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El loco oder Das kurze Leben des Toni Hacker
Wären
seine Augen nicht so weit aufgerissen gewesen, hätte man denken können, er
hielte in seinem Rollstuhl eine kurze Siesta. Allerdings hätte man sich in
diesem Falle die Kotze wegdenken müssen, die auf seinem Hemd und auf seinem
nackten Unterleib klebte. Aber
es ist wohl gescheiter, ich fange mit dem Anfang der Geschichte an und nicht
mit dem tragischen Ende. Anton
Friedrich Hacker schob Anfang der 1970er sein damals schon markantes Kinn ins
kalte Licht des Kreißsaales einer Klinik in einer südwestdeutschen Kleinstadt.
Als Baby machte er seinen Eltern ja noch die eine oder andere Freude. Aber als
seine Kumpels ihn alle nur noch „Hacker“ riefen, mit Beginn seiner Schulzeit,
fing der Ärger an. Am
Ende von Hackers schulischer Laufbahn standen auf seinem Konto unzählige
Kloppereien mit Schulkameraden und diverse Sachbeschädigungen auf seinem Konto.
Im Einzelnen erwähnte seine Akte zwei zertrümmerte Tische, diverse zerbrochene
Fenster- und Türscheiben, etliche unbrauchbar gemachte Stühle, eine zerkratzte
Wandtafel, einen durchlöcherten Globus, einen explodierten Chemiesaal, drei
zertrümmerte Urinale in der Schultoilette und das in Flammen aufgegangene
Inventar eines Lehrerzimmers. Dazu waren bei seinen Mitschülern und
Mitschülerinnen Körperverletzungen aller Art zu beklagen: ausgeschlagene Zähne,
drei gebrochene Finger, mehrere blutunterlaufene Augen, zwei gebrochene
Nasenbeine, ein defektes Handgelenk und
nicht zu vergessen das durchgetretene Schienbein eines Musiklehrers. „Der
Idiot sagte zu mir, ich sei so musikalisch wie eine Klospülung“, verteidigte
sich Hacker. Seine
Vorstellungen, wie die Welt zu funktionieren hatte, deckte sich in den
seltensten Fällen mit der Auffassung der Menschen in seinem Umfeld. Er mochte keine Diskussionen, und wer das
nicht begriff, machte sehr schnell Bekanntschaft mit seiner Faust, oder seinem
Fuß. Er war klein, drahtig, laut und asozial – aber nicht dumm. Immerhin
schaffte er trotz aller Differenzen mit seinen Pädagogen den Realschulabschluss. Seine
Mutter hatte zum ersten Mal den Verdacht, dass ihr Sohnemann vielleicht doch
anders war als andere, als sie ihn eines Abends im Badezimmer erwischte. Und
danach noch zwei, drei Mal. Nämlich dabei, wie er seine Füße im Waschbecken reinigte.
Hacker war früh morgens stockbesoffen nach Hause gewankt und sofort im Bad
verschwunden. Dort entledigte er sich seiner Schuhe, der Hose und den Socken.
Dann schwang er einen Fuß hoch ins Waschbecken und wusch ihn. Danach den
zweiten. Dieses Reinigungsritual führte er ausschließlich in betrunkenem
Zustand aus. Bei der Frage warum, zuckte er nur mit den Schultern. Dass er bei
dieser Übung mehr als ein Mal hart auf dem Badezimmerboden aufschlug, tat
seiner Neigung keinen Abbruch. Toni
wurde älter, ruhiger und landete – keiner wusste genau warum – in einer
Elektrikerlehre. Seinem Ausbilder an der Berufsschule war er sogar zu ruhig.
