Zug-Vogel-Flug
Schneeweiße Zaubervögel zum Fliegen geborenEin Singen liegt in der Luft. Zuerst ist es nur ein Summen, dann ein immer mächtiger anschwellendes Rauschen. Und endlich sind sie da, die weißen anmutigen Zaubervögel. Ganz klein noch scheinen sie in großer Höhe, im unendlichen Blau der klaren Luft schweben sie ein und sinken herab. Dabei drehen sie drei, vier Runden, starten dicht über den rauschenden Wellen noch einmal durch, und die ganze Formation zieht mit machtvollem Schlagen der mächtigen Schwingen eine letzte Runde. Nein, eine Ehrenrunde ist es nicht, aber ein Schwan, der bis zu 23 Kilo wiegt und damit unser schwerster Vogel ist, hat trotz seiner 2,70 Meter Flügelspannweite seine Startschwierigkeiten und natürlich auch seine Landeprobleme. Er muss korrekt auf die Windrichtung achten, und er weiß natürlich auch, dass er es gegen den Wind leichter hat. Je stärker der aber bläst und stürmt, desto wichtiger ist es, klug mit der Thermik umzugehen. So sinken die Schwäne herab, mit vorgestreckten Ruderfüßen auf der Wasseroberfläche schlitternd und mit suchend abwärts gebogenem Hals, um die Landepiste zu mustern. Schon beim Landeanflug winkelt der Höckerschwan die Handschwingen der Flügel ein, als hätte er Landeklappen ausgefahren. Kurz vor dem Aufsetzen stellt er noch einmal seine Schwingen bremsend senkrecht in Fahrtrichtung hochkant, um im Auslauf des Fluges langsam in das Wasser einzutauchen, das unter seiner Wucht hoch aufgischtet und aufspritzt in einem sonnendurchglühten Tropfenregen. Zuweilen fährt er auf den Rudern ein Stück Wasserski oder auf Spiegeleis rennt und schlittert er noch ein Ende dahin, bevor er endgültig zum Stehen kommt. Bei steifer Brise und Sturm steht er wohl auch am Ende der Landung wie ein Drachen einen Augenblick still in der Luft und setzt dann sanft senkrecht auf, wie ein Buschpilot. Als Gruppe schätzen alle Schwanenarten der Welt den Formationsflug , weil er Kräfte spart. Sie verteidigen hingegen Kräfte vergeudend ihr Revier und eilen jedem Rivalen in gnadenlosem Zorn entgegen und jagen ihn kreuz und quer über den See, bis er flieht. Solche Kurzstreckenflüge flach über dem Wasser, kosten beide Gegner gewaltige Energie, weil sie ihr hohes Gewicht oft blitzartig aus dem Wasser wuchten müssen, um in die Luft zu kommen, und so plumpsen sie dabei oft mit vorgestellten Landeklappen wieder hinein. Wenn sie gar vor einem Steilufer mit Rückenwind hochkommen müssen, wird dieser Kampfstart zuweilen zur Katastrophe, die ein Schwanenleben kosten kann. Ein klassischer Start verläuft anders. Aber auch hier kostet es Kraft mehr als 20 Kilo in die Luft zu bringen, viel Energie sogar, und umso mehr, je geringer der Wind ist. Ihre Startprobleme erkennt man, wenn sie mit weiten Schritten über das Wasser, das Eis oder gar auf Wiesen dahinrennen und hart mit den mächtigen Schwingen schlagen. Es faucht und pfeift, es prasselt sobald die Wasserperlen aufstieben. Für den ersten Anlauf, bis der Körper einmal aus dem Wasser heraus ist, braucht der Schwan 15-20 m. Dann senkt er den Hals zur Waagerechten. Schließlich gleiten nur noch die Schwanzfedern über das Wasser dahin, die Ruder sind frei und schlagen in schnellem Takt auf die Wellen. Schwan startet Aber auch jeder Flügelniederschlag berührt noch spritzend das Wasser. Unmerklich gewinnt der Schwan an Höhe, bis endlich die Ruder lang nach hinten gestreckt sind und die Schwingen frei in der Luft bis tief nach unten durchschlagen können. Von jetzt an ist auch das seltsam singende Fluggeräusch zu hören, das nur der Höckerschwan hat und das gewiss auf dem Zug auch zur Stimmfühlung bei Nebel und Nacht wichtig ist. Einmal in der Luft und auf Fahrt, schrauben sich die herrlichen Märchenvögel immer höher, bis sie ihre Reiseflughöhe erreicht haben. Schwan im Tiefflug (-) Doch sind sie besser beraten weiterzuziehen, ehe sie auch hier der Winter einholt und sie dennoch südwärts weiterziehen müssen. Ein russisches Sprichwort sagt, dass sie den Winter auf ihren Schwingen tragen. Ziehen sie schlagartig weiter, folgt immer eine Kälteperiode. Auf der Winterreise ist ihre Leistung gewaltig, und die in ihren Ursprungsgebieten in Nordrussland, Baltikum, Ostpreußen, Polen und Mecklenburg brütenden Höckerschwäne, insgesamt rund 140.000 Paare, beginnen Anfang Oktober mit ihrem Zug, bei dem sie sehr hoch fliegen, um am Rande geeigneter Hochdruckzonen die starken Jetstreams zu nutzen. Im Dezember 1967 wurden von einem Flugzeug aus ziehende Singschwäne über den Hebriden beobachtet, die in einer Höhe von 8.200 m flogen, wo die unglaublich niedrige Temperatur von -48 Grad C herrschte. Sie waren in Island vermutlich im Morgengrauen aufgebrochen, und man hat nachkalkuliert, dass sie ihr Ziel in Irland in nur 7 Stunden erreichen würden. Erstaunlicher Weise bringt ihnen der schnelle Zug in dieser Höhe keine Atem- und Kreislaufprobleme. - Poesie der wilden Schwäne - Wolfgang Alexander Bajohr - Vogelzug: Auf in den Süden Der Vogelzug ist ein weltweites Phänomen, das
den Menschen seit jeher zweimal im Jahr in großes Staunen versetzt.
