Borderline-Syndrom

Was ist das Borderline-Syndrom?

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung liegt, wie der Name schon sagt, in etwa zwischen Neurose und Psychose, das heißt an der Grenzlinie (= Borderline). Menschen, die an der Borderline-Störung leiden, haben eine Vielfalt von störenden Symptomen, wie Phobien, Angst, Depressionen, unangemessene Hyperaktivität usw... Dadurch, dass die "innere" Welt der Borderline-Persönlichkeit wie die Welt des Kindes in Helden und Bösewichte aufgeteilt ist, kommt es zu - häufig schweren - emotionalen "Überfällen", die mit der auslösenden Situation nichts mehr zu tun haben. Außerdem bewirken diese Überreaktionen häufig Maßlosigkeit im Konsum von z.B. Alkohol oder Drogen sowie im sozialen Verhalten. Drogensucht, Alkoholabhängigkeit und Essstörungen (Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa) sind nicht selten schwer erkennbare "Begleitsymptome" der Borderline-Störung. Hinzu kommt noch eine gewisse Gleichgültigkeit dem eigenen Ich, der eigenen Person gegenüber, was zu Selbstverstümmelung bis hin zur Selbsttötung führen kann.

Von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS; sie wird auch als "emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Typus" bezeichnet) spricht man auch, wenn die betroffene Person unter einem "tiefgreifenden Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Gefühlen sowie unter deutlicher Impulsivität" leidet.

Neben der BPS gibt es eine Reihe anderer Persönlichkeitsstörungen (z.B. die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung oder die abhängige Persönlichkeitsstörung; für eine kurze Beschreibung siehe unten). Jede dieser Untergruppen ist gekennzeichnet durch spezielle Merkmale. Zunächst ist es jedoch wichtig, den Begriff einer "Persönlichkeitsstörung" genauer zu erklären. Was ist damit gemeint?

Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen sind belastende und problematische Muster des Erlebens und Verhaltens, die manchmal über Jahrzehnte andauern können. Die betroffenen Personen kennen sich selbst nicht anders, sie waren immer schon so, die Probleme sind praktisch Teil der Persönlichkeit.

Ein depressiver Mensch etwa kann sich gut daran erinnern, wie es ist, sich wohl zu fühlen, gesund zu sein. Er weiß damit auch, dass seine Stimmung und sein depressives Denken eine Störung darstellen, die er gerne loswerden würde, wenn er auch nicht weiß wie. Ein Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung hingegen merkt häufig nicht, dass er unter einer Störung leidet, weil er sich selbst einfach nicht anders kennt. Er kann sich nicht vorstellen, anders zu denken oder zu empfinden, obwohl er durch seine Probleme sehr belastet ist.

Menschen mit einer BPS erleben also als ein Merkmal der Störung eine "tiefgreifende Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen". Jedoch werden die meisten Menschen zeitweilig instabile zwischenmenschlichen Beziehungen erleben. Vor allem in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter (aber immer wieder auch später) sind Umbrüche und deutliche Veränderungen in den Beziehungen möglich. Konflikte, Krisen und Belastungen in dieser Zeit sind häufig (z.B. Scheidung). Eine gewisse Instabilität in Beziehungen ist somit normal und nicht ungewöhnlich. Ab wann spricht man dann von einer Persönlichkeitsstörung?

Eine Persönlichkeitsstörung ist erst dann gegeben, wenn mehrere Kriterien erfüllt sind. So müssen erstens (1) die Schwierigkeiten deutlich von den üblichen Erwartungen des Umfelds abweichen. Eine Person mit BPS erlebt deutlich häufiger und oft deutlich heftiger Konflikte mit nahen Bezugspersonen als andere Menschen in ihrem Umfeld.

Die Probleme müssen (2) in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter begonnen haben und während der meisten Zeit im Erwachsenenalter feststellbar sein. Man würde also nicht von einer Persönlichkeitsstörung sprechen, wenn eine Person etwa alle 5 Jahre ein paar Monate Konflikte mit ihrer Umgebung hat, auch wenn diese Konflikte sehr heftig sind. Die Schwierigkeiten müssen durchgehend vorhanden sein.