Das lag wahrscheinlich daran, dass Hacker einen ausgeprägten Hang zur
Selbstüberschätzung hatte. Er schaute sich kaum ein Lehrbuch an und fiel im
Unterricht meist dadurch auf, dass er nicht auffiel. Hinter seinem Vordermann
versteckt vor sich hin dösend, ließ er die Stunden an sich vorüberziehen. Cannabis
machte ihn nicht nur hungrig, sondern auch müde. „Hacker,
Sie haben ja nicht mal den Schimmer von einem Schatten von einer Ahnung, Sie
Bananenschüttler!“ Dies
war der Standardsatz seines Lehrmeisters. Der Ärmste versuchte trotz aller
Fehlschläge, Toni Hacker zu einem, wenigstens entfernt brauchbaren, Elektriker
zu schulen. Und
Hacker kriegte wieder mal die Kurve und schaffte die Gesellenprüfung. Aber
Schlitze kloppen und Strippen ziehen - das war ihm zu langweilig. Zerstreuung
suchte er in Alkohol und Drogen. Dies schadete seiner Zuverlässigkeit und er
verlor seine Jobs schneller, als er neue finden konnte. Eines Tages brachte ihn
ein Bekannter bei einem Dachdecker unter. Dort machte er Helferdienste, wobei
ihm seine Höhentauglichkeit zugute kam. Der herzhafte Umgangston unter den
rauen Dachdeckergesellen lag ihm mehr, als die, Zitat: “Schwulen Kupferdrahtklöppler“ des
Elektrikerhandwerks. Doch
nach xmaligem Verpennen, mit erheblichem Restalkoholgehalt im Blut verspätet
zur Arbeit kommen und etlichen Fehltagen, verlor er wiederum eine Anstellung
nach der anderen. Sein loses Mundwerk war ihm dabei eine große Hilfe. Auf diese
Weise benötigte Hacker rund zehn Jahre, um alle Dachdeckerbetriebe im Radius
von dreißig Kilometern um seinen Wohnort herum abzuklappern. Beim
Umgang mit Frauen tat er sich ebenfalls schwer. Da war zunächst seine optische
Erscheinung, die nur wenige Frauen attraktiv fanden. Sein Gang erinnerte den
Betrachter stark an den eines Primaten. Sein Oberkörper schwankte beim Gehen
wie der eines Schimpansen. Sein Gesicht dagegen konnte niemand als hässlich
bezeichnen. Es war – normal. Seine Zähne waren vollständig und weiß und seine
Nase war gerade. Aber wenn er den Mund aufmachte, war es mit dem Wohlwollen
vieler weiblicher Ohrenzeugen dahin. Hacker nuschelte entsetzlich bei einem
viel zu hohen Sprechtempo. Wenn er redete, wurde man an den Schauspieler Klaus
Löwitsch erinnert. Tonis Stimme war rau
und quäkend. Man wurde das Gefühl nicht
los, dass entweder die Zähne der Zunge im Weg waren, oder dass es sich
zumindest umgekehrt verhalten musste. Trotz
all dieser Benachteiligungen fand er Christine. Sie war ein Jahr jünger als er,
und sie sah besser aus, als es für Hacker gut war. Niemand, der die beiden
kannte, begriff, was Christine an Toni Hacker
interessant finden konnte. Aber
wie heißt es so treffend: Liebe macht blind. Jedenfalls
dauerte die Beziehung ungefähr ein Jahr. Dann traf Christine diesen texanischen
Maurer, und weg war sie. Die Sache mit dem Texaner kam so: Hacker hatte sich
angewöhnt, samstags mit ein paar Kumpels saufen zu gehen, wenn noch Geld übrig
war. Christine sah sich das nicht lange an und ging an diesen Samstagen
ebenfalls aus, und zwar zum Tanz. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Jim kennen.
Jim war amerikanischer Soldat, im Zivilleben Maurer und in der Nähe von
Christines und Tonis Wohnung stationiert. Außerdem tanzte er granatenmäßig, und
auf dem Rücksitz seines Wagens zündete er bei Christine in einer Nacht mehr
Raketen, als dies Hacker im Laufe von sechs Wochen im gemeinsamen Bett gelang.
