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Kurzbiographie:

1845

25. August: Geburt des Prinzen Ludwig als ältester Sohn von Kronprinz Maximilian und seiner Gemahlin Marie im Schloss Nymphenburg am Geburts- und Namenstag seines Großvaters, König Ludwig I.
27. August: Ludwig wird auf den Namen Otto Friedrich Wilhelm Ludwig getauft. Taufpaten sind sein Großvater Ludwig I. von Bayern, Otto von Griechenland und König Friedrich Wilhelm von Preußen. Auf Wunsch seines Großvaters wurde er Ludwig gerufen.
1848
20. März: Abdankung König Ludwigs I. zugunsten seines Sohnes Maximilian, dadurch wird Ludwig II. Kronprinz
27. April: Geburt von Ludwigs II. Bruder Otto
 
1861
2. Februar: Kronprinz Ludwig erlebt im kgl. Hof- und Nationaltheater zum erstenmal Richard Wagners „Lohengrin”, am 22. Dezember zum erstenmal „Thannhäuser”
 
1864
10. März: Tod König Maximilians II. Ludwig wird zum König proklamiert und leistet am 11. März den Eid auf die Verfassung
4. Mai: Erstes Zusammentreffen mit Richard Wagner in der Münchner Residenz
18. Oktober: Vertrag des Hofsekretariats mit Richard Wagner über die Vollendung des „Ring des Nibelungen” binnen drei Jahren und die Besitzrechte des Königs an diesem Werk
26. November: Ludwig II. entschließt sich zum Bau eines Festspielhauses in München für die Aufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen”
29. Dezember: Der Architekt Gottfried Semper erklärt dem König bei einer Audienz sein Projekt eines Festspielhauses auf den Isarhöhen.
 
1865
11. - 18. November: Richard Wagner zu Besuch bei Ludwig II. in Schloss Hohenschwangau.
21. November: Darstellung der Ankunft des Schwanenritters Lohengrin auf dem Alpsee.
10. Dezember: Richard Wagner muß München verlassen.
 
1866
28. Februar: Österreich bereitet Mobilisierung vor
29. März: Preußen mobilisiert zum Teil
16. Juni: Der angegriffene Deutsche Bund beschließt Krieg gegen Preußen
3. Juli: Nach der Niederlage von Königgrätz Auflösung des Deutschen Bundes
22. August: Bayerns Vertreter schließen ohne die vom König geforderten Souveränitätsgarantien den Friedensvertrag mit Preußen und ein Schutz- und Trutzbündnis, nach dem im Kriegsfall die bayerische Armee unter preußischem Oberbefehl steht
 
1867
22. Januar: Verlobung Ludwig II. mit Sophie, einer Tochter des Herzogs Max in Bayern
31. Mai - 3. Juni: Reise des Königs zur Wartburg nach Eisenach
20. - 29. Juni: Ludwig II. reist als »Graf von Berg« nach Paris zum Besuch der Weltausstellung, Ausflug nach Compiègne und Besichtigung von Schloss Pierrefonds (24. Juli)
10. Oktober: Die Auflösung der Verlobung Ludwigs II. mit Sophie wird öffentlich bekanntgegeben
 
1868
16. April: Erste Idee des Königs zu einem »Wiederaufbau« der Ruine Vorderhohenschwangau
13. Mai: Brief Ludwigs II. an Richard Wagner mit dem Konzept der Neuen Burg Hohenschwangau (Neuschwanstein)
5. Dezember: Idee eines neuen Versailles bei Linderhof unter dem Decknamen »Meicost-Ettal«, für das Georg Dollmann bis 1873 (Kauf der Herreninsel) eine Reihe von Projekten vorlegt
 
1869
5. September: Grundsteinlegung der Neuen Burg Hohenschwangau (Neuschwanstein) nach Plänen Eduard Riedels
 
1870
15. Juli: Der Ministerrat erbittet vom König den Mobilmachungsbefehl gegen Frankreich
16. Juli: Ludwig II. befiehlt die Mobilmachung, gleichzeitig letzter Friedensvermittlungsversuch Bray-Steinburgs
19. Juli: Französische Kriegserklärung an Preußen
13. September: Ludwig II. teilt Bismarck mit, er sei zu einem Verfassungsbündnis bereit
 
