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Short Stories |
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migenda schreibt Songs in englisch und auf deutsch. Aber er schreibt auch kleine Geschichten. Ein paar davon stellen wir hier vor. Alle Rechte vorbehalten. Über Resonanz, positive oder negative Kritik im Gästebuch würden wir uns freuen. Bei erkennbarem Interesse stellen wir noch weitere Stories vor. Der Ernst des Lebens von rainer migenda Sommer 2000 Ich habe immer, mein ganzes Leben lang, darauf gewartet, Erwachsen zu werden - und, dass der Ernst des Lebens beginnt. Und Mama sagte: "Bald kommst du in die Schule, dann beginnt der Ernst des Lebens." Und Papa sagte: "Bald gehst du auf das Gymnasium, dann beginnt der Ernst des Lebens." Und der Lehrer sagte: "Bald hast du dein Abitur, dann beginnt der Ernst des Lebens." Und der Pastor sagte: " So, mein Junge, morgen, nach der Trauung, wirst du sehen, dann beginnt der Ernst des Lebens." Und mein Chef sagte: "Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Gesellenprüfung. Ab jetzt beginnt der Ernst des Lebens." Und der Chefarzt sagte mit meinem ersten Sohn in den Armen: " Es ist ein Junge, herzlichen Glückwunsch. Seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst. ab jetzt beginnt der Ernst des Lebens." Wie weit soll ich die Geschichte noch erzählen ? Ich kann an jedem Punkt aufhören oder immer weiter machen, denn es ist eine "never ending story". Und wenn ich es mir recht überlege, bin ich nicht mal mehr sicher, ob mit dem Tod der Ernst des Lebens beginnt. Ein leeres Blatt Papier von rainer migenda 14.11.2001 Das Blatt ist leer, ganz weiß. Nichts, außer weiß. Am Anfang ist es weiß. Es wartet darauf, gefüllt zu werden. Du wartest, dass jemand kommt, der es füllt, der sich zu dir setzt, um es zu beschreiben. Du sitzt vor deinem weißen Blatt und wartest, wartest auf den Jemand, der bestimmt irgendwann kommt. Du überlegst, was er wohl schreiben wird. Wird er einen Bleistift benutzen oder einen Füllfederhalter ? Welche Farbe wird die Tinte haben ? Wird er in Reimen schreiben ? In welcher Sprache wird er schreiben ? Was, wenn er eine fremde Sprache benutzt, die du nicht verstehst ? Dein Blatt wird sich füllen, aber du wirst nichts davon verstehen. Aber wenn er eine wundervolle Handschrift hat, wird dich das dafür entschädigen, dass du den Sinn nicht erfassen kannst ? Du sitzt vor deinem weißen Blatt und stellst dir vor, wie sich Zeile für Zeile füllt. Kleine, zierliche Buchstaben in dünnen Strichen. Oben rechts in der Ecke steht ein Datum. Ein ausführlich ausgeschriebenes Datum. Da steht ein Wochentag, gefolgt von einem Komma. Eine zweistellige Zahl, der ein Punkt folgt. Ein Monatsname schließt sich an. Die Zeile endet mit einer vierstelligen Zahl. Du siehst es und es ist dir vertraut. Es ist dein Geburtstag. Eine hübsche Idee, mit dem Datum deines Geburtstages zu beginnen. Du sitzt vor deinem weißen Blatt und betrachtest das Datum, rechts oben in der Ecke. Du stellst dir vor, wie es aussehen würde, wenn eine andere Tintenfarbe benutzt worden wäre. Wie würde es aussehen, wenn es jemand schreiben würde, der eine andere Sprache spricht; Englisch, Französisch, Russisch ? Die Zahlen und Buchstaben verschwimmen vor deinen Augen. Sie fließen ineinander und lösen sich auf in lauter winzige Punkte, die vor deinen Augen tanzen. Es bleibt eine weiße Stelle zurück, ein Weiß wie das Blatt, vor dem du sitzt. Du sitzt vor deinem weißen Blatt Papier und die Zeit vergeht. Du schaust dich um, als hättest du Schritte gehört. Ist da jemand gekommen ? Jemand, der dein Blatt füllen wird ? Du schaust angestrengt in die Ferne, ob du jemanden erkennen kannst. Dort, ganz weit hinten, wo der Himmel seinen Bogen zur Erde schlägt, dort meinst du, jemanden gesehen zu haben. Es hatte sich etwas bewegt. Aber scheinbar, hast du dich getäuscht oder der Jemand hat eine andere Richtung eingeschlagen. Du drehst dich zurück und schenkst deine ganze Aufmerksamkeit wieder deinem weißen Blatt. Es ist so sauber. Es gefällt dir. Doch es überkommt dich eine Sehnsucht nach Farbe, nach Buchstaben, nach Worten, die sich zu erstaunlichen Sätzen aneinander reihen und wundersame Geschichten erzählen. Du überlegst, was die Geschichten mit dir machen könnten, welche Gefühle sie in dir hervorrufen würden. Wären es traurige Geschichten ? Vielleicht wären sie lustig und du würdest viel darüber lachen. Oder würden sie dir eine Gänsehaut auf die Haut jagen, gruselig, abstoßend, brutal ? Wirst du weinen wenn du sie liest ? Wirst du weinen vor Glück oder weinen vor Schmerz ? Noch einmal drehst du dich um und hältst Ausschau nach jemandem. Da ist immer noch keiner, obwohl du dich nun schon zum zweiten Mal umgedreht hast. Du