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1. Von Jennypy1@aol.com

Wo ein Leben stirbt, entsteht ein neues.

 

Der Vormittag verlief hektisch. Im Büro stapelte sich die Arbeit und die rettende Mittagspause war noch nicht in Sicht. In diese Stimmung hinein klingelte erneut das Telefon. Daniela hob den Hörer ab und erkannte die Stimme ihrer Mutter am anderen Ende. Sie klang belegt und heiser.

„Was ist?“ wollte Daniela beunruhigt wissen und spürte, wie ihr Herz schneller zu pochen begann.

„Papa und ich stehen auf dem Parkplatz vor dem Kreiskrankenhaus. Wir warten auf den Hubschrauber, der Oma nach Hamburg bringt. Sie hatte einen Schlaganfall und ist umgekippt.“

„Oh Gott.“ stöhnte Daniela auf. „Was ist genau passiert?“

„Beim Blumengiessen fiel sie um. Oma erinnert sich nicht, wie es geschehen konnte. Sie hat eine Nase gebrochen, einige Platz- und Schnittwunden von der zerbrochenen Brille. Außerdem sind zwei Halswirbel gebrochen.“

Daniela hielt die Luft vor Entsetzen an.

„Glücklicherweise sind zwei Halswirbel gebrochen, so war genug Platz für zwei Knochen. Wenn ein Halswirbel bricht, ist die Verletzung meist tödlich, hat uns der Arzt vorhin erzählt.“

„Ist sie bei Bewußtsein?“

Ihre Mutter nickte, was Daniela am Telefon nicht sehen konnte. „Gleich nach dem Sturz kam sie zu sich. Schmerzen hat sie keine, aber sie trägt eine dicke Halskrause, damit sie den Kopf kein Stück bewegt. Das hat sie gar nicht gerne.“

Daniela grinste unter aufsteigenden Tränen: „Das kann ich mir vorstellen. Ich nehme mir frei und komme nach Hamburg. In 5 Stunden bin ich da.“

„Nein, Kind. Du dürftest sowieso nicht zu ihr. Komm am Wochenende vorbei und besuche sie.“

„Okay. Wann fliegt der Hubschrauber?“

„Ich weiß es nicht. Oma sollte schon vor Stunden ausgeflogen werden, doch bei dem Nebel hier im Norden darf der Hubschrauber nicht starten. Wir hoffen, daß es bald geschieht.“

„Drängt es nicht um jede Minute?“

„Nein. Ihr Hals wurde stillgelegt und sie hat keine Schmerzen. Erst wenn es Ausfälle wie Lähmungserscheinungen gibt, wird es kritisch.“

„Na ja, das hört sich alles nicht nach dem 21. Jahrhundert an. Warum bringen sie Oma nicht mit dem Krankenwagen nach Hamburg?“

„Die Rüttelei tut ihrem Hals nicht gut.“

Daniela nickte ungesehen. Die Begründung verstand sie.

„Okay, Kind. Ich wollte Dich nur informieren. Mach Dir keine Gedanken, Oma geht es den Umständen entsprechend ganz gut.“

„Ja, drücke und grüße sie von mir.“

 

* * *

 

Daniela wurde durch die Telefonate mit ihrer Mutter auf dem Laufenden halten. So erfuhr sie, daß ihrer Oma vier Nägel durch den Kopf gebohrt wurden. Dank dieser Stützen sollten die Halswirbel wieder zusammen wachsen. Außerdem trug sie ein dickes Korsett, daß sie drei Monate tragen sollte. Hierdurch wurde sie ruhiggestellt, denn ein Ruck konnte ihr gefährlich werden.

Ihre Oma tat ihr leid, denn Daniela kannte sie trotz ihrer 93 Jahre als rüstige alte Dame, die ständig etwas tat oder spazieren ging. Wie sollte sie 12 Wochen lang liegen und sich weder bewegen noch waschen überstehen? Hinzu kam, daß die Genesungszeit ein Durchschnittswert war und die Knochen bei alten Leuten noch langsamer heilen würden. Oma ohne ihr geliebtes Okkie, einer Häkelart, um Spitzen herzustellen? Das konnte sie sich nicht vorstellen.

Kurz darauf fiel Daniela ein, daß sie für´s Wochenende eine Anzeige geschaltet hatte. Sie war auf Wohnungssuche, da sie in zwei Wochen aus ihrer alten Wohnung mußte. Sie konnte jetzt gar nicht nach Hamburg kommen, vielleicht stand sie dann in zwei Wochen als Obdachlose da. Warum hatte sie die Suche auch bis zur letzten Sekunde hinausgezögert?

Daniela überlegte, wie sie aus der Situation herauskommen sollte und rief dann ihre Mutter an.

„Oma geht es gut. Sie hat die Schwestern immer um sich, das gefällt ihr. Am Mittwoch soll sie wieder in das Kreiskrankenhaus verlegt werden. Aber Oma redet schon wieder davon, daß sie Laub haken will. Sie läßt sich nicht unterkriegen.“

Daniela erzählte ihr von ihrem Problem.

