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Kurdische Yeziden

Verfolgung in der Heimat – neue Herausforderungen im Exil

5. überarbeitete Auflage Göttingen, im Januar 2000

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Die Religion der Yeziden +++ Yeziden - in verschiedenen Ländern beheimatet +++ Der Nordirak: Zentrum der Yeziden +++ Yeziden fliehen aus Syrien, Georgien und Armenien  +++ In der Türkei verfolgt und vertrieben +++ Flucht nach Deutschland +++ Zukunft im Exil +++ Impressum/Links

In der Türkei beschimpfen Muslime die kurdischen Yeziden als "Teufelsanbeter". Sie seien "Heiden" und "Abtrünnige vom Ein-Gott-Glauben", weil sie neben Gott (Chode) auch Melek Taus, den "Engel Pfau", verehren. In der Schöpfungsgeschichte der Yeziden ist Melek Taus der erste Engel und Partner Gottes. Als Adam geschaffen war, fiel Melek Taus von Gott ab. Seine Untreue musste er in der Hölle büßen, bis er deren Feuer mit seinen Tränen gelöscht hatte. Gott sah seine Reue und ernannte ihn zum Statthalter in der diesseitigen sichtbaren Welt.

Die Religion der Yeziden

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In der yezidischen Religion finden sich Elemente des westiranischen Zoroastrismus sowie der altmesopotamischen, jüdischen, christlichen und muslimischen Religion. Sie wird geheim praktiziert und überliefert. Niemand kann zum yezidischen Glauben übertreten oder bekehrt werden, denn Yezide wird man durch Geburt. Durch strenge Heiratsregeln getrennt, gliedert sich die Glaubensgemeinschaft der Yeziden in die Kasten der Kleriker und der Laien. An der Spitze der Gemeinschaft steht ein Emir (Mir). Die Yeziden müssen in Gemeinden von mindestens neun Gläubigen zusammenleben. Sie unterliegen Tabus, die bestimmte Speisen oder Farben verbieten, und Regeln z.B. für Körperhygiene und Kleidung. Im religiösen, familiären und öffentlichen Leben sind jedem Yeziden bestimmte Rollen zugewiesen. Frauen tragen keinen Schleier und haben in Fürstenfamilien oft deren Politik für die Gemeinschaft bestimmt und geführt.
 

Yeziden - in verschiedenen Ländern beheimatet

 

Weltweit sollen sich noch über 300.000 Menschen zum yezidischen Glauben bekennen. Seit jeher sind sie überwiegend Bauern und Viehzüchter. Viele Yeziden meinen, dass die Mehrheit aller Kurden bis zur Zwangsislamisierung im 9. bis 11. Jahrhundert Yeziden waren. Heute gibt es nur noch Restgruppen. Über die tatsächliche Anzahl der Menschen, die sich gegenwärtig zum yezidischen Glauben bekennen, können allerdings nur Vermutungen angestellt werden. Die überwiegende Mehrheit lebt im Irak (bis zu 300.000). Ihre Anzahl in Armenien und Georgien wird auf einige zehntausend geschätzt. In Syrien gibt es 5.000 bis 10.000 Yeziden. Im Iran leben nur einige tausend. Gab es in der Türkei ursprünglich 300.000 Yeziden, sind es heute nur noch wenige hundert. Die meisten von ihnen assimilierten sich, Zehntausende flohen ins Ausland.

Viele Yeziden sind aus den Ländern des Nahen Ostens nach Europa geflohen. Die meisten - etwa 30.000 - hat Deutschland aufgenommen. Es handelt sich dabei überwiegend um Flüchtlinge aus der Türkei. In Belgien, Dänemark, Schweden, Frankreich, England und der Schweiz sowie in den U.S.A., Kanada und Australien leben insgesamt weniger als 2.500 Yeziden.

