|
|||||||||||||||
|
Akkordarbeiter (von Ina Simone Mautz) Es gibt Künstler, die fingernägelkauend und im Unsicherheits-Eckchen schwitzend dem Kritiker-Urteil harren. Gavin DeGraw gehört nicht zu ihnen. Er redet nicht lange um den heißen Brei herum: "Oh, this is the start of something good / Don't you agree?" begrüßt er seine Zuhörer alles andere als verschüchtert. Mit immerhin angenehmem Mainstream-Poprock mit Hang zu generös instrumentierten Befindlichkeitshymnen. DeGraw bescherte Clive Davis' Label J Records (Alicia Keys, Maroon 5) mit seinem in den USA bereits vor zwei Jahren veröffentlichten Debüt "Chariot" über eine Million verkaufte Platten, mit "I don't want to be" einen Billboard-Top-Ten-Hit und natürlich: ausverkaufte Konzerte. "Sänger, Songschreiber und Pianist", ist auf dem Dossier des Amerikaners zu lesen. Aber Vorsicht: Wer jetzt an Tastenmagier wie Tori Amos, Ben Folds, Rufus Wainwright oder Billy Joel denkt, wird enttäuscht. Denn DeGraws Klavierkünste bewegen sich zumeist im überschaubaren Dreiklangbereich. Die Hauptrolle der Perlweiß-Produktion spielen ohnehin unkomplizierte, gut gelaunte Gitarren. Selbstverständlich setzte man bei den Studiomusikern auf die Kalkulierbarkeit souveräner Kompetenz. Gitarrist Michael Ward (Wallflowers), Schlagzeuger Joey Waronker (Beck, R.E.M.) und Alvin Moody am Baß leisten gute Arbeit. Eine überdurchschnittliche Fähigkeit besitzt DeGraw jedoch: Er komponiert zuverlässig und am laufenden Band radiotaugliche Singalong-Hits. Der Titeltrack ist ein pianopoppiger Ohrenschmeichler erster Güte. Mit leicht heiserer Stimme pflügt sich der 25-jährige durch harmoniesüchtige Sorglos-Arrangements, verzeiht amouröse Auswärtsspiele und schnulzt zu den obligatorischen Zuckerwatte-Streichern "I'm going to love you more than anyone". Auf der "Chemical party" wird's sogar richtig rockig. Gavin ist nun wirklich kein Eckensteher. Auch wenn manche seiner Lieder, wie beispielsweise "Just friends", eher nach den erwachsen gewordenen Backstreet Boys klingen, als nach seinen Helden Ray Charles, Sam Cooke und Marvin Gaye - Gründe zum Fingernägelkauen hat der sympathische DeGraw nun wirklich keine. This might be the start of something good. Gavin DeGraw: "Chariot" (CD der Woche 15.-19. August 2005) Der 28jährige Sänger, Songschreiber und Pianist Gavin DeGraw veröffentlichte in den USA schon 2003 sein Debütalbum. Nach Anfänglicher Skepsis des ganz großen Publikums schaffte er ein Jahr später mit einer Akustik-LIVE-Version seiner CD dann doch den Durchbruch. Aber schon Jahre zuvor sind seine Live-Shows in New York der ganz heiße Tipp. Auf "Chariot" sind 11 durchweg gelungene Songs, die Gavin DeGraw fast nahtlos in eine Reihe mit Ausnahmekünstler wie Billy Joel und Elton John stellen. Melodien und Arrangements der drei HiLites "Just Friends", "Follow Through" oder „Meaning“ kombiniert DeGraw mit anrührend klugen Texten über die Umwelt, das Leben und die Liebe. Gavin DeGraws sympathische Performance und der ungekünstelte, immer leicht heisere Gesang erwecken den Eindruck, als sei es das natürlichste auf der Welt, Glück, Kummer, verliebt sein und Trauer mit dem Publikum zu teilen. Mit acht Jahren fing er an zu singen und Klavier zu spielen. Als Teenager entdeckte er Ray Charles und Sam Cooke für sich. Als Jugendlicher spielte Gavin DeGraw dann schon zusammen mit seinem Bruder Joey in Coverbands, bis er dann auch bald seine eigenen Songs schrieb. Trotz der Medien-Hype, die in den Vereinigten Staaten momentan um ihn veranstaltet wird, bleibt der junge Singer/Songwriter Gavin DeGraw mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Aufgewachsen in einer hochmusikalischen Familie geht es für den New Yorker Lokalmatadoren Gavin DeGraw dann im Jahr 2002 auch schnurgrade zu einer der hochkarätigsten Musikfamilien, die das Business zu bieten hat. Manchmal ist es nur ein Geräusch (von Sophie Albers) Der Singer-Songwriter Gavin DeGraw ist in den Clubs von New York zum Star herangewachsen. Die