drehst dich zurück und schaust auf dein Blatt. Es ist weiß und leer. Du sitzt vor deinem weißen Blatt und weinst. Wie schön es doch wäre, wenn Buchstaben es verzieren würden. Dein weißes Blatt hat es nicht verdient, so leer auszusehen. Du wendest dich ab, damit deine Tränen nicht auf das saubere, weiße Papier fallen. Dein Blick fällt auf die Uhr und du erschreckst, wie spät es schon ist. Du hättest es eigentlich merken müssen. Die Sonne ist zwar noch am Himmel, doch sie wärmt nicht mehr so stark. Du hattest dich gewundert, das dir kühl geworden war aber du warst zu sehr vertieft in deinen Wunsch, in deine Hoffnung, dass endlich jemand kommen würde, der ein paar Zeilen auf dein leeres, weißes Blatt schreiben würde. Es müsste ja nicht einmal eine Geschichte sein. Ein kurzer Aufsatz oder ein kleines Gedicht vielleicht. Oder nur ein einziger Satz, der sich aus dem Weiß wie eine Insel aus dem Meer herausheben würde. Du bist bescheiden geworden. Bescheidener als du gedacht hast. Aber es wäre nun auch wirklich an der Zeit, dass jemand käme, um dein Blatt zu beschreiben, bevor der Abend kommt, bevor die Sonne untergeht. Du sitzt vor deinem weißen Blatt und wunderst dich, wie schnell die Zeit vergeht. Du überlegst, welche Möglichkeiten es gibt, jemanden zu locken, um dein Blatt zu beschreiben. Du hättest so gern einen Satz oder wenigstens ein paar Buchstaben. Während du über die verschiedenen Möglichkeiten nachdenkst, schreckst du plötzlich auf. Ein Kreischen hoch über deinem Kopf hat dich aufschrecken lassen. Du siehst nach oben und erblickst eine Möwe, die laut kreischend ihre Runden hoch über deinem Kopf zieht. Du denkst, die Möwe hat es gut. Sie braucht sich keine Gedanken zu machen, wer ihr ein weißes Blatt Papier mit Geschichten füllt. Du spürst einen feinen Luftzug vor deinem Gesicht, gefolgt von einem leisen, platschenden Geräusch. Instinktiv senkt sich dein Kopf und dein Blick fällt automatisch auf dein weißes Blatt Papier. Was ist das ? Ein großer Klecks auf deinem Blatt, in verschiedenen Grautönen, übergehend bis hin zu einem Weiß, das sich jedoch in seiner Art von dem Weiß deines Blattes unterscheidet. Ein unangenehmer Duft steigt in deine Nase. Du sitzt vor deinem weißen Blatt und betrachtest es. Es ist nun kein unbeschriebenes Blatt mehr und du hattest doch so lange darauf gewartet, dass jemand dein Blatt beschreiben würde. Und nun, da die Sonne untergeht, denkst du an all die Geschichten und Gedichte die du dir auf deinem Blatt vorgestellt hattest. Die Möglichkeit eines solchen übelriechenden Kleckses hattest du nie in Betracht gezogen. Und doch ist dein Wunsch, das jemand kommen möge, dein Blatt zu beschreiben, in Erfüllung gegangen. Du betrachtest die Skala der Gefühle, die über dich kommen. Freude über die Wunscherfüllung, Entsetzen über die schlechteste aller Möglichkeiten, das Blatt zu füllen. Es ist kalt geworden, nun da die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist. Du stehst auf, nimmst dein Blatt und gehst hinüber zum Kamin. Du schiebst dein Blatt vorsichtig unter die für ein Feuer vorbereiteten Holzscheite. Du nimmst das Feuerzeug von der Ablage und zündest dein Blatt Papier an, damit es die Holzscheide zum Brennen bringen möge, um ein bisschen Wärme zu spüren. Dein Blatt entfacht eine helle Flamme, doch sehr schnell verbrennt das Papier, zu schnell, um die Holzscheite zu entzünden. Resigniert legst du das Feuerzeug zurück auf die Ablage, neben den Füllfederhalter, der nun deine Aufmerksamkeit erregt. Du stehst vor dem Kamin und betrachtest den Füllfederhalter neben dem Feuerzeug auf der Ablage. Sehr lange siehst du ihn an. Es ist der dunkelgrüne Füllfederhalter mit der silbernen Verschlusskappe, den dir deine Paten zur Geburt schenkten, weil sie wollten, dass du ein guter Schreiber wirst. Du erinnerst dich an die Tage, vor langer, langer Zeit, als du den Füllfederhalter immer in deiner Hosentasche mit dir führtest. Du spürtest den Druck, den er auf deine Hüfte ausübte, bei jeder Bewegung. Es war ein gutes Gefühl. Es war das sichere Gefühl, ihn jederzeit herausholen zu können und dein weißes Blatt Papier beschreiben zu können. Dann eines Tages sagten deine Lehrer, deine Eltern, deine Vorgesetzten, es sei doch viel angenehmer, den Füllfederhalter aus der Hosentasche zu nehmen und ihn wo anders aufzubewahren, dann würde er nicht ständig drücken. Und so legtest du ihn auf die Ablage am Kamin, dort hin, wo du ihn nun betrachtest. Es ist ein vertrautes Gefühl ihn anzusehen und doch macht es dir ein wenig Angst, ihn vorsichtig, fast zärtlich, mit deinen Fingern zu berühren. Du denkst, es ist spät geworden, Zeit zu Bett zu gehen. Du wendest dich ab und gehst. |
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