Der Nordirak: Zentrum der Yeziden

 

Der irakische Diktator Saddam Hussein ließ in den 70-er Jahren fast ein Drittel der yezidischen Bevölkerung in den Süden des Landes deportieren. Nordöstlich von Mosul, in der Umgebung ihres religiösen Zentrums Scheych Adi in Lalish und in dem Gebiet um Sheikan, dem Wohnort ihres weltlichen Oberhauptes, des Mir, durften die Yeziden bleiben. Yeziden werden im Irak durchweg als "Araber" eingestuft.

Als die irakische Armee von 1986 bis 1988 gegen die für ihre Freiheit kämpfenden Kurden vorging, bombardierte sie auch yezidische Dörfer mit Giftgas. Die Überlebenden, denen die Flucht nicht gelang, wurden in den Provinzen Niniveh und Arbil in Lagern interniert oder den Süden des Landes zwangsumgesiedelt. Im Frühjahr 1992, nach Beendigung des zweiten Golfkrieges, flüchteten viele Yeziden während des kurdischen Aufstandes aus den von den irakischen Truppen kontrollierten Gebieten in das von den Alliierten geschützte Freie Kurdistan Nordirak. Noch gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Yeziden auch hier von der muslimisch-kurdischen Mehrheit oder der christlich-assyrischen Minderheit wegen ihres Glaubens bedrängt werden.

Yeziden fliehen aus Syrien, Georgien und Armenien

 

In Syrien leben die Yeziden in fünf Regionen im Norden bzw. Nordosten des Landes. Das arabisch-nationalistische Regime von Hafiz Al-Assad versucht, sie zu arabisieren. Ihre Religion wird als eine vom Islam abgespaltene Sekte betrachtet. Yeziden werden genauso wie die muslimischen Kurden als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Sie bekommen keine syrischen Staatsangehörigkeitsurkunden und dürfen nicht in höher gestellten Berufen arbeiten.

In Armenien und Georgien hat sich die Lage der Yeziden nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erheblich verschlechtert. Unter dem Druck erstarkender Nationalismen, der Rechtsunsicherheit für Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten sowie des wirtschaftlichen Niederganges haben zahlreiche Yeziden die beiden Länder verlassen. Viele flüchteten nach Deutschland und in andere europäische Länder.

In der Türkei verfolgt und vertrieben

 

In der Türkei werden die Yeziden wegen ihres Glaubens von ihren muslimischen Nachbarn gehasst und verachtet. Weil ihre Religion nicht - wie das Chri-sten- oder Judentum - als "Buchreligion" anerkannt ist, wird ihr Glaube rücksichtslos bekämpft, obwohl seit 1937 in der Türkei die Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) in der Verfassung verankert ist. Doch der für alle Kinder obligatorische Ethikunterricht an den türkischen Schulen, der von muslimischen Lehrern erteilt wird, ist faktisch eine Unterweisung in den Islam. Während des Militärdienstes oder bei der gemeinsamen Arbeit mit Muslimen muss ein Yezide ständig Tabus brechen, um nicht als "Ungläubiger" erkannt und bestraft zu werden.

Nur wenige Yeziden – meist alte Menschen – sind in der Südosttürkei geblieben. Sie sind der Willkür und unverhohlenen Schikanierung durch die türkischen Behörden und die nichtyezidische kurdische Mehrheitsbevölkerung schutzlos ausgesetzt. Auch in der Großstadt haben yezidische Gemeinschaften keine Überlebenschancen. Hier könnten sie die zentrale Glaubensbedingung, eine Gemeinschaft von mindestens neun Gläubigen zu bilden, nicht unbemerkt erfüllen. Wichtige religiöse Handlungen wie die rituellen Begräbniszeremonien können nicht mehr ausgeführt werden. Zudem muss jeder Yezide, der in einer türkischen Großstadt arbeiten möchte, mit Diskriminierung rechnen und wird zumeist keinen Arbeitsplatz finden: Ein Stempel in seinem Pass verrät seine Religion. Eine "Binnenfluchtalternative", die von deutschen Behörden und Gerichten lange Zeit unterstellt wurde, haben Yeziden in westtürkischen Großstädten somit nicht.

