Projektskizze

 
oder ich schicke den Text per e-mail: gralki@web.de
 
 
 
Dr. Heinz Gralki
X-Zerpt
Modell eines internetgestützten Arbeitsplatzes
zur Unterstützung textorientierten Lernens
oder:
 
Ein Vorschlag zum Konstruktivistischen Lernen
 
1. Die zentrale Idee 
In fast jeder Form von Aus- und Fortbildung wird überwiegend aus Texten gelernt. Es gibt wohl keinen anspruchsvollen Beruf ohne entsprechende Lehrbücher. Dies gilt auch für Handwerksberufe, die heute stärker denn jeh mit dem technischen Fortschritt verbunden sind.
Das Lernen aus Texten ist nach wie vor die Basis jedes anspruchsvollen Lernprozesses, selbst für den Erwerb von Alltagsqualifikationen, wie Führerschein und andere Berechtigungsscheine.
Dieser Text beschreibt das Modell “X-Zerpt“, eine Methode, die textbezogenes Ler-nen unterstützt.
Das Modell ist für die Nutzer in seiner Grundfunktion kostenlos, kann jedoch  gegen Gebühr erweitert und komfortabler gestaltet werden.
Das Modell gehört zu der wachsenden Zahl von internetgestützten Lernumgebungen (PLE= Personal Learning Environments). Im Gegensatz zu anderen PLE-Modellen – und allen E-Learning Ansätzen - rückt X-Zerpt jedoch den individuellen Lernprozeß in den Mittelpunkt.
Dabei vernachlässigt es nicht die Zusammenarbeit mit anderen Lernenden, gibt diesem Aspekt des Lernens jedoch ein anderes Gewicht. Sogenanntes “social-learning“ (Lernen in Lerngruppen), ist in den üblichen E-Learning Modellen meist vernüpft mit web 2.0 Elementen. Diese spielen in der Praxis des Lernens jedoch immer nur eine zweitrangige Rolle, die erst nach der individuellen Beschäftigung mit dem zu lernenden Stoff, dem Text, sinnvoll wird.
Der Nutzen von Lerngruppen wird von Lernenden durchaus  verschieden eingeschätzt. Die Art und Weise ob und in welcher Form in Gruppen gearbeitet wird, sollte deshalb grundsätzlich von den Lernenden selbst bestimmt werden.
Das X-Zerpt-Modell geht von der Annahme aus, dass sich erfolgreiches, individuelles, theorie- und textbezogenes Lernen i.d.R. an dem folgenden Grundschema orientiert. Das Schema gibt jedoch – abgesehen vom ersten Punkt - keine zeitliche Reihenfolge vor:
1.        Text lesen
2.        Text bearbeiten
3.        Text einprägen
4.        Arbeitsergebnisse diskutieren
5.        Expertise suchen (Repetitoren, Tutoren)
6.        Arbeitsergebnisse geordnet ablegen
Die Einübung theoriebezogener Lerntechniken bekommt für Universitäten und Hochschulen zur Zeit eine wachsende Bedeutung, kommen doch heute viele Studenten aus sozialen Schichten, in denen der Umgang mit anspruchsvollen Texten nicht zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens gehört. Sie kommen z.B. aus Familien, in denen Schreibtisch und Bücherschrank nicht zum täglich benutzten Inventar gehören.
 
