So, jetzt muss ich doch ein paar Worte loswerden zu meinem Buch, derzeit (14.5.04) 87 DIN A 4 Seiten, ergibt ungefähr 320 Seiten im mittleren Buchformat, Schriftgröße 13. Ich habe mit 12 Jahren angefangen es zu schreiben. Also der Stil ist noch zeimlich geprägt von Kinderbüchern *g* und man merkt auch einen kleinen Unterschied zu dem Teil, den ich dieses Jahr geschrieben habe, im positiven Sinne. Auf die Idee, genau DIESE Story aufzuschreiben, bin ich durch einen meiner Lieblingsautoren (Klaus Kordon), durch einige meiner unzähligen Träume und durch eine Geschichte im Lesebuch der Klasse 7 gekommen, natürlich ist das Buch nicht genau so geschrieben, wie ich es mir am Anfang vorgestellt habe, sondern es ist alles in allem, mit meinen eigenen Ideen, mein EIGENES Buch geworden und ich bin, ehrlich gesagt, schon ziemlich stolz darauf. Also lest es bitte mit Achtung! *g* Es existiert ein (handschriftlich!!!!!!!!!!!!) korrigiertes Manuskript, wie der Verleger dazu sagt, allerdings nicht auf dem Computer (--->) handschriftlich. Wenn es allerdings im abgespeichert ist, dann werdet ihr das verbesserte Buch zu lesen bekommen.

 

TEIL 1

 

 

 

1. Kapitel

Sara lebte in einem kleinen Dorf in Südostafrika. Ihre Familie, die aus insgesamt zehn Köpfen

bestand, besaß dort ein winziges Grundstück, auf das gerade eine kleine Hütte mit Gemüsegarten passte. Sara war mit ihren zwölf Jahren das älteste Kind ihrer Eltern. Ihre Geschwister, Simon, Shangji, Gupo, Jersey, Ora, Odini und Kataja, mussten alle schon arbeiten. Auch Kataja, obwohl sie erst drei Jahre alt war. Sie half Steine in Körben zum Steinberg zu bringen, nachdem sie auf den Feldern der Reichen aufgelesen worden waren. Dafür bekam sie 40 Pfennige am Tag. Ora und Odini, die beide fünf Jahre alt waren, arbeiteten in einem Fischbetrieb. Sie mussten Fische für 1,20 DM am Tag schuppen und ausnehmen. Jersey, sechs Jahre alt, war Kochgehilfe in einem reichen Haus. Dort bekam er das beste Gehalt, nämlich sechs Mark am Tag. Gupo und Shangji, sieben und acht Jahre alt, halfen einem Gärtner bei der Gartenarbeit in der Stadt. Da sie nur 20 Pfennige am Tag bekamen, konnten sie der armen Familie am wenigsten helfen. Simon, elf, ging in die Abendschule. Gebrauchte Schulbücher besorgten sie sich bei Freunden, deren Kinder schon in der Schule gewesen waren. Für ein Buch zahlten sie dort 2 Pfennige. Das war gut, denn sonst hätte Simon nicht weiterhin in die Schule gehen können. Sara war Magd auf einem kleinen Hof. Dort verdiente sie kein Geld, bekam aber von der Bäuerin immer etwas zu essen und ein kleines Paket für die Familie.

Insgesamt bekam die Familie acht Mark am Tag. Und damit konnten sie sich schon etwas kaufen.

Als die Familie hierher kam, hatten sie umgerchnet 500 Deutsche Mark für dieses Grundstück

zahlen müssen. Die Kinder hatten sofort Arbeit gefunden und Vater und Mutter schufteten zu Hause im Dorf. Die Mutter kochte und der Vater pflegte den Garten.

Sara hatte gleich in den ersten Wochen eine treue Freundin gefunden. Sie hieß Patricia, aber alle nannten sie Patty. Warum sie einen amerikanischen Namen hatte, wusste niemand.

2. Kapitel

Als Sara an diesem Morgen aufwachte, waren die anderen schon längst draußen oder bei der Arbeit. Beschämt, weil sie erst so spät aufgewacht war, lief sie mit dem tönernen Krug zum Brunnen im Dorf und holte frisches Trinkwasser. Als sie zurück war, waren alle anderen schon weg und ihre Eltern im „Haus". Sara brachte ihrer Mutter das Wasser zur offenen Feuerstelle im Wohnraum. Die Hütte bestand nämlich aus zwei Räumen. Dem Wohnraum und dem Schlafraum.

Nachdem Sara der Mutter noch beim zubereiten des Reises geholfen hatte, zog sie ihre graue Schürze an und machte sich auf den Weg zum Gutshof.

Dort angekommen, klopfte sie am Gatter, worauf lautes Hundegebell antwortete und gleich ein brauner Blitz um die Ecke geschossen kam. Es war Kläffer, der Wachhund vom Gutshof.

Bald rief eine Stimme nach Sara, sie solle doch bitte ins Haupthaus kommen und sich um die vier Kinder kümmern. Die Bäuerin musste auf Feld hinaus und bei der Reisernte helfen. Der Bauer war schon seit Tagen mit einer Karawane zum Nil gereist, um Reis von der letzten Ernte über den Nil nach Nordafrika und von dort über Gibraltar noch Europa zu bringen. Dort an einem Hafen in Spanien, wurde der Reis in Beutel gepackt und von Lastwagen in die Geschäfte gebracht.

Deshalb musste die Bäuerin anstatt des Bauers die Ernte überwachen. Auch Granatäpfel und Getreide mussten noch geerntet werden.

Sara machte gern den Babysitter für die kleinen Bauernkinder. Die größeren Kinder, die alle acht schon über sechs waren mussten bei der Ernte helfen.

Als die Bäuerin gegangen war, holte sie Wasser für die beiden kleinsten, da sie wegen des Durstes weinten.

Gegen Mittag kochte sie einen großen Kübel voll Milchreis für die hungrigen Erntearbeiter und die Kleinen. Sie selbst aß eine warme Scheibe Brot mit einem Glas

Wasser. Nachmittags wurde sie von der Jüngsten der älteren Bauernkinder abgelöst und musste selbst aufs Feld hinaus. Sie stand in der glühenden Nachmittagshitze und schuftete bis ihre Hände nicht mehr wollten und sie erschöpft auf ein freies Fleckchen in dem Urwald aus Reispflanzen sank. Die Erntearbeiter in ihrer Nähe gaben ihr aus einem tönernen Krug zu trinken und sagten, sie solle sich im Schatten für eine kleine Weile ausruhen. Dann machte Sara weiter bis zum Abend.

Abends waren sie mit der Reisernte fertig. Aber morgen würden sie die Getreidefelder ansteuern.

Abends blieb Sara auf dem Bauernhof. Als sie am nächsten Morgen geweckt wurde erfuhr sie, dass sie mit einigen anderen Hofarbeitern in Durban, der nächst größeren Stadt den Reis an einen Hafen bringen sollten. Dort warte ein Hafenwärter namens Harolin auf sie. Sie sollen ihm die gesamte Ernte überlassen. Bezahlt dafür habe er schon.

Das gefiel Sara. Denn sie durfte nur ganz selten nach Durban. Und dann musste sie immer irgendetwas für die Mutter besorgen. Sara sprang sofort von ihrem Sack in der Gesindestube auf und rannte die Treppen herunter.

Nach einem reichlichen Frühstück, reisten sie ab. Sie hatten zwanzig Packesel dabei, die voll mit Reis beladen waren. Diesmal war die Ernte sehr gut ausgefallen. Die Bäuerin konnte sogar fünf Säcke für sich und die Familie zu Hause behalten.

Sara lief neben einem unbeladenem Esel her und wechselte sich mit Linda, der jüngsten Bauerstochter mit dem Reiten ab.

Als sie schließlich nach zwei Stunden in Durban ankamen, fragten sie nach dem Weg zum Hafen. Ein alter Bettler zeigte ihnen den Weg, sie bedankten sich mit ein paar Händen voll Reis großen, grauen Tuch, das Linda am Sattel des Esels befestigt hatte und zogen weiter. Im Hafen angekommen, rannte ihnen ein jung aussehender Mann auf sie zu, der sich als Gerald Harolin vorstellte und den Reis in Empfang nahm. Sie sahen noch beim aufladen auf ein Schiff zu. Dann lud Gerald sie in seine bescheidene Hafenwohnung ein und stellte ihnen

Vera vor, seine junge Frau. Sie lief gleich zur Feuerstelle, kochte Wasser und schüttete ein Sara fremdes bräunlich-schwarzes Pulver hinein. Gerald erklärte ihnen, dass dies leckerer Tee wäre, ein Produkt, das er in Deutschland, seinem Heimatland, gekauft habe und das ihn Großbritannien hergestellt wurde.

Sara probierte ihren Tee als Erste und tatsächlich: Es schmeckte himmlisch. Sara fragte Gerald, ob er ihr ein Päckchen verkaufen könne. Dieser antwortete, er würde ihr eines schenken, wenn sie wieder gingen.

Am Abend schliefen sie in Geralds Wohnraum auf dem Boden.

Morgens wurden sie von Vara geweckt und frühstückten Butterbrote mit Tee.

Gerald hielt sein Versprechen, schenkte Sara ein Päckchen und erklärte die Zubereitung. Sara bedankte sich und lief zu ihrem Reitesel, setzte sich hinauf und wartete auf die anderen. Jetzt, als Vara ins helle Tageslicht trat, erkannte Sara erst, wie schön sie war. Über ihrem afrikanischen Sari hatte sie eine durchsichtige, dünne Jacke an. Ihr rabenschwarzes, langes Haar hatte sie mit einigen Holzhaarnadeln hochgesteckt und um ihren schlanken Hals hatte sie ein schwarzes Seidentuch geschlungen, das zu ihrem dunkelgrünen Sari gut passte.

Sara hatte das Teepäckchen in ihren blauen Wollschal gewickelt und mit ihrem Stoffband, das sie stets um ihre Taille trug am Sattel des Reitesels befestigt.

Alle halbe Stunde sah sie nach, ob es noch an seinem Platz hinge.

Schließlich, am späten Vormittag erreichten sie den Gutshof in Matatiele und führten die Esel in den Stall. Nachdem Sara ihren Lohn mit Sonderzuschlag erhalten hatte (10 DM) schenkte die Bäuerin einen kleinen Leinensack voll Reis und einen tönernen Krug voll Kokosmilch. Sara bedankte sich und machte sich auf den Weg nach Hause. Dort wartete eine böse Überraschung auf sie.

Die Mutter saß weinend vor dem Lagerfeuer. Sara setzte sich lautlos neben sie, legte den Arm um ihre knochigen Schultern und fragte leise, was los sei.

Erst antwortete die Mutter nicht und schluchzte weiter. Doch nach einigem Zureden fing sie schließlich stockend an zu erzählen: „Ora hat ihre Arbeit verloren, weil sie nicht schnell genug war. Sie hatte sich doch letztes Jahr den Finger gebrochen und nun ist er steif und unbeweglich. Ora tat bis jetzt ihr Bestes um den Unfall wieder gut zu machen. Doch der Chef bekam mit, dass Ora' s Finger unbrauchbar war und feuerte sie. Der Vater ist nun sauer auf Ora, weil sie gezeigt hat, dass sie mit ihrem Finger nicht so schnell wie die anderen arbeiten kann. Obwohl sie doch unschuldig ist und gar nichts dafür kann! Jetzt will er sie als Sklavin an einen Händler verkaufen, der nach Nordafrika zieht und dort seine teilweise schwarzen Waren verkauft.

Der Händler sitzt drin in der Stube mit deinem Vater und Ora." Sara weinte jetzt auch. „ Und was hat Vati gesagt, als du anfingst zu protestieren und zu weinen?"

„Er sagte, wenn ich nicht sofort mein Maul hielte, würde er mich auch verkaufen.

Wieso war mein Vater damals so blind, als er mich mit diesem Mann verheiratete."

„Ruhig, Mutti. Ich gehe jetzt hinein zu Vati, Ora und diesem Slaventreiber und versuche, sie von ihrem Plan abzubringen und Ora zu helfen. Auch, wenn ich nicht glaube, dass es etwas bringt." „Aber..." Was die Mutter ihr noch sagen wollte, hörte Sara nicht mehr. Denn sie war schon durch den Teppich am Eingang eingetreten. Drinnen herrschte ein merkwürdiges Dämmerlicht, das aus dem Schlafraum kam. Eine dunkle Männerstimme bellte etwas und dann schrie eine Kinderstimme. Ora!, schoss es Sara durch den Kopf. Dann lachte der Vater ein grässliches Lachen, das Sara eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. Der Vater machte also Ernst. Arme Ora. Wenn Sara jetzt nichts für sie tun konnte? Was, wenn Ora wirklich nach Nordafrika verkauft wurde? Was, wenn der Vater die Mutter auch verkaufte? Und was wurde dann aus ihr? Würde er sie denn nicht auch verkaufen? All diese Fragen schossen Sara durch den Kopf.

3. Kapitel

In Afrika können die Männer mit ihren Frauen und Kindern machen was sie wollen. sie dürfen über sie bestimmen. Es heißt, Frauen und Mädchen haben keine Seele.

Das ist natürlich Quatsch, aber die meisten Afrikaner glauben es eben.

Sara blieb vor dem Teppich zum Schlafraum stehen und sah durch den Spalt zwischen Teppich und Wand. Die Männer hatten zwei Kerzen angezündet und rechts und links von Ora aufgestellt. Erstmal sollte der Händler sehen, ob Ora genug Muskeln für Schwerstarbeit hatte und der Vater wollte jede ihrer Bewegungen überprüfen, damit ein Fluchtversuch im Voraus vereitelt werden konnte. In Sara steig eine Wut auf, die sie noch nie zuvor verspürt hatte.

Ora war blass und die Tränen liefen in Strömen an ihren Wangen herunter. Der Händler hatte ein scharf geschnittenes Gesicht und die Backenknochen traten stark hervor. Er trug ein langes, beiges Gewand, so wie die Araber und hatte ein Kopftuch um die Schultern gelegt. Eben hatte der Vater Ora geschlagen und gebrüllt, sie solle aufhören zu heulen, sonst würde alles nur noch schlimmer werden. Daraufhin hatte Ora aufgehört zu weinen und jetzt hörte man nur noch unterdrückte Schluchzer aus ihrer Richtung kommen. Der Vater und der Händler unterhielten sich. „Wieviel bekomme ich für dieses Wesen?", fragte der Vater in Richtung Händler. Sara schüttelte es, weil der Vater Ora als Wesen bezeichnet hatte, als ob sie etwas ganz Abscheuliches sei. „Sagen wir....... fünfzig Mark?", jetzt begann zwischen dem Händler und Sara‘ s Vater ein grobes Gespräch. Der Vater wollte mehr und der Händler versuchte natürlich den Preis herunterzuhandeln.

Schließlich einigten sie sich auf siebzig Mark. Der Vater nahm das Geld entgegen und rief nach der Mutter. Als diese an Sara vorbei kam, flüsterte sie: „Jetzt soll mich der Händler mustern. Er soll sagen, ob ich genug Kraft zur Sklavin habe. Jetzt ist‘s

aus mit dem glücklichen Leben, Sara." Sara wandte sich dem Schatten zu, um beim Öffnen des Teppichs nicht entdeckt zu werden.

Der Vater blaffte die Mutter an, sie solle sofort die dicksten Seile holen. Sie kam wieder heraus und kehrte kurz darauf mit Seilen zurück. Dann wurde die Mutter vom Vater festgehalten, während der Händler ihr die Seile um die Hände zog und sie auf den Rücken warf. Sara‘ s Mutter wurde mit gefesselten Händen gezwungen sich hinzusetzen. So brutal hatte Sara ihren Vater noch nie erlebt.

Nun wurde Ora an Händen und Füßen gebunden, bekam einen warmen Mantel angezogen und wurde auf eine der Matten gelegt.

„Ich gehe jetzt zum Lagerfeuer und lasse mir von Sara die anderen holen. Ich denke, dass sie jetzt schon vom Gutshof zurück ist. Hoffentlich!"

Sara rannte so leise sie konnte zum Lagerfeuer und wartete mit pochendem Herzen auf den Vater. Der kam auch kurz darauf und spielte den Guten.

„Hol‘ doch mal bitte deine Geschwister. Sie wurden heute Nachmittag in die Nachbarhütte geholt, um mit den anderen zu spielen und auf sie aufzupassen. Sara rannte los, um der Umarmung des Vaters zu entkommen.

An der Hütte angekommen, klopfte sie an und rief nach ihren Geschwistern.

Simon‘ s Stimme antwortete. Sara nannte ihren Namen und rief, Simon olle sofort alleine herauskommen. Nach kurzer Zeit erschien sein dunkler Lockenkopf im Türspalt.

„Was ist los? Warum hat Vati uns hierher geschickt? Was ist passiert? warum holst du uns ab und nicht Mutti? Erzähl schon!!!!"

Sara begann zu erzählen, dass der Vater Ora an einen Sklavenhändler verkaufen

wolle und auch die Mutter gefesselt im Schlafraum läge. Warum, das wisse sie nicht. Als Sara geendet hatte, war Simon sehr empört über den Vater. Auch er habe den Vater noch nie so erlebt und er wünsche sich von ganzem Herzen, dass Ora befreit werden könne. Und natürlich auch die Mutter. Nachdem sich alle Geschwister von den Nachbarn verabschiedet hatten, waren sie zur heimatlichen Hütte gekommen. Auf dem Weg hatte Sara ihnen in einfachen Worten erklärt, was passiert war, einschließlich Kataja. Alle waren sauer, nur Kataja verstand nicht, warum die Geschwister so schweigsam waren und sie anfuhren, wenn sie ihre Geschwister aufmuntern wollte.

Dann standen sie schließlich vor der Hütte, in der heute Abend so Schreckliches passiert war.Aus dem hinteren Fenster schimmerte noch immer Kerzenlicht hervor. Sara trat ein und rief leise nach dem Vater. Im Hinterzimmer war es mit einem Schlag still. Die Gestalt des Vaters zeichnete sich im Licht, das durch den Türrahmen kam, deutlich ab. Sara sah sich einem hochgewachsenem Mann gegenüber, dessen Gesicht kastenähnlich war und dessen Backenknochen schwach hervortraten. Der Vater zündete zwei Kerzen im Wohnraum an und befahl den Kindern sich auf den Boden zu setzten. Kataja rutschte ängstlich näher zu Odini hin, da sie Angst vor dem plötzlich so groben Vater hatte. Der Vater fragte die Geschwister von Sara, ob es ihnen beim Spielen gefallen habe . Und dann erzählte er von Ora‘ s Ungeschicktheit und von ihrem Rausschmiss. Sara hatte das Gefühl, dass er die Stellen, an denen Ora unüberlegt gehandelt hatte richtig genoss und er nannte Ora immer nur `das Wesen´. Auch die Geschwister schüttelten sich, weil der Vater so über die arme Ora herzog.

Schließlich rief der Vater: „Ernon, führt diese Unwissenden in den Schlafraum und erzählt, was ich mit Ora vorhabe. Der anderen bindet die Hände wieder los und nehmt ihr das Tuch vom Mund. Dann jagt sie fort!" Ein kräftiger Kerl erschien. Jetzt war er viel größer, als er Sara vorher, wo er noch saß, vorgekommen war.

Die Kinder wurden in den hinteren Raum geführt. Dort erschraken sie mächtig, als sie Ora so elend und blass auf ihrer Matte liegen sahen. Der Händler beugte sich über die Mutter und schnitt ihre Handfesseln durch. Dann riss er sie in die Höhe, zog einen Bambusstock hervor und drohte damit, sie zu schlagen, wenn sie nicht sofort ginge. Die Mutter fing an zu weinen und rannte hinaus.

Ora wurde jetzt von dem Händler hochgehoben und rausgetragen. Der Vater sagte, sie sollen hier bleiben, nur Sara musste mit hinaus.

Draußen steckte Ernon zwei Finger in den Mund und pfiff. Im Schatten tauchte ein Mann mit fünf Eseln auf. Auf einen wurde Ora gebunden, einer war mit Proviant voll bepackt, auf einem lag ein Sattel und zwei trugen eine Frauensänfte.

Der Vater packte Sara beim Arm und zog sie auf den Boden. Sara stieß einen erschrockenen Schrei aus. Dann warf sich der Gehilfe von Ernon über sie und Ernon selbst fesselte ihre Hände so fest, dass Sara einen Schmerzensschrei unterdrücken musste. Auch die Füße wurden gebunden. Dann bekam sie ein Tuch um Mund und Augen gebunden und der Vater setzte ihr einen langen, weißen Schleier auf. Nun wurde sie hochgenommen und in die Frauensänfte gelegt. Dort drin war es warm und weich. Sara belauschte die drei Männer und erfuhr, dass sie mit dem Sohn von Ernon verheiratet werden sollte, obwohl sie erst zwölf Jahre alt war. Als Frau von diesem hätte sie es gut und müsste nichts arbeiten. Außerdem dürfe sie einmal im Jahr hierher zurückkehren. Aber Sara machte sich keine Hoffnungen, dass sie die Hütte, den hübschen, kleinen Gemüsegarten, die lieben Geschwister mit der Mutter und ihre Freundin jemals wiedersehen würde. 

4. Kapitel

Sara wachte am nächsten Tag erst spät auf. Die vielen Ereignisse gestern hatten sie müde und schläfrig gemacht. Es war stockduster, obwohl man ihr die Augen binde bereits abgenommen hatte. Sara spürte keine fesseln mehr und auch konnte sie wieder durch den Mund atmen. Sie tastete herum und merkte, dass man die Vorhänge ihrer Sänfte zugezogen hatte. Sie zog sie ein wenig auf und blickte hinaus. Rechts von ihr liefen jetzt zwei weitere Esel. Auch diese beiden trugen eine Frauensänfte. Dort waren die Vorhänge offen und Sara konnte die kleine, schmächtige Gestalt von Ora erkennen. Auch sie war in Schleier verhüllt worden und in Decken gewickelt. Sara Hatte den Schleier zurückgeschlagen und hatte nun alle Vorhänge geöffnet.

Links von ihr hatte sie zwei weitere Sänften entdeckt. Allerdings waren bei diesen Beiden die Vorhänge zugezogen. Sara sah wieder nach rechts und bemerkte, dass auch Ora herausguckte. Sie war sehr blass, die Haare waren strubbelig zusammengebunden. Dunkle Ringe unter den Augen und weiße Lippen gaben ihr das Aussehen eines Kranken. Sie versuchte ein Lächeln, aber es gelang ihr nicht. Sie malte mit ihrem Finger ein Fragezeichen in die Luft. Sara zuckte die Schultern.

Ora‘ s Gesicht verschwand vom Fenster und auch Sara ließ sich zurück in ihre weichen Polster sinken. Sara dachte zum ersten Mal seit sie wach war darüber nach, was mit ihr wohl passieren würde, wenn sie erst mal in Nordafrika angelangt wären.

Sie sollte verheiratet werden. Sie wusste weder mit wem, noch ob dieser jemand menschenfreundlich war.

Die Sonne brannte herab und Sara zog die Vorhänge wieder zu, damit sie ein wenig Schatten hatte.

Am späten Nachmittag tat die Sänfte einen schweren Ruck und Sara‘ s Kopf wurde an die Wand geschlagen. Kurz darauf wurde am rechten Seitenfenster geklopft.

Sara musste die Vorhänge zurückziehen. Ernon‘ s Kopf erschien und lächelte freundlich. Sara konnte hinter ihm erkennen, wie zwei Männer Ora aus der Sänfte zerrten. Die kleine Karawane hatte auf einer riesigen Wiese angehalten. Sara konnte das Ende nicht erkennen. Ernon bedeutete ihr durch Handzeichen, dass sie aus der Sänfte kommen sollte. Sie öffnete die Tür und kletterte über drei kleine, vergoldete Stufen auf die Wiese. Dabei wurde sie von dem jungen Helfer gestützt, der Ernon schon im Dorf geholfen hatte. Er lächelte die ganze Zeit. Zwei andere Männer holten aus den Satteltaschen Essen und Wasserflaschen und verteilten es unter die vier Frauen und Mädchen. Sara erkannte in dem anderen Mädchen Patty, ihre beste Freundin. Auch diese erschrak, als sie Sara herunterkommen sah.

„Was machst du denn hier?", fragte Patty, als Sara sich neben sie gesetzt hatte.

„Ich soll mit dem Sohn von Ernon verheiratet werden. Und du?", Sara flüsterte nur, denn sie hatte Angst, dass jemand belauschte.

Patty und Sara aßen tüchtig und stiegen dann wieder in ihre Sänften.

Inzwischen war es Abend geworden und Sara machte es sich in ihrer Sänfte zum Schlafen bequem. Dann ging die Reise weiter.

5. Kapitel

Seit zwei Tagen waren sie jetzt unterwegs. Sie hatten viele Städte durchquert und waren über eine Menge von Wiesen gekommen.

Sara war gerade zum dritten Mal in ihrer Sänfte aufgewacht. Sie hatten täglich nur eine Rast gemacht. Anscheinend wollte Ernon so schnell wie möglich zurück.

Gegen Mittag erreichten sie endlich den Nil bei Wadi Halfa. Hier rasteten sie. Die Sänften wurden von Sklaven auf ein Schiff getragen. Sara, Patty, Ora und Wanda mussten sich auf dem Schiff in einer Reihe auf den Teppich legen. Dort wurden ihnen die Hände und Füße stramm zusammengebunden und sie wurden mit einer Eisenkette verbunden, die an der Schiffswand befestigt war. Nach einigen Stunden des Wartens kamen einige Sklaven an Bord, die ein Zelt mit Goldstickereien aufbauten, Kissen und Decken hinein trugen und wieder von Bord sprangen. Schließlich kam Ernon und trug Sara in das Zelt. Dieses war in vier mittelgroße Räume eingeteilt, die durch dicke Teppiche voneinander getrennt waren. Sara wurde in den hintersten Teil getragen. Ernon zog ihr Fesseln noch fester an und schnallte ihr einen Ledergurt um die Brust. Dieser wurde mit einer Eisenkette an der Zeltstange befestigt. Wenn Sara hätte fliehen wollen, so wären alle ihre Hoffnungen nun zunichte gemacht worden. Aber Sara dachte nicht an Flucht. Sie wollte auch nicht verheiratet werden. Eigentlich wusste sie gar nicht, was sie machen sollte.

Schließlich, nachdem Ernon raus gegangen war, hörte sie Befehle und nach kurzer Zeit hörte sie, wie ihre Gefährtinnen hereingetragen wurden.

Anscheinend war noch ein weiteres Zelt aufgebaut worden, denn Sara vernahm nur die Stimmen von Wanda und Patty. Ora! Wo war Ora hingebracht worden? Vielleicht in ein anderes Zelt, weil sie nur eine Sklavin war? Was würde dann mit Patty und Wanda geschehen?

Nach kurzer Zeit kam ein grob aussehender Mann. Dieser schnallte Sara den unangenehmen Ledergurt ab und zerrte sie hinter sich her in den vierten und größten Teil des Zeltes. Hier warteten zwei Sklavinnen auf sie, die sich tief vor Sara verbeugten. Sara war das peinlich und sie senkte ihren Blick. Nach wenigen Minuten kamen drei junge Mädchen herein. Die Erste trug einen langen, aufwendig gearbeiteten Schleier, die Zweite trug ein Paar weißer, langer Handschuhe, ein paar goldene Schuhe und einen großen Hut. Die Dritte aber trug eine riesige Pappschachtel.

Die zwei Sklavinnen schickten die drei nachdem sie ihre Last abgelegt hatten wieder hinaus. Die Eine sagte jetzt zu Sara: „Lass dir deine Fesseln durchschneiden und lege dich dann auf diese Matte dort hinten." Mit diesen Worten zeigte sie auf eine alte Matte. Sara wurde von ihren Seilen und Eisenketten befreit und bekam eine Augenbinde. Dann wurde ihr der schöne, rote Sari mit dem grünen Halstuch entwendet.

Stattdessen hörte sie, wie die Pappschachtel geöffnet wurde. Dann befahl man ihr, sich hinzustellen. Nach einiger Zeit stand Sara in einem wunderschönen, blauen, mit Gold- und Regenbogenfarbenstickereien verzierten Kleid da und sah aus wie eine Märchenkönigin. Nun wurde Sara die Augenbinde abgenommen. An Statt dieser wurde ihr der lange, bis auf den Boden reichende Schleier aufgesetzt.

Sara war überwältigt. Bald kam der junge Helfer von Ernon, der sich als Harald vorstellte und sie mit vielen Verbeugungen zurück führte.

Patty und Wanda behielten ihre alten, schäbigen Saris an.

Sara wunderte sich darüber, dass sie nicht gefesselt wurde und auch frei herumgehen durfte.

Am Abend legte das Schiff ab. Sara verstand nicht, warum man nicht schon morgens oder wenigstens mittags gestartet war. Warum wollte man unentdeckt bleiben? War irgendeine schwarze Fracht außer den Sklavinnen an Bord?

Sara konnte nun ein Gespräch zwischen Patty und Ernon belauschen. Dieses verlief folgendermaßen:

„Hallo Patricia! Wie geht es? Wirst du auch freundlich behandelt?", fragte Ernon mit einem spöttischen Unterton.

„Gut. Ja. Ich würde trotzdem gerne wissen, was mit mir passieren soll, und wann man mir endlich diese verfluchten fesseln abnimmt!", Patty reagierte eher ruhig.

„Was mit dir passieren soll? Tja.... wenn du es unbedingt wissen willst... Das Gleiche, was mein Vater einst mit deiner Mutter tat."

Sara war nicht wenig verwundert darüber, dass Patty und Ernon sich schon lange kannten.

„WAS???", fragte Patty jetzt schockiert, „ich soll zur Dienerin und Sklavin meiner

allerbesten Freundin Sara werden? Wie habe ich ein solches Schicksal nur verdient. Das ist es doch, was du meinst, oder?"

„Allerdings, mein Kleines", Ernon versuchte Patricia zu reizen. Aber Patricia ließ sich nicht so schnell auf hundertachtzig bringen. Sie antwortete ruhig und beherrscht:

„Werde nicht gleich so aufdringlich, Dicker." Damit hatte sie Ernon‘ s empfindlichsten Fleck getroffen: Seine Figur. Er war mindestens genauso breit wie hoch. Und Ernon war schon von sehr gewaltiger Größe. Sara hörte einen lauten Knall und einen leisen Schmerzensschrei von Patty. Dann wurde nicht mehr gesprochen. Nun konnte Sara ein Gespräch auf ihrer linken Seite verfolgen. Es fand zwischen Ernon und Ora statt. Ich werde es allerdings nicht wiedergeben.

Am nächsten Morgen landeten sie in Theben. Ernon ließ die Frauen von den Sklavinnen wecken und befahl ihnen sich in ihre Sänften zu begeben, zu verschleiern und die Vorhänge zuzuziehen. Die Sänften waren schon von Sklaven von Bord getragen und auf den Eseln festgeschnallt worden. Die Frauen begaben sich hinunter, winkten sich ein letztes Mal für längere Zeit zu. Sara kletterte die kleine, goldene Treppe ihrer Sänfte hoch und schloss die Tür. Dann sah sie den anderen noch zu, wie sie in die ihrigen stiegen. Schließlich, als draußen kein Mensch mehr zu sehen war und die anderen ihre Vorhänge zugemacht hatten, zog auch Sara ihre zu und setzte sich den Schleier auf, der auf den Polstern und Kissen lag. Sie hatte Ora nicht mehr gesehen, seit sie an Bord gekommen waren. Sie war auch vorher nicht mit den Mädchen herunter gegangen.

Sara machte es sich bequem und schloss die Augen. Nach kurzer Zeit begann die Sänfte zu schwanken. Anscheinend waren auch die anderen gekommen.

Gegen Mittag hielten sie vor einem prunkvollen Gebäude an, das fast schon wie ein Schloss aussah. Sara lugte vorsichtig durch einen Spalt im Vorhang. Was sie sah, ließ ihr das Herz für einen Augenblick stillstehen.

Draußen standen über zehn weitere, ebenfalls vergoldete Sänften, mit Insassinnen.

Was mochte man mit ihnen wohl anstellen? Eben öffnete sich die schwere, mit Eisen beschlagene Holztür und heraus trat ein junger, gut aussehender Ägypter mit seinen Dienern. Er lief den Ankommenden entgegen und rief: „Vater! Vater! Hast du sie alle mitgebracht?" Der Vater, Ernon, rief als Antwort: „Ja, Neschi, ich habe sie

alle. Sara ist mit ihren beiden Dienerinnen auch dabei. Und für dich habe ich eine Sklavin als Geschenk dabei. Sie heißt Ora. Es ist Sara‘ s Schwester." Diese letzten Worte waren an eine hübsche, junge Dame in einem weiten Kleid mit aufwendigen Stickereien gerichtet.

Sie verbeugte sich und lief in die Villa zurück. Sara fragte Ernon, als er ihr aus der

Sänfte geholfen hatte, wer das denn gewesen sei. Er antwortete ihr:

„Das war mein Sohn Neschi. Er verkauft Stoffe und Kleidungsstücke nach Südafrika. Dies wird dein zukünftiger Ehemann sein. Das Mädchen, sie ist sechzehn, heißt Sutailja und ist die Ehegattin von meinem anderen Mann. Es ist Yanhamu, ein netter Mann, der ebenfalls Händler ist und Tabak nach Europa und Südindien verkauft." Mit diesen Worten drehte er sich weg und steuerte auf die Villa zu. Sara indessen wurde von zwei Männern flankiert, die eine Uniform trugen. Einer von ihnen hieß Akunosch und versuchte auf dem Weg zu den Gemächern von Sutailja Sara aufzumuntern. Doch Sara reagierte nicht. Sie hatte plötzlich Sehnsucht nach ihren Geschwistern. Doch hier konnte sie nicht weg. Die Männer führten sie zur Villa und dann betraten sie Sara‘ s künftige Welt. Sara gab ihre Fluchtgedanken, die sie in den letzten Stunden gehabt hatte auf.

6. Kapitel

Sara musste vor einer schweren Holztüre auf Akunosch und seinen Begleiter warten. In dieser Zeit sah sie sich in der Eingangshalle genauer um. Die Eingangstür war von innen mit Eisen beschlagen und hatte drei Schlösser. Der Türgriff war wuchtig in der Mitte eingesetzt. Rechts und links von der Türe standen je zwei Männer in Uniform. Sara sah darunter auch den früheren Begleiter Ernons. Dieser lächelte ihr zu, doch sie wandte sich schnell in eine andere Richtung.

Auf der anderen Seite sah sie durch riesige, bunte Fensterscheiben in einen großen Garten hinaus. Rechts daneben ging eine Tür ständig auf und zu und es kamen viele Frauen und Mädchen in feinen Gewändern heraus.

Schließlich kamen Akunosch und sein Begleiter zurück. dieser sagte:

„Sara, du wirst jetzt deinen späteren Gemahlen sehen und wirst ihm seine Fragen beantworten. Neschi besitzt in dieser Gegend viel Macht. Erkenne ihn als seinen Herrn an!" Akunosch legte die Hand auf den Türknopf und drehte ihn herum. Sara musste hinter Akunosch in den Vorraum zum Zimmer Neschis treten. Der Andere folgte ihnen.

Sara fand sich in einem kleinen Raum ohne Fenster wieder in dem bloß ein Tisch und mehrere Stühle standen. An diesem Tisch saß Neschi, Sara‘ s künftiger Gatte. Sara wurde bleich, als sie ihn sah. Er hatte das Aussehen eines strengen, gewalttätigen Mannes, der nicht das kleinste bisschen Rücksicht oder Gefühl besaß. Und mit dem sollte Sara bald für immer auskommen? Sara dachte zum ersten Mal an Flucht.

Neschi versuchte zu lächeln, aber es wurde nur eine grässliche Grimasse.

„Wo ist Ernon?", Neschi wandte sich Akunosch zu und ließ Sara Zeit, seine Statur zu studieren. Dann drehte er sich um und lächelte Sara an. Diesmal war es ein echtes, freundliches Lachen und er sah richtig nett aus. Er schüttelte ihre Hand und schob ihr einen Stuhl in die Kniekehlen. Sara lächelte zurück. „Warte hier auf mich, Sara, ich bin sofort zurück, ich muss nur noch schnell was mit Ernon im Nebenzimmer

besprechen."; Neschi nickte ihr zu und verschwand allein hinter einem Vorhang, der wohl ins Nebenzimmer führte. Akunosch sah sie ununterbrochen an und versuchte sie mit munteren Worten aufzumuntern. Doch Sara stellte sich müde und lauschte nur dem Gespräch im Nebenzimmer. Häufig konnte sie ihren Namen verstehen und jedesmal zuckte sie bei seinem Klang zusammen.

Schließlich kam Neschi zurück und winkte ihr. Sie lief zu ihm hin, schüchtern noch und scheu, aber sie tat es. Neschi hielt den Vorhang für sie auf und verbeugte sich. Da musste Sara lachen, sah Neschi an und schritt dann aber rot vor Scham an ihm vorbei in einen hell beleuchteten, mit Teppichboden ausgelegten Gang, der sehr lang und wendig war. Neschi kam hinter ihr her und öffnete ihr die Zwischentüren, natürlich jedesmal mit einer Verbeugung.

Schließlich eilte er an ihr vorbei und wartete an einer besonders großen Holztüre.

„Dahinter liegt dein Reich. Es besteht aus fünfzehn Zimmern, einem Saal für Bälle und außerdem stehen dir fünf Leibdienerinnen zur Verfügung." Er lächelte und Sara lächelte zurück. „Danke....Neschi.....vielen Dank!" Er lachte glücklich und öffnete mit einem Schwung die Türe.

