Titel: Family Man
Autor: Blue
Kontakt: bluescully@aol.com
Kategorie: DAGS- Story
Rating: Ohne Altersbeschränkung
Spoiler: Die Basis dieser kleinen Geschichte liegt in dem Film “Family Man”
Short- Cut: Was passiert, wenn man die falschen Entscheidungen trifft? Was passiert, wenn man ja sagt, aber eigentlich nein meint. Was passiert, wenn man eine zweite Chance bekommt?
Disclaimers: Wie ich diesen Teil immer hasse. David und Gillian gehören nicht mir. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen!
Widmung: Ich möchte diese Story Manja widmen. Nicht, weil sie auch mir einmal eine ihrer Werke gewidmet hat. Nein, ich möchte dies tun, weil sie ein ganz besonderer Mensch für mich ist. Wir beide haben zusammen das schönste erlebt, was es wohl auf Erden gibt. Nämlich, Gillian Anderson zu treffen und eine sehr schöne Zeit in London zu haben. Ich werde das nie vergessen. Wir haben immer sehr viel Spaß zusammen und ich weiß, dass sie immer für mich da ist. Schön, dich als Freund zu haben. Danke!
Authors Note: Zum ersten Mal gibt es zu einer meiner Stories einen Soundtrack. Die Lieder, die sich auf dieser CD befinden, könnt ihr am Ende der Geschichte finden.
What if...
you made differend choices…
you said yes instead of no…
you got a second chance…
Damals, es musste sechs Jahre her sein, hatten sich ihre Wege endgültig getrennt. Es hatte ja schon alles früher begonnen, um genau zu sein an seiner Hochzeit, doch vor sechs Jahren erschien der klare Schlussstrich. Sie hatten sich immer geliebt, aber nie zueinander gefunden. Dann entschloss er sich einen anderen Weg zu wählen, indem er jemand anderen heiratete. Damit hatte er ihr sehr weh getan. Es war nicht einfach für sie gewesen. Sie hatte diese Sache über eine sehr lange Zeit ertragen müssen. Doch dann, fünf Jahre später, zog sie weg. In eine andere Stadt, in ein anderes Land, in einen anderen Kontinent. Sie tat diesen Schritt, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Sie ertrug den Anblick eines scheinbar glücklichen Ehepaares nicht mehr. Sie beschloss ein neues Leben zu beginnen und den Mann, den sie über alles liebte endlich zu vergessen. Sie startete ihre Karriere in einem kleinen Theater und lernte sogar jemanden kennen. Sie wollte diesen Mann sogar heiraten, doch kurz vor der Hochzeit machte sie einen Rückzieher. Die Vergangenheit war der Grund. Sie liebte ihn noch immer.
Dieser Mann war mittlerweile sehr berühmt geworden. Er war es schon vorher gewesen, genau wie sie, doch nach ungefähr einem Jahr nachdem sie abgereist war, schaffte er den endgültigen Durchbruch.
Dies ist die Geschichte von David Duchovny, der einen anderen Weg wählte und Gillian Anderson, deren Herz nie aufhörte für ihn zu schlagen.
Sechs Jahre später
24. Dezember
Es war mal wieder soweit. Die Zeit der Liebe hatte begonnen. Eigentlich war sie schon fast wieder vorbei, denn in ein paar Stunden war der 25. Dezember - Weihnachten. Und David hatte es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig alle Geschenke zu besorgen. Téa und er hatten zwar schon alles für die Kinder eingekauft, doch er selbst hatte für seine Frau noch kein einziges Geschenk. Wann sollte er die auch schon besorgen? Er arbeitete immerhin zwölf Stunden am Tag und manchmal sogar noch mehr. So eine eigene Filmproduktionsfirma machte schon die ein oder andere Arbeit. Da musste er wohl oder übel einen Tag vor dem großen Fest raus auf die mit Menschen überfüllten Straßen. Man könnte es auch glatt als Selbstmordversuch bezeichnen, denn wenn man aus diesem Trubel heil herauskam, war das mehr als nur Glück.
David wanderte von einem Geschäft ins nächste. Es kam ihm so vor, als ob sich ganz L.A. gegen ihn verschworen hätte und ihm mit Absicht alles vor der Nase weggeschnappt hätten. David hatte noch nie so etwas gesehen. Dieses Jahr kam es ihm besonders schlimm vor. Etwas gutes hatten die überfüllten Kaufhäuser ja. Er konnte sich ziemlich sicher sein, dass man ihn nicht erkennen würde. Die Menschen waren viel zu sehr mit sich selbst und dem Kaufwahn beschäftigt, als das sie einen Weltstar bemerken würden. Er war aber dennoch mit Sonnenbrille und Hut getarnt. Sicher war sicher.
Nach sechs Stunden hatte er dann endlich alles zusammen. Ein Parfum, Schmuck, Schuhe... alles vom feinsten. Warum auch nicht? Er konnte es sich immerhin leisten.
Gestresst von diesem Einkaufserlebnis ging er auf dem Weg zu seinem Auto noch an Ed´s Corner, einem kleinen Supermarkt vorbei, um sich seinen Lieblingsmilchdrink zu holen.
„Eggnog?“ fragte er, als er den Laden betrat.
„Dieser Eierflip? Im Milchregal,“ sagte der Verkäufer des Ladens und deutete mit dem Finger auf das Milchregal.
„Ok,“ erwiderte David und ging zu dem Regal.
Es verging noch nicht mal eine halbe Minute, als plötzlich die Ladentür etwas unsanft geöffnet wurde. Ein Farbiger betrat den Raum. Er schien um die dreißig zu sein. Hecktisch fuchtelte er mit einem Zettel durch die Luft.
„Sie nehmen doch Lottoscheine an, oder?“ wollte er wissen.
„Richtig,“ antwortete ihm der Verkäufer.
„Sie nehmen Lottoscheine an? Gut, denn ich habe gewonnen, Baby. Ich hab gewonnen! Oh yeah! Der ist Gold wert. Hier sind vier richtige. Kannst du überprüfen. Sechs- Vierzehn- Sechszehn- Neunundzwanzig. Ich hab gewonnen, Junge. Zweihundertachtunddreißig Dollar, Mann. Schotter auf den Tisch.“
Während seines Redeflusses wich der Blick des Verkäufers nicht von ihm. Auch nicht, als er den Schein auf den Tisch legte.
„Der Schein ist gefälscht. Die Kreuze sind nachträglich gemacht worden,“ sagte er dann schließlich etwas mürrisch.
„Was soll das Gefasel, Mann?“
Der Farbige schob den Lottoschein noch näher zum Verkäufer, doch dieser brach auch dadurch nicht den Blickkontakt ab.
„Sie haben sie nachträglich mit Bleistift gezogen. Darauf falle ich nicht rein,“ erwiderte der Verkäufer nun schon etwas lauter.
„Jetzt laber nicht. Der Schein ist echt.“
„Gehen Sie!“ drohte er.
„Du guckst ja gar nicht hin, Junge. Du guckst ja nur mich an. Sieh dir den scheiß Schein an!“
„Raus mit Ihnen! Drehen Sie den Schein jemand anderem an. So, wer war der nächste?“
Der Verkäufer brüllte regelrecht. Doch der Farbige zeigte sich nicht bereit zu gehen. Im Gegenteil. Er schüttelte den Kopf und holte tief Luft.
„Sie verlassen sofort meinen Laden, sonst rufe ich die Polizei,“ versuchte es der Verkäufer erneut.
Nun hatte der Farbige es aber endgültig satt. Er zog eine Pistole aus seiner Jackentasche und schob ihm den Schein mit der Waffe noch näher hin.
Neben David stand eine Frau mit einem Säugling im Arm. Nicht nur sie hatte Angst. David hatte es auch.
„Sieh dir den scheiß Schein an! Sonst kannst du gleich den lieben Gott anrufen, klar?“ drohte er.
„Ich seh ihn mir an. Ganz ruhig. Beruhigen Sie sich.“
David konnte das Szenario nicht länger mit ansehen. Er hatte Angst, keine Frage, doch irgendjemand musste doch etwas tun. Entschlossen ging er zur Theke.
„Kann ich den Schein sehen?“ fragte er mit einem sicheren Ton in der Stimme.
Der Farbige wirbelte herum.
„Wer hat dich denn was gefragt?“
„Ich würde ihn vielleicht von Ihnen kaufen. Ein Geschäft, verstehen Sie?“
Der Farbige ging auf ihn zu und hielt David den Lauf der Waffe an den Kopf.
„Bekloppter Weißer im 2000 Dollar Anzug spielt den Helden und wird abgeknallt. Willst du das in den elf Uhr Nachrichten sehen? Sag, willst du sterben? Willst du wirklich sterben?“
David trat einen Schritt zurück. Sein ganzer Körper war völlig angespannt und er spürte jeden einzelnen Muskel. Dieser Typ war doch total durchgeknallt.
„Nein,“ antwortete David leise.
Er wartete einen Moment, bevor er weitersprach.
„Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag, okay? Ich bezahle Ihnen für den Schein zweihundert Dollar und gehe in einen Laden, wo der Verkäufer noch nicht einen frühzeitigen Tod wünscht. Damit verdiene ich auf die Schnelle achtunddreißig Dollar. Das ist die Idee... Nur ein Geschäft. Das ist alles.“
David versuchte so ruhig wie möglich zu wirken. Dieser Kerl war unberechenbar. Er nahm seinen Blick auch nicht von seinem Gegenüber. Der Blick des Farbigen war skeptisch. Nach ein paar Sekunden und einem kurzen zögern nahm er die Waffe runter und grinste.
„Okay,“ willigte er triumphierend ein, nahm David die Packung Eggnog aus der Hand und ging zur Theke.
„Pech gehabt, Junge. Der Schein ist echt. Verdammt, du hast deine Chance versaut. Komm, gehen wir, David.“
Bevor er raus ging, nahm er noch den Lottoschein vom Tisch. David war erleichtert. Das ganze hätte auch schief gehen können. Dann hätte er wirklich seine Schlagzeilen in den elf Uhr Nachrichten gehabt. Als er das gerade Geschehene erst mal runtergeschluckte hatte, ging er langsam rüber zur Kasse, an der noch immer ein etwas geschockter Verkäufer stand und bezahlte die Packung Eggnog, bevor er auch den Laden verließ.
„Woher haben Sie gewusst, dass ich David heiße?“ fragte David, nachdem sie ein Stück gegangen waren.
„Ich sag zu euch allen David.“
Die beiden tauschten ihre Sachen aus. David bekam den Lottoschein und der Farbige die zweihundert Dollar. Wie abgemacht.
„Schön mit dir Geschäfte zu machen,“ sagte der Farbige und ging.
„Hey! Ähm...Warum laufen Sie eigentlich mit einer Waffe durch die Gegend? Sie könnten in etwas hineingeraten, was Ihnen später Leid tut.“
„Mit dem Leid tun kommst du bei mir an den falschen, David.“
„Bestimmt gibt es Hilfsprogramme oder irgendwelche Unterstützungen...“
„Augenblick mal, warte mal... Was soll denn das sein? Ein Rettungsversuch? Das ist doch bescheuert. Der Mann hier denkt, ich müsste gerettet werden!!!“ lachte der Farbige, während er seine Worte gleichzeitig in die Strasse brüllte.
„Jeder braucht irgendetwas,“ sagte David.
„Und was brauchst du?“
„Ich?“ fragte er verwundert.
„Du hast gesagt, jeder braucht irgendetwas.“
„Ich habe alles was ich brauche.“
„Wow! Muss toll sein, wenn man du ist,“ sagte der Farbige nicht wirklich beeindruckt.
„Ich will ja nicht behaupten, dass es ohne harte Arbeit zu schaffen ist. Ehrliche harte Arbeit und wenn nötig mit Hilfe von Ärzten...“
„Also, ich könnte mich wegschmeißen,“ lachte der Farbige. „Du hast damit angefangen. Vergiss das nicht, David, okay? Du selbst hast dir das eingebrockt,“ fuhr er dann ernster fort.
David sah ihn verwundert an. Was meinte er nur damit? Was hatte er sich selbst eingebrockt? Ehe er weiter darüber nachdenken konnte, drückte der Farbige ihm die Packung Eggnog in die Hand.
„Frohe Weihnachten,“ sagte er noch und schon war er verschwunden.
David blickte ihm verwirrt hinterher. Das war wirklich ein komisches Ereignis. Nach einigen Minuten führte er seinen Weg zum Auto fort und fuhr nach Hause. Es war sehr spät geworden. Téa und die Kinder schliefen schon längst. Aber das war nichts ungewöhnliches. Eigentlich kam er immer so spät Heim. David war nur noch zum schlafen zu Hause. Er und Téa lebten zwar noch miteinander, aber sie lebten nicht mehr zusammen.
Trotz des anstrengenden Tages verspürte er nicht das Bedürfnis, sich neben Téa ins Bett zu legen und zu schlafen. Er ging stattdessen ins Wohnzimmer und legte sich auf die große Couch, um noch etwas fern zu sehen, wobei er dann schließlich doch einschlief.
Es war bereits hell. Die Sonne stahl sich durch die dünnen Vorhänge und zauberte ein herrlich warmes Licht in den Raum. Langsam öffnete David die Augen und blinzelte. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, spürte er eine Art Druck auf seinem Bauch. Er starrte die Decke an. Téa liebte es, sich an seine warme nackte Brust zu kuscheln. Aber Moment mal. War er nicht gestern Abend auf der Couch eingeschlafen? Vielleicht konnte er sich auch einfach nicht mehr daran erinnern, dass er doch noch ins Bett gegangen war. Er musste lächeln und strich ihr durchs Haar.
„Noch zehn Minuten. Bitte, David....Heute ist Weihnachten,“ bekam er als Antwort.
Doch als er die Stimme der Frau hörte, die sich gerade auf ihm einmal um 180 Grad drehte, wurde ihm schlagartig anders. Jetzt war er verwirrt. Ungläubig kniff er einmal ganz fest die Augen zusammen, bevor er sich endlich traute seinen Blick auf die Person zu werfen, die sich so sehr an ihn gekuschelt hatte. Seit wann hatte Téa rote Haare? Oh mein Gott, das war gar nicht Téa. David bekam Panik. Er war wie gelähmt. Wieso war eine fremde Frau in seinem Bett? Nein, wieso lag er mit einer fremden Frau in einem fremden Bett?! Ehe er sich weiter darüber den Kopf zerbrechen konnte, hörte er plötzlich eine Kinderstimme.
„Der Weihnachtsmann! Der Weihnachtsmann! Der hat keine Hosen an...lalalalalala,“ sang ein Mädchen, welches mit einem Baby auf dem Arm in das Schlafzimmer gestürmt kam. Sie musste um die fünf Jahre alt sein. Das Baby, welches ein Junge zu sein schien, musste um die neun Monate alt sein.
David wusste gar nicht wohin er gucken sollte. Er wusste nicht, was er denken sollte, geschweige denn, was er tun sollte. Das waren nicht seine Kinder.
Die rothaarige Frau stöhnte, als die Kinder sich auf dem Bett breit machten und setzte sich auf. Erst jetzt sah David das Gesicht der Frau. Was war das nur für ein Traum? Egal was für einer es war, er wollte so schnell wie möglich daraus erwachen.
„Mami! Mami! Die Sonne scheint! Darf ich jetzt die Geschenke auspacken? Darf ich? Ach bitte. Komm schon, Dad. Steh auf,“ rief das Mädchen hüpfend auf dem Bett.
David kniff die Augen zusammen und hoffte, dass er sich das alles nur einbilden würde, doch als er sie wieder öffnete, war alles genau wie vorher. Er lag mit nur einer Shorts bekleidet in einem Bett, welches nicht seins war, neben ihm Gillian Anderson und zwei Kinder, von denen eins Dad zu ihm sagte. Das konnte doch alles nicht sein. David konnte nicht glauben, was er da sah. Er sprang hysterisch aus dem Bett und zog sich die nächstbeste Jogginghose und ein T-Shirt an und wollte aus dem Zimmer rennen, doch Gillian hielt ihm am Arm fest.
„David? Starken Kaffee!“
David starrte sie für ein paar Sekunden an. Dann rannte er los. Als er die erste Treppe überwunden hatte, kam ihm ein etwa vierzehn-jähriges Mädchen entgegen.
„Hey Dave,“ gähnte sie.
Oh mein Gott! Piper!!!
Er rannte die restlichen Treppen hinunter, bis er endlich im Hausflur angekommen war. Doch dort bekam er den nächsten Schock. Gillians Eltern kamen gerade zur Tür herein.
„Oh, guten morgen, David,“ sagte die Mutter.
„Rosemary...,“ sagte David fassungslos.
Rosemary setzte gerade dazu an, ihn zu umarmen, doch David stieß sie leicht zur Seite.
„Entschuldigt mal,“ sagte er noch, nahm sich eine Jacke von der Garderobe und rannte zur Türe heraus. Wo befand er sich nur? Er war jedenfalls nicht in L.A. Er war noch nicht mal in den USA. Er befand sich auf der anderen Seite der Erde. In London.
Ihm war es egal, dass der kalte Schnee an seinen Füßen brannte oder das er aussah wie der letzte Penner. Er musste einfach nur weg von diesem Ort. Weg von diesem Alptraum. Wieso tauchte Gillian plötzlich in seinem Leben auf? Das hier war ja noch nicht mal sein Leben. Er hatte doch seit längerer Zeit keinen regelmäßigen Kontakt mehr zu ihr gehabt. Es gab keine Zeit dafür. Außerdem hatte er seine eigene Familie und da wollte er jetzt auch wieder hin.
David rannte und rannte. Er hatte richtige Panik. Er konnte doch nicht verrückt sein.