„Kind, dann geh auf Wohnungssuche und komme nächstes Wochenende. Dann kannst Du sie auch hier um die Ecke im Kreiskrankenhaus besuchen und mußt nicht nach Hamburg fahren. “

„Ja, das mache ich. Außerdem habe ich ja vor Weihnachten noch Urlaub. Ich werde dann nächste Woche zu Euch heimkommen und besuche dann Oma jeden Tag. Für den Umzug bleibt dann immer noch Zeit.“

„Schön, da wird sie sich freuen.“

 

* * *

 

Doch so weit sollte es nicht mehr kommen. Mittwoch Morgen, dem Tag des Transportes von Hamburg in das Kreiskrankenhaus, klingelte Daniela das Telefon aus dem Schlaf. Es war Nikolaus-Tag.

Sie nahm den Arm ihres Freundes, mit dem sie sich die Wohnung teilte, von ihrem Bauch und schälte sich schnell aus seiner Umarmung. Dann hetzte sie zum Telefon, bevor der Anrufbeantworter anspringen konnte und meldete sich kurzatmig.

„Daniela, hier ist Mama.“

An ihrer Stimme erkannte Daniela, daß etwas passiert sein mußte. Sie wartete ab, bis ihre Mutter weitersprach.

„Wir waren die ganze Nacht an Omas Bett, sind jetzt aber wieder zuhause. Sie hat teilweise das Bewußtsein verloren und wird heute auf keinen Fall verlegt. Ihr geht es nicht gut, ihre Lungen arbeiten nicht mehr richtig und sie röchelt sehr. Wir fahren gleich wieder nach Hamburg.“

„Ich nehme mir frei und komme sofort.“

„Wir wollten Dir die Entscheidung lassen.“

„Ja, ich rufe gleich meinen Chef an und fahre dann.“

Einige Zeit später klingelte es erneut.

„Mama, ich bin noch nicht losgefahren. Aber ich habe Urlaub bekommen. Ich packe noch und mache mich so in einer halben Stunde auf den Weg.“

„Nein, bleib dort. Wir sind jetzt im Auto nach Hamburg. Der Arzt rief uns gerade an, er wollte nicht direkt mit der Sprache raus. Doch ich denke, daß Oma es nicht geschafft hat. Bitte bleibe dort, bis wir Näheres wissen. Dann rufen wir Dich an. Es bringt nichts, wenn Du jetzt loshetzt.“

Danielas Stimme zitterte, als sie antwortete: „Vielleicht ist etwas anderes passiert, worüber Euch der Arzt informieren wollte. Sie lebt bestimmt noch.“

Ihre Mutter ging darauf nicht ein, bat jedoch ein weiteres Mal: „Fahre noch nicht los. Wir rufen Dich so in zwei Stunden an.“

Widerstrebend ging Daniela nach einiger Zeit darauf ein, stimmte ihrer Mutter zu und legte auf.

Nun begann das bange Warten.

 

* * *

 

Ihr Freund hatte sich ebenfalls Urlaub geholt, um sie zu begleiten.

„Komm, wir legen uns noch einmal ab. Sonst läufst Du nur nervös durch die Wohnung.“

Daniela stimmte ihm zu und folgte ihm ins Schlafzimmer.

Sie kuschelte sich an seinen warmen Körper, um Trost zu suchen, und ließ sich von seinem sanften Streicheln mit Vergnügen ablenken. Seine Berührungen wurden fordernder und Daniela ging nur zu gerne darauf ein.

Sie war nicht 100%ig bei der Sache, sondern dachte an ihre Oma, die wahrscheinlich zur selben Zeit, wie sie sich mit ihrem Freund amüsierte, mit dem Leben kämpfte. Doch kurz darauf nahmen ihre Sinne nur noch die zärtliche Stimme und die warmen Hände auf ihrem Körper war, die Wellen in ihrem Inneren auslösten. Sie setzte sich auf ihn und ließ den Gefühlen ihren Lauf. Er war ihr Nikolaus mit prallem Sack und fester Rute.

Später schliefen sie erschöpft ein und auch als Daniela nach einer Stunde Schlaf aufstand, hatte das Telefon noch nicht erlösend geklingelt. Sie zog sich aus und sprang unter die Dusche. Gleichzeitig fiel ihr siedendheiß ein, daß sie heute morgen aufgrund all der Aufregung vergessen hatte, ihre Pille zu nehmen. Daniela nahm sich vor, ungedingt gleich nach dem Duschen die Pille zu nehmen. Dann stellte sie sich unter den warmen Strahl, wusch gründlich ihre Haare und genoß, wie das Wasser an ihrem Körper hinunterrann.

Plötzlich hörte sie, wie ihr Freund die Badezimmer-Tür aufriß und auf sie zustürmte. Er rief ihr mit lauter Stimme zu, daß ihre Mutter am Telefon sei. Eilig stellte Daniela daraufhin den Wasserstrahl ab, hüllte sich in ein riesengroßes Badelaken und lief auf feuchten Füßen durch das Bad, den Flur und das Wohnzimmer zum Telefon. Sie hob den Hörer auf: „Mama?“

Schon an der erstickten Stimme erkannte Daniela die Wahrheit.

„Sie ist gestorben.“

„Ohhhhh nein.“ wimmerte Daniela und die Tränen schossen ihr in die Augen, rollten langsam über ihre Wangen und ließen das Wohnzimmer vor ihren Augen verschwimmen. „Ohhhhh nein.“

„Wir haben es nicht mehr rechtzeitig geschafft, sondern kamen 20 Minuten zu spät. Aber sie sah sehr friedlich aus und hatte keine Schmerzen. Der Pastor war bei ihr und sagte, sie hat noch einmal tief geseufzt, lächelte breit und schlief dann sanft ein.“

Daniela versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken und konnte deshalb nicht reden.

„Daniela?“

„Hhhhh.“

„Oma hat nicht gelitten. Die ganze Zeit hatte sie keine Schmerzen. Vor einigen Tagen sagte sie, sie wäre bereit zum Sterben.“

„Hmmm.“ nickte Daniela, doch es konnte sie nicht trösten. Sie legte den Hörer kommentarlos auf und brach in hemmungsloses Weinen aus.

 

* * *

 

Im Laufe der nächsten Tage beruhigte sie sich und versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, die Oma nie mehr wiederzusehen. Als sie in den Norden zur Beerdigung fuhr, erschien ihr das Haus so leer. Hier war sie aufgewachsen, mit Oma unter einem Dach. Sie hatten sich öfters gestritten und waren aufgrund der unterschiedlichen Generationen nicht immer einer Meinung gewesen. Doch sie war immer da, wenn sie ein Problem hatte.

Jetzt war Oma nicht mehr da.

Weihnachten rückte näher und näher, doch ein besinnliches Gefühl wollte nicht richtig aufkommen.

Dann fiel fiel Daniela auch noch siedendheiß aus heiterem Himmel nach all der Trauer und dem Umzugsstreß plötzlich ein, daß sie ihre Regel nicht bekam.

Sie zögerte den Schwangerschaftstest einige Tage hinaus, doch dann gab es kein Entrinnen mehr. Daniela mußte sich Klarheit verschaffen. Der Test aus der Apotheke schlug positiv an. Sie schluckte hart und das Herz schlug ihr bis zum Halse. Schwanger??? Daniela und ihr Freund wollten ein Kind, aber sie hatten es noch nicht so schnell geplant.  Sie glaubte nicht so recht, daß der Test korrekt war und machte dennoch einen Termin beim Frauenarzt.

Wie konnte das passieren? Der Arzt bestätigte ihr dann nicht nur den Test, sondern auch ihre eigenen Gedanken über den Zeugungszeitpunkt. Nikolaus, am Todestag, hatte sie aufgrund all der Aufregung vergessen, die Pille zu nehmen. Erst am Abend schluckte sie schnell eine. Ihr machte ein Gefühl zu schaffen: sie war sich bewußt, daß sie mit ihrem Freund genau in dem Moment im Bett lag, als ihre Oma starb.

Als alles Leben aus ihr wich, entstand ein neues Leben in Daniela.

Sollte das Schicksal sein? Sie hatte zumindest einen Namen für ihr Kind, wenn es ein Mädchen werden sollte.

2. Von Jennypy1@aol.com

Kätzchen in der Küche


1. Kapitel


Mandy, du bist ja plötzlich ganz wild auf die Schule, sagte Mr. Hope. Er sah zu, wie Mandy alte Zeitung in ihre Schultasche stopfte. Sie fuhr sich rasch mit einer Bürste über die Haare und griff nach einem Bissen Toast. "Es ist erst zehn vor acht. Bist du sicher, dass es dir gut geht?" "Sehr witzig!", sagte Mandy. "Natürlich geht es mir gut. Es ist nur ein besonderer Tag, weiter nichts. "Sie hatte ihre Kaninchen gefüttert und ihre morgendlichen Arbeiten erledigt. Simon, der Tierpfleger, war eingetroffen, um die Betreuung der Tiere zu übernehmen, Fieber zu messen und Medikamente zu verteilen. Nun konnte sie gehen. "Schulausflug?", riet Mr. Hope, als Mandy ihr Fahrrad aufschloss und ihren Sturzhelm aufsetzte. Er bekam keine Antwort. "Neuer Freund?" "Ha. Ha!", sagte Mandy. "Hab jetzt keine Zeit, Papa. Ich erzähle es dir später." Sie fuhr los und winkte ihrer Mutter zu. Mandy wusste, dass ihre Eltern sich nicht vorstellen konnten, wozu sie die alten Zeitungen brauchte. Doch sie beachtete sie nicht und sauste die Straße hinauf nach Welford, ins Dorf. Sie würde ihr Geheimnis bis zum Abend für sich behalten, bis Mrs. Hope von der Runde ihrer Besuche bei kranken Katzen, Hunden, Ziegen und Hamster, die Patienten der betriebsamen Tierklinik "Die Arche" waren, nach Hause kam. Sie winkte ihrer Mutter und ihrem Vater noch einmal zu, bevor sie in die Hauptstraße einbog. "Bis später!", rief sie.                       
Fortsetzung Folgt!

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