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Leseprobe aus der Kurzgeschichte "Die Nachbarin", erschienen in der Anthologie Nachts, wenn alle schlafen, erschienen im Erlenbach-Verlag :

 Meine Nachbarin weiß nicht, dass ich sie regelmäßig beobachte.
  
Aber genau das tue ich. Nacht für Nacht. Meine kleine private Peepshow, könnte man sagen. Nur für mich ganz allein. Und das ist nicht übertrieben.
   Wie ich kommt sie jeden Morgen
gegen vier Uhr nach Hause. Immer um die gleiche Zeit. Aber wahrscheinlich arbeitet sie ganz bestimmt nicht als Wachmann. Welcher Wachmann – oder welche Wachfrau – trägt bitteschön High Heels, einen knallengen Rock und ein Hauch von Stoff über seinen unglaublich heißen Kurven, die man nur mit sehr viel Fantasie als Top bezeichnen kann?
   Sehen Sie!
   Aber vielleicht ist sie auch so was wie eine … Undercoveragentin. Oder die Moderatorin einer Late-Night-Show auf einem dieser kleinen Lokalsender, wer weiß das schon?
  
Blödsinn. Wem will ich hier eigentlich was vormachen? Wer so aussieht und solche Sachen trägt, der kennt sich entweder mit goldenen Stangen, die auf der Bühne eines verrauchten Schuppens stehen, oder mit gebrauchten Matratzen aus, die den Mittelpunkt eines kleinen Zimmers bilden, das Teil eines Etablissements ist, das nur vordergründig Exotische Massagen anbietet. Sie wissen schon.
   Wie jeden Tag platziere ich den Stuhl am Fenster meines Arbeitszimmers und nehme Platz. Noch immer trage ich meine Uniform. Selbst den Halfter mit der Pistole habe ich nicht abgenommen. Vorsichtig ziehe ich die Vorhänge beiseite. Ganz im Dunkeln natürlich.
  
Die Show beginnt.
   Während ich den Karton mit gedünsteten Nudeln langsam öffne, den ich von Lee Sun’s Chinese Place mitgebracht habe (Gott segne die Schnellimbisse und ihre Öffnungszeiten), geht im Nachbarhaus in der Küche das Licht an. Und da ist sie auch schon – Rosita.
  
Jetzt fragen Sie sich bestimmt, woher ich ihren Namen weiß.
   Ganz einfach: Ich habe bei ihr angerufen. Nachdem ich vor ihrer Haustür gestanden habe und feststellen musste, dass an der Klingel kein Namensschild angebracht worden war.
   Warum ich nicht geklingelt habe? Das frage ich mich seitdem auch.
   Aber seit Lola mich verlassen hat, ist es irgendwie anders für mich. Als wäre ein Draht gerissen oder so was in der Art. Früher war es kein Problem für mich gewesen, eine attraktive Frau einfach so anzusprechen. Kein Scherz – früher war ich ein echter Womanizer. Aber seit dem unerwarteten Abgang meiner Freundin geht es einfach nicht mehr; ich weiß auch nicht, warum. Außerdem hab ich seit jenen Tagen auf dem Kopf abgenommen und dafür an den falschen Stellen zugelegt.
   Warum sollte sich also eine rassige Latino-Schönheit mit mir abgeben?
   Aber damals, als ich ihre sanfte, sexy Stimme hören konnte, nachdem ihr Anrufbeantworter angesprungen war, da war ich nur noch ein winziges Stückchen davon entfernt, ihr aufs Band zu sprechen: Mein Name ist Ted und ich wohne im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite. Und ich würde Sie sehr gerne näher kennen lernen. Vielleicht könnten wir uns mal zu einer Tasse Kaffee treffen. Und miteinander reden.
   Wie gesagt – ein winziges Stückchen.
   Denken Sie jetzt aber bloß nichts Falsches über mich. Eigentlich bin ich ein ganz normaler Kerl. Und die Tatsache, dass ich Nacht für Nacht in die Wohnung einer fremden Frau blicke und ihrer Besitzerin nachgaffe, heißt noch lange nicht, dass ich einer von diesen komischen Kerlen bin. Sie wissen schon – ein Freak. Die Sorte von Mensch, die die Stimme ihrer längst toten Mutter im Kopf hören kann und leidenschaftlich gern in Frauenkleidern Tiere ausstopft. Die gerne gedünstete Menschenorgane in Begleitung mit einem edlen Tropfen italienischen Wein genießt. Solche Typen eben.
   Nein, so jemand bin ich ganz bestimmt nicht.
  