Plötzlich hörte er, wie ein Auto von hinten angefahren kam. Er trat zur Seite und blieb stehen. Das Auto hielt an und die Fensterscheibe fuhr nach unten.
„Hallo, David. Das ganze muss dir furchtbar komisch vorkommen. Spring einfach rein, dann werd ich dich aufklären, einverstanden?“
David traute seinen Augen nicht. Das war doch der Kerl von gestern Nacht. Der durchgeknallte Typ mit dem Lottoschein. Genau, das war es. Der Typ hatte ihn gestern doch abgeknallt und jetzt war er im Himmel. So ein Blödsinn.
„Komm schon rein,“ sagte er erneut.
David zögerte. Nach einem kurzen Moment stieg er ein. Er hatte ja nichts zu verlieren. Schlimmer konnte es wohl kaum noch werden.
Das Auto fuhr los.
„Was geht mit mir vor?“ wollte David wissen.
Er atmete schnell und laut. Er hatte Angst vor der Antwort.
„Kannst du dich nicht ein bisschen zusammenreißen? Du hast dir das hier schließlich alles eingebrockt.“
„Was hab ich denn gemacht?! Ich hab doch gar nichts getan!!“ brüllte David ungeduldig.
„Ich habe alles, was ich brauche.... Klingelt´s bei dir?“
„Haben Sie mir vielleicht was untergejubelt? Bin ich auf Droge und kann nicht runterkommen?!“ kam es nun noch lauter aus seinem Mund.
„Dein Verhalten gestern in dem Laden, David, war eine echt gute Tat. Ich meine, das war für uns alle unheimlich beeindruckend...,“ begann der Farbige.
„Oh Mann! Würden Sie mir bitte erklären, was mit mir geschieht? In einfachen Worten? Und bitte verschonen Sie mich mit diesem Gelaber.“
David war ungehalten. Die Ereignisse, die er heute schon alle erlebt hatte, waren mehr als merkwürdig und er wollte jetzt endlich wissen, was dieser Kerl mit ihm angestellt hatte.
„Man gesteht dir einen Blick zu...“
„Einen Blick? Einen Blick auf was?“
Ein Blick. Toll, und jetzt?
„Das musst du schon selber rausfinden. Du hast mehr als genug Zeit.“
„Mehr als genug Zeit? Wie viel Zeit habe ich?“
„So viel wie nötig und das ist in deinem Fall eine beträchtliche Menge,“ antwortete der Farbige mit einem Seufzen.
David verstand das einfach nicht. Er konnte es nicht und er wollte es nicht. Was passierte da nur mit ihm? So etwas gab es doch gar nicht.
„Okay, hören Sie... Ich will mein gewohntes Leben zurück, ja? Was wird das kosten? Ist das für Sie nicht deutlich genug? Okay, dann deutlicher... Wie viel Geld?“
„So einfach geht das nicht, David. Warum, kann ich dir auch nicht sagen.“
„Wieso?“
David konnte seine Antwort nicht akzeptieren.
„Weil es so Vorschrift ist. Du sollst es selbst herausfinden. Hörst du mir nicht zu?“
„Hach... Herausfinden! Herausfinden!... Was denn??!!“
Am liebsten würde David laut losheulen, doch mit seinem hysterischen Gebrüll versuchte er seine Verzweiflung zu unterdrücken.
„Sei einfach offen dafür, David,“ sagte der Farbige mit ruhiger Stimme.
Plötzlich stoppte der Wagen. Sie befanden sich an der gleichen Stelle, an der David eben eingestiegen war. David starrte aus der Windschutzscheibe. Er versuchte das alles zu begreifen, doch es gelang ihm nicht.
Der Farbige gab ihm eine kleine Tüte.
„Was ist das?“ wollte David wissen.
„Mach es auf.“
Er öffnete die Tüte und holte eine Fahrradklingel zum Vorschein. David klingelte.
„Ist das so was wie ein Signal? Und Sie kommen, wenn ich klingle?“
„Du solltest jetzt aussteigen, David.“
„Aber was soll ich tun?“ fragte er ängstlich.
„Tut mir Leid. Ich kann dir nicht mehr von meiner Zeit widmen. Ich habe noch andere Dinge zu erledigen.“
„Nein, nein. Sie haben mir das angetan. Sie können nicht einfach losziehen und mich alleine lassen.“
Der Farbige zögerte. Seine Finger trommelten auf dem Lenkrad.
„Also gut... Willst du frische Luft schnappen? Steigen wir aus, gehen ein paar Schritte und dabei erkläre ich dir alles, okay?“
„Danke, Mann,“ atmete David auf.
David stieg aus dem Wagen aus. Jedoch nicht der Farbige. Kaum war David draußen, brauste er mit seinem Wagen davon. David stand fassungslos da und blickte die Strasse entlang. Er hatte Angst. Nach einer Weile wand er seinen Blick von der Strasse auf die kleine Tüte. Er musste versuchen mit dieser Situation zurecht zu kommen. Ändern konnte er eh nichts mehr und was auch immer das ganze hier bedeuten sollte, er würde es herausfinden. Denn sonst würde er sein altes Leben wohl nie wiedersehen. Entschlossen ging er die Strasse entlang, auf der Suche nach Gillians Haus. Wo war das nur? Wie sah es aus? In der Panik eben hatte er auf solche banalen Dinge nicht geachtet. Doch er glaubte es nun gefunden zu haben. Dieses William Hill kam ihm bekannt vor. Ein Mann stand in der kleinen Einmündung und brachte den Müll zur Mülltonne. Den konnte er fragen, denn es schien ein Nachbar zu sein.
„Entschuldigen Sie... Ist das hier die Portobello Road?“ fragte er schüchtern.
Der Mann sah David an und fing an zu lachen.
„Hey, da bist du ja. Wo warst du denn?“
Er legte David den Arm um die Schultern und nahm ihn mit zu sich ins Haus. Die beiden gingen in das Wohnzimmer.
„Du siehst furchtbar aus. Ich hatte schon mit dir gerechnet. Gillian hat angerufen und gefragt, ob ich wüsste wo du wärst.“
David stand im Türrahmen und starrte teilnahmslos in die Leere. Der Mann kam auf ihn zu und führte ihn zu der kleinen Bar.
„Hey, komm setzt dich,“ forderte er ihn auf.
David nahm platz. Er verzog jedoch keine Miene oder sagte irgend etwas.
„Fehlt dir was? Du verschwindest am Weihnachtsmorgen und sagst keinem wohin du fährst...“
David entdeckte ein Bild an der Wand, was ihn mit seinem Gegenüber zeigte.
„Wir sind Freunde...,“ stellte er fest.
„Komm, erzähl mir was los ist. Du weißt doch, Mike dein Freund ist immer für dich da.“
„Mike... Ähm... Es war für mich kein guter Tag...,“ faselte David.
„An Feiertagen verdoppelt sich die Selbstmordrate, habe ich gehört... Aber warum erzähle ich dir das überhaupt? Du willst das doch gar nicht hören. Hast du auf der Arbeit Ärger?“
„Ich... Das glaube ich eigentlich nicht,“ gab er ihm als Antwort.
„Es wird doch wohl nicht etwa Gillian sein, oder?“ fragte Mike leicht erschrocken.
David schwieg. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
„Siehst du? So, als ob wir die gleichen Gedanken hätten.“
„Gillian ist meine Frau...“
„Genau, das musst du dir immer sagen, David. Ununterbrochen.“
David und Mike gingen wieder nach draußen. In der Einfahrt vor der Haustüre, die in sein Haus führte, blieben sie stehen.
„Ich weiß... Manchmal denkt man, man hätte die ganze Welt verloren, aber sieh doch mal, was du alles hast. Du hast dieses tolle Haus, drei liebe Kinder, Gillian, die Frau die du seit der ersten Sekunde in der du sie gesehen hast heiraten wolltest... Ihr beide habt das Theater und ihr wohnt in der schönsten Stadt der Welt...“
Mike machte eine Pause und sah David an.
„Und noch was, David. Das willst du vielleicht nicht hören, aber im letzten Sommer, weißt du noch? Da habe ich meine Frau betrogen und ich war drauf und dran alles aufs Spiel zu setzen. Und weißt du noch, was du mir gesagt hast? Du hast gesagt, versau dir um Himmels Willen nicht dein ganzes Leben, nur weil du im Moment nicht so genau weißt, wer du eigentlich bist. Okay? Jetzt geh rein, David.“
Mike drückte David einmal fest an sich und ging wieder rüber in sein Haus. David blickte ihm hinterher. Dann öffnete er die blaue Haustüre und tastete sich langsam in die Wohnung und dann die Treppe hinauf. Als er in der ersten Etage angekommen war, hörte er Gillians Stimme. Sie kam auf ihn zu und starrte ihn an.
„Oh, warten Sie. Bleiben Sie kurz dran.“
Gillian stürmte auf David zu und drückte ihn ganz fest an sich. Erleichtert atmete sie aus und löste sich von ihm.