1871
18. Januar: König Wilhem I. von Preußen wird in Versailles zum ersten deutschen Kaiser proklamiert
 
1872
22. Mai: Grundsteinlegung zum Bayreuther Festspielhaus
 
1873
25. September: Erste Zahlungen Preußens an die königliche Kabinettskasse aus dem Welfenfonds
26. September: Kauf der Herreninsel im Chiemsee, wo das von Georg Dollman geplante Neue Versailles (Schloss Herrenchiemsee) entstehen soll
 
1875
27. Mai: Ausbruch der Geisteskrankheit bei Ludwigs Bruder Otto
 
1876
13. Juli: Anweisungen des Königs zum Entwurf eines Thronsaals für Neuschwanstein
 
1877
Statt Hofrat Lorenz von Düfflipp, der angesichts der vielen Bauvorhaben des Königs bereits 1876 mehrfach auf die drohende Zahlungsunfähigkeit der Kabinettskasse hingewiesen hatte, übernimmt Ministerialrat Ludwig von Bürkel die Funktion des Hofsekretärs
 
1880
12. Dezember: Erster Besuch Ludwigs II. in Neuschwanstein, der 1880 im Rohbau unter Dach gebracht wird
 
1881
30. Mai - 6. Juni: Besuch des Schauspielers Josef Kainz in Linderhof, gemeinsame Ausflüge mit dem König
27. Juni - 14. Juli: Schweizreise Ludwigs II. mit Josef Kainz auf den Spuren Wilhelm Tells
 
1883
13. Februar: Tod Richard Wagners in Venedig
18. Februar: Beerdigung Richard Wagners in Bayreuth
26. März - 13. April: Aufführung sämtlicher Werke Richard Wagners an der Münchner Hofbühne in der Reihenfolge ihrer Entstehung
 
1884
16. Mai: Kauf der Burgruine Falkenstein
27. Mai - 8. Juni: Ludwig II. bewohnt seine vollständig eingerichtete Wohnung in Schloss Neuschwanstein
1. Juni: Die bedenkliche Lage der verschuldeten Kabinettskasse wird durch eine von Finanzminister Emil von Riedel vermittelte Bankanleihe in Höhe von 7 Millionen Mark erleichtert, die der König jedoch sogleich für neue Bauprojekte einsetzt (Planungen für Burg Falkenstein, Hubertuspavillon bei Linderhof, ein neues Linderhofer Schlafzimmer, einen Maurischen Saal in Neuschwanstein u.a.). Den Nachfolgern des zurückgetretenen Hofsekretärs Ludwig von Bürkel gelingt es in der folgenden Zeit nicht mehr, die zerrüttete Kabinettskasse zu sanieren
 
1885
29. August: Auseinandersetzungen um die mit ca. 14 Millionen Mark Schulden belastete Kabinettskasse. Ludwig II., der seine Bauprojekte weiterführen möchte, fordert von Finanzminister Emil von Riedel eine entsprechende Regelung seiner Finanzen
7. - 16. September: Ludwig II. bewohnt zum ersten und letzten Mal das Schloss Herrenchiemsee
15.Oktober: Königinmutter Marie darf anläßlich ihres 60. Geburtstags Schloss Neuschwanstein besichtigen
 
1886
26. Januar: Ludwig II. droht Innenminister Feiherr Max von Feilitzsch, sich zu töten oder das Land zu verlassen, wenn es zu einem „Vergreifen am königlichen Eigentum” käme, nachdem angeblich die Gefahr bestand, daß die Gläubiger der vor dem Bankrott stehenden Kabinettskasse zur Befriedigung ihrer Ansprüche auf die Schlösser des Königs zurückgreifen könnten
8. Juni: Das Gutachten von Professor Bernhard von Gudden und drei weiterer Ärzte erklärt Ludwig II. für „seelengestört” und verrückt, „unheilbar” und auf Lebenszeit an der Regierung verhindert
9. Juni: Entmündigung Ludwigs II. auf Grund des ärztlichen Gutachtens
10. Juni: Übernahme der Regentschaft durch Prinz Luitpold, einen Onkel des Königs. Ludwig II. läßt die Staatskommission, die ihn abholen will, in Schloss Neuschwanstein verhaften
11. Juni: Bismarck rät Ludwig II., sich in München dem Volk zu zeigen und seine Interessen selbst vor dem Landtag zu vertreten
12. Juni: Eine zweite Staatskommission bringt den König von Neuschwanstein nach Schloss Berg, wo er unter der Kontrolle Guddens steht
13. Juni: Ludwig II. findet mit Gudden den Tod im Starnberger See.
19. Juni: Leichenzug durch München und Beisetzung in der Gruft der Michaelskirche
1. August: Freigabe der Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee für den öffentlichen Besucherverkehr
16. August: Verbringung der Urne mit dem Herzen Ludwigs II. in die Altöttinger Gnadenkapelle.
 