Netzeitung sprach mit ihm über sein erstes Album, Geräusche im Kopf und wahre Musik. Es gibt Männer, die scheinen immer zur gesamten Weiblichkeit sprechen zu wollen, selbst wenn sie nur mit einer Frau reden. So einer ist auch der Musiker Gavin DeGraw. Entdeckt in New Yorker Clubs, wo er über Jahre spielte, bis das Publikum zu groß wurde, versucht er nun in Deutschland sein erstes Album zu verkaufen. Eine Fangemeinde hat der 28-Jährige hierzulande bereits: Von einer Berliner Bühne herab lud er die schreienden Mädchen im Publikum ein, später mit ihm trinken zu gehen. Vor den Frauen kommt für DeGrwaw allerdings die Musik. Das sieht man auch an der dicken Cowboygürtelschnalle, auf der anstatt des üblichen Pferdekopfes ein Klavier prangt. Netzeitung: Es war wirklich ein großartiges Konzert... Gavin DeGraw: Danke. Netzeitung: Aber ganz anders als das Album... Gavin DeGraw: Das stimmt. Netzeitung: Als ich das Album gehört habe, und das war bevor ich das Konzert gesehen habe, liefen im Fernsehen gerade Bilder vom Hurrikan «Katrina», Terrorismus, Irak, und plötzlich habe ich gedacht, warum ein Album, auf dem sieben von zehn Songs von Verliebtsein oder Verlassenwerden handeln, wenn doch gerade so viel passiert, das auch das private Leben betrifft... Gavin DeGraw: Ich habe die Songs zu einer anderen Zeit geschrieben. Es sind verschiedene Zugänge zum Thema Beziehung, Intimität. Was stört Sie daran? Netzeitung: Vielleicht nur der Zufall, die Songs zu hören und gleichzeitig die Bilder zu sehen. Ich habe mich gefragt, wie man das eine ausblendet, wenn man sich mit dem anderen beschäftigt. Gavin DeGraw: Ich schreibe nicht über Dinge, die ich im Fernsehen sehe, ich sehe überhaupt nicht fern. Deshalb habe ich meine eigene Meinung von der Welt. Ich höre auch kein Radio. Ich schreibe über Dinge, die mich direkt in meinem Leben betreffen. Und viele Leute erleben Ähnliches oder haben es erlebt. Der Hurrikan geht vorüber, genauso der Krieg, es sind andere Dinge, die zurückkehren. Ich könnte über härtere Themen schreiben, aber dann fangen Sie vielleicht an zu weinen. Dann wundern Sie sich vielleicht, warum ich nicht über Dinge schreibe, die Ihnen das Gefühl geben, dass Sie nicht Nachrichten gucken. Ich könnte sicher den Bob Dylan machen, ich könnte über Katastrophen singen, doch überlasse ich das Thema den Journalisten. Die sind gut darin, das Publikum zu schockieren, damit sie lange genug dran bleiben für die Zahnpastawerbung. Alles was man sieht, wird nur gezeigt, damit man sich auch die Werbung anguckt. Das ist die wahre Lüge. Netzeitung: Hat unsere Gesellschaft ein Problem mit Gefühlsäußerungen? Sie leben doch in New York, stimmt's? Gavin DeGraw: Sicher ist das so, und was Sie gerade gesagt haben, ist ein Indiz dafür. Ich singe von Beziehungen und Gefühlen, und Sie wollen es nicht hören. Vielleicht ist es Ihnen zu süßlich, aber... Netzeitung: Als ich die Songs dann im Konzert gehört habe, fand ich es nicht mehr so schlimm... Gavin DeGraw: Ich glaube das hat eine Menge mit der Produktion zu tun, mit dem Sound des Albums. Der ist süßlicher als die Songs eigentlich sind. Netzeitung: Das stimmt. Gavin DeGraw: Deshalb haben wir auch die zusätzliche Live-Aufnahme gemacht «Stripped», um ein bisschen von dieser Politur zu entfernen. Der Lack war zu dick. Aber ich muss ein Publikum ködern, und das tue ich mit Süßigkeiten. Damit sie reinkommen und ich dann umschalten kann. Ich fange also mit so etwas wie den Beatles an [singt 'Can't Buy Me Love' und 'I Wanna Hold Your Hand']. Etwas Hartes wie «A Day In Your Life» kannst du ihnen als ersten Song nicht geben. Dann hören sie nicht zu. Vor allem soll der Markt hier sehr rhythmusbasiert sein. Das wird im Radio gespielt. Solche Musik mache ich nicht [lacht]. Das ist schon etwas ärgerlich, denn es ist so viel einfacher, solche Alben zu machen. Du brauchst nur einen Computer und ein Keyboard. Das ist albern, aber es verkauft sich. So ist der Markt. Ich glaube viele Leute kriegen gar nicht mit, dass