„Ähm, hallo? Das macht nichts, weil... er ist wieder da. Danke.“
Gillian legte den Hörer auf und putzte sich die Nase. Sie hatte geweint. David sah sie mitfühlend an. Er konnte sich gut vorstellen, was sie von ihm denken musste oder was sie durchgemacht haben musste. Aber für ihn war die Situation ja nicht wirklich besser. Im Gegenteil.
„Kannst du dir vorstellen, was wir durchgemacht haben? Du fährst einfach in aller herrgottsfrüh hier weg. Du sagst mir nicht wohin du fährst oder das du wegfährst und ich sehe dich danach stundenlang nicht wieder. Ich rufe alle unsere Freunde an, ich gebe eine Vermisstenanzeige auf und eben rufe ich sogar in der Notaufnahme an. Welche Sorte von Mann verlässt seine Familie am Weihnachtsmorgen ohne auch nur mit einem Wort zu verraten, wohin er fährt? Welche Sorte von Mann tut denn das??!!“
Den letzten Satz brüllte Gillian schließlich. Sie hatte wirklich eine verdammte Angst gehabt. David hatte so was noch nie getan und sie wusste auch nicht, warum er so was tun sollte. Sie waren so glücklich miteinander und dann passierte so etwas.
„Wo bist du nur gewesen?“ fragte Gillian nun etwas ruhiger.
„Ich weiß es nicht... Irgendwo.... Weißt du, du verstehst das nicht. Ich bin heute morgen hier aufgewacht und das war alles sehr eigenartig. Das hier ist nicht mein Haus und das sind auch nicht meine Kinder. Téa...“
„Herr Gott, Dave. Ich finde das wirklich nicht lustig. Ich bin nämlich wirklich wütend.“
Gillian ging in die Küche. David ging ihr hinterher und griff in die kleine Tüte, aus der er die Klingel holte und klingelte. Doch der Farbige kam ihm nicht zur Hilfe. Es passierte gar nichts. Das Geräusch hatte nur die Aufmerksamkeit des kleinen Mädchens geweckt, die mit ihrem neuen Fahrrad in die Küche gefahren kam. Sie nahm David die Klingel aus der Hand.
„Die ist schön. Danke, Dad,“ sagte sie strahlend und fuhr damit weg.
„Hey, das ist meine. Die brauche ich noch,“ rief David ihr hinterher.
Gillian setzte sich auf einen der Küchenstühle.
„Du warst den ganzen Tag nicht da. Bei den Pfannkuchen nicht und auch nicht bei den Geschenken. Du brauchst sechs Stunden, um das Fahrrad für Annie zusammenzubauen und dann siehst du noch nicht mal ihr Gesicht, wenn sie es auspackt... Du hast Weihnachten verpasst, Dave,“ sagte Gillian enttäuscht.
„Es tut mir Leid.“
„Na ja, wir haben eh keine Zeit mehr. Wir müssen Piper zum Flughafen bringen. Du ziehst dir jetzt was anderes an.“
„Zum Flughafen? Warum?“
„Weil sie über Silvester bei ihrem Dad ist und danach die Schule wieder los geht. Das weißt du doch.“
David sah sie an, als ob sie gerade die Hiobsbotschaft verkündet hätte.
„Was ist jetzt? Kommst du mit oder willst du hier bleiben?“
„Ich bin in zehn Minuten fertig.“
Einige Tage später
Am Morgen...
David erwachte aus einem mehr oder weniger tiefen Schlaf. Es war bereits hell draußen. Als er die Augen öffnete und niemand neben ihm im Bett lag, dachte er, es wäre alles vorbei und er hätte das alles nur geträumt. Doch diese Annahme stellte sich schnell als falsch heraus, als David das Baby schreien hörte. Tief durchatmend stand er auf und hörte, wie Gillian unter der Dusche sang. Er ging rüber zum Kinderzimmer und nahm Josh vorsichtig aus dem Kinderbettchen. Annie saß auf ihrem Spielturm und beobachtete David, der verzweifelt versuchte das Kind zu wickeln. Das Wickeln an sich war ja gar nicht das Problem. Vielmehr wusste er absolut nicht, wo sich die Windeln, die Feuchttücher und der ganze andere Kram befanden, welche man so zum Wickeln brauchte. Annie hatte schon seit gestern bemerkt, dass ihr Dad sich merkwürdig verhielt. Sie zeigte ihm mit dem Finger, wo sich die Dinge befanden, die David suchte.
„Du bist nicht wirklich mein Dad, oder?“ fragte Annie leise.
David war erschrocken. Er zögerte mit seiner Antwort.
„Nein, bin ich nicht,“ sagte er vorsichtig.
„Und wo ist mein wirklicher Dad?“
Annie klang traurig.
„Keine Ahnung, aber mach dir keine Sorgen. Er liebt dich und bestimmt wird er bald wieder hier sein.“
Annie sprang von dem Spielturm und ging rüber zu David. Sie nahm sich einen der Kinderstühle und stellte sich darauf. Aufmerksam betrachtete sie sein Gesicht und nahm es schließlich in ihre kleinen Hände.
„Die haben das ziemlich gut gemacht.“
„Wer?“
„Die Aliens in ihrem Mutterschiff. Du siehst genauso aus wie er.“
„Hey kleines. Sei nicht traurig.“
David nahm Annie hoch auf den Arm und drückte sie fest an sich.
Plötzlich kam Gillian ins Kinderzimmer.
„Hey, ihr drei seid ja noch gar nicht angezogen. Jetzt aber schnell.“
Gillian half David, die Kinder fertig zu machen, um danach mit ihnen zu frühstücken.
„Dave, am besten fährst du die Landstrasse. Es ist schon spät und in der Stadt ist bestimmt Stau,“ sagte Gillian und gab David die Lunchbox für Annie.
David sah sie mit gerunzelter Stirn an.
„Oh nein, Dave. Sieh mich nicht so an. Heute bist du dran,“ lächelte sie.
Aber wohin sollte er denn fahren? In die Schule vielleicht? Und Josh? Annie würde ihm schon helfen. Er nahm Josh auf den Arm und ging mit Annie zum Wagen und fuhr los.
Der Wagen bog in eine Seitenstrasse ein. David hielt an.
„Hier bleiben die Kinder, wenn beide Eltern arbeiten,“ erklärte Annie.
David musste lächeln. Er stieg aus und gab Josh bei der Tagesmutter ab. Danach brachte er Annie zur Schule. Er wusste von Annie, dass er danach wieder nach Hause fahren musste, um Gillian abzuholen und dass sie dann gemeinsam zur Arbeit fuhren. Was würde ihn da wohl erwarten? Und wie sollte er dahin kommen ohne dass Gillian merkte, dass er eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte? Aber in diesem Punkt hatte er Glück. Gillian fuhr und er hatte somit die Gelegenheit sich die Strecke so einigermaßen einzuprägen. Der Weg endete im Londoner West End in der Panton Street. Hier war es also. Das kleine Comedy Theater, welches ihnen beiden gehörte. Er musste zugeben, es war niedlich, aber was zum Henker tat er hier? Ein berühmter Filmproduzent war er hier sicher nicht.
Die beiden gingen rein. David sah sich um. Das Theater war größer, als es von außen aussah. Es war alt, aber irgendwie auch modern. Es war gezeichnet von Gillians Art. Wer ihre Einrichtung kannte, der wusste genau, dass Gillian auch hier Hand angelegt hatte. Es war wunderschön.
„Dave? Gehst du schon mal ins Büro? Ich komm gleich nach. Ich will mir nur schnell die neue Kulisse ansehen.“
David nickte und ging vorsichtig den Gang entlang, der ihn hoffentlich zu seinem Büro brachte. Als er eine Tür entdeckte, öffnete er sie vorsichtig.
„Hey David. Ist Gillian auch schon da?“ fragte ein etwas älterer Mann mit Halbglatze und Brille.
„Äh... ja. Sie wollte sich die Kulissen ansehen,“ antwortete David leicht irritiert.
„Gut, dann können wir beide ja schon mal die Unterlagen der neuen Bewerber durchsehen.“
„Bewerber? Wozu?“
„Na für Masterclass. Gillian plant das doch schon die ganze Zeit mit dir,“ lächelte der Mann.
„Hey Wyn,“ grüßte Gillian den Mann, als sie hinter David zum Vorschein kam.