Die Schwierigkeiten zeigen sich weiterhin nicht nur mit einzelnen Personen (etwa ein immerwährender heftiger Streit mit der Mutter), sondern in verschiedenen zwischenmenschlichen Bereichen (z.B. Streit mit der Familie, Arbeitskollegen und Freunden). Das heißt, die Verhaltensmuster sind (3) unflexibel und starr. Unabhängig von der jeweiligen Person wird sehr ähnlich reagiert.

Und das Verhaltensmuster muss (4) in deutlicher Weise zu Leiden oder Beeinträchtigung in den sozialen Kontakten, im Beruf oder anderen wichtigen Bereichen führen. Mit den Betroffenen leiden bei BPS häufig auch die nahen Bezugspersonen (Eltern, Partner, Kinder) und Freunde. Wenn weder die Person selbst noch andere Personen leiden, spricht man nicht von einer Störung, auch wenn sich die Person vielleicht etwas schrullig oder ungewöhnlich verhält.

Wenn alle diese Punkte klar gegeben sind, spricht man von einer Persönlichkeitsstörung. Störungen der Persönlichkeit sind sehr starke Ausformungen von normalen Eigenschaften. Jeder hat Konflikte, wechselhafte Stimmungen und Gefühle etc., aber nur ein Teil von uns leidet an einer Persönlichkeitsstörung!

Es gibt eine Reihe verschiedener Persönlichkeitsstörungen. Neben der Borderline-Persönlichkeitsstörung unterscheidet man etwa eine ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung (starke Schüchternheit und soziale Angst während des gesamten Lebens), eine schizoide Persönlichkeitsstörung (starker Rückzug von und wenig Interesse an sozialen Kontakten, begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken oder Freude zu empfinden), eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung (permanente Gefühle von Zweifel, Perfektionismus und übertriebene Gewissenhaftigkeit, Vorsicht und Halsstarrigkeit), eine abhängige Persönlichkeitsstörung (starke Abhängigkeit bei kleineren und größeren Entscheidungen von anderen Personen, Hilflosigkeit, Trennungsangst) und einige mehr. Allerdings lassen sich die einzelnen Störungen nicht immer klar von einander abgrenzen, d.h. bei einer Person kommen häufig Merkmale von mehreren dieser Störungen vor.

Merkmale einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)

Neben den oben beschriebenen allgemeinen Merkmalen einer Persönlichkeitsstörung lässt sich jede Persönlichkeitsstörung nochmals genauer beschreiben. Bestimmte Merkmale kommen hier immer wieder gemeinsam vor. Von einer BPS spricht man, wenn mindestens 5 der folgenden Merkmale vorhanden sind (die Informationen sind eine Zusammenfassung der Kriterien aus dem DSM IV, dem zweiten gebräuchlichen Diagnosesystem im deutschsprachigen Raum neben dem ICD-10):

Die unablässige Suche nach dem richtigen Partner oder der richtigen Partnerin:
1. Kriterium: Unbeständige und intensive zwischenmenschliche Beziehungen mit auffälligen Verschiebungen der Einstellung gegenüber anderen (von Idealisierung zu Abwertung oder von klammernder Abhängigkeit zu Isolation und Vermeidung) und auffallenden Mustern der Manipulation anderer.

Die unstabilen Beziehungen der Borderline-Persönlichkeit sind direkt verbunden mit ihrer Intoleranz gegenüber Trennung und mit ihrer Angst vor Intimität. Für den Betroffenen ist es typisch, dass er abhängig ist, sich an andere klammert und andere idealisiert, bis der Geliebte, der Ehepartner oder Freund diese Bedürfnisse zurückweist und in Frage gestellt; in diesem Fall geht die Borderline-Persönlichkeit zum anderen Extrem über - zu Abwertung, Widerstand gegenüber Intimität und völliger Vermeidung. Zwischen dem Wunsch nach Verschmelzung und danach, umsorgt zu werden, auf der einen und der Angst, verschlungen zu werden, auf der anderen Seite besteht ein ständiges Tauziehen. Für die Borderline-Persönlichkeit bedeutet Verschlungenwerden die Auslöschung einer getrennten Identität, den Verlust der Autonomie und das Gefühl, überhaupt nicht zu existieren. Der Betroffene schwankt zwischen dem Wunsch nach Nähe, um Leere und Langeweile zu erleichtern, und der Angst vor Intimität, die als Dieb des Selbstvertrauens und der Unabhängigkeit wahrgenommen wird.

In Beziehungen werden diese Gefühle auf dramatische Weise in intensive, schwankende, manipulierende Verbindungen übersetzt. Die Borderline-Persönlichkeit stellt häufig unrealistische Forderungen an andere und scheint verwöhnt. Das manipulierende Verhalten manifestiert sich durch körperliche Leiden und Hypochondrie, der Betroffene zeigt Schwäche und Hilflosigkeit, provozierende Handlungen und masochistisches Verhalten. Selbstmorddrohungen und Ansätze, sie in die Tat umzusetzen, werden oft eingesetzt, um Aufmerksamkeit und Hilfe zu erlangen. Der Betroffene setzt Verführung als manipulierende Strategie ein.

Dem Betroffenen fehlt "Objektkonstanz", die Fähigkeit, andere als komplexe Menschen wahrzunehmen, die sich dennoch widerspruchsfrei verhalten können. Die Borderline-Persönlichkeit erfährt den anderen auf der Basis der letzten Begegnung, nicht auf einer konsequenten Serie von Interaktionen, die eine breitere Grundlage haben. Daher kommt es nie zu einer konstanten, vorhersehbaren Wahrnehmung des anderen, denn der Betroffene reagiert auf diesen Menschen jedes mal neu.

Da der Patient nicht in der Lage ist, das Gesamtbild zu erkennen, aus Fehlern zu lernen und eigene Verhaltensmuster zu beobachten, wiederholen sich destruktive Beziehungen häufig. Typisch dafür ist die Frau, die zu ihrem Ex-Ehemann, der sie misshandelt hat und der diesen Missbrauch fortsetzt, zurückkehrt. Männliche Borderline-Patienten binden sich häufig an ähnlich ungeeignete Frauen, mit denen sie sadomasochistische Verbindungen wiederholen.

Der impulsive Charakter
2. Kriterium: Impulsivität in mindestens zwei Bereichen, die potentiell selbstzerstörerisch sind, zum Beispiel Drogenmissbrauch, sexuelle Promiskuität, Spielen, Ladendiebstahl, Kaufsucht, übermäßiges Essen, Anorexia nervosa oder Bulimie.

Die Verhaltensweisen der Borderline-Persönlichkeit können sich plötzlich ändern und widersprüchlich sein, da sie normalerweise starken, augenblicklichen Gefühlen entspringen - Wahrnehmungen, die isolierte, unzusammenhängende Schnappschüsse der Erfahrung darstellen. Die Unmittelbarkeit der Gegenwart steht allein da, ohne den Vorteil von Erfahrungen aus der Vergangenheit oder der Hoffnung auf die Zukunft. Aufgrund historischer Muster sind Beständigkeit und Vorhersagbarkeit für den Betroffenen unerreichbar, und er begeht ähnliche Fehler immer wieder.

Die Borderline-Persönlichkeit steckt in der ironischen, aber dennoch unhaltbaren Situation, etwas zu erreichen, nach dem eine ganze Generation in den sechziger Jahren strebte -nämlich "Im Jetzt zu leben". Für den Betroffenen gibt es kein Entrinnen aus dem "Jetzt", auch nicht für eine kurze Pause und Neueinschätzung. Die begrenzte Geduld der Borderline-Persönlichkeit und das Bedürfnis nach sofortiger Belohnung mag mit anderen Verhaltensweisen zusammenhängen, die andere Kriterien der Borderline-Erkrankung definieren: Impulsive Konflikte und Zornausbrüche können aus den Frustrationen einer stürmischen Beziehung entstehen; jähe Stimmungsschwankungen können zu impulsiven Ausbrüchen führen; unangemessene Zornausbrüche können aus dem Versagen entstehen, die eigene Impulse zu kontrollieren; selbstzerstörerisches oder selbstverstümmelndes Verhalten kann den Frustrationen wie Drogen- und Alkoholmissbrauch als Verteidigungsmechanismen gegenüber Gefühlen von Einsamkeit und der Angst, verlassen zu werden.

Radikale Stimmungsschwankungen
3. Kriterium: Affektive Instabilität: auffällige Stimmungsschwankungen in Richtung Depression, Reizbarkeit oder Angst, die meistens einige Stunden lang anhalten und nur selten mehr als ein paar Tage.

Die Borderline-Persönlichkeit macht abrupte Stimmungsschwankungen durch, die kurze Zeit anhalten - meistens nur ein paar Stunden. Die Grundstimmung ist meistens nicht ruhig und kontrolliert, sondern eher überaktiv und nicht zu unterdrücken oder pessimistisch, zynisch und depressiv.

Der rasende Stier
4. Kriterium: Unangemessener, intensiver Zorn oder fehlende Kontrolle über den Zorn, zum Beispiel häufige Gereiztheit, ständiger Zorn, wiederkehrende körperliche Auseinandersetzungen

Die Zornesausbrüche der Borderline-Persönlichkeit sind genauso unvorhersehbar wie erschreckend. Die gewalttätigen Szenen stehen in keinem Verhältnis zu den Frustrationen, die sie auslösen. Häusliche Tumulte, bei denen es zu Verfolgungsjagden mit Fleischmessern und zerbrochenem Geschirr kommen kann, sind typisch für den Zorn der Borderline-Persönlichkeit. Der Zorn kann durch ein bestimmtes (und oft triviales) Vergehen ausgelöst werden, aber darunter liegt ein Arsenal von Angst vor der Bedrohung durch Enttäuschung und Verlassenwerden.

Der Zorn, der so intensiv ist und so nah unter der Oberfläche brodelt, wird häufig auf Menschen gerichtet, die dem Betroffenen am nächsten stehen - Ehepartner, Kinder, Eltern. Dieser Zorn kann ein Hilferuf sein, eine Erprobung der Treue oder Angst vor Intimität - je nach dem, welchen Faktoren zugrundeliegen. Diejenigen, die der Betroffen am meisten braucht, werden weggestoßen. Der Ehepartner, ein Freund, der Geliebt oder Familienmitglieder, die trotz dieser Angriffe dableiben, sind entweder sehr geduldig und verständnisvoll oder in manchen Fällen selbst sehr gestört. Bei derartigen Ausbrüchen ist es schwer, Mitleid zu verspüren, und der Mitbetroffene muss jede Hilfsquelle nutzen, die ihm zur Verfügung steht.

Die Bitte um Hilfe
5. Kriterium: Wiederkehrende Selbstmorddrohungen, Selbstmordversuche oder Selbstverstümmelungen.

Selbstmorddrohungen und -versuche, die die Neigung des Borderline-Patienten zu überwältigenden Depressionen und Hilflosigkeit widerspiegeln, aber auch sein Geschick, andere zu manipulieren, sind herausragende Merkmale der Erkrankung. Oft sind die häufigen Drohungen oder halbherzigen Selbstmordversuche nicht auf den Wunsch zu sterben zurückzuführen, sondern der Versuch, Schmerz mitzuteilen, und die Bitte, dass andere eingreifen mögen. Leider führen diese Drohungen, wenn sie gewohnheitsmäßig wiederholt werden, zu dem genauen Gegenteil: die anderen haben genug und reagieren nicht mehr, was zu immer ersteren Versuchen führen kann. Das Selbstmordverhalten ist eins der schwierigsten Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung für Familienangehörige und Therapeuten. Wenn man sich damit auseinandersetzt, kann dies zu endlosen, unproduktiven Konfrontationen führen; ignoriert man es, kann der Tod des Patienten die Folge sein.

Selbstverstümmlung ist, wenn sie nicht klar mit einer Psychose in Zusammenhang gebracht werden muss, das Kennzeichen von Borderline-Erkrankungen. Bei diesem Verhalten, das mit der Krankheit enger als mit jeder anderen psychischen Erkrankung in Verbindung steht, kann es sich um selbstzugefügte Verletzungen an den Genitalien, den Gliedermaßen und am Rumpf handeln. Für diese Borderline-Fälle wird der Körper zu einer Straßenkarte, die von selbstbeigebrachten Narben übersät ist. Rasierklingen, Scheren, Fingernägel und glühende Zigaretten zählen zu den üblichen Instrumenten; der exzessive Gebrauch von Drogen, Alkohol oder Nahrungsmitteln kann ebenfalls Schaden verursachen.

Oft beginnt die Selbstverstümmelung als impulsive, selbstbestrafende Handlung, aber mit der Zeit wird sie zu einer einstudierten, ritualistischen Handlungsweise. In diesen Fällen fügt sich der Betroffene an Körperbereichen Verletzungen zu, die von Kleidung bedeckt sind, was wiederum auf die ungeheure Ambivalenz der Borderline-Persönlichkeit hindeutet: Sie fühlt sich gezwungen, sich auffallend selbst zu bestrafen, verdeckt aber sorgfältig die Beweise.

Wer bin ich? 
6. Kriterium: Auffällige und andauernde Identitätsstörungen, die sich mindestens durch zwei der folgende Anzeichen manifestieren: Selbstbild, sexuelle Orientierung, Langzeitziele oder Berufswahl, Art der gewünschten Freund, bevorzugte Werte.

Der Borderline-Persönlichkeit fehlt ein konstantes Identitätsgefühl, genau wie ihr eine ständige Grundkonzeptualisierung anderer fehlt. Der Betroffene akzeptiert die eigene Intelligenz, Attraktivität oder Sensibilität nicht als konstante Züge, sondern eher als vergleichbare Qualitäten, die immer wieder neu verdient und im Vergleich mit anderen beurteilt werden müssen. Die Borderline-Persönlichkeit hält sich beispielsweise nur aufgrund eines gerade durchgeführten Intelligenztest für intelligent. Am nächsten Tag wird sie sich wieder für "dumm" halten, wenn sie einen "blöden Fehler" macht. Eine Frau, die unter dem Syndrom leidet hält sich nur für attraktiv, bis sie eine Frau sieht, die sie für hübscher hält; sofort fühlt sie sich wieder hässlich.

Für die Borderline-Persönlichkeit ist die Identität auf einer Kurve abgestuft. Wer sie heute ist (und was sie tut) bestimmt ihren Wert, mit wenig Rücksicht auf das, was vorher war. Die Borderline-Persönlichkeit ruht sich nie auf ihren Lorbeeren aus. Wie Sisyphus ist sie dazu verurteilt, den Felsblock immer wieder den Berg hinaufzurollen, weil sie sich ständig neu beweisen muss. Selbstachtung erhält sie nur, wenn sie andere beeindruckt; anderen zu gefallen wird also für die Liebe zu sich selbst wichtig.

Der Kampf der Borderline-Persönlichkeit, sich eine beständige Identität zu schaffen, steht in Beziehung zu dem vorherrschenden Gefühl von Unechtheit - das immer vorhandene Gefühl, anderen "etwas vorzumachen". Die meisten von uns erleben dieses Gefühl irgendwann ein mal im Leben. Wenn wir eine neue Stellung annehmen, versuchen wir eine Aura von Wissen und Zutrauen um uns zu verbreiten. Wenn wir Erfahrung gewonnen haben, wird dieses Zutrauen mit der Zeit immer echter, weil man das System kennen gelernt hat und niemandem mehr etwas vormachen muss. 

Die Borderline-Persönlichkeit erreicht diesen Punkt nie. Sie hat ständig das Gefühl, anderen nur etwas vorzumachen, und hat furchtbare Angst davor, dass sie früher oder später "ertappt" wird. Dies ist besonders dann der Fall, wenn der Betroffene erfolgreich ist - der Erfolg scheint deplaziert und unverdient.

Dieses chronische Gefühl von Nicht-Authenzität hat seinen Ursprung wahrscheinlich in der Kindheit. Der Betroffene wächst vor Auftreten des Syndroms oft mit einem Gefühl von Unechtheit auf, was auf verschiedene Umweltbedingungen zurückzuführen ist - körperlicher oder sexueller Missbrauch, der Zwang, schon als Kind eine Erwachsenenrolle zu übernehmen oder für die eigenen kranken Eltern die Elternrolle zu übernehmen. Das andere Extrem sieht so aus, dass das Kind davon abgehalten wird, heranzureifen und sich von den Eltern zu lösen, so dass es in einer abhängigen kindlichen Rolle gefangen ist, obwohl die Zeit für die Ablösung bereits vorüber ist. In all diesen Situationen entwickelt der Betroffene nie ein getrenntes Ichgefühl, sondern fährt damit fort, eine Rolle zu "imitieren", die ein anderer ihm vorschreibt. Wenn er in dieser Rolle versagt, hat er Angst, bestraft zu werden; ist er dagegen erfolgreich, ist er sich sicher, dass er als Betrüger erkannt und erniedrigt werden wird.

Unrealistische Versuche, einen Zustand von Perfektion zu erreichen, sind oft Teil des Borderline-Musters. Beispielsweise wird eine Betroffene, die unter Anorexia nervosa leidet, versuchen, ihr Gewicht ständig gering zu halten, und ist völlig verstört, wenn sie nur ein Pfund zugenommen hat, obwohl ihre Erwartung völlig unrealistisch ist. Da die Betroffene sich als statisch wahrnimmt, statt in einem dynamischen Zustand der Veränderung, kann sie jede Abweichung von diesem unbeweglichen Selbstbild als vernichtend empfinden.

Umgekehrt kann die Borderline-Persönlichkeit Befriedigung in der entgegengesetzten Richtung suchen - durch den häufigen Wechsel von Beruf, Karriere, Zielen, Freunden und manchmal sogar des Geschlechts. Durch eine Änderung der äußeren Situationen und durch drastische Veränderungen des Lebensstils hofft sie, innere Zufriedenheit zu erlangen. Einige Fälle der sogenannten "Midlife-Crisis" oder der "männlichen Wechseljahre" stellen den extremen Versuch dar, die Angst vor der Sterblichkeit abzuwehren oder mit Enttäuschungen im bisherigen Leben fertig zuwerden. Ein Jugendlicher, der von dem Syndrom betroffen ist, wechselt vielleicht ständig seine Clique, wobei er alle möglichen Brandbreiten durchläuft, weil er hofft, ein Zugehörigkeitsgefühl zu erreichen und angenommen zu werden. Selbst die sexuelle Identität kann für den Betroffenen eine Quelle der Verwirrung sein. Einige Autoren haben ein verstärktes Auftreten von Homosexualität, Bisexualität und sexuellen Perversionen unter den Borderline-Patienten festgestellt.

Sekten, die mit dem Versprechen bedingungsloser Annahme, einem strukturierten sozialen Rahmen und einer festumrissenen Identität werben, ziehen die Borderline-Persönlichkeit besonders stark an. Wenn die Identität des einzelnen und sein Wertsystem mit dem der annehmenden Gruppe verschmilzt, erhält der Führer der Gruppe ungeheure Macht, die so weit gehen kann, dass er seine Anhänger dazu bringt, seine Handlungen nachzuahmen, selbst wenn sie mit dem Tod enden.

Immer halb leer
7. Kriterium: Chronische Gefühle von Leere und Langeweile.

Die Borderline-Persönlichkeit der eine Grundidentität fehlt, erfährt häufig schmerzliche Einsamkeit, die sie motiviert, nach Möglichkeiten zu suchen, diese "Löcher" zu füllen. Die Berichte vieler Betroffener ähneln der fast körperlichen Empfindung, die Graham Greene in Eine Art Leben beschreibt: "Die Langeweile schien im Kopf wie ein Ballon anzuschwellen; unter der Schädeldecke entstand ein Druck; manchmal hatte ich Angst, dass dieser Ballon zerplatzen und ich meinen Verstand verlieren würde."

Natürlich haben viele Autoren Leere und Langeweile als typische Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet, und hier soll nicht der Versuch unternommen werden, die psychologischen Folgen zu untersuchen. es genügt wohl, wenn wir sagen, dass die suche nach einer Erleichterung der Langeweile für die Borderline-Persönlichkeit meistens in impulsiven Unternehmungen, destruktiven Handlungen und enttäuschenden Beziehungen endet. In vielerlei Hinsicht sucht der Betroffene nicht wegen der positiven Aspekte nach einer neuen Beziehung oder Erfahrung, sondern um dem Gefühl der Leere zu entgehen. Er stellt dabei die existentiellen Schicksale der Charaktere dar, die von Sartre, Camus und anderen Philosophen beschrieben werden.

Die Borderline-Persönlichkeit erfährt häufig eine Art existentieller Angst. Dies kann ein großes Hindernis bei der Behandlung sein, denn sie zapft die motivierende Energie an, die nötig ist, um gesund zu werden. Aus diesem Gefühlszustand entstehen viele andere Symptome der Erkrankung. Ein Selbstmord kann die einzige rationale Reaktion auf einen immerwährenden Zustand von Leere sein. Das Bedürfnis, die Leere zu füllen oder die Langeweile zu erleichtern, kann zu Zornausbrüchen, selbstschädigender Impulsivität und Stimmungsschwankungen führen, die dazu dienen sollen, irgendeine Gefühlsempfindung hervorzurufen.

"Andere richten sich nach mir, also bin ich"
8. Kriterium: Verzweifelte Bemühungen, die reale oder eingebildete Angst vor dem Verlassenwerden zu verhindern.

Ähnlich wie ein Kind nicht zwischen der zeitweiligen Abwesenheit der Mutter und ihrer "Auslöschung" unterscheiden kann, erfährt die Borderline-Persönlichkeit zeitweiliges Alleinsein oft als immerwährende Isolation. Der Betroffene bekommt aufgrund seiner wirklichen oder eingebildeten Angst, von für ihn wichtigen Menschen verlassen zu werden, starke Depressionen. Schließlich wird er gegenüber der Welt (oder irgendeinem gerade erreichbaren Menschen) von Zorn erfasst, da ihm diese grundlegende Erfüllung versagt wird.

Besonders wenn der Betroffene allein ist, kann er die Empfindung, zu existieren und sich wirklich zu fühlen, verlieren. Er richtet sich nicht nach Descartes Existenzprinzip "Ich denke, also bin ich", sondern lebt nach einer Philosophie, die eher folgendem Satz ähnelt: "Andere richten sich nach mir, also bin ich."

Der Theologe Paul Tillich schrieb, dass "Einsamkeit nur von denen überwunden werden kann, die Alleinsein ertragen können." Da es der Borderline-Persönlichkeit so schwer fällt, Alleinsein zu ertragen, ist sie in einer anhaltenden metaphysischen Einsamkeit gefangen, für die die einzige Erleichterung die körperliche Gegenwart anderer ist. Der Betroffen eilt in Single-Bars oder an andere belebte Orte.

Was ist eine "emotional instabile Persönlichkeitsstörung" ?

Eine Störung der Persönlichkeit mit deutlicher Tendenz, Impulse auszuagieren ohne Berücksichtigung von Konsequenzen, und wechselnder, launenhafter Stimmung. Die Fähigkeit, vorauszuplanen, ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu oft gewalttätigem und explosiblem Verhalten führen, dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden. Zu diesen "emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen" zählt auch die Borderline-Störung:

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Typus:
Einige Kennzeichen emotionaler Instabilität sind vorhanden, zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und «innere Präferenzen» (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen führen mit Suiziddrohungen oder selbstbeschädigenden Handlungen (diese können auch ohne deutliche Auslöser vorkommen).



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