7. Kapitel

Sofort kamen zwei Dienerinnen auf sie zugelaufen und verbeugten sich tief. Dann rief die Eine etwas in einer fremde Sprache, die Sara nicht verstand. Zwei weitere Dienerinnen mit Tabletts erschienen und eine Dritte eilte mit einem Kissen hinterher, das sie auf eine Couch legte, die in der Mitte des Raumes stand.

Sara sah sich um. Es war wohl ein Empfangszimmer. Eine Sitzgarnitur mit einem schlichten Glastisch stand in der Mitte des Raumes.

Die Damen baten Sara sich hinzusetzen. Sara folgte der Aufforderung und ließ sich auf der überaus bequemen Couch nieder. Vielleicht fünf Minuten später erschien Sutailja und schnipste mit dem Finger. Sofort eilte eine Dienerin Sutailjas auf sie zu und nahm Sara beim Arm. Sara wurde durch sämtliche Räume ihres Gemachs

geführt. Da gab es zwei kleine Bäder, eins beim großen Schminksalon und eines be

ihrem Schlafsaal. Außerdem das Empfangszimmer, eine riesige Garderobe für Sara‘ s Kleider und natürlich auch den Speisesaal, ebenfalls einen großen Wohnsalon. Auch Musik– und Ballsäle fehlten nicht. Ein prunkvoll eingerichtetes Gästezimmer mit Bad bildete eine willkommene Unterkunft für Sara‘ s Gäste. Ein Ballsaal und ein Feiersaal machten mit einem riesigen Schwimmbad plus Sauna den Abschluss. Sara war überwältigt. Sutailja lächelte und führte sie ins Wohnzimmer. Dort wartete ein Tablett mit Kaffee und Keksspezialitäten auf sie.

Nach ungefähr einer halben Stunde meinte Sutailja: „Ich weiß, dass es dir an Kleidern und anderem Luxus wie Schmuck, ausgefallenen Speisen und Geld fehlt. Deshalb hat mein Bruder Neschi einiges für dich besorgt. Außerdem musst du deine Brautgarnitur anprobieren und dir ein besonders schönes Schmuckstück heraussuchen.

Das Geschenk für deinen Mann besorgen dir deine Dienerinnen. außerdem werden dir deine beiden Leibwächter vorgestellt, ohne die du niemals aus dem Haus gehen darfst." Sara nickte erstaunt Sie sollte Leibwächter haben? Das kannte sie doch nur von hohen Persönlichkeiten. War sie etwa eine? Sie wusste es nicht und es war ihr im Augenblick auch egal. Ihr ging es gut und sie war glücklich, das ist die Hauptsache, dachte sie.

Als Sara mit Sutailja die Garderobe ein zweites Mal betrat, war sie erstaunt darüber, wie viele verschiedene Gewänder, Saris und Kleider ihr in Zukunft gehören sollten.

Sutailja steuerte auf eine kleine Türe im Hintergrund zu, hinter der Sara ihr Hochzeitsgewand finden sollte.

Ein grob gehauener Holzschrank stand in der Ecke, unter dem großen Fenster eine Liege und in der Nische ein kleiner Schminktisch. Sara wurde gebeten, sich auf die Liege zu setzen. Sutailja öffnete den Schrank und holte fünf wunderschöne Gewänder heraus. „Das werden deine Leibdienerinnen an deiner Hochzeit anziehen und das...", Sutailja holte ein weiteres, schlichtes Gewand heraus, „..das wirst du anziehen." Sie hielt ein langes, weißes Kleid in der Hand, das an Kragen und Bündchen graues Spitzenmuster besaß. Sara staunte nicht schlecht, als ihr dieses Kleid vorgeführt wurde.

„Nun, zieh es an, Sara!" Sara schlüpfte hinein und betrachtete sich im Spiegel, der an der Wand hing. Sutailja pries ihre Schönheit, sodass Sara rot anlief.

Sutailja drückte sie auf den bequemen Sessel vor dem Schminktisch und steckte Sara die Haare so wundervoll elegant hoch, dass sie sich wie eine Märchenkönigin vorkam.

Dann schminkte sie ihre Lider mit einem zarten grün und färbte ihre Wangen leicht rot. Auch Wimperntusche und leicht rosa Lippenstift wurden nicht vergessen. Nachdem Sutailja ihr Werk kritisch gemustert hatte, forderte sie Sara auf, ins Bad zu kommen.

Sara faltete ihre Sachen, legte sie in den Schrank und folgte Sutailja aus dem Zimmer. Beim Schlafzimmerbad angekommen, klopfte sie leise an der Türe, jemand rief herein und sie drückte die Klinke hinunter. Ein Junge stand hinter einem Stuhl vor dem Spiegel und machte einer Dienerin von Sara die Haare. Die fünf anderen waren bereits in feine Kleider geschlüpft und warteten nun darauf, ebenfalls von dem Jungen geschminkt, frisiert und geschmückt zu werden. Sutailja winkte Sara ins Schlafzimmer.

Als sie sich beide aufs Bett gesetzt hatten, begann Sutailja eine lange Rede.

„Du weißt ja nun schon lange, dass du mit meinem Bruder Neschi verheiratet werden sollst. Er bietet dir dieses Gemach, deine Untergebenen, die Diener und Leibwächter, viel Spaß und Freude und natürlich auch Bälle, Speisen und Freunde. Das ist sehr, sehr viel für ein hübsches Mädchen aus den Baracken von Durban. Du weißt, dass du ihm dafür viel Dankbarkeit entgegen bringen musst. Es wird nicht sehr schwer für dich sein, dich hier einzuleben, doch natürlich ist es etwas ganz anderes, in einem Herrenhaus anstatt in einer Baracke zu leben. Er hält schon lange Ausschau nach einem klugen, geschickten und sympathischen Weib, das ihm ein Gewinn wäre, kein Verlust. " „Ist Neschi ein Herrscher, ein König?" Sutailja nickte.

„In gewisser Weise schon. Er genießt hier in Ägypten hohes Ansehen und hat auch in der Politik ein Wörtchen mitzureden." Sara senkte den Kopf. Sie hatte immer gedacht, Neschi sei ein ganz normaler Mann, der nur durch den Handel so reich geworden war.

„Was ist, wenn ich ihn nicht heiraten will? Wenn ich ihn hasse? Was macht er dann mit mir? Macht er mich zur Sklavin wie meine Schwester?" „Du willst ihn heiraten! Ich weiß es, du haßt ihn nicht.", Sutailja sah ihr forschend ins Gesicht. Sara sah zu Boden. „Ich will es nicht! Ich will zurück zu Mutter und meinen vielen Geschwistern." Sutailja nickte und ging leise aus dem Schlafzimmer.

Sara stand vom Bett auf und lief ihr nach. Sutailja war in die Gesindestube gegangen und hatte dort Anweisungen gegeben. Eben kam sie wieder heraus.

„Sara! Was ist? Komm mit in mein Zimmer!" Sara folgte ihr durch die schmale Tür in das große, luxuriös eingerichtete Zimmer und sah sich staunend um.

„Setz dich", sagte Neschi‘s Schwester und schob Sara einen Stuhl hin. Sara ließ sich fallen und fing an zu reden: „Ich will ihn heiraten, aber ich kann es nicht! Das darf ich meiner Mutter nicht antun! Was würde sie denken, wenn ich plötzlich mit einem reichen Ägypter bei uns im Dorf auftauchen würde? Die Leute würden sich ihr Maul zerreißen! Ich liebe Neschi, ja, das gebe ich zu, aber heiraten darf ich ihn nicht."

„Du musst! Es würde Neschi das Herz brechen, wenn du es nicht tätest!"

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür und ein kleines Mädchen, offenbar eine Botin, öffnete die Türe.

„Man sagte mir, dass ich euch hier finden würde! Neschi bittet Sara zu sich. Sie soll in einer Stunde bei ihm erscheinen! Mach sie auch hübsch, Sutailja. Es ist wahrscheinlich ein wichtiger Anlass, denn er war sehr nervös!"

Sutailja nickte und schickte das Mädchen hinaus.

8. Kapitel

Sutailja zog Sara hinter sich ins Bad und scheuchte die Dienerinnen hinaus. Nachdem sich Sara auf den Frisierstuhl gesetzt hatte, wurden ihr von Sutailja die Haare aus den vielen Spangen gelöst und sorgfältig gekämmt.

„Was will Neschi von mir? Wieso muss ich hübsch sein?", fragte Sara neugierig und beobachtete Sutailja‘s Bewegungen im Spiegel.

„Ich weiß es, weil er es mir schon vor zwei Stunden erzählt hat. Aber ich sage es dir lieber nicht! So und nun zieh dein Kleidchen aus: Ich bin gleich zurück." Mit diesen Worten verließ Sutailja das Mädchen und holte ein blaues Kleid mit Reifrock und vielen Spitzen. Sara war schon ausgezogen, als sie zurückkehrte. Sie zog sich stumm das neue Kleid über und setzte sich wieder auf den Frisierstuhl. Sutailja drehte ihre Haare zu vielen Schlangen und steckte sie mit hellblauen und silbernen Kämmchen hoch. Als Sara sich danach im Spiegel betrachtete, kam sie sich wie eine Märchenprinzessin vor.

Sutailja eilte aus dem Zimmer und brachte Sara einen langen, hellblauen

Tüllschleier. Sara setzte ihn auf und wurde von Sutailja und einem Geleit von sechs Dienerinnen vor das Zimmer des „Herrschers" geführt. Sie war schrecklich nervös und ihre Knie zitterten.

Ein Diener öffnete die Tür und ließ nur Sara herein. Alles war mit Kerzen und roten Bändern geschmückt. Neschi saß auf einem Sofa und lächelte ihr entgegen. Sara‘s Wangen röteten sich vor Liebe. Neben Neschi stand ein älterer Herr, der ein seltsames Gewand trug und ein dickes Buch unter dem Arm hatte.

„Sara! Endlich! Komm her und setz dich. Das ist ein Standesbeamter. Keine Angst!"

Scheu setzte sich Sara neben Neschi auf das Sofa und begrüßte den Beamten.

Neschi legte den Arm um sie und küsste sie auf ihre frischen, roten Lippen. Und plötzlich wusste Sara, was auf sie zukam und wurde ganz ruhig. Der Beamte und Neschi begannen ein seltsames Gespräch. Sara überlegte sich währenddessen, was sie antworten würde. Schließlich sagte Neschi:

„Sara, ich liebe dich! Überlege dir deine Antwort auf meine verschwiegene Frage gut." So einfach hatte Sara es sich nicht vorgestellt.

„Ich liebe dich Neschi!", Sara war rot vor Aufregung. Neschi lächelte glücklich und schloss sie in die Arme. Ein Priester betrat das Zimmer und sprach den Segen über sie. Dann wurde das Tor geöffnet, durch das Sara zuvor hereingekommen war und es erschienen mindestens fünfzig Kinder mit Kerzen. Hinterher wurde eine kleine Sänfte getragen, in die Sara gesetzt wurde. Neschi musste ihr durch das kleine Fenster die Hand reichen und nebenher gehen. Draußen vor dem Saal wartete Sutailja mit einem weißen Kleid. Die Träger mit der Sänfte folgten Sutailja ohne Neschi in das kleine Schminkzimmer. Sutailja schickte sie hinaus und befahl Sara sich auszuziehen. Sara schlüpfte in das weit geschnittene weiße Kleid mit Reifrock, ließ sich den Brautschleier aufsetzen und nahm den großen Brautstrauß von weißen Rosen entgegen. Schließlich wurde sie in die Sänfte gesetzt und hinaus getragen.

Im Hause von Neschi war es Sitte, dass der Bräutigam seine Frau sieben Tage lang nicht sehen durfte. Sara wurde in einen Stuhl am Fenster gesetzt, den sie sieben Tage lang nicht verlassen durfte, bis Neschi sie abholen kam. Die Hygiene darf natürlich nicht unterschlagen werden. Deshalb durfte sie auch verschleiert ins Bad geleitet werden. Sara wurde gefüttert, weil sie ihre Hände nicht schmutzig machen durfte. Sara weinte die ganze Nacht über diese grausamen Sitten. Zu Hause würde sie jetzt neben Neschi liegen, dachte sie wehmütig.

9. Kapitel

„Komm raus, du vergehst ja sonst noch vor Liebe! Komm hier herein, Sara, in deinen Schminksalon. Ich werde dich jetzt für den Ball hübsch machen!", Sutailja steckte den Kopf durch eine Nebentüre und winkte mit der Hand. Sara durfte nun endlich den Schleier abnehmen. Sie zog sich aus und wurde von einer Oberdienerin ins Badezimmer geleitet, wo bereits ein großer Bottich zur Brautwäsche bereit stand. Sara setzte sich in Handtücher gewickelt auf einen kleinen, harten Holzschemel und sah zu, wie Sutailja und ihre Dienerinnen das Brautbad vorbereiteten.

Zuerst kamen zehn junge Mädchen herein. Jede von ihnen hielt ein Tablett, aufdem die Zutaten standen. Zuerst wurde heißes Wasser in das kühle Wasser aus dem Bottich geschüttet. Dann kam Vanillepulver und Rosenpulver hinein. Dazu Vergissmeinnichtblüten und kleine weiche, rote Tücher wurden über den Bottichrand gelegt. Ein weiteres Mädchen brachte ein kleines Trepplein. Die nächsten Beiden trugen Krüge mit Haargel und Seife, eines brachte Rosenblätter für das Wasser und das Letzte brachte ein schlichtes Brautkleid mit Gürtel. Schließlich durfte Sara über das Treppchen in den Brautbottich steigen und sich verwöhnen lassen. Eine Stunde lang wurde sie geschrubbt, massiert, gekleidet und geschminkt, die Haare musste sie traditionell offen lassen. Sutailja meinte, sie sähe so wunderschön aus, wie sie selten ein Mädchen gesehen hätte.

Schließlich kamen Träger mit der selben Sänfte wie vor sieben Tagen, nur dass diese jetzt mit roten Rosen und Kerzen geschmückt war. Sara wurde in eine kleine, durch Kerzenlicht erleuchtete Kammer geführt. Kein einziges Möbelstück ließ sich blicken.

Zehn Minuten später, nach unserer Zeitrechnung, öffnete sich die Tür und Neschi kam herein und schloss sie überglücklich in die Arme. Auch er war von seinen Dienerinnen und Dienern verwöhnt worden, denn er duftete stark nach Blumen. Sara weinte vor Glück. Nun begleitete Neschi seine neue Herzdame hinaus und ging durch das weiße Marmortreppenhaus hinunter zum Festsaal. Als sie vor der Tür ankamen, standen zwei Diener bereit, aber sie rührten sich nicht. Neschi flüsterte Sara zu, dass sie jetzt ihren ersten Befehl aussprechen müsste, weil sie auch durch Neschi‘ s Befehl nicht aufmachen würden. „Macht auf, ihr zwei.", sagte Sara freundlich und strahlte sie an. Die beiden Jungen, die einen barschen Befehl erwartet hatten, lächelten und zogen den Riegel auf. Drinnen empfingen sie lauter Applaus und ein Rosenregen. Sara hatte diese Halle noch nie betreten. Ihre Wangen waren rot vor Aufregung. Ehe sie sich versah, stand sie auch schon auf der Tribüne und wurde von Neschi vor aller Augen geküsst. Da wusste sie, dass es die einzig richtige Entscheidung gewesen war, Neschi zu heiraten. Nachdem sie das Fest mit einem Tanz eröffnet hatten, zogen sie sich zurück um die sogenannten Eheregeln auszumachen. Jeder der beiden durfte drei Ansprüche stellen, die dann gesetzlich festgehalten wurden, „Ich muss meinen Eltern unbedingt jede Woche einen bestimmten Geldbetrag zukommen lassen, da sie ohne mich ihre Goldgrube verloren haben.", verlangte Sara. Neschi nickte dem Schreiber zu du sagte: „Ich will dich jeden Abend in meinem Speisesaal sehen! Du darfst nie in Begleitung von anderen Männern oder Dienern ohne Frauen unterwegs sein und du wirst nichts arbeiten!" Sara nickte und der Schreiber schrieb. Nachdem Sara noch eine Kutsche und Liebe verlangt hatte, gingen die beiden hinaus und tanzten ein Lied nach dem anderen. Später, als Neschi mit einer älteren Dame, seiner Mutter sprach, entdeckte Sara Sutailja. Diese winkte freundlich und deutete zur Türe. Sara nickte und ging langsam dorthin.

Sutailja lächelte, als sie sich trafen.

„Gleich gibt es deine Hochzeitsgeschenke, und Neschi ist kein Geizhals und hat dir hoffentlich das richtige Geschenk gebracht. Also, mach, dass du Neschi findest, damit er dich bereichern kann."

„Sutailja, ich habe überhaupt nichts für Neschi besorgt!", Sara sah Sutailja erschrocken an. „Mensch, Sara! Du bist wohl noch überhaupt nicht über unsere Hochzeitsbräuche informiert, wie? Bei uns wird eine Braut als höheres Wesen angesehen. Sie wird beschenkt, muss aber nicht selbst in die Tasche greifen. So, jetzt such aber endlich Neschi, oder du wirst deine Geschenke nicht bekommen! Mach schon.", Sutailja wandte sich ab und ließ Sara alleine stehen.

Sara sah Neschi auf der anderen Seite des Saals stehen und eilte hinüber. Neschi empfing sie mit einem Küßchen und fragte, wo sie gesteckt habe.

Dann nahm er ihre Hand und ging gemessenen Schrittes zur Bühne. Dort wurden soeben zwei große Kisten herbei getragen. Neschi erklärte Sara unterwegs, dass in diesen Kisten der Brautschatz aufbewahrt sei. Diese Kiste durfte niemand außer ihr öffnen. Und nur das Brautpaar selbst weiß, was sich darin befindet. Die wahren Geschenke kämen nacheinander auf die Bühne. Sara nickte zu allem und sah sich neugierig unter den Gästen um. Plötzlich entdeckte sie ein sehr bekanntes

Gesicht– Oda!

Sara tat, als hätte sie nichts bemerkt und schwor sich, dass sie nachher hinüber laufen und mit ihrer kleinen Schwester reden würde.

Neschi und sie betraten die Bühne. In der Halle wurde es schlagartig still. Neschi schlug einmal in die Hände und herein kam ein kleines Mädchen. Es trug ein Silbertablett mit einem Samtkissen. Und auf diesem Samtkissen lag die schönste und wertvollste Kette, die Sara je gesehen hatte. Neschi nahm sie entgegen und legte sie seiner Ehefrau um den schlanken Hals. Sara bedankte sich mit einem liebevollen Kuss und ertastete einen großen Edelstein, der in Gold geschmiedet den absoluten Blickfang bot. Neschi klatschte und es erschienen zwei Mädchen mit einem kleinen Lederkoffer. Neschi ließ den Deckel aufschnappen und Sara sah ihren alten Sari. Allerdings war schön geschmückt worden mit Bändern aus feinster Seide. Am Brustausschnitt waren dunkelrote Fäden befestigt, die mit Silber– und Goldsträhnen durchzogen waren. Sara bedankte sich herzlichst und blickte Neschi erwartungsvoll an. Schließlich erschien das dritte, und letzte Mädchen mit einer Pergamentrolle, die mit einem roten Samtband umschlungen war.

„Öffne sie! Das ist dein letztes, aber größtes Geburtstagsgeschenk.", Neschi lachte.

Neugierig zog Sara das Band ab und entrollte das Papier.

 

Dieses Pergament besagt,

dass Ägypten am heutigen

Tage eine neue Königin erwartet.

Diese wird heißen:

SARA

Verfasst von Neschi II

 

TEIL 2

 

 

1. Kapitel

Sara kam mit ihrer Rolle als Königin am Anfang nicht recht klar. Dass sie auf dem weichen Stuhl im Thronsaal ruhen durfte und mit Neschi Gesetze verfassen musste, störte sie. Sie hatte ihre Schwester Ora zur Beraterin ernannt. Ora gefiel ihr Job. Sie beneidete Sara um ihr Ansehen. Eine 13-Jährige als Königin eines riesigen Reiches, noch dazu aus ihrer Familie, ihre Schwester! Das fand Ora toll. Sara‘ s Eltern waren an einer schlimmen, tödlichen Krankheit erkrankt und hatten ihre Kinder als Diener und Arbeiter an reichere Leute verkauft, damit die Kinder ein ordentliches Leben führen konnten. Sara war untröstlich, als sie die Nachricht der Krankheit und das Schicksal ihrer Geschwister erreichte. Sie hatte eine Kutsche losgeschickt, die ihre Eltern holen sollte, denn bei der medizinischen Versorgung im Dorf gingen sie beide zugrunde. Seit Tagen warteten Neschi und sie jetzt schon auf die Rückkehr der Kutsche. Drei Wochen lang fuhr sie jetzt schon in Südafrika herum, doch anscheinend konnten sie das Dorf Matatiele nicht finden. Sutailja war mit einem reichen Kaufmann weggezogen. Von den Eltern wurde sie mit ihm verheiratet, um eine reiche, angesehene Dame zu werden. Sara fehlte Sutailja sehr. Sie vermisste die Schwester ihres Mannes, weil sie mit ihr so gut über Gefühle und Probleme reden konnte. Sutailja schickte einmal im Jahr einen Boten mit einem Brief für Neschi und Sara.

So erfuhr das Königspaar eines Tages die Geburt eines blinden Kindes. Sara und Neschi beschlossen, so schnell wie möglich zu Sutailja und deren Ehemann zu fahren.

„Sara! Steig ein. Wir müssen uns beeilen!" Neschi saß schon in der Kutsche und wartete auf seine Geliebte. Diese hastete die Treppen hinunter und rief noch zwei Dienerinnen mit ihren Koffern. Sara kam sich vor wie eine Sklaventreiberin. Neschi öffnete die Tür und half Sara in den Wagen.

Nach drei Stunden kamen sie im Heimatort Sutailjas an. Auf dem großen Treppenaufgang standen zwei elegant gekleidete Dienerinnen. Als die eine von ihnen den Bruder der Herrin erkannte, verschwanden beide im Haus und holten das Ehepaar.

„Neschi! Ich wusste nicht, dass du kommst!", Sutailja schien erregt.

Sie trug in ihren Armen den kleinen Sohn. Dieser schlief allerdings gerade selig und Sutailja weckte ihn sanft auf. Der Kleine drehte suchend den Kopf. Als Sara ihn später im Arm hielt, sah sie in traurige, dunkle Kinderaugen mit milchiger Pupille, dem Zeichen der Blindheit. Sie schluckte ihre Tränen hinunter und wünschte sich, dass dieses arme Wesen durch eine Operation gerettet werden könnte. Sutailja lud sie ein, auf den weichen Sesseln im herzoglichen Wohnzimmer Platz zu nehmen.

Den kleinen Erik wiegte Neschi sanft in seinen starken Armen und streichelte sein Gesichtchen. Sutailja erzählte: „Ich hatte solche Angst vor der Geburt meines ersten Kindes. Ich hoffte, dass er gesund ist. Aber das Schicksal wollte es dann wohl doch anders!" Thatchun legte den Arm um seine Gattin und schwieg beharrlich, bis das Gesprächsthema wechselte. Er und Sutailja wollten das Kind operieren lassen, wenn es vier Jahre alt war, damit es den größten Teil seines Lebens sehen konnte. Jetzt allerdings war er erst vier Monate alt. Sutailja und Sara zogen sich zurück, um ungestört reden zu können. Die Männer prahlten mit ihren erfolgreichsten Handelsreisen. Sutailja bat Sara ihr ins Gemach der Herrin zu folgen.

Dort brach sie auf dem Bett zusammen und weinte. Sara bettete den Kopf ihrer Freundin in den Schoß und streichelte vorsichtig ihre bleichen Wangen. Sutailja weinte um den Sohn und erzählte Sara von der schlimmen Krankheit, die ihre Familie dahin raffte. Sara sprach beruhigend auf sie ein. Die Streicheleinheiten taten der Herrin gut. Sie gab sich einen Ruck und stand auf, nachdem sie die Tränen weggewischt hatte.

„Meine Eltern sind ebenfalls schwer krank.", berichtete Sara, „ich habe eine Kutsche los geschickt um sie zu holen und operieren zu lassen. Aber es kommt einfach keine Antwort. Ich fühle mich als Königin so schrecklich eingeengt. Das Politische macht Neschi. Aber der Stolz für meine Stellung will nicht aufkommen! Ich schaffe es nicht, zu meinen Dienerinnen streng zu sein. Ich fühle mich als Sklaventreiberin!"

„Mensch Sara! So schreib mir doch und schick einen Boten los, wenn du Probleme hast! Ich helfe dir gerne, sofern ich es kann. Im Moment kannst du nicht viel gegen deine Gefühle machen, aber in ein paar Wochen hast du dich daran gewöhnt, ständig von Männerblicken eingefangen zu werden. Auch wenn ihr beide erst in einigen Jahren Nachwuchs haben werdet, Neschi ist noch nie untreu gewesen. Ich kann mich auf ihn verlassen und auf ihn zählen. Und du auch!", der Blick Sutailja‘s wurde kalt, „Tatchun hatte schon zwei Frauen. Ich bin nur seine förmliche Frau. Er liebt mich nicht richtig. Er behandelt mich gut, aber so etwas spüre ich. Neschi hat mich mit ihm verheiratet, weil es der letzte Wille unseres toten Vaters war. Und schlecht ist er auch nicht, aber uns verbindet keine Liebe!"

„Und ich habe mich über mein Leben am Königshof beklagt. O, Sutailja, ich bin ja noch sooo jung! Wie alt ist Neschi eigentlich?"

„Er wird einundzwanzig Jahre alt."

Ist er schon immer ein Herrscher gewesen?", Sara sah die Ältere neugierig an.

„ Na klar! ", Sutailja lachte. Sara empfand das Lachen als eine Art Befreiung nach all den Neuigkeiten.

„Bekomme ich dann für seinen Geburtstag schon wieder ein neues Kleid? Bitte!", Sara‘s Blick bettelte.

Als Sutailja nickte, sprang sie auf und vollführte einen ausgelassenen Freudentanz, um gleich darauf wieder beschämt auf dem Bett zu sitzen.

„Du musst noch viel lernen, Sara, wenn du eine würdevolle Herrscherin werden willst! Aber Eitelkeit und Stolz kommen mit der Zeit und besiegen das Wirbelwindgefühl!", Sutailja grinste frech und zerrte Sara vom Bett und zog sie in ihren Salon, um Sara für Neschi von der Reise zu säubern.

„Jetzt rück endlich mit der Sprache heraus, Sutailja! Du hast doch noch was auf dem Herzen!", Sara blickte der Freundin forschend ins Gesicht.

„Auf dem Herzen nicht, Liebes, sondern unter dem Herzen. Ich bin nun nicht mehr allein.", Sutailja lächelte scheu und streichelte ihr Bäuchlein. Sara starrte sie entgeistert an. „Du bist...?" „...schwanger, Liebes!", kam die Antwort!

Sara‘s Hand strich sanft über den Bauch und kniff sie. Sutailja fing an zu kichern und lief, um einen Kamm zu holen: sie war kitzlig.

 

Nach vier Tagen kehrte das Königspaar an den Hof zurück. Zu Pferde. Sutailja lag im Bett mit Fieber, doch Neschi konnte die Politik nicht warten lassen und Sara begleitete ihn natürlich.

2. Kapitel

Fünf Jahre später am Königshof. Längst sind Sara und Neschi zurück. Eine erfahrene Frau begleitet die 17-Jährige Königin Tag und Nacht. Sara ist „gesegneten Leibes". In wenigen Wochen wird ihr erstes Kind das Licht der Welt erblicken. Sara war schon seit Tagen aufgeregt seit sie weiß, dass in ihrem Leib ein kleines Lebewesen heranwächst. Den Schock, dass der kleine Erik schon kurz nach seiner Operation an Typhus starb, hat sie nicht ganz überwunden. Als Sutailja auf den Königshof kam um sich auszuruhen, trug sie nur Schwarz und war stets verschleiert. Kein Wunder, sie hatte ihr größtes Lebensglück verloren, ihren ersten Sohn, ihr erstes Kind. Tatchmun hatte den Tod des Kindes längst überwunden und kümmerte sich um die Erziehung von Rudolf, dem zweiten Sohn seiner Frau. Sutailja hatte sich bei Sara schon oft über ihren Ehemann beklagt. Sara war froh, in Neschi einen treuen, geliebten Mann gefunden zu haben. Eben war Sutailja in ihrer Sänfte (mit schwarzen Tüchern verhängt) abgereist und in das Heim ihres Unglücks zurück gekehrt. Sara war mit Abana, der Hebamme im Park unterwegs und redete mit ihr über Erziehung und Neschi. Neschi währenddessen saß in seinem Büro und telefonierte mit einem Bauherr. Denn Neschi wollte seiner Frau ein Kinderhaus bauen, wo die Kinder ihre Zimmer haben sollten und von Sara in Ruhe gepflegt werden konnten.

Drei Wochen später saß Neschi am Bett seiner Frau und hielt die schweißnasse Hand. Bis Abana fertig war und das kleine Mädchen angezogen hatte. Sie stopfte Sara Kissen in den Rücken, damit sich diese aufrichten und ihr Töchterchen betrachten konnte. Neschi wiegte es in seinen Armen und legte es schließlich der Mutter auf die Brust. Diese verlangte von Abana, dass sie das Zimmer verließ. Neschi küsste Sara und lächelte. „Unser erstes Kind, Sara, ein gesundes Mädchen. Wir werden es gerecht und ordentlich aufziehen und ihm später einen rechten Mann verschaffen." „Ja, Neschi, ich liebe dich." „Nur, wie nennen wir sie?" „Wie wäre es mit Sutailja, wie deine Schwester?" „Lieber nicht, das würde sie nur traurig machen. Aber so wie der einzige weibliche Pharao! Hatschepsut!" „Nein, ich mag diese nicht! Lieber Freydis!" „Ja! Das klingt gut, frech und trotzdem irgendwie nett!"

So zogen Neschi und Sara ihre kleine Tochter unter dem Namen Freydis auf und wurden glücklich mit ihr. Bis...

Zwei Monate nach der Geburt kam eine erschütternde Nachricht. Sara sah sich gerade die Baustelle für das neue Haus an und redete mit der kleinen Freydis in ihren Armen. Da kam Neschi angelaufen, legte den Arm um sie und drückte sie mit sanfter Gewalt in Richtung Villa. Dort führte er sie in sein Büro und schloss die Türe ab.

Sara sah ihn verblüfft an und fragte: „Was ist, Neschi?"

„Ich muss dir etwas Fürchterliches sagen, Schatz! Bitte bewahre Fassung und antworte sachlich, wenn überhaupt! Gerade eben kam die Nachricht von unserer Kutsche, die du nach Matatiele geschickt hast. Sie haben das Dorf gefunden. Aber deine kleine Schwester Kataja starb an Typhus. Die Kutsche ist mit Eltern und den restlichen Geschwistern hierher unterwegs und wird in wenigen Tagen eintreffen."

Sara liefen die Tränen über die Wangen, als sie antwortete:

„Nesch! Sieh mich an! Du wirst sie doch gerecht aufnehmen und zu deinen Beamten machen, oder? Ich flehe dich an! Versklave meine Familie nicht! Meine Geschwister waren schon oft genug in schlechten Händen. Behandele sie gut!" Sara wandte sich

ab und schritt durch die Türe hinaus. Als Neschi sie nicht mehr sehen konnte, rannte sie los in ihr Gemach um ungestört weinen und nachdenken zu können.

Neschi blieb verstört in seinem Büro sitzen und starrte mir glasigem Blick auf die Wand gegenüber. Warum meinte es das Schicksal so schlecht mit seiner Familie? Durch Sara‘s Erzählungen war ihm die Kleinste von ihren Geschwistern ans Herz gewachsen. Und jetzt durfte er sie nicht einmal sehen! War das nicht ungerecht?

Er hatte sich schon sehr auf die arme Familie gefreut. Mutter und Vater hatten längst wieder Frieden geschlossen und waren stolz auf ihre Älteste. Aber die Nachricht von dem Mädchen hatte sie noch nicht erreicht. Also wartete eine kleine Überraschung auf sie: Freydis.

Tatsächlich erreichte die Kutsche wenige Tage später den Königshof. Sara, Neschi und Freydis erwarteten sie am Portal. Als die Mutter sie in die Arme schließen wollte, erkannte sie das weiße Bündel in den Armen der Tochter und stolperte zurück.

„W-Was ist das, Sara?", fragte der Vater und zuckte zusammen als Sara antwortete:

„Auch wenn ich dir nie verziehen habe, Vater, werde ich dir antworten. Es handelt sich um Freydis, unsere kleine Erstgeborene!" Das Königspaar lächelte.

„Ich habe eine Enkelin....oh!....Friede dir König....", Sara‘s Mutter sank vor Neschi nieder und streckte die Arme nach oben. der Vater folgte ihrem Beispiel.

„Steh auf, Mutter, du bist die Mutter der Königin, du brauchst mir nicht zu huldigen. Auch du, Vater!", Neschi lachte und half den Alten auf die Beine.

„Wo sind meine Geschwister?", Sara‘s Blick wanderte suchend umher und kehrte dann wieder auf den Mund von Horan, der Mutter zurück. Ofle, der Vater pfiff und sofort hörte Sara die Schritte der Geschwister im Sand. Die fünf Geschwister sausten um die Ecke auf die Schwester zu. Plötzlich öffnete sich das Portal und Ora stürmte heraus um die Eltern in Empfang zu nehmen. Nachdem die drei im Haus verschwunden waren, gaben Simon, Shangji, Gupo, Jersay und Odini dem König die Hand. „Hallo Onkel Neschi!", riefen sie und lachten.

Alle bezweifelten den Stand der Schwester, da in der Zeitung nur ein Foto des Königs erschienen war– ohne Gemahlin. Sara küsste Neschi, damit sie sahen, wer Königin von Ägypten war.

Sara führte die Familie in den Empfangssaal, wo Ora mit den Eltern schon an der Tafel saß und Gebäck aß. Die Geschwister drängten sich um Sara, weil jeder die Nichte besichtigen wollte. Diese wurde herum gereicht, gestreichelt und geküsst. Das gefiel der Kleinen aber gar nicht und sie schrie lauthals. Als Sara sie stillte, verloren die Geschwister das Interesse und bestürmten den König mit Fragen. Auch kam es zum Streit um den Platz neben Neschi. Jeder wollte schließlich die Ehre haben. Als alle saßen, schnipste der König mit den Fingern und es erschienen drei Sklaven mit den besten Leckereien. Sara griff ordentlich zu und fütterte Freydis anschließend mit etwas Nährbrei. Ofle und Neschi unterhielten sich über die Politik und die Zukunft der Familie. Während Horan erzählte:

„Wie haben auch Kataja dabei. In ihrem Sarg.", die Mutter schluckte, „wir dachten, du wolltest sie noch einmal sehen, bevor..." „Gut. Komm mit, Mutter, zeig sie mir!Jetzt! Ich muss sie unbedingt sehen!" Sara schob ihren Stuhl nach hinten und stand auf. Die Mutter folgte ihr und brachte sie zur Kutsche. Im hintersten Gepäckraum stand ein einfacher Holzsarg. Sara bat die Mutter, sie allein zu lassen und kniete nieder um für die kleine Schwester zu beten.

Dann öffnete sie den kleinen Sarg. Die Augen der Schwester waren in ewiger Ruhe geschlossen, und Sara wusste, dass sie nie wieder in die dunkelgrünen Augen sehen konnte.

3. Kapitel

Als Sutailja erfuhr, dass Sara‘s Schwester an Typhus gestorben sei, schrieb sie folgenden Brief an die Freundin:

Liebe Sara,

ich hoffe es hat dich nicht zu schwer getroffen. Kümmere dich um regelmäßige Kontrollen bei deiner kleinen Tochter Freydis, ich denke, dass Kleinkinder eher anfällig sind als Ältere. Denke an deine Familie und Neschi und versuche nicht zu zeigen, dass du trauerst. Sonst steht in der Presse der nächsten Tage als Überschrift:

Unsere Königin flennt und vernachlässigt die Politik.

Noch immer hast du starke Kritiker, denen ist so ein kleines Problem nur zu recht, um dich schlecht zu machen. Bereite dich auf deine Krönung vor! Du musst jetzt tapfer sein und ruhig bleiben. Ich habe ein tolles Kleid für deine Krönung los geschickt. Ich hoffe, du freust dich auf diesen wichtigen Tag.

Tatchun und ich haben beschlossen, es noch einmal mit einem Kind zu versuchen. Ich freue mich schon auf die Erziehung. Es wird mich von den alltäglichen Sorgen und der Trauer um Erik ablenken. Gestern habe ich mir aus Trotz gegen mich selbst ein schneeweißes Kleid gekauft und beschlossen, nie wieder ein schwarzes Kleid zur Trauer um ein Familienmitglied anzuziehen. Ich habe meine Lebensfreude wieder zurückgewonnen! Und jetzt mache ich Schluss, eine Dienerin ruft, dass ich sofort in Tatchuns Gemach kommen soll. Liebe Grüße, deine Sutailja!!!

Als Sara den Brief gelesen hatte, legte sie ihn beiseite, griff zur Feder und begann eine ebenso lange Antwort zu schreiben:

Liebste Sutailja!

Ich werde deine Tips so gut es geht befolgen, doch werde ich Kataja niemals vergessen. Natürlich freue ich mich auf meine Krönung, doch ist es nicht leicht, sich an etwas zu erfreuen, obwohl man eigentlich trauern müsste. Ich bin gut über den Tod meiner kleinsten Schwester hinweg gekommen und freue mich auf die Zukunft!

Parole: NIEMALS AUFGEBEN!

Ich habe Angst um Freydis und werde sie gleich heute Nachmittag vom Hofarzt untersuchen lassen.