„Hey Gillian, sollen wir gerade die Bewerbungsmappen durchsehen?“
„Ja, ich hab sie im Büro. Lass uns rüber gehen.“
David und Wyn folgten ihr. Sie betraten einen etwas größeren Raum, der unter anderem mit zwei Schreibtischen und PCs ausgestattet war. Einer gehörte Gillian und der andere ihm. Als er sah, wo sich Gillian hinsetzte war er dankbar dafür, dass er nicht selber herausfinden musste, welcher Tisch seiner war. Er nahm an seinem Schreibtisch platz, wo er ein Foto entdeckte. Es war ein Hochzeitsfoto von ihm und Gillian. Februar 2003... Er war ihr hinterhergereist, als sie nach der Arbeit an Akte X nach London gegangen war. Aber was war mit Téa und seinen Kindern? Er wühlte in seinen Schubladen herum und fand schließlich etwas, das ihm die Antwort auf diese Frage gab. Es war ein Brief von Téa an ihn. Als er ihn durchgelesen hatte, überlegte er kurz. Er musste sich 2002 von ihr getrennt haben, um zu Gillian nach London zu gehen. Téa hatte wohl schon lange geahnt, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann er diesen Schritt tun würde. Sie war ihm nicht böse gewesen. Diese Entscheidung war die beste, auch im Sinne der Kinder. Er hatte Anspruch auf seine Kinder und Téa kam hin und wieder zu Besuch. Er und Téa waren also in Freundschaft auseinandergegangen. Aber warum? Er verstand das nicht. Vor ein paar Tagen war er doch noch mit Téa verheiratet gewesen und jetzt sollte er es nicht mehr sein? Das war doch alles total verrückt und er konnte das einfach nicht begreifen.
„David? Kommst du mal bitte?“ rief ihm Gillian zu und riss ihn damit aus den Gedanken.
David schreckte hoch und legte den Brief beiseite.
Gillian zeigte ihm einige Bewerbungsmappen, die sie ansprechend fand und David stimmte ihr zu. Er hatte zwar nicht wirklich Ahnung davon, aber er hatte im Gespräch erfahren, dass es bei dieser Masterclass Sache um junge Talente ging, die ihre Schauspielkunst unter Beweis stellen konnten und Gillian war so eine Art Lehrerin. Sie hatte das wohl die letzten Jahre jedes Jahr einmal gemacht und sie hatte auch schon den ein oder anderen für Aufführungen in ihrem Theater behalten. Es war also eine gute Sache und David war beeindruckt, was Gillian alles tat. Er war beeindruckt, was Gillian alles geschafft hatte.
Am Abend saß David im Bett und sah fern. Nach einer Weile kam Gillian herein und zog die Vorhänge zu.
„Die Kinder. Sie schlafen. Die Kinder, Schatz. Sie schlafen,“ sagte sie, während sie sich ihre Schuhe auszog.
„Na fabelhaft. Die kleinen Äffchen halten einen ganz schön auf Trab.“
Gillian machte den Fernseher aus und ging rüber zu David. Sie zog ihm die Socken aus.
„Hey, lass mir die Socken an,“ sagte er verwundert.
Gillian lachte nur und machte weiter. David sah sie an und musste lächeln. Als sie ihn von seinen Socken befreit hatte, zog sie sich das Shirt aus.
„Du willst mich,“ stellte David fest.
„Das könnte man so sagen, ja.“
Gillian sprang auf das Bett, setzte sich auf ihn und knöpfte ihm das Hemd auf.
„Ähm, vielleicht sollten wir erst mal eine Flasche Wein aufmachen. Das bricht das Eis,“ sagte David, da er etwas überfordert war.
„Ja, sehr witzig. Es ist halb elf. Um elf schnarchst du, dass die Wände wackeln. Aber süße Idee. Beim nächsten Mal denke ich daran.“
Gillian zog ihm nun das Hemd aus.
„Okay, wie du willst.... Schatz.“
David war sich zunächst nicht sicher, ob er das tun sollte, aber als er sie so sah und ihr in die Augen schaute, bekam er ein eigenartiges Gefühl, welches ihm sagte, dass es richtig war, was er machte. Es war ein sehr schönes Gefühl und er ließ sich schließlich auf Gillian ein. Er gab ihr einen sanften Kuss. Sie zog ihn zu sich und ließ sich auf den Rücken fallen und er lag auf ihr. Sie küssten sich zärtlich. Doch diese Zärtlichkeit wandelte sich schnell in Leidenschaft um. Plötzlich stoppte David und sah sie an.
„Oh Gott, bist du schön,“ flüsterte er.
„Danke, Dave,“ sagte sie und küsste ihn.
„Nein, ich meine es Ernst. Du bist eine Schönheit.“
David setzte sich auf. Gillian tat es ihm gleich.
„Du warst damals schon ein wunderschönes Mädchen.... Aber heute... Du bist eine wirklich wunderschöne Frau geworden.“
Gillian sah ihn mit feuchten Augen an.
„Das du das noch kannst,“ sagte sie leise.
„Was?“
„Das du mich ansiehst, als hättest du mich nicht die letzten 6 Jahre jeden Tag gesehen.“
Die beiden sahen sich tief in die Augen. David fühlte sich plötzlich so frei. Er fühlte sich glücklich.
„Warte, bleib so. Nicht bewegen,“ sagte Gillian und eilte ins Bad.
Dort zog sie sich um und machte sich etwas zurecht. Als sie wieder zurück ins Schlafzimmer ging, fand sie jedoch einen schlafenden David vor. Sie lächelte, ging zu ihm rüber und deckte ihn zu.
„Gute Nacht, Liebling,“ flüsterte sie leise und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Sie zog sich ein T-Shirt über und legte sich neben ihn ins Bett und schlief nach einiger Zeit auch ein.
Tage später...
Am Abend...
Gillian saß in der Küche und las in einer Zeitschrift, bei der sie genüsslich ein Stück Kuchen aß. David kam von einem Männerabend heim.
„Hey, Schatz,“ begrüßte ihn Gillian.
„Hey.“
„Wie war es?“
„Ganz lustig. Aber ich bin froh, dass ich wieder hier bin,“ sagte er, als er den Kühlschrank öffnete.
„Wo ist die Schokoladentorte?“ fragte David.
Gillian verzog ihr Gesicht.
„Meinst du diese Schokoladentorte hier?“
David ging zu ihr rüber.
„Das ist aber mein Stück. Ich hab es extra zurückgelegt.“
Gillian nahm sich ein extra großes Stück mit der Gabel vom Teller und nahm es genüsslich in den Mund.
„Mhhh... Ist die guuut,“ ärgerte sie ihn.
„Gib her.“
„Niemals.“
David schnappte nach ihrem Teller, doch sie zog ihn weg.
„Komm schon,“ bettelte er.
„Tut mir Leid. Darüber wird nicht verhandelt,“ gab ihm Gillian als Antwort.
David sah sie gespielt verärgert an und knabberte unschuldig an seinem kleinen Finger. Plötzlich schnappte er erneut nach dem Teller, doch auch diesmal war Gillian schneller. Sie sprang auf und rannte mit dem Teller davon. Gillian musste lachen und lief durch die ganze Wohnung. Plötzlich stand David vor ihr. Sie rannte zurück, um dann die Treppe hinauf zu rennen.
„Ich will die Torte,“ rief David.
Gillian schmiss sich die Stufen hoch und rettete das Kuchenstück auf der obersten Stufe. David stürzte sich auf sie. Gillian konnte nicht mehr aufhören zu lachen.
„Du willst die Torte?“ fragte sie.
„Ich will sie!“
Gillian nahm den Teller von der Stufe und drückte ihm das Stück mit viel Gefühl ins Gesicht. Sie lachte sich krank darüber. Er sah einfach zuckersüß aus. Im wahrsten Sinne des Wortes.
„Danke,“ sagte David spöttisch.
„Die ist gut, was?“ lachte Gillian noch immer.
Jetzt nahm David das, was noch von der Torte übrig geblieben war und steckte es Gillian in den Mund. Gillian krümmte sich vor lachen. David küsste sie und sie erwiderte diesen Kuss.
„Sag es mir, Dave,“ sagte sie ohne den Kuss zu unterbrechen.
„Was?“
„Du weißt, was ich gerne hören...“
Was sollte er jetzt sagen? Woher sollte er wissen, was sie gerne hörte? Er musste sich schnell etwas einfallen lassen. Er dachte an die Zeit am Akte X Set zurück. An die Zeit vor Téa, als sie zum ersten und auch zum letzten Mal etwas miteinander gehabt hatten. Er erinnerte sich daran, dass Gillian diese Icequeen-Sache zu dieser Zeit immer total witzig fand. Vielleicht war es das? Er versuchte es.
„Du bist meine Icequeen und bringst mich immer wieder zum schmelzen,“ sagte er sicher.
Gillian stoppte. Das war es wohl doch nicht gewesen.
„Toll, Dave,“ sagte sie, stand auf und ging die restlichen Treppen hoch ins Schlafzimmer.
Na super. Das hatte er jetzt wieder einmal toll hinbekommen. Er ging zurück ins Wohnzimmer und entdeckte im Regal einige Videos, auf denen sie Feste oder die Kinder festgehalten hatten. Er zog eines der Tapes aus dem Regal und schob es in den Videorekorder. Es zeigte Gillians Geburtstag vor etwa 5 Jahren. Sie lachten dort und er bemerkte, dass sie wirklich sehr glücklich waren. Er hatte sogar ein Lied für sie gesungen. Er konnte nicht gut singen, aber Gillian hatte es gefallen. Wie schön diese Zeit wohl gewesen zu sein schien. Es machte ihn traurig. Tränen bildeten sich in seinen Augen. Er schaltete den Fernseher aus.
