es nur in meiner Hand. Doch dem ist nicht so.
Und nun hat er sich auch vor mir zurück gezogen, was mich sehr verletzt hat, doch habe ich es ihn nicht merken lassen. Ich denke, John kann nicht mehr. Der letzte Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt, hat seine Fassaden eingerissen und eine Überschwemmung hervorgerufen. Eine Katastrophe, der er nicht mehr standhalten kann. Er ist geflohen. Und ich mache mir bittere Vorwürfe. Hätte ich ihn zwingen sollen, meine Hilfe anzunehmen? War ich nicht deutlich genug? Weiß er nicht, dass ich immer für ihn da sein werde? Ich weiß, dass nicht ich es war, die ihn vertrieben hat, doch habe ich auch nicht angestrengt genug versucht, ihn aufzuhalten. Jetzt ist er fort und lässt mich mit meinen düsteren Gedanken allein. Ich kann es ihm nicht einmal verübeln, würde ich in seiner Situation wahrscheinlich ähnlich handeln. Ich hoffe nur, dass es ihm gut geht. Und doch wollte er nicht, dass ich ihm folge.
Plötzliches, grelles Licht flutet den Raum und lässt mich meine Augen fest zusammenkneifen. Was zur Hölle? Widerwillig blinzle ich, bis sich meine Augen genug an die Helligkeit gewöhnt haben, nur um Dana Scully anzublicken. Innerlich stöhne ich auf und sacke in meinem Sessel zusammen. Ich mag Dana, aber sie ist im Moment wohl die letzte Person, die ich sehen möchte.
„Was führt Sie zu dieser späten Stunde noch hierher, Dana?“, frage ich, bemüht, meine Stimme höflich klingen zu lassen.
„Monica, ich muss wissen, wo John sich befindet, ich kann ihn nicht erreichen.“ Ein flehender Unterton haftet diesen Worten an. Warum will sie ihn sehen? Will sie, dass er noch mehr leidet? Ich versuche verbissen, all die strafenden und vorwurfsvollen Beschuldigungen, die an die Oberfläche meines Bewusstseins drängen, zu ignorieren, sie zu verdrängen.
„Er hat für ein paar Tage Urlaub genommen“, gestehe ich mit einem harten Tonfall ein. Doch das schreckt die rothaarige Frau nicht ab.
„Es ist wirklich wichtig, bitte, wenn Sie wissen, wo er ist, dann sagen Sie es mir.“ Sie macht mich ungeheuer wütend! Was stellt sie sich vor? Dass ich untätig zusehe, wie sie John weiter verletzt? Nicht mit mir!
„Er ist nicht zu erreichen.“ Mein Ton lässt selbst mich leicht frösteln, und mit einer gewissen Genugtuung nehme ich ein Schaudern der kleineren Frau wahr.
„Sie verstehen nicht, Monica. Es ist von unglaublicher Wichtigkeit, dass ich mit John spreche. Ich muss zu ihm fahren.“ Ihre Stimme vibriert leicht.
„Nein!“, donnere ich. „Wie naiv sind Sie eigentlich? Er will Sie weder sprechen, noch etwas von Ihnen hören, aber erst recht will er Sie nicht sehen!“ Meine Wut geht mit mir durch, ich kann sie nicht weiter kontrollieren. Unmöglich. Unwillkürlich weicht Scully einen Schritt vor mir zurück. Das verwundert mich. Normalerweise lässt sie sich nicht so leicht einschüchtern, noch dazu von einer unbewaffneten Frau. Ich muss wohl einen Nerv getroffen haben.
„Hören Sie, Dana, geben Sie John die Chance, Ihnen entgegenzutreten, wenn er dazu bereit ist“, schlage ich einem etwas versöhnlicheren Ton an, versuche, Scully zu beschwichtigen.
„Er hat mit Ihnen über mich gesprochen?“, ein kleiner Vorwurf ist nicht zu überhören, obwohl sie leise spricht.
„Selbstverständlich, ich bin seine Freundin. Ich bin aber auch Ihre Freundin. Und deshalb verstehen Sie bitte, dass ich hier nur versuche, die Wogen zu glätten. Und wie John richtig erkannt hat, ist Abstand die beste Lösung. Zumindest vorübergehend.“ So sicher, wie ich mich anhöre bin ich bei weitem nicht. Am liebstem würde ich die Frau, die John Doggett zum Weinen gebracht hat, anschreien, sie aus diesem Büro, aus meinem, und vor allem aber aus Johns Leben verbannen. Doch ich mag sie viel zu sehr, was die Sache nicht leichter macht. Würde es sich nicht um Dana Scully handeln, so wäre ich bereits viel brutaler vorgegangen. Langsam und bedacht erhebe ich mich aus meiner sitzenden Position, mustere mein Gegenüber eindringlich. Ihre sonst so akkurat frisierten Haare wirken matt und kraftlos, irgendwie unordentlich. Ihre Augen sind weit aufgerissen und rot unterlaufen. Sie hat geweint. Nässe hängt noch an ihren Wangen. Das Gesicht ist ungeschminkt. Einzig einige Sommersprossen geben ihr etwas Farbe. Sie sieht krank aus. Das erschreckt mich. Dana leidet. Aber vermisst sie Agent Mulder oder John?
“Wissen Sie, ich...“, ein leises Schluchzen, das sie mit einem Räuspern zu verstecken versucht, ist für mich dennoch klar hörbar. „Bitte, Monica. Ich MUSS ihn sprechen.“
Warum versteht diese Frau kein nein. Ein einfaches Wort, vier Buchstaben, N E I N!
„Wollen oder können Sie mich nicht verstehen. Er will Sie nicht sehen, Dana!“ Ich ziehe den Satz unnatürlich in die Länge, vorsuche, meiner Aussage mehr Endgültigkeit zu geben. Ich blicke in ihre Augen, suche nach Verständnis. Ich kenne diesen Blick nur zu gut. Ein Blick von tiefster Traurigkeit. Jetzt ist es an mir, zurückzuweichen.