Neschi und ich sind glücklich miteinander, falls dich das interessieren sollte. Ich habe gehört, dass königliche Ehen eher brechen als normale. Aber das ist mir egal. Neschi und ich sind eine Ausnahme. In einem Jahr sind wir nicht mehr mit freydis allein. Wir haben beschlossen uns ein weiteres Glück zuu schenken. Ich bin ja so froh! Ich hoffe, mein Brief langweilt dich nicht! Weißt du eigentlich schon, dass meine Eltern angekommen sind? Auch sie sind krank. Aber meiner Mutter geht es in unserer Familie schon besser. Sie ernährt sich jetzt wesentlich gesünder als früher und bekommt viel besseres Wasser.

Kannst du nicht kommen? Ich hätte dich so gerne in meiner Nähe während der Krönungswoche! Bin ich dann eigentlich Königin oder Kaiserin?

Ich mache jetzt Schluss! Ora erwartet mich im Schminksaal. Stell dir vor! Neschi will sie mit einem Geschäftsmann verheiraten! Mein Gott! Sie ist doch erst elf, aber schon erfahren wie eine Dreißigjährige. Ich schreibe dir Genaueres im nächsten Brief. Deine Sara! Mach‘s GUT!!!!!!!!!

Als der Brief bei Sutailja ankam, war sie so gerührt über Neschi‘s Idee, dass sie beschloss so bald als möglich nach Theben zu reisen– ohne Tatchun. Sie eilte die Wendeltreppe ihres kleinen Turmes hinab zu Tatchuns Gemach, um ihren Gatten um die Reiseerlaubnis zu bitten.

„Tatchun?", fragte sie, als sie eintrat, „hast du einen Moment Zeit für mich?"

Er nickte und sie schloss die Türe aus schwerem Eichenholz.

„Was ist denn, Sutailja?" „Ich habe eben einen Brief von der Königin bekommen! Sie möchte mich während der Krönungswoche in ihrer Nähe haben. Ich wollte dich fragen, ob ich abreisen kann und ob du mitkommen willst!"

„Natürlich werde ich mit dir kommen! Wir hätten Sara sowieso bald besucht! Ich muss noch dringend etwas mit Neschi besprechen! Außerdem ist eine Krönung eine große Feier, da musst du sowieso hin und ich begleite dich natürlich!"

„Du bist so lieb!", sagte Sutailja, sprang auf Tatchun‘s Schoß und küsste ihn Stirn, Nase und Mund. Er lächelte.

„Lass uns runter gehen! Es ist Zeit zum Abendessen. Sollen wir nachher noch eine Runde gemeinsam zum Schwimmen gehen?"

„Aber Tatchun, das ist doch verboten! Herr und Herrin dürfen nicht zu gleicher Zeit im Schwimmbad sein, das weißt du doch!"

„Heute machen wir eine Ausnahme! Los komm, das Essen wartet. Hörst du...?"

Der Gong ertönte. Arm in Arm gingen sie hinab zum Speisesaal. Die Dienerin am Eingang wunderte sich über die gute Laune des Ehepaares.

Nach dem Essen bat Sutailja eine Dienerin um ihr Badezeug. Die Dienerin erschien kurz darauf mit einer Glaskiste, in dem sich Schwimmzeug für den Herrn und die Herrin befand.

In der Poolgarderobe zog sich Sutailja um und sprang ins Becken. Die beiden Dienerinnen- ebenfalls in Badeanzüge gekleidet– schrien auf und sahen der Herrin nach.

Diese lachte und bedeutete den Dienerinnen mit einer Handbewegung vor der Türe zu warten. Kurz darauf erschien Tatchun in Badehose. Eine Weile stand er unschlüssig am Beckenrand. Sutailja betrachtete den muskulösen Körper und lächelte in sich hinein.

„Na, Sutailja? Gefalle ich dir?", fragte Tatchun und lachte. „Natürlich, Herr!", antwortete Sutailja und verbeugte sich. Tatchun ließ sich langsam ins Wasser gleiten.

„Langweiler!", rief Sutailje, „spring doch!!!" Tatchun kletterte aus dem Wasser und sprang vom Beckenrand zu seiner Gattin ins kühle Wasser.

Sutailja schwamm mit kräftigen Zügen auf ihn zu und umarmte ihn. Tatchun nahm ihre hand von seinen Schultern, hob sie hoch und küsste sie auf ihre vollen roten Lippen. Sutailja erwiderte die Zärtlichkeit.

Vor der Glastüre kicherten die Dienerinnen und verzogen sich. „Das kann noch eine Weile dauern, Freta, gehen wir!", sagte die Ältere und zog die Tür zum Nebenzimmer auf.

„Tatchun, du wolltest mir doch bestimmt etwas sagen, oder? Du hättest mich doch sonst nicht hierher gebeten.", sagte Sutailja währenddessen und legte ihren Arm um Tatchun‘ s Schultern.

„Du musst es schon selbst heraus bekommen! Ich verrate kein Wort. Aber sei ruhig! Ich lasse dir alle Zeit der Welt."

„Oh, Tatchun, ich verstehe es. Und ich sage JA!!!"

Wenige Tage später reisten Sutailja und Tatchun ab. Die große Sänfte wankte bereits auf dem Handelsschiff des Kaufmanns. Sutailja und Tatchun saßen im Bordzelt beim Essen und lächelten sich zu. Sie hatten etwas beschlossen und das würden sie auch ausführen.

4. Kapitel

Sara hieß ihre Gäste in der Eingangshalle willkommen und umarmte Sutailja. Tatchun küsste ihre Hand. Sutailja musste lachen, als Tatchun sie fragte:

„Darf ich deiner Freundin die Hand küssen, Sutailja?" Neschi stand in der Türe zum Thronsaal, und als Sutailja lachend auf ihn zuschritt und ihn umarmte, lächelte er.

Ein Dienstmädchen winkte das Königspaar und seine Gäste. Sie traten ein. Der Thronsaal war festlich geschmückt. Eine lange Tafel stand in der Mitte des Raumes. Und an ihren Längsseiten befanden sich weich gepolsterte, grüne Ledersessel.

Als die Herren ihren Gattinnen die Stühle zurecht schoben und sich dann ebenfalls hinsetzten, ertönte ein langer, dunkler Ton. Die Familie von der Königin trat ein. Alle hatten unter der Pflege von Sara‘ s Dienerinnen rosige Wangen und waren fein eingekleidet. Die langen Haare der Mutter und Schwestern waren zu kunstvollen Türmen aufgesteckt. Alle lächelten, schüttelten Hände und verteilten Handküsse. Gupo setzte sich neben Sara und Neschi. Auf der anderen Seite ließ Ora sich in einem Sessel nieder und begann mit Neschi zu tuscheln, bis Sara ihr einen mahnenden Blick zuwarf und sie sofort verstummte. Neschi grinste in sich hinein.

Neschi hielt die traditionelle Rede vor dem Essen:

„Liebe Sutailja, lieber Tatchun, liebe Gäste!", begann er, „ich heiße euch recht herzlich willkommen und wünsche euch einen angenehmen Aufenthalt. Die Ehrengäste werden für genau zwei Wochen, also vierzehn Tage hier bleiben. Sutailja wird Sara Gesellschaft leisten, während Tatchun und ich über wichtigere Dinge reden werden. Außerdem werden sie an unserer Krönung anwesend sein. Das ist die grobe Übersicht für die nächsten zwei Wochen." Neschi setze sich. Der Gong ertönte erneut.

Ungefähr acht Diener traten ein. Jeder mit einem großen Tablett in der Hand.

Da gab es Reis, Kartoffelpüree, Tomaten, gefüllte Zuccini, Papajafrüchte, Bananensalat, Obstsalat, Taccos (mexikanische Teigtaschen mit warmer Füllung) und vieles mehr. Sara nickte den Dienerinnen freundlich zu und schickte sie dann mit einer Handbewegung hinaus. Ein Mädchen kam und häufte allen etwas auf heißgemachte Teller.

Sara begann ein Gespräch über teure Stoffe mit ihrer Mutter und Sutailja, während ihre Brüder mit Neschi über Technik und Politik sprachen. Dann wurde für Kataja gebetet. Nach dem Essen winkte Sara Sutailja zu sich und meinte:

„Komm in einer halben Stunde in mein Gemach! Du erlebst bestimmt eine große Überraschung!"

Sutailja sagte neugierig zu und lächelte. Sara hatte sich seit ihrer Ankunft vor fünf Jahren sehr verändert. Sie war eine unübersehbare, gut ernährte Schönheit geworden, wie es sie nur selten gegeben hatte. Ihre frühe Hochzeit hatte sie schon mit ihren siebzehn Jahren zu einer Frau gemacht, die etwas von lebenswichtigen Dingen verstand.

Als Sutailja eine halbe Stunde später vor der Türe zu Sara‘s Schlafzimmer stand, hörte sie lautes Gelächter. Sie öffnete die Türe einen Spalt breit und sah hinein.

Sara saß auf dem Bett und ließ sich ihre Haare frisieren.

So schön hatte ihr Schützling noch nie ausgesehen, dachte Sutailja und trat vollends ein. Sara trug ein gelbes Unterkleid aus feinstem Stoff. Es reichte bis auf den Boden und hatte eine Schleppe von drei Metern. Goldener Tüll bildete das Oberkleid und ließ den Rock in sanften Farben schillern. Die Schultern waren unbedeckt. Silberne

Rüschen bildeten einen Kranz um den Halsausschnitt. Auf dem Kopf trug Sara einen schmalen Reif, der mit vielen kleinen, weißen Edelsteinen besetzt war. Die Haare wurden zu einer komplizierten Frisur aufgetürmt und mit vielen glänzenden Nadeln festgesteckt. Schließlich setzte die eine Dienerin noch einen langen goldenen Tüllschleier auf und drehte Sara zum Spiegel. Diese nickte zufrieden und lächelte.

Dann schritt sie auf Sutailja zu und fragte:

„Na, wie gefalle ich dir, Sutailja?" Die Dienerinnen gingen hinaus und schlossen die Türe ganz leise.

„Du siehst aus wie.... wie eine Königin eben. Das Kleid ist hervorragend und passt super zu deinem schwarzen Haar! Auf der Krönung wirst du oft zum Tanz gebeten werden, das kann ich dir jetzt schon versichern!"

„Danke! Aber ich habe trotzdem noch Angst vor der Krönung. Es kann noch soviel passieren! Ich bin ja so froh, dass du da bist!" Sara lachte und bat Sutailja sich auf die Ledersitzgruppe zu setzen.

„Ich muss dir etwas sagen, Sara!", Sutailja‘s Gesicht wurde ernst als sie fortfuhr.

„Ich bin nicht mehr allein! Ich werde in acht Monaten mein zweites Kind bekommen. Ich werde mein Kleines zwar nie vergessen, aber das Mädchen soll mich nie an Erik erinnern. Aber ich musste einfach eine zweite Chance bekommen! Und das habe ich! Aber nun zu dir! Du ziehst dieses Kleid erst wieder am Tag deiner Krönung an! Und keine Minute früher!"

„Wie....was? Du bekommst ein Kind? Aber Sutailja! Was soll denn das? Ich denke, du hast beschlossen nie wieder ein Baby zu bekommen!"

„Ich weiß ja, aber ich konnte nicht anders. Ich fühle, dass dieses Kind gesund sein wird. Und ich bin zur Zeit so glücklich, dass ich am liebsten ein Freudentanz vollführen möchte."

„Na schön, aber diesmal werde ich dich vorbereiten. Gleich nach der Krönung werde ich mit zu dir und Tatchun fahren! Und dann wirst du verwöhnt!"

„Oh, Sara! Ich wusste, dass du mich verstehen würdest. Und jetzt gehen wir zu

Neschi um alles für die Krönung klar zu stellen."

Sutailja ging zur Tür und drehte sich dann aber doch noch einmal um.

„Ab der Krönung dürft ihr in einem gemeinsamen Bett schlafen! Und das werdet ihr auch! Auch du!"

„Aber Sutailja, ich bin doch erst siebzehn und was mache ich mit Freydis?"

„Das werden wir jetzt gemeinsam bei Neschi und Tatchun besprechen!"

Sutailja öffnete die Türe mit einem Ruck und winkte Sara ihr zu folgen. Als sie vor Neschi‘s Türe angekommen waren, pfiff Sutailja durch die Zähne.

„Was ist, Sutailja? Warum pfeifst du?" , fragte Sara und sah ihre Freundin neugierig an. Sutailja zeigte auf ein kleines Messingschild auf der Holztüre und lachte:

„Neschi hat sogar extra ein kleines Schild für dich und mich machen lassen! Das ist doch lustig. Wegen wichtiger Besprechungen für Diener/innen geschlossen!"

Sutailja drückte die Klinke herunter und trat ein. Drinnen war eine Sitzgruppe um einen Tisch herum aufgebaut. Auf dem Tisch lagen mehrere handgeschriebene Blätter. Sara und Sutailja hatten sich kaum hingesetzt als auch schon die Türe aufflog und Neschi und Tatchun eintraten. Sie setzten sich den Freundinnen gegenüber.

„Wir müssen mit euch noch die letzten Dinge der Krönung besprechen! Obwohl, eigentlich ist die sie gar nicht der Grund unseres Zusammentreffens, sondern das Fest an sich. Tatchun und ich haben beschlossen, ein großes Fest zu veranstalten, an dem die wichtigsten Persönlichkeiten von ganz Ägypten teilnehmen sollen.", begann Neschi. Tatchun mischte sich jetzt auch ein:

„Da wir alle wissen, wie gut ihr beide kochen könnt, wollten wir, dass ihr die Küche beaufsichtigt und die Menüs zusammenstellt. Das ist Frauensache, wie ihr ja sicher verstehen könnt."

„Haha! Du kannst ja so lustig sein! Ich hoffe, dass du dich dann aber auch gut um deine „Männersache" kümmerst!", Sara musste sich ein Lachen verkneifen.

„Natürlich, Sara!", Neschi legte den Arm um sie. Sara schüttelte ihn ab und meinte grinsend: „Lass erst mal deine Zärtlichkeiten, bevor du nicht weißt, was ich dir zu erzählen habe!" Neschi wurde ernst. „Was ist?"

„Ich will mit Sutailja nach Hause fliegen und sie betreuen. Wir haben Angst, dass das Kind vielleicht wieder nicht gesund wird, wenn Sutailja zu viel arbeiten muss. Schließlich ist sie eine bekannte Frau und muss viele Leute beraten oder ihnen etwas verkaufen, wenn Tatchun nicht da ist." Neschi blieb äußerlich ruhig, fragte aber mit etwas nervöser Stimme: „aber wieso willst ausgerechnet du mit Sutailja reiten? Sie hat doch genügend Verwalter und Berater, die ihr helfen können. Weißt du, Sara, ich habe dich sehr lieb und ich würde es nur schwer verkraften, wenn du krank werden würdest. Muss es denn unbedingt du sein?" Sara nickte und erklärte:

„Neschi, Sutailja und ich sind die besten Freundinnen, die es in Ägypten überhaupt gibt. Nun lass mich mit ihr reiten, ich werde nicht krank werden."

Ihre schwarzen Augen bettelten und Neschi musste lachen.

„Ich hätte nichts dagegen, wenn sara uns begleitet, im Gegenteil, ich habe Gäste sehr gerne.", mischte sich nun Tatchun ein. Damit gab sich Neschi geschlagen und die Sache war besiegelt. Die beiden Paare nahmen sich in die Arme und mussten sich ein Lachen verkneifen, weil der Könug einmal mehr besiegt worden war. Doch Neschi konnte verlieren, auch seine Sara, wenn jedoch schwer.

Nun wollte Neschi noch ein paar Dias von seiner letzten Reise nach Europa zeigen.

Als alle in dem kleinen Saal Platz genommen hatten, begann die Show. Sara‘s Eltern und Geschwister kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatten noch nie einen Diaprojektor oder etwas Ähnliches gesehen. Sara dagegen hatte sich schon oft Dias angesehen und kommentierte nun mit Neschi zusammen.

Amsterdam, Wien, Berlin, Straßburg, Lion, Marseille, Rom, Prag, und viele, viele mehr. Sutailja sagte fast bei jedem Bild, dass auch sie schon einmal dort gewesen war. Tatchun sie wollten in ein paar Jahren, wenn das Kind groß war, eine Weltreise unternehmen an alle Punkte, die sie sehen wollten.

Die Dias waren alle gezeigt worden. Sutailja, Tatchun und die Sara‘s Familie diskutierten noch heftig über die Bilder, als Neschi und Sara den Saal verließen. Sie schlugen wie automatisch den Weg zu Neschi‘s Privatzimmer ein, wo niemand eintreten durfte außer Neschi und Sara. Sie setzten sich aufs Sofa. Plötzlich legte Neschi seinen Arm um Sara und flüsterte ihr ins Ohr:

„Weißt du noch, wie du zu mir gekommen bist, und mich so gehasst hast, und nur durch meine kleine Schwester hast du mich langsam lieb gewonnen. Aber ich hätte dich nie zu einer Heirat gezwungen." Sara zog ihn zu sich heran und gab ihm einen langen kuss. Neschi reagierte mit roten Wangen.

Doch dann klopfte es an der Türe, und Sara befreite sich aus der Umarmung und lief zur Türe. Draußen stand Sutailja und meinte lächelnd, dass Freydis im Speisesaal am schreien war.

Sara seufzte und ging an Sutailja vorbei in Richtiung Speisesaal. Sie fand Freydis weinend auf dem kleinen Sofa der Sitzecke sitzen und nahm sie in den Arm.

Währenddessen sprach Sutailja mit Neschi. Tatchun öffnete die Türe und kam auch herein. Das Thema war natürlich Sara.

„Neschi, du kannst von sara nicht verlangen, dass sie ihr ganzes Leben auf dem Königshof verbringen will. Sie muss auch mal raus", begann Sutailja, „mir erschien es als die beste Gelegenheit, sie mitzunehmen. Sie kann sich mal erholen von dem Trubel um ihre Person. Du hast doch den Bericht über sie in den Landesnachrichten vergessen, oder? Eine Bettlerin als Königin, mit zwölf Jahren, ein Skandal. So hieß doch die Überschrift, nicht wahr?"

Neschi nickte. „Ich werde nicht gern daran erinnert. Aber wieso will Sara weg von mir? Habe ich ihr irgendwie wehgetan? Ich habe doch solche Angst, dass ich sie auch noch verliere. Warum bin ich nur der Sohn des Königs gewesen?", Neschi schien verzweifelt. Sutailja legte ihren arm um ihn und drückte seine Hand.

Neschi lächelte verlegen und straffte seine Schultern.

„Ich hätte mich nicht gleich so hängen lassen sollen. Entschuldigung. Ich hoffe, es macht euch nichts aus, wenn ich so ein Theater wegen Sara mache. Nun gut, ich werde sie wohl gehen lassen müssen. Ich liebe sie doch, da darf ich nicht klammern." Neschi stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu laufen.

Tatchun drückte ihn mit sanfter Gewalt auf das Sofa zurück.

„Wir warten jetzt hier auf Sara und erklären ihr alles. Außerdem müssen noch die genaueren Dinge der Reise besprochen werden, und wie sie und Sutailja auf diese Idee gekommen sind", meinte Tatchun aufgeräumt. Die Geschwister nickten.

Sara schüttelte traurig den Kopf. Neschi hatte sie soeben gerfragt, ob sie gern von ihm weggehe. Die beiden saßen allein auf dem Kuschelsofa in Sara‘s Schlafzimmer. Neschi zog Sara für diese Antwort zu sich heran und begann, ihr die Haare aus der Stirn zu streichen.

„Ich habe dich sooo lieb, Neschi, du weißt gar nicht wie sehr!!!", sagte Sara und gab ihrem Mann einen ganz dicken Kuss. Neschi gab einen zurück und meinte:

„Kannst du dich noch an heute Morgen erinnern, als du gesagt hast, dass ich meine Zärtlichkeiten lassen soll, bevor ich nicht alles weiß? Jetzt verstehe ich es erst!"

Sara lächelte. Neschi saß auf dem Sofa. Sara htte ihre Knie aufgestellt und den Kopf auf seinen schoß gelegt. Neschi streichelte sie sanft.

Es klopfte an der Tür. Sutailja steckte den Kopf durch die Türe, schloss sie aber gleich wieder, als sie sah, dass die beiden am reden waren. Sie musste lächeln.

, dachte sie.

Sara sah auf und hatte Sutailja‘s Haarschopf gerade noch gesehen. Auch Neschi sah etwas verwundert aus. Doch Sara meinte nur: „Das war Sutailja." Und kuschelte sich wieder in seinen Schoß. Da vergaß auch er alles und dachte nur noch an das schöne Mädchen, das da in seinem Schoß lag und ihn anlachte.

„Hey, Neschi, bist du noch da, oder träumst du von der Zukunft? Ich träume so oft von zu Hause, von Eron, von unserer kleinen Hütte in Matatiele, der Arbeit,..."

Doch Neschi unterbrach sie: „Halt! Red nicht mehr von zu Hause, da bekommst du doch nur Sehnsucht. Ich verstehe, dass du dich manchmal nach dem armen Leben sehnst, aber hier geht es dir ja schließlich auch gut! Oder?"

Sara nickte nur mit dem Kopf und dachte an übermorgen.

Die Krönung

Ding-ding-ding-dong– die Glocke am Turm läutete schon! Zeit zum Aufstehen. Sara streckte sich und klatschte einmal in die Hand. Sofort erschien eine Dienerin aus dem Dunkel und reichte Sara ein ganz einfaches Kleid. Sara schlüpfte hinein und fluchte leise. Warum musste man ausgerechnet an seiner Krönung um fünf Uhr morgens aufstehen und um neun Uhr in der Kirche sein?

Sara brauchte ungefähr vier Stunden um sich frisieren und ankleiden zu lassen.

Egal, an ihrer Krönung ließ sie alles über sich ergehen. Sutailja betrat das Schlafzimmer und befahl der Dienerin, sich zu beeilen. Sie setzte sich mit Sara auf das Bett und besprach noch einmal alles Wichtig. Dann ertönte eine leise Klingel. Eine Dienerin trat ein und forderte die beiden auf, ihr zu folgen. Ihr Ziel war der Schminksalon, wo bereits ein großes Bad vorbereitet worden war. Sara musste sich vorsichtig ausziehen. Nun folgte eine Badeprozedur, die eine Stunde lang dauerte. Sara wurde mit Rosenblättern, Veilchenduftfläschchen regelrecht überschüttet und roch nach dem Bad zu stark nach Parfüm. Also musste sie noch mal in ein klares Wasserbad. Sutailja drehte fast durch, weil dies einigen Zeitverlust bedeutete. Schließlich saß Sara jedoch in Handtücher gewickelt auf dem Frisierstuhl. Unter anderem wurde sie auch massiert und frisiert. Außerdem wurde ihr ständig irgendeine Creme auf die Wangen gestrichen, die fürchterlich juckte. Sutailja steckte eine Nadel nach der anderen in Sara‘s Haare und formte so in einer halben Stunde eine phantastische Frisur. Sara war derweil von der seltsamen Creme befreit worden und bekam das Gesicht mit heißem Wasser abgewaschen. Sutailja erklärte ihr während der Anprobe des Kleides, dass die Creme Fältchen und andere Unreinheiten verschwinden ließ. Sara musste sich auf die Massagepritsche legen und massieren lassen, bis eine Dienerin mit einem guten Frühstück kam. Sara aß und sah sich danach in dem großen Wandspiegel. Sara staunte so, dass die Frauen alle lachen mussten. Sara sah entspannt ruhig und übernatürlich hübsch aus. Das Gesicht war leicht gerötet. Und die Arme und Beine schienen locker zu sein. Sara merkte, dass ihr Mund offen stand und schloss ihn schnell.

„Das hättest du nicht gedacht, was, Sara? Dass man, obwohl man so früh aufgestanden ist, so hübsch aussehen kann!", meinte Sutailja schmunzelnd.

„Da hast du absolut recht, du Zauberin!!!", lachte Sara. Nachdem das Frühstück wieder mitgenommen worden war, folgte Sara Sutailja und den beiden Dienerinnen, die am besten mit Kleidern umgehen konnten. Im Nebenzimmer setzte Sara sich auf die kleine Couch und legte die Beine auf einen kleinen Hocker. Sutailja nahm ein weißes, transparentes Seidenband und eine dünne Strumpfhose und zog sie Sara an. Dann nahm sie das Seidenband und band es in gezwirbelten Ringeln um die Strumpfhose. Sara bekam einen Rüschen-Unterrock angezogen. Darüber trug sie das gelbe Unterkleid mit dem goldenen Tüll. Die silbernen Rüschen am Halsausschnitt wurden ordentlich angelegt. Den Haarreif mit den schillernden Diamanten setzte sich Sara selbst auf. Dann wurde noch hier und da herum gezupft. Schließlich legte eine Dienerin Sara eine vergoldete Kette um den Hals, die mit ihren drei roten, mandelförmigen Rubinen den absoluten Blickfang bildete und den Hals schlanker erscheinen ließ. Dann setzte sich Sara an den Schminktisch und ließ sich elegant und dezent schminken. Am Ende folgte noch eine kurze Handmassage, bevor die langen, weißen Handschuhe angezogen wurden.

Eine Dienerin in langem, schlichtem Kleid erschien und nahm Sara am Arm. Sara war nervös, wollte sie doch alles richtig machen und Neschi nicht enttäuschen.

Neschi erwartete seine Frau unten in der Eingangshalle und lächelte ihr entgegen als Sara die Wendeltreppe mit kleinen Schritten herunter kam. Auch er hatte einen Diener dabei und auch er war aufgeregt, das sah man seinem Gesichtsausdruck an.

„Na, Sara, alle bereit?" Sie nickte nur und stellte sich an Neschi‘s Seite. Dieser legte den Arm um sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.

„Oh Mann, Neschi. Ich weiß doch gar nicht was ich jetzt wie und wo machen soll!"

Neschi erwiderte ihren Blick und begann ihr leise die Abfolge und Art der Tätigkeiten zu erklären:

„Wir gehen jetzt zusammen zur Kutsche, die draußen im Hof steht. Sie ist geschmückt wie eine Hochzeitskutsche. damit fahren wir dann zur Kirche und warten draußen auf einem kleinen Hochsitz, der wie ein Betstuhl aussieht und ebenfalls geschmückt ist. Die reichen Leute kommen aus dem ganzen Land um unserer Krönung beizuwohnen. Ich sage dir, das wird ein Riesenfest und wir sind mittendrin. Also, in der Kirche werden wir durch den Mittelgang vor zu der Altartreppe gehen und auf den Erzbischof warten. der hält dann eine Rede und wir müssen erst mal gar nichts sagen, dann überschüttet er uns geradezu mit Weihrauch. jetzt kommen zwei oder mehr Kirchendiener und tragen wie auf einer flachen Sänfte zwei rote Kissen. Und mehr verrate ich dir jetzt noch nicht, sonst ist es langweilig." Neschi‘s Flüstern wurde von dem Befehl zum Aufbruch unterbrochen. Eine Reihe von Mädchen und Jungen um die zehn Jahre war aufgetaucht und stand nun immer zwei und zwei hinter dem Paar. Alle hatten weiße Fackeln in der Hand und trugen blaue Gewänder, die bis zum Boden reichten. Dort schauten unter dem Saum der roten Mäntel, die über dem blauen Kleid getragen wurden, weiße Schuhe hervor. Die Jungen wie die Mädchen waren bis auf eine Ausnahme alle gleich angezogen. Und diese Ausnahme lief an der Spitze der siebzehn Kinder. Das Mädhen war ungefähr in Sara‘s Alter und hatte langes schwarzes Haar, das bis fast über die Hüfte hing und seidig gekämmt worden war. Sie trug ein langes, silbrig-weißes Kleid, das Sara sofort an ein Einhorn erinnerte, als sie es sah. Sie trug als einzige ein in Gold gebundenes, schweres Buch. Sara lächelte ihr zu, aber das Mädchen sah nur beschämt auf den Boden. Sara stieß Neschi an, doch der reagierte nicht, legte nur seine Hand ihre und setze sich mit langen Schritten in Bewegung. Sara hatte plötzlich das Gefühl von allen isoliert zu sein und wollte wegrennen. Doch da hatten sie schon die Kutsche erreicht und Sara verwarf den Gedanken, als sie sah in was für einer prachtvollen Kutsche sie zur Kirche fahren durfte. Das Einhorn, so nannte Sara die Begleiterin der Kinder bei sich, stieg mit ein und setzte sich dem Paar in der geschlossenen Kutsche gegenüber. Neschi lächelte Sara an und legte seinen Arm um sie. Als sich die Kutsche in Bewegung setzte, fragte Sara flüsternd:

„Neschi, wer ist dieses Mädchen? Sie war so schüchtern, als ich sie angelächelt habe und dann sogar den Kopf gesenkt. Ich weiß jetzt nicht, habe ich etwas falsch gemacht?" Neschi sah sie belustigt an: „Nein, hast du nicht, ich erkläre es dir später."

Nach einer kurzen Fahrt hielt die Kutsche und das Mädchen stieg aus um die Treppe der Kutsche herunter zu kappen. Neschi stieg aus und reichte Sara dann seine Hand. Als diese draußen stand, war sie überwältigt. Tausende von Menschen säumten die Straße von Theben, die in einer geraden Linie zur Kathedrale führte. die Straße war mit einem breiten Band aus blauem Teppich mit roten Seitenstreifen ausgelegt. Ein Mädchen aus der Kindergruppe, die mit weiteren Kutschen auf den kleinen Platz gekommen war, legte Sara den Schleier auf und schob die lange Schleppe zurecht. Sara hakte sich bei Neschi ein und schritt langsam den Teppich

entlang auf das prunkvolle Gotteshaus zu. Sie lächelte den Zuschauer zu und fragte Neschi dann leise, ob immer so viele Menschen da wären, wenn eine Krönung stattfand. Neschi lachte kurz auf und meinte dann:

„Bei meinem Vater waren es nicht halb so viele. aber das hier liegt an deiner Popularität. Denn ganz Ägypten kennt dich besser, als du es dir vorstellen kannst und das Volk hat dich liebgewonnen. Natürlich, es gibt auch welche, die dich nicht ausstehen können, auch das wirst du heute vielleicht noch merken, aber die Mehrzahl mag dich, also mach dir keine Sorgen. Außerdem, sieh dich mal um, das meiste sind junge Männer in deinem Alter und mehr. Sie wollen dich eben mal in echt sehen, und dich umschwärmen. Aber damit wirst du sicher klarkommen. Und nun, wir müssen auf die Treppen und dann links zum Hochsitz." Neschi stieg die Stufen zum Kirchenportal hinauf und bog dann mit Sara nach links ab. Dort stand der Hochsitz. Sara staunte. Nach all diesem Prunk und Schmuck, empfand sie den Hochsitz als schlicht. Er war nur an den Türen mit Rosen verziert und sonst einfach nur aus Holz ohne Schmuck. Ein Diener kam aus dem Nichts heran und hielt ihnen die Türe auf. Neschi nahm Sara an der Hand und stieg dann hinter seiner Braut selbst hinein.

Der Diener schloss die Türe und nahm seinen Platz vor dem Hochstuhl ein. Sara hatte genug Zeit, sein seltsames Gewand anzuschauen. Er trug ein schwarzes, hohes Stiefelpaar, dessen obere Kante bis über die knubbeligen Knies reichte. Darunter trug er eine hellgrüne Hose, die merkwürdig weit über die Stiefel hing. Das Oberteil war von marineblauer Farbe und reichte bis zur Mitte der Oberschenkel, es wurde außerdem von einem breiten Leder gehalten und sah ein bisschen aus wie ein kurzes Kleid. Auf dem Kopf trug er ein kleines blaues Käppchen, das eher an einen Kardinal erinnerte aber auf keinen Fall an einen gewöhnlichen Diener, dem war sich Sara sicher. Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als die Tür aufgerissen wurde und der Diener ihr seine angenehm kühle Hand reichte um ihr aus dem Stuhl zu helfen. Neschi lehnte die Hand ab und reichte Sara seinen Arm als er draußen stand. Sie gingen nach rechts zurück auf den roten Auslegeteppich. Dort ließ Neschi Sara los und schritt würdevoll neben ihr her. Sara sah ich unsicher um. Zu Seiten des Teppichs standen Schaulustige und Anhänger von Neschi. Auf der Treppe zur Kathedrale stand der Erzbischof in rein weißem Gewand. Neben ihm standen zwei Bischöfe aus Theben, auch sie nur in schlichtes Weiß gegründet. Den Einzug in die Kathedrale würde Sara wohl nie in ihrem Leben vergessen. Vorne dran der Erzbischof und seine „Gehilfen" dahinter ein Messdiener mit einer geweihten Kerze, dann Sara und Neschi und hinter ihnen erst Sara‘s und Neschi‘s Familien, dann die Kinder mit ihren Fackeln. In den Bänken saßen wohl über zweitausend fromme Leute um der Krönung beizuwohnen. Sara und Neschi schwenkten vor dem Altar links ein und setzten sich auf zwei einfache Stühle, die dem Altar zugewendet waren. Der Erzbischof begann das Ritual mit singender Stimme und wandte sich zunächst an das Volk. Dieses antwortete mit auswendig gelernten Versen. Während des Gesangs sah sich Sara im Gotteshaus um und bemerkte einen kleinen Thron, der an der Seite des Kirchenraumes stand, neben diesem standen einfachere Holzsessel, in denen zwei weißgekleidete junge Mädchen saßen. Im Thron saß Freydis, sara‘s Tochter!

Sara lächelte ihr zu. Der Erzbischof wandte sich dem jungen Paar zu. Er stellte mit normaler, weicher Stimme Fragen an Neschi, der sie in gleichem Tonfall beantwortete. Sara hörte nicht genau hin. Sie war weit weg und hatte das Gefühl, dass sie schweben würde vor Glück. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass ausgerechnet sie, ein armes Mädchen von den Slums aus Kapstadt/Matatiele Königin von Ägypten

werden durfte. Dann nickte der Erzbischof ihnen zu und sie begaben sich in die Knie vor dem Altar. Der Erzbischof segnete sie in einer langen Rede und klatschte dann einmal kurz um gleich darauf ein Lied anzustimmen, mal traurig, mal fröhlich, in

einer schönen, fremdländischen Sprache. Drei einfache Messdiener erschienen.

Jeder von ihnen hielt ein samtenes Kästchen. Der Erzbischof deutete ihnen an sie auf dem Altar abzustellen. Dann nahm er das erste Kästchen und öffnete es. Auf einem silbergrauen Samtkissen lag eine kleine Krone mit einem roten, kreisrunden Edelstein. Er ging bei Schweigen zum kleinen Thron an der Seite des Kirchenraumes und setzte der kleinen Freydis das schöne Goldstück auf den kleinen Kopf. Freydis strahlte über ihr ganzes, rundes Gesicht und patschte in ihre kleinen Hände. Ein Raunen ging durch die Menge, dann erhoben sich alle und lobten Neschi‘s Entscheidung, Freydis zur Thronfolgerin zu machen und nicht den ersten Sohn. Das war in der langen Reihe von Königen noch nie in der gesamten Geschichte vorgekommen. Sara war wieder ruhig und starrte gebannt auf die Hände des Erzbischofs, die gerade mit einem eleganten Handschwung den Verschluss des zweiten Kästchen öffneten. In der kathedrale wurde es wieder mucksmäuschenstill. Die zweite Krone erschien. Wesentlich größer und prunkvoller als die erste. Sie war aus silbergold gearbeitet und glänzte im Licht der flackernden Kerze und Fackeln. Sie trug zehn kleinere Steine aus Onyx und einen großen, roten Rubin am vorderen Rand. Sara meinte unter dem Gewicht der Krone zusammenzubrechen, strahlte aber über ihr ganzes Gesicht unter dem zarten Schleier. Das Volk tobte, Sara hatte noch nie in ihrem

Leben einem solchen Gottesdienst beigewohnt. Dass Volk klatschte und klatschte, bis der Erzbischof mit einer herrische Geste befahl zu schweigen. Neschi‘s Krone war mit drei kleinen Rubinen und fünf Tigeraugen besetzt. Sara und Neschi hörten sich noch die Predigt an, die gewöhnlich zu jedem Gottesdienst gehörte, nahmen an der heiligen Eucharistie teil und schritten dann langsam, während das Volk sang über den roten Teppich nach draußen, wo geklatscht, gepfiffen und geschrien wurde.

Sara war glücklich wie nie zuvor und hakte sich vorsichtig bei Neschi ein.

Neschi hielt an und küsste sie zum ersten Mal vor der versammelten Öffentlichkeit.

Sara errötete und zog Neschi mit sich am Arm zum ende des roten Teppichs um dort in die Königskutsche zu steigen. Als die Kutsche los holperte, fühlte Sara nach dem Fremdkörper auf ihrem Kopf.

„Mensch, Neschi, das ist wie ein Traum. Früher hätte ich nie gedacht daran zu auch nur zu denken, geschweige denn das Königspaar selbst zu sehen- in Wirklichkeit! Und jetzt bin ich selber Königin und die anderen wünscen mich einmal real zu sehen! Oh, was für ein schönes Gefühl."

„Stimmt, Sara, aber es ist manchmal gar nicht so einfach prominent zu sein!"

Sara nickte schweigend und meinte dann nach einer Weile:

„Wo ist eigentlich Freydis? Wo wird sie hingebracht?"

„Keine Ahnung. Aber sie wird auf jeden Fall vor uns an der Villa sein. Da mach dir mal keine Sorgen. Das Fest wird zwei Tage dauern und nichts soll unsere Laune trüben!" , Neschi legte beruhigend den Arm um Sara und küsste sie zärtlich.