Zwei Wochen später...
14. Februar...
Es war ein morgen wie jeder andere. Der Wecker klingelte und Gillian machte ihn aus.
„Los, Schatz. Du musst aufstehen,“ sagte sie verschlafen.
Mit geschlossenen Augen und noch im Halbschlaf setzte David die Füße vor das Bett und stand auf. Er ging runter in die Küche und machte Milch für das Baby. Kaffee setzte er auch schon mal auf. So wie jeden morgen. Er gab Josh das Fläschchen und ging zurück ins Schlafzimmer. Dort sah er Gillian aufrecht im Bett sitzen. Sie strahlte ihm entgegen und hielt ihm ein Geschenk hin.
„Alles Gute zum Hochzeitstag, Dave...“
Davids Magen zog sich zusammen. Woher sollte er das auch wissen? Er erinnerte sich in diesem Augenblick an das Foto im Büro des Theaters, doch er erinnerte sich nur an Februar. Aber das es heute war.... Verdammt!
„Komm, mach es auf. Bevor du mir zeigst, was du dieses Jahr wieder verrücktes für mich hast, mach erst deins auf.“
„Vielleicht lieber später,“ sagte er eingeschüchtert.
„Nein, komm schon. Packs aus.“
Gillian fuchtelte nervös mit dem Geschenk wild durch die Luft und raschelte mit dem Papier. David ging zu ihr rüber und packte es aus. Als er den Inhalt des kleinen Päckchens in den Händen hielt, war er zu Tränen gerührt. Es waren zwei Karten für das Silverchair-Konzert für den Sommer. Dort hatte damals alles begonnen. Es war eine so schöne Geste und er freute sich wahnsinnig. Umso schlechter wurde sein Gewissen. Er sah wie Gillian ihm erwartungsvoll ihre Hände hinstreckte. Sie freute sich wie ein kleines Kind.
„Bestimmt erwartest du jetzt auch ein Geschenk von mir, aber... aber ich wollte dir das erst heute Abend geben, denn wir haben ja schließlich den ganzen Tag Hochzeitstag...,“ stotterte David.
„Was redest du denn da für einen Blödsinn? Sonst kannst du es doch kaum erwarten bis die Sonne aufgeht. Na los, komm schon...“
Gillian hüpfte auf dem Bett hin und her. Sie war total aufgeregt. Doch als sie bemerkte, dass David nichts sagte, wurde sie ganz still.
„Du hast ihn vergessen... Du hast wirklich unseren Hochzeitstag vergessen,“ sagte sie traurig.
„Ich werd es nachholen. Ich gehe sofort los und werde dir ein Geschenk besorgen. Ich mach es wieder gut,“ flüsterte er.
Ihm tat das so Leid. Ihm schmerzte es in der Brust, wenn er sah, wie traurig Gillian war. Er musste das wieder gut machen.
Am Abend...
David hatte Gillian zum Essen ausgeführt. Er hatte eines der besten Restaurants in ganz England gewählt. Es war gemütlich und im Hintergrund spielte ein Mann Klavier. Er hatte diesen Weg gewählt, da er nicht schon wieder in eines der vielen Fettnäpfchen treten wollte. Immerhin wusste er nicht alles über Gillian und er wollte ihr nichts falsches schenken. Mit so einem schönen Abend konnte man nichts falsch machen.
Die beiden saßen bereits an einem der Tische und studierten die Karte, als einer der Kellner zu ihnen kam.
„Guten Abend. Haben Sie schon gewählt?“ fragte er.
„Wir beginnen mit den Pilzen auf Wachtelbrüstchen, dann die Kalbsmedallions an Himbeer- Trüffel- Sauce und die Jacobsmuscheln an den frittierten Artischockenherzen,“ sagte David.
„Sehr wohl, Sir. Und wenn ich bemerken darf eine ausgezeichnete Wahl.“
„Und dazu eine Flasche Wein... Überraschen Sie uns.“
Der Kellner hatte sich alles notiert und ging.
„Noch ist dir nicht verziehen, du Schlitzohr,“ witzelte Gillian.
„Aber beinahe, hab ich Recht?“
Gillian lachte verlegen.
„Möchtest du tanzen?“ fragte er.
„Ich denke nicht, dass die Leute hier tanzen, Dave.“
„Na sicher tanzen die. Komm.“
David nahm Gillians Hand und zog sie zu sich hoch. Er führte sie zu einer Stelle, die er jetzt zur Tanzfläche gemacht hatte. Der Klavierspieler lächelte ihnen zu. Eng aneinander gekuschelt tanzten sie, bis das Essen serviert wurde.
„Davon musst du probieren,“ sagte Gillian und hielt ihm die Gabel hin.
„Mhh,“ erwiderte David.
Gillian lachte und aß weiter. David schaute sie an.
„Ich sag dir jetzt etwas,“ begann er.
„Ok.“
David holte tief Luft und suchte nach den richtigen Worten.
„Es könnte uns vielleicht weiterhelfen, aber andererseits könnte es alles noch viel schlimmer machen... Ich bin im Leben eines anderen... Ich habe das Gefühl, dass ich das Leben eines anderen lebe. Damals war ich mir immer aller Dinge so sicher, so überzeugt. Ich wusste ganz genau, wer ich war und was ich wollte. Und eines morgens wache ich plötzlich auf und alles hat sich verändert...“
„Zum schlechteren, meinst du?“ unterbrach Gillian leicht erschrocken.
„Nein! Nein, vielleicht ein paar Dinge. Aber im großen und ganzen ist es einfach nur anders. Es ist schon okay, bloß ich war früher ganz anders. Ich war derjenige, der stets wusste, was zu tun war. Ich hatte nie Zweifel. Ich habe nie etwas bedauert...“
„Und jetzt?“ fragte Gillian.
„Jetzt weiß ich es nie. Ich weiß nicht, was zu tun ist.“
„Das weiß ich auch nie,“ sagte Gillian.
„Aber du wirkst immer so sicher.“
„Weißt du, ich frage mich oft, wie es aussehen würde, wenn du damals nicht nach London gekommen wärst... wenn ich nicht deine Ehefrau wäre...“
„Und?“
„Und dann merke ich, dass ich dann alles auslöschen würde, deren ich mir sicher bin... Dich... die Kinder...“
„Gute Dinge,“ sagte David.
„Ja... Welcher Dinge bist du dir sicher?“ fragte Gillian.
„Ich bin mir sicher, dass ich jetzt gerade nirgendwo anders sein möchte als hier mit dir.“
Gillian lächelte gerührt.
Nach dem Restaurantbesuch machten es sich die beiden mit einer Flasche Wein auf der Couch bequem.
„Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, aber ich bin dir nicht mehr böse,“ sagte Gillian.
David gab ihr einen sanften Kuss.
„Du bist so wunderschön,“ sagte David.
Gillian sah ihn an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Mein Gott! Die ganze Zeit über habe ich nie aufgehört dich zu lieben...“ sagte er, als ihm gerade in diesem Moment eines klar wurde.
„Das war es, was du sagen solltest,“ sagte Gillian und umarmte ihn.
David spürte die Wärme, die ihr Körper ausstrahlte. Ihm war gerade klar geworden, was er alles aufs Spiel gesetzt hatte. Was führte er schon für ein Leben? Er hatte eine Ehe, die eigentlich nur zum Schein existierte und eine Frau, die er nicht mehr liebte. Er hatte sie geliebt, das war richtig, doch jetzt war es anders. Er hatte durch seine Arbeit immer den Abstand von zu Hause gesucht, weil er genau so ein Leben, wie er es hier gerade in diesem Moment hatte, immer haben wollte. Tief in seinem Inneren hatte er sich das immer gewünscht, doch er hatte sich gegen dieses Leben und somit für ein anderes entschieden. Aber warum nur? Er hatte es doch immer gewusst. Er hatte immer gewusst, dass er Gillian nie aufgehört hatte zu lieben.
Am nächsten morgen...
Gillian erwachte aus ihren schönsten Träumen. Doch sie lag alleine im Bett. Sie hörte Annie, die draußen sein musste. Gillian ging zum Fenster und schaute in den noch immer verschneiten Garten. Dort entdeckte sie David, wie er mit Annie im Schnee herumtollte.
„Du kriegst mich nicht. Du kriegst mich nicht. Ich lauf dir weg,“ ärgerte David sie.
Doch sie störte sich daran nicht. Stattdessen bekam er einen Schneeball an den Kopf.
„Na warte...,“ sagte David und stürmte auf Annie zu.
Er schnappte sich die Kleine und ließ sich auf den Rücken fallen. Annie saß auf seinem Bauch und David kitzelte sie. Als sie sich beruhigt hatten, sah ihn Annie mit ihren blauen Kinderaugen an.
„Ich wusste, dass du wiederkommst,“ sagte sie erleichtert.
David nahm sie ganz fest in den Arm.