Flucht nach Deutschland

 

Aus Angst um ihr Leben sind seit den 80-er Jahren tausende Yeziden vor den türkischen Behörden und den Milizen kurdisch-muslimischer Großgrundbesitzer ins Ausland geflohen. Ihr dramatischer Exodus ist so gut wie abgeschlossen. Die meisten Yeziden aus der Türkei fanden Aufnahme in der Bundesrepublik. Seit fast zehn Jahren werden die Fluchtgründe der Yeziden von fast allen damit befassten deutschen Gerichten als "asylrelevant" eingestuft. Bahnbrechend waren zwei Urteile des Bundesverfassungsgerichts aus den Jahren 1989 und 1990: Dieses höchste Gericht betrachtet die Yeziden in der Türkei als Opfer einer Gruppenverfolgung; auch in den westtürkischen Großstädten sei ein "religiöses Existenzminimum" für diese Glaubensgemeinschaft kaum gegeben.

Jedoch zweifeln Behörden und Verwaltungsgerichte, die über die Asylgesuche von Yeziden in Deutschland entscheiden, seit Jahren bei einigen yezidischen Asylbewerbern an, dass diese bei uns "glaubensgebunden" leben. Dabei liegt die Vorstellung zugrunde, dass Yeziden, die ihren Glauben nicht streng praktizieren, in ihrem Herkunftsland auch keine Verfolgung zu erleiden hätten. Doch die Yeziden werden in der Türkei bloß wegen ihrer Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft verfolgt. Schon durch den Pass kann ein Yezide identifiziert werden. Es spielt dabei keine Rolle, wie eng er sich an die Glaubensregeln hält und wieviel er über den yezidischen Glauben weiß. Nach yezidischer Auffassung lebt ein Yezide dann glaubensgebunden, wenn er in seinem Familienverband die Regeln und Riten des yezidischen Glaubens einhält.

Einige der wenigen noch in der Türkei verbliebenen Yeziden - meist ältere Menschen - möchten ihren Verwandten nach Deutschland folgen. Die meisten bekommen jedoch kein Einreisevisum für die Bundesrepublik. Sie sind im allgemeinen auf Fluchthelfer angewiesen, haben aber häufig nicht die notwendigen Kontakte und finanziellen Mittel. Letztlich bleibt den Betroffenen aber nur die Ausreise, denn ein Überleben in der Südosttürkei - auch ein Wiederaufleben der yezidischen Religionsgemeinschaft - ist in dieser zerrütteten Region nicht mehr denkbar.

Zukunft im Exil

 

Im deutschen Exil müssen sich die Yeziden neuen Herausforderungen stellen. Zum einen möchten sie ihren Glauben in der modernen deutschen Industriegesellschaft bewahren. Zum anderen muss sich die yezidische Gemeinschaft so weit in unsere Gesellschaft integrieren, dass ein von gegenseitigem Respekt geprägtes Zusammenleben von Yeziden mit Nichtyeziden möglich wird. Besonders die yezidische Jugend, die mehr als andere Altersgruppen Einflüssen durch Nichtyeziden unterliegt, ist derzeit Konflikten und großen inneren Spannungen ausgesetzt. Gerade für die jungen Leute stellt sich besonders drängend die Frage nach der eigenen Identität. Sie brauchen Hilfe in diesen Konfliktsituationen. Der Integrationsprozess ist unausweichlich, und die Gestaltung dieses Prozesses wird die Yeziden in den nächsten Jahrzehnten intensiv beschäftigen. Die einheimische Bevölkerung muss sie dabei unterstützen und ihnen mit Verständnis entgegenkommen.

Impressum/Links

Text: Annelore Hermes +++ Redaktion: Inse Geismar +++ Fachliche Beratung: Gisela Prieß
 

 


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