Überraschungen

Sara musste sich auf Neschi stützen, als dieser ihr aus der Kutsche half, so überwältigt war sie vom Anblick der geschmückten Villa. Sie lehnte sich für einige Bruchteile von Sekunden an die Kutsche und strahlte dann über ihr ganzes, hübsches Gesicht. Neschi nahm sie kurz in den Arm und flüsterte: „Das habe ich nicht organisiert!"

Sara sah ihn an und hakte sich dann bei ihm unter um langsam über die gepflegte Wiese auf das wartende Volk zuzuschreiten. Einer der obersten Diener in der Villa übernahm das Wort.

„Mein lieber König, meine liebe Königin!", begann er, „ich und alle Versammelten begrüßen euch im Namen des ganzen Volkes hier vor dieser Villa. Wir möchten euch bitten uns bei diesem Fest Gesellschaft zu leisten zusammen mit der kleinen Freydis. Dann..." Er brach ab, denn tosender Beifall übertönte seine Stimme. Er schüttelte hilflos den Kopf und befahl den Menschen mit einer freundlichen, aber bestimmten

Geste eine Gasse zu bilden um dem Königspaar einen würdevollen Empfang zu bieten. Das Volk gehorchte und die herrliche, gedeckte Tafel kam für Neschi und Sara in Sicht. Vor dieser standen die Eltern von Sara, Gupo, Tatchun und Sutailja, Simon, Shangji, Jersey, Ora, Odini, Ernon, der Sklavenhändler, und Akunosch, der Gehilfe Ernon‘s. Daneben stand ein seltsamer Herr mit fünf Sklavinnen um sich. Sara schenkte ihm zunächst keine Beachtung, sondern ging sofort auf Gupo zu, reichte ihm traditionell ihre Hand und fragte ihn: „Wo sind meine Eltern?" Gupo antwortete nach einer leichten Verbeugung, die Sara zu verhindern versucht hatte: „Vater ist nicht gut und Mutter wollte ihn nicht alleine lassen." Sara nickte kurz und begrüßte dann mit kräftiger, lauter Stimme die anderen Gäste und ihre Geschwister. Nachdem sie das getan hatte, wandte sie sich, nun ohne Neschi‘s Begleitung dem unbekannten Herrn zu. Sie hing würdevoll auf ihn zu und reichte ihm nach seiner Verbeugung die Hand. Nun spürte Sara auf einmal die neugierigen Blicke der Sklavinnen auf sich, die sich vor ihr auf den Boden geworfen hatten und die Hände gefaltet hielten.

„Steht auf, ich bin nicht mehr wert als ihr! Steht auf!", bat Sara die fünf Mädchen.

„Und ihr, wer seid ihr?", wandte sie sich an den Herrn, nachdem sich die Mädchen mit vorsichtigen Blicken auf ihren Herrn aufgerichtet hatten. Dieser antwortete ihr mit merkwürdig, hohler, kaum hörbarer Stimme: „Ich bin Isilius, Herrin."

Er deutete auf die Mädchen, die sich scheu hinter ihm versteckt hielten:

„Und das sind meine Mädchen." Ein hämisches, dreckiges Grinsen glitt über sein Gesicht. Sara konnte sich vorstellen, dass sie nicht nur zu Putzen und helfen da waren. Sie musterte die Sklavinnen, die ihre Köpfe verschämt gesenkt hielten. Doch sie traute ihren Augen nicht, zwei von ihnen waren ihre Freundinnen vom Schiff! Patty und Wanda. Sara legte ihre Krone in die Hände ihres Leibwächters und fiel Patty um den Hals. Sie waren alle drei den Tränen nahe und Patty meinte gepresst:

„Du hilfst uns doch hier raus, oder? Wir wissen schon lange, dass du zur Königin bestimmt bist und wir wussten, dass du uns irgendwann finden und helfen würdest, das tust du doch, oder Sara?" Sara sah in zwei traurige Augenpaare in denen die Tränen glitzerten. Dann wandte sie sich an Isilius und bat ihn, sie mit den Mädchen alleine zu lassen.

„Oh Mensch, Patty, so ein Glück, dass ich euch gefunden habe! Ihr Armen, was dieser Mann mit euch nur angestellt haben muss! Kommt doch erst einmal mit zur Tafel. Heute Nacht rede ich mit Neschi, das verspreche ich euch!"

*****

„Aber Sara!", rief Patty verzweifelt, als sie umgezogen an der Seite ihrer Freundin an der Tafel saß und den Nachtisch in sich hinein schaufelte.

„Sara!", sie beugte sich zur Königin hinüber, „ich bin schwanger von ihm und dieses Kind was da in mir heranwächst, wird er sich wohl kaum entgehen lassen, schließlich wäre das ein wirtschaftlicher Verlust für ihn. Denn alle Kinder, die ich auf die Welt bringe, egal von wem, sind seine Kinder, den ich bin seine Sklavin. Er wird das Kind erzwingen wollen!" Patty sah sie mit großen, dunklen Augen an. Sara bekam Mitleid und versprach, ihr zu helfen. Wanda bekam von diesem Gespräch nichts mit, sie schaufelte Essen in sich hinein, so, als sei sie am Verhungern und Sara konnte daraus schließen, dass die Nahrung, die Isilius ihnen gegeben hatte wohl nicht sehr reichlich gewesen war. Sara holte sich nach und begann mit den drei anderen ein Gespräch über deren früheres Leben. So erfuhr sie, dass Rinut, Sïad und Lara aus keinen besonders armen Verhältnissen stammten. Rinut und Siad kamen aus der Türkei. Ihre Väter wollten keine Mädchen in der Familie haben und verkauften sie an einen Sklavenhändler, der sie bis hierher, in die Königsvilla von Ägypten brachte. Lara stammte aus Texas und kam aus den Slums einer Kleinstadt. Sie hatte schon vor der Ehe einen kleinen Sohn auf die Welt gebracht, der als Schändling verkauft wurde. Und natürlich wollte keiner aus Lara‘s Dorf eine Frau haben, die gegen das dörfliche Gesetz verstoßen hatte. So wurde Lara ausgestoßen und lief direkt einem Sklavenhändler in die Arme, der sie erst in ein berüchtigtes Heim und dann hierher brachte. Ihren Sohn hatte Lara seitdem nicht wieder gesehen.

„Aber, er war doch dein Sohn, wie konntest du das nur verkraften, Lara?", fragte Sara schockiert und sah sie an. Lara senkte den Kopf.

„Ich...ich weiß nicht... ich vermisse ihn immer noch, obwohl es schon...drei Jahre her ist. Ich bin jetzt achtzehn, glaube ich, und ich war noch nie verheiratet.."

Dann konnte sie sich nicht länger zurückhalten und so brach unter Tränen die ganze erschreckende Geschichte aus ihr hervor. Sara nahm sie am Arm und führte sie in die Villa. Als sie durch das Gedränge endlich die Türe zu Sara‘s Gemach erreicht haten, nahm Sara Lara in den Arm und meinte, dass sie sich jetzt erst einmal ausruhen und beruhigen sollte. Ein Diener öffnete die Tür und sie traten ein. Zu ihrem Erstaunen saß Neschi auf dem Sofa im Empfangssaal und trank Tee.

„Oh, Sara!", begrüßte er sie erstaunt. Sara stellte ihm Lara vor und setzte sich ebenfalls hin. Lara folgte ihr.

„Das ist Lara, eine Sklavin von Isilius. Sie wird jetzt mit uns einen Tee drinken und dann gehen wir hoch in den Schminksalon." Sie erzählte Neschi kurz Lara‘s Geschichte und legte ihre zarte Hand in seine. Als Lara das sah, musste sie unwillkürlich lächeln. Sara fing an zu lachen und Neschi stimmte ein. Nach einem kurzen Gespräch waren die Tassen geleert und die Frauen begaben sich in den Schminksalon. Dort setzte Sara sich und schnipste kurz. Eine alte Dienerin erschien.

„Sei gegrüßt, Gru. Das ist Lara, bitte tröste sie und behandle sie gut! Ich muss wieder hinunter zu Neschi." bevor sich die Türe hinter der Königin schloss, nickten sie sich noch einmal zu.

„Sara ist so nett zu mir!", begann Lara ein zaghaftes Gespräch.

„Ja, du hast Recht! Sie behandelt alle glich gut und ist zu jedem höflich. Sie ist eine selbstbewusste Königin und bestimmt kein Fehlgriff von Neschi. Ich bin froh, dass sie Königin geworden ist und nicht Vegat von Europa. Sie wäre mit uns Dienerinnen umgesprungen wie mit Tieren. Da ist Sara ganz anders. Und sie ist noch so jung, so lieb. Ich kann mir keine bessere Königin vorstellen.", stimmte Gru ihr zu.

Sara stürmte aus dem Salon, an dem Diener vorbei, die Wendeltreppe hinunter und erreichte Neschi gerade noch am Tor in den Park, denn dieser hatte das Empfangszimmer mittlerweile auch verlassen. Als Sara‘s Schritte hinter sich hörte hielt er an und drehte sich langsam um. Sara legte ihm die Arme um die Schultern und küsste ihn auf die Wange. Neschi legte den Arm um seine Braut und ging langsam nach draußen, wo sie eine völlig aufgelöste Patty vorfanden. Neschi sah sie fragend an.

„Patty, steh auf! Was ist los mit dir? Wieso weinst du?" Patty wischte sich die Tränen ab und antwortete: „Neschi, herr, ihr müsst uns helfen! Isilius hat Wanda und mich geschlagen und wollte unbedingt wissen, was Sara mit uns besprochenhat. Wir haben nichts gesagt, bis uns der dickliche Herr dahinten geholfen und Isilius zur Rede gestellt hat. Aber, er war o grob zu uns! als wären wir Tiere!"

„So ein Schwein!", rutschte es Sara raus und Neschi sah sie erschrocken an.

„Sara! Denk daran, dass das Volk alles mitbekommt, also pass auf, was du in der Öffentlichkeit sagst!" Sara nickte schweigend und wandte sich dann Patty zu: „Wo ist Isilius?" Patty deutete stumm auf eine Ansammlung von Menschen in der Nähe des Eingangs.

„Sara,", hielt Neschi sie zurück, „wir können nicht hin! Wir können ihm nichts anhaben! Es ist leider noch nicht verboten, Sklavinnen zu schlagen. Sie gelten als rechtlicher Besitz von Isilius! Es tut weh, Sara, ich weiß und ich werde mich für das Gegenteil einsetzen, aber im Momen können wir nichts tun, außer die fünf Mädchen in unsere Gemächer zu holen! Da sind sie vor Isilius sicher!"

Sara nickte ergeben und wandte sich ab. Derweil war Wanda gekommen; sie hatte das Königspaar und dessen Reaktion beobachtet und sprach Neschi an:

„Was ist, Herr? Was sollen wir tun?" Neschi deutete nur kurz auf Patty und eilte dann Sara nach, die sich in die hinterste Ecke des Parkes geflüchtet hatte. Er nahm sie in den Arm und legte ihren Lkopf auf seine Schulter.

„Sara, es tut mir leid! Ich kann aber nicht anders. Es geht nicht. Das Gesetz zum Verbot des Sklavenhandels gibt es noch nicht, doch ich werde es stellen! Das schwöre ich. Wie oft hab ich mit angesehen, wie meine Schwester geschlagen wurde! Es ist schrecklich, ich weiß." Sara begann hemmungslos zu schluchzen.

„Ach, Neschi. Ich stehe das Amt als Königin niemals durch! Ich weine schon wegen ein paar Sklavinnen! Ich habe ja solche Angst davor zu regieren!" Neschi ließ sie los und meinte: „Wir sollten jetzt nach den Dienern schicken. Sie sollen doch bitte die Lampions aufhängen und anzünden." Er schritt über die Festwiese davon und ließ Sara alleine. Sie setzte sich auf eine der vielen kleinen Bänke, die im Park aufgestellt worden waren.

„Ich werde mit Patty tauschen, bis das Gesetz gesett worden ist! Patty könnte sich verschleiert als Königin sehen lassen und ich...ich denke nicht, dass Isilius seine Sklavinnen alle so genau kennt. Ja, ich würde ihm bestimmt nicht auffallen.", überlegte Sara und wurde in ihrer Überlegung immer sicherer.

Abends, als sie neben Neschi lag, unterbeitete sie ihm ihr Vorhaben.

„Neschi, morgen Abend, wenn alle sich verabschieden, werde ich in Pattys Kleid schlüpfen und sie wird mein bestes Kleid mit Schleier bekommen. Ich fahre mit Isilius nach Morta und sie bleibt als Königin hier! Dann werde ich arbeiten und als Sklavin leben, bis du das Gesetz hast! Ich verspreche dir: Ich komme gesund zurück! Ich will doch nur Patty helfen und den anderen mit meiner Gesellschaft Mut machen, wie findest du das?" Neschi nahm sie nur noch einmal in den Arm.

Am nächsten Abend, als die meisten Gäste schon längst weg waren, rief Sara die bereits eingeweihte Patty zu sich ins Zimmer und zog ihr das goldene Kleid mit Schleier an, dass sie von Sutailja zur Krönung bekommen hatte. Sie selbst schlüpfte in die einfache Kutte von Patty und musste sich abschminken. Keiner der Diener wusste von dem Tausch außer Gru. Patty gab ihr ihren kleinen Reisebeutel und setzte sich den Schleier auf.

„Also, Patty, niemals ohne Schleier fotografieren lassen! Du weißt, warum!"

Die Königinnensklavin

Die Kutsche holperte schrecklich, als Isilius mit Sara, Siad, Rinut und Lara losfuhr. Sara bibberte am ganzen Körper vor Angst. Die anderen Mädchen war eingeweiht worden. Und lächelten Sara verstohlen aufmunternd zu, als wollten sie sagen: Es ist gleich vorbei! Am Abend kamen sie endlich auf Isilius‘ Hof an. Sara bekam die Zelle von Patty zugeteilt und räumte ihren Beutel unter ihr Bett. dann kam Rinut, die Älteste der rund sechzig Sklaven auf dem Hof herein. Eigentlich sollte sie sich nur noch mal umsehen und den anderen den Plan für den nächsten Tag erläutern.

„Sara...eh...Patty! I fünf Minuten musst du schlafen gehen! Morgen wirst du so viel arbeiten wie noch nie! Der Aufseher vom Feld ist leider sehr hart und weiß nicht, was Gefühle sind. Du musst morgen aufs Maisfeld. Das habe ich arrangiert, denn ich weiß, dass du in manch anderem Bereich nicht so gut bewandert bist wie Patty, die manche Arbeiten seit Jahren macht. Du hättest dich sonst schon in wenigen Tagen verraten, und was dann passieren würde, möchte ich jetzt lieber nicht beschreiben. Morgen stehst du um halb fünf auf und kommst um fünf Uhr in das große Gebäude auf der rechten Seite des Hofes. Dort warten unter einigen anderen auch ich und Lara. Du schließt dich uns mit der Hacke an, die du morgen früh vor deiner Zellentür finden wirst. Und... erschrick nicht, der Helfer von Isilius kommt nachher...pssst...man ruft nach mir, pass auf dich auf! Gute Nacht!" Wanda ging die zwei Schritte zur Türe und trat auf den schmalen, dunklen Flur hinaus. Sara zog sich bis auf das rauhe Unterkleid aus und schlüpfte ins Bett. Ihre Zelle war winzig, es passte gerade ein Bett und ein kleiner Tisch mit Stuhl hinein. Ein Fenster gab es nicht, es brannte nur noch die helle Elektrolampe auf dem Tisch, die das Zimmer erleuchtete und Sara die Angst nahm. Sie stieg aus dem Bett, knipste das Licht aus und wünschte sich zu Neschi zurück.

Wenig später kam Selin, der Helfer von Isilius. Er trug eine Eisenkette und einen Ring über den Arm gehängt. Er kettete Sara‘s Fußgelenke aneinander und zog so fest zu, dass Sara aufschrie. Selin sah sie belustigt an.

„Nanu, hast du dich im Königshaus so verweichlichen und verwöhnen lassen?", meinte er und zog nun erst recht fester. Sara presste die Lippen aufeinander und legte stumm die Hände zusammen, um sie von Selin fesseln zu lassen. Er verließ das Zimmer mit ein paar hämischen Bemerkungen.

„Weißt du", hatte er zu ihr gesagt, „Isilius muss doch auf seine Häschen aufpassen. Darum muss ich jeden Abend über vierzig Sklavinnen fesseln, Sklaven gibt es nicht."

Sara musste noch lange über diesen Satz nachdenken und kam darauf, dass Isilius männliche Sklaven als Beleidigung empfand, Sklavinnen, also Frauen, bei ihm jedoch als Tiere oder Gegenstände galten.

Sara drehte sich zur Wand und dachte noch lange nach. Über ihr bisher so seltsames Leben, und dass sie jetzt mit ihren siebzehn Jahren vermutlich die erste königliche Sklavin in Ägypten‘s Geschichte war.

Am nächsten Morgen erschien ein schwarzer Diener um Sara zu befreien. Er lächelte sie an und meinte flüsternd:

„Ich weiß, wer du bist, Patty! Du bist Sara, unsere Königin! Rinut hat mir gestern alles erzählt. Du musst wissen, dass Rinut und ich schon lange ein Paar sind. Ich bin einer der Aufseher heute auf dem Feld. Keine Angst! Ich werde dir helfen, so oft es geht. Ich weiß, es ist sehr schwer für dich, mir zu vertrauen, aber...nun, komm mit raus, ich zeige dir den Waschteich." Sie zog sich schnell die Kutte an.

„Nein, schlüpfe nochmal aus der Kutte, Sara, Herrin! Ich habe etwas für euch!"

Er zog eine kleine Tasche hervor, in der sich ein weicheres Kleid befand. Als Sara endgültig fertig war, führte Torre seinen neuen Schützling zum Waschteich. Als Sara sich nun ganz auszog, blickte er weg. Sara lachte und meinte, dass sie es gewohnt wäre, beim Baden gesehen zu werden, schließlich habe sie zu Hause ein paar Geschwister, es mache ihr also nichts aus.

Später, als Sara mit ihrer Gruppe auf dem Feld Maiskolben erntete und in großen Körben zum Feldrand schleppte, konnte sie Torre nirgends entdecken. Der Aufseher hatte sie schon öfters den Stock spüren lassen, als Sara sich einmal kurz ausruhen wollte. Daraufhin hatte sie nicht gewagt sich wieder niederzulassen und war ohne Unterbrechung vom Feld zum Rand gejagt um den Aufseher nicht auf sich aufmerksam zu machen. Mittags war Sara so geschafft, dass sie einen Aufseher fragte, wann es denn eine Pause gäbe. Der Aufseher sah sie eine Weile an und lachte dann laut auf:

„Was? Du willst etwas zu trinken? Wir machen jeden Tag erst am Abend eine Pause bis zum nächsten Tag, früher nicht. Auch für dich, Hübsche!" Sara sah ihn erschrocken an, fing sich aber sofort wieder, zuckte die Schultern und kehrte an ihren Platz zurück. Den Aufseher hörte sie noch Stunden später mit seinen Kollegen lachen.

Als sich am Abend alle auf den Nachhauseweg machten, machte der Aufseher sich an sie heran und lief neben ihr.

„Na, bist du jetzt zufrieden, Hübsche?" Er lachte laut, sodass sich manche umdrehten. Sara fuhr ihn wütend an:

„Nenn mich nicht !" Doch er hörte nicht auf.

„Ich nenne dich so wie ich will, HÜBSCHE!", betonte er und schlug sie so fest auf den Arm, dass Sara kurz in die Knie ging und aufschrie. Den Mann kümmerte das nicht im Geringsten. Er sah sie nur schadenfroh an und sagte dann:

„Hier bestimmen die Aufseher, nicht die Sklavinnen und Frauen!" Dann schritt er von dannen. Ein Mädchen aus der Reihe hinter Sara raunte ihr einige tröstende Worte zu, und Sara beruhigte sich allmählich wieder. Der Oberarm, schmerzte jedoch immer nicht und Sara ließ sich abends ein bestimmtes Öl von Rinut geben. Dazu war Rinut auch eingestellt: Sie musste sich um die höher gestellten Sklaven kümmern und sie verarzten, damit sie am nächste Tag wieder ordentlich arbeiten konnten. Auf dem Hof von Isilius gab es drei verschiedene Schichten von Sklaven. Und es waren weit mehr Menschen vorhanden, als sie am ersten Tag bemerkt hatte. Rinut erzählte ihr alles. Es gab über hundertfünfzig Sklavinnen, die in drei Arten unterteilt waren: Die O-Sklavinnen, Obersklavinnen. Sie regelten die Aufteilung der verschiedene Aufgaben und sorgten dafür, dass alle Sklavinnen rechtzeitig zur Arbeit erschienen, sie bestraften andere, wenn diese etwas falsch gemacht hatten und gaben die Befehle von Isilius weiter. Sara, beziehungsweise Patty gehörte zu den

M-Sklavinnen. Diese hatten jede eine eigene Kammer oder Zelle und bekamen auch sonst mehr Luxus als andere, wenn man das so nennen kann.

Königin Nummer Zwei

Neschi schlief in der Nacht des Abschieds so schlecht, dass er am nächsten Tag um drei Uhr nachmittags geweckt werden musste. Patty gesellte sich an seinem persönlichen Frühstückstisch zu ihm und versuchte ihn aufzumuntern. Sie erzählte ihm von Isilius‘ Hof in den schillerndsten Farben, doch Neschi unterbrach sie nach der vierten Lüge, die über ihre Lippen gekommen war:

„Lass, Patty, es ist nett von dir, dass du mich aufheitern willst, aber ich weiß, wie es auf so einem Hof aussieht, da brauchst du mir nichts vormachen!"

Mit diesen Worten schob er seinen Teller weg und stand auf. Mit schnellen Schritten verschwand er in der Tür zum Thronsaal. Dort fand Patty ihn drei Stunden später in Gedanken versunken auf dem Stuhl sitzend und einen Brief in Händen haltend. Er blickte auf als die Tür ging und richtete sich auf.

„Was ist? Warum kommst du?", fragte er und sah Patty unfreundlich an. Doch sie ließ sich nicht von seiner Stimmung abschrecken und kam näher. Als sie neben ihm stand, legte sie den Arm um ihn.

„Ich wusste nicht, dass es dich so mit nimmt, wenn Sara auf einem solchen Hof arbeitet. So schlimm ist es da wirklich nicht. Sara kennt Rinut, und die ist dort Obersklavin. Sie kommt jeden Abend in alle Zimmer um nach den Sklavinnen zu sehen. Sie wird sicher nichts unversucht lassen, um Sara das Leben so leicht wie möglich zu machen. Außerdem ist sie eine höhere Sklavin und hat sogar ei eigenes Zimmer. Wenn Isilius erfährt, dass sie sogar die Königin ist wird er sie auf der Stelle zu dir zurück schicken, denn er ist ein großer Anhänger von ihr."

Neschi zuckte die Schultern und stand mit einem Ruck auf. Er ging zu den großen Saalfenstern, als hoffe er eine Kutsche auf den Hof fahren und Sara aussteigen zu sehen. Tatsächlich meldete sein Leibdiener in diesem Moment Besuch.

„Neschi? Eure Schwester erwartet euch unten im Empfangssaal. Sie bittet um ein Gespräch unter vier Augen!" Neschi nickte ihm zu und zog schnell den Umhang aus, der von seiner Würde zeugte. Neschi ging mit langen Schritten in den Saal hinunter, wo er seine Schwester am Fenster stehend sah. Er bat sie, sich zu setzen und nahm ebenfalls in einem der bequemen Sessel Platz.

„Nun, Sutailja, was ist? Wieso bist du zurückgekommen, und wo ist Tatchun?"

Sutailja strahlte ihn an und rutschte unruhig in ihrem Sessel hin und her.

„Nun, liebster Bruder, Tatchun und ich haben beschlossen es noch einmal mit einem Kind versuchen und es dann sofort unter beste Betreuung setzen. Was meinst du dazu?" Sie sah ihn mit großen Augen an; Neschi musste unwillkürlich lächeln.

„Was soll ich schon dagegen haben? Ich würde euch nur raten es möglichst streng und unter guter ärztlicher Versorgung zu erziehen!"

Sutailja stand auf und fiel ihrem Bruder um den Hals. Dann wurde sie wieder ernst.

„Hast du schon etwas von Sara gehört? Ich meine, es kann ja sein, dass sie dir irgendwie eine Nachricht schickt?"

Er ließ traurig die Schultern hängen. Sutailja wusste was jetzt kam.

„Nein. Patty ist zwar lieb und versucht auch mich aufzumuntern, aber sie ist eben so ganz anders als Sara, irgendwie aufgeregter und nicht so ruhig und zärtlich wie Sara es war. Wie es ihr wohl jetzt in diesem Moment geht? Ob es nicht zu anstrengend ist? Ich meine sie müsste harte Arbeit ja noch von früher gewohnt sein, aber sie hat ja dazwischen über fünf Jahre am Hof gelebt und, na ja, ziemlich verwöhnt worden ist sie javon ihren Dienern."

Sutailja setzte sich wieder in ihren Sessel. Und hob hilflos ihre schmalen Schultern.

„Ich weiß auch nicht, wie es ihr jetzt geht, aber gesund war Patty ja immerhin. Hoffen wir, dass Sara auch gesund bleibt. Ah und noch etwas! Ich habe mit Neschi ausgemacht, dass ich eine ganze Woche hierbleiben darf. Eine Woche ist viel Zeit für dich und mich um an deinem geplanten Gesetz weiter zu arbeiten oder damit anzufangen." Neschi‘s Miene hellte sich auf.

„Das ist eine gute Idee, Sutailja! Das Gesetz! Je schneller es steht, desto schneller habe ich meine Sara weder. Aber wie sollen wir denn anfangen?"

„Erst einmal brauchen wir einen Grund für unser Gesetz und der Grund ist ja wohl, dass die Sklaven wie Tiere be- und misshandelt werden. Die Sklavenbesitzer sollen mindesten 80 Prozent ihrer Sklaven frei lassen und den anderen ein ordentliches Bett und gut zu essen geben und ihnen eventuell auch Lohn auszahlen. Aber was sollen dann die freien Sklaven machen? Sie haben ja nichts außer den Kleidern die sie tragen."

„Der Staat Ägypten hat im Moment recht viel Geld durch unseren ausgebauten Textilverkauf. Wir könnten einige Lager errichten, in denen wir freien Sklaven die Möglichkeit geben eine Ausbildung zu machen, die zwar nicht professionell ein wird, aber ihnen zumindest die Chance gibt sich bei jemandem einstellen zu lassen, damit Geld zu verdienen und vielleicht später einmal eine eigene Familie zu gründen."

Sutailja nickte eifrig und ging zu der großen hölzernen Türe an der Stirnseite des Saales, hinter der ein kleineres Gemach für den Schreiber war.

„Yussuf? Wir brauchen dich! Komm bitte gleich in den Empfangssaal."

Sie schloss die Türe und ging zum Tisch zurück an dem Neschi saß. Sie setzte sich.

„Er kommt sofort, muss sich nur noch schnell etwas anderes anziehen und Papier und Füllfederhalter holen." Kaum hatte sie ausgesprochen, öffnete sich die Türe und ein alter, untersetzter Mann kam auf einen krummen Stock gestützt auf sie zu gehumpelt. Er setzte sich Neschi gegenüber und grüßte mit dunkler, kratziger Stimme. „Sei gegrüßt, Herr! Was kann ich für euch tun?"

„Sei gegrüßt, Yussuf! Schreibe alles auf, was ich dir jetzt diktiere!"

Yussuf nickte, zückte den Federhalter, tunkte ihn in das Tuschefässchen und begann die Wörter in sauberer, geschwungener Handschrift auf das Papyrusblatt zu bringen:

Ich, Neschi II, besage hiermit, dass alle Sklavenbesitzer bis zum Ende des dritten Monates achztig Prozent ihrer Sklaven, ob männlich oder weiblich, in die Freiheit entlassen zu haben. Für die restlichen Sklaven müssen Bett, Essen und Lohn vorhanden sein. Die zu diesem Zeitpunkt freien Sklaven werden in großen Lager zu je zweihundert Personen bei Essen und Bett Unterricht für verschiedene Fachgebiete erhalten und Prüfungen ablegen, damit sie später die Möglichkeit haben, selbst Geld zu verdienen und Familien zu gründen.

Zufrieden betrachtete der König sein Werk und bat Sutailja darum ein rotes, breites Band zu besorgen und eine Versammlung für den nächsten Tag einzuberufen. Während Sutailja den Saal verließ um seinen Wünschen nachzukommen, unterhielt sich Yussuf mit ihm über das neue Gesetz und stimmte ihm zu. Die Idee, dass die Sklaven eine kostenlose Unterstützung in Lagern erhielten, fand er ausgezeichnet.

Als Sutailja mit Patty zurückkehrte war Yussuf wieder in seinem Gemach verschwunden.

Neschi weihte Patty in ihren Plan ein und begann nun auf ein weiteres Blatt eine Liste aufzustellen.

„Wozu brauchst du die Liste?", fragte Sutailja und beugte sich über Neschi.

„Ich werde mit einigen zuverlässigen Personen zu den größeren Städten auf die Ämter und Verwaltungsstellen fahren und ihnen meinen Befehl übergeben. Diese Liste enthält die Namen derer, die mich begleiten werden. Natürlich wird Patty mich begleiten. Dich, Sutailja, werde ich leider zurücklassen müssen, da meine Reise länger als eine Woche dauern wird. Es tut mir leid, aber ich kann Tatchun seine Frau nicht länger als geplant wegnehmen!" Er lächelte. Sutailja nickte zustimmend.

„Wann willst du losfahren? Ich meine, wir müssen für genügend Pferde und Kutschen sorgen!" Der Staat ging auch für Sutailja vor und sie war einverstanden damit, dass Tatchun und Yussuf während Neschi‘s Reise die Regierung übernehmen sollten und sie nicht mitreisen sollte. Neschi legte den Tag der Abreise auf Freitag dieser Woche fest und seine Schwester lief schon wieder los um den Verwalter der Ställe aufzusuchen und für dreißig gute, ausdauernde Pferde zu sorgen.

Patty und Neschi blieben alleine zurück und gingen zusammen zum großen Speisesaal zurück, in dem ein riesiges Abendbrotbüffet auf sie wartete. Als sie gemütlich beieinander saßen, konnte Patty die Frage, die ihr schon die ganze Zeit über auf der Zunge lag nicht mehr zurückhalten:

„Warum wolltest du eigentlich ausgerechnet Sara zur Königin und Frau haben, wo du sie doch noch gar nicht kanntest!" Neschi lächelte sie belustigt an.

„Ich bin doch ziemlich angesehen in ganz Afrika, oder? So hatte ich eben auch in Südafrika in Durban einen Verbindungsmann. Gerald Harolin, Händler. Er hat mir bei seinen Besuchen hier in Ägypten viel von Sara erzählt, die oft nach Durban kam, um Reis und Getreide von dem Bauernhof in Matatiele, auf dem sie schon von klein auf arbeitete, zu verkaufen. Harolin schwärmte von Sara‘s Ruhe und Schüchternheit, außerdem sah es so aus, dass sie auch fleißig war und gut organisieren konnte. Sie schien nett und hübsch war sie dazu. Da Gerald Harolin einer meiner besten und verlässlichsten Helfer und Freunde ist und wusste, dass ich auf der Suche nach einer passenden Gemahlin war, erzählte er mir von ihr und ich beschloss, sie zu mir zu holen. Und da ich nicht wollte, dass sie sich verloren und einsam vorkam, beschloss ich dich und Wanda, eine Frau aus dem Nachbardorf, mit zu holen. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass Ernon mich jemals so hintergehen und dich und Wanda verkaufen würde um Futter für die Tiere zu kaufen. Gut, er war in einer Notlage, aber ich hatte ihm genug Geld mitgegeben. Wahrscheinlich ist es in seiner eigenen Tasche gelandet. Ich habe ihm verziehen, weil es das erste Mal war. Ich wusste nicht, wo ihr hingekommen wart und ich hatte nicht gewagt auch nur zu träumen, dass ihr beide mir je wieder unter die Augen kommen würdet. Umso glücklicher war ich, als Isilius euch mit zu dem Fest brachte. Bevor ich über Harolin von Sara hörte, hatte schon viele Versuche mit anderen Frauen, die aus dem zweitklassigen ägyptischen Adel stammten. Da keine von ihnen besonders geeignet war, habe ich mich sofort für Sara entschieden und ich lag mit meiner Wahl ja auch nicht daneben." Patty staunte über die ungewöhnliche Geschichte und freute sich über Neschi‘s Gesprächigkeit. Er schien seine Probleme an diesem Abend zu unterdrücken und seine Laune hatte sich seit Sutailja mit ihrer Idee um das Doppelte gesteigert. Nach dem Essen stand er auf, küsste Patty auf die Stirn und ging beschwingt aus dem Saal. Patty blieb verwirrt zurück. Neschi, der König, hatte sie, eine heruntergekommene Sklavin geküsst. Vielleicht hatte er sie auch gern, wenn auch nicht so wie Sara?

Sutailja kam völlig erschöpft und schimpfend zurück und fand die verwirrte Patty noch immer im Speisesaal sitzend. Sie setzte sich gegenüber und begann in aller Ruhe zu essen. Sie warf Patty nur immer wieder einen wartenden Blick zu.

Patty wusste, dass Sutailja wartete, bis sie von sich aus begann zu erzählen und startete:

„Ähm...Sutailja?...Warum hat Neschi mich auf meine Stirn geküsst?" Nur zögernd kamen ihr die Worte über die Lippen und sie sah Sutailja schüchtern an. Als diese begann laut zu lachen wusste sie erst recht nicht, was sie machen sollte. Sutailja beruhigte sich wieder und lächelte nun freundlich über den Tisch.

„Das ist bei uns, das heißt, das ist in diesem Haus so Sitte, dass man seine Tischgenossen nach dem Abendbrot auf die Stirn küsst als Segen und Gute- Nacht- Kuss sozusagen. Aber ich finde es gut, dass du gefragt hast. Und du kannst ruhig immer mit mir über alles reden, auch, wenn dir etwas fremd ist.", erklärte sie und schob sich eine gefüllte Zuccini auf den Teller. Patty atmete beruhigt auf. Die Köchin kam und unterbrach die beiden, die gerade ein Gespräch über Beduinen angefangen hatten. Sie zögerte kurz und wandte sich dann an Patty:

„Herrin, wir brauchen frisches Gemüse und außerdem einen weiteren Herd, da wir Zuwächse bekommen haben!" Patty sah unsicher zu Sutailja und als diese nickte, lächelte sie die Dienerin an, was diese natürlich nicht sehen konnte, da ihr Gesicht bereits wieder verschleiert war, und nickte. Die Köchin machte eine leichte Verbeugung und eilte zur Küche zurück.

„Danke! Was muss ich jetzt machen? Muss ich den Leuten bei der Nahrungsverwaltung Bescheid sagen?" Sutailja nickte:

„Ja, den Herd besorgen sie dir auch! Und nun komm! Wir müssen noch einmal zur Reiseverwaltung, da der Mann nicht genügend Pferde zur Verfügung stellen kann."

Im Gehen fragte Patty sie, ob es ihm Haus für alle Gebiete eine eigene Verwaltung gäbe. Sutailja beschleunigte erst noch und nickte dann.

„Ja. Sonst gäbe es das reinste Chaos und alles würde still liegen. Normalerweise besorgen sich die Untergeordneten, zum Beispiel die Küche, ihre kleinen Materialien, wie jetzt das Gemüse selbst, aber wenn sie größeres brauchen, zum Beispiel den Herd, müssen sie erst Neschi oder Sara, beziehungsweise dich fragen. Die Köchin musste sowieso zu dir wegen dem Herd und da hat sie das Gemüse eben auch gleich erwähnt." Endlich erreichten sie das große Gebäude der Verwaltungsstellen, nachdem sie über den dämmrigen Hof gegangen waren. Patty fand heraus, dass jede Verwaltung ihr eigenes Abteil hatte und das die einzelnen Abteilungen durch Türen getrennt waren. Sutailja steuerte auf die achte Türe von links zu und stürmte in das Büro, in dem etwa zehn Personen beschäftigt hin und her eilten. Sie riss noch eine weitere Türe auf und Patty fand sich im Büro des Obersten wieder. Dieser sprang von seinem einfachen Stuhl auf und verbeugte sich so tief vor Patty, dass diese dachte, dass er jetzt bestimmt den Boden mit seinen Haaren berührt habe.

„Oh, Herrin!!! Seid gegrüßt, Herrin! Womit kann ich Euch dienen?" Er verschwand wieder hinter seinem einfachen, mit Papyrusrollen überhäuften Schreibtisch. Nun ergriff Sutailja das Wort und begann mit dem alten Herrn zu verhandeln. Er versprach, dass er bis zum Freitag dieser Woche noch weitere sieben Pferde beschaffen werde. Sutailja bedankte sich und nachdem der Herr sich noch einmal vor Patty verbeugt hatte, verließen sie den Raum und gingen zu Sara‘s Gemächern. Sutailja gab Patty noch einige hübsche, reise- geeignete Kleider und verließ den Raum, nachdem sie ihr noch den Stirnkuss gegeben hatte. Patty schlief sofort ein.