Sie verliebten sich ineinander und als Jim kurze Zeit danach seinen Dienst bei
der Army beendet hatte, nahm er Christine einfach mit über den großen Teich. Christine
blieb die einzige Liebe in Hackers kurzem Leben. Er dachte oft an sie, war aber
davon überzeugt, dass er nichts hätte tun können, sie zurück zu erobern. Diese
Narbe auf seiner Seele bedeutete aber nicht, dass er an sich zu zweifeln, oder
gar zu arbeiten begann. Nein, er erging sich eine lange Zeit in Selbstmitleid
und schüttete alles in sich rein, was nicht schnell genug verdunstete. Und so
kam es, wie es kommen musste. Er konnte seine Miete und sein Telefon nicht mehr
bezahlen. Dazu kamen Schulden für die zusammen mit Christine angeschafften
Möbel und TV- und Musikanlagen. Aber das, was bei Hacker hervorragend
funktionierte, war sein Selbsterhaltungstrieb. Und so nahm er Verbindung zu
seiner Mutter auf und überredete sie, auf seinen Vater einzuwirken, den
Sohnemann wieder zu Hause einziehen zu lassen. Seine
Mutter – und das scheint Müttern in den Genen zu liegen – hielt immer zu ihm und
half ihm immer wieder aus der Patsche. Sie war die einzige Frau in Hackers
leben, auf die er sich tausendprozentig verlassen konnte. Sein
Vater hatte im Grunde auch ein weiches Herz, doch vermied er in jener
chaotischen Zeit jeden Kontakt mit seinem Filius. Wahrscheinlich auch, um sich
selbst vor einem Herzinfarkt zu schützen. Nach
langen Diskussionen in Hackers Elternhaus, stimmte der Senior unter der Voraussetzung zu, dass Toni
innerhalb eines Monats eine Stelle entweder als Elektriker, oder als Dachdecker
vorzuweisen habe. Sollte ihm dies nicht gelingen, so Papa Hacker, solle er sich
bei einer der vielen Leiharbeitsfirmen verdingen. „Du
hast innerhalb von vier Wochen irgend eine Art von Arbeit, oder du bist wieder draußen“, trumpfte Hacker Senior auf.
„Deinen Verdienst lässt du auf mein Konto überweisen. Davon gehen die Miete und
was für Essen, Trinken und Wäsche ab. Vom Rest regele ich deinen Schuldenabbau.
Du kriegst von mir ein Taschengeld. Verstanden?“ Hacker
krächzte: “Ja, natürlich, geht klar“. Dann fraß er den Kühlschrank seiner Alten
leer - er hatte seit fast vierzehn Tagen nichts Richtiges mehr in den Magen
bekommen - und schlief zwölf Stunden am Stück. Drei
Wochen später unterschrieb er bei einer Zeitarbeitsfirma einen befristeten
Arbeitsvertrag. „Sobald
wir eine Stelle für Sie als Elektriker haben, werden sie in Ihrem Beruf
eingesetzt“, erklärte der Mitarbeiter der Firma und fragte nach Hackers
Schuhgröße. „Zunächst
benötigen wir Ihre Arbeitskraft als Lagerarbeiter in der Schokoladenfabrik
Valery & Blanc, wo sie morgen früh
um sieben anfangen werden“. Hacker
krächzte: „Ja, natürlich, geht klar. Einundvierzig“. Der
Disponent kramte in einem Wandschrank und drückte Hacker einen Karton in die
Hand. „Die müssten passen“. Hacker
schaute sich die Treter nicht mal an. Er wollte nur schnell weg. Er warf seine
Kopie des Arbeitsvertrages in die Schuhschachtel, klemmte diese unter den Arm und verließ das Büro. Die
Arbeit in der Fabrik war zwar nicht das Gelbe vom Ei, ebenso wenig der karge
Lohn von sieben Euro achtunddreißig die Stunde, aber Hacker begriff schnell,
und wenn er nüchtern war, war die abgelieferte Arbeit auch o.k. Es
ist paradox, aber oft zu beobachten, dass Menschen, die extrovertiert und
unangepasst sind, bei ihren Vorgesetzten einen Stein im Brett haben. So war es
auch hier. Hacker kam des öfteren zu spät zur Arbeit und machte auch den einen
oder anderen vermeidbaren Fehler. Aber außer einem Grummeln war seinem
Vorarbeiter kein Kommentar zu entlocken. Hacker
spaltete das Lager seiner Kollegen in zwei Hälften. Die eine Hälfte lachte über
ihn und seine Unverfrorenheiten, und die andere Hälfte drohte ihm ernsthaft
Prügel an, wenn er mal wieder ohne zu fragen einen Schluck aus ihren
Getränkeflaschen genommen hatte, oder zum xten Mal eine Zigarette schnorrte.