„Was bringt es Ihnen, John jetzt zu sehen? Glauben Sie nicht, dass ein Treffen alles nur noch viel schlimmer machen wird?“ Nun vernehme ich klar und deutlich Schluchzlaute.
„Ich liebe ihn.“ Nur ein Flüstern, doch drohe ich bei ihren Worten daran zu ersticken. Sie schnüren mir den Hals zu, rauben meinen Atem.
„Sie lieben ihn? Warum, Dana? Weil er im Gegensatz zu Mulder ein Vater für William sein könnte? Weil er ein solides Leben bietet? Weil er Sie liebt, nahezu vergöttert, weil er, ohne mit der Wimper zu zucken, die Sterne für Sie vom Himmel holen würde? Sind Sie wirklich so herzlos, seine Gefühle so schamlos auszunutzen?“ Immer lauter hallt meine Stimme im kleinen Kellerbüro wider. Doch es ist mir egal. Scully schweigt, was mir nur recht ist. Es gibt noch so viel Unausgesprochenes!
„Für wie lange? Wann wird Mulder wieder mit dem Finger schnipsen und Sie haben John vergessen? Verdammt, hören Sie auf, mit ihm zu spielen. Haben Sie eine Ahnung, was für ein unglaublicher Mann John Doggett eigentlich ist? Er ist ehrlich, loyal und großzügig. Wenn er für etwas einsteht, dann mit Herz und Seele. Er ist ein guter FBI-Agent und ein großartiger Vater. Himmel, der Mann kann sogar kochen und bügelt seine eigene Wäsche.“ Geht es nur mir so, oder waren das zu viele Informationen?
„Sie lieben ihn!“ Keine Frage, eine Feststellung. Es ist, als wäre ich ein aufgeschlagenes Buch, in dem Dana Scully gerade nach Belieben blättern kann. Ich schweige, nicht gewillt, dies vor ihr einzugestehen.
“Was ich tue oder nicht tue, trägst nichts zur Sache bei.“ Zu schnippisch, zu abwehrend klingt meine Stimme selbst für meine Ohren. Verständnis blitzt in Danas blauen Augen auf. Entschuldigt sie gerade mein Alpha-Female Verhalten? Das alles hier läuft mir langsam, aber stetig aus dem Ruder. Nun ist es an mir, zuzusehen, wie sich die Lawine, die ich losgetreten habe, ihren Weg in den Abgrund bahnt, alles mit sich reißend, was sich ihr in den Weg zu stellen wagt.
„Wir lieben den selben Mann.“ Ruhig fasst sie das Offensichtliche in Worte. Ja, ich liebe John Doggett. Bei ihr bin ich mir da nicht so sicher.
„Lieben Sie ihn? Oder lieben Sie Mulder? Vielleicht auch nur die Idee, verliebt zu sein“, mutmaße ich. Ich weiß nicht, warum ich dieser Schlacht soviel Energie zuwende, wo ich doch weiß, dass der Krieg bereits verloren ist. Vielleicht widerstrebt es mir einfach nur, eine Sache kampflos aufzugeben. Das habe ich noch nie getan.
„Ich muss zugeben, vor einigen Tagen war ich mir nicht sicher. Aber oft muss man das, was man liebt, verlieren, bevor man sich eingesteht, es jemals geliebt zu haben.“ Warum klingt sie so sicher? Warum versetzen diese Worte meinem Herzen einen Stoß? Lassen es bluten. Verzweifelt klammere ich mich an einen winzigen Strohhalm.
„Sie haben Mulder verloren.“
„Ja, mehrmals sogar, da stimme ich Ihnen zu, Monica. Aber es tut nicht mehr so weh. Dieses Gefühl ist nicht vergleichbar mit den Schmerzen, die mir der Verlust von John bereitet. Ich war dumm. Ich weiß, wie sehr ich ihn verletzt habe, wie irreparabel der Schaden, den ich uns zugefügt habe, ist. Aber sollte ich nicht die Chance haben, dies wieder gutzumachen? Und wenn ich eines in den letzten Tagen gelernt habe, so ist es, was wahre und echte Liebe ist. Bitte, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich John von ganzem Herzen liebe!“
Egoistische Worte, mit einem Funken an Wahrheit. Wenn ich es ihr verwehre, bin dann nicht ich die Egoistin? Denn wenn ich John wirklich so sehr liebe, sollte sein Seelenheil nicht vor dem meinigen stehen? Tief in meinem Innersten suche ich nach einer Antwort. Und ich werde fündig. Ja, ich liebe ihn so sehr. Mir wäre es lieber, dass er glücklich ist, als dass ich ihn weiterhin so leiden sehe. Unauffällig mustere ich meine Konkurrentin, die Frau, die John glücklich zu machen vermag. Ihr ernster Ausdruck und die irgendwie hilflose Art, wie sie vor mir steht, lassen mich an die Möglichkeit glaube, dass ihre Worte wahr sein könnten. Bitte, lass mich nicht die falsche Entscheidung treffen. Wenn ich ihr die Adresse gebe, und es schief geht, wird sich John von mir verraten fühlen. Damit könnte ich nicht leben!
„Ich warne Sie, verletzen Sie ihn noch einmal und ich werde schneller vor Ihrer Haustüre stehen, als sie „Entschuldigung“ stammeln können“, drohe ich der rothaarigen Frau. Doch habe ich mich zu einer Entscheidung durchgerungen. Eine Entscheidung, die mir alles andere als leicht fällt. Bei meinen Worten flackern Scullys Augen hoffnungsvoll auf. Ich habe diese Sache begonnen, ich werde sie jetzt beenden. Wortlos greife ich in meine Schreibtischschublade, fische nach dem kleinen Zettel, auf dem in John unordentlicher Handschrift die Adresse der Blockhütte seiner Eltern in den Wäldern Pennsylvanias aufgekritzelt steht. Ich atme einmal tief ein, bevor ich ihr, ohne sie anzusehen, die Anschrift reiche. Welt tu dich auf! So fühlt es sich also an zu sterben. Ein Seelenwohl für den Preis von zweien. Müsste ich mich jetzt nicht eigentlich gut fühlen? Behutsam wird mir das winzige Stück Papier, das aber die Welt auszumachen scheint, entnommen.