das meiste Wergwerfmaterial ist. Das würde in einer Bar gar nicht funktionieren. Netzeitung: Aber Sie wollen Ihr Album doch auch verkaufen. Und es hört sich - wie gesagt - ganz anders an als das Konzert DeGraw: Auf dem Album hatte ich eben nur 50 Minuten Zeit. Ich habe Songs ausgewählt, bei denen ich davon ausgehe, dass sie das Publikum dafür interessieren, was wohl als nächstes kommt. Ich habe nicht meine elf besten Songs genommen, ich habe elf Songs genommen, die ein gutes Album machen. Ich wollte gar nicht mein reifstes Album machen, es ist ein Album zur Einführung. Ein gutes erstes Kapitel, nicht das ganze Buch. Was habe ich eigentlich im Konzert abgesehen von den Albumstücken gespielt? [fängt an, verschiedene Songs zu singen...] Ich habe keine Lust ein politisches Programm zu singen. Netzeitung: Viele Ihrer Kollegen äußern sich gerne zur Tagespolitik. DeGraw: Ich habe es so satt, Künstler über Politik reden zu hören! Ich hatte ein paar Vorbilder, musikalische Idole, die ich geliebt und respektiert habe, und dann wurden sie plötzlich so politisch, dass ich ihre Musik nicht mehr hören kann. Netzeitung: Warum? DeGraw: Weil es mich abturnt. Weil ich nicht einverstanden bin mit vielen ihrer Ansichten. Die haben mir zu viel über sich erzählt. Ich bin auch ein Fan. Ich will, dass mein Idol geheimnisvoll ist, ich mag das Geheimnisvolle. Ich will nicht alles wissen, ich lese keine Klatschblätter. Ich lese nichts über meine Lieblingsschauspieler. Ich will nicht wissen, mit wem sie gerade schlafen, und ich will auch nicht wissen, wen sie wählen. Verstehen Sie? Netzeitung: Also blenden Sie Politik aus. Gavin DeGraw: Natürlich biete ich auch eine Art Eskapismus. Ich gebe meinem Publikum sowohl Fantasie als auch Realität... Netzeitung: Nun zur Musik: Ich habe mich schon länger über etwas gewundert, und Sie sind, denke ich, der Richtige, das zu fragen: Sie kennen doch sicher Glenn Goulds Aufnahmen der Goldberg Variationen von Bach. Wenn man genau hinhört, hört man ihn manchmal summen, aber es ist eine völlig andere Melodie. Als würde er selbst eine ganz andere Musik hören. Als ich Sie spielen gesehen habe, vor allem in Instrumental-Parts, hatte ich auch manchmal das Gefühl, sie hören etwas anderes als der Rest im Saal. Kann das sein und wenn ja, was hören Sie? Gavin DeGraw: Das stimmt, ich höre andere Dinge. Ich denke in Musik, aber nie das Gleiche. Auch bei meinen Songs nicht, ich singe die Melodie immer etwas anders, jede Nacht. Manchmal singe ich auch ohne Mikrofon, um das Publikum nicht mit musikalischer Information zu überfrachten. Manchmal macht man einfach nur Geräusche. Sehr primitiv. Netzeitung: Wie - Geräusche? Gavin DeGraw: Den Urschrei [lacht]. Kennen Sie John Lennons «Mother»? [Er fängt an zu singen: Mother, you had me/ But I never had you/ I wanted you/ You didn't want me/ Mama don't go/ Papa come home]... und wenn er zu diesem Part kommt, wo er Mama don't go und Papa come home singt, hört es sich an wie ein Kind, das nach seiner Mutter und seinem Vater schreit. Und er schreit diesen Urschrei. Manchmal, wenn man Musik macht, gibt es keine Note, die zum Gefühl passt, keine Tonart, kein Wort, es ist nur ein Geräusch. Das fühlst du in diesem Augenblick. Und das ist vielleicht nichts fürs Publikum, aber richtig für dich. Also singe ich es für mich. Es ist seltsam. Netzeitung: Sie haben immer in Clubs gespielt, Abend für Abend vor begeistertem Publikum. Hatten Sie überhaupt Lust, bei einem Label zu unterschreiben? DeGraw: Ich wollte schon einen Plattenvertrag, aber ich hatte keine Eile. Ich mochte meine Unabhängigkeit. Den ersten Vertrag habe ich abgelehnt, weil ich ihn nicht mochte, obwohl ich mich mit dem Label gut verstand. Zum Teil war es wohl auch mein jugendlicher Leichtsinn [lacht] Ich fand es cool, ein großes Label abzulehnen. Das hat mir gefallen. Netzeitung: Aber Sie wussten ja, dass es nicht der letzte sein würde... DeGraw: Ich wusste es nicht, ich fand's einfach cool, nein zu sagen, ohne irgendeine andere Möglichkeit. Das hat es noch cooler gemacht [lacht]. Ich wusste nicht, ob es klappt, aber die Idee hat mir gefallen. Außerdem habe ich mich künstlerisch nicht an der richtigen Stelle gefühlt, um eine Platte zu machen. Meine musikalische Identität war noch nicht stark genug. Ich war noch nicht angekommen. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt einen Vertrag unterschrieben, ich wäre leichter manipulierbar gewesen und hätte möglicherweise etwas gemacht, woran ich nicht geglaubt hätte. Aber ich will nicht schwanken. Also war es besser zu warten, weiter in Clubs zu spielen und zu wachsen. Und als die Leute wieder gekommen sind, haben sie gesehen, dass es funktioniert mit dem Publikum. Das Pop-Radio-TV-Publikum, das ist nicht mein Publikum! Das Publikum ist da draußen [zeigt aus dem Fenster] Das ist das verdammte Publikum, und wenn ich da draußen funktioniere, dann mache ich es richtig. Es gibt Leute, die würden niemals im Radio oder Fernsehen auftreten, weil sie glauben, dass wurde nur für eine Gruppe von Leuten erfunden, die bereit sind, deren Führung zu folgen. Ich passe da nicht so rein. Ich tanze nicht. Netzeitung: Wie, Sie tanzen nicht? DeGraw: Ich tanze nicht und schmiere mir auch kein Babyöl auf den Körper, damit die Haut im Video glänzt - wie in diesen Softporno-Videos. Die sollen das ruhig machen, aber das ist nicht mein Weg. Ich spiele lieber im Club und verdiene mir den Respekt der Leute da. Ich brauche keine hippen Punkrockgitarrristen, die mir sagen, dass sie meine Musik mögen. Für mich können die nicht Gitarre spielen. Mich interessiert die Meinung von Menschen, die ihre Instrumente beherrschen. Die vielleicht nicht toll aussehen, die aber gut klingen. Die sollen mich mögen. Nicht irgendein Typ, der versucht auszusehen wie Sid Vicious. Musiker, nicht Poser. Netzeitung: Sie werden also immer in den Clubs spielen. DeGraw: Auf jeden Fall. Fuck the posers. Ich brauche niemanden, der an der Uni zwei Philosophiebücher gelesen hat und sich mit mir über Musik unterhalten will. Der Typ, der in der Bar spielt, ist der Gute. Nietzsche interessiert mich nicht. Ich will das einer von der Straße reinkommt und sagt, Der Scheißkerl kann singen. Netzeitung: Aber das hat doch rein gar nichts mit dem Musikmarkt zu tun, der ihre Platte vertreibt. DeGraw: Verdammt richtig! Die tüten Musik ein. Die finden leere Hüllen, leere Leinwände und malen sie an. Dann rahmen sie sie ein und verkaufen sie. Sie machen Drucke und Poster. Aber ich habe das Gefühl, ich schaffe richtige Gemälde, echte Gemälde. Das ist etwas anderes. Und ich habe ganz von vorne angefangen. Mir schreibt niemand die Songs. Mein Produzent taucht nicht im Studio auf und gibt mir Refrains, wo ich dann meinen Namen drunter setze. Ich schaffe etwas, wo vorher nichts war. Netzeitung: Macht es Sie wütend, dass diesen leeren Hüllen so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird? DeGraw: Es ist ärgerlich. Die Pop-Produktionen für diese falschen Künstler sind gut entwickelt, die Produzenten geben ihnen diesen populären, diesen ansprechenden Sound. Es kommt als Paket, das funktioniert. Viele wirkliche Künstler produzieren so nicht, weil es billig klingt, es klingt gemacht. Aber dieser Sound ist es, den die populären Kanäle weiterverbreiten. Sie meinen, das wollen die Leute hören. Die Ironie des Ganzen ist, dass das Publikum ihnen gar nicht zuhört. Das ist nur ein kleiner Teil des Publikums, der diesen wirklich schrecklichen Sound mag. Das ist Abfall. So etwas mache ich nicht, ich versuche eine Tradition aufrechtzuerhalten, was Musik ausmacht, und versuche auf einem bestimmten Level zu spielen und zu schreiben. Es gibt hier einen Intellekt, der Respekt fordert und ein Bedürfnis des Publikums. Der andere Kram verkauft sich vielleicht gerade, aber im kommenden Jahr ist es bereits ein Scherz. Und ich werde auch darüber lachen.
Kostenlose Homepage von BeepworldVerantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular! |
||||||||||||||