2. Die Struktur des Modells
 
Das Modell besteht aus fünf Bereichen, in denen der Arbeits- und Lernprozess stattfindet.
Virtueller Arbeitsraum: Dieser Raum entspricht dem aus der realen Welt bekannten Arbeitsraum. Seine wesentlichen Bestandteile sind Schreibtisch, Computer (über den eine “Textwerkstatt“ geöffnet wird) und Bücherschrank.
Übungsraum: Hier kann über Lernkarten und Vokabeltrainer die Einprägung des gelernten Stoffes und die Überprüfung des Lernerfolges stattfinden.
Diskussionsraum: Lernende können hier mit einem oder mehreren  selbst gewählten Lernpartnern ihre Arbeitsergebnisse austauschen.
Repetitorium: Hier kann externe fachliche Hilfe in Anspruch genommen werden.
Markt: Auf dem Markt können zum einen selbst erstellte Arbeitsmaterialen wie Exzerpte, Lernkarten, Mindmaps und ähnliche Lernprodukte gehandelt werden Zum anderen aber auch gebrauchte Literatur angeboten und verkauft werden.
2.1 2.1. Der virtuelle Arbeitsraum
Das Modell X-Zerpt simuliert einen individuellen virtuellen Arbeitsraum mit
·         Schreibtisch
·         PC und
·         Bücherschrank 
Der Arbeitsraum kann nach eigenen Vorstellungen mit Zusatzfunktionen und -elementen individuell eingerichtet und “wohnlich“ gestaltet werden.
Vom Schreibtisch aus sind verschiedene lerntechnisch notwendige Arbeitsmittel erreichbar: Uhr, Timer, Telefon-liste, Diktiergerät, Kalender, Do-List, Stundenplan, Notizzettel, web 2.0 Elemente und beliebig wählbare Apps.
Über das Bild des PCs wird die Lernwerkstatt (Arbeitsfläche) aktiviert, in der der eigentliche Prozeß der Textbearbeitung stattfindet. Dabei geht es darum, den zu bearbeitenden Text so umzugestalten, dass daraus ein eigener Text, das Exzerpt, wird.
Die Umgestaltung des Prozesses durchläuft im Idealfall - bei Vorliegen eines Textes in digitaler Fom - sechs Stadien: Bibliographieren, Zerlegen, Markieren, Ergänzen, Verlinken, Visualisieren.
1. “Bibliographieren“: die bibliographischen Informationen des Textes werden über eine Maske eingegeben.
2. “Zerlegen“: der Text wird zerlegt und gegliedert d.h. in seine Bestandteile und Sätze zerlegt. Hilfreich kann dabei z.B. die Word-Funtion “Suche und Ersetze“ sein: “Suche einen Punkt, und ersetze ihn durch ein Absatzzeichen“.
3.“Formatieren“: der Text wird mit den Formatierungsmöglichkeiten eines Textverarbeitungsprogramms bearbeitet. Formatierungsmöglichkeiten sind z.B. fett, kursiv, unterstreichen, durchstreichen, Farbe, Hintergrundfarbe, Schriftart, Schriftgröße u.ä.
4. “Ergänzen“: der Text wird mit den Fragen, Notizen, Anmerkungen und Ergänzungen versehen, die bei der Bearbeitung eines Textes auftreten.
5. “Verlinken“: durch das Einfügen von “Links“ wird aus dem Ursprungstext ein Hypertext.
6. “Visualisieren“: der Text wird mit Rechercheergebnissen, Bildern, Grafiken aus dem Internet oder anderen Quellen ausgestattet.
Die beiden letzten Schritte bewirken, dass der nun entstandene Text inhaltlich weit über den Ursprungstext hinausgeht. Der Ursprungstext kann so zum Ausgangspunkt eines eigenständigen, individuellen Lernprozesses werden, womit - als Pendant zu einer konstruktivistischen Didaktik - eine Form konstruktivistischen Lernens entsteht.
Der Lernende ist frei, ob und wie intensiv er die einzelnen Bearbeitungsschritte durchläuft. Schon allein die Eingabe der bibliographischen Daten kann allerdings einen Lernerfolg haben, erscheint doch das Buch im Bücherschrank und erinnert den Studenten so an eine noch nicht bearbeitete Aufgabe.
Liegt der Text nicht in digitaler Form vor, können die Elemente des Exzerpts entweder unmittelbar über die Tastatur in die Textverarbeitung eingegeben werden oder die Eingabe kann mit einem handelsüblichen Scannerstift erfolgen.
Das Ergebnis ist in jedem Fall ein individuell gestalteter Text mit einem hohen Erinnerungs- und Wiedererkennungswert, wobei Art und Länge der Texte allein durch die Nutzer bestimmt werden.
Mit der Idee des Exzerpts wird eine alte Tradition wissenschaftlichen Lernens wieder aufgegriffen. Durch die Kopplung des alten Konzepts mit den aktuellen Möglichkeiten des Computers und des Internets entsteht eine effektive Form produktiven und nachhaltigen Lernens.
Die Exzerpte werden in optisch ansprechender Form in einem virtuellen Bücher-schrank abgelegt, so z.B. als “Bücher“ bzw. “Buchrücken“. Vom Nutzer angebrachte Markierungen auf den Buchrücken können den jeweiligen Bearbeitungsgrad der Exzerpte anzeigen.
Die Bücher können im Bücherschrank beliebig organisiert und zusammengefasst werden, z.B. semester- oder fachbezogen. Bei Wiederaufnahme der Lernarbeit an einem Buch wird die bisher investierte Lernarbeit in Zeiteinheiten angezeigt.
Am Anwachsen des Bestandes an Exzerpten im Bücherschrank ist für den Nutzer intuitiv eine Lernbilanz ablesbar.
Über die so entstehenden Texte können Stichworte definiert werden, die in einem buchbezogenen oder buchübergreifenden Stichwortverzeichnis mit den jeweiligen bibliografischen Angaben gesammelt werden. Aus den gespeicherten Stichworten lassen sich Wortwolken (tag-clouds) bilden.
Die hier beschriebenen Exzerpte können problemlos auch mit Lernpartnern gemeinsam online entwickelt werden. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl entsprechender Programme, mit denen kooperativ gearbeitet werden kann, wie z.B. mit dem einfachen, effektiven und kostenlosen “Desktop-Sharing Tool“  Mikogo, mit dem auch mehrere Teilnehmer gemeinsam an einem Exzerpt arbeiten können.
 