„Ich danke Ihnen, Monica. Ich... ich weiß nicht, was ich noch sagen soll,...es...es tut mir leid!“ Schweigen. Ich weiß es auch nicht. Plötzlich wird mir ihre Anwesenheit im selben Raum zu viel. Die Wände bewegen sich auf mich zu, wollen mich verschlingen. Die Luft wird dünn, ich kann nicht mehr atmen. Nach Luft schnappend drehe ich Dana Scully den Rücken zu.
„Gehen Sie einfach, gehen Sie.“ Ob sie mein Flüstern versteht, ist mir egal. Ich halte es nicht mehr aus. Klaustrophobische Angst macht sich in mir breit. <Geh, hau ab!>
Leise fällt die Tür ins Schloss, während alles über mir zusammenbricht. Krachend falle ich auf meine Knie, keinen Schmerz fühlend. Die Last des gesamten Universums scheint auf meinen Schultern zu lasten, drückt mich erbarmungslos in die Tiefe. Es ist aus, es ist vorbei! Der Krieg ist beendet, Zeit für mich, die Verluste zu zählen, meine Wunden zu lecken und den Schauplatz zu verlassen.
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Langsam bricht die Dämmerung herein, nimmt dem Tag das Licht, doch ruft sie auch all die verschiedenen Geschöpfe des Waldes aus ihren Verstecken hervor. Sanfte Abendröte erscheint am Horizont, gibt den Schäfchenwolken einen bonbonfarbenen Teint. Der große rote Stern sinkt auf dem Bergwipfel nieder, scheint damit zu verschmelzen. Es herrscht Stille, und doch gibt es Tausende von Geräuschen um mich herum. Allerdings nicht die lärmenden und lauten Hintergrundkulissen einer Großstadt. Auch die Luft ist anders. Einfach klar, unbeschmutzt und rein. Ich hätte schon viel früher wieder herkommen sollen, verbinde ich doch einige der schönsten Erinnerungen an meine Eltern mit dieser Hütte, dem Wald und dem naheliegenden See. Jedes Mal, wenn ich hierher zurückkehre, nimmt eine solch atemberaubende Ruhe und Ausgeglichenheit von mir Besitz, dass ich die oftmals düstere Realität zeitweilig vergesse. Es hat den Anschein, als würde ich sie einem Mantel gleich am Waldrand ablegen und mich in die Leichtigkeit des Seins hüllen. Ein massiver Felsbrocken wird bei jedem Besuch hier von meinem Herzen genommen, was mich augenblicklich leichter und unbeschwerter werden lässt. Doch oftmals reicht es nicht mehr, einfach hierher zu kommen. Zu viele Tragödien haben tiefe Wunden verursacht, hässliche Narben hinterlassen. Dann hilft nur noch eines: Frustration abbauen. Und wo könnte ich dies besser tun, als in einem dichten Wald, mit niemanden in unmittelbarer Nähe, der dumme Fragen stellen könnte. Es gibt viele Möglichkeiten: Joggen, Schwimmen oder mein Favorit: Holz hacken. Den geschwungenen Griff einer Axt in den Händen zu halten, die mit bloßer Muskelkraft auf ein Stück Holz herunterschnellt, um dieses entzwei zu spalten, löst in mir ein Gefühl der Befreiung aus. Eine sehr befriedigende Tätigkeit, die einen davon abhält, zu intensiv nachzudenken. Denn an diesem Punkt bin ich noch nicht angelangt. Zu emotional aufgewühlt ist mein Zustand noch. In den letzten Tagen habe ich zugegebenermaßen nicht viel anderes getan. Und der erste Rauch ist bereits verflogen. Einige Steine sind bereits von meinem Herzen gefallen, nicht alle, doch das zu erwarten wäre vermessen. Also fahre ich mit meiner Strategie weiter fort, halte ab und zu inne, um mir etwas zum Essen zuzubereiten oder eine Dusche zu nehmen, dann hacke ich weiter, als würde mein Leben davon abhängen. Abends falle ich todmüde ins Bett, zu fertig, um mir noch Gedanken zu machen. Gedanken über Dana und William, die ich für immer verloren habe. Oder über Monica, von der ich glaube, dass sie mir mehr an Gefühlen entgegenbringt, als pure Freundschaft. Eine unangenehme Situation, erst recht, weil es nicht meine Absicht ist, sie zu verletzten oder gar ihr Herz zu brechen. Also schiebe ich ein klärenden Gespräch vor mir her wie einen mühsamen, aber erforderlichen Frühjahrsputz. Dennoch habe ich erkannt, dass ich diese komplizierte Situation nicht weiter ignorieren kann, dass ich handeln muss, um den Schaden in Grenzen zu halten. Ich hoffe nur, dass es nicht zu spät ist.