Aufbruch

„Ich gehe zum ersten Vorplatz um die Pferde zu besichtigen. Saron hat sogar zehn Pferde gekauft, falls ich mit einem nicht zufrieden sein könnte." Neschi stand vom Frühstückstisch mit Sutailja und Patty auf und rannte die Eltern von Sara fast um, als er den Raum verließ. Fija und Sadik wollten sich nur von Sutailja und Patty verabschieden, da sie am heutigen Tag nach Hause fahren würden um ihre letzten Habseligkeiten aus Matatiele zu holen und sich endgültig von den ehemaligen Nachbarn zu verabschieden. Die Geschwister waren bereits auf zwei königliche Kutschen verteilt worden. Sutailja nahm das alte Paar kurz in den Arm, segnete sie und überließ sie dann Patty, die ihre Sachen ebenfalls im Haus haben wollte und sie bat ihr diese mitzubringen. Währenddessen war Neschi im Vorhof angekommen und ließ jedes Pferd von Reitern prüfen. Zufrieden nickte und lobte den Reiseverwalter für

seine gute Wahl. Dann ging er ins Haus zurück. Sara‘s Familie war bereits abgereist. Sutailja verlegte die Versammlung auf Mittag und richtete Patty für eben diese her. Sie gab ihr ein oben enganliegendes, gelbgrünes Kleid mit weitem Rock. Am Halsausschnitt war es mit Grünen Halbedelsteinen besetzt. Sutailja steckte Patty‘s dunkelbraunes volles Haar mit silbernen Klammern hoch und legte ihr Sara‘s Hochzeitsgeschenk, die goldene Kette, um. Dann wurden ihr ein kurzer, grünlicher Schleier und die Krone aufgesetzt. Fast ehrfürchtig betrachtete sich Patty im Spiegel und

lächelte, als sie sah, wie hübsch sie war. Sutailja selbst zog ein blaues, gerade geschnittenes Kleid an und setzte sich ihren silbernen Stirnreif unter ihre langen, schwarzen Haare. Dann gingen sie zusammen zu Neschi‘s Gemach und warteten, bis der König, ebenfalls mit Krone, aus dem Tor kam. Patty gab ihm einen kleinen Begrüßungskuss auf die Wange, da Leibwächter in der Nähe waren und es möglichst glaubwürdig aussehen sollte. Er nahm sie am Arm und ging hinter Sutailja her auf den ersten Vorhof, auf dem eine kleine Tribüne errichtet worden war. Als das angebliche Paar den Hof betrat wurde gepfiffen und geklatscht. Patty musste unwillkürlich lächeln und freute sich, dass sie so beliebt waren. Neschi zog sie zur Tribüne. Sutailja folgte ihrem Bruder mit einigem Abstand und setzte sich neben Patty auf die drei Stühle. Neschi stand auf und nahm die Liste von einem Diener in Empfang.

„Ich begrüße alle Versammelten zu einem wichtigen Treffen.", begann er und es wurde schlagartig still. Nach der üblichen Begrüßungsrede fuhr er fort:

„Ich werde nun die Liste derer vorlesen, die mich und P...äh...Sara begleiten sollen." Niemand bemerkte Neschi‘s Versprecher und alle hofften, den König begleiten zu dürfen. Als die Auserwählten, achtundzwanzig Leute, alle auf der Seite standen, bat Neschi die Übriggebliebenen den Platz zu verlassen. Dann fuhr er mit einem Seitenblick auf Patty fort:

„Sara und ich haben euch, den Vertrauten, ein Geständnis zu machen..."

Patty erstarrte und sah unsicher zu Sutailja, doch diese lächelte aufmunternd und versuchte Patty zu beruhigen. Neschi war zu Patty gekommen und sagte:

„Sara ist nicht Sara. Sara ist Patty, Sara‘s Freundin!" Mit diesen Worten schlug er den grünlichen Schleier zur Seite und durch die Menge der dreißig Auserwählten ging ein Raunen, dann meldete sich der zum Anführer bestimmte Mann:

„Aber warum Herr? Wo ist die Königin?" Neschi antwortete wahrheitsgemäß.

„Wir danken dir, Herr, dass du uns so vertraut hast und die Wahrheit gesagt hast. Wir werden alles dafür tun, dass unsere Herrin wieder in die Freiheit entlassen wird!" Tosender Beifall für Neschi‘s Entscheidung kam auf und Neschi fühlte sich geschmeichelt.

Nach der Versammlung war jedem Teilnehmer ein Pferd zugeteilt worden und eine Kutsche mit Nahrungsmitteln und Futter wurde bereit gestellt. Patty, Neschi und Sutailja saßen den restlichen Nachmittag im Speisesaal zusammen und tranken wertvollen Tee aus Europa. Neschi und Patty verabschiedeten sich früh am abend von Sutailja, wünschten ihr alles Gute und gingen zu Bett, da sie am nächsten Morgen früh aufbrechen wollten und Sutailja vor ihrer Abreise nicht mehr sehen würden. Patty schlief in dieser Nacht wie ein Stein und war am nächsten Morgen ausgeschlafen, als eine Dienerin sie weckte. Auf ihrer Reise sollten Patty drei Dienerinnen betreuen und diese war eine davon. Sie wurde in ein einfaches, aber schickes, graues Kleid gesteckt, die Haare wurden mit einigen Bändern elegant zusammengehalten und der Schleier und die Krone wurden ihr aufgesetzt. Heute musste alles schnell gehen. Neschi erwartete Patty im Speisesaal mit einem letzten, reichlichen Frühstück, denn auf dem Ritt würden sie nur einfaches, nahrhaftes zu sich nehmen. Patty begrüßte ihn wieder mit einem Kuss und setzte sich. Nach eiligem Essen gingen sie zum ersten Vorplatz, auf dem bereits einiges los war. Neschi verlas die Liste und als alle da waren, gab er den Befehl zum Aufsteigen. Ale Teilnehmer stellten sich in einer langen Reihe auf; die Kutsche ganz links. Neschi prüfte die Gewänder der Reiter und gab dann das Zeichen zum Aufbruch. Auch Patty musste reiten, da eine Sänfte nur hinderlich gewesen wäre und in der Kutsche nicht genügend Platz war. Sie ritt einen schönen, muskulösen Wallach- Rappen mit gutem Gang der auf den Namen Poof hörte. Neschi ritt ebenfalls einen Rappen, allerdings eine Stute. Sie hatte eine schneeweiße Blässe und hörte auf den Namen Blanc. Neschi und Patty ritten nebeneinander voraus. Ihnen folgten erst die Kutsche und dann hintereinander in einer langen Kette die anderen Reiter. Neschi‘s Ziel war die Verwaltungsstelle in Alexandria. Auf dem Weg dorthin würden sie in Qena, Asyut, Beni Suef, Gise und Kairo Halt machen. Patty freute sich schon auf die zweiwöchige Reise. Neschi hatte sich dazu entschlossen, erst bis Alexandria und dann wieder zurück nach Theben zu reiten, also erst den nördlichen Teil Ägyptens und dann nach kurzem Aufenthalt den Süden Ägyptens zu bereisen. Bis Alexandria würden sie ungefähr drei oder vier Tagesritte benötigen. So oft es ging galoppierte Neschi um möglichst wenig Zeit zu verlieren. Als sie am späten Nachmittag in Qena ankamen, waren die Pferde erschöpft und den meisten Reitern taten bereits alle Knochen weh. Neschi und Patty betraten in Begleitung von jeweils einem Leibwächter das Verwaltungsamt und wurden mit vielen Verbeugungen ins Büro des Obersten geleitet. Dieser hieß sie willkommen und fragte:

„Was kann ich für Euch tun, Herr?" Neschi‘s Begleiter verlas mit lauter Stimme das Pergament und überreichte dem Obersten eine Abschrift davon. Er nickte ernst und meinte dann etwas zögerlich zu Neschi und Patty:

„Nun, es wird hart werden und es wird auch viel Widerstand geben, aber ich werde mein Bestes tun." Neschi verabschiedete sich und trat mit einer Verbeugung hinaus auf den Flur. Kaum war unten auf dem Platz angekommen, befahl er, sofort weiter zu reiten. Die Reiter nickten stumm und schwangen sich in ihre Sättel.

„Warum konntest du nicht erst noch kurz eine leine Pause machen? Die Leute und sogar die besten Pferde sind noch sehr erschöpft!", warf Patty Neschi vor.

„Nein, nein. Es muss so schnell gehen, Herrin Patty. Sonst schaffen wir es nicht in drei Wochen!" Unbemerkt von Patty hatte sich der Anführer der Reiter an ihre Seite begeben. Neschi lächelte und freute sich über Patty‘s Einwand, da auch er über eine Rast nachgedacht hatte und ihr Einwand zeigte, dass sie sich gut verstehen würden.

Am Abend wurden am Flussufer des Nils an einer geschützten Stelle primitive Reisezelte aufgeschlagen. Neschi teilte sich ein Zelt mit dem Anführer. Die Zelte waren für je zwei Personen vorgesehen. So hatte auch Patty sich einen Partner zu suchen. Sie entschied sich für einen nett aussehenden, jungen Reiter, der ebenfalls Ausschau nach einem Mitschläfer hielt. Die beiden bauten ein mittelgroßes Zelt aus einfachem Leinenstoff auf, legten Decken übereinander auf den Boden und deckten sich mit einem einfachen Laken zu. Schon bald kamen sie ins Gespräch.

„Wie heißt ihr jetzt nun nochmal? Ich habe es schon wieder vergessen.", fragte der junge Mann mit einem verlegenen Lächeln.

„Ich heiße Patty. Aber bitte rede mich mit du an! Ich bin auch nicht mehr als ein einfaches Mädchen, das Glück hat, eine Freundin wie Sara zu haben."

„Oh, na gut, dann eben Patty. Ich heiße Joy. Ich bin in Kairo geboren. Mein Vater ist Afrikaner, meine Mutter Amerikanerin, sie hat meinen Vater auf einer Reise hierher kennengelernt.", erzählte Joy und lächelte Patty an. Patty musste lachen.

„Deine Mutter ist Amerikanerin? Ich habe auch einen englischen oder amerikanischen Namen. Warum, weiß ich selbst nicht. Vielleicht war ein Teil meiner Eltern amerikanisch? Wie alt bist du? Ich bin noch achtzehn, werde aber bald neunzehn. Ich bin ein ganzes Jahr älter als Sara."

„Ich bin einundzwanzig. Woher kennst du Sara überhaupt so gut? Warum seid ihr befreundet?", Joy sah sie neugierig an. Patty musterte ihn kurz. Ihr Blick strich über seinen muskulösen, braungebrannten Körper, seine dunkelblauen Augen und seine schwarzen Haare. Sie holte tief Luft und begann die ganze Geschichte, woher sie Sara kannte, wie sie beide nach Nordafrika gekommen waren und schließlich von ihrer Arbeit als Sklavin zu erzählen. Joy sah sie mit großen Augen an.

„Du bist also wirklich Sklavin? Das sieht man dir gar nicht an! Die meisten Sklavinnen haben eingefallene Gesichter und sind viel muskulöser. Du siehst aber richtig hübsch aus!" Patty grinste frech.

„Mir kann eben kein Mann etwas anhaben!", lachte sie, „ich finde mich überhaupt nicht schön! Was ist an mir schon Besonderes? Ich bin ein ganz normales, südafrikanisches Mädchen, das eben durch Zufall an den König geraten ist. Na und?"

„Du hast wunderschöne dunkelgrüne Augen! Und ein ebenmäßiges Gesicht und eine gute Figur! Was willst du mehr? So hübsch wie unsere Königin gibt es eben nur wenige. Aber das ist ja auch gut so, sonst wären schöne Mädchen nichts Besonderes mehr, und das wäre langweilig!" Joy lachte. Patty sah seine schneeweißen Zähne und dachte sich: Joy sieht aber auch nicht schlecht aus...

Als Joy die Laterne ausblies, die sie in der Ecke aufgestellt hatten, kuschelte sie sich erst in das Laken und rutschte dann immer mehr in seine Richtung. Schließlich drehte er sich zu ihr herum und legte seinen Arm um ihre Schulter. Patty schlief die ganze Nacht bis zum Morgen wie ein Stein und wachte erst auf, als Joy sie an der Schulter wach rüttelte.

„Hey, Halbamerikanerin! Aufwachen! Neschi und die anderen warten schon!" Patty fuhr hoch und zog sich sofort wieder ihr Kleid an. Zusammen mit Joy baute sie das Zelt ab, verstaute es in der Kutsche, die auch einen Teil der Zelte übernommen hatte und ging zu den anderen, die bereits in einem großen Kreis um Neschi saßen, der das Essen verteilte. Sara und Joy drängten sich nebeneinander in den Kreis und warteten, bis Neschi auch sie aufrief und ihnen kaltes Fleisch, ein Stück frisches Brot und Obst gab. Nach dem Frühstück gab es für jeden eine Wasserflasche, die er in den Satteltaschen seines Pferdes verstauen sollte. Als sie längst wieder auf dem Weg nach Asyut waren, ritt Patty, die bis eben neben Neschi geritten war,

langsamer, um neben Joy zu kommen. Neschi hatte nichts dagegen, dass Patty sich mit den Reitern unterhielt, schließlich mussten diese bei Laune gehalten werden. Am heutigen Tag waren sie auch nicht wie gestern in einer langen Reihe geritten, sondern durften wie sie wollten zu mehrt reiten. Patty fand Joy am Ende der Reihe alleine. Er schien erst gar nicht zu bemerken, dass Patty gekommen war, sondern starrte auf den Hals seines Fuchses. Patty berührte ihn vorsichtig am Arm. Ohne aufzusehen begrüßte er sie.

„Was ist los? Warum bist du so still?", fragte Patty und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Ich habe nachgedacht.", sagte Joy und blickte auf, „ich dachte...ich habe mir überlegt, dass...dass du mich ja noch gar nicht so richtig kennst und mich trotzdem schon magst. Und...und wenn du dann wirklich weißt, wer ich bin, willst du bestimmt nichts mehr von mir wissen..." Joy sah sie traurig an. Patty schüttelte heftig den Kopf.

„Selbst wenn du jemanden umgebracht oder betrogen hast, werde ich dir helfen und bei dir bleiben. Aber...erzähl doch mal, was das ist, so schlimm, dass ich dich nicht mehr mögen sollte..." Joy schüttelte erst seinen schwarzen Lockenkopf.

„Nun, weil du es bist.", begann er nach einer Weile, „ich bin doch in Kairo geboren. Und da, da ist es eben auch so Sitte, dass man den Eltern einer anderen Familie sein Kind verspricht. Und, na ja, und dann hat mich mein Vater mich schließlich an eine Familie verkauft, weil meine Mutter längst wieder in Amerika war und er kein Geld hatte. Er hat für mich sehr viel Geld bekommen. In der Familie gab es zwei Töchter. Giovanna und Naomi. Und dann, als ich sechzehn war, haben mich die Eltern von denen mit Naomi verheiratet. Giovanna war eifersüchtig auf ihre kleinere Schwester und hat oft versucht, sie umzubringen, so verliebt war sie! Ich war so unglücklich! Naomi war zwar sehr hübsch, aber gemein und betrogen hat sie ihre Familie auch des öfteren. Mit Giovanna habe ich mich immer gut verstanden, wenn ich auch nicht verliebt war. Irgendwann sind Naomi und ich nach Tanta im Nildelta umgezogen. Da hat sie dann auch ein Kind bekommen. Aber das war nicht von mir! Da habe ich sie angefangen zu hassen und dann einen halben Monat später verlassen. Ihre Eltern habe ich nie mehr gesehen. Sie habe die Geschichte nie erfahren. Aber weißt du, Patty, das Schlimmste war, dass ich zu Giovanna wollte und sie trösten. Von einem Händler habe ich dann erfahren, dass sie sich im Nil ertränkt hat!!! Ich hätte nie gedacht, dass man einen Menschen so lieben kann, dass man wegen der zerbrochenen Liebe Selbstmord begeht!!!" Tränen rollten über das dunkle Gesicht von Joy. Patty beugte sich zu ihm hinüber und strich mit ihrer Hand sanft über seine Wangen und wischte seine Tränen weg.

„Ich verstehe nicht ganz, warum ich dich wegen der Ungerechtigkeit von den fremden Eltern vergessen sollte!" Joy sah sie ernst an.

„Vielleicht denkst du ja, dass ich hätte früher abhauen sollen, oder, dass ich von Naomi früher hätte abhauen sollen, oder, vielleicht denkst du auch, dass ich bei Naomi hätte bleiben sollen, allein, weil sie ihr Kind nicht alleine durchbringen kann?" Patty schüttelte den Kopf. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass Joy so von ihr dachte, dass er dachte, dass sie nicht verstand, dass er nichts dafür konnte. Joy war erleichtert.

Neschi gab den Befehl zum Zelte aufschlagen erst, als es schon längst dunkel war. Nach Joy‘s Geständnis war das Gespräch zwischen Patty und Joy lustiger und gelöster geworden. Abends nahmen sie wieder ein Zelt zusammen. Als in der Ecke wieder die Laterne angezündet worden war, lagen sie nebeneinander auf der harten Unterlage, auf die Ellenbogen gestützt und erzählten von ihrer Kindheit. Manchmal schwiegen sie auch und jeder hing nur seinen Gedanken nach. Schließlich sprach Joy das Thema an, das Patty am meisten interessierte, das sie sich aber bisher nicht anzuschneiden getraut hatte.

„Hattest du schon einen Freund, oder bist du verheiratet?" Patty lief rot an:

„Eh...nein. Ich hatte noch keinen Freund, ich war nur einmal in einen Jungen aus Matatiele verliebt, aber der hat dann ein anderes Mädchen geheiratet. Verheiratet bin ich auch nicht. Ich habe den Richtigen noch nicht gefunden, wer hat auch die Chance dazu als Sklavin, und verheiraten kann mich ja niemand, weil ich keine Eltern mehr habe.

Joy sah sie lange an und musterte ihre Gestalt, die von dem kleinen Licht aus der Ecke nur schwach beleuchtet wurde. Patty lächelte schüchtern.

„Nun, wie gefalle ich dir?", stellte sie eine direkte Frage, die Joy in Verlegenheit brachte. Joy druckste herum.

„Nun, du bist wahnsinnig hübsch und lieb. Und jetzt?" Patty sah sich ein wenig ratlos um. Dann richtete sie sich plötzlich auf und beugte sich zu Joy hinüber. Er legte seine Arme um ihren Hals und genoss den zärtlichen, ersten Kuss. Patty fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben verstanden und geborgen. Nach einer Weile löste Joy die Umarmung und blies das Licht aus. In Joy‘s Arm schlief Patty schließlich spät in der Nacht ein. Am nächsten Morgen wurde sie erst spät durch wütendes Geschrei geweckt.

„Was ist los?", fragte sie Joy, der bereits wach war und neben ihr kniete. Er hob den Eingang des Zeltes an und sah hinaus.

„Scheint so, als wären einige Pferde gestohlen worden. Neschi ist wütend. Ich glaube, es wäre besser, wenn du jetzt mal aufstehst und mit ihm redest.", meinte Joy.

Patty schlug die Decke weg und gähnte herzhaft. Joy grinste und gab ihr einen langen Guten-Morgen-Kuss. Patty war mit einem Schlag hellwach, als sie hörte, dass Neschi ihren Namen rief. Sie riss Joy ihr Kleid aus der Hand, machte sich mit einem Band die Haare zusammen und stürzte aus dem Zelt. Neschi lief ihr entgegen.

„Patty! Acht Pferde sind verschwunden, obwohl wir Wachen aufgestellt haben! Das können nur irgendwelche Herumtreiber gewesen sein. Alle Reiter sind noch da. Du reitest am Besten mit einem Trupp von zehn Mann nach Theben zurück und bleibst dort! Alle zehn Männer werden bei dir in Theben bleiben, nur einen schickst du mit neun Pferden und einem Stallknecht zurück hierher! Wir warten hier an der gleichen Stelle! Schicke auch Nahrung mit. In sieben Tagen sind die Männer spätestens zurück! Nun, wähle zehn Männer aus und reite noch heute los!" Neschi ließ Patty keine Zeit für Widersprüche. Patty versammelte die ganze Reitermannschaft um sich und wählte neun verlässliche Männer aus. Außerdem nahm sie natürlich noch Joy mit. Neschi gab ihr die ausdauerndsten Pferde und einige Nahrungsmittel mit. Dann brachen sie auf.

*****

Nach drei Tagen tauchten am Horizont die Türme von Theben auf. Patty beschleunigte und verlangte den Pferden das Letzte ab. Die Reiter biss die Zähne zusammen und folgten ihrer Herrin ohne Widerstand. Als sie zwei Stunden später das Tor zu der prunkvollen Villa, in der das Königspaar zur Zeit noch wohnte erreichten, überließen sie die Pferde einigen Pferdeknechten und gingen auf das Haus zu. Tatchun und Sutailja standen erwartungsvollen und mit erstaunten Gesichtern am Portal.

„Was ist passiert? Wo sind die anderen? Warum kommt ihr schon jetzt?", bestürmte Sutailja die Ankömmlinge mit Fragen und rannte die Stufen zum Eingang hinunter.

Patty lies sich erschöpft von dem langen, anstrengenden Ritt, auf dem sie nur wenige Pausen zum Schlafen gemacht hatten. Sutailja hielt ihren Arm und führte sie in den Speisesaal. Die kleine Reiterschar folgte. Joy lief neben Patty her. Als sie endlich auf einem der bequemen Stühle im Speisesaal saß, küsste er sie ganz vorsichtig und unsicher. Es war der erste Kuss unter den Augen anderer. Sutailja seufzte, holte die Köchin und bat um etwas zu trinken für die ganze Versammlung.

Mir scheint, es ist viel passiert und zuerst möchte ich wissen, wer dieser junge Mann ist, dachte Sutailja bei sich und wartete auf Patty‘s Erzählung.

Patty nahm das Glas Wasser, das man ihr reichte, dankbar an und sah sich um. Joy hatte sich einen Stuhl herangezogen und sich neben ihr niedergelassen.

„Oh, Joy! Bin ich müde! Aber ich denke, ihr verlangt eine Erklärung, nicht wahr, Sutailja?" Als diese nickte, holte sie tief Luft und begann die Geschichte von ihrer Reise, dem Diebstahl und schließlich von ihrer anstrengenden Rückkehr zu erzählen. Sutailja nickte schweigend. Alle sahen sie gebannt an.

„Und wenn willst du von den Reitern und welchen Knecht willst du mit den Pferden los schicken?" Patty sah sich zögernd um. Sie blickte in jedes Gesicht der Männer.

„Ich muss erst noch etwas klarstellen, Sutailja.", begann sie von neuem, „Joy und ich, wir haben uns ineinander verliebt, und wollen uns eigentlich nicht mehr trennen. Er wäre damit also ausgeschlossen. Ich habe mich für Relos entschieden. Er schien mir sehr ausdauernd und vertrauenswürdig, wie alle anderen auch, doch ich denke, er hat mehr Erfahrung als sie und deshalb soll er sich seinen Knecht selber aussuchen." Patty erntete Beifall, aber auch enttäuschte und erleichterte Gesichter von den Reitern, die gehofft hatten, sie würden die glücklichen sein.

Schon am nächsten Morgen brachen Relos und sein Begleiter auf. Sie hatten sich gestärkt mit Schlaf und gutem Essen und fühlten sich stark genug. Patty verabschiedete sich von ihnen und sah ihnen noch nach, bis sie hinter dem nächsten Hügel verschwunden waren.

 

Erfolg

Die Reise vor einem Monat war gut verlaufen, außer dass Neschi am Ende, auf dem Rückweg einen Mann verloren hatten, als sie am Nilufer von einigen Krokodilen überrascht worden waren. Neschi und Sutailja unternahmen oft Reisen in die Versorgungslager für die Sklave und konnten so die Fortschritte des Gesetzes wahrnehmen. Außer den Aufständen weniger Großgrund– und Sklavenbesitzer, fiel nicht weiter Erwähnenswertes auf.

Eines Tages erfuhr Neschi, dass auch Isilius achtzig Prozent seiner Leute freigelassen hatte, und Sara sich unter ihnen befand. Wenig später teilte ihm ein weiterer Späher mit, dass sich Sara im Handwerkerlager befand. Neschi, Patty und Tatchun ritten sofort los, das Handwerkerlager war nur einen Tagesritt entfernt und gehörte zu den am besten versorgten Lagern in Ägypten. Die seit einem Monat schwangere Sutailja ließen sie mit Freydis und den Männern, die bei der „Gesetzreise" dabei waren, zurück.

Joy gehörte dazu. Natürlich hatte er Patty begleiten wollen. Doch Patty hatte ihm gut zugesprochen und klar gemacht, dass die Abholung von Sara ihre und Neschi‘s Sache wäre und Tatchun nur als Begleitung und Leibwächter von Neschi mitkäme. Joy hatte seufzend aufgegeben und sich mit einem lieben Kuss verabschiedet. Auch Sutailja hatte anfangs mit reiten wollen, war aber aufgrund ihrer Schwangerschaft doch lieber in der Villa geblieben.

Neschi machte Tempo, und als sie am Nachmittag Rast machten, waren die Pferde so erschöpft, dass jedes fast den ganzen Wasservorrat, der ihm zugedacht war austrank.

Neschi machte sich keine Sorgen, denn sie würden heute Abend im Lager sowieso frisches Wasser für den Rückritt bekommen. Neschi drängte nach zwei Stunden zum Aufbruch und Patty und Tatchun standen, wenn auch widerwillig, auf und gingen zu ihren Pferden. Sie ritten durch einen lichten Palmenwald mit wenig Untergewächs und genossen den Schatten und die damit verbundene Kühle.

Patty ritt die ganze Zeit über neben Neschi hinter Tatchun her. Sie freute sich sehr auf das Wiedersehen mit Sara und war gespannt darauf, was Sara erlebt haben mochte, denn viele Einzelheiten waren nicht bis zum Königshof durchgesickert. Neschi war aufgeregt, und als sie das Lager endlich in der Ferne von der Dunkelheit unterscheiden konnten, gab er noch einmal den Befehl zum Absteigen.

Er verschwand mit einem Leinenbeutel hinter großen Felsen, die über die Ebene verteilt als dunkle, riesige und auch bedrohliche Schatten auszumachen waren.

Kurze Zeit später kam er zurück und hatte sich völlig verändert. Er trug eine schwarze, fast anliegende Hose, mit verstärktem Knieüberzug, ein weißes Tuch geknotet vor der Brust, darunter ein beiges Oberteil. Um den Hals hatte er sich mehrfach einen Lederbändel geschlungen, an dem ein kleines, silbernes „S" hing. Seine Haare hatte er geordnet, ließ aber sein langes, lockiges Pony lässig in die Stirn fallen, was ihm ein verwegenes Aussehen gab. Er lächelte verlegen, ehe er fragte;

„Geht es so?" Patty lächelte ihn an und fand, dass er trotz der eigentlich einfachen Kleidung ein würdiges Aussehen hatte. Vorher trug er ein bodenlanges Beduinenkleid und ein Tuch um den Kopf geschlungen, sodass er aussah wie ein Araber.

Er stieg auf und die anderen zwei folgten seinem Beispiel. In flottem Trab ging es auf die Zugänge des Lagers zu, die durch jeweils zwei Wachen gesichert waren. Das Lager war von einem einfachen, hohen Palisadenzaun umgeben. Zwei Türme ragten daraus hervor. Auf den Türmen standen acht Männer mit bereitgehaltenen Waffen, die wachsam die Gegend beobachteten. Neschi ritt direkt auf das Westtor zu, grüßte und nannte seinen Namen. Sofort traten die Wachen zur Seite, öffneten das Tor und geleiteten Neschi und seine Begleiter mit vielen Verbeugungen hinein. Patty war gerührt, als sie sah, dass viele Frauen im Lager auf die Erde sanken und die Stirn auf den Boden legten. Neschi lächelte und forderte sie auf, ihnen aufrecht gegenüber zu treten. Die Männer und Kinder jubelten, als sie den König sahen und geleiteten ihn durch die Gänge zwischen den Lehmhütten zur Mitte des Lagers auf einen Platz, der von einigen aufwendigeren Lehmhütten umgeben war. Patty vermutete, dass hier die Lehrmeister und der Vorsteher des Lagers wohnten. Als der Zug den Platz erreichte, trat ein einzelner Mann auf den Hof hinaus und fragte, was los sei. Einige der Männer verbeugten sich kurz vor ihm und erzählten.

Der Mann, es musste der Vorsteher sein, schickte Männer los um Fackeln zu holen und begrüßte Neschi mit einer tiefen Verbeugung. Patty, Tatchun und Neschi stiegen ab, als der Platz von den Fackeln hell, fast wie von Tageslicht, erleuchtet war. Neschi ging zu dem dicklichen Mann, reichte ihm seine Hand und redete kurz mit ihm.

„Weißt du, wo die ehemalige Sklavin Patty steckt?", fragte Neschi, denn Sara hatte versprochen, nie ihren wirklichen Namen und Stand zu verraten, solange es noch Hoffnung für sie gab. Der Vorsteher nickte.

„Ja, Herr! Sie befindet sich im Krankenhaus. Gleich hier um die Ecke, wenn ihr die Güte hättet und mich euch begleiten und Weg weisen könntet..."

Neschi nickte knapp und winkte Patty. Tatchun sollte vorerst im Hintergrund bleiben. Das Krankenhaus, ein aus einfachen Steinen gebautes, riesiges Haus, befand sich zwei Gassen weiter. Neschi wünschte, allein hinein zu gehen.

Eine Schwester wie ihm nach einigem Fragen den Weg zu einer großen Kammer.

Neschi betrat sie zögernd, nachdem er geklopft hatte. Er wusste nicht, was er sich von seinem Wiedersehen mit Sara erwartet hatte, aber das war es bestimmt nicht...

Das Wiedersehen

Sara lag in ihrem Bett und sah verträumt aus dem Fenster. Sie wusste, dass es von jetzt an nicht mehr lange dauern würde, bis Neschi kam und sie an den Königshof zurück holte, denn sie hatte den Spähern ihres Mannes mitteilen lassen, dass sie sich hier im Lager im Westviertel befand. Im Kopf des nun achtzehnjährigen Mädchen s spulte sich der gesamte Film ihres Lebens nicht zum ersten Mal ab. Sara hatte ein Zimmer ganz für sich allein. Die große Kammer im zweiten Stock des Krankenhauses war wirklich die schönste Kammer im Lager. Sara alias Patty hatte bis zu kurzem an einem Schmiedekurs teilgenommen...

Plötzlich klopfte es und ein hochgewachsener Schatten, den Sara durch das spärliche Licht, dass durch das Fenster von den Fackeln hereinkam, nur als Schemen wahrnehmen konnte, trat ein. Als er sich über sie beugte, erkannte sie die Gesichtszüge von Neschi. Doch nur kurz, denn Neschi schreckte sofort zurück.

„Neschi!", hauchte sie, „endlich! Bitte drehe nicht durch, ich kann nichts dafür!"

Sie nickte kurz zu ihrem Bauch. Sara war schwanger, wie eine leichte Wölbung

unter der Federdecke verriet.

„Sara! Ich hab dich so vermisst! Du musst unbedingt erzählen, wie..."

„Nein, Neschi! Erst nach einem ganz dicken Kuss und dem Versprechen, dass du den Betroffenen nicht bestrafst! Er hat nichts Unrechtliches getan!"

Neschi nickte ergeben und küsste sie solange, bis sie sich seiner Umarmung

entwand und begann zu erzählen, wie sie die Zeit bei Isilius verbracht hatte.

„Die ersten Wochen verliefen gut mit sehr viel Arbeit verbunden. Ich wurde jeden Abend durch die Gespräche mit Rinut hochgepäppelt und konnte sie nur deswegen durchstehen. Rinut wurde übrigens nicht freigelassen. Sie bekommt Lohn und Arbeit auf dem Hof von Isilius. Nun, eines Abends, ließ mich Isilius durch einen seiner vertrautesten Diener zu sich rufen. Allein. Nach einem guten Essen, hat er mich schließlich überraschend niedergerungen und dazu", sie nickte zu der Wölbung unter der Decke, „gezwungen! Es war schrecklich. Er war sehr grob und ich habe viel geweint. Danach hat er mich in meine Kammer prügeln lassen und zwei Tage habe ich gehungert. Noch nicht einmal Rinut konnte ich mich anvertrauen! Als mir schließlich immer öfter schwindelig wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun und redete mit Rinut. Diese meinte, dass Isilius so etwas schon oft getan hatte um mehr Sklavinnen und Diener zu bekommen, oder einfach um den Sklavinnen weh zu tun. Er war schon immer ein ausgemachter, unmenschlicher Rohling, Patty wird dir das bestätigen können. Als dann schließlich dein tolles Gesetz kam, wurde die Stimmung um einiges besser. Isilius ließ mich laufen. Er brauchte schließlich gesunde, kräftige Sklavinnen, oder Angestellte nach dem neuen Gesetz, und keine Schwangeren, die nicht arbeiten konnten, sondern nur Geld beanspruchten. Drei weitere Mädchen waren schwanger, außer mir. Darunter ein dreizehn- jähriges Mädchen. Sie war bereits ungefähr im achten Monat. Julia, das Mädchen, überlebte die Geburt nicht. Sie war zu jung. Der Kleine lebte noch und wurde von einer Frau, die ihr Kind verloren hatte und ebenfalls mitzog gesäugt." Sara weinte nun und ihr tat es gut, dass Neschi sie zärtlich streichelte und ihre Hand hielt.

Neschi begann nun ebenfalls zu erzählen und schließlich betraten auch Patty und Tatchun die Kammer. Nach dem anfänglichen Schrecken erzählten auch sie beide von der Zeit am Königshof ohne die Königin und Sara lächelte, als sie sah, wie erholt und glücklich Patty aussah, als sie von ihrem geliebten Joy erzählte. Schließlich hatte auch Neschi noch eine Überraschung für Sara.

„Nun, Sara, nun, da du wieder da bist und mir gegenüber stehst, ähm, liegst, muss ich dir noch etwas mitteilen. Wir wollten doch längst schon aus der Villa in ein Schloss umziehen. Ich habe beschlossen, dass wir uns ein eigenes Schloss bauen, nach unseren privaten Wünschen und die Villa bereit halten für die Hochzeit von Freydis. Natürlich nur, wenn du damit einverstanden bist!"

Sara sah Neschi erfreut an.

„Was? Ein eigenes Schloss, mit einem noch viel größeren Gemach? Wofür brauche ich noch mehr Zimmer? Aber natürlich habe ich nichts dagegen! Im Gegenteil! Icxh freue mich riesig!" Sara richtete sich ruckartig auf, sank aber mit einem scharfen Luftholen wieder in ihre Kissen zurück.

„Ich sehe schon, du wirst nicht bis zur Villa reiten können. Wir werden dir eine Sänfte besorgen! Und nun schlaf dich aus! Morgen brechen wir auf und da musst du dich wohl fühlen!" Mit diesen letzten Worten verließen Neschi, Patty und Tatchun das Zimmer und ließen die Königin allein zurück. Stumm gingen sie nebeneinander zum Vorsteher und dann in die Schlafkammern, die man ihnen zugeteilt hatte.

*****

Am nächsten Abend erreichten die vier die Villa. Sara in einer bequemen, breiten Sänfte, die von zwei Eseln geschleppt wurde, die anderen drei zu Pferd. Sara war erleichtert und glücklich, als sie den Königshof erreichte. Sie ließ sich von Neschi und Tatchun stützen, als sie die Treppen zum Tor hoch gingen. Sutailja wartete bereits oben mit Patty und sah mit Erschrecken, dass Sara schwanger war. Vorsichtig nahm sie ihre Freundin in den Arm.

„Oh Sara!", brachte sie nur hervor, dann brachen sie in Freudentränen über Sara‘s Rückkehr zur Villa aus. Sutailja führte sie ins Haus und schob ihr im Empfangszimmer einen der bequemen Sessel in die Kniekehlen. Wie sie da so im Sessel saß, kam Sara Sutailja noch viel jünger vor, als sie war. Isilius hatte den Sklavinnen die Haare so kurz geschoren, dass sie fast männlich ausgesehen hatten. Mittlerweile war Sara‘ s schnell wachsendes Haar wieder so lang, dass es in dichten, wenig lockigen Strähnen bis zu den Ohrläppchen reichte. Sutailja lächelte erleichtert, als sie sah, dass Sara soweit gesund war. Sara begann noch einmal zu erzählen, was ihr seit der Abreise mit Isilius widerfahren war. Sutailja riss an den richtigen Stellen ihren Mund auf. Am Schluss lächelte Sara sogar.

„Ich bin so glücklich, wieder hier zu sein!", sagte sie und lachte einmal in die

Runde, „ihr wisst gar nicht, wie es ist, gefangen zu sein und daran zu denken, dass sich andere Leute Sorgen um einen machen! Nur Patty konnte mich trösten. Ich habe immer daran gedacht, dass sie sich jetzt erholen kann, und das hat mich gefreut." Neschi legte seine Arme auf ihre Schultern und gab ihr einen Kuss.

„Jetzt habe ich dich endlich wieder!", meinte er nur und führte Sara in ihr Gemach. Auf dem Tisch im Empfangszimmer stand eine schlanke Vase mit einem dicken Blumenstrauß. Als er nach einer Weile wieder an Sara nach draußen vorbeiging, berührte er ihre Haare. Sara lächelte schüchtern.

„Ich kann es noch immer nicht glauben, dass ich Königin bin und wieder bei dir sein darf, Neschi!", flüsterte sie und schloss die Tür hinter ihrem Mann. Sofort eilten einige Dienerinnen, die sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, auf sie zu, zogen ihr ein bequemeres Kleid an und geleiteten sie in ihren kleinen Schlafsaal. Zu ihrer Überraschung saß die kleine Freydis auf dem Bett und patschte in ihre Hände, als sie die Mutter auf sich zukommen sah.