„Annie, ich hab dich so schrecklich lieb.“
Gillian stand am Fenster und beobachtete die beiden. Es war ein so wundervoller Anblick. Sie war zu Tränen gerührt.
Es begann zu schneien.
Am Abend stand David in der Garage und suchte verzweifelt nach Streusalz. Sie würden ohne wohl kaum morgen früh zur Arbeit kommen. Es herrschte das reinste Schneechaos. Im Moment ging es ja noch, aber der Wetterdienst hatte noch weitere Schneefälle gemeldet.
Als er in der nächsten Kiste wühlte, hörte er plötzlich das Geräusch einer Fahrradklingel. David war wie gelähmt. Das war doch nicht etwa die Fahrradklingel? Vorsichtig drehte er sich um. Er sah Annie auf ihrem Fahrrad.
„Was machst du da?“ fragte er.
„Ich klingle mit meiner Klingel,“ gab Annie ihm als Antwort.
An sich war das ja nichts schlimmes. Wer hatte schon Angst vor einer Klingel? Aber das hier war ja keine gewöhnliche Klingel. Er hatte sie die ganze Zeit über nie gehört. Ihn überflog ein komisches Gefühl. Aber es würde schon nichts zu bedeuten haben. Zumindest hoffte er das.
Als er kein Streusalz mehr finden konnte, machte er sich auf den Weg zur nächsten Tankstelle. Die würden so etwas bestimmt haben.
Als er den kleinen Tankstellenladen betrat, stach ihm das Streusalz schon ins Auge. Er packte sich drei Tüten unter den Arm und ging zur Kasse. Als er sah, wer da hinter der Theke stand, schnürte es ihm beinahe die Atemluft ab. Warum war er hier? Warum?
„Sie?“ fragte David verdutzt.
„David, wie geht’s wie stets, mein Freund?“ begrüßte ihn der Farbige überschwänglich.
„Wieso sind Sie hier?“ wollte David wissen.
Er bekam jedoch keine Antwort.
„Ist das da Streusalz? Sieh mal einer an, du bist wohl häuslich geworden. Du hast wohl was kapiert, David,“ sagte der Farbige stattdessen.
„Sie schicken mich nicht wieder zurück,“ sagte David mit einem Anflug von Angst.
Der Farbige reagierte nicht auf Davids Worte.
„Haben Sie gehört? Ich gehe nicht wieder zurück. In das Leben anderer Leute reinzupfuschen und alles durcheinander zu bringen ist nicht fair!“
„Ein Blick kann laut Definition nicht von Bestand sein,“ sagte der Farbige nur.
David sah ihn böse an und suchte das Geld für das Streusalz aus seiner Brieftasche. Als er es ihm auf den Tisch knallte, sah er ihn noch ein letztes Mal an.
„Ich gehe nach Hause. Die Kinder warten auf mich.“
David ging nach draußen. Um Himmels Willen. Es konnte doch jetzt nicht einfach zu Ende gehen! Er fuhr nach Hause.
Leise ging er die Stufen hinauf bis in das Kinderzimmer. Josh schlief. David streichelte ihm durch das weiche Babyhaar und sah ihn für einen kurzen Moment einfach nur an.
Dann ging er zu Annie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Ist es schon morgen, Dad?“ fragte sie verschlafen.
„Nein, Schätzchen. Schlaf weiter.“
Annie schlief auch gleich wieder ein. Sie sah so zufrieden aus.
„Alles Gute, Annie. Ich muss wieder aufs Mutterschiff...“
David weinte fast. Es zeriss ihm das Herz.
Er ging zu Gillian ins Schlafzimmer. Sie saß im Bett und las ein Buch. David setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
„Hey,“ sagte Gillian.
„Hey,“ sagte David mit trockener Kehle.
„Ich habe in den letzten paar Wochen einige Dinge getan, die wohl sehr ungewöhnlich waren...,“ begann er.
„Zumindest war es interessant. So viel ist sicher,“ sagte Gillian lächelnd.
„Ich habe auch ein paar gute Dinge getan, nicht wahr?“
Gillian legte ihr Buch zur Seite.
„Du warst David Duchovny und das ist eine gute Sache,“ gab sie ihm als Antwort.
David nahm ihre Hand in seine und rückte noch näher zu ihr.
„Du sollst dich immer an mich erinnern. Wie ich jetzt bin, Gill... in diesem Augenblick. Du sollst dieses Bild in deinem Herzen bewahren und was auch passiert, du musst es bewahren.“
„Ist alles in Ordnung?“ fragte Gillian besorgt.
„Ja... Bitte, versprich es mir. Du musst es mir versprechen, weil es sonst ist, als wäre es niemals passiert und das ertrage ich nicht,“ flehte David.
„Ich verspreche es.“
„Du musst es noch mal sagen.“
„Ich verspreche es,“ sagte sie erneut.
„Okay.“
David war erleichtert.
„Jetzt komm ins Bett.“
„Gleich.“
David stand auf und ging aus dem Raum. Er wollte sich noch eines der Videos ansehen, damit er noch mehr von diesen schönen Erinnerungen hatte, auch wenn er sie selbst nie erlebt hatte. Gillian war das beste, was ihm passieren konnte und er hasste sich mit jeder Minute mehr dafür, dass er damals, vor all den Jahren diesen Weg nicht gewählt hatte. Was hatte er ihr damals nur angetan als er Téa geheiratet hatte? Sie musste die Hölle durchlebt haben, doch ihn hatte das nicht interessiert. Er war ja glücklich, zumindest hatte er das immer geglaubt. Er konnte nichts anderes tun als zu weinen, als er die Bilder über den Bildschirm huschen sah. Er liebte diese Frau, er liebte die Kinder, er liebte dieses Haus. Er hatte alles, was ihn glücklich machte. Er wollte nicht zurück.
Nach langer Zeit ging er schweren Herzens wieder hoch ins Schlafzimmer zu Gillian. Sie schlief bereits. David gab ihr einen liebevollen Kuss und setzte sich in den Sessel, der in der Ecke des Raumes stand und sah Gillian zu. Sie war so wunderschön. Er brauchte sie so sehr.
Seine Augenlider wurden immer schwerer und schwerer. Er kämpfte verzweifelt gegen die Müdigkeit an. Er wollte nicht einschlafen. David nickte immer wieder kurz ein, bis er schließlich nicht mehr länger konnte und einschlief.
David erwachte im Morgengrauen. Er traute sich zuerst nicht die Augen zu öffnen, da er sich sofort daran erinnerte, woran er gestern Abend gedacht hatte. Als er die Augen dann endlich öffnete, bemerkte er, dass es die Realität war. Er war auf einer Couch aufgewacht. Es war seine Couch. Er war wieder zu Hause. Nein, er war nicht zu Hause. Das hier war nicht sein zu Hause. David sprang auf, zog sich seine Jacke über und eilte aus dem Haus zu seinem Wagen, der ihn auf dem schnellsten Weg zum Flughafen bringen sollte. Er flog nach London.
Mit dem Taxi ließ er sich zur Portobello Road bringen. Er eilte die lange Strasse entlang und suchte nach dem Haus. Da war es. Er klingelte. Ein etwas älterer Herr öffnete ihm die Türe.
„Ist Gillian da?“ fragte David nervös.
„Nein, Miss Anderson wohnt hier nicht mehr,“ antwortete der Mann.
David schluckte schwer. Er rang mit den Tränen. Warum lebte sie hier nicht mehr? Es war doch ihr Haus. Er blickte zu Boden.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte ihn der Mann.
„Nein,“ gab David zurück.
Traurig ging er. Wo lebte sie denn nur? Zurück in die USA war sie sicher nicht. Wen konnte er fragen? Ihm kam eine Idee. Das Theater. Wo war es noch gleich? Genau, in der Panton Street. Mit dem nächsten Taxi fuhr er nach West End. Er hatte Glück. Es war offen. Plötzlich sah er einen ihm bekannten Mann.
„Hey Wyn,“ rief er ihm zu.
Er drehte sich erschrocken um.
„Kennen wir uns?“ fragte er verdutzt.
„Nicht direkt.... ähm, kennen Sie Gillian Anderson? Sie hat doch hier gespielt, nicht wahr?“ fragte er vorsichtig.
„Ja, aber das ist schon eine ganze Weile her. Sie hatte nur hin und wieder einige Gastspiele hier auf unserer Bühne. Aber warum wollen Sie das wissen?“
„Ich bin auf der Suche nach ihr, aber ich weiß nicht wo sie zur Zeit lebt. In der Portobello Road lebt sie jedenfalls nicht mehr.“
„Ja, das ist richtig. Da kommen Sie ein paar Jahre zu spät. Sie hat da nur etwa 1 ½ Jahre gewohnt.“
„Und wo wohnt sie jetzt? Hören Sie, es ist wirklich wichtig. Ich muss ihr etwas wichtiges sagen,“ sagte David überzeugend.
Wyn zögerte. Er war sich nicht sicher, ob er Gillians Adresse bekannt geben sollte. Aber der Kerl schien auf ihn einen vertrauenswerten Eindruck zu machen.