  

 Im Bücherschrank gibt es - neben den erarbeiteten Exzerpten – noch zwei andere Textarten:

  • Kostenlose Texte zur Nutzung des Lernsystems (Gebrauchsanweisung)
  • Gebührenpflichtige Texte zu Arbeits- und Lerntechniken wie Wissenschaftliches Schreiben, Rhetorik, Prä-sentation, Gruppenarbeit, Metaplan, Mind-mapping u.ä.

Über den Bücherschrank können Lernprozessdaten abgerufen werden. Dazu gehören Tages-, Wochen- oder summierte Statistiken, die sich auf Einzeltexte oder Lernbereiche beziehen.

Die abrufbaren Daten können außerdem als Grundlage für differenzierte, frei gestaltbare Portfolios dienen.

2.2. Der Übungsraum

Hier findet das sichere Einprägen des gelernten Stoffes statt.

Im Übungsraum können Lernfragen und Vokabeltrainer erstellt und bei Bedarf zum Lernen - z.B. vor einer Prüfung - genutzt werden. Neben der üblichen Lernkarteimethode mit fünfstufigem Speicher von Leitner, gibt es eine Reihe anderer Systeme bzw. Programme, die Lernenden zur Auswahl angeboten werden können.

Vom Lernenden angefertigte themenbezogene Lernkartensätze können im Portal anderen Lernenden zum Kauf an-geboten werden. Mit Lernkarten kann also am “Markt“ gehandelt werden. Von dieser Möglichkeit eines Gelderwerbs wird eine lernfördernde Wirkung erwartet.

 2.3. Der Diskussionsraum

Der Diskussionsraum ist der Ort der Kommunikation für frei gewählte Lerngruppen, die gleichzeitig an einem Text arbeiten.

In seiner einfachsten Form besteht das Diskussionsforum aus einem einfachen Blogg mit Kommentarfunktionen, so dass zeitversetzte Diskussionen möglich sind. Für zeitgleiche Kommunikation können Chats eingerichtet werden, in denen sich Lernende mit Lernpartnern in Echtzeit unterhalten können.

