Cornell Haynes Jr. alias Nelly
Weltweite Hits mit den Singles „Country Grammar“, „E.I.“ und „Ride Wit Me“, unglaubliche zehn Millionen verkaufte Einheiten seines zugehörigen Debüt-Albums „Country Grammar“ und ein wahrer Regen an Auszeichnungen, von denen vier Grammy-Nominierungen und zwei „Source“-Awards lediglich die Spitze des Eisberges bildeten. Da kann es einem damals knapp 22jährigen schon heiß werden.

Aber wie gesagt: Das ist noch lange kein Grund, die Party frühzeitig zu verlassen. Im Gegenteil: Auch wenn seine „Country Grammar“ zu einer „Nellyville“ angewachsen ist, bleibt der mittlerweile 24-Jährige auf dem Boden oder – besser noch – dem Tanzboden.

Und das, obwohl die Veröffentlichung der ersten Auskoppelung „Hot In Herre“ („herre“ als St. Louis-typische Verballhornung von „here“, Country Grammar eben) bereits im Vorfeld an den Erfolg des Erstlings anzuknüpfen scheint. Ganze 760.000 mal wurde die exklusive Vorpremiere innerhalb eines Tages auf AOL angehört. Wie sich das später in den Verkaufszahlen wiederspiegelt, dürfte klar sein.

Aber Nelly, bürgerlich Cornell Haynes Jr., hat schon andere Zeiten erlebt. Ein äußerst unstetes Teenager-Leben führte ihn von Texas nach Spanien und schließlich in den amerikanischen Süden, nach Mississippi, wo er in University City, einem Teil von St. Louis, ab 1993 erste Bekanntschaft mit anderen Rappern schloss. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Junge bei verschiedensten Familienmitgliedern gelebt, und die Schulen gewechselt wie Hemden auf einer heißen Party. St. Louis bot nicht nur ein Ventil für seine Baseball-Leidenschaft (mehrere Angebote als professioneller Spieler hat er ausgeschlagen), angeheizt durch Vorbilder wie Outkast, den Goodie Mob oder Tupac entdeckte er den Rap als das Medium, mit dem er seinen eigenen Stil voll ausleben konnte.

Der ist geprägt von diesem unnachahmlichen Singsang und einer bluesigen Note, die weit zu den Wurzeln von HipHop zurückweist. Trotz beachtlicher lokaler Erfolge mit seiner Crew St. Lunatics, blieb ein Plattenvetrag zunächst dem Solo-Künstler Nelly vorbehalten, eine Entscheidung, die vom Kollektiv unterstützt wurde und den St. Lunatics ein Jahr später das Posse-Album „Free City“ ermöglichte. Ohnehin ist Nelly ein „Lunatic For Life“, Teil einer Gruppe gleichberechtigter Individuen, auch wenn es sein Name ist, der mit „Nellyville“ endgültig in die Annalen der HipHop-Geschichte eingehen wird.
„Nellyville“ zum Großteil entstanden, während Nelly auf Tour war, ist so etwas wie Nelly´s Vision vom idealen Ort, eine Art St. Louis, das ganz klar den Stempel eines Jungen trägt, der den Ort mit seiner ländlichen Vergangenheit zur HipHop-Großstadt ausgebaut hat, ein Platz, an dem der Spaß und die Party definitiv größer geschrieben wird, als die wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit der HipHop-typischen Vergangenheit auf der Straße. „Mein Leben war hart genug, während ich aufgewachsen bin“, meint Nelly, „und das ist wirklich nichts, mit dem ich mich freiwillig allzu lange beschäftigen möchte. Es war nicht unbedingt die aufregendste Zeit in meinem Leben, deshalb werde ich sie nicht für jeden Song wieder herauskramen.“
Nelly braucht sich nicht wie eine Kim Basinger oder ein Clint Eastwood eine Stadt kaufen, um ihr Bürgermeister zu werden, er ist die Stadt. Mit einem Stadtrat natürlich, den St. Lunatics, die auch auf „Nellyville“ den Großteil der Tracks als Familienmitglieder mitbestreiten. Verkaufsfördernde Gast-Features halten sich folglich in Grenzen: Lediglich N*Syncs Justin Timberlake revanchiert sich für Nelly´s Gastauftritt auf „Girlfriend“ mit dem Partykracher „Work It“ und Schicksalskind Kelly Rowland veredelt „Dilemma“, das einfühlsam die Beziehungsprobleme einer jungen Mutter porträtiert. Ähnlich persönlich wird Nelly auch auf „Splurge“, in dem er mit all den Hatern abrechnet, die ihm seinen Erfolg und seinen Reichtum vorwerfen.
Dass so eine Kritik natürlich Blödsinn ist, unterstreicht Nelly nicht nur durch seine Bodenhaftung und die enge Bindung zu St. Louis und seiner Szene, sondern auch durch Charity-Organisationen wie 4 Sho 4 Kids, die sich der Hilfe für unterprivilegierte Kinder widmen. Außerdem setzt sich Nelly für den Verbleib von Kindern in den Schulen ein und fördert sportliche und literarische Leistungen. „Ein Großteil meiner Fans sind Kids. Wen ich ihnen genau so helfen wie sie mir mit ihrer Unterstützung, dann ist das doch für beide Seiten wunderbar.“ Das also ist „Nellyville“: Ein in Verwirklichung befindliches Utopia der guten Laune, der Parties, der Liebe und der gegenseitigen Unterstützung. Nicht schlecht für einen Country-Boy, der sich anschickt, auch mit der eigenen Modelinie „Vokal“ und ersten Filmauftritten, seine Stadtgründung auf ein breiteres Fundament zu stellen. Als einer der Gründungsväter dessen, was im HipHop als „Dirty South“ momentan das Genre revolutioniert, dürfte Nelly ohnehin in die Annalen schwarzer Musik eingehen. „Hot In Herre“? Verdammt, ja! But it´s bangin´! NELLY