 
Das ärtzliche Gutachen:

Gutachten nach Aktenlage

So peinlich es für die unterzeichneten Ärzte ist, an die Beurteilung des geistigen Zustandes Seiner Majestät ihres Königs heranzutreten, sie müssen dem erhaltenen Befehle Folge leisten und erstatten hiermit unter ausdrücklicher Berufung auf den von ihnen geleisteten Eid, ihrer schweren Verantwortlichkeit vollkommen bewusst, nach Pflicht und Gewissen das verlangte Gutachten, wobei sie bemerken, dass eine persönliche Untersuchung Seiner Majestät, was weiter auseinanderzusetzen überflüssig sein wird, untauglich, bei dem vorliegenden Aktenmaterial aber auch nicht notwendig war...

Menschenscheu

... Im Jahre 1872 wurde Herr Ministerialrat von Ziegler in das Kabinettssekretariat berufen. Derselbe hörte von Staatsrat Eisenhart und von Personen des Hofes, wie schwer es Seine Majestät ankomme, Audienzen zu erteilen, insbesondere solche staatsgeschäftlicher Natur. Die Scheu vor Begegnungen mit Menschen trat mehr zutage, die Besuche der Kirche in Berg wurden immer seltener, endlich ließen Seine Majestät im abgeschlossenen Park zu Berg ein romantisches Kirchlein bauen und sich die Messe lesen, ohne dass derselben irgend jemand beiwohnen durfte. Um keinen Menschen im Theater sehen zu müssen, kam es zu den bekannten Separatvorstellungen. Der Verkehr mit Menschen wurde Seiner Majestät immer entsetzlicher. Nach Ablauf des Hohenschwangauer Winteraufenthaltes nach München zurückzukehren war für Seine Majestät fürchterlich. Der Aufenthalt in Hohenschwangau wurde deshalb immer weiter ausgedehnt, und von 1876 bis 1883 nach und nach um einen Monat verlängert...

... Die Folgen dieser krankhaften Verstimmungen und innerlichen Hemmungen wurden immer trüber und verhängnisvoller. Der k. Stallmeister Hornig, welcher seit dem Jahre 1867 in der Umgebung Seiner Majestät sich befindet, berichtet in seinen Aufzeichnungen, dass anfangs Seine Majestät noch ein größeres Bedürfnis nach dem Verkehr mit Menschen fühlten. Es seien bei den nächtlichen Ritten, die meistens beim Mondscheine unternommen wurden, Feste im Walde veranstaltet worden, zu denen jüngere Bedienstete vom Marstallpersonal, auch Lakaien befohlen wurden. Unter Zelten wurde dann bis zum frühen Morgen gezecht und andere Unterhaltungen in kleinen Spielen, z. B. Ring verstecken, Schneider leihe mir deine Schere usw., gesucht. Später hörten diese Unterhaltungen auf, doch kam es noch in neuerer Zeit vor, dass gelegentlich des Aufenthaltes Seiner Majestät auf dem Schachen Stallleute im dortigen im türkischen Stile eingerichteten Zimmer, in orientalischer Weise sitzend, mit seiner Majestät Sorbet trinken und aus türkischen Pfeifen rauchen mussten. Auch im sog. beim Linderhof gelegenen Hundlingshause kam Ähnliches vor, auf Fellen ruhend, zechte das Personal aus großen Trinkhörnern Met...

Halluzinationen

... Ob Seine Majestät an eigentlichen Halluzinationen leiden, lässt sich mit voller Sicherheit nicht behaupten. Es sprechen dafür die Wahrnehmungen Hesselschwerdts, das geringste Geräusch erschrecke Seine Majestät. Bei den Spaziergängen (bei Tag und bei Nacht) äußerten Allerhöchstdieselben oft, Sie hätten etwas gehört, Tritte, Worte und dann zu ihm, der nichts gehört habe, gesagt: "Du hörst eben nicht gut, Hesselschwerdt." Nie hätten sich freilich Seine Majestät darüber geäußert, welche Worte gehört worden seien. Auch in den Wohnräumen (dies wird auch vom Kammerdiener Welker bestätigt) hätten Seine Majestät nicht selten Geräusche wie von Tritten in den oberen Zimmern zu hören geglaubt, und es hätte dann nachgesehen werden müssen, ob nicht jemand da sei, was aber nie der Fall gewesen wäre. Wenn seine Majestät allein im Zimmer sich befinden (Vernehmung Hesselschwerdts vom 03. Juni 1886 sowie Welkers), sprechen und lachen Allerhöchstdieselben oft laut, so dass man glauben könnte, es sei große muntere Gesellschaft in demselben versammelt...

... In das Gebiet überwuchernder und die Schranken der Wirklichkeit und Möglichkeit ganz außer acht lassender Phantasie würde denn auch, wie so vieles andere, was an anderen Orten zur Besprechung kommen wird, der geäußerte lebhafte Wunsch Seiner Majestät zu verweisen sein, in einem von Pfauen gezogenen Wagen durch die Luft zu fliegen, der dem Maschinenmeister Brand erteilte Allerhöchste Auftrag, eine Flugmaschine zu Fahrten über den Alpsee bei Hohenschwangau anzufertigen, die Imitation der blauen Grotte auf Capri, um deren Blau zu studieren, Stallmeister Hornig zweimal nach Capri geschickt wurde, der Mond im Schlafzimmer seiner Majestät...

... Nachträglich übrigens kommt noch eine Mitteilung des Kammerlakaien Mayr zu den Akten, die kaum darüber einen Zweifel lässt, dass Seine Majestät wirklich an Halluzinationen leiden. "Alles ertrage ich zwar, aber das ist zum Verzweifeln, wenn der König sich etwas einbildet und sich davon absolut nicht abbringen lässt, wenn er z. B. so anfängt, Tue das Messer (oder irgendeinen anderen Gegenstand) weg, und wenn ich sage, Majestät, es ist keines da, so examiniert er stundenlang ununterbrochen fort: "Es soll aber eines da sein, wo wäre es denn hingekommen, du hast es weggetan, wo hast du es hingetan, warum hast du es weggetan, gleich legst du es wieder hin." Das sei, fügt Mayr hinzu, zum Wahnsinnigwerden...

Motorische Auffälligkeiten

... Über die motorischen Erregungen Seiner Majestät liegen folgende Äußerungen vor. Seine Majestät seien nicht selten aufgeregt, machten sonderbare tanzende und hüpfende Bewegungen, führen stoßend und ziehend mit den Händen in die Kopf- und Barthaare, stellten Allerhöchst-Sich nicht selten vor den Spiegel, mit verschränkten Armen und das Gesicht verziehend. Stundenlang dauernde Wutausbrüche, die sich in Herumtoben im Zimmer, in einer tanzenden, wiegenden Bewegung, Schütteln der Hände in den Handgelenken äußerten, traten ein, auch ruhig sinnend auf einen Fleck sehend, konnten Seine Majestät stundenlang mit einer Haarlocke spielen oder das Haar mit einem Kamme in Unordnung bringen...