Auf allen Kontinenten wandern unzählige Vögel unterschiedlicher
Körpergröße über Strecken, die je nach Spezies mehrere
hundert oder gar tausend Kilometer lang sein können. (-)
Die Zugrouten Auf ihrem herbstlichen Weg in den Süden wählen die Vögel zwei Hauptrouten sowie einige weniger stark frequentierte Nebenrouten. Die westliche Hauptroute führt von Deutschland über Frankreich, Spanien und die Straße von Gibraltar nach Nordafrika. Von dort aus fliegen einige Arten über die Sahara weiter in Richtung Westafrika, zum Beispiel in den Senegal. Das Überqueren der Sahara findet vor allem in den kühlen Nachtstunden statt. (-) Die zweite Hauptroute des jährlichen Vogelzugs erstreckt sich über den östlichen Teil Europas. Sie verläuft über Österreich und Ungarn, dann über das ehemalige Jugoslawien und Griechenland. Anschließend überqueren die Zugvögel in der Nähe von Istanbul das Marmarameer beziehungsweise den Bosporus, überfliegen die Türkei und rasten später in großer Zahl in Israel, wo die Tiere im Rahmen eines internationalen Projekts erforscht werden (-). Von Israel aus ziehen sie gestärkt weiter in Richtung Nordafrika. Nach dem Durchfliegen der im Norden des Kontinents gelegenen Wüsten finden sie sich schließlich in ihren ostafrikanischen Überwinterungsgebieten ein. Eine dritte Flugstrecke führt vor allem Sing- und Greifvögel über Italien nach Malta und von dort aus nach Nordafrika sowie über die Sahara. Auch auf Zypern oder auf den Balearen finden sich in jedem Herbst gefiederte Gäste ein, die dort im Winter verweilen wollen. (-) ...mit einem relativ milden Winterklima gesegneten Insel Mallorca, viele Zugvögel halten sich dort unter anderem im Naturschutzgebiet S'Albufera auf. Auszüge aus: Vogelzug: Auf in den Süden - Von Gaby Schulemann (-)Das breite Tal des Yangtsekiang-Flusses mit seinen zahlreichen Flachwasserseen und riesigen Reisfeldern ist eines der bedeutendsten Überwinterungsgebiete für Kraniche und Wasservögel in der gesamten Ostparläarktis. Erst in den 80er Jahren gelang chinesischen Ornithologen hier am Poyang-See die sensationelle Entdeckung des weltweit bedeutendsten Überwinterungsplatzes des Schneekranichs. Nachdem die Winterbestände des Schneekranichs in Nordindien und im Iran am Südrand des Kaspischen Meeres im letzten Jahrzehnt bis auf wenige Dutzend Vögel zurückgegangen sind, beherbergt dieses Gebiet im Winter mit bis zu 3.000 Vögeln nahezu 95 % dieser vom Aussterben bedrohten Art. Neben dem Schneekranich sind im Winter im Yangtse-Tal weitere seltene ostparläarktische Kranicharten wie Mandschuren-, Weißnacken- und Mönchskranich sowie andere interessante Schreitvögel wie Löffler und Schwarzschnabelstorch in größerer Zahl anzutreffen. Zugleich sind die ausgedehnten Feuchtgebiete am Yangtse zu dieser Jahreszeit bevölkert von Zehntausenden überwinternder Schwäne, Gänse, Enten und Watvögel, darunter so attraktive Arten wie Kaisergans, Sing- und Zwergschwan. (-) Auszug: Schnee- & Mandschurenkraniche am Yangtsekiang Das Geheimnis der Zugvögel Jean-Francois Mongibeaux und Heinz Sielmann - Nomaden der Lüfte 270 Seiten/ Gerstenberg Verlag 2002 - Perrin, der bereits Filme wie "Mikrokosmos" und Costa-Gravras' "Z" produzierte, hat mit "Nomaden der Lüfte" den bisher aufwändigsten Tierfilm verwirklicht. Mit Hilfe von speziell angefertigten Ultraleichtflugzeugen, Hubschraubern, Fallschirmen, Spezialschiffen der Marine und Superschnellbooten der Zollbehörden arbeiteten mehrere Filmteams über drei Jahre hinweg an diesem Meisterwerk. Auf allen Kontinenten entstanden Aufnahmen verschiedenster Vogelarten. Indem z. B. Enten, Kraniche oder Schwäne mit Hilfe von Ornithologen auf den Menschen geprägt wurden, war es möglich, gemeinsam mit den Vögeln in die Luft zu gehen. So war es