Die Sonne ist versunken, hat die letzte Helligkeit geraubt, einzig das Kaminfeuer, das durch die Scheibe zu erkennen ist, spendet mir Licht. Resigniert lasse ich meine müden und schmerzenden Arme fallen, verkeile die Axt im Holz und wische mir mit dem Ärmel meines Hemdes den Schweiß von der Stirn. Denn obwohl die Tage warm und sonnig sind ist es Herbst, und abends kühlt es ganz schön ab. Ich blicke hinab auf die unzähligen Holzscheite, die den Waldboden hinter dem Blockhaus pflastern. Ich glaube, für die nächsten zehn Jahre brauche ich nie wieder Feuerholz zu hacken. Mein Blick geht nach oben, über die Baumwipfel hinaus, um in die sternenklare Nacht zu blicken. Ein Schleier der Schwerelosigkeit legt sich über mich und ich fühle mich den Sternen näher denn je. Fast greifbar erscheint der Große Wagen über mir. Leise seufzend wende ich mich von diesem atemberaubenden Anblick ab und betrete die Hütte. Warme Luft schlägt mir entgegen, das Feuer hat den Wohnraum wohlig gewärmt. Ohne große Umschweife gehe ich direkt in das kleine Badezimmer, streife mir die verschwitzten Kleider vom Leib und lasse diese in einen bereitgestellten Wäschekorb fallen, der bereits zu drei Vierteln gefüllt ist. Mit einem Handgriff betätige ich den Wasserboiler, der kurz darauf zu brodeln beginnt. Dieses Holzhäuschen ist schon alt und der gewohnte Komfort einer Großstadtwohnung ist hier nicht vorhanden. Ein Generator spendet Strom, frisches Wasser muss ich durch eine alte Pumpe selbst gewinnen. Um es zu erhitzen muss ich es aufkochen, oder aber mit dem Boiler zum Duschen erwärmen. Obwohl sich das alles mühsam und unfortschrittlich anhört, macht es mir nichts aus, es gehört vielmehr zu dem fest etabliertem Gefühl, das unweigerlich zu diesem Anwesen gehört. Ich schiebe den Duschvorhang beiseite, und drehe das Wasser auf. Ein heißer, fester Strahl massiert meine müden und schmerzenden Muskeln, lässt sie langsam entspannen. Wasserdampf legt sich in den Raum, vernebelt den kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Schnell massiere ich etwas Shampoo in meine Haare und seife dann meinen gesamten Körper ein. Noch ehe sich das Wasser merklich abkühlt, trete ich wieder aus der Dusche heraus und trockne mich mit einem rauen Handtuch ab, rubble es über meine Haut, bis diese einen aggressiven roten Ton annimmt. Nackt gehe ich ins Schlafzimmer, ziehe mir ein sauberes Paar Boxershorts und eine verwaschene Bluejeans über. Die gesamte Hütte ist so warm, dass ich ohne ein Oberteil meinen Weg zur Küche fortsetzte, um mir ein Thunfischsandwich zuzubereiten.
Ein zögerliches Klopfen an der Holztüre lässt mich innehalten. Behutsam lege ich mein Sandwich auf dem Teller ab und gehe zur Tür. Bereits gestern hatte ich den Besuch eines Wanderers, der von der Dunkelheit überrascht worden war, und die Orientierung verloren hatte. Seufzend öffne ich, um den Störenfried so schnell wie möglich wieder los zu werden. Wer hätte gedacht, dass dieses verlassene Stückchen Wald gar nicht so einsam ist.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, versuche ich, so höflich wie möglich zu klingen.
„Nun, du könntest uns hereinbitten.“
OH MEIN GOTT, diese Stimme kenne ich nur zu gut. Sämtliche motorische Fähigkeiten erlahmen und ich starre mein Gegenüber nur stumm und bewegungslos an. Mein Puls erhöht sich augenblicklich, für eine Begegnung dieser Art bin ich noch nicht bereit. Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn, und meine Knie fühlen sich butterweich an. Tausende von Worten formen sich in meiner Kehle, zwängen sich an die Oberfläche. Ich öffnen meinen Mund, doch dringt nicht ein einziger Ton heraus. Stumm bewegen sich meine Lippen, jeglicher Sprache beraubt. Am liebsten würde ich laut schreien! Ein leises Wimmern dringt an mein Ohr, lässt mich unweigerlich zusammenzucken. Wunderbar, zu einem primitiven Schluchzen scheine ich wohl doch noch fähig zu sein. Dana, die ich noch immer fassungslos anstarre, verlagert das Gewicht ihres Sohnes auf ihre linke Hüfte und fährt Will beruhigend über das schüttere Haar. Sein kleines Gesicht ist rot angelaufen und aufgeplustert.
„John, ich weiß, dass ich wohl die letzte Person bin, die du jetzt sehen möchtest, aber ich muss mit dir sprechen. Bitte.“ Williams blaue Augen füllen sich mit Tränen, und dann fängt der kleine Kerl aus vollem Leibe an zu brüllen. Und plötzlich erwache ich aus meiner wortlosen Starre. Nicht ich war es, der gewimmert hat, sondern William. Und er ist es auch, der mich dazu veranlasst, die Frau, die mich so sehr verletzt hat, in die Hütte zu schieben. Verlegen dreht sich Dana um und betrachtet die spärliche Einrichtung. Und irgendetwas in mir möchte, dass es ihr hier gefällt. Doch sie scheint mehr nach einem Ort zu suchen, an dem sie ihr Baby wickeln kann.
„Du kannst mit ihm ins Schlafzimmer gehen“, biete ich mit einer schwachen Stimme an. Zaghaft nickt sie und ich deute auf die richtige Türe.
„Gib mir deine Autoschlüssel, ich werde seine Sachen holen gehen. Handtücher findest du in der kleinen Kommode im Badezimmer nebenan“, höre ich mich selbst sagen. Ihr dankbares Lächeln, als sie mir die Schlüssel entgegenhält, nachdem sie William vorsichtig auf die Matratze gelegt hat, lässt mich leicht erschaudern. Wieso schafft es diese Frau mit einem einfache Lächeln, dass ich all meine guten Vorsätze einfach über Bord zu werfen drohe?
Ihr Wagen steht direkt neben meinem. Eine kleine bunte Tasche liegt auf der Rückbank neben dem Kindersitz. Zweifelsohne für William. Im Kofferraum befindet sich ihre eigene kleine Reisetasche. Alles in mir verlangt, Dana sofort wieder zurück nach DC zu schicken. Dennoch greife ich einem unbewussten Drängen folgend nach dem Gepäckstück und trage es in das Häuschen. Ich kann es nicht verantworten, sie nach einer stundenlangen und anstrengenden Fahrt ohne Pause wieder fahren zu lassen. Denn obwohl meine Gefühle sich gerade in einem Tumult befinden, sticht weiterhin eines hervor. Meine Liebe zu Dana Scully. Also betrete ich vorsichtig das Schlafzimmer, um Mutter und Kind nicht abzulenken. Bei meinem Anblick breitet sich ein fröhliches Lachen auf dem Gesicht des kleinen Jungen aus und seine kurzen Ärmchen versuchen, nach mir zu greifen! Will glucks fröhlich und sein zahnloser Mund öffnet sich dabei. Unwillkürlich schenke ich ihm ein breites Grinsen, was seine Augen noch blauer strahlen lässt, und ein weiteres zufriedenes Babyglucksen hervorruft. Diese Reaktion löst eine angenehm warme Welle in meinem Körper aus, die nach und nach alles in mir berührt und mein Herz mit einem mir allzu bekannten Gefühl überflutet. Vaterstolz!
