Das bin ich auf einem Berliner Fernsehturm, obwohl ich nicht mehr fürs Fernsehen arbeite.
Ich bin Hannah aus Köln und habe Angst vor dem Fernsehen. Das ist nicht so lustig, wie es sich anhört.
Erst ist mir immer übel geworden, wenn ich Fernseh geschaut habe, dann kamen die Hautausschläge und zuletzt fing ich an zu schwitzen und konnte kaum mehr atmen, wenn ich irgendwo das blaue Flackern sah oder das erbarmungslose Geplärre hörte. Wie wenn mich jemand würgen würde. Egal was da kam - Nachrichten, Talkshows, Spieleshows, Krimis, Werbung. Und Wut stieg in mir hoch. Beschmutzt und erniedrigt fühlte ich mich.
Ich versuchte das natürlich zu verbergen, um mich in meinem sozialen Umfeld nicht verdächtig zu machen. Mein Gott, ausgerechnet eine Fernsehphobie, wie unangebracht. Es kostete mich größte Mühe, mich den TV-Situationen zu entwinden, hatte Angst meine Freunde zu verprellen, gleichzeitig hielt ich es mit ihnen, die ihre Entspannung vor der Glotze fanden, auf diesem Sofa, in heimeliger Harmonie mit dieser Giftmaschine, ich hielt das nicht mehr aus. Ich kam nicht mehr zu Verabredungen, erfand Gründe, um schnell wieder zu gehen, versuchte meine Freunde zu Leibesübugen und Spieleabenden zu animieren. Meine Leute fanden mich komisch und richtig echt wars ja auch nicht. Schrecklich war das, dieses Sich-Verstecken-Müssen, ein ständiges einsames verkrampftes Fürchten.
Und dann rief ich eines Abends meine Freundin Martha an und sie erzählte mir atemlos von der Church of Fear, die sie bei ihrer letzten Reiseleitung nach Venedig kennengelernt hatte. Davon, daß die Angst keine Geißel sondern eine Waffe ist. Daß sie mein Wegweiser ist, mich vor Gefahren warnt, aufmerksam macht auf das, was wichtig ist in meinem Leben. Daß ich meine Ängste nicht in fremden Händen belassen soll, in den Händen derer, die mich damit kontrollieren und verdammt viel Kohle machen - die Politiker, die Medien, die Industrie. Daß ich die Kontrolle damit zurückerlange, daß ich mich laut zu meiner Angst bekennen, laut sage, daß ich Angst habe, wenn ich Angst habe.
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Das war die Lösung. So banal. Und so wirkungsvoll. Noch am selben ging ich zu meinem besten Kumpel Jörg und erzählte ihm von meiner Phobie. Ihm wurde einiges klar und für ihn war selbstverständlich, daß wir jetzt eben nur noch gemeinsame Action ohne Glotze einplanen. Daß er jeden Tag Angst davor hat, sich in der Mittagspause zu vergiften, hab ich dann auch zum ersten Mal gehört.
Seitdem bin ich offensiv: Ich mache Szenen in den Fernsehanstalten, drohe mit Klagen wegen Körperverletzung, gehe in Elektro-Geschäfte, behaupte, eine teure HiFi-Anlage kaufen zu wollen und nötige die Verkäufer dazu, alle Fernsehgeräte abzuschalten, weil ich sonst einen lebensgefährdenden eklesiastischen Anfall erleide. Es funktioniert.
Und so habe ich mit stolzgeschwellten Brüsten aufgehört, fürs Fernsehen zu arbeiten. Ich verweigere den Realitätssimulationen, Lebensersatzshows und Rattenfängereien die Wertsteigerung - sie bekommen keinen Funken meiner Aufmerksamkeit, keine Minute meiner kostbaren Lebenszeit, solange ich das nicht will.
Mein Angstbekenntnis habe ich auf dem Fernsehturm in Berlin abgelegt. Hab es sogar geschafft mich über nacht einschließen zu lassen, sodaß ich zuletzt 16h oben war Meine Angst ist noch da, aber sie ist wie eine Keule, die ich raushole, wenn ich mich bedroht fühle. Kämpft mithilfe Eurer Ängste!
Eure Hannah