Sara nahm sie hoch und drückte sie fest an sich. Mit einem Kuss auf die Stirn legte sie ihre Tochter in die kleine Wiege, die man ihr ins Zimmer gestellt hatte. Sara war müde von der Reise, und legte sich aufseufzend in ihr Bett. Eins ihrer Mädchen deckte sie zu und wünschte eine gute Nacht. Als das Licht gelöscht wurde, schlief Sara bereits. Später, als Neschi hereinkam, um zu sehen, wie es Sara ging, fand er seine Frau tief schlafend, mit einem leisen Lächeln auf dem Gesicht. Er lächelte zurück, obwohl Sara dies gar nicht sehen konnte. Er schloss die Tür leise und ging zu seinen Zimmern hinab. Auf dem Weg dorthin begengente ihm Sutailja, die ihn mit einer stillen Bewegung einlud, sich mit ihr im Speisesaal zu treffen. Er folgte seiner Schwester und setzte sich im Speisesaal gegenüber von Sutailja.

„Ich weiß, Neschi, es ist schon sehr spät, aber trotzdem muss es jetzt sein."

Neschi zog fragend die Augenbrauen hoch, sodass sich eine Falte auf seiner Stirn bildete, und setzte einen neugierigen Blick auf:

„Was ist los? Es geht garantiert um Sara, nicht?" Sutailja nickte.

„Ja, ich habe ja gesehen, dass sie schwanger ist. Es bleiben uns noch vielleicht fünf Monate zeit, es dem Volk schonend beizubringen, dass dieses Kind nicht von dir ist, und dass Sara Sklavin war, um ihrer Freundin zu helfen. Entweder es steigert ihr Ansehen in Ägypten, dass sie wegen Patty auf ihr Luxusleben verzichtet hat. Oder es lässt ihr Ansehen sinken, weil sie sich dazu herumkriegen hat lassen!"

„Ich glaube, dass Sara mit dem Volk keine Probleme haben wird, aber wissen kann es natürlich niemand. Ich werde schon morgen unter Aufsicht von Sara einen Artikel darüber verfassen! Die Reaktion von den Leuten hier, weiß ich nicht!"

Neschi stand auf.

„Ich wüsste nicht, was es sonst noch zu bereden gäbe und schlage vor, dass wir erst einmal wie Sara schlafen gehen und uns ausruhen!"

Er öffnete das Tor und ließ Sutailja mit einer Verbeugung an sich vorbei. Diese ging lächelnd in Richtung Gästeräume davon. Neschi sah ihr hinterher, bis sie hinter der Gangecke verschwunden war.

Seufzend wandte er sich um und ging auf die Tür zu, hinter der sein Gemach lag.

 

Das neue Schloss

Seit Sara‘s Rückkehr nach Theben war bereits wieder ein Monat vergangen. Es kam nun nicht selten vor, dass Sara schwindelig wurde und sie sich für eine ganze Weile in ihr Bett legen musste. Ständig wurde sie von einer ihrer Leibärztinnen betreut und bekam von ihr auch die nötige Hilfe und Behandlung. Neschi machte sich Sorgen um Sara, weil sie doch erst achtzehn geworden war und damit eigentlich noch sehr jung. Zwar Freydis gesund zur Welt gekommen, doch schon damals hatte der Arzt von einem glücklichen Zufall gesprochen. Wie würde es nun werden? Neschi und Sara hatten zu allem noch mit dem Bau eines neuen Schlosses begonnen, das sie im November des nächsten Jahres beziehen wollten. Bis dahin sollte das zweite Kind bereits groß genug für die längere Reise nach Kairo werden. Freydis würde gerade zwei Jahre alt sein. Das Schloss sollte so schön sein wie keines zuvor. Sara wollte unbedingt etwas besonderes haben. Über hundertfünfzig Räume sollte es beinhalten. Die Pläne dafür lagen bereits im Büro für Baugenehmigungen. Alle Arbeiter sollten für einige Monate eine Lohnerniedrigung bekommen, was sie aber stillschweigend hinnahme um das Königspaar nicht noch mehr in Probleme zu stürzen. Neschi war seinem Volk dafür sehr dankbar. Denn Streiks hätten jetzt alles nur noch

schlimmer gemacht. Sara konnte an nichts anderes mehr denken, als an das kleine Lebewesen in ihrem nun schon gut sichtbar gewölbten Bauch. An manchen Tagen lag sie stundenlang auf ihrem Lieblingsplatz, dem Liegesofa, im Wohnraum ihres Gemaches und ließ sich große Werke vorspielen. Oder sie sah einfach nur aus dem Fenster und träumte von der Zukunft. Sutailja, die ihre Freundin und ihren Bruder oft besuchte, war die Einzige, die sie aus dieser Trance reißen konnte. Sara gab nun eher wenig für ihr Aussehen und versuchte sich so viel wie möglich vor der Öffentlichkeit zu verstecken.

„Was soll ich denn machen?", fragte Neschi seine Schwester, die ihn gerade einmal wieder besucht hatte und ihm nun im Thronsaal gegenüber saß.

„Ich weiß nicht, aber du musst Sara unterhalten! Sie zieht sich immer mehr vor der Öffentlichkeit und damit vor ihrem Volk zurück! Fahr mit ihr zu Veranstaltungen und Auftritten von Persönlichkeiten!", Sutailja seufzte und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. „Sie ist doch zu deprimiert wegen ihrem Kind um noch zu irgendwelchen Veranstaltungen oder Festen zu fahren!", erwiderte Neschi. Sutailja sah ihn durchdringend an „Neschi, hör mir zu!", sagte sie nun schärfer als zuvor, „ich weiß, es ist schwer für dich, aber rede ihr ein, dass es ihre Pflicht als Königin ist, sich auf öffentlichen Festen zu zeigen. Natürlich nicht auf allen, aber manchmal eben doch!"

Und so fuhren Neschi und seine schwangere Gattin am nächsten Sonntag nach Kairo, zum größten Fest in Ägypten. Sara tat gelangweilt, doch Neschi hatte das Leuchten in ihren Augen längst bemerkt. Er legte während der Fahrt die ganze Zeit seinen Arm um ihre Schultern. Sara lächelte schwach. Kurz vor Kairo beugte sie sich zu Neschi hinüber und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Wenig später hielt die Sänfte dann mit einem kräftigen Ruck. Erst hörte man die Treppe herunterklappen, dann ging die kleine Tür und ein lauter Schritt war zu hören. Sara ließ schnell ihren Schleier herunter und schlug den schweren Vorhang zwischen der Tür und der kleinen Kabine mit Couch zurück und trat über die kleine rote Treppe hinaus ins Freie. Eine riesige Menschenmenge jubelte ihr entgegen. Sara genoss das Gefühl, beliebt zu sein. Neschi kam nach und legte seine Hand mit gekreuzten Fingern in die ihre. Sara lachte dem Volk zu und warf Kusshände. Neschi lächelte und zog Sara direkt auf die Masse zu. Sofort bildete sich eine Gasse und das Paar schritt hindurch zu einem riesigen Platz. Das Fest sollte vor Kairo stattfinden.

Neschi und Sara wurden vom Obersten Kairos, einem reichen, wohlbeleibten Mann kurz umarmt mit zwei Küsschen auf jede Wange. Bernhard Lacroix war gebürtiger Franzose. Er führte sie geradewegs durch die Menge, die eine Gasse bildete, um das Paar mit seiner Begleitung vorbei zu lassen. Nach zehn Minuten Menschenmenge kam endlich der eigentliche Festplatz in ihr Blickfeld. Sara staunte über die üppige Dekoration und feute sich, Neschi begleitet zu haben. Monsieur Lacroix führte sie an einer riesigen Tafel in der Mitte des Platzes entlang zu zwei Sesseln. Sie waren übergroß und sollten die Stelle eines Thrones übernehmen. Eine riesige Holzkrone war über ihnen mit Nägeln an ihnen befestigt. Sara und Neschi nahmen Platz. Nach und nach strömten die Reicheren von Kairo auf den Platz und setzten sich an die vielen Tafeln, die allesamt dekoriert und gedeckt waren. Die weniger Wohlhabenden hatten draußen ihren eigenen Platz zum essen. Am Programm würden alle teilnehmen, die schnell genug einen Platz zum Zuschauen fanden. Aber erst einmal hielten die Oberen eine Begrüßungsreden, in denen immer vorkam, wie sehr sie sich freuten, Neschi und seine Gemahlin begrüßen zu dürfen.

Schließlich erhob sich auch Neschi von seinem bequemen Sessel und ging auf die kleine Bühne mit Rednerpult zu. Tosender Applaus brauste auf. Neschi nickte freundlich in alle Richtungen und stieg die kleine Treppe zum Pult hinauf.

„Sara und ich freuen uns ebenfalls, an diesem Fest in Kairo teilnehmen zu dürfen. Der Empfang hat uns in dankbares Staunen versetzt und wir möchten nicht länger große Worte schwingen. Das Festmahl ist eröffnet!"

Neschi nickte in die klatschende Menge und setzte sich wieder neben seine Gattin.

Sara nahm seine Hand und lächelte. Nun tauchten am anderen Ende des Platzes Mädchen mit Schüsseln, Krügen und Platten auf, die mit dem besten Essbaren eines Festmahls beladen waren. Sara bewunderte die Geschicklichkeit, mit der die jungen Mädchen ihre Last durch die Tischreihen transportierten. Neschi löste seine Hand aus Saras und ging zu einer elegant gekleideten Dame am Nebentisch. Er wechselte einige Worte mit ihr und kehrte zu Sara zurück.

Zu dieser Zeit saßen Sutailja und Tatchun in der Schwimmhalle ihres Schlosses.

„Ich mache mir solche Sorgen um Sara! Sie wollte diese Reise eigentlich nicht. Dann hat Neschi sie überredet und sie ist doch fröhlich zum Fest gefahren. Ich glaube, sie macht das nur Neschi zuliebe. Wenn das Kind jetzt in Kairo zur Welt kommt?!"

„Du machst dir zu viele Gedanken, Sutailja! Sara ist stark, sie wird es schon schaffen, ohne deine Hilfe ein Kind zu bekommen!", meinte Tatchun und küsste sie liebevoll. Sutailja schmiegte sich an ihn. Sara würde ihr Kind im nächsten Monat bekommen– wenn alles nach Plan lief und nicht wieder etwas schief ging. Sutailja rief nach einer Dienerin, und gab ihr das große Handtuch, das sie sich um die Schultern gelegt hatte.

„Ich gehe nach oben und schlafe ein wenig: Gegen drei Uhr komme ich zum Tee wieder in den Speisesaal." Sutailja drehte sich um und ging zu der großen gläsernen Tür, durch sie hindurch und verschwand in dem grauen Licht hinter ihr. Tatchun blieb allein mit seinen Gedanken zurück.

„Dankeschön, Marelle! Kannst du bitte ins große Becken heißes Wasser einfüllen und alles für ein Bad herrichten? Ich muss euch allen etwas sagen, also, bitte hole alle Dienstmädchen, die mit Hygiene zu tun haben ins große Bad!" Marelle, das angesprochene Dienstmädchen nickte gehorsam und ging. Sutailja ging in ihre Garderobe. Sie suchte in ihrem Schrank ein langes, weißes Badekleid heraus und legte sich unter die vielen Decken und Tücher in ihr Bett. Nach einer Stunde wurde sie von Marelle geweckt und ging mit ihr ins große Bad. Alle Dienstmädchen hatten sich versammelt. Sie trugen alle weiße Badekleider und sahen Sutailja gespannt entgegen. Es kam nicht oft vor, dass die Schwester des Königs eine Versammlung einberufen ließ. Noch dazu heimlich. Sutailja stieg über eine winzige Treppe in das weiß gestrichene Becken und legte sich auf den Boden. Sie stieg auf den Rand und rief eine nach der anderen auf, entkleidete sie, ließ sie untertauchen und gab ihnen ihre Kleider zurück. dann, als alle gebadet hatten, verlangte sie nach einem trockenen Kleid, da ihres von dem Badewasser durchweicht war. Mit sauberem Kleid stellte sie sich auf den Stein in der Mitte des Beckens, den man über eine kleine Brücke erreichen konnte. Sie breitete ihre Arme aus.

„Meine Lieben! Ich muss euch heute etwas sagen, was das ganze Haus freuen wir.", begann sie. Alle atmeten auf, die meisten hatten eine schlechte Nachricht erwartet.

„ganz besonders Tatchun. Ich werde in acht Monaten ein kleines Kind bekommen. Ich bitte euch, es ihm nach nicht zu verraten, da es eine schöne Überraschung sein soll. Wir werden uns gemeinsam auf die Geburt vorbereiten!"

Die Mädchen stürmten ins Wasser und rissen ihre Vorgesetzte von ihrem Podest. Sutailja strahlte. Sie wurde gewaschen und eingecremt, massiert, frisiert und geschminkt. Ein junges Mädchen lief hinaus und holte ihr ein frisches Kleid. Sutailja war glücklich, dass die Mädchen zu ihr hielten. Durch das neue Gesetz von Neschi hatte sich auch im Haus von Sutailja und Tatchun etwas geändert: Die Diener und Dienerinnen des gesamten Hauses erhielten nun einen Lohn von umgerechnet fünfzehn Mark im Monat, was für diese ein hoher Betrag war. Der große Gemeinschaftsschlafsaal war in viele kleine Zweier-Zimmer geteilt worden. Die Einrichtung war einfach: Zwei Betten, ein Stuhl und ein kleiner Spiegel pro Zimmer. Das alles hatte die Stimmung gehoben.

Die nächsten zwei Wochen verliefen ruhig. Es kam keine Nachricht von Neschi und Sara. Und nach einer weiteren halben Woche, kamen Sara und Neschi wieder in Theben an. Von dort war es nicht mehr weit bis zum Schloss.

Als sie nach kurzer Zeit ihren Wohnsitz erreicht hatten, wurden sie mit der Anwesenheit von Sutailja und Tatchun überrascht. Sie standen an dem großen Holztor vor dem Privatgrundstück, das nur Sara, Neschi, Verwandte und bestimmte Diener und Dienerinnen betreten durften. Sutailja hatte ein bodenlanges, weißes Kleid an. Tatchun trug wie immer den Einteiler, von dem er über zehn Stück besitzen musste, denn er hatte immer ein Exemplar an. Sara fiel Sutailja in die Arme. Tatchun und Neschi dagegen begrüßten sich eher förmlich.

„Wie schön euch wieder zu sehen!", rief Sara. Neschi lächelte seiner Schwester flüchtig und nickte leicht in Sara‘s Richtung. Sutailja verstand. Sara war wieder viel gelöster geworden. Nicht so verschlossen wie noch vor zwei Wochen. Sara hatte von dem Blickkontakt der beiden nichts mitbekommen. Sie sah an Suatilja und Tatchun vorbei zur Treppe, über die jetzt ihre Eltern, die bis dahin im Königshaus gewohnt hatten, herunterkamen. Seit dem Tod von Kataja hatten sie nur schwarz getragen. Jetzt trugen sie helle, fröhliche Farben und strahlten ihre älteste Tochter an.

„Sara!", ihre Mutter raffte ihren Rock hoch und lief, so schnell sie konnte auf ihre Tochter zu. Sara umarmte ihre Eltern tränenüberströmt und stumm. Ihre Mutter zog ein kleines weißes Taschentuch aus ihrer winzigen Rocktasche und reichte es ihr. Neschi gab Sara‘s Eltern die Hand.

„Ich sehe, ihr seid wieder gesund. Ihr seht gut aus! Komm, Sara, gehen wir ins Haus." Sutailja und Neschi folgten in den Speisesaal, wo eine Dienerin mit Freydis spielte. Sara setzte sich zu Freydis und spielte mit ihr, bis die erste Dienerin mit der Vorspeise erschien. Sara nahm Freydis hoch und setzte sie sich auf das linke Knie.

Nach dem Essen setzte sich die kleine Gesellschaft, die mittlerweile nur noch aus Neschi, Sutailja, Sara und Tatchun bestand in den kleinen Empfangsraum in Sara‘s Gemach. Eine Dienerin hatte im ganzen Zimmer kleine Kerzen und bunte Tücher verteilt. In dem schummrigen Licht sah man vier weiche Sessel um einen kleinen Glastisch. Eine Dienerin servierte englischen Tee. nach einigen belanglosen Sätzen räusperte sich Sutailja.

„Ich- ich muss euch noch etwas sehr, sehr Wichtiges mitteilen. Ich werde in ungefähr acht Monaten ein Kind zur Welt bringen und wollte jetzt um eure Unterstützung bitten." Sutailja sah in drei überraschte Gesichter. tatchun fasste sich als erster.

„Das ist schön, Sutailja! Sehr schön!!!", er umarmte sie und gab ihr einen Kuss.

„Warum hast du das nicht schon früher gesagt?"

„Es sollte eine Überraschung werden!", antwortete Sutailja glücklich.

„Na, das ist dir gelungen!", meldete sich jetzt auch Neschi und drückte ihre Hand.

Nur Sara blieb vorerst still. Als sich das aufgeregte Gerede gelegt hatte, meinte sie nur: „Ich helfe dir, Sutailja" und dann lachte sie mit den anderen. Schließlich löschte Sara die Lichter. Die letzte Dienerin, die noch wach war, nahm ihr die schlafende Freydis ab und alle gingen zu Bett. Sara konnte noch lange nicht einschlafen und schmiedete Pläne für Freydis‘ Zukunft. Am nächsten Morgen wachte sie früh auf. Draußen schien die Sonne. Sie ließ sich baden und zog dann ein einfaches Kleid über, schlüpfte in ihre Sandalen und lief die Wendeltreppe hinunter. Sie rannte über den schmalen Kiesweg auf den Rasen und zog ihre Sandalen aus. Das Gras war eiskalt und nass. Sara ging langsam am Rand entlang und setzte sich an einem sonnigen Fleck hin. Einige Zeit später rief eine helle Glocke zum Frühstück. Sara eilte in ihre Garderobe und zog schnell ein trockenes Kleid an, denn ihres war vom nassen Gras etwas feucht geworden. Neschi und Sutailja saßen bereits am Tisch. Beide sahen frisch und ausgeschlafen aus.

„Guten Morgen, Sara!", wurde sie begrüßt. Sara setzte sich und sie warteten gemeinsam auf Tatchun. Das Essen verlief eher ruhig. Man sprach ein wenig über Freydis. Heute stand viel Arbeit an für Sara und Neschi. Sutailja und Tatchun wollten einen Ausritt machen und erst spät abends wieder zurück kommen. Nachdem auch der letzte sein Messer weggelegt hatte, verließ Sara mit Neschi das Zimmer. Sie wollten sich in einer Stunde im Thronsaal treffen. Sie ließ sich kämmen und schminken.

Das kleine Zimmer neben dem Thronsaal war vollgestopft mit alten und neuen Schriftstücken, Büchern, Regalen und irgendwie hatten in diesem Durcheinander auch noch ein Tisch und zwei Stühle Platz gefunden. Neschi holte Papier und Feder. Sie begannen gemeinsam eine Liste mit besonderen Wünschen für ihr neues Heim aufzustellen. nach zwei Stunden war das grobe Gerüst fertig. Suatilja und Tatchun kamen, um sich zu verabschieden.

„Wir kommen gegen neun Uhr heute Abend zurück!", meinte Sutailja und zog Tatchun aus dem Zimmer. Die beiden arbeiteten weiter. Sie begannen, einen Plan zu zeichnen und überlegten, wo sie was platzieren lassen könnten.

Suatilja und Tatchun ritten erst einen schmalen Weg entlang. Sie wollten am Mittag den kleinen Bach erreichen und dort kurz rast machen. So ganz für sich allein waren sie nur sehr selten und sie wollten jede Sekunde, die ihnen blieb genießen. Sutailja redete mit Tatchun über ihr Kind.

„Wir sollten uns schon einmal nach einem geeigneten Bräutigam für es aussuchen, wenn es ein Mädchen wird.", meinte Tatchun, „einer, der nicht zu streng scheint."

Sutailja stimmte ihm zu.

„Ich würde es gern mit Sam verheiraten. Dem kleinen Prinzen, den wir bei unserer Reise nach Galama vor zwei Jahren kennengelernt haben. Der ist reich und wir hätten einen weiteren Posten in Galama. Außerdem sind seine Eltern sehr nett. Seine Mutter ist gerade mal achtzehn, so alt wie Sara. Wenn unser Mädchen dann in heiratsfähigem Alter ist, wird sie um die dreißig sein. Ich hoffe nur, dass sie auch wollen."

„Sam ist jetzt zwei Jahre alt, nicht wahr? Wie könnten sie eine Heirat ablehnen? Wir haben eine perfekte Beziehung zum König von Ägypten. England hätte ebenso wie wir einen weiteren Posten hier. Das ist schon ein Grund zum heiraten."

Sutailja nickte.

„Du hast Recht! Aber wie wäre es, wenn wir jetzt einmal eine Pause machen würden? Meine Stute ist schon ganz erschöpft!"

Tatchun lenkte ein und sie suchten sich ein stilles Plätzchen am Bach.

Währenddessen waren Sara und Neschi in Theben mit ihren Plänen weitgehend fertig gewesen und beschlossen, für heute aufzuhören. Sie gingen hinaus auf die kleine, in der Sonne liegende Terrasse, die an den Thronsaal grenzte und mit Bast überdacht war. Sie setzten sich und ließen sich Tee servieren.

 

Das Zweite

In den nächsten Wochen arbeiteten Neschi und Sara mit Sutailja zusammen an den Plänen für das Schloss. Endlich, nach einer Ewigkeit, wie es ihnen vorkam, war ein detaillierter Plan fertig, der bei einem Vertreter des Bauamtes abgegeben werden konnte. Der Platz, an dem das neue Schloss entstehen würde, war in der Nähe Kairos. Abends saßen sie oft noch spät im Planzimmer, wie der kleine Raum neben den Thronsaal allgemein genannt wurde. Eines Abends konnte Sara nicht mehr. Ihr war schlecht. Sutailja verließ mit ihr den Raum. Wenige Minuten später waren sie im Bad, in dem seit Sara‘s Schwangerschaft eine weiche Liege aufgebaut worden war. Wenn es Sara schlecht ging, wurde sie immer dorthin geleitet und man massierte sie. Sutailja rief einige ältere Dienerinnen, die mit Schwangeren gut umgehen konnten, und die schon an so mancher Geburt Hilfe geleistet hatten. Sutailja war sicher. Es waren Wehen, die Sara plagten. Sara ächzte. Sutailja rief Neschi, den die älteste Schwester aber strikt und bestimmt abwies. Neschi bettelte und versuchte mit fast allen Mitteln ins Bad zu gelangen, doch die Schwester blieb hart, meinte, Neschi würde Sara nur stören. Nach wenigen Minuten und Untersuchungen, war man sich sicher. Sara würde in den nächsten Stunden ihr zweites Kind gebären. Neschi, Tatchun und Sara‘s Vater saßen zusammen im Wohnzimmer und tranken Tee wie die verrückten. Keiner sprach etwas, ständig wanderten drei Augenpaare zu der riesigen Standuhr in der Ecke. Sutailja und Sara‘s Mutter waren oben im Bad. Ab und zu bewegte sich die Türklinke und Sutailja kam mit dem Aktuellsten. Dann beruhigte sie ihren Bruder und Sara‘s Vater. Wieder einmal bewegte sich die Tür und Sutailja trat ein. Völlig durchgeschwitzt ließ sie sich in einen der Sessel fallen. Mittlerweile sei das ganze Haus auf den Beinen um alles für den Neuankömmling herzurichten, erzählte sie. Sie müsse auch gleich wieder nach oben um weiter zu helfen. Nachdem Sutailja nach einmal allen schnell die Hand gedrückt hatte, verschwand sie wieder. Neschi wurde immer nervöser und stand schließlich auf, um auf und ab zu laufen. Er versuchte es ein weiteres Mal ins Bad zu kommen, doch auch die anderen Schwestern hielten ihn zurück.

Am nächsten Morgen war es endlich soweit. Neschi durfte zu seiner Sara. Sie lächelte schwach, als sie ihn eintreten sah. In ihrem Arm lag ein kleiner Junge. Er schlief tief und hatte seine Augen fest zusammen gedrückt. Neschi nahm ihn hoch und streichelte die zarte Haut. Dann beugte er sich über Sara und drückte ihre Hand. Die Dienerinnen standen um die Liege. Nach wenigen Minuten ging das hektische Treiben wieder los. Neschi musste das Bad wieder verlassen. Diesmal war er aber nicht gekränkt, sondern er akzeptierte, dass Sara ihre Ruhe brauchte. Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich still auf den kleinen Tisch in der Mitte, jederzeit bereit, aufzuspringen und hoch zum Bad zu laufen. Neschi dachte über einen Namen für den kleinen Sohn nach. Akunosch? Nein, so hieß der oberste Diener von Ernon, dem Sklavenhändler. Neschi I? Nein, das war auch nichts. Mutnodjmet? Nein, dass war eher ein altertümlicher Name. Wepawetmose? Das klang gut. Herrisch, elegant und doch nicht zu streng. Ich werde gleich morgen Sara fragen, dachte sich Neschi und

ging noch einmal zum Bad. Doch er fand es leer und sauber aufgeräumt vor. Sie wird schlafen gegangen sein, dachte er bei sich und verließ Sara‘s Gemach auf Zehenspitzen, um sich selber schlafen zu legen.

Sara lag frisch gebadet in ihrem Bett von vielen Kissen und weichen Decken umgeben, den Kleinen auf dem Bauch haltend. Das alles heute konnte sie noch gar nicht glauben. Es war so ein ähnliches Gefühl, wie nach der Geburt von Freydis. So ein

„nicht wissen was passiert ist"- Gefühl. Aber Sara fühlte sich wohl. Sie war gesund und ihr Kind auch, wie könnte sie sich da krank fühlen? Am liebsten würde sie gleich jetzt hinunter zu Neschi laufen und mit ihm über einen Namen nachdenken. Am liebsten hätte sie ihr Kind Ptahschepses genannt, wenn es ein Mädchen geworden wäre. Über einen Jungennamen hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht. Wann auch? es war alles so plötzlich über sie herein gebrochen. Ein schmaler Lichtstreifen fiel auf die dunkle Bettdecke. Sara hob den Kopf. Sutailja stand barfuß in der Türe in einem langen Nachthemd und offenen Haaren. Wie hübsch sie ist, dachte Sara.

Laut sagte sie nur: „Komm rein, Sutailja! Ich kann sowieso nicht einschlafen!"

Sutailja trat ein und schloss die Tür. Jetzt war es wieder ganz dunkel. Sara wartete, bis sich ihre Bettdecke etwas hob, dann spürte sie Sutailjas kühle Hand auf ihrem Gesicht. Sie legte ihre Hand darauf.

„Sutailja! Was willst du jetzt noch hier?", fragte sie. Sutailja lächelte, was Sara natürlich nicht sehen konnte in der Dunkelheit.

„Ich wollte nur noch einmal nachsehen, wie es euch beiden geht und nochmal gucken, ob dein kleiner noch lebt!" Sie lachte.

„Mensch! Ich wäre schon längst gekommen, wenn etwas passiert wäre. Es ist aber nichts passiert, also musste ich auch nicht kommen." Sara drückte die Hand ihrer Freundin. Der Kleine wälzte sich von ihrem Bauch und blieb auf dem Rücken liegen.

Sara nahm ihn wieder hoch und legte ihn tastend in die Arme von Sutailja, damit sie sich im Bett aufrichten konnte. Sutailjas Hände streichelten zaghaft über die Hände und Wangen des Kleinen. Er atmete regelmäßig und tief. Sara streckte ihre Arme verlangend in seine Richtung aus und ihre Freundin legte den Säugling hinein.

„Neschi ist froh, dass es ein Junge ist. Er hätte sich aber auch bestimmt über ein kleines Mädchen gefreut.", erzählte Sutailja. Sara sah sie an.

„Ich weiß nicht, was Neschi wollte. Es ist mir auch eigentlich egal. Das Kind ist jetzt so geboren wie es ist und daran könnten Neschi und ich nichts ändern, ob wir wollten oder nicht!", meinte sie dann und ließ sich in ihre Kissen zurücksinken, den Kleinen auf dem Bauch. Sie schloss müde die Augen. Sutailja drückte kurz ihre Hand und ging dann still aus dem Zimmer. Sara schlief schon, als wenige Minuten später Neschi auftauchte und sich an ihr Bett setzte. Nach einiger Zeit verließ er ihr Zimmer wieder. Sara schlief fest und ohne Träume. Am nächsten Tag fühlte sie sich frisch und ausgeruht. Am Liebsten wäre sie gleich aufgestanden und zum Speisesaal gegangen. Der Kleine hatte die ganze Nacht stumm durchgehalten, aber jetzt schrie er aus Leibeskräften. Sara öffnete zwei Knöpfe und ließ ihr dünnes Nachtkleid über die Schultern gleiten. Sie legte den Kleinen an ihre Brust und stillte ihn. Als sie gerade wieder dabei war, ihr Hemd zu zuknöpfen, kamen Sutailja und eine junge Dienerin herein. Beide lächelten. Sutailja sagte Sara Bescheid, dass der König in einer Stunde kommen würde. Die andere legte dem Kleinen ein weißes Gewand an und wusch in mit einem weichen Tuch. Sara wartete gelangweilt auf Neschi. Das letzte Mal, dass sie solange im Bett bleiben musste, war als sie sich mit fünfzehn Jahren nach einem Sturz vom Pferd eine Rippe gebrochen hatte. Sara betrachtete ihren Sohn. Er hatte diese schönem, mandelförmigen Augen in schwarz von Isildur. Die

schwarz- braunen Haare hatte er ebenfalls von seinem Vater. Die Nase und seinen Mund dagegen von seiner Mutter. Isildur musste man eins lassen: Er war sehr hübsch. Sara dachte an Erik, den kleinen Sohn von Sutailja, der sein kurzes Leben immer mit Ärzten verbracht hatte. Ja, vielleicht war es das beste gewesen, dass er natürlich gestorben war. Später hätte er vielleicht viele Schwierigkeiten mit seiner Krankheit bekommen. Neschi kam pünktlich. Leise klopfte es an der Tür. Neschi, der seinen Sohn gestern nur sehr kurz gesehen hatte, musterte ihn kritisch.

„Man erkennt seinen Vater.", meinte er und nahm ihn in seine Arme, „Sara, ich habe mir einen Namen für ihn überlegt." Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Mein Vorschlag wäre Wepawetmose!" was hältst du davon? Hast du dir auch einen Namen überlegt?", fragte er. Sara schüttelte den Kopf.

„Er gefällt mir. Ich war zu müde zum nachdenken.", sie lächelte, „ich hätte mein Kind gerne Ptahschepses genannt, aber das ist leider ein Name für Mädchen."

Die Tür bewegte sich leise. Sutailja kam herein und scheuchte Neschi, ein neues Kleid auf dem Arm hinaus. Sie kam zu ihrer Freundin ans Bett.

„Hier, Sara, das ziehst du jetzt an und dann kommst du in meinen Waschsalon!", befahl sie ihr und verließ das Zimmer wieder. Sara streckte sich und richtete sich auf. Sie betrachtete das Kleid, das Sutailja ihr gebracht hatte und zog ihr Nachthemd über den Kopf. Sie stülpte sich das neue Kleid im Sitzen im Bett über den Kopf und suchte dann mit ihren Zehen ihre Schuhe auf dem Boden neben dem Bett. Schließlich fiel das Kleid in seiner vollen Länge auf den Boden. Sara betrachtete sich in dem Spiegel, der eine ganze Wand in ihrem Schlafraum bedeckte. Das Kleid war schneeweiß und etwas länger. Der weiße Stoff bildete auf dem Boden einen Kranz um ihre nackten Füße. Über das Kleid waren wahllos dünne, durchleuchtende Stoffstreifen in allen erdenklichen Farben verteilt. Mit weißen Knöpfen, Spangen und Schnüren waren sie am Kleid befestigt. Dünne, silberne Ketten verbanden die vielen Knöpfe. Bei jeder Bewegung klirrte es leise. Sara nahm den Hornkamm von ihrem Schminktischchen und kämmte sich ihre langen Haare. Sie fluteten über ihre schmalen Schultern bis zur Hüfte. Sara lächelte in sich hinein. Alte Bilder kamen ihr in den Sinn. Als Neschi sie mit vierzehn hatte malen lassen. Das Bild hing im Thronsaal neben einem Porträt von Neschi selbst. Sara sah auf dem Bild noch sehr kindlich aus. Oder als ein Tourist aus Griechenland eine Zeichnung von dem Königspaar anfertigte. Er malte zwei Bilder und ließ dem Paar eines zurück. Das Bild stand in einem einfachen Holzrahmen auf Sara‘s Tisch. Ihre Augen wanderten durch ihr Zimmer. Die Einrichtung war nicht allzu protzig. Ein Bett, ein kleiner Schminktisch, der riesige Spiegel und ein kleiner Tisch vor der Fensterfront. In dem Raum war eine Seite vollständig mit einem Spiegel bedeckt, eine hatte die Tür, eine hatte ein kleines Fenster und die letzte war eine Glasfront. Sara liebte den Blick von ihrem Zimmer aus über die Hügelketten. Bei schönem Wetter konnte sie den Kirchturm von einem kleinen Dorf sehen, das sehr weit entfernt lag. Doch heute war das Wetter diesig und Sara konnte die Umrisse der Hügel nur erahnen. Sie sah auf die Uhr, die über der Tür hing. Sutailja musste schon warten. Sara schlüpfte schnell in ihre Schuhe und eilte den Gang entlang. Sutailja‘s Drei- Zimmer- Gemach lag auf gleicher Höhe mit Sara‘s. Sutailja stand in einem ihrer üblichen Kleider vor dem Spiegel und steckte ihr Haar hoch. Sara stürmte, Wepawetmose auf dem Arm, ins Zimmer und sah sich um. Alles war sauber geputzt und ordentlich aufgeräumt. Sutailja hatte sie im Spiegel kommen sehen, ließ in einer einzigen Bewegung den Kamm auf das Brett unter dem Spiegel gleiten und drehte sich zu ihr herum. Was Sara im Spiegel nicht hatte sehen können, konnte sie jetzt bewundern. Sutailja‘s Gesicht war völlig unter der Schminke verborgen.

Ihre Haut war von einer blaugrünen Schminkpaste bezogen, die sich in Ranken um Nase, Mund, Brauen und Augen schlängelte. Alles war mit einem nass glänzenden Schimmer bezogen. Sutailja lachte über die verdutzte Sara.

„Na los, auf den Stuhl mit dir!" Sie deutete auf den Stuhl vor der Spiegelwand. Auf einem Brett darunter waren zahlreiche Dosen und Pinsel, Cremes und Fläschchen aufgebaut.

„Was ist los? Warum bist du so seltsam geschminkt?" Suatilja lachte.

„Du bist achtzehn! Du bist jetzt achtzehn Jahre alt! Kennst du denn nicht das Fest das an der Geburt eines neuen Königskindes gefeiert wird? Du hast ein Kind bekommen, einen Prinzen. Alle Dienerinnen schminken sich ihre Gesichter in Ranken und Symbolen. Auch die Königin. Allerdings ist es unsere Familie, die diesen Brauch eingeführt hat.", erklärte Sutailja, während sie Saras Haare zurück band.

„Aber warum war es nach Freydis‘ Geburt nicht so? Warum haben wir da dieses seltsame Fest nicht gefeiert?", fragte Sara verwundert.

„Damals warst du erst dreizehn. Du musst achtzehn sein, damit das Fest gefeiert werden kann. Das ist einfach eine Bestimmung ohne eine besondere Bedeutung."

Sara nickte. Sie ließ sich die Haare zurückstecken und machte es sich auf dem Friseurstuhl bequem. Eine Dienerin brachte vier Töpfchen. In jedem war eine Abstufung von hellem Rot. Sutailja rührte die Farben mit etwas Wasser. Danach verlangte sie nach einem kleinen Schwamm. Damit trug sie hellrote Farbe auf Saras Gesicht. Sie verbrauchte fast das ganze Farbtöpfchen.

„Hey! Nicht so viel Farbe!", protestierte Sara. Sutailja lachte:

„Was meinst du, wie es aussieht? Es sieht super aus! Das Rot passt gut zu deinen schwarzen Haaren. Glaub mir!" Sara nickte ergeben und schloss wieder ihre Augen.

Sutailja nahm einen feinen Pinsel und malte Schlingen und Kringel auf Saras zarte Haut.

„Jetzt musst du eine Weile so sitzen bleiben, dann befeuchte ich es noch einmal, dass die Farbe schön einzieht." Suatilja verließ das Zimmer nachdem Sara geseufzt hatte. Sara dachte derweil an Neschi. Sutailja hatte nicht erzählt, was die Männer an diesem Fest machten. Ob sie sich auch schminkten? Bestimmt nicht. Vor allem: Wo würde das Fest stattfinden? Sie hatte keine Vorbereitungen mitbekommen. Und normal war die Vorbereitung eines Festes laut und es entging keinem im Haus, dass sich irgendetwas anbahnte. Sie seufzte. Eine Dienerin brachte Wepawetmose, der die Zeit, in der Sara geschminkt worden war im Nebenraum verbracht hatte. Er schrie laut. Sara dachte, dass man es noch in der Eingangshalle hören würde. Sie nahm ihn auf den Arm und streichelte seine rundes Gesicht, bevor sie ihn stillte. Er hörte auf zu weinen und krallte seinen winzigen Hände in das Kleid seiner Mutter. Sara lächelte still. Sutailja fand Sara, den schlafenden Säugling im Arm am Fenster stehend. Ihre Augen blickten ins Leere und Sara bemerkte Sutailja auch erst, als diese ihr die Hand auf die Schulter legte.

„Sara? Kannst du dich jetzt wieder auf den Stuhl setzen?" Sara drehte sich erschrocken um und setzte sich auf den Stuhl. Sutailja befeuchtete ihre Gesicht noch einmal und zog sich dann einen Stuhl heran, um Sara‘s Haare zu frisieren.