“Will hat dich sehr vermisst.“ Ohne mich anzusehen, fährt sie damit fort, ihrem Sohn die Windel zu wechseln. „Ich habe dich sehr vermisst.“ Diese Worte sind so leise gesprochen, dass ich den Atem anhalte, um jedes einzelne zu verstehen. Ich schlucke unbehaglich und versuche, dieses Geständnis zu ignorieren. Verstohlen beobachte ich mein Gegenüber. Ihre gesamte Aufmerksamkeit ist auf Will gerichtet, was mir die Chance gibt, sie unbehelligt einen Moment lang zu mustern. Ihre roten Haare sind zusammengebunden. Einige einzelne Strähnen haben sich gelöst und rahmen ihr zartes Gesicht ein. Ihr Mund ist leicht geöffnet und sie hat in ihrer Konzentration die Zunge leicht herausgeschoben, was unglaublich niedlich aussieht, auch wenn sie mich für diesen Gedanken wahrscheinlich töten würde. Meine Augen wandern über ihren Körper. Sie scheint abgenommen zu haben. Sie meinte immer, sie hätte ihre alten Maße noch nicht erreicht, doch nun wirkt ihre Figur deutlich zu dünn. Mein Blick richtet sich auf ihre Brüste. Nach wie vor zieht mich dieser Anblick magisch an. Schnell wende ich mich ab, um nicht beim Starren auf ihren Busen ertappt zu werden.
Wir beide schweigen. Einzig William gibt kleine gurrende Geräusche von sich. Dann ist Dana fertig. Unsicher schiebe ich mich weiter nach vorne, schaue das erste Mal direkt in ihre Augen. Vage deute ich auf ihren Sohn.
„Darf ich?“, höre ich mich fragen.
„Natürlich!“, versichert sie mir sofort. Vorsichtig nehme ich William auf den Arm. Dieses Gefühl habe ich vermisst. Und William, Gott, wie habe ich meinen kleinen Sonnenschein vermisst. Sanft fahre ich mit einer Hand über den rotblonden Flaum auf seinem Köpfchen.
Warum fühlt sich etwas, das nicht sein soll, so gut an? Dann halte ich es nicht mehr aus, und die Frage, die mich am meisten bewegt, platzt aus mir heraus:
„Warum bist du hier, Dana?“
“Das lässt sich nicht so einfach beantworten“, flüstert Scully leise.
„Wir haben Zeit, versuch’ es zu erklären“, dränge ich sie zu einer Antwort.
„Es gibt so vieles, was ich dir sagen muss, John. Ich weiß nicht einmal, wo ich beginnen soll.“ Ich deute Dana mit einer fahrigen Geste an, auf dem Bett Platz zu nehmen. Mein Schlafzimmer ist der denkbar ungeeignetste Ort für ein derartiges Gespräch, doch traue ich meinen Beinen nicht, mich bis auf die Couch vor dem Kamin zu tragen. Also gebe ich meinem Körper nach und lasse mich ebenfalls auf die Matratze sinken, William noch immer auf dem Arm. Kurz räuspert Dana sich, bevor sie langsam und überlegt zu sprechen beginnt.
„Ich habe einen großen Fehler gemacht, John. Ich weiß nicht, ob du mir verzeihen kannst, ich weiß nur, dass ich diese Kraft sehr wahrscheinlich nicht aufbringen könnte. Doch du bist stärker als ich es je sein könnte. Ich habe dich sehr verletzt, dein Vertrauen, das du in mich gesetzt hast, missbraucht.“ Sie unterbricht sich, und ich würde ihr am liebsten sagen, dass sie die stärkste Person ist, die ich jemals kennen gelernt habe, dass ich schwach bin, doch ich verschlucke diese Worte und schweige.
„Ich habe mit Mulder abgeschlossen. Er wird immer Williams Vater bleiben, aber er hat seine Entscheidung getroffen. Ein Leben ohne Will und mich. Nein, das hört sich falsch an. Ich will dir damit nicht sagen, du seiest zweite Wahl, ganz und gar nicht. Aber erst dadurch habe ich begriffen, was du mir bedeutest. Du weißt, wie schlecht es mir ging, als Mulder mich das erste Mal verlassen hat...“ Ich nicke kurz, sage aber weiterhin kein Wort. „Nun, das ist nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die mir dein Verlust bereitet hat. Ja, ich weiß, ich habe dich verlassen.“ Betroffen schaut sie auf den Boden, findet nicht die Kraft, mich anzublicken.
“Wenn ich mein Leben betrachte, dann gibt es nur wenige Momente, die ich ungeschehen machen würde. Läge es in meiner Macht, dann hätte ich mehr Zeit mit meinem Vater und meiner Schwester verbracht, hätte ihnen gesagt, wie sehr ich sie liebe...Ich hätte versucht, Melissa vor dem Attentat zu schützen. Und ich hätte verbissener versucht, Emily zu retten. Einigen Menschen hätte ich weniger vertraut, anderen umso mehr. Aber grundsätzlich stehe ich zu den Entscheidungen, die ich getroffen habe. Außer einer einzigen. Ich hätte dich nicht verlassen dürfen. Viel zu spät habe ich erkannt, was du mir bedeutest, welche Gefühle du in mir auszulösen vermagst.“ Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Atmung. Nur zu gerne würde ich glauben, was ich hier gerade höre. Aber ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Es gibt noch so viele Varianten, die eintreffen könnten, und die das Gesagte in Staub verwandeln könnten.