Für die Nutzung dieser Kommunikationsmöglichkeiten gibt es keine Vorgaben oder Beschränkungen. Sie liegt alleine in der Verantwortung der Nutzer. Die Nutzer sind frei, ob und in welcher Form sie die Mög-lichkeiten nutzen wollen, oder ob sie auf andere bekannte und im Freizeitbereich genutzte Möglichkeiten - wie SMS, Facebook, studiVZ oder Telefon - zurückgreifen wollen. Wobei all diese Möglichkeiten jedoch nur ein höchst ungenügender Ersatz für die erheblich effektiveren und angenehmeren face-to-face Kontakte sind.

2.4. Das Repetitorium

Gerade bei schwierigen Texten entsteht häufig das Bedürfnis nach sachkundiger Begleitung des Lernprozesses durch ausgewiesene Experten. Das Modell der Repetitorien zur Prüfungsvorbereitung in den Rechtswissenschaften ist ein bekanntes Modell.

Das X-Zerpt Portal vermittelt über ein schwarzes Brett Fachleute wie Tutoren, Nachhilfe und Repetitoren. Die Ver-mittlung erfolgt über ein schwarzes Brett im “Markt“. Bei den Anbietern unterscheidet das Portal verschiedene Qualifikationsstufen  – vom fortgeschrittenen Studenten bis zum professionellen Experten mit jahrelanger Er-fahrung. Die konkrete Gestaltung der Beziehung – auch die der finanziellen - zwischen Anbietern und Abnehmern von Nachhilfe bleibt jedoch allein in der Verantwortung der Beteiligten.

X-Zerpt kann allerdings eine Anbieterdatei führen, die nach bestimmten Kriterien gesteuert werden kann – so nach Erfahrung oder Preis der Anbieter. X-Zerpt bietet Experten didaktischen Rat und Hilfe für Ihre Arbeit an (Train the Trainer).

2.5. Der Markt

X-Zerpt unterhält – außerhalb der individualisierten und geschützten Bereiche der Lerner - ein öffentliches schwar-zes Brett, das denen an Universitäten ähnelt.  Es bezieht sich im Wesentlichen auf den Kauf und Verkauf von Lernmaterial, also z.B. Exzerpte, Lernkarten, Mindmaps u.ä.  Es sind jedoch keine inhaltlichen Beschränkungen vorgesehen.

 

3.  3. Wirtschaftliche Verwertbarkeit

 

Das hier beschriebene Modell ist so zu gestalten, dass es sich auf dem Markt behaupten kann, obwohl es in seiner Grundversion kostenlos bleiben sollte. Die Finanzierung des Modells kann über folgende Funktionen erfolgen:

  1. Komforterhöhende Ausstattung des Arbeitsplatzes
  2. Werbung, z.B. von Verlagen und Buchhandel
  3. Werbefreiheit gegen Gebühr
  4. Kostenpflichtige Texte zu Lern- und Arbeitstechniken
  5. Kooperationen mit Verlagen
  6. Lizenzen für Unternehmen und Bildungseinrichtungen
  7. Lizenzen von E-Learning Anbietern
  8. Provisionen beim Handel mit X-Zerpten und Lernkarten
  9. Vermittlungsgebühren für Tutoren, Repetitoren
  10. “Train the Trainer“ Angebote
  11. Portfoliomuster
  12. Veröffentlichung von Nachhilfeangeboten

*****

Die Darstellung des Modells scheint sich an den Besonderheiten akademischen Lernens zu orientieren. Tatsächlich ist das Modell jedoch nicht auf diesen Lernbereich beschränkt. Es eignet sich ebenso für betriebliche Fort- und Weiterbildung, sowie für den Theoriebereich von privaten Berechtigungsscheinen. Ebenfalls vorstellbar sind aber auch Kombinationen dieses Modells mit klassischen E-Learning Systemen, in denen der individuelle Lernprozeß des Lernenden bisher kaum eine Beachtung findet und allenfalls web 2.0 Elemente als lernförderlich angesehen werden.