„Du bist heute so still, Sara! Was ist los?", fragte Sutailja und rutschte etwas näher an Sara heran.

„Ich weiß noch gar nichts genaues über dieses Fest! Was machen die Männer? Was passiert mit Wepawetmose und Freydis? Ich mag Feste, aber nicht, wenn sich alles um ein Neugeborenes handelt, das noch ziemlich schwach ist!", meinte Sara und starrte an die Wand gegenüber, an der ein großer Spiegel hing.

Sutailja lachte.

„Ach das willst du wissen! Tja, viel darf ich dir dazu nicht sagen, ich kann es auch nicht. Jedes mal wird das Fest anders gefeiert und die Königin wird immer wieder neu überrascht! Ich weiß schon ein paar Überraschungen, aber nicht alle, denn auch die kleinste Dienerin darf etwas vorbereiten!" Sara staunte.

„Dann bekommen wir ja Tausende von Geschenken! Das ist ein geniales Fest!", sie strahlte. Sutailja lächelte bloß und drehte weiter ungestört Saras Haare zu einer komplizierten Frisur. Endlich, nach einer Ewigkeit wie es Sara vorkam, ließ Sutailja von ihr ab, nahm etwas Creme aus einer kleinen Dose und strich über Saras Haare, die dadurch einen schimmernden Glanz und besseren Halt erhielten. Sara stand auf und ging in die Kammer nebenan, um von Sutailja das Kleid entgegen zu nehmen. Sutailja verschwand kurz hinter einem Wandvorhang und kam gleich darauf wieder. Sie trug ein langes Kleid mit langer Schleppe, das sie auf einen Stuhl gleiten ließ. Sara kleidete sich vorsichtig mit Sutailjas Hilfe an, da die Schminke im Gesicht nicht verschmiert werden durfte. Sutailja nahm einen schwarzen, transparenten Schleier und legte ihn um Saras Kopf. Eine rote Rose thronte an Saras rechter Schläfe. Das Kleid war fast ganz in Schwarz und hatte an den Rändern und um die Taille rote Ranken. An der Taille liefen diese nach unten in einer Spitze aus. Sara betrachtete sich erstaunt im Spiegel. Sutailja schaffte es immer wieder aufs Neue, sie mit wunderschönen Kunstwerken aus erster Hand zu überraschen. Sie lächelte still in sich hinein. Ein junges Mädchen mit Wepawetmose betrat den Raum und sah sich schüchtern um.

„Herrin?", fragte sie schließlich, da sie Saras Gesicht unter dem Schleier nicht genau erkennen konnte. Sara nickte und nahm ihr den Säugling ab. Sutailja verließ das Zimmer. Das Mädchen blieb stehen.

„Ihr seht bezaubernd aus, Herrin!", gab sie schließlich zu. Sara lächelte und schlug den Schleier zurück. Das Mädchen verabschiedete sich hastig und verschwand, es galt als Ehre, wenn die Königin den Schleier zurückschlug, wenn nur eine Person im Raum war. Das Mädchen war verschwunden um ihren Freundinnen von dem Ereignis zu erzählen. Sara stand auf und verließ den Salon, um sich noch ein wenig Ruhe vor dem bevorstehenden Fest zu gönnen. Sie stieg die Treppe hoch zu ihrem Schlafzimmer. Plötzlich tauchte Neschi auf der Treppe auf, er trug wie immer einen Anzug und sah auch sonst ganz normal aus.

„Sara? Kann ich mit hoch kommen?", fragte er und sah ihr in die Augen.

Sara nickte nur und stieg an ihm vorbei die letzten Stufen hinauf, um ihm die Tür aufzuhalten. Sara hatte durchsetzen können, dass hier oben keine Diener und Dienerinnen waren. Dieses Zimmer war ihr alleiniges Reich, sie konnte alles selbst machen. Neschi zog sie aufs Bett. Sara erwartete eine Erklärung, warum er so unverhofft hier oben aufgetaucht war, denn Neschi war meist unten oder im Thronsaal. Doch sie erhielt nur einen langen, verliebten Blick. Sara spürte eine Spannung.

„Was ist los, Neschi?" Neschi zog sie an sich und küsste sie leidenschaftlich, Sara erwiderte seinen Kuss bereitwillig. Neschi hielt sie auf eine Armlänge von sich weg.

„Wir werden die nächsten drei Tage nicht mehr unbeobachtet sein, drum bin ich hier. Außerdem wollte ich noch nach Wepawetmose sehen." Sara, die ihren Sohn mit auf ihr Zimmer genommen und in sein Bett gelegt hatte, holte ihn und legte ihn ihrem Mann in den Arm. Sie war gerade einfach nur glücklich und vergaß die Probleme, die es im Reich gab. Drei Tage wollte sie ohne Sorge genießen. In zwei Stunden würde der Eröffnungsball sein. Sara hatte in ihrer Zeit auf dem Schloss von einer ausgebildeten Tänzerin das Tanzen gelernt und galt mittlerweile als eine der besten im Reich.

*****

Anderthalb Stunden später tauchte Sutailja noch einmal auf und richtete noch einige Strähnen von Saras Frisur. Die zwei Paare, Neschi mit Sara und Tatchun mit Sutailja, würden das große Fest eröffnen. Wepawetmose und Freydis waren von Dienerinnen ebenfalls entsprechend gekleidet und geschminkt worden. Als die Sonne mit ihrem unteren Rand gerade den Horizont berührt hatte, hörte Sara Schritte auf der Treppe. Neschi trat ein und küsste sie noch ein letztes Mal zur Begrüßung. Er trug einen schwarzen Anzug, der passend zu Saras Kleid ebenfalls mit roten Ranken verziert war, ohne übertrieben auszusehen. Geschminkt war er bis auf seine Augen nicht. Sutailja hatte mit wenigen schwarzen Strichen die Augenränder verstärkt und die Lider „verlängert". Sara hakte sich nun bei ihm unter und sie verließen das Zimmer. Die Wendeltreppe kam Sara ungewohnt lang vor und sie hörte in der Eingangshalle schon das erwartungsvolle Gemurmel der Ehrengäste. Als das Paar auf der breiten Treppe erschien, verstummten mit einem Schlag alle Gespräche. Sara lächelte in alle Richtungen und Neschi deutete eine Verbeugung an. Aus der Menge traten vier schwarz gekleidete junge Männer, die Leibwache. Als sich die kleine Gruppe auf die Gäste zu bewegte, bildete sich eine schmale Gasse zur Eingangstür. Dort draußen warteten alle geladenen Gäste...

 

Ball, Tanz, Musik

Sara und Neschi traten ins Freie. Ein tosender Applaus begrüßte sie. Sara lächelte glücklich und drückte Neschis Arm. Wenig später begann die Musik zu spielen und Sara, Sutailja, Neschi und Tatchun begaben sich zu der riesigen Tribüne, die als Tanzfläche auf dem Rasen aufgebaut war. Neschi hielt eine knappe Begrüßungsrede und begann mit Sara einen langsamen Walzer. Sara strahlte von der Bühne auf ihr Volk. Sutailja und Tatchun stiegen ein und langsam füllte sich die Tanzfläche mit den Ehrengästen. Auch das einfache Volk begann zu tanzen, auf dem Rasen, im Haus, überall wo Platz war, sah man lachende, tanzende Paare. Schließlich wurde das Buffet eröffnet und alle strömten an den Rand der Rasenfläche. Sara erhob sich. Alles wurde still. Sie nahm einen kleinen Teller und trat mit Neschi an der Seite an den größten Tisch, der sich unter der Last der vielen Köstlichkeiten zu biegen schien. Sie nahm sich ein Stück Chiabatta und verbeugte sich leicht in jede Himmelsrichtung. Neschi tat es ihr gleich. Nach diesem kleinen Ritual setzten sich die beiden wieder an den auf einer kleinen Bühne stehenden Tisch. Sara nickte knapp. An die fünfzig Dienerinnen in langen weißen Kleidern betraten die Rasenfläche. Sie trugen weiße Handschuhe und hatten sich über den linken Unterarm schwarze Tücher gehängt. Das Volk war längst von den Buffettafeln gewichen und ließ den Dienerinnnen Vortritt. Diese stellten sich in einer langen Reihe vor dem Buffet auf und begannen an jeden Teller zu verteilen. Die Menge reihte sich langsam in einer Reihe auf. An den anderen Tischen mit Speisen und Getränken vollzog sich dasselbe.

Schließlich wartete alles vor den vollen Tellern, bis der Bischof fertig war mit seiner Dankrede und dem Tischgebet und begann als erster zu essen. Sara und Neschi aßen zusammen dasselbe Menü. Schließlich, als alle mit dem ersten Mahl fertig waren, flogen mit lautem Knall die Schlosstüren auf und heraus marschierte ein kleines Regiment. Sie marschierten geradewegs auf Sara und Neschi zu und hoben ihre

Gewehre. Ein ohrenbetäubender Knall hallte über den Platz. Dann wurde laut Beifall geklatscht. Am königlichen Tisch beugte sich die Schwester des Königs zu dessen Gattin hinüber und flüsterte: „Das war die Überraschung der Soldaten! Und es war als Begrüßung des Thronfolgers gedacht!" Sara lachte.

Der Hauptmann des kleinen Regiments verbeugte sich tief. Seine Soldaten taten es ihm nach. Sara und Neschi hoben grüßend die Hand. Nun begannen die Kapellen wieder Musik zu spielen. Sara sah den Tanzenden eine Weile zu, bis Sutailja sie von der Seite ansprach.

„Sara? Deine Tanzmädchen haben sich eine Überraschung ausgedacht, die sie dir jetzt gerne unterbreiten würden..." Sutailja nickte einem hübschen Mädchen von etwa siebzehn Jahren zu. Sie machte einen Knicks vor Sara und wartete bis diese ihr das Zeichen gab aufzusehen. Das Mädchen trug ein oberginefarbenes schulterfreies Kleid, dass lang herab ging und leicht im Kerzenlicht schimmerte. Sie lächelte verschmitzt.

„Herrin...dieses Fest heute ist besonders zu Euer Ehren und zu Ehren eures neugeborenen Sohnes. Die Tanzgruppe hat sich etwas ausgedacht für das Fest. Und zwar wollen wir Euch und Euren Mann dazu bitten, dass Ihr Euch an den Rand der Tanzfläche zum einfachen Volk begebt und euch ebenso zum Tanz auffordern lasst wie es das einfache Volk tut. Wir wollten Euch dem einfachen Volk etwas näher bringen." Das Mädchen machte einen Knicks und bedeutete Neschi und Sara ihr zu folgen. Neschi lachte Sara an.

Am Rand der Tanzfläche war eine Umzäunung angebracht, dass die die nicht tanzen wollten, nicht im Weg herumstanden. Neschi und Sara wurden von dem Mädchen zu der langen Bank gebracht, auf der die Tänzer saßen, die sich jedem und jeder zur Verfügung stellten. Sara und Neschi setzten sich nebeneinander auf zwei der Stühle. Sobald die Musik zu spielen begann, verkündete ein elegant gekleideter Herr mit einem Sprachrohr, dass zuerst die Männer die Frauen auffordern sollten, es sollte ein Tango getanzt werden. Sara wartete wie alle anderen Mädchen darauf, dass ein Junge sie aufforderte. Zuerst traute sich keiner. Dann wagte sich ein schwarzhaariger etwa 18jähriger Junge an die Königin heran und forderte sie schüchtern auf. Sara lachte ihn freundlich an und die beiden begaben sich auf die Tanzfläche. Der Junge konnte sehr gut tanzen wie sich herausstellte. Er stellte sich als Fréderic aus Frankreich vor. Neschi tanzte mit einem bildhübschen, jungen Mädchen von höchstens sechzehn Jahren. Diese strahlte ihn an und vergaß ganz auf ihre Füße zu achten. Nach dem ersten Tanz kam ein Mädchen zu Sara und bat sie ihr zu folgen. Sara ging mit ihm in ein kleines Zelt neben der Tanzfläche. Eine alte Frau saß auf einem Stuhl und verbeugte sich tief als die Königin eintrat. Sara musste ein richtiges Tanzkleid anziehen, für das alle Mädchen gespart hatten. Es war sehr wertvoll und selbst Sara trug es als etwas Besonderes. Es passte zu Sara wie eine zweite Haut. Und Sara fühlte sich sehr wohl darin. Neschi nickte ihr anerkennend zu. Sie lachte zurück. Dann mussten die Mädchen die Jungen auffordern. Die Jungen saßen gespannt auf der Bank, wer würde mit der Königin tanzen dürfen? Sara entschied sich für einen großen Jungen, der etwas heruntergekommen aussah, dessen Augen aber so sehr leuchteten, dass er Sara gleich zu Beginn aufgefallen war. Neschi war von einer jungen Frau aufgefordert worden, die sich später als ehemalige Sklavin herausstellte. Der Tanz erwies sich als äußerst spaßig, da viele der Jungen und Mädchen so aufgeregt waren, dass sie die einfachsten Tanzschritte vergaßen und über ihre Füße stolperten. Nach einiger Zeit und vielen Tänzen trat ein junges Mädchen auf die Tanzfläche. Alle anderen standen am Rand. Sie trug ein sehr knappes, schwarzes Kleid, worüber sie einen durchsichtigen Mantel trug, der in allen Farben schillerte.

Sie war stark geschminkt und trug hochhackige Schuhe, in denen sie sich erstaunlich sicher bewegte. Sie verneigte sich in alle Richtungen, drehte eine Pirouette und dann legte sie los. Plötzlich tönten wilde Stücke über den Platz und sonst war absolute Stille. Das Mädchen wirbelte nur so über die Tanzfläche und seine mehr als hüftlangen, schwarzen Locken flogen wie ein Schatten um ihren schlanken Körper. Schließlich begann sie zu singen. Man hörte ihrer kraftvollen Stimme nicht an, dass sie dazu wilde Tanzschritte aufs Parkett legte. Nach einer Weile fror sie ein wie eine Statue und die Musik wechselte schlagartig. Leise, ruhige Musik folgte. Ein junger Mann trat auf die Tanzfläche. Auch er tanzte und sang perfekt. Nach diesem Stück tanzten die beiden eine atemberaubende Show bis sie schließlich vor Neschi und Sara auf den Knien lagen und diese zum Tanz aufforderten. Der Junge mochte etwa um die zwanzig sein, das Mädchen etwa achtzehn. Sara und Neschi verneigten sich und traten auf Parkett. Beide waren etwas verunsichert. Nun erklang wieder ein Tango. Sara ließ sich von Elbron, so hieß der Tänzer, vollständig führen und vergaß alles um sie herum. Neschi ließ sich ebenfalls führen und genoss den Tanz ebenso wie seine Frau. Nach einer Weile tanzte nur noch Sara. Es erklang langsame Musik und das Volk wiegte sich langsam mit. Schließlich endete das Stück und Sara verbeugte sich tief vor dem Volk und den Musikern. Tosender Applaus brauste auf. Sara und Neschi bahnten sich ihren Weg zurück zu ihrem Tisch und ließen sich nieder. Sutailja stand auf und erklärte das fest für diesen Tag zu Ende. Es war etwa drei Uhr nachts. Sara und Neschi verabschiedeten sich vom Volk und wiesen noch darauf hin, dass im Hof mittlerweile ein riesiges Nachtlager vorbereitet worden sei. Sara und Neschi begaben sich in Saras Gemach und schlossen die Tür. Hier oben war niemand, der sie stören könnte.

„Ich bin so glücklich, Neschi!", flüsterte Sara und ließ sich in Neschis Arme fallen. Neschi bedeckte ihr Gesicht mit zärtlichen Küssen.

„Ich auch, Sara!", antwortete er dann.

„Ich hätte nie gedacht, dass es so Spaß machen würde. Und ich wusste gar nicht, dass ich so viel und so gut tanzen kann.", meinte Sara mit einem Lächeln. Diese Nacht schlief das Paar aneinander gekuschelt zusammen ein.

 

Schock für das Königshaus

Zwei Tage später war das Fest zu Ende gegangen und die Gäste waren alle bis auf Sutailja und Yanhamu abgereist. Sara überwachte die Putzarbeiten eigenhändig, während Neschi die meiste Zeit mit seinem engsten Berater über den Bau des neuen Wohnheims sprach. Freydis verbrachte die meiste Zeit mit ihrer Mutter oder ihrer Erzieherin. Mit fünf Jahren war sie alt genug, einige einfache Arbeiten zu erledigen, die eine Frau in Lunea zu erledigen hatte. So übte sie sich unter Aufsicht ihrer Erzieherin im Lesen, Schreiben, Putzen, Kochen und sie lernte praktische Aufgaben zu lösen. Der Plan des Schlosses war mittlerweile detaillierter geworden und die Wörter von Freydis‘ Lippen kamen längst nicht mehr so stockend wie zu Beginn. Sutailjas Bauch wölbte sich nun sichtbar unter ihren weit gewordenen Kleidern. Alles schien in Ordnung, bis eines Tages eine schreckliche Nachricht den Hof erreichte: Sara brütete gerade mit Freydis über einem Buch und lehrte sie Fremdwörter, als es laut

An der Tür zum Arbeitszimmer klopfte. Sara nickte dem Diener neben der Tür zu und dieser öffnete. Ein Bote stand draußen, Sara erkannte in ihm einen der Begleiter ihrer Eltern. Sie hoffte, dass er ihr die Nachricht der Ankunft ihrer Eltern im Dorf brachte. Doch der Bote starrte auf seine Füße und sagte dann zögernd, dass er mit der Kaiserin allein sprechen wolle. Sara nickte Freydis und dem Diener und diese verließen zusammen das Zimmer. Sie bot dem Boten einen Stuhl an und setzte sich dann wieder in den Sessel am Fenster. Nach einer auffordernden Handbewegung begann der Bote stockend die Ereignisse der letzten Tage zu erzählen.

„Wir waren wenige Kilometer vor Tomlosse, als uns an einem schmalen Weg eine weitere Kutsche entgegen kam. Ein Bauer mit einem Wagen voll Reis. Er dürfte kein großer Anhänger vom kaiserlichen Hof sein, denn er sah das kaiserliche Wappen, rührte sich jedoch keinen Zentimeter zur Seite. Der Kutscher forderte ihn auf, auf die Wiese neben dem Weg zu fahren und die Kutsch– und Reiterkolonne vorbei zu lassen. Doch er erwiderte trotzig, dass er sich dazu nicht verpflichtet fühle. Zwischen dem Kutscher und dem Bauern entbrannte ein Streit, in den sich Euer Vater einmischte, Herrin.", der Bote holte tief Luft, Sara schwante Übles, „Nun, eine Schlägerei entbrannte zwischen Kutscher und Bauer. Euer Vater versuchte zu schlichten, aber er wurde noch vorher von der wirbelnden Faust des Bauers umgerissen. Wir versuchten zu helfen, doch der Bauer floh schon als er das Blut sah, dass Euer Vater verlor. Er hatte eine schwere Kopfverletzung. Wir versuchten das Blut mit Moos und Leintüchern zu stillen und machten ihm einen Notverband, doch der Arzt, der uns wenig später erreichte konnte nur.........den Tod feststellen. Es tut und leid, wir konnten nichts mehr für ihn tun. Eure Mutter verlangte, dass er in der eigenen Hütte in Eurem Dorf vergraben werden solle. Wir taten wie uns geheißen und sie schickten mich zu Euch, um euch die schreckliche Botschaft zu überbringen...", der Bote stockte und sah die Kaiserin vorsichtig an. In ihren Augen standen Tränen, doch als Kaiserin schickte es sich nicht vor der Öffentlichkeit zu weinen. Deshalb warf sie ihm eine Münze zu und schickte ihn hinaus. Wenige Minuten später stand sie am Fenster in ihrem Schlafzimmer und weinte. Irgendwann klopfte es an der Tür. Draußen stand Neschi. Er trug einen schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd. Um seine Augen waren mit Kohle tiefschwarze Ringe gemalt. Wortlos trat er zu Sara ans Fenster, nahm ihre Hand und streichelte sie. Nach und nach versiegten Saras Tränen und sie schmiegte ihren Kopf auf Neschis Schulter. Er fuhr ihr zärtlich durchs Haar und gab ihr einen langen Kuss. Ein Taschentuch kam zum Vorschein und ließ die Tränen auf Saras Gesicht verschwinden. Abends wurde in der Hofkapelle eine Andacht abgehalten. Alles wartete auf das Kaiserpaar. Endlich öffnete sich das Tor und ein schwacher Lichtschein erhellte die dunkle Kirche ein wenig. Sara trug ein schwarzes besticktes Seidenkleid. Ihr Gesicht war vollständig verschleiert und in der Hand hielt sie einen Strauß dunkelroter Rosen in tiefschwarzes Seidenpapier gehüllt, den sie mit einem kurzen Gebet vor dem Altar neben ein Gemälde ihres Vaters legte. Auch Neschi trug wie schon wenige Stunden zuvor schwarz. Nachdem den Gottesdienst über nur langsame Trauerlieder gespielt worden waren, setzte die orgel am Ende zu einem, schnellen Tanzlied an. Sara begann wieder zu weinen: Es war das Lieblingslied ihres Vaters gewesen, das Lied das sie auf den Dorffesten immer gespielt hatten. Sara betete zu ihrem Vater und verließ am Ende des Stücks mit Neschi die Kapelle. Wie aus einer inneren Eingebung folgten sie beide einem schmalen Pfad von der Kapelle weg zu einem kleinen Hügel etwas außerhalb des Schlosses. Gerade rechtzeitig erreichten sie den Kamm: Die Sonne schien nur für

Sara, Neschi und Saras Vater unterzugehen. Sara weinte. Sie bettete ihren Kopf in Neschis Schoß.

„Was meine Mutter wohl gerade macht? Hoffentlich stellt sie nichts an. Was soll sie denn ohne meinen Vater werden? Ja, sie haben sich oft gestritten. Ja, sie haben sich in den ersten Monaten als ich nicht mehr da war gehasst. Aber sie haben sich auch wieder versöhnt, sich wieder geliebt. Meine Mutter ist nur noch ein Schatten von sich, wenn mein Vater nicht mehr an ihrer Seite ist! Er hat immer alles organisiert. Und meine Geschwister? Gut, sie können hier im Norden Arbeit finden, aber auch sie haben sehr an meinem Vater gehangen. Vor allem Simon.", dachte sara laut nach. Neschi legte ihr seinen Finger auf die Lippen.

„Rede nicht darüber, Sara, noch nicht! Es ist noch zu früh, die Wunde blutet noch. Ich bringe dich jetzt in dein Schlafzimmer und dann versuchst du zu schlafen, ich schicke noch heute meine besten Reiter nach dem restlichen Zug aus! Komm!"

Zu dieser Zeit lagen Joy und Patty in der kleinen Kammer von ihm auf dem Bett und redeten. Die Schlafkammern der Reiter lagen weit außerhalb des Schlosses, einige hundert Meter entfernt auf einem Hügelkamm. Patty kuschelte sich an Joy.

„Eigentlich wollte Sara noch einmal vorbeikommen heute und mit mir reden. Vielleicht ist ihr etwas dazwischen gekommen.", überlegte Patty.

„Hast du nicht die Glocken gehört? Vielleicht gibt es etwas Kleineres zum Feiern da drüben bei den Herrschaften, weil um diese Zeit läuten sie eigentlich nicht!"

„Du hast recht.", meinte Patty.

„Wie immer. Und außerdem: Wenn Sara nicht kommt, hast du ja immer noch mich!", lachte Joy, „willst du eigentlich nicht endlich hierher ziehen? Dann musst du nicht immer von deinem Gästezimmer oben im Schloss zu meiner Hütte hier kommen, sondern wenn du was willst kannst du einfach mit mir reden. Ohne große Entfernung."

Sie überlegte.

„Na gut, ich frag Sara gleich morgen ob das so in Ordnung geht. Und jetzt sei endlich still, wir sollten schlafen."

„Mh, na schön. Nur noch dieser eine Kuss.......", meinte er und küsste Patty, bis ihr Kopf vollständig im Kopfkissen verschwunden war. Dann nahm er die dünne Bettdecke und deckte sie beide zu.

In der selben Nacht wurde Sara durch leises Hufgetrappel auf dem Hof aus ihrem leichten Schlaf gerissen. Eine einzelne Kutsche hielt vor dem Schlosstor. Sara schlüpfte schnell in das schwarze Spitzenkleid und eilte die Treppen hinunter zum Schlosstor. Sie hörte gedämpfte Stimmen im Hof und glaubte die Stimme ihrer Mutter zu verstehen. Tatsächlich: Als sie das Tor allein von Hand öffnete und hinaussah stand ihre Mutter im Hof. Als sich das Tor öffnete, war es Haron, als schiene ihre Sonne wieder: Sara erschien im Lichtspalt, schien eine Sekunde zu zögern und stürmte dann wie von Sinnen die Schlosstreppe hinab. Tochter und Mutter umarmten sich stumm und stillschweigend. Beiden strömten die Tränen über das Gesicht.

Saras Tochter war erst durch einen Glücksfall zur Kaiserin gefallen, doch anscheinend schien es in ihrer Umgebung viel Pech zu geben: Erst starb der kleine Sohn Erik von Sutailja und Yanhamu, dann ihre kleine Schwester Kataja, jetzt ihr Vater und ihre Mutter war auch nur noch ein Lufthauch von der energischen Bäuerin, die sie einmal gewesen war. Sara weinte um ihren Vater, um Kataja und auch um ihre

Mutter. Neschi und Akunosch, den Sara nach langer Zeit wiedersah und der die Kusche gelenkt hatte standen gerührt daneben. Akunosch entdeckte eine kleine unscheinbare Träne auf der Wange seines Herrn. Für Akunosch war Haron eine gute Freundin geworden, sie hatten auf der Fahrt kaum geredet, doch Akunosch hatte beide Seiten der alten Frau kennengelernt: die fröhliche, aufgeschlossene rundum glückliche Dame auf der Hinfahrt und nun die trauernde Witwe, die kaum sprach und immer wieder weinte. Sara und er waren in der Zeit, in der Sara am Hof war gute Freunde geworden, doch noch immer sah er sie als seine Kaiserin an, nicht als Bekannte.

Sara und Haron lösten sich voneinander. Sara war geschockt, als sie in das Gesicht ihrer Mutter sah: Es war fahl, alt und grau und eingefallen. Die kleinen Lachfältchen, die sie als kleines Kind immer so lustig gefunden hatte, waren verschwunden, stattdessen waren die Falten zwischen Mund und Nase verstärkt worden, was den Gesichtsausdruck der Mutter verbittert aussehen ließ und Sara war sich nicht sicher, ob sie es nicht doch auch war. Mittlerweile waren sämtliche Geschwister, bis auf Kataja, auf der Treppe erschienen und sahen traurig auf Schwester und Mutter hinab. Auch sie hatten viel geweint und hatten gehofft, wenigstens die Mutter wohlbehalten zurückzubekommen. Haron sah auf und versuchte zu lächeln. Sara bemerkte, dass auch Ora weinte. Obwohl der Vater sie damals so grob geschlagen und schließlich verkauft hatte, schien sie um ihn zu trauern. Sara und Neschi führten die Familie in den Speisesaal, wo eine verschlafene Dienerin Tee auftrug. Irgendwann, gerade als alle zu Bett gehen wollten klopfte es an der Tür. Draußen stand Patty. Sie trug ihr dunkelbraunes Leinenkleid (etwas dunkleres besaß sie nicht) und hatte einen traurigen Ausdruck in den Augen. Sie umarmte Sara und Haron still und drückte Haron einen kleinen Strauß Blumen in die Hand, die sie auf der Wiese zwischen Schloss und den Reiterhütten gepflückt haben musste. Haron lächelte unter Tränen. Und drückte Patty wortlos an sich. Als alle anderen schlafen gegangen waren, saßen nur noch Patty und Sara an der Tafel und redeten. Sara redete sich ihren Frust von der Seele, redete von früher, als ihr Vater noch dagewesen war, redete von der nacht, als sie nach Toloka verschleppt worden war, als der vater Ora geprügelt hatte, davon, als sie Freydis bekommen hatte, von ihrer Zeit als Sklavin von den Zärtlichkeiten mit Neschi, von Mutnodjmets Geburt, von dem fest in Kairo und ganz am Schluss von dem Boten am Mittag. Schließlich gingen auch Sara und Patty zu Bett, nachdem sie sich noch ein letztes Mal umarmt hatten.

Am letzten Tag ließ Neschi zwei tage Staatstrauer ausrufen. Mehr durfte er nicht nach dem Gesetz, da Saras Adliger zwar einer der engeren Berater von ihm aber kein hoher Adliger gewesen war. Die Fahnen wehten auf Halbmast, an Hof wurde nur noch schwarz, dunkelbraun oder grau getragen. Die Frauen mussten ihre Haare mit einem schwarzen Band zurück binden und mit einer dunkelroten Rose verzieren. An beiden Abenden fanden Andachten statt. Nach den vorgeschriebenen zwei tagen trugen alle wieder die üblichen Kleider, die Trauergewänder wurden in den hintersten Winkeln der Schränke verstaut in der Hoffnung, sie nie mehr gebrauchen zu müssen. Selbst Neschi und Saras Famile legten die Gewänder ab. Auch Sara trug nach weiteren sieben Tagen wieder die üblichen Farben. Die Alte war sie jedoch noch nicht wieder. Sara und Haron verbrachten viel Zeit miteinander. Sie redeten viel über Saras Kindheit und ihre Heimat. Nach fünf Wochen begann Haron ihr Testament zu verfassen. Sara und Neschi machten sich Sorgen und kümmerten sich verstärkt um die alte Dame.

Wenige Tage später ging das Kaiserpaar mit Haron im Schlosspark spazieren und erklärte ihr den Plan des neuen Schlosses.

„Das ist ja schön. Aber ich würde noch mehr Platz für den Park einplanen!", meinte Haron als Neschi mit der Bechreibung geendet hatte.

„Das hatten wir auch eigentlich vor, aber wir können nicht noch mehr Land für uns beanspruchen, sonst werden sich einige kritische Stimmen erheben.", antwortete Sara und lächelte ihrer Mutter zu. Sie schien sich wieder einigermaßen von dem Schock erholt zu haben. Auch Neschi registrierte zufrieden, dass wieder etwas Farbe in das Gesicht seiner Schwiegermutter gekommen war.

„Da habt ihr natürlich recht. So, ich werde jetzt irgendein Pferd satteln und dann reite ich über die Felder. Deinem Vater hätte das Leben hier sicher sehr gut gefallen und er hätte euch sicher gern geholfen beim Aufbau eures neuen Zuhauses. Aber es hatte wohl nicht sein sollen.", seufzte Haron und der traurige Ausdruck, an den sich alle an Hof schon längst gewöhnt hatten, trat wieder in ihre Augen.

Neschi und Sara sahen ihr hinterher.

„Ich hoffe sie erholt sich überhaupt noch einmal in ihrem Leben. Viel Zeit dazu wird sie wohl nicht mehr haben.", meinte Sara nachdenklich und folgte Neschi ins Arbeitszimmer, wo sie einmal mehr einen ihrer vielen Verwalter, die sie mit dem Bau und der restlichen Organisation des Schlosses beauftragt hatten, trafen.

Zur selben Zeit packte Patty ihre wenigen Habseligkeiten aus ihrem Gästezimmer in ein Leinentuch und wanderte über die kleinen Wege zu dem Hügel gegenüber des Schlosses, wo sie an die Tür einer kleinen Holzhütte klopfte. Joys Lockenkopf erschien unter de Türrahmen.

„Ah Patty! Schön das du kommst, ich habe gerade an dich gedacht!", er zeigte seine strahlend weißen Zähne und zog sie hinein. Patty sah sich um. Lachend sah sie, dass Joy alles sauber gemacht und aufgeräumt hatte. Dafür hatte er einen Kuss verdient...

Klopf – Klopf. Die Tür wackelte. Joy sah verwundert auf und ließ Patty wiederwillig los. Diese setzte sich auf die Matratze und lugte neugierig zur Tür. Draußen stand ein Bote von Neschi. Joy solle seine Sachen packen und auf schnellstem Wege im Schloss erscheinen. Er sei dazu auserwählt worden, auf dem Bau des Schlosses zu helfen. Joy nickte langsam und schloss die Tür.

„Nun, Patty, ich hoffe du darfst mitkommen, sonst kannst du gleich wieder umziehen." Patty seufzte.

„Hier hat man als Paar echt keine reelle Chance, seine Liebe auszuleben. Naja, ich werde mal mit Sara reden, dass ich mitkommen darf. Wehren kannst du dich ja schlecht, schließlich lebst du hier auf Kosten des Kaisers. Also man sieht sich später!" Nach einem langen Kuss verließ Patty die Hütte und ließ Joy in Ruhe seine Sachen packen.

Sie schlenderte über die Hügel zum Pferdestall, sattelte sich ihren Braunen und ritt los. Erst ganz langsam, wie es sich gehörte über den Schlosshof, dann Galopp über die Felder und kleinen Hügel.

Zu dieser Zeit saß Joy mit Neschi im Arbeitszimmer und erhielt seine Aufgaben. Er sollte das Ausgraben der Keller überwachen und Abstecken, wo überall Erde raus musste. Sara saß erst stillschweigend daneben, dann erhob sie sich und verließ das Arbeitszimmer um die Wendeltreppe zum Tor hinunter zu laufen. Hier traf sie Patty

in der Eingangshalle. Sie sah verschwitzt aus und machte einen etwas mürrischen Eindruck.

„Patty! Ich hab dich gerade drüben in Joys Hütte besuchen wollen!", begrüßte Sara ihre Freundin.

„Hallo Sara! Wieso mussten ihr denn ausgerechnet ihn zum Bau schicken? Ich war gerade drüben dabei, meine Tasche abzustellen, als es schon an der Tür klopfte, Joy möge doch auf schnellstem Wege ins Herrscherhaus kommen. Wirklich nett!" ,Patty sah sie herausfordernd an. Sara schüttelte nur leicht den Kopf und meinte dann:

„Warum lässt du mich nicht erst ausreden? Ich wollte, dass ihr zusammen auf den Bau fahrt und euch darum kümmert, dass alles gut geht. Ich dachte, so eine kleine Reise könnte eurer Liebe nicht schaden!"

Patty starrte Sara an:

„Was hast du da eben gesagt? Oh, Sara, du bist ein Schatz. Ich werde gleich alles drüben bereit machen für die Reise! Man sieht sich später!" Und schon verschwand Patty hinter den Flügeln des großen Holztores. Sara stieg lächelnd die Stufen zu ihrem Badezimmer hinauf. Oben stand Neschi.

Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen war er nicht wegen einer Freudennachricht hier oben. Sara eilte auf ihn zu und hielt ihn fest.

„Was ist passiert?", fragte sie ängstlich.

„Sara...deine Mutter. Sie.....man hat sie gefunden, vor einer Stunde. Sie....anscheinend hatte sie einen Herzfehler. Sie starb an einem Herzversagen."

Neschi konnte Sara gerade noch auffangen, bevor sie die Treppen hinunterstürzte. Er rief nach Dienern. Diese kamen und trugen die Kaiserin in ihr Schlafzimmer, wo sie sofort kühle Tücher aufgelegt bekam. Nach einer guten Viertelstunde war Sara wieder soweit, dass sie ihren Kopf auf Neschis Schoß bettete und hemmungslos anfing zu weinen. Die Diener verließen das Zimmer. Auch sie hatten die Mutter der Kaiserin lieb gewonnen und waren geschockt über ihren plötzlichen Tod. Erst zwei Stunden später verließ der Kaiser das Schlafzimmer seiner Gemahlin und stieg langsam die Treppe hinab. Kaum war er verschwunden, rauschte Sutailja die Treppe hinauf. Sie stieß die Tür zum Vorzimmer auf und öffnete dann leise die Tür zum Schlafzimmer.

Sara stand an der Fensterfront und sah zu, wie die Fahnen im Wind flatterten und wie die Vögel sie umkreisten. Das Geräusch, als die Tür ins Schloss fiel, ließ sie aufschrecken. Sutailja kam langsam auf sie zu. Sie entdeckte Tränen auf dem Gesicht ihrer langjährigen Freundin und nahm sie in den Arm.

„Sara....ich.....es tut mir so leid für dich. Du hattest es nicht verdient. Soviel Schicksal in wenigen Wochen...." Sara schluchzte leise. Sutailja streichelte über ihren Rücken. Wie vor wenigen Wochen erst erschien Sara am Abend zur Andacht in der Kirche – wieder in Schwarz. Diesmal war ihr Auftreten jedoch ohne jeglichen Glanz. Das Kleid war einfach, ohne Verzierungen, ihre Haare hatte sie glatt gekämmt und sie fielen ihr nur in schwachen Wellen über den Rücken. Die Augen hielt sie gesenkt und auch ging allein, ohne sich bei Neschi unterzuhaken. Man sah ihr an, dass sie viel geweint hatte, obwohl sie einen fast undurchsichtigen, schwarzen, bodenlangen Schleier trug. Sie ging trotzig aufrecht, als wolle sie dem Schicksal zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen ließ. Nach der Andacht blieb die Kaiserin allein in der Kirche zurück. Am nächsten Tag würde eine Kutsche ihre Mutter in ihr Dorf überführen und

ebenfalls in der heimatlichen Hütte beerdigen.

13. Kapitel

Fünf Monate später schrieb Sara wieder einmal einen Brief an ihre Freundin Sutailja, die mittlerweile wieder zu Hause war. Sie erwartete in den nächsten Wochen ihr Kind und alle am Hof drückten ihr die Daumen für eine gesunde Geburt. Sara hatte sich nicht wirklich vom Tod ihrer Eltern erholt, wollte aber dennoch in der nächsten Woche zu Sutailja reisen um ihr beizustehen.

