dererstebrief
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Einige Tage vergingen und ich wartete ungeduldig auf einen Brief von meiner Tochter. Dann endlich war es soweit.

Wir saßen gerade alle auf der Terasse, als der Postbote kam. Mein Mann und meine Söhne wollten natürlich sofort wissen,was sie geschrieben hat. Aber zunächst mußten wir meiner kleinen Tochter mal sagen, was auf sie zukommt. Sie reagierte genauso, wie ich es mir gedacht hatte. "Und warum hast du das nicht früher gesagt? Du weißt doch,daß ich mir noch eine Schwester wünsche."

Ich öffnete also den Brief und als erstes fiel mir ein Bild von ihr in die Hände, auf dem sie wohl ungefähr 6 oder 7 Jahre alt sein mußte. Sie sah fast genau so aus wie meine kleine Tochter in dem Alter. Die erste Reaktion meines Mannes war: " Die können wir nicht verleugnen. Die gehört zu uns!" Wir haben den Brief gelesen und uns die Fotos angesehen und wußten, es stimmt! Unsere Tochter hatte uns gefunden.

Alles andere, was wir an diesem Tag eigentlich machen wollten, wurde nebensächlich. Der Brief und die Bilder nahmen uns ganz in Anspruch. Mein Mann holte alte Familienfotos hervor und verglich seine neue Tochter mit seinen Schwestern. Was für eine verblüffende Ähnlichkeit! Auch unseren anderen Kindern ähnelte sie sehr.Die  Gesichtsform, die Augen,der Mund.Wahnsinn!!!!!!!!!!!!!

Ich habe den Brief  noch oft an diesemTag gelesen, und erst da wußte ich, das es ihr wirklich Ernst damit war und sie auch weiterhin Kontakt mit mir haben wollte. Dieses wunderbare Gefühl kann ich nicht in Worte fassen!!

Wir haben an diesem Tag ´noch viel über Jenny und die Gründe gesprochen, warum ich sie weggegeben habe. Ob meine Kinder meine Entscheidung da schon akzeptierten, weiß ich nicht. Im nachhinein sagen sie mir aber immer wieder, das es so wohl besser war. Wir hätten ihr damals und können ihr auch heute nicht ein so finanziell besseres Leben bieten.

 

Als dann die nächsten Briefe kamen, wies Jenny immer wieder auf ihre Homepage hin.Ich konnte diese Hinweise nicht mehr ignorieren und war auch neugierig, mehr über sie zu erfahren.

Ich fing an mit "Die Adoption" und las dann immer weiter. Je weiter ich kam, um so mehr habe ich daran gezweifelt, ob ich wirklich das Richtige für meine Tochter getan habe. Oder ob ich vielleicht zu sehr an mich und meinen Mann gedacht habe. Mit tiefen Schuldgefühlen las ich von ihrer Krankheit( Borderline).Ich glaube, an diesem Tag konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich war wütend auf mich, meinen Mann, und vor allen Dingen auf Jenny´s Adoptiveltern.

Warum hatten sie nicht besser auf mein Kind aufgepasst ? Weshalb mußte ausgerechnet Jenny diese Krankheit bekommen? Hätte sie es nicht verdient,eine schöne und gesunde Kindheit zu haben, wo sie doch schon nicht bei ihren richtigen Eltern sein konnte? Die ganzen Jahre hatte ich gehofft, daß es ihr gut geht und sie ihre richtigen Eltern nicht vermißt.

In der ersten Zeit nach der Lektüre ihrer Homepage war ich entsetzt über das, was ich meinem Kind angetan hatte. Selbst Gespräche mit Jenny, bei denen sie mir immer wieder versicherte, daß es nicht meine Schuld war, und das die Krankheit auch ausgebrochen wäre, wenn sie bei uns gewesen wäre, konnten mich nicht davon überzeugen,daß meiner Tochter das alles erspart geblieben wäre, wenn ich sie nicht weggegeben hätte.

Auch heute noch kann ich mich selbst nicht von meiner Schuld ihr gegenüber freisprechen. Ich kann heute nur versuchen, immer für sie da zu sein. Gott sei Dank weiß sie , daß sie mich zu jeder Zeit anrufen kann, wenn es ihr schlecht geht, und vor allen Dingen kann sie jeder Zeit zu uns kommen. Vieleicht hilft ihr dieses Wissen wenigstens etwas.

 

 

 

 

 

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