Gemütszustand

... Von der Gereiztheit Seiner Majestät, Allerhöchstdessen Zornes- und Wutausbrüchen war vorübergehend bereits wiederholt die Rede. Auf die an der Dienerschaft ausgeübten Gewalttätigkeiten kommen die Unterzeichneten später zurück. – Auf normale Gemütszustände und deren Äußerungen trifft man nirgendwo in den Akten. Sie scheinen ganz und gar zugrunde gegangen zu sein und Hass und unnatürlicher Abscheu an ihre Stelle getreten zu sein. Es mag hier an die geradezu erschütternden Äußerungen über Ihre Majestät die Königin Mutter, über Seine Majestät den König Max II. erinnert werden. Hierher gehört auch eine Mitteilung des Herrn Ministerialrates von Ziegler über eine Äußerung Seiner Majestät, die die unterzeichneten Ärzte Anstand nehmen, wiederzugeben. Seiner Majestät des Kaisers Büste in Hohenschwangau wurde von Seiner Majestät im Vorbeigehen angespuckt. Der Marstallfourier Hesselschwerdt erhielt den Befehl, in Italien eine Bande zu werben, mit derselben den deutschen Kronprinzen gelegentlich seines Aufenthaltes in Mentone gefangenzunehmen und ihn in einer Höhle bei Wasser und Brot in Ketten verwahrt zu halten. Im Geiste malten Seine Majestät Allerhöchst-Sich die dem Kronprinzen zugedachten Martern weitgehendst aus, weshalb auch eigens der Befehl erging, ja dessen Leben zu schonen, damit seinem Leiden nicht ein zu schnelles Ziel gesetzt werde. Hunger und Durst sollte er leiden und sein Inneres von Sehnsucht nach den Seinen zerrissen werden. Die Siegesnachrichten im Feldzuge 1870-71 wurden von seiner Majestät mit Trauer begrüßt, das "arme Frankreich" lebhaft bedauert – Versailles durch den Einzug der Deutschen für entehrt erklärt. Oft musste Ministerialrat von Ziegler hören, wie schön es wäre, wenn man das verfluchte Nest (die eigene Haupt- und Residenzstadt!) an allen Ecken anzünden könnte, und Stallmeister Hornig führt als einen öfter von Seiner Majestät ausgesprochenen Wunsch an, dass das ganze bayerische Volk nur einen Kopf habe, um es auf einen Streich hinrichten lassen zu können...

... Im Jahre 1884 erhielt Hesselschwerdt von Seiner Majestät den Auftrag, Seine Exzellenz Herrn Finanzminister von Riedel aufzugreifen und nach Amerika zu transportieren, dann auf die Vorstellung hin, dass dieses nicht ausgeführt werden könne, ihn einzusperren, und als auch dieses für unmöglich erklärt werden musste, ihm nächtlicherweile aufzulauern und ihn durchzuprügeln. Der frühere Flügeladjutant Baron Hertling, der es sich nicht gefallen ließ, Allerhöchste Befehle durch Dienstbriefe von Lakaien zu empfangen, und um seine Enthebung einkam, sollte sogar umgebracht werden, ebenso Herr Ministerialrat von Ziegler. Noch in neuester Zeit wurde von Seiner Majestät befohlen, zwei Diener, den Kammerdiener Welker und den Vorreiter Bieller, die sich die Allerhöchste Unzufriedenheit zugezogen hatten, der eine, weil er ein beabsichtigtes Anlehen von nur 25 Millionen Mark nicht zustande gebracht hatte, der andere, weil er einen aus der Volière entkommenen Vogel nicht gleich einfangen konnte, nach Amerika zu transportieren und dort ständig überwachen zu lassen, damit sie nichts weitersagen könnten. Vorreiter Bieller wurde bei dieser Veranlassung von Seiner Majestät am Halse gedrosselt...

... Marstallfourier Hesselschwerdt sowohl wie Kammerdiener Welker und Stallmeister Hornig bezeichneten es als einen besonderen Charakterzug Seiner Majestät, plötzlich und unmotiviert für jemand Zuneigung zu fassen, um dieselbe oft nach kurzer Zeit in das gerade Gegenteil übergehen zu lassen. Diese Eigentümlichkeit dürfte jedem Sachverständigen als ein Krankheitssymptom imponieren...

                                                  Vorliebe für Absolutismus

... Bekannt ist die Vorliebe Seiner Majestät für die französischen Könige Ludwig XIV., XV. und XVI., ihr absolutes Regiment, ihre Bauten usw. Ein ehemaliger Secondelieutnant der bayerischen Armee wurde mit dem Befehle betraut, eine "Koalition" zu gründen, d. h. eine Schar Männer zu werben, mit deren Beihilfe es gelingen sollte, in Bayern das absolute Regierungssystem wieder herzustellen; die Verfassung sollte aufgehoben, die Landesvertretung abgeschafft werden. Etwas anders freilich stellt sich diese Koalitionsidee in den Berichten des Herrn Oberregierungsrates von Müller dar, der zum Chef der Koalition von Seiner Majestät ausersehen war, aber den Intentionen Seiner Majestät nicht entsprach. Seine Majestät dachten daran, gegen Vergütung einer hohen Summe das Land an Seine Königliche Hoheit den Prinzen Luitpold abzutreten oder an Preußen zu verkaufen. Geheimrat von Löher wurde mit dem Auftrag betraut, sich nach einem anderen Königreiche umzusehen, in dem ein absolutes Regierungssystem möglich wäre, machte auf Kosten der Kabinettskasse weitläufige Seereisen, berichtete aber, dass der Auftrag unmöglich auszuführen sei. Stallmeister Hornig berichtet, dass Seine Majestät Sich geheim in Kostüme der französischen Könige kleidete. Mit Krone und Zepter, welche kostbaren Gegenstände der Schatzkammer entnommen werden mussten, wurden nächtliche Spazierfahrten unternommen, auch der Gedanke, ein zweites Versailles im Graswangtal zu bauen, brach sich Bahn...

... Seit der Entlassung des Herrn Ministerialrates von Ziegler, damaligen Kabinettssekretärs, des letzten Mannes von Bildung, mit welchem Seine Majestät einen fortlaufenden Verkehr pflegte und persönlich Dinge von ernstlicher Bedeutung behandelte, hörte der persönliche Vortrag in Staatssachen auf. Es ist unglaublich, wie diese behandelt wurden. Doch dürfte es angezeigt sein, vorher noch einen kurzen Bericht über den persönlichen Verkehr Seiner Majestät mit der Dienerschaft einzuschalten.

Die Meldungen erfolgen, und die Allerhöchsten Befehle werden in der Regel erteilt durch die verschlossene Türe hindurch. Durch Kratzen an derselben wird das Zeichen gegeben, dass Seine Majestät verstanden sei. Dienerschaft, die hineintreten darf oder muss, hat tiefgebückt zu erscheinen, darf Seine Majestät nicht ansehen, kein Wort sprechen, muss durch Zeichen sich verständlich machen und, gelingt dieses nicht, die Bewegungen des Schreibers nachahmen, worauf das Bezügliche im Vorzimmer geschrieben und dann Seiner Majestät überreicht werden darf...

Gewalttätigkeiten

... Bei einer unangenehmen Meldung oder bei dem geringsten Verstoße (z.B. beim falschen Aussprechen französischer Namen) werde von Seiner Majestät häufig die Einsperrung ins Burgverlies oder eine andere Strafe anbefohlen, welcher Befehl dann auch angeblich, in Wirklichkeit aber nie vollzogen wird. Sehr häufig gehe aber Seine Majestät auch zu Gewalttätigkeiten über, schlage und stoße die Dienerschaft mitunter sogar blutig. Mindestens gegen dreißig Personen seien so misshandelt worden. Nachdem die gewöhnlichen Lakaien und auch die Leute vom Hofstall sich durch Vorschützung von Krankheiten der verschiedensten Art dem persönlichen Dienste bei Seiner Majestät zum größten Teile entzogen hatten (seit einem Jahre), wurden Chevaulegers zu demselben befohlen. Großer Wechsel fände auch unter diesen statt. Die Misshandlungen des Dienstpersonals bestätigt auch Herr Ministerialrat von Ziegler. Kammerdiener Welker berichtet sogar, dass der Vorreiter Rothenanger, ein junger, schmächtiger und kleiner Mensch, einmal wegen eines geringfügigen Vergehens von Seiner Majestät geschlagen, gestoßen und mit solcher Wucht an die Wand geworfen wurde, dass die im Vorzimmer befindlichen Leibjäger in der Besorgnis, der junge Mann werde totgeschlagen, nahe daran waren, in das Zimmer zu dringen, um Rothenanger zu Hilfe zu kommen. Es sei die Vermutung nicht ausgeschlossen, dass der nach Jahresfrist erfolgte Tod Rothenangers in ursächlichem Zusammenhange stehe mit den Misshandlungen, welche derselbe zu erdulden hatte...

Missachtung des Kabinetts

... Die Staatsangelegenheiten bezeichneten Seine Majestät mit dem Ausdruck "Staatsfadaisen" und äußerten Sich, wenn der Einlauf aus dem Kabinett vorgelegt wurde, wiederholt dahin: "Allerhöchstdieselben möchten das Pack immer lieber wieder hinauswerfen." Der Einlauf, welcher gesiegelt aus dem Kabinett zu Seiner Majestät kam, lag von Allerhöchstderselben geöffnet, längere Zeit, oft tagelang, obwohl die wichtigsten Staatsangelegenheiten sich darunter befanden, offen vor den Augen der Dienerschaft und in neuerer Zeit auch vor den zur Dienstleistung befohlenen Chevaulegers...

... Schon Herr Ministerialrat von Ziegler berichtet: Von der Berücksichtigung der Autorität der höchsten Beamten, der obersten Hofchargen und der Minister war keine Rede mehr. Sie wurden beim Vortrage mit den verächtlichsten Worten erwähnt, leider nicht nur beim Vortrage – auch der Dienerschaft und dem Friseur Müller und dem Zahnarzt gegenüber; selbst Fürsten wurden nicht geschont. Die Dienerschaft wusste aus dem Munde Seiner Majestät, dass der Obersthofmarschall oder der Obersthofmeister "sich nicht unterstehen dürfen", einmal den Hofhalt in Berg oder Hohenschwangau zu inspizieren. Für Seine Majestät sind die k. Staatsminister Pack, Gesindel, Geschmeiß, auch wird mit den Kammern nicht glimpflich verfahren, und das Volk verdient gar nicht, dass Sich Seine Majestät ihm zeige.

Es ... wird ... wohl genügen, die Abschrift eines auch noch in anderer Beziehung wichtigen, Allerhöchsteigenhändig mit Bleistift offenbar in großer Hast geschriebenen Briefes Seiner Majestät an Hesselschwerdt folgen zu lassen: "Passe recht auf und besorge es gut. Sprich eingehend mit Ziegler. Sage ihm, dass die jetzigen Minister weg müssen, sie haben sich bei mir unmöglich gemacht. Er wird es also, wenn er alles besorgt, wie Ich will. Die Kollegen soll er mir dann selbst vorschlagen. – Schneider gleich fort und durch einen tüchtigen ersetzen. Sind die Kammern verstockt, dann auflösen, andere her und das Volk sehr bearbeiten. Schnell aber. - Sage ihm, außer den Rückständen (ohne dass die Kammern wissen, wofür, können glauben, es gehöre zu den Rückständen) ein paar Millionen dazu, die anderen schaffe Du herbei. Sage ihm, dass die Bauten die Hauptlebensfreude sind, dass ich, seit alles schändlich stockt, ganz unglücklich bin, an Abdanken, Selbsttötung stets denke, dass der Zustand aufhören muss, dass die Bauten nicht mehr stocken dürfen, dass, wenn er alles richtet, er Mir buchstäblich das Leben wiedergibt... Berg, den 11.Mai 1886. Ludwig."

(Bauleidenschaft sein Ruin)

Eines Kommentars bedarf die ganze gegenwärtige Stellung Seiner Majestät gegenüber dem Lande nicht. Die geistigen Kräfte Seiner Majestät sind bereits dermaßen zerrüttet, dass alle und jede Einsicht fehlt, das Denken mit der Wirklichkeit in vollem Widerspruch sich befindet, das Handeln ein unfreies ist und Allerhöchstdieselben im Wahne absoluter Machtfülle vereinsamt durch eigene Isolierung – wie ein Blinder ohne Führer am Rande des Abgrundes stehen.