„Also gut, sie wird mir schon nicht den Kopf abreißen, wenn ich Ihnen ihre Adresse gebe,“ sagte Wyn und zwinkerte David zu.
Er nahm sich einen Stift und einen Zettel zur Hand und schrieb ihm die Adresse auf.
David machte sich sofort auf den Weg. Als er vor ihrer Haustüre stand, zögerte er. Doch dann fand sein Finger den Weg zur Klingel. Die Türe öffnete sich wenige Augenblicke später.
„David??“
„Hi,“ begann er schüchtern.
Gillian war so perplex, dass sie gar nicht wusste, was sie sagen sollte. Ihr Mund stand offen.
„Äh... Komm doch rein. Komm rein,“ sagte sie schließlich und machte ihm platz.
„Du siehst großartig aus.... Deine Haare... steht dir wirklich gut.“
„Danke, ähm, ich... Warte kurz.“
Gillian ging in einen Raum, der sich gegenüber der Haustüre befand und holte einen kleinen Karton und gab ihn David.
„Ich wollte ihn eigentlich mit der Post schicken, aber nun bist du ja hier. Es sind nur ein paar Sachen von früher,“ fügte sie hinzu.
David war verwirrt. Warum war sie nur so abweisend zu ihm? Sie hatte ihn noch nicht mal in den Arm genommen. Das war nicht die Gillian, die er kannte.
„Äh... Könnten wir vielleicht einen Kaffee trinken gehen oder so?“ fragte er.
Gillian war dabei sich ihren Mantel überzuziehen, als plötzlich ihr Handy klingelte.
„Ja, hi.... Nein, ist in Ordnung. Ich bin sowieso fertig. Bis gleich.“
Sie legte auf und steckte das Handy in ihre Tasche. Erst jetzt entdeckte David die beiden Koffer in der anderen Ecke des Flures.
„Ich werde nach Afrika fliegen. Ich war schon lange nicht mehr dort. Die Kinder von Buskaid haben mich eingeladen,“ erklärte sie stolz.
„Denkst du manchmal noch über uns nach? Was aus uns hätte werden können?“
David versuchte es erneut, doch Gillian ging nicht auf ihn ein.
„David, wenn ich von meiner Reise wiederkomme oder wenn ich noch mal in L.A. bin, dann trinken wir beide diesen Kaffee zusammen, okay?“
Kaum hatte sie diesen Satz beendet klingelte es an der Haustüre. Es war eine Freundin von Gillian, welche sie zum Flughafen bringen sollte. Die beiden trugen die Koffer zum Auto. David merkte, dass es keinen Sinn hatte. Enttäuscht ging er mit dem Karton davon.
Nachdem er eine Weile gegangen war, setzte er sich auf eine Bank und betrachtete den Karton. Er hob den Deckel ab und fand darin Dinge, die er mit Gillian und einer schönen Zeit verband. Unter anderem fand er darin die alten Silverchair-Konzertkarten von damals. Er atmete schwer. Wie konnte Gillian das alles nur vergessen? Bedeutete er ihr denn rein gar nichts mehr? War er noch nicht mal ein Freund für sie? Er musste zugeben, dass er sich ihr gegenüber nicht korrekt verhalten hatte. Er hatte sich so lange nicht mehr bei ihr gemeldet und dann stand er plötzlich vor ihrer Haustüre. Er hätte wahrscheinlich nicht viel anders reagiert. Dennoch tat es ihm unendlich weh. Er wünschte sich das Leben, welches er für einige Wochen mit ihr leben durfte zurück.
Plötzlich sprang er auf. Er konnte jetzt nicht aufgeben. Er lief die Strasse entlang und suchte nach einem neuen Taxi, welches ihn dann zum Flughafen Heathrow brachte. David rannte in das Flughafengebäude und überflog hastig die großen Tafeln, auf denen man die Abflüge ersehen konnte. Er eilte zu ihrem Gate. Sie war gerade dabei einzuchecken.
„Gillian! Das darfst du nicht,“ rief er durch die Menge.
Gillian drehte sich herum. Alle Leute starrten ihn an.
„Steig nicht in das Flugzeug. Trink jetzt mit mir den Kaffee. Das ist alles, worum ich dich bitte!“
Gillian ging zu ihm rüber. Was tat er da nur?
„David? Was willst du hier? So eine Art Schlussstrich? Nach all den Jahren? Den kannst du haben. Mir geht es gut... Es hat mir damals das Herz gebrochen, doch jetzt geht es mir wieder gut. Ich habe es überwunden und du solltest dass auch tun... Es, es tut mir leid.... Ich muss jetzt einsteigen...“
Gillian setzte zum gehen an. Ihr Weg bahnte sich zurück zum Check-In Schalter. David war hin und her gerissen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er war drauf und dran auch jetzt wieder die falsche Entscheidung zu treffen, doch diesmal wollte er es nicht vermasseln.
„Wir haben ein Haus in der Portobello Road. Wir haben drei Kinder... Annie, Josh und Piper...“
Gillian drehte sich wieder um.
„...Annie ist ein bisschen altklug, aber das wirkt nur so, weil sie immer sagt, was sie denkt. Und wenn sie lächelt.... Und Josh, der hat deine Augen. Er sagt nicht viel, aber wir wissen, er ist nicht dumm. Er hat immer die Augen geöffnet. So, als... als würde er uns zusehen und manchmal, da sieht man ihn an und weiß ganz genau, dass er gerade etwas gelernt hat...“
Gillian kam immer näher auf ihn zu.
„...Das hat etwas wunderbares. Und Piper, sie entwickelt sich zu einer richtigen Frau. Sie ist zwar die meiste Zeit nicht bei uns, doch wenn sie da ist, dann ist unser Glück perfekt. Und wir... wir haben das Theater. Es war nicht leicht, doch gemeinsam haben wir es geschafft... Und wir lieben uns...“
David ging die letzten Schritte auf sie zu.
„Nach sechs Ehejahren sind wir immer noch unendlich verliebt ineinander. Ich darf dich nicht mal anfassen, ehe ich es nicht gesagt habe... Ich singe für dich... Nicht ständig, aber zu besonderen Anlässen singe ich für dich... Und noch eins... Du bist ein besserer Mensch als ich und ich bin durch dich ein besserer Mensch geworden... Ich weiß nicht, ob ich mir das alles nur eingebildet habe... Vielleicht war das alles nur ein Traum, Gillian. Aber ich schwöre, nie habe ich etwas wahrhaftiger empfunden. Und wenn du jetzt in das Flugzeug steigst, dann wird es nie wahr... Ich weiß, wir könnten beide so weiterleben wie bisher und es würde uns beiden gut gehen, aber ich habe gesehen, was wir gemeinsam sein können... und ich wähle uns... Bitte, Gillian. Trink mit mir den Kaffee. Du kannst danach immer noch verreisen, nur bitte... nicht jetzt...“
Stille.
Gillian starrte ihn an. Was er da eben gesagt hatte, hatte sie sprachlos gemacht. War er tatsächlich den ganzen Weg hierher gekommen, um ihr das zu sagen? Sie hatte nie aufgehört ihn zu lieben. Hier in London hatte sie die nötige Distanz zu ihm gefunden. Doch ganz vergessen hatte sie ihn nie. Die Beziehung mit Julian konnte sie auch nicht aufrecht erhalten. Die Gefühle für David hatten sie immer wieder besiegt. Und jetzt stand er hier vor ihr. Bereit für ein anderes Leben. Sie freute sich eigentlich sehr darüber, dass er es endlich geschafft hatte und seinem Herzen gefolgt war, auch wenn sie es ihm gegenüber nicht zeigen konnte. Doch sie dachte auch an Téa und seine Kinder. Überhaupt überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf. Aber sie würde das alles wohl noch herausfinden.
„Okay, Dave. Trinken wir jetzt den Kaffee.“
Sie nahm seine Hand und wählte den Weg in eine neue Zukunft. In ein neues Leben. In das Leben von Gillian Anderson und David Duchovny.
ENDE
© Dezember 2003
Feedback bitte anà bluescully@aol.com
Autorenbemerkung:
Das Ende dieser Geschichte könnte auch der Anfang einer neuen sein...
Liederliste des Family Man Soundtracks:
This could be heaven by Seal
Wicked Game by Chris Isaak
One by U2
You stole my bell by Elvis Costello
I don´t know how I got by by Edwin McCain
World looking in by Morcheeba
Once in la lifetime by Talking Heads
To be with you by Mr. Big
La La (Means I love you) by Deltafonics
Eres Tu by Mocedades
Blues Bonus Tracks:
Weekend in New England by Barry Manilow
London Rain by Heather Nova
In my place by Coldplay
Baby, now that I´ve found you by Alisson Krause
Whererver you are by Celeste Prince
Sweet Surrender by Sarah McLachlan
Ophelia by Natalie Merchant
Love Hurts by Nazareth (für Manja)
Miss you love by Silverchair (Super DAGS- Bonus Track)