Die Nudeln sind mal wieder lecker. Gut gewürzt, aber nicht scharf. So wie ich sie am Liebsten mag.
   In ihrer Küche füllt Rosie gerade ein Glas mit Leitungswasser. Als sie den Kopf in den Nacken legt und trinkt, präsentiert sie mir ihre makellose Front, die wohl selbst der begnadetste Bildhauer nicht besser hingekriegt hätte.
   Ihre hellbraune Haut glänzt im Licht der Lampen. Ihr Top ist etwas in die Höhe gerutscht und offenbart einen perfekt durchtrainierten Bauch mit einem gepiercten Bauchnabel, für den »Mann« glatt eine Todsünde begehen würde. Deutlich zeichnen sich ihre perfekten Brüste unter dem Stoff ab. Die Brustwarzen sind erigiert. Ihr langes, rabenschwarzes Haar fällt wie ein Vorhang nach unten.
   »Mein Gott«, murmle ich. Die Essstäbchen mit den Nudeln verharren vor mir in der Luft, und erst Augenblicke später fällt mir wieder ein, dass ich ja eigentlich hungrig bin.
   In der Nachbarküche geht das Licht aus. Kurz darauf schaltet Rosie die Stehlampe in ihrem Schlafzimmer ein.

(c) 2005 Torsten Scheib

 

Leseprobe der Kurzgeschichte "Ein Gegenmittel", erschienen in der Anthologie "Frieden"  (Website-Verlag):

Die breitschultrigen Männer mit den dunklen Anzügen, Sonnenbrillen und Tazer-Pistolen traten zur Seite.Vor Rutherford und Blair stand nun Antonow. Auch in seinem Gesicht konnte man Erschöpfung und Schlafmangel deutlich erkennen. Dennoch lächelte er.

Mit abgehakten Sätzen und atemloser Stimme stellte er sich vor. "Es mag sich jetzt vielleicht ... vielleicht komisch anhören, aber ich denke, dass ich ... eine Lösung für dieses ... dieses Problem gefunden habe."

Bevor Rutherford oder Blair etwas sagen konnten, war Antonow bereits an ihnen vorbeigehuscht und bediente sich am Wasserspender. Als er fertig war, landete sein Becher neben dem zerdrückten des Präsidenten. Mit dem Ärmel seines Kittels fuhr er sich über die Lippen, ehe er an Rutherford vorbeischritt, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. "Folgen Sie mir bitte."

Nur zögernd ging Rutherford auf die Bitte ein. Gemeinsam mit Antonow ging er zu einem der Betten. Schwach zitternd, lag dort ein junger Mann, den Rutherford für nicht viel älter als fünfundzwanzig einstufte. Sein ganzer Körper vibrierte leicht wie die feine Saite einer Harfe. Er sah ausgezehrt aus, wie die meisten Opfer der Krankheit. Zwei Infusionen waren an ihn angeschlossen, ebenso mehrere Kontakte, die zu einem EKG-Gerät führten. Man musste kein Experte sein, um zu erkennen, dass die Werte alles andere als gut waren. Kritisch war eigentlich das passendere Wort dafür. Aus seiner Kitteltasche holte Antonow zwei V-förmige Instrumente hervor, die entfernt an Pinzetten erinnerten. An beiden Enden befanden sich jeweils zwei winzige Haken. Routiniert öffnete er die Augen des jungen Mannes und setzte die Instrumente ein.

Als er fertig war, blickten zwei emotionslose, starre Augen zu ihm und Rutherford auf. Fragend schaute der Präsident zu dem Wissenschaftler. Sogleich zog dieser einen kleinen Bildschirm hervor.

Im Hintergrund warteten Blair und die Sicherheitsleute gespannt.

"Was immer jetzt auch passieren mag - tun Sie um Himmels Willen nichts! Sehen Sie einfach nur zu, okay?" Antonow drückte einen Knopf an dem Apparat und hielt ihn vor das Gesicht des kranken Mannes ...

(C) 2005 Torsten Scheib

 

Leseprobe meiner Kurzgeschichte "An einem heißen Nachmittag" aus der Anthologie "Gluthitze" , erschienen bei Edition Ponte Novu:



16: 57 Uhr
Seine Augen kleben an den Zeigern der Wanduhr wie das durchgeschwitzte Hemd an seinem Körper. Warum geht das nicht schneller?, fragt er sich, während er sich mit dem Handrücken den widerlichen, klebrigen Schweiß von der Stirn wischt. Obwohl es im Büro angenehme zweiundzwanzig Grad hat, hat Jo das Gefühl, als befände er sich inmitten einer Sauna - in voller Wintermontur. Selbst die Deckenventilatoren und der Ventilator vor seinem Schreibtisch können ihm nicht helfen.
Endlich - siebzehn Uhr. Stöhnend lehnt sich Jo in seinem Bürosessel zurück und schaltet den Computer aus. Er ist der erste, der heute das Gebäude ver-läßt. Der alte Knacker vom Empfang schenkt ihm einen mürrischen Blick. Es ist ihm scheißegal.