Das Bauen sei die einzige Lebensfreude Seiner Majestät, aber die Bauten gerade waren der Ruin der Königlichen Finanzen und der Grund der Beschleunigung des Hereinbruches der Katastrophe. Alle Vorstellungen, alle Bemühungen, sie wieder zu ordnen, sind umsonst gewesen. Seine Majestät muss bauen, und in einer Weise, die ebenfalls wieder den Verfall der geistigen Kräfte nur zu deutlich zutage treten lässt, werden Versuche gemacht, das Geld dazu, gehe es, wie es gehe, herbeizuschaffen. Hesselschwerdt wurde von Seiner Majestät zu dem nunmehr verstorbenen Fürsten Maximilian von Thurn und Taxis nach Regensburg zur Aufnahme eines Anlehens von 20 Millionen geschickt, sollte durch die Vermittlung Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs Ludwig die Hilfe des Kaisers von Österreich in Anspruch nehmen. Auch zu Seiner Majestät dem König von Schweden und Norwegen nach Stockholm sollte sich Hesselschwerdt begeben, und als dieser sich diesem Allerhöchsten Auftrag entzog, wurde ein Flügeladjudant Seiner Majestät, natürlich ohne Erfolg, dahin beordert. Ein Flügeladjutant erhielt durch Hesselschwerdt den Allerhöchsten Auftrag, in Brasilien ein Anlehen zustande zu bringen, andere Personen sollten nach Brüssel, nach Konstantinopel zum Sultan und nach Teheran zum Schah. Sei durch Anlehen kein Geld aufzutreiben (es handelte sich schon um 25 Millionen), so sollte auf Allerhöchsten Befehl bei den Banken in Stuttgart, Frankfurt, Berlin und Paris eingebrochen und zu diesem Zwecke Leute geworben werden. Durch gleichzeitige Aufträge an mehrere, die sich gegenseitig nichts sagen durften, hoffte Seine Majestät sogar in den Besitz von 80 Millionen zu gelangen...

Körperlicher Zustand

... Das vorliegende Material ist geradezu erdrückend.
Es erübrigt nur noch, auf den körperlichen Zustand Seiner Majestät einen kurzen Blick zu werfen. Seit langer Zeit klagen Seine Majestät über Druck und Schmerz im Hinterkopfe, wenden Eisumschläge dagegen, selbst mitunter während des Essens an; Seine Majestät leiden ferner nicht selten an Schlaflosigkeit, nahmen früher ungefähr sechs Jahre lang zwei- bis dreimal wöchentlich Chloral, gebrauchen seit vier Jahren andere Schlafmittel, deren Zusammensetzung die Berichterstatter nicht kennen. Über die unordentliche, unappetitliche, ekelerregende Art des Speisens Seiner Majestät, um das hier noch einzuschieben, wie Allerhöchstderselbe dabei die Saucen und Gemüse herumspritze, seine Kleider damit beschmiere, berichtet Kammerlakai Mayr. Erschwert dürfte nach Herrn von Ziegler auch die Verdauung sein, da Seine Majestät keinen Zahn mehr im Munde habe, der zum Kauen tauglich sei. Die geschlechtlichen Beziehungen berührt Herr Ministerialrat von Ziegler in seinen Aufzeichnungen Bogen 16.

Zusammenfassende Beurteilung

Hiermit schließen die unterzeichneten Ärzte ihre Schilderung, und, verweisend auf die im Texte schon an verschiedenen Stellen gezogenen Schlussfolgerungen, erklären sie nun, dieselben zusammenfassend und ergänzend, einstimmig:

  1. Seine Majestät sind in sehr weit vorgeschrittenem Grade seelengestört, und zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohl bekannt mit dem Namen Paranoia – (Verrücktheit) bezeichnet wird.
  2. Bei dieser Form von Krankheit, ihrer allmählichen und fortschreitenden Entwicklung und schon sehr langen, über eine größere Reihe von Jahren sich erstreckenden Dauer ist Seine Majestät für unheilbar zu erklären und noch weiterer Verfall der geistigen Kräfte mit Sicherheit in Aussicht.
  3. Durch die Krankheit ist die freie Willensbestimmung Seiner Majestät vollständig ausgeschlossen, sind Allerhöchstdieselben als verhindert an der Ausübung der Regierung zu betrachten, und wird diese Verhinderung nicht nur länger als ein Jahr, sondern für die ganze Lebenszeit andauern.

München, den 8. Juni 1886

Von Gudden, k. Obermedizinalrat.

Dr. Hagen, k. Hofrat.

Dr. Grashey, k. Universitätsprofessor.

Dr. Hubrich, k. Direktor

 

 



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