|
Die bronzene Schwanenfibel ( Museum Fürstentum Lüneburg) von der Gemarkung Rullstorf aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts ist ein besonders schönes und interessantes Fundstück, weil es sich um eine äußerst seltene Schmuckform im norddeutschen Raum handelt. (-)
Wem könnte das Schmuckstück einst gehört haben? Sehr wahrscheinlich handelte es sich um eine Trägerin, da Fibeln im allgemeinen Bestandteil der Frauentracht waren. Auch die innewohnende Symbolik könnte darauf hin deuten. Bedenkt man die Exklusivität und Schönheit des Stückes, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei der Besitzerin um eine gesellschaftlich bedeutende Frau gehandelt hat. Die Fibel war für sie sicher mehr als ein reines Schmuckstück, wie wir an- hand der verschiedenen mythologischen Deutungsmöglichkeiten gesehen haben. Die Walküreninterpretation scheint recht einleuchtend, weil adlige oder im Kindbett verstorbene Frauen nach ihrem Tod zu Walküren werden konnten. Die vorchristliche Vorstellung von der Überwindung des Todes (eine "heidnische Auferstehungssymbolik") fließt wahrscheinlich mit ein. Deutungsmöglichkeiten Die Fibel liefert einen wichtigen und nahezu singulären Hinweis auf den Zusammenhang von Schwanensymbolik und germanischer Mythologie in der spätsächsischen Kultur: Eine Verbindung des Schwanes zu den Walküren, den "Totenwählerinnen" Wodans (Odins), zeigt sich schon in den Namen einiger Walküren: Svanhwit (Schwanweiß) oder Svanhild (Schwanhild). Die Walküren können sich durch Anlegen des "Schwanenkleides" in Schwäne verwandeln und so unsterblich werden. Die dichterische Ausgestaltung der Walküren als "Schwanenjungfrauen" steht im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Bedeutung als furchterregende Gestalten des Schlachtfeldes. Eine Parallele von Schwan und Walküre findet sich auch in der Elementsymbolik. Der Schwan vereinigt Luft und Wasser symbolisch in sich, die Walküren reiten auf ihren weißen Pferden über Luft und Wasser. Ein anderer Aspekt der Walküren ist ihre Bedeutung als schicksalsvorhersagende und -bestimmende Mächte (die Norne Skuld ist auch eine Walküre). Im Walkürenlied weben ( kiesen) zwölf Walküren an einem Webstuhl mit Menschendärmen als Spannfäden und Menschenschädeln als Webgewichten den Schlachtverlauf. Die Fähigkeit der Walküren, das Schicksal zu bestimmen und vorherzusagen, wird häufig ebenfalls dem Schwan zugesprochen (noch heute sagen wir, jemandem "schwane" etwas, womit meist Negatives gemeint ist), der auch das Lebensende ankündigen kann. Symbolisch beinhaltet der Schwan also sowohl Leben, als auch Tod, genau wie die Walküren, die die verstorbenen Krieger nach Walhall geleiten. Außerdem wurden im Kindbett verstorbene Frauen zu Walküren. Die Schwanenfibel versinnbildlicht in dieser Interpretation den Dualismus von Leben und Tod. (-) Sowohl als Midgard-, als auch als Totenschlange gedeutet, steht sie für Zerstörung, die tiefe Erde, das Grab und den Tod. Die Schwanenfibel könnte also den Sieg des Hellen und Lebendigen über das Dunkle und den Tod ausdrücken. Möglicherweise existiert auch eine Verbindung des Schwanes als Vogel des Tages und des Lichts zum Gott Tyr, der in einem Aspekt den frühen germanischen Sonnengott versinnbildlicht. Dies läßt sich aufgrund eines dem Mars Thingsus (Tyr) geweihten Altars mit Schwanendarstellung aus dem ersten Drittel des 3. Jahrhunderts, der am Hadrianswall bei Housesteads gefunden wurde, vermuten. Errichtet wurde der Altar von einer niesischen Reitertruppe, die im römischen Militärdienst stand. In seiner Eigenschaft als Wasservogel wird der Schwan manchmal auch mit dem altsächsischen Njörd, dem Gott des Meeres und der Seefahrt, in Verbindung gebracht. Die Schwanensymbolik findet sich noch heute im friesischen Giebelschmuck, häufig aus dem 19. Jahr- hundert, wieder. Es handelt sich um z.T. gekreuzte Schwäne, die, seltener als die typischen gekreuzten Pferdeköpfe, in verschiedenen Formen vorkommen. Neben christlicher Symbolik (z.B. des Schwanes oder Pelikans, der seine Jungen mit dem eigenen Blut nährt) finden sich auch Hinweise auf die altsächsische Mythologie. Der Giebelschwan ist vermutlich als ein Schutzzeichen anzusehen. - Quelle: Heimatkalender/ Verein für
Heimatkunde im Raum Scharnebeck e.V.-
|