möglich, die Vögel, die bei diesen Flügen zum Teil nur zwanzig bis dreißig Zentimeter von den Kameras auf den Schiffen und Flugzeugen entfernt waren, bei ihren Zugformationen zu filmen. In dem mit dem Film entstandenen Bildband sind die schönsten und faszinierendsten Bilder dieses Unternehmens zu sehen. In den Texten der fünf Kapitel werden detailliert die unterschiedlichsten Vogelarten in ihren Lebensräumen und auf ihrem Zug beschrieben. Die Beobachtungen über die Balz, den Gesang und das Aufziehen der Jungen werden dabei in einer klarer Sprache vermittelt. Man erfährt unter anderem, wie das Rotkehlchen sein Revier bewacht, um später dann sein Nest zu bauen. Unter "Wissenswertes" sind kurze informative Erläuterungen zu einzelnen Vogelarten zu finden: welche Art das schwerste Ei ablegt oder wie oft eine Blaumeise ihr Nest anfliegt, um dem Nachwuchs Nahrung zu bringen. Weiter wird auf die äußerst speziell entwickelten Sinne der Gefiederten eingegangen; und man erfährt, warum die Vögel im Frühjahr zu singen beginnen. Sehr genau wird geschildert, wie es den Tieren aufgrund ihres Gefieders gelingt, sich überhaupt in die Lüfte zu erheben. Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Vogelzug bezüglich der Orientierung und Navigation wird erläutert, was in jüngster Zeit durch Beringung der Vögel erreicht werden konnte. Mit Hilfe von Karten wird veranschaulicht, welche Strecken zwischen Brut- und Winterquartier liegen und mit welchen Hindernissen und Problemen die im Film gezeigten Arten sich auseinander setzten müssen. Gegen Ende wird geschildert, wie es diesen äußerst anpassungsfähigen Tieren im Laufe ihrer Entwicklung gelungen ist, sich über dem ganzen Globus auszubreiten und wie speziell sie sich ihrem Lebensraum angepasst haben. So werden u. a. die Rekordhalter im Höhen- wie auch im Langstreckenflug vorgestellt. Und es wird die Frage geklärt, wie Vögel auf dem offenen Meer trinken. Am Schluss des Buches finden sich atemberaubende Aufnahmen der verschieden Filmteams bei den Dreharbeiten sowie eines Teils der eigentlichen Hauptdarsteller mit den Helfern, auf die sie geprägt wurden. Ebenso wie der Bildband "Nomaden der Lüfte" ist der Ergänzungsband "Das Geheimnis der Zugvögel" aus dem Film hervorgegangen. Mit Texten von Stephane Durand und Guillaume Poyet wird in diesem großformatigen, aber dünnen Buch das Thema der Zugvögel um eine geschichtliche Perspektive erweitert. Geschildert wird hier in sehr einfacher und anschaulicher Weise, wie das Zugverhalten der Vögel in die Legendenbildung und Mythologie verschiedener Kulturen eingeflossen ist. In kleinen fiktiven Erzählungen, die in ihren Erzählformen bis zur Icherzählung eines jungen Kranichs reichen, erfahren wir etwas über die Verwicklung der Geschichte von Mensch und Tier, z. B. wie die Entdeckung Islands durch die Wikinger mit dem Zug der Papageientaucher zusammenhing oder welche Auswirkungen der Mensch auf die seit 20.000 Jahren etablierten Abläufe des Vogelverhaltens haben kann. Ergänzt werden die Kurzerzählungen durch einfache Karten und kleine informative Hinweise auf Gewicht und spezifische Eigenheiten der vorgestellten Vogelarten. Es ist ein Buch, das - trotz des durchaus gerechtfertigten pädagogischen Zeigefingers - sicher nicht nur an Kinder oder Jugendliche gerichtet ist. Es ein idealer und ansprechend gestalteter Einstieg in die Welt der Vögel. Mit dem Film ist es Jacques Perrin gelungen, einen Teil der Natur auf eine bisher noch nie da gewesene Weise zu dokumentieren. Die Bücher dazu bieten die perfekte Ergänzung, und es bleibt zu hoffen, dass bei manchem Betrachter ein "ehrfürchtiges Naturverständnis, das unser Planet so dringend braucht" (Heinz Sielmann) geweckt wird. - Artikel Kultura Extra/ Mai 2002 - siehe AMAZON |