Liebe Sutailja!

Ich hoffe dir geht es gut. Vor allem deinem Kind. Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit. Mittlerweile kann ich normal über den Tod meiner Eltern reden. Ich habe mir überlegt, dass meine Mutter sich allein gefühlt haben muss in ihren letzten Wochen, ohne ihren Mann. Und dass die Beiden dort, wo sie jetzt sind, wieder zusammen sein können. Ich denke, Horan geht es dort besser, als wenn sie noch am Leben wäre. Natürlich tut es noch weh, aber ich arbeite daran.

Ich habe schon mit Neschi gesprochen, dass ich nächste Woche „frei bekomme". Dann komme ich dich mit der Kutsche besuchen. Ich glaube ich freue mich mindestens genauso sehr auf das Kleine wie du! Ich bin schon richtig gespannt ob es ein Mädchen ist. Hast du mir nicht erzählt, die Ärzte hätten gesagt, dass es wahrscheinlich eines wird?

Wie geht es Yanhamu und seinen Geschäften? Und was macht euer Sohn? Es geht ihm doch gut. Ich muss jetzt leider schon wieder aufhören mit schreiben. Neschi und ich sollen dem Bau einen Besuch abstatten.

Liebe Grüße

Sara

Sara nahm ihr schwarzes Schultertuch und ließ sich die Haare hochstecken. Dann eilte sie in Neschis Gemach und fand ihn in seinem Schlafzimmer. Er lächelte als er Sara sah. Bis zu dieser Stunde trug sie immer einfache, schwarze Kleider. Heute aber hatte sie sich ein dunkelrotes, weites Kleid angezogen. Nur das schwarze Schultertuch erinnerte an ihre Trauer. Neschi gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund und verließ dann das Zimmer. Sara hakte sich bei ihm unter und die beiden stiegen im Hof in die Kutsche und fuhren davon. Nach einigen Stunden überquerten sie auf einer Fähre den Großen Fluss und machten am anderen Ufer eine kleine Pause. Außerdem wecheslten sie in einem kleinen Dorf ihre erschöpften Pferde gegen erholte, schnelle Pferde ein und fuhren nach einer guten halben Stunde weiter.

Endlich am Bau angekommen, staunte Sara nicht schlecht. Sie war erst einmal, nach Fertigstellung der Kellergemächer hier gewesen. Das war vor etwas fünf Monaten gewesen, mittlerweile war der größte Teil der Arbeit erledigt. Das Schloss stand genauso vor ihr, wie sie es auf den unzähligen Plänen gesehen hatte. Es mussten Hunderte von Arbeitern sein, die hier das Gerüst aufbauten. An manchen Stellen wurde schon gemalt. Sara und Neschi wurden zum Verwalter geführt. Hier erwartete sie eine Überraschung: Das Schloss sollte schon in zwei Monaten bewohnbar sein! Zum ersten Mal seit einem halben Jahr, sah Neschi seine Sara wieder

frei lachen und scherzen. Sara war in diesen Stunden einfach nur glücklich.

Zur selben Zeit lagen sich Patty und Joy in den Armen. Die beiden waren längst vom Bau zurückgekehrt und hatten wieder die kleine Hütte im Reiterlager bezogen. Sie sorgten im Lager immer für Spaß. Abends an den Lagerfeuern, die man im Lager machte und dann beisammen saß, wusste Patty immer die spannendsten Geschichten zu erzählen und Joy hatte immer die Lacher auf seiner Seite. Der Grund weshalb sie sich in den Armen lagen war: Sie hatte beschlossen zu heiraten. Die Hochzeit sollte noch im nächsten Monat anstehen. Patty war restlos glücklich. Heute schien ein guter Tag zu sein: Sie hatte gesehen, dass Sara nicht mehr nur Schwarz trug und sie durfte endlich für immer mit Joy zusammen sein. Patty lief ins Schloss hinüber, um ihrer Freundin gleich alles zu erzählen, doch sie erfuhr von einem Mädchen, dass das kaiserliche Paar abgereist sei um das neue Schloss zu besichtigen.

Eine Woche später, nach Saras Rückkehr nach Toloka kam ein Brief von Sutailja.

Liebe Sara!

Mir geht es sehr gut und meinem Kind auch. Ich fühle es immer strampeln. Die Ärzte sagen, bis jetzt sei alles in Ordnung und das Kind sei auch gesund. Sicher sind diese Aussagen ja leider nie. Aber nachdem ihr alle mir die Daumen drückt kann ja fast nichts mehr schief gehen. In genau zwei Wochen müsste nach Plan die Geburt sein. Ich hoffe es.

Ich finde es sehr schön, dass du nicht mehr so oft schwarz trägt. Neschi hat mir gleich eine Nachricht zukommen lassen und ich habe mich riesig gefreut. Es bringt nichts wenn man nur noch trauert und an nichts anderes mehr denkt. Ich spüre doch, dass es deinen Eltern so besser geht, als wenn jetzt ein Teil hier wäre und der andere dort.

Ich habe gehört, dass das Schloss fast fertig gestellt ist. Glaub mir, diese zwei Monate werden so schnell vergehen wie keine anderen in deinem bisherigen Leben. Es wird noch einiges passieren die nächsten Wochen, wo du dabei sein willst. Erstmal deine Reise hierher, dann die Geburt meines Kindes, dann möchtest du doch sicher auch bei der Hochzeit von Patty und Joy dabei sein und schließlich noch das Schloss. Du wirst die nächsten Wochen viel zu beschäftigt sein, als dass du dich langweilen könntest! Ich muss Schluss machen, ich treffe mich mit Yanhamu im Park.

Viele liebe Grüße auch an Neschi!

Sutailja

Eine weiter Woche verging. Sara war zu Sutailja gereist. Vor einigen Stunden erst hatte Sara das kleine Gästezimmer bezogen. Das Haus von Yanhamu war eine recht große Villa mit vielen Verzierungen, ohne kitschig zu wirken. Alles war aufeinander abgestimmt. Die kleine Familie lebte zusammen mit einigen Dienern, die natürlich auch Gehalt bekamen, und das nicht erst nach dem Sklavengesetz. Sara und Sutailja tranken gerade galamischen Tee, als Yanhamu das Zimmer betrat.

„Ah, gut dass ich euch sehe. Fühlst du dich auch wohl auf einem so einfachen Gut wie unserem?" Yanhamu stichelte Sara gern, da diese in einem großen Schloss mit viel Drumherum lebte. Sara lachte nur freundlich.

„Aber natürlich, Yanhamu! Wer würde das auch nicht bei eurer Gastfreundschaft!"

Yanhamu blinzelte und verließ das Zimmer durch die Tür, die in einen langen Gang führte, an dessen Seiten die Zimmer abgingen. Saras kleines Zimmer befand sich ganz am Ende des Ganges. Es war klein und das Fenster ging nach Südwesten, sodass Sara jeden Abend dem Sonnenuntergang zusehen konnte. Sutailja wurde die ganze Zeit über von zwei Ärzten und einer jungen Ärztin begleitet. So fühlte sie sich sicher und war einigermaßen ruhig. Da jetzt auch noch ihre beste Freundin da war, fühlte sie sich sicher und machte sich weniger Sorgen um die anstehende Geburt. Sara half ihr, sich darauf vorzubereiten und machte alle Übungen, die ihr die Ärzte empfohlen hatten, mit, damit sich Sutailja nicht albern vorkam. In dieser Woche wuchsen sie zusammen wie zwei Schwestern. Sutailja half sara endgültig über den Tod ihrer Eltern hinweg und Sara kümmerte sich um die Schwester ihres Gatten. Sie schrieb Neschi täglich Briefe, die vor Optimismus nur so sprühten. Natürlich vermisste Sara Neschi, Freydis und Mutnodjmet, doch Sutailja lenkte sie ab und sie fühlte sich wie zuhause. Jeden Morgen in aller Frühe gingen die beiden ins Schwimmbad und wateten im angenehm kühlen Wasser herum und redeten, bis eine Dienerin sie zum Essen holte. Danach waren einige Übungen angesagt. Sara ging mit Sutailja jeden Tag an die frische Luft spazieren, massierte sie, badete sie in warmem Wasser und übernahm einen Großteil ihrer Arbeiten im Haus.

Eine Woche später galoppierte ein einzelner Reiter über die weiten grünen Wiesen auf das Schloss in der Nähe Tolokas zu. Vor den Toren zügelte er sein Pferd und sprang ab. Ein Diener öffnete ihm und er eilte über den Hof.

Am Tor erklärte er sein Anliegen und man ließ ihn ein. Im Empfangszimmer des Kaisers konnte er endlich seinen Brief loswerden. Es war ein Brief von Sara. Neschi gab dem Boten Geld und schickte ihn hinaus, dann setzte er sich in sein Arbeitzimmer und riss den Brief ungeduldig auf.

„Mein Schatz", las er auf dem gelben Papier, „mir geht es sehr gut. Weshalb ich schreibe ist: Sutailja hat vor etwa zwei Stunden ein Mädchen geboren. Sie nennen sie Kevia. Ein schöner Name, nicht wahr? Yanhamu ist glücklich, dass Sutailja und das Kleine die Geburt wohlbehalten überstanden haben. Sutailja schläft im Moment, sie ist noch erschöpft. Die Kleine hat schwarzes Haar und sieht ihrer Mutter eher ähnlich als dem Vater. Nur die grünen Augen hat sie von Yanhamu. Ihre Nase erinnert mich ein wenig an deine. Ich vermisse dich. In drei Tagen reise ich hier ab. Bis dahin möchte ich noch bei Sutailja und Kevia bleiben. Ich höre die Kleine schreien. Vermutlich ist Sutailja jetzt auch wach. Ich gehe hinauf. Sag Freydis viel Grüße und Küsse von mir und dass sie nicht aufhören soll, schreiben und lesen zu üben! Es küsst und grüßt dich deine Sara." Neschi ließ die Hände mit dem Brief sinken und starrte auf das Blatt Papier. Er war endlos glücklich und Freudentränen standen ihm in den Augen. Erstmal hatte Sutailja die Geburt heil überstanden und ein Mädchen bekommen. Ein Mädchen, das, was sie sich ihr ganzes Leben lang gewünscht hatte, eine kleine Prinzessin.

Zur selben Zeit saß Sara am Bett von Sutailja und streichelte ihre Hand. Ab und zu fuhr ihre schmale Hand kurz über das Gesicht der Freundin, wenn sich wieder mal eine kleine Träne aus den schwarzen Augen gewagt hatte. Sutailja lächelte glücklich und sah auf das kleine strampelnde Mädchen auf ihrem Bauch hinunter. Sara nahm es ihr vom Bauch und wickelte es in ein weißes Tuch. Sutailja nahm Kevia in den

Arm und streichelte zärtlich über das kleine Gesichtchen. Auch Yanhamu befand sich im Raum. Er war mindestens genauso glücklich wie Sutailja. Sara verließ leise das Zimmer. Yanhamu und Sutailja sahen sich glücklich an. Sie legte ihm ihr Mädchen in den Arm und er wiegte es vorsichtig hin und her. Schließlich nahm Sutailja ihm Kevia wieder ab und schloss die Augen. Yanhamu beugte sich über sie und gab ihr einen langen Kuss. Sutailja lächelte noch, als Yanhamu längst das Zimmer verlassen hatte.

14. Kapitel

Einige Tage später saß Sara mit Freydis im Schreibzimmer. Bis jetzt hatte das Mädchen nur mit Bleistift und Kohlestift geschrieben. Heute würde Sara sie das erste Mal mit Tusche und Feder schreiben lassen. Sie erklärte ihrer Tochter gerade die federhaltung, als sich die Tür öffnete und Patty den Kopf herein streckte.

„Oh, Patty! Komm rein!", rief ihr Sara zu und ihre Freundin schloss leise die Tür nachdem sie eingetreten war. Freydis lachte sie freundlich an.

„Patty! Guck mal!", rief sie, „Mutter zeigt mir, wie man mit Tusche schreibt!" Patty beugte sich über den Bogen Papier und folgte der Feder, die übers Papier kratzte, mit den Augen. Sara korrigierte die Haltung und schon wurden die Buchstaben flüssiger und runder. Mit jedem Buchstaben wurde der Strich gezielter. Sara warf einen Blick in das Gesicht und registrierte zufrieden, dass Freydis konzentriert die Lippen zusammenpresste. Sie liebte es, zu schreiben und sie war stolz, dass sie schon so früh anfangen durfte mit Tusche und Feder zu schreiben. Sara hatte ihr erzählt, dass sie erst mit dreizehn schreiben gelernt hatte, nämlich, als Neschi sie an den Hof geholt hatte. Damals hatte Sara viel lernen müssen, eben auch lesen, schreiben und rechnen. Sara rief nach Freydis‘ Erzieherin, dass diese übernehmen sollte. Danach verließ sie das Zimmer zusammen mit Patty. Im Empfangszimmer setzten sich die beiden auf eines der drei Sofas und Sara schickte nach Tee. Nachdem das junge Mädchen, das Tee und kleine Kekse gebracht hatte, dass Zimmer wieder verlassen hatte, sah Sara ihre Freundin fragend an.

„Ich denke du hast bereits erfahren, dass ich Joy heiraten möchte. Und zwar haben wir den Termin auf den ersten Sonntag im vierten Monat gelegt. Ich wollte dich fragen, ob du mir helfen könntest, alles vorzubereiten..."

„Natürlich habe ich es mittlerweile mitbekommen! Wer hat das auch nicht?", Sara lachte, „ich helfe dir gern! Ich könnte mich zum Beispiel um das Buffet kümmern. Hast du dein Kleid schon? Wenn du möchtest, werde ich dich an deiner Hochzeit auch frisieren und schminken." Patty war begeistert. Sofort begannen die beiden Pläne zu schmieden und über alles Mögliche zu reden. Am Schluss würde Sara das Buffet besorgen, den Hof herrichten lassen und Patty schminken und frisieren.

Abends sprach sie alles mit Neschi ab und er versprach ebenfalls, zu helfen.

Patty war mittlerweile wieder in die Hütte zurückgekehrt, die sie sich mit Joy teilte. Dieser lag auf dem Bett und döste vor sich hin. Patty begrüßte ihn mit einem langen leidenschaftlichen Kuss. Joy lachte. Nach dem Abendessen, das sie heute ausnahmsweise ohne die Kameraden zu zweit in der Hütte einnahmen, zogen sie die Matratzen zusammen. Aneinander gekuschelt schliefen sie irgendwann mitten in der Nacht ein. Am nächsten Morgen zog sich Patty schnell an und lief zum Schloss hinüber. Im Arm trug sie eine große Schachtel. Sara öffnete ihr und ließ sie in ihr Bad. Kurz darauf öffnete sich die Tür des Schlafzimmer- Badezimmers und Sara, die auf

dem Bett im Schlafzimmer saß, sah sich einer völlig ungewohnten Patty gegenüber.

Patty, die sonst einfache, etwa knöchellange Kleider aus normalen Stoffen trug, war in ein weißes Kleid mit weitem Reifrock geschlüpft. Eine Schleppe von etwa einem Meter ging von einem blauen Umhang aus, der um die schmalen Schultern lag. An Ausschnitt, Ärmeln, Taille und Saum befanden sich feine Stickereien aus hellblauen Fäden. Über den schmalen Körper fiel ein durchsichtiger Schleier, der einen etwas rötlichen Schimmer hatte und an einem Silberreif befestigt war. Der Silberreif war in den Haaren festgesteckt. Patty strahlte.

„Nun, wie gefalle ich euch, Kaiserin?", fragte sie mit einem leichten Knicks.

„Es sieht so schön aus Patty! Es muss dich ein Vermögen gekostet haben! Was wird Joy dazu sagen? Vermutlich gar nichts, weil er sprachlos sein wird!" Sara war ehrlich begeistert. Patty dachte an das mühsam zusammen gesparte Geld, das sie in das Kleid gesteckt hatte und war froh, dass es Sara gefiel. Damit hatten sich für sie die hohen Ausgaben schon gelohnt.

„Ich würde es an deiner Stelle gleich wieder ausziehen.", meinte Sara, nachdem sich Patty eine Weile vor dem Spiegel hin und her gedreht hatte. Sie nickte und verschwand wieder im Badezimmer. Als Neschi wenig später aus seinem Fenster im Westturm guckte, sah er Sara und Patty über den Hof spazieren. Sie schienen in ein Gespräch vertieft. Wie Sara sich doch in den fünf Jahren, die sie jetzt schon am Hof war, verändert hatte! Anfangs war sie sehr still und zurückhaltend gewesen, doch mittlerweile, war sie aufgeschlossen und gesprächsfreudig. Natürlich hatte man davon in den letzten Wochen nicht gerade viel davon mitbekommen können, doch in den letzten Tagen hatte Saras Laune einen ziemlichen Aufschwung erhalten. Neschi trat weg vom Fenster und setzte sich an seinen Schreibtisch, um eine Nachricht für den Aufseher des Baus zu schreiben.

Zu gleichen Zeit lag Sutailja in der großen Badewanne ihres Badezimmers. Auf ihrem Bauch Kevia und ließ sich baden. Die Kleine lachte und patschte die Hände zusammen. Eine junge Dienerin betrat mit einem Krug heißem Wasser das Zimmer.

Ehrfürchtig leerte sie den Krug über den kurzen Haaren von Kevia und strich ihr dabei langsam über den Kopf. Schließlich sah sie Sutailja an und fragte:

„Dürfte.....Lönnte ich sie mal kurz hochnehmen?" Sutailja lachte.

„Natürlich. Warte, ich setze mich nur schnell auf." Sie nahm das Kind und legte es dem strahlenden jungen Mädchen in die ausgestreckten Arme.

„Sie sieht so hübsch aus. So lieb...", staunte es. Sutailja lächelte und stand auf. Sie stieg aus der Wanne und ließ sich ein großes Tuch geben. Sie zog sich ein dunkelblaues knöchellanges Kleid an und verließ das Badezimmer, Kevia auf dem Arm. Auf der Treppe zum Speisesaal traf sie auf Yanhamu, der gerade dabei war, das Porträt eines seiner Vorfahren zurecht zu rücken. Sutailja lachte.

„Na, bist du wieder dabei, in unserem Haus alles perfekt auszurichten?" Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss und stieg weiter hinab. Yanhamu folgte ihr in den Speisesaal, wo ein Mädchen ein Tablett mit Tee, Zucker und einigem kleineren Gebäck herein balancierte. Sie stellte es ab und verteilte die kleinen Tassen. Sutailja lächelte ihr zu und nahm ihr die Teekanne aus der Hand, mit der sie gerade Tee verteilen wollte. Das Mädchen nahm das Tablett und verließ den Raum durch eine andere Tür.

„Sutailja, ich habe beschlossen, für eine Woche zu verreisen. Ich brauche eine Auszeit. Ich bin die ganze Zeit dahinter her, dass untere Vertreter ihre Arbeit auch gut machen. Das ist auf Dauer sehr anstrengend." Yanhamu sah seine Gattin an.

„Ich möchte, dass du hier bleibst. Du kannst nicht mit Kevia verreisen. Sie ist zu klein. Aber Robert werde ich mitnehmen, er sollte endlich etwas mehr von der Welt sehen als unser Grundstück." Sutailja sah ihn an.

„Und das fällt dir gerade ein, wo unsere Tochter nicht einmal einen Monat alt ist? Das kannst du mir nicht antun!" Yanhamu zögerte.

„Ich weiß, es....sie ist noch sehr jung. Ich bin sehr froh, dass es Kevia gibt. Kannst du dich noch an unser Gespräch vor einigen Monaten erinnern? Wir wollen sie mit Sam von Galama verheiraten! Du solltest sie nicht zu sehr an uns gewöhnen, sonst fällt ihr und uns der Abschied schwer, wenn es soweit ist. Ich weiß, es klingt hart, aber so ist es. Du solltest ihr so schnell es geht die wichtigsten Dinge beibringen und dann reden wir mit Sams Eltern." Sutailja sah ihn geschockt an.

„Was hast du da gerade gesagt? Ja, das stimmt, wir haben darüber geredet. Aber doch nicht so früh, ich wollte warten bis sie wenigstens zwei Jahre alt ist und man langsam sieht, ob sie intelligent ist! Aber nicht mit drei oder vier Monaten schon! Sonst hat sie ja überhaupt keine richtige Kindheit sondern wird sofort zur Frau erzogen!" Yanhamu spielte mit seinen Händen.

„Ich weiß ja, dass es hart ist, aber wenn sie hierbleibt, könnte....ja, dann könnte es Robert schaden. Er ist jetzt immerhin schon sechs Jahre alt und wenn da plötzlich so ein kleines Schwesterchen auftaucht, könnte es sein, dass er seine Aufgaben, die er zu erledigen hat, nicht mehr so ernst nimmt, wie bisher. Weil dann Kevia kommen könnte und ihn fragen ob er nicht Lust hat mit ihr etwas zu spielen oder spazieren zu gehen!"

„Ach ja, gerade das ist es, was Geschwister brauchen: miteinander spielen und sich kennenlernen! Du gibst ihnen ja gar keine Zeit erwachsen zu werden. Wenn es nach mir geht, wird Kevia nicht vor ihrem dritten Lebensjahr verheiratet. Meinetwegen verreise doch und lasse uns hier allein! Nimm deinem Sohn ruhig seine Kindheit!" Sutailja sprang auf und rauschte aus dem Zimmer. Die Tür schloss sie geräuschvoller als sonst. Yanhamu blieb bedrückt sitzen. Er starrte auf die Wandmalereien über dem großen Fenster an der Südfront, durch das gerade die Sonne hereinblinzelte, was so gar nicht zu seiner Laune passte. Langsam stand er auf und verließ den Saal mit schlurfenden Schritten. Wie hätte er Sutailja auch seine Pläne mit Kevia erklären sollen? Sie hätte ihm nie zugestimmt. Jetzt würde sie es wohl noch weniger tun, nach dem Streit. Mitten im gang blieb er stehen. Er hatte eine Idee. Er machte auf dem Absatz kehrt und eilte mit großen Schritten den langen Gang entlang, der zu seinem kleinen Gemach im Westblock führte. Hier öffnete er die Tür zu seinem Arbeitszimmer, setzte sich hin und begann einen langen Brief an Neschi zu schreiben. Er konnte nicht wissen, dass zwei Stockwerke über ihm Sutailja an ihrem kleinen Sekretär am Fenster saß und einen Brief an Sara schrieb. Sie schüttete der Freundin ihr Herz aus. Als sie geendet hatte, stand Folgendes auf dem Papier:

Liebe Sara,

Ich habe mich gerade mit Yanhamu gestritten. Ich komm mir so klein und unscheinbar vor! Yanhamu will mit Robert verreisen. Weil er eine Pause braucht und Robert von Kevia fern halten will. Ich war wirklich empört. Ich bin fest überzeugt davon, dass ich dir alles anvertrauen kann. Wir haben vor einigen Monaten darüber gesprochen, Kevia mit Sam von Galama zu verheiraten, um die Bindung von Lunea und Galama wieder etwas zu festigen. Ich habe zugestimmt, aber ich wollte, dass Kevia

Bis zu ihrem dritten Lebensjahr oder wenigstens bis zu ihrem zweiten Lebensjahr unter meiner Aufsicht bleibt. Natürlich werde ich ihr alles Nötige (lesen, schreiben,...) beibringen, aber ich möchte ihr eine schöne Kindheit schenken. Gerade, weil ich selbst keine richtige hatte. Ich war nur ein Mädchen und ich war nicht Erstgeborene, sondern bin erst nach Neschi geboren worden. Deshalb war ich nicht halb so viel wert wie Neschi, zumindest in den Augen meines Vaters. Ich möchte nicht, dass Kevia auch so aufwächst. Ich will versuchen, sie immer mit Robert gleichzustellen. Yanhamu kümmert sich nur die ganze Zeit um Robert. Er soll einmal seinen Beruf erlernen und das Geschäft seines Vaters übernehmen. Ich habe Angst, dass Yanhamu es durchsetzt, dass Kevia so früh verheiratet wird. Ich habe nicht so viel Einfluss wie er. Ich kann nur hoffen, dass seine Liebe zu mir groß genug ist um einmal den Wünschen seiner Frau zu folgen. Ich werde jetzt hinunter gehen und noch ein letztes Mal mit ihm reden.

Viele liebe Grüße an euch vier!

Sutailja

Sie faltete den Brief zusammen und steckte ihn in ein Kuvert mit Blumenaufdruck. Sutailja öffnete die Tür und ging leise an Yanhamus Gemach vorbei zum Eingangstor. Dort wandte sie sich nach rechts und schritt auf einen kleinen Anbau mit Holzverkleidung zu. Sie öffnete eine kleine Tür. Sutailja guckte sich im Pferdestall um und fand Yakub schließlich am anderen Ende. Allerdings sag sie nur seinen Lockenkopf, da er gerade dabei war, die Boxen auszumisten.

„Yakub!", rief sie und kam auf ihn zu, den Brief in der hand schwenkend, „reite schnell nach Toloka und überbringe Sara dieses Schreiben. Beeil dich!" Sie drückte ihm den Brief in die Hand und hielt sein Pferd fest während er es sattelte.

„Ich habe Sara einen Brief geschrieben. Und lass ihr bitte auch ausrichten, dass sie sich so schnell als möglich bei mir melden soll!" Yakub nickte und schwang sich in den Sattel. Er versprach, in fünf Tagen wieder zurück zu sein. Sutailja sah ihm nachdenklich nach, wie er zwischen den zwei Maisfeldern vor den Toren der Villa davon galoppierte. Danach ging sie in ihr Zimmer hinauf, zog sich um, schminkte sich stark und kämmte ihre Haare glatt. Schließlich wandte sie sich der beschlagenen Tür zu und ging den Gang entlang zu Yanhamus Arbeitszimmer. Hier klopfte sie an und öffnete nach kurzer Pause die Tür. Yanhamu saß in einem Sessel zum Fenster und sah hinaus.

„Yanhamu?", Sutailja legte ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter und fuhr an ihr hinunter bis zum Ellenbogen. Yanhamu sah auf.

„Ja?", fragte er. Er drehte den Sessel, so dass Sutailja genau vor ihm stand. Doch sie sah ihn nicht an. Sie sah den Wolken zu, die draußen über den Himmel jagten. Für Bruchteile von Sekunden glaubte sie ein Gesicht zu erkennen, doch schnell hatten sich die Massen wieder verformt.

„Ich wollte noch einmal mit dir reden. Hast du es dir anders überlegt? Ich komme nicht damit klar." Yanhamu fühlte sich in die Ecke gedrängt und seine Augen glitten unruhig durch den Raum. Sutailja sah ihn abwartend an. Im Grunde wusste sie seine Antwort schon, aber wahrhaben wollte sie es nicht. Yanhamu sah ihr ins Gesicht:

„Nein, Sutailja, ich kann nicht!" Sutailja wandte sich ab und verließ schnellen Schrittes den Raum. Yanhamu bliebt wie erstarrt sitzen und lauschte den Schritten seiner

Gattin auf dem Flur. Was hätte er sonst sagen sollen? Er beschloss, gleich morgen abzureisen und begann die Sachen, die er für seine Reise brauchte zusammen zu packen. Währenddessen lag Sutailja oben im Turm auf ihrem Bett und ließ sich von einer alten Dienerin die Tränen abwaschen. Wie ein kleines Kind schmiegte sie sich an die Dienerin und weinte. Plötzlich wünschte sie sich, einen Sohn geboren zu haben. Dann wäre Yanhamu jetzt vielleicht nicht so hart, dachte sie. Doch schon während sie dies dachte, schämte sie sich dafür. Es kam ihr wie ein Verrat an der kleinen Tochter vor. Schließlich konnte sie nichts für ihren Vater. Sutailja beschloss, Kevia zu einem netten Mädchen zu erziehen, solange sie ihr noch blieb und ihr die wichtigsten Dinge beizubringen. Aber niemals würde sie dazu beitragen, dass Kevia einmal so wurde wie Sutailjas Mutter gewesen war: eine Marionette ihres Ehemanns. Ein unscheinbarere Schatten des Mädchens, dass sie als Kleinkind gewesen war. Auch Sutailja war nach den traditionellen, alten lunischen Regeln erzogen worden, nämlich, dass ein Mädchen nur dann viel wert war, wenn sie erstgeboren war. Allerdings hatte ihre Mutter sie nicht ganz so streng zu erziehen versucht wie ihr Vater. Und ihre Eltern waren früh gestorben, so dass sie sich den Mann densie heiraten wollte selber aussuchen durfte. Zwar hatte Neschi sie offiziell verheiratete, aber eigentlich war es ihre Entscheidung gewesen. Langsam versiegten ihre Tränen und sie richtete sich auf. Entschuldigend sah sie die Dienerin an. Doch diese nickte nur verständnisvoll und verließ den Raum. Kevia, die neben ihrer Mutter auf dem Bett geschlafen hatte, wachte auf und fing laut an zu schreien. Sutailja nahm sie auf ihre Arme und stillte sie.

15. Kapitel

Sara nahm einen Brieföffner und öffnete den bunt geblümten Briefumschlag. Nachdem sie die schnell geschriebenen Zeilen gelesen hatte, ließ sie den Brief langsam sinken. Das war doch nicht der Yanhamu, den sie kennengelernt hatte? Der freundliche Mann mit den geheimnisvollen dunkelgrünen Augen? Der Mann, der ihre Fehler, die sie in den ersten Monaten am Hof gemacht hatte, nie wirklich ernst genommen hatte, der immer als erster und am lautesten darüber lachen konnte und Sara ihre Scheu endgültig genommen hatte. Der Mann, der so niedergeschlagen gewesen war, als der kleine Erik gestorben war. Sie seufzte leise. Eine Dienerin öffnete ihr die Tür. Sara rannte fast die Wendeltreppe hinunter. In der Eingangshalle stieß sie beinahe mit Neschi zusammen, der gerade auf dem Weg zum Pferdestall war um einen kleinen Ausritt über die Hügel zu starten. Sara hielt ihn fest. Atemlos deutete sie auf den Briefumschlag in ihrer Hand.

„Neschi! Sutailja hat geschrieben! Yanhamu will Kevia bald mit Sam von Galama verheiraten! Wir müssen ihr helfen!" Neschi sah sie verwirrt an.

„Jetzt nochmal von vorne, Sara, und schön langsam!" Doch statt ihm eine Antwort zu geben wedelte Sara mit dem Brief vor seinem gesicht herum und drückte ihm schließlich den Umschlag in die Hand. Sie selbst lief zur Tür, öffnete sie und rauschte die Eingangstreppe hinunter. Der vierte Monat hatte begonnen und die Vorbereitungen auf die Hochzeit von Patty und Joy liefen auf Hochtouren. Sara hatte alle Hände voll zu tun, das Buffet vorzubereiten, das Kleid von Patty noch auszubessern und Getränke zu besorgen. Nebenzu brachte sie ihrer Tochter weiterhin die lunischen Schriftzeichen bei, zeigte ihr, wie man sich einfache Frisuren auch ohne Dienerin stecken konnte, testete ihre Schminkkünste und ließ sie schließlich auch bei

der Festvorbereitung mitwirken. Freydis rannte zwischen den verschiedenen Verwaltungen und dem Arbeitszimmer ihrer Mutter hin und her und erledigte alles Mögliche an kleineren Aufgaben, ohne die ein fest nicht reibungslos ablaufen konnte. Sie war am Hof sehr beliebt, da sie immer fröhlich war, gute Laune verbreitete und gut malen konnte. Malen war Freydis‘ große Leidenschaft. Wenn sie nicht gerade schreiben und lesen übte oder den Boten spielte setzte sie sich in ihrem Schlafzimmer ans Fenster und begann zu malen. Manchmal sah man sie stundenlang dort oben sitzen und einfach nur hinaus schauen und träumen. Ab und zu nahm sie dann einen Pinsel in die Hand und malte einige Striche auf den Bogen, der vor ihr auf ihren Knien lag.

Sara war die letzten Tage sowieso schon sehr gestresst gewesen, aber da sie sich jetzt auch noch um ihre Freundin kümmern wollte, wuchsen ihr ihre Aufgaben und Arbeiten über den Kopf und sie wirkte immer erschöpfter. Zwei tage später nachdem Sara auf das Schreiben von Sutailja geantwortet hatte, erreichte sie ein zweiter Brief.

„Liebe Sara!", stand dort, „Yanhamu ist jetzt genau fünf tage weg. Er reiste gleich am nächsten Tag nach meinem ersten Brief an dich ab. Ja, er hat Robert mitgenommen. Kannst du dich noch an Dona erinnern? Die älteste von unserem Personal? Ich rede viel mit ihr und sie ist mir eher zur Freundin als zur Dienerin geworden. Sie war auch dagegen, dass Yanhamu Robert so von Kevia wegnimmt. Am Tag von Yanhamus Abreise kam Robert zu mir hoch ins Turmzimmer, hat sich zu uns, Kevia und mir, aufs Bett gesetzt und die Kleine langsam hin und her gewiegt. Er hat ihr mindestens tausendmal ins Ohr geflüstert, wie sehr er sie lieb hat und wie sehr er sie vermissen wird. Als Yanhamu gekommen ist, hat er ziemlich böse reagiert. Er hat Robert das Kind aus den Armen genommen und es grob in meine Arme gedrückt. Dass der Junge nichts Falsches denkt, hat er mir einen langen Kuss verpasst und ist gegangen. Ich hab ihm nicht mal hinterher geschaut. Ich weiß noch nicht einmal, wohin er gegangen ist! Ich liebe ihn immer noch, aber ich will nicht dass er meine Tochter verkauft. Es ist MEIN Kind! Ich habe es monatelang in mir gespürt. Ich muss aufhören, ich höre Hufgetrappel im Hof. Viele liebe Grüße! Sutailja."

„Mutter?", fragte Freydis schüchtern, als sie ihre Mutter so in sich zusammen gesunken auf dem Stuhl sitzen saß. Sara schreckte auf.

„Ja, Liebes?"

„Draußen steht eine Kutsche, die acht Weinfässer geladen hat. Die Getränke für das Fest, weißt du?" Freydis verschwand ebenso schnell wieder, wie sie aufgetaucht war. Sara stand auf und ging zur Tür. Als sie die Hand schon auf der Türklinke hatte, fiel ihr ein, dass sie noch immer ihr helles Morgenkleid anhatte und barfuß war. Sie ging ins Bad und zog sich ein hellrotes bodenlanges Kleid mit langer Schleppe und durchsichtigem Überwurf an, löste ihre Haare aus den verrutschen Klammern und kämmte sie. Schnell noch etwas Kohle um die Augen, die Schuhe mit den hohen Absätzen angezogen und jetzt aber schnell runter. Da die Wendeltreppe, die zum Gemach der Kaiserin führte mit dunkelblauem Teppichboden ausgelegt war, konnte Sara nicht so schnell gehen, wie sie gerne gewollt hätte. In Gedanken verfluchte sie sich, weil sie unbedingt hohe Schuhe hatte anziehen müssen. Bis sie unten angekommen war und langsam, wie es sich für eine Dame ihres Standes gehörte, die Stufen der Eingangstreppe hinunterging, hatten die Helfer bereits die ersten zwei Fässer mit Rotwein abgeladen. Der Kutscher kam auf sie zu und verbeugte sich tief. Sara fiel sein seltsames Gewand auf. Er trug einen schwarzen Einteiler,

wo er eine knallrote Weste gezogen hatte. Seine Hände steckten in weißen Handschuhen und an seinen Füßen trug er hellbraune Stiefel auf weichem Leder, vermutlich von einem Wild. Sara blickte ihm ins Gesicht. Ihr Blick strich über die glatt am Kopf zurück gekämmten Haare, die mit Wasser fixiert worden waren. Plötzlich fiel ihr ein, wer diese Anzüge trug.

„Entschuldigt meine Frage", begann sie, „aber seid ihr aus Galama? Euer Anzug erinnert mich ein wenig daran, und auch eure Frisur schien mich an einen alten Bekannten aus dem Osten zu erinnern." Der Kutscher zeigte seine weißen Zähne.

„Ja, Hoheit. Galama ist allerdings meine Heimat. Ich bin nur auf Reise gewesen. Besser gesagt, auf Jobsuche. Irgendwie bin ich in Nimali gelandet und dort suchten sie gerade einen zuverlässigen Kutscher. Ich habe mich angeboten und jetzt stehe ich hier, vor Ihrer Majestät, wo ich doch nie gedacht hätte, dass ich einmal die Ehre haben würde, in dieses schöne Gesicht zu sehen!" Sara lächelte. Mittlerweile hatte sie gelernt, mit solchen Komplimenten umzugehen.

„Vielen Dank! Kommen Sie, wir melden ihre Getränkeladung gleich in der Verwaltung an." Sara ging voraus und er folgte ihr, natürlich immer mit etwas Abstand.

Währenddessen schlenderte Sutailja durch die vielen Gänge ihrer Villa. Kevia trug sie auf dem Arm und sang ihr leise einige alte Lieder vor. Sutailja ging vorbei an dem großen, eisern beschlagenen Tor, vorbei an der Glastür, die in den Kunstraum führte. Sie nahm die nächste Tür links und wanderte durch die Gästezimmer mit ihren weißen Schränken, Betten und Ledersofas. Sie betrachtete die vielen Porträts von Yanhamus Vorfahren. Der Gedanke, ob diese Männer und Frauen ebenfalls so hart mit ihren Kindern umgegangen waren, schoss ihr durch den Kopf. Sie verstand, dass es schon immer so gewesen war. Schon seit Jahrhunderten wurden die Söhne und Töchter adliger Familien noch im Kindesalter verheiratet. Früher war es auch bei den armen Familien oft aus Geldmangel so geschehen.

 

FORTSETZUNG FOLGT!!!

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