Bald nannten ihn die Arbeitskollegen nur noch „el loco“ – der Verrückte. Dass
er diesen Namen nicht zu unrecht hatte, bewies er alsbald. Wie
es so üblich ist, bildete man auch unter den Leiharbeiten der Schokoladenfabrik
Valery & Blanc Fahrgemeinschaften. Der Sprit ist teuer, der Lohn ist
winzig. Hacker lieh sich von einem arbeitslosen Bekannten dessen alten Käfer
und wechselte sich beim Fahren im wöchentlichen Turnus mit einem Kollegen ab.
Unterwegs nahmen sie einen weiteren Kollegen mit. Eines Morgens im November, es war noch stockdunkel, sammelte
Hacker brav beide Kollegen ein und fuhr die etwa vierzig Kilometer bis zur
Fabrik. Dort auf dem Parkplatz angekommen, stiegen alle drei aus und Hacker
fragte, ob noch jemand etwas aus der Bäckerei benötige. Beide Kollegen
verneinten und so ging er alleine in Richtung Bäckerei, die eine Straße weiter,
zirka hundertfünfzig Meter vom Parkplatz entfernt war. Als an diesem Morgen die
Sirene um sieben Uhr zum Arbeitsbeginn dröhnte, war von Hacker keine Spur. Eine
halbe Stunde später fragte der Vorarbeiter die Kollegen, was mit Hacker sei. Die
antworteten wahrheitsgemäß, dass dieser noch Brötchen kaufen wollte. Daraufhin
schien sich der Vorarbeiter ernsthafte Sorgen um seinen vermissten Mann zu machen,
denn er schickte Leute aus, die sich auf dem Gelände umschauen sollten. Man
suchte auf den Toiletten und zwischen den Regalen des großen Lagers. Man
schaute in jeden Winkel. Nichts! Hacker war nicht zu finden. Es war schon
besorgniserregend, denn auf dem Parkplatz stand aber immer noch sein Wagen. Der
Vorarbeiter rief bei der nächsten Polizeistation an und schilderte den Vorfall.
Kurz darauf erklärte er zwei Polizeibeamten in seinem Büro, was sich zugetragen
hatte. Die Polizisten durchkämmten daraufhin ebenfalls das Lager und das
umliegende Gelände. Sie gingen zur Bäckerei und befragten die Verkäuferin. Da
nur zwei Minuten von dem Laden entfernt der Bahnhof lag, sahen sie sich auch
dort um. Aber von Hacker war keine Spur zu entdecken. Es
war nachmittags gegen 14.30 Uhr, als bei einem Kollegen das Handy klingelte.
Hacker rief an, und erklärte seinem verblüfften Mitfahrer, dass er an diesem
Morgen noch soviel Restalkohol intus gehabt hätte, dass er es für besser hielt,
nicht zu arbeiten und deshalb mit dem Zug nach Hause zu fahren. Ein Phänomen an el locos Erscheinung war,
dass seine Sprache und seine Gestik, sowohl im nüchternen, als auch berauschten
Zustand den Eindruck erweckten, als sei er betrunken. Einzig seine Zombie-Augen
und sein aschfahler Teint hätten dem Beobachter verraten können, dass er zuviel
Alkohol im Blut hatte. An jenem Morgen war es zu dunkel, als dass jemand
misstrauisch hätte werden können. Es
gab Kollegen, die sich nach dieser Sache vor Lachen die Hose nass machten. Es
gab aber auch welche, die Hacker im Geiste den Hals umdrehten. Sein
Vorarbeiter gehörte zu der ersten Sorte. El
loco hatte zu Geld das gleiche Verhältnis, wie du und ich zur Krätze: Er
versuchte die Knete so schnell wie möglich loszuwerden. Sobald sein Lohn auf
dem Konto war, ließ er es sich etwa acht bis zehn Tage gut gehen. Dann war
wieder Ebbe. Er liebte es, wenig Brot mit viel Wurst zu essen, danach noch eine
Tafel Valery & Blanc – Mandel-Nuss und am Feierabend viel Wodka, mit Bier
verdünnt. Dazu rauchte er Kette. Nach nicht einmal zwei Wochen Opulenz war er
regelmäßig blank. El loco war nicht dick. Er neigte trotz seiner Fressattacken
eher zur Magerkeit. Kein Wunder, wenn er einen halben Monat hungerte. Aber tief
in ihm drin, in seinen Blutbahnen und Gefäßen lauerte ein gefährlicher Feind.