17:12 Uhr
»Warum ziehen Sie nicht gleich ein?«
Die Stimme reißt ihn in die Gegenwart zurück. Verwirrt starrt Jo seine Hand an, die den Griff der Tür festhält. Kleine Nebelwolken wallen aus dem Innern der Tiefkühltruhe, die bis oben hin vollgestopft ist mit gefrorenen Fertiggerichten aller Art.
Langsam, fast in Zeitlupe, dreht Jo den Kopf. Wortlos blickt er die alte Vet-tel an, die ihm einen wütenden Blick zuwirft.
»Was haben Sie vor? Wollen Sie hier stehenbleiben und den ganzen Verkehr aufhalten?«
»Welchen Verkehr?«, ist Jo versucht zu sagen, doch er hält die Klappe. Statt dessen schnappt er sich irgendeine Packung aus dem Kühlregal und schmeißt sie in seinen Einkaufswagen. Obwohl er die giftigen Blicke der Alten auf seinem Rücken fühlen kann, dreht er sich nicht um, sondern geht weiter; einen verträumten Blick in seinen Augen. Über ihm ertönt irgendeine bekannte Melodie, gespielt von Synthesizers und Geigen. Ohne sich dessen bewußt zu sein, summt er mit.
Vier Minuten später ist alles anders. Gerade als er im Gewürzregal nach einem Glas mit getrockneten Kräutern der Provence greifen will, spürt er wieder dieses Gefühl - das gleiche, das ihn vorhin minutenlang in der geöffneten Tür des Kühlregals hat verharren lassen.
...

 

(C) 2004 Torsten Scheib

Leseprobe aus der Kurzgeschichte "Das Ritual", erschienen im Rahmen der Anthologie "Mystisches Mittelalter":

Nebel lag über den Weizenfeldern. Neugierig blickte der Mond durch die grauen Wolkenfetzen am sternenlosen Himmel. Hinab auf den verhüllten Reiter und das Pferd, das ihn trug. Feuchte Erde wurde von den gewaltigen Hufen in die Höhe geworfen. Der heisse Atem des Tiers entstieg durch seine Nüstern in Form weiterer, wesentlich kleinerer Nebelschwaden.
Raniels grau-blaue Augen sahen sich wachsam nach allen Seiten um. Eine Woge der Aufregung und auch der Angst erfasste seinen Körper. Obwohl er in den vergangenen Tagen und Nächten, denen er ihnen gefolgt war, nur sehr wenig Schlaf gefunden hatte, fühlte sich Raniel trotzdem hellwach. Seine Sinne waren so scharf wie das Schwert, das er unter seiner braunen Stoffrobe trug.
Aus dem Unterholz am rechten Strassenrand tauchte schreiend eine Gestalt auf. Wie Raniel auch, verbarg sie ihre Züge hinter einer Kapuze. Breitbeinig präsentierte der Fremde sein Schwert.
Ein finsteres Lächeln erschien auf Raniels Zügen. Schnell zog er am Zügel und der Ritt des Pferdes erstarb. Mit Schwung warf sich Raniel vom Sattel, dabei gleichzeitig seine Waffe ziehend. Die Wucht des Angreifers hätte ihn fast von den Beinen geworfen, doch Raniel blieb standhaft. Mit einem markerschütternden, metallischen Klirren trafen die beiden Schwerter funkensprühend aufeinander. Ohne zu zögern, erwiderte Raniel die Attacke … einmal, zweimal, dreimal. Immer weiter drängte er seinen Angreifer zurück, bis der Augenblick schliesslich günstig war. Ohne zu zögern, schlug Raniel dem Fremden den Kopf von den Schultern

(C) 2004 Torsten Scheib

Leseprobe aus der Kurzgeschichte "Gut für dich, gut für mich", erschienen im Rahmen der Anthologie "Die Wasser der Zukunft" in der Edition Ponte Novu:

»Ich wurde von der Abteilung für Hygiene und Gesundheit als unbedenklich eingestuft und freue mich, Ihnen helfen zu dürfen! Sollten Ihnen dennoch Mängel auffallen, so bitten wir um sofortige Verständigung mittels der be-kannten Service-Nummer.«
Während der jugendliche Verkäufer die Waren scannte und sie schließlich einzeln in luftdicht versiegelte Plastikfolien steckte, las Kevin das Schild am Revers des Jungen. Soviel Schrift auf so einem kleinen Schild, dachte er, ehe ihn die schrille Stimme des Verkäufers aus allen Gedanken riß.
»Das macht dann siebzehn Doller und einundneunzig Cent. Mit welcher Karte möchten Sie zahlen? Citizen- oder CitizenPro?«
»Citizen«, antwortete Kevin und zog die Karte aus seiner Geldbörse. Er mußte an die Dokumentation denken, die er vor ein paar Tagen gesehen hat-te. Als man noch mit echtem Geld bezahlt hatte. Einfach widerlich. Allein schon der Gedanke, durch wie viele Hände solch ein bedrucktes Stück Pa-pier bereits gegangen sein mußte, ehe man es selbst in Händen hielt, war ein Alptraum. Ganz abgesehen von der Tatsache, daß man jederzeit ausgeraubt werden konnte; ganz egal, wo man sich befand.
Solche Probleme gehörten mittlerweile längst der Vergangenheit an. Seit dem Verbot von Papiergeld und der Einführung der Citizen-Cards gab es nur noch digitale Währungen - und zusätzlich die wohl sicherste Art der Über-weisung.
»Wenn Sie dann bitte den Iris-Scan vornehmen würden.« Mit einem breiten Lächeln auf seinem knabenhaften Gesicht drückte der Verkäufer eine Taste neben der Kasse und ein CombiPay-Gerät wuchs vor Kevin in die Höhe. Gleich nachdem er seine Citizen-Card durch den Schlitz gezogen hatte, steckte Kevin seinen Kopf in die Vorrichtung für den Iris-Scan. Zwei haar-feine, rote Lichtfäden tasteten millimetergenau jede Stelle seines Auges ab und verglichen sie mit den knapp 300 Millionen vorhandenen in der nationa-len Datenbank.
»Positiv!«, verkündete eine glücklich klingende Computerstimme das Resul-tat nur wenige Sekunden später. Lautlos zog sich das CombiPay-Gerät wie-der zurück.
Kevin steckte seine Citizen-Card zurück in die Börse und aktivierte den QuickCleaner, der direkt neben dem CombiPay angebracht worden war.

(C) 2004 Torsten Scheib

Leseprobe aus der Kurzgeschichte "Schwarze Katzen bringen Unglück", erschienen in der Anthologie "Spätlese 2004 - Junge Texte" der Edition Ponte Novu:

Jack Donaghue hatte gerade die Haustür hinter sich geschlossen, als er die Katze sah.
Regungslos saß sie auf der anderen Straßenseite zwischen zwei geparkten Wagen. Sanft bewegte sich ihr Schwanz hin und her, beinahe wie eine Feder im Wind. Ein dunkelbrauner Transporter bog in die Straße ein. Donaghue er-kannte die Kürzel eines Paketunternehmens, als der Wagen an ihm vorbei-fuhr und die Sicht auf die Katze versperrte.
Einen Augenblick später blickte er wieder in die gelben Augen des Tieres.
»Du hast dich lange nicht mehr blicken lassen«, flüsterte Donaghue. Seine Finger umklammerten den Griff seines schwarzen Koffers fester. »Sechs Monate. Seit Carrie mich verlassen hat.«
Die Katze rührte sich noch immer nicht.
Donaghue trat einen Schritt vor; ließ das Tier nicht aus seinen Augen. Sein Herz schlug schneller. Schneller vor Wut auf das Tier und vor... Angst. Welche Gemeinheiten würden heute auf ihn warten?
Es war still geworden auf der Straße. Keine Autogeräusche, keine Stimmen. Nur das Zischen eines Rasensprengers; irgendwo in der Ferne.
»Verliere ich heute einen Arm? Oder ein Bein? Stirbt jemand durch meine Schuld? Was!? Waaas!!?«, schrie Donaghue außer sich. »Welche Gemein-heiten heckst du heute für mich aus?«
Wütend schleuderte er seinen Koffer auf das Tier. Rechtzeitig huschte die Katze davon; schlich sich unter einem Auto hindurch und rannte auf den ge-pflegten Rasen von Mister Date.
Aufgebracht rannte Donaghue über die Straße und hob seinen Koffer auf. »Ich hasse dich!«, schmetterte er der Katze entgegen, die jetzt vor Mister Dates Haustür Platz genommen hatte. »Warum tust du mir das alles nur an? WARUM!?«
Natürlich gab die Katze keine Antwort.
Das hatte sie noch nie getan.
»Irgendwann kriege ich dich«, murmelte Donaghue, während er über die Straße und zu seinem silbergrauen Mercedes ging, der in der Einfahrt neben dem Haus stand. Wie ein Geschoß flog der Koffer durch die offene Wagen-tür, ehe er federnd auf dem Beifahrersitz landete.

(C) 2004 Torsten Scheib

 




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