„Ich möchte dir gerne glauben, wirklich, Dana!“, bringe ich mühsam hervor. Meine Augen suchen die ihren. Zaghaft nickt sie und seufzt leise.
„Aber du kannst es nicht...“, stellt sie die Vermutung in den Raum, über die ich selbst noch kein Urteil gefällt habe.
„Und wie könnte ich dir das verübeln. Es gibt nur wenige Dinge, über die ich mir einhundertprozentig sicher bin. Gefühle noch weniger. Sie betreffen William, meine Familie und auch dich. Ich liebe dich. Worte, die ich niemals leichtfertig benutzt habe. Auch dir gegenüber nicht.“ Doch reicht diese Liebe aus, um ein ganzes Leben zu überdauern?
“Und wann wird dir wieder aufgehen, dass es eigentlich Mulder ist, den du willst?“ Ich möchte Dana mit diesen Worten nicht verletzen, vielmehr spreche ich meine Befürchtungen vor ihr ehrlich aus. Sie erkennt den Grund dieser Frage, und ihr Blick versichert mir, dass sie ihn versteht.
„Weil ich dir hinterhergefahren bin, und nicht Mulder. Ich will nicht lügen, John. Ich bringe zwei Männern Gefühle entgegen, aber sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Aber ich hatte Zeit nachzudenken. Wirklich ernsthaft zu überlegen, was ich mir für meine Zukunft vorstelle, und auch, was ich ganz gewiss nicht haben möchte. Ich brauche einen Mann, der mich ohne Vorbehalte liebt, und der dabei so großzügig ist und mir die Führung anvertraut. Und genau das hast du getan. Und ich bin gewachsen, meine Gefühle zu dir sind gewachsen. Ja, ich bin in dich verliebt, noch immer, aber was sich maßgeblich geändert hat ist, dass ich dich von ganzem Herzen liebe. Nicht nur als Mann. Ich liebe all deine Fassaden, die ich nur nach und nach zu sehen bekam, die dich zu dem machen, der du bist.“ Sie zögert kurz, versucht sich zu sammeln.
„Es tut mir leid, dass ich mit dir gespielt habe. Ich weiß, das reicht nicht aus, um es wieder gut zu machen. Ich liebe dich und ich möchte meine Zukunft mit dir verbringen. Mit dir alt werden. Mit dir zusammen William aufwachsen sehen. Ich weiß, dass du mich liebst, John. Liebst du mich so sehr, um mir zu verzeihen?“
Ja, bei Gott, das tue ich. Aber habe ich die Kraft, all die Ängste zu überwinden? Und ich entscheide mich, ebenso ehrlich zu ihr zu sein, wie sie es zu mir ist.
„Ich habe Angst, Dana. Ich fürchte den Moment, an dem Mulder zurückkehrt, um das einzufordern, was ihm gehört.“
„Ich gehöre niemandem, weder Mulder, noch dir. Ich bin ein freier Mensch und ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Ich möchte mit dir zusammen sein, nicht mit Mulder. Ich habe dich furchtbar verletzt, doch ich vermag nicht, dies rückgängig zu machen. John, ich bin nicht gut darin, über Gefühle zu sprechen, erst recht nicht, wenn es sich um meine eigenen handelt. Ich habe mit Mulder fast nie darüber gesprochen. Es fällt mir unsagbar schwer. Aber wenn es bedeutet, dass ich dich wieder zurückgewinnen kann, dann werde ich mit dir die ganze Nacht über meine Gefühle reden. Aber wenn ich all meine Gefühle zusammenfassen würde, dann würden nur wenige Sätze genügen, um dies auszudrücken: Ich liebe dich, ich möchte dich zurückgewinnen und es tut mir mehr leid, als du erahnen kannst. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll, wie ich dir beweisen soll, wie sehr ich meine, was ich zu sagen versuche...“
Dann bricht sie ab. Tränen rinnen ihre Wangen hinab, Nässe blitzt mir aus ihren blauen Augen entgegen. Es gibt keine Argumente, die ich ihr entgegenbringen könnte. Sie hat Dinge gesagt, die ich mir so sehr zu hören gewünscht hatte. Wahrheiten, von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt habe. Vorsichtig lege ich das mittlerweile schlafende Kind in die Mitte des großen Bettes.
„Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, dass ich entgegen meiner Vernunft an eine gemeinsame Zukunft glauben möchte, Dana.“ Worte, von denen ich hoffe, dass sie mich niemals wieder einholen werden. Und dennoch durchströmt mich ein Gefühl der puren Erleichterung. Wortlos greife ich nach der Frau neben mir, schließe sie in meine Arme. Sie zittert so sehr, dass ich sie einfach in eine Umarmung ziehe und ihr beruhigend die Stirn küsse.
„Das kann nur ein Traum sein“, haucht sie mit belegter Stimme. Sanft fahre ich mit meiner Hand über ihren Rücken, ihr Stärke gebend. Dann schaut sie zu mir auf, und in diesem Moment taumeln abertausend Schmetterlinge durch mein Innerstes. Eiskalte Schauer werden von heißen gejagt. Ihre Augen sind so klar, lassen mich direkt in ihre Seele blicken. Zuversicht, Hoffnung, Liebe und Erleichterung schwappt von ihr zu mir über und wärmen mich mehr, als es ein heißes Kaminfeuer tun könnte. Und dann merke ich, was das für ein Gefühl ist, das von mir Besitz nimmt. Ich bin glücklich. Mit einem Lächeln auf den Lippen nähert sich ihr Gesicht langsam dem meinen. Ich wiederstehe dem Drang, genussvoll meine Augen zu schließen, als ihre Lippen die meinen sanft berühren. Dann verliert die Zeit ihre Bedeutung. Wir sind wieder eins. Die Grenzen verschwimmen, ich beginne, wo sie endet, aus zwei Individuen wird ein WIR. Liebvoll fahre ich mit meiner Zunge über ihre ebenmäßigen Zähne, was Dana dazu veranlasst, leicht ihre Lippen zu öffnen. Leidenschaftlich fordert ihre Zunge die meine heraus. Meine rechte Hand fährt ihren Rücken hinab und gleitet unter das hellgraue Wolljäckchen, um ihre nackte Haut zu spüren. Ihre Fingernägel fahren über meinen Nacken und lassen mich wohlig erschaudern.
Ein lautes Brüllen lässt uns irritiert innehalten. Sofort wird uns beiden klar, was uns hier unterbrochen hat, oder eher wer. Ein entschuldigendes Lächeln huscht über Danas Gesicht, während sie sich aus unserer Umklammerung löst. Sie wirkt beinahe so, als würde sie befürchten, ich würde meine Bedürfnisse über die ihres Babys stellen wollen. Sanft lasse ich meine Finger über ihren Arm fahren.
„Er muss hungrig sein. Weißt du was, während du ihn fütterst werde ich uns eine Kleinigkeit zu Essen zaubern.“ Mit diesen Worten versuche ich, sie etwas zu beschwichtigen. Dankbar finden ihre Augen die meinen. Ich stehe auf und greife nach der Babytasche, um die Flasche für Will vorzubereiten. Doch Dana schüttelt den Kopf, während sie den Kleinen liebevoll wiegt, um ihn etwas zu beruhigen. Ich halte inne und beobachte Mutter und Sohn.
„Ich stille ihn noch, zumindest morgens und abends einmal. Du... möchtest du hier bleiben?“ Unsicher beginnt sie, die obersten Knöpfe der Jacke zu öffnen.
„Liebend gerne“, gestehe ich. Dann klettere ich hinter sie auf das Bett, lehne mich an und ziehe Dana in meine Arme. Mit einem zauberhaften Lächeln lässt sie sich gegen meine Brust sinken und fasziniert beobachte ich, wie William gierig seinen Hunger stillt. Eine meiner Hände streichelt sanft den kleinen Jungen, die andere die Frau in meinen Armen. Dann dreht Dana ihren Kopf zu mir und abermals küssen wir uns. Dieses Mal ist es kein heißer und verlangender Kuss, vielmehr ein vorsichtiges Herantasten. Nach einer halben Ewigkeit trennen sich unsere Münder voneinander.
“Es tut mir leid“, flüstert sie leise und deutet auf das an ihrer Brust halb schlafende Baby. Zärtlich küsse ich ihren Nacken.
„Nichts, was dir leid tun sollte.“
„Du hast Recht, und außerdem haben wir noch unser ganzes Leben Zeit.“ Unsagbar gerührt bin ich nur noch zu einem stummen Nicken in der Lage. Oh ja, Dana, daran möchte ich glauben!
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2 Jahre später
Soeben ist mir bewusst geworden, welchem schrecklichen Fehler ich vor zwei Jahren erlegen bin. Eine Fehlentscheidung, die nicht nur mein Leben geprägt hat. Ich hätte es wissen müssen. Und die boshafte Stimme meines Gewissens bekräftigt meine Schuldgefühle. Ich habe Schicksal gespielt, und nun wurde mir die Rechnung auf einem silbernen Tablett serviert. Ein hoher Preis für einen Irrtum, dessen Folgekosten sich nur erahnen lassen. Und der Mensch, der den größten Anteil zahlen muss, bedeutet mir auf dieser Welt am meisten. Ironisch, dass ich vor kurzem erst gelernt habe, damit zu leben, dass er eine andere Frau liebt. Es hat mir nicht mehr das Herz zerrissen, wenn John sie in meiner Gegenwart leicht geküsst hat. Nein, er hat es nicht getan, um mich zu verletzen. Es waren eher verstohlene Küsse, als Willkommengruß oder als Ausdruck der Freude. Keiner der Beiden hatte mir ihre Beziehung wie Salz in eine Wunde gerieben. Ich bin nicht mehr innerlich zusammengezuckt, wenn ich seinen Blick aufgefangen habe, der Dana galt. Absolute Liebe und Hingabe, Verständnis und noch viel mehr, was sich nicht in Worte fassen lässt.
John und ich hatten nach seiner Rückkehr aus den Wäldern ein langes und klärendes Gespräch geführt. Ich hatte Angst davor, doch wusste ich, dass dies unausweichlich gewesen ist. Er fragte mich, warum ich es getan hatte. Ich versuchte, ihm mit unschuldiger Mine die Unwissende vorzuspielen, doch er fiel keine Sekunde auf mein Theater herein. Und als ich dann immer noch nicht nachgab, fragte er mich auf den Kopf zu, ob ich ihn lieben würde. Meine Kehle schnürte sich in diesem Moment zu und es war mir unmöglich, all die Klöße, die sich in meinem Hals befanden, herunterzuschlucken. Es war der Moment der Wahrheit und es würde, sobald ich es ausgesprochen hatte, kein Zurück mehr geben. Also bestätigte ich seine Frage mit dünner Stimme und betrachtete meine Schuhspitzen. Seine nächste Frage bescherte mir unkontrollierte Schweißausbrüche. Er wollte wissen, ob ich in ihn verliebt war. Ich war zu keinem Wort mehr fähig, nickte aber zaghaft. Und dann fing ich an zu heulen. Kein leichtes Weinen, nein, herzerschütternde Schluchzer mit einer nicht mehr aufhörenden Tränenflut. John war wunderbar. Er nahm mich in den Arm und spendete mir Trost. Es war ein tolles Gefühl, so nah bei ihm zu sein. Ich war so erleichtert gewesen, dass er sich nicht schockiert oder verunsichert von mir abgewendet hat. Um ganz ehrlich zu sein, nachdem unser größter Schock überwunden war, wurde unsre Freundschaft noch inniger. Er half mir, über ihn hinweg zu kommen. Dafür war ich ihm sehr dankbar. Auch Dana war wundervoll. Keine Spur von Eifersucht oder Missbilligung, wenn John einen Abend bei mir verbrachte. Es kam auch vor, dass er mit Will und mir einen Tag im Park spielte, wenn Dana sonntags in die Kirche und zu ihrer Mum ging. Es war eine wunderbare Zeit, vielleicht zu wunderbar.