Sein Blutdruck siedelte sich ob des unsoliden Lebenswandels dauerhaft in
lebensbedrohlichen Höhen an. Hacker kannte das Risiko. Wenn er zu Hause über
Kopfschmerzen und Schwindelgefühl klagte, legte ihm sein Vater wortlos dessen
eigenes Blutdruckmessgerät auf den Tisch. Hacker senior kannte die Symptome
sehr genau, da er auch zu den Hypertonikern gehörte. El loco legte die
Manschette an und versprach, nachdem er das Ergebnis abgelesen hatte, schon
morgen zum Arzt zu gehen. Aber er gehörte zu der Sorte Mensch, die zwar wissen,
wo sie Prioritäten setzen sollten, aber dazu meistens den Arsch nicht hoch
kriegen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der Anfang vom Ende
eintreten sollte. An
einem Mittwochmorgen kurz vor der Neun-Uhr-Pause überkam Hacker eine starke
Übelkeit. Er konnte nicht mehr richtig sehen und alle Kraft wich aus seinen
Beinen. Sein Puls raste, und Schweiß trat auf seine Stirn. Als
er in den Krankenwagen geschoben wurde, hatte er bereits das Bewusstsein
verloren. Vierundzwanzig Stunden später kam er wieder zu sich. Aber Anton „el
loco“ Hacker konnte nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen und er sabberte
schlimmer als ein Säugling. Sein Körper war siebenunddreißig Jahre alt und
kaputt. Er
blieb vierzehn Tage in der Klinik und musste haufenweise Tests über sich
ergehen lassen. Ein junger Arzt trat an Hackers Bett und teilte ihm mit, dass
man ihn nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandeln werde, dass er sich
aber trotzdem auf ein Leben als Behinderter einstellen sollte. Als der Arzt
gegangen war, drückte Hacker seinen Kopf in das Kissen und flennte eine halbe
Stunde lang. El
loco war nur noch ein Häufchen Elend. Beide Beine waren gelähmt. Seine Blase
und sein Darm gehorchten ihm nicht mehr. Den rechten Arm konnte er nur mit
großer Anstrengung ein Stück anheben. Mit der Hand zugreifen ging gar nicht
mehr. Die linke Hand konnte leichte Dinge festhalten, wie zum Beispiel ein
Taschentuch, wobei sie stark zitterte. Ohne Hilfe etwas zu trinken war ihm nur
mit äußerster Konzentration möglich. Mit der professionellen Unterstützung
eines Logopäden versuchte er zu lernen, ein paar einfache Wörter so deutlich zu
artikulieren, damit er wenigstens seinen Wünschen und seinem Befinden verbalen
Ausdruck verleihen konnte. Sein rechter Mundwinkel hing etwas herab, weshalb er
ständig Speichel abwischen musste. Das rechte Auge war fast vollständig
geschlossen, das linke Augenlied hing ein wenig herab. Somit
hatte die Stimme von Klaus Löwitsch den
Blick von Karl Dall. Damit
war sein physischer Status beschrieben. Sein Geist aber schwankte hin und her
zwischen Suizidgedanken und Trotzhaltung. Nach
der Reha begann Hackers Vater, das Haus rollstuhlgerecht umzubauen. Da
er kein geselliger Mensch war, und die gesamten Umbaumaßnahmen alleine
bewerkstelligte, war klar, dass Monate ins Land gingen, bis der letzte
Handgriff getan war. Ein großer Teil des mühsam Ersparten ging dabei drauf.
Vater Hacker bekam keine schlechte, aber auch keine hervorragende Rente, sodass
Mutter Hacker jeden Tag für ein paar Stunden putzen ging. Damit sich jemand um
Toni kümmern konnte, während die Eltern beschäftigt waren, schickte die
Sozialstation einen Zivildienstleistenden. Manfred
Weiß war Deