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Japan hautnah aus der sehr persönlichen Sicht einer
Austauschschülerin, die in der elften Klasse ein Jahr an einer
buddhistischen Mädchenhighschool und bei Gastfamilien in Tokyo
verbrachte. Rohes Pferdefleisch als Highlight zur Begrüßung,
Qualle, Eiscreme mit Tintenfischtinte und rohes Ei über den Reis
zum Frühstück, kleinere und größere Überraschungen, Freuden und
Schrecksekunden, Intrigen, Erfolgserlebnisse, Peinlichkeiten und
Missverständnisse, gelegentliche Erdbeben, eine fantastische
Klassenfahrt, großartige Mädchenfreundschaften, Chor und
Teezeremonieclub, familiäre Unterstützung, aber auch Konflikte
sowie ein bisschen Heimweh... All das und noch viel mehr in einem spannend und humorvoll geschriebenen Tagebuch, das bereits seinerzeit auf ihrer Homepage von vielen Freunden und Bekannten mit großem Interesse verfolgt wurde. Mein Japanjahr Ein Tagebuch Books on Demand GmbH Dezember 2006 - kartoniert - 228 Seiten 15,00 EUR ISBN-13 |

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Leseprobe
Ich konnte die ganze Nacht kaum schlafen und hatte morgens Fieber. Meine Gastmutter meinte daraufhin, dass ich erst einmal zur Schule gehen soll (erster Schultag!!!) und sie mit mir danach ins Krankenhaus fährt. Dort fühlt man sich gleich noch viel elender, wenn man die ganzen alten Leute um sich herum zu sitzen hat und diese auch noch am Tropf hängen. Okâsan neigt zu leichten Übertreibungen und macht sich ständig Sorgen, ob es mir gut geht. Ich muss hier auch fünf Mal am Tag mein Fieber messen… Na jedenfalls bin ich zur Schule gegangen und alle Schülerinnen haben eine kleine Blume mitgebracht, die dann in einen großen Topf gesteckt wurden. Den tieferen Sinn dieser Handlung habe ich aber leider nicht mitbekommen. Danach wurde ich zu meiner Klasse gebracht und mir wurde ein Platz zugewiesen. Hier sind die Tische kleiner als in Deutschland, so dass pro Tisch nur ein Schüler Platz hat. Ich sitze ganz hinten am Fenster und bin die 36. Schülerin in der Klasse. Als ich schließlich saß, durfte ich auch schon wieder aufstehen und mit kratziger Stimme erzählen, wer ich bin und was ich mag. Aber es sollte noch schlimmer kommen… Nachdem wir den Stundenplan und Blätter mit mir unbekannten Kanjis bekommen hatten, versammelten sich alle in der Aula. Das war eine Aktion, bis endlich alle dort saßen, wo sie sitzen sollten! Wir sangen buddhistische Lieder aus einem Buch und beteten zusammen. Ich verstand natürlich kein Wort und so schnell kann ich Japanisch auch nicht lesen, als dass ich hätte mitsingen können. Ich war außerdem damit beschäftigt, die Regeln herauszufinden und mich einigermaßen richtig zu verhalten. Danach wurden die neuen Lehrer vom Direktor vorgestellt und ich musste wieder in meinem fürchterlichen Japanisch vor ca. 1200 Schülern mit belegter Stimme von mir berichten!

Die Toiletten hier sind ja echt lustig. Auf dem Hebel zum Spülen des Klos meiner Familie stehen die Kanjis für „Groß“ und „Klein“. Außerdem gibt es noch eine Besonderheit: Waschbecken und Spülkasten bilden eine Einheit. Das Wasser läuft aus dem Wasserhahn, man wäscht sich die Hände und nun fließt das Abwasser durch den Abfluss in den darunter befindlichen Spülkasten der Toilette. Man nutzt dann das Wasser beim nächsten Mal zum Spülen für das WC. Das nenne ich mal clever. An anderen Klos sind Knöpfe angebracht, um Spülgeräusche zu imitieren, damit unvermeindliche „Zuhörer“ keine Toilettengeräusche zu hören bekommen, weil diese den Japanern peinlich sind. Ist das nicht lustig? Bei noch anderen Klos werden die Brillen beheizt. Da fragt man sich jedes Mal: „Wer saß denn hier schon?“. Wenn man die vielen Knöpfe ausprobiert, spritzt auf einmal Wasser von unten hoch und wenn man entsetzt aufspringt, spült das Klo von selber. Da bekommt man es mit der Angst zu tun!

Die nächste Doppelstunde Bio verbrachten wir zunächst damit, Zwiebeln und Algen zu mikroskopieren, um die Zellen zu sehen und zu skizzieren. In der zweiten Stunde durften wir uns selbstständig (und individuell!) etwas aussuchen. Eigentlich wollte ich eine Blüte auseinander nehmen, schleppte aber aus Versehen eine Blattlaus mit in den Raum. Alle waren ganz hysterisch, aber ich schob das Tierchen kurzerhand und entschlossen auf das Glas und betrachtete es. Die Lehrerin kam vorbei und fragte mich, ob ich wisse, was das für ein Tier wäre. Ich schaute in meinen Langenscheidt (mein kleines Taschenwörterbuch für alle Fälle) und das Wort „Blattlaus“ war tatsächlich vorhanden. Leider bedeutete es aber, wie sich später herausstellen sollte, „Kopflaus“ und die Lehrerin schaute mich etwas verdutzt an. Danke Langenscheidt!!! Ich erklärte ihr sofort, dass ich sie in einer Blüte gefunden hatte …

Heute nichts Erwähnenswertes, da berichte ich mal von den Schminkgewohnheiten der Japanerinnen! (Wenn ich schon ausführlich von Japan berichte, dann aber richtig!)Ständig wird mir hier ein hauchdünnes Papierblättchen in die Hand gedrückt. Ich dachte ja erst, dass ich da meinen, noch im Mund befindlichen Kaugummi rein tun soll, um ihn wegzuwerfen. Aber weit gefehlt! Damit wischt man sich übers Gesicht, damit der Schweiß daran hängen bleibt und das Papier durchsichtig wird. Ich bin mir auch nicht sicher, ob da nicht eventuell sogar etwas Puder draufgestreut ist!?? Schon lustig, so etwas gibt es in Deutschland nicht, oder kennt das jemand? Und da Japaner ja auf Amerika stehen und auch die Mode übernehmen, wollen sie natürlich nicht mit asiatisch aussehenden Augen durch die Gegend laufen. Also gibt es hier einen Spezialkleber, mit dem die Augenlider eingekleistert werden, um die Augen runder erscheinen zu lassen. Wenn man dann aber versucht, nach unten zu schauen, werden die Augenbrauen mitbewegt, weil ja alles zusammengeklebt ist. Blinzeln kann mach auch nicht. Find ich ja voll eklig! Und wenn ich schon mal beim Thema Kleber bin: Hier müssen Kniestrümpfe zur Schuluniform getragen werden. Die haben aber die unangenehme Eigenschaft, ständig runterzurutschen. Vor allen Dingen, wenn sie schon etwas länger im Gebrauch sind. Also, was macht die Japanerin? Ja logisch, sie klebt sie an den Beinen fest. Hier ist es schon auffällig, weil es die Fläschchen mit dem Klebstoff in allen Farb-, Motiv- und Geruchsvarianten gibt. Ach, und das mit den Farben bringt mich gleich zur Unterwäsche der Japanerinnen. (Jungs: Weglesen! *grins*): Ich hatte mal gelesen, dass sie hier angeblich keine rote und schwarze Unterwäsche tragen. Davon hat man hierzulande aber noch nie etwas gehört. Rote Unterwäsche und Tangas sind zu sexy (Ja, ihr habt richtig gelesen!) und damit peinlich, aber nicht verboten. Es gibt sie auch in den Kaufhäusern. Also trägt Sie in meinem Alter wohl weiße oder rosafarbene Blümchenschlüpfer!

Schon die Bahnfahrt war ein Erlebnis! Rush hour in Shinjuku!!! Der Bahnhof in Shinjuku ist einer der größten der Welt. Dort kreuzen sich dreizehn Linien und täglich steigen ca. vier Millionen Menschen dort ein, aus und um. Man hat in Deutschland schon viel darüber gehört, gesehen und gelesen und sich über die Bahnbeamten mit den weißen Handschuhen lustig gemacht, die auf den Bahnsteigen stehend die Einsteigenden noch nachstopfen, damit die Zugtüren geschlossen werden können. Aber das selber mitzuerleben, ist dann gar nicht mehr so schön! Man fragt sich, wie man in diese Bahn noch reinpassen soll und stellt dann fest, dass sich noch 50 Leute in das Abteil hinein drängeln! Horror, kann ich nur sagen! Ich hatte dieses Wenn-hier-jetzt-eine-Massenpanik-ausbricht-Gefühl. Gar nicht schön für Leute mit Platzangst.
Und dann der nächste Schock. In Shinjuku schaffte es Arisa gerade noch, sich in den Zug reinzudrängeln und plötzlich schlossen sich die Türen vor mir. Was nun??? Ich versuchte ihr mittels Zeichensprache von außen zu erklären, dass ich die nächste Bahn nehme und fragte einen Herrn, der zufällig in meiner Nähe stand, ob die nachfolgende Bahn zu der gleichen Linie gehört. Als ich dann aber im nächsten Bahnhof ausstieg, kam ein neuer Albtraum! Arisa war nicht da! War es doch die falsche Linie? Oder die falsche Richtung? Panik befiel mich. Ich hatte nicht einmal die Telefonnummer ihres Handys mit. „Hilfe, ich bin verloren in einer der größten Städte der Welt“. Ich setzte mich auf einen der Bahnhofsstühle und wartete. Hatte sie einen Expresszug genommen, der nicht an allen Stationen anhält? Nach fünf qualvollen Minuten kam mir Arisa dann entgegen gerannt und war genauso aufgeregt wie ich. Sie war wieder nach Shinjuku zurückgefahren, um dann festzustellen, dass ich weg war. Oops.