Und nun trage ich die Schuld an diesem Desaster. Ich glaube, John wäre damals über Dana hinweggekommen, es hätte lange gedauert, aber er hätte es mit meiner Hilfe geschafft. Nun sieht die Sache wesentlich komplizierter aus. Die beiden sind zu einer Einheit zusammengewachsen. Eine Einheit, die nur noch durch Gewalt und unter starke Schmerzen zu trennen ist. Und genau das ist nun geschehen. So fertig mit der Welt habe ich John noch nie erlebt. Ich wollte ihn nicht fahren lassen, nicht in seinem emotional aufgewühltem Zustand, doch er wollt davon nichts hören. Er meinte, jetzt wäre es an der Zeit, der Sache ins Auge zu sehen und seinen Dämonen zu bekämpfen. Dämonen mit roten Haaren und haselnussbraunen Augen. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um ihn. Zu sehr hängt er an Dana und Will. Ja, Will, ein weiteres Problem. Der kleine Junge nennt John Daddy. Er weiß, dass Fox Mulder sein Vater ist, doch John Doggett ist sein Daddy. Tränen steigen in meine Augen und ich kämpfe nicht einmal gegen sie an. Ich habe nicht nur mich, sondern auch John unglücklich gemacht. Ein nagendes Schamgefühlt nimmt von mir Besitz. Ist er schon daheim angekommen? Was durchleidet er jetzt? Diese und andere Fragen hallen durch meinen Kopf, lassen sich nicht vertreiben. Ich muss mich ablenken! Wahllos greife ich nach meinem Buch, das seit gestern Abend, als ich beim Lesen eingeschlafen bin, noch immer auf dem Couchtisch liegt. Ich öffne es und beginne zu lesen. Müde überfliegen meine Augen die Zeilen, kein Wort wirklich lesend. Für etwa eine halbe Stunde versuche ich, eine einzige Seite in mich aufzunehmen. Es funktioniert nicht. Kein einziges Wort dringt zu mir durch. Dann klingelt mein Telefon und lässt mich erschrocken zusammenzuckend. Teilnahmslos lege ich das Buch beiseite und greife nach dem Hörer.
“Reyes“, melde ich mich kurz angebunden.
„Monica, ich bin es, John.“ Seine Stimme klingt keineswegs niedergeschlagen oder traurig, nein, sie hat einen hocherfreuten Ton.
„John, was ist passiert?“
„Mulder ist wieder fort, er wird noch ein paar Tage in DC bleiben, in einem Hotel.“ Ich könnte schwören, dass John von einem Ohr zum anderen grinst.
„Warum bleibt er da, was hat Dana gesagt?“ Ich verstehe nicht wirklich, was hier vor sich geht, aber ich bin entschlossen, es herauszufinden.
„Er möchte seinen Sohn näher kennen lernen. Was ich verstehen kann. Dana hat zugestimmt.“ Nicht wirklich das, was ich wissen möchte. Noch vor einer knappen Stunde war er überzeugt gewesen, Dana an Fox Mulder verloren zu haben. Abermals. Er stand vor meiner Türe, völlig aufgelöst, und ich musste ihn erst einmal beruhigen, um bruchstückhaft aus ihm herauszubekommen, was denn eigentlich los war. Mulder war aus dem Nichts vor ihrem Haus aufgetaucht und wollte Dana und William jetzt entgültig mitnehmen. Daraufhin hatte ihn Scully gebeten, sie für eine Stunde mit dem Vater ihres Sohnes alleine zu lassen. John starb in dieser Zeit Tausend Tode.
“Ja aber... John...du willst, dass Dana und Will ihn begleiten?“ Entsetzen macht sich in meiner Stimme breit. Was geht hier vor?
„Aber nein, wie kommst du denn darauf.“ Seine Stirn muss sich nun in verwirrte Fältchen ziehen.
„Mulder will die Beiden doch mitnehmen!“ Reden wir aneinander vorbei?
„Ja, das will er. Aber das wird er nicht.“ Entschlossenheit schlägt mir aus dem Hörer entgegen. Ich lasse erleichtert die Luft aus meiner Lunge zischen.
„Sie wollte nur mit ihm allein sein, um ihn zu erklären, dass weder sie noch William ihn begleiten wird. Dass sie nun ein Zuhause hat, einen Ort, wo sie hingehört. Und dass sie mich liebt. Monica, sie hat Mulder gesagt, dass ich es bin, den sie liebt. Kannst du das glauben?“ Reine Euphorie jagt durch mich hindurch.
„Das ist großartig, John!“ Ja, das ist es in der Tat. Nicht nur John hatte Angst vor dem Moment, an dem Fox Mulder beschließen würde, seinen Auftritt zu machen. Und nun ist er verstrichen und John ist als Sieger hervorgegangen. Und ich freue mich für ihn, aufrichtig. Dann höre ich Will auf der anderen Seite der Leitung quengeln.
„Monica, ich muss jetzt Schluss machen, der junge Mann hier hat seine Bettzeit eindeutig überschritten. Ich melde mich morgen noch einmal bei dir, ja?“ Wir verabschieden uns und ich sitze wie versteinert auf der Couch. Diese Situation ist irgendwie surreal. Dann fällt ein gewaltiger Felsbrocken von meinem Herzen. Ich habe mich nicht geirrt! Dieses Gefühl ist atemberaubend. Erneut fangen meine Augen zu tränen an. Doch dieses Mal sind sie aus purer Erleichterung entstanden.
Ich habe nichts zerstört, ich habe etwas geschaffen. Etwas, das mir unendliche Schmerzen bereitet hat, mich aber auch hat wachsen lassen, mich zu dem machte, was ich heute bin. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
„Monica, das hast du verdammt gut gemacht!“
THE END
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