Morgens war noch alles in Ordnung. Ich beobachtete einen Mann, der eine Tüte unter den Allerwertesten seines Hundes hielt, damit die Straße nicht mit einem Häuflein verdreckt würde. Es stimmt, ich habe hier eigentlich noch nie die kleinen Tretminen gesehen, die in Berlin schon fest zum Straßenbild gehören. Tokyo ist eine sehr saubere Stadt. Bis auf wenige Ausnahmen keine Schmierereien an den Hauswänden, keine herumliegenden Zigarettenkippen. Das Einzige was fehlt, sind Mülltonnen. Alle schmeißen ihre Tüten mit Abfall an bestimmten Tagen an den Straßenrand, damit die später eingesammelt werden können. Es ist auch gar kein Platz für große Tonnen. Hier wird aber nur in „brennbar“ und „nicht brennbar“ getrennt. Da aber kaum jemand darauf zu achten scheint, weiß ich auch nie, wo ich was rein werfen soll. Meine Gastfamilie spült sogar die Milchpackungen und Plastikflaschen aus, was ich etwas übertrieben finde, aber es ist bestimmt ungeziefervorbeugend und geruchsminimierend. In der Küche sammelt sich der ganze Müll, weil man ja immer warten muss, bis die Müllabfuhr kommt. Keine schöne Sache!

Der Tag ging an sich ganz unspektakulär los: Ich wollte in der Schule mal wieder meine e-Mails checken und die Tagebucheinträge aktualisieren und machte mich daher auf den langen Weg. Irgendwie habe ich dann aber vier Stunden für alles gebraucht, was die Sekretärin, die mir ihren zweiten Rechner überlassen hatte, gar nicht lustig fand, aber auch nichts dagegen sagte, weil der Computer sonst selten in Benutzung ist. Na, jedenfalls stellte ich fest, dass mir Kazuki, den ich im MEO-Camp kennen gelernt hatte, inzwischen drei Mails geschickt hatte. In denen war zu lesen, dass er bereits heute in Tokyo ist, weil er morgen mit MEO für ein Jahr nach Frankreich fliegt und, dass ich ihn anrufen soll, um uns zu verabreden. Er wolle mich vor seiner Abreise noch mal sehen. Schön, dachte ich, hofft er nun, dass wir uns in fünf Minuten am Narita-Flughafen treffen, oder was? Wenn ich doch nur früher an meine Mails gekommen wäre … Aber jetzt ist es eh zu spät! *jammer, jammer* Gegen 16.30 Uhr machte ich mich auf den Weg zur Busstation und blieb wie angewurzelt stehen: Am Haupteingang der Schule lächelte mir Kazuki entgegen und drückte mir einen riesigen Blumenstrauß in die Hand!!! Ich muss total verdattert ausgesehen haben! Er erzählte, dass er dort schon zwei Stunden gestanden hätte, sich aber nicht sicher war, ob ich heute überhaupt zur Schule gehen würde. Da er weder meine Telefonnummer noch die Adresse meiner neuen Gastfamilie kannte, fragte er bei MEO nach. Die wollten aber mit den Informationen nicht rausrücken. Als er sich meine Homepage ansah, fiel ihm das Wort „Schule“ auf, klickte auf den Link zur Musashino Joshi Gakuin Senior High School und kam auf gut Glück einfach mal vorbei. Ist doch Wahnsinn, oder? Ist das jetzt typisch japanisches Verhalten oder habe ich bzw. hat mich da einen Sonderfall erwischt? Ich tippe mal auf Letzteres. Und wie das in meinem Leben immer der Fall zu sein scheint, hält das Glück nicht lange an: Denn weil er ja ab morgen sein Austauschjahr anfängt, wird es heute wohl das letzte Mal gewesen sein, dass wir uns gesehen haben. *ganzdolltraurigsei*

Dana und Ayaki allein zu Haus:
Erdbeben Nr.1: Hmm, es wackelt stärker, länger und irgendwie anders als sonst! Aber das ist bestimmt nichts Beunruhigendes.
Erdbeben Nr.2: Es hat ganz kurz einen Ruck gegeben. Das habe ich mir sicher nur eingebildet. Dass es zweimal innerhalb weniger Minuten wackelt, wäre ein Wunder.
Erdbeben Nr.3: „Ayaki! … Panik!“„Es ist schrecklich und macht mir etwas Angst. So ein Beben habe ich noch nie erlebt. Vielleicht kommt ein großes?“„Uah … Ayaki! …. Noch mehr Panik. Wir wissen nicht einmal in welcher Region das Epizentrum liegt, weil wir keinen Fernseher haben.“ Ist es Tokyo? Dann kann ich mir jetzt einen freien Platz unterm Tisch aussuchen, damit mir nichts auf den Kopf fällt.
Erdbeben Nr.4: „Dana, komm mal schnell, das Bücherregal schwankt und ich habe Angst, dass es umkippt!“
Oh, wie beruhigend. Vier spürbare Beben in weniger als einer Stunde!
Dann kam der erlösende Anruf Otôsans: „Stufe 6 (japanischer Skala) in Niigata.“ Das ist ca. zwei Stunden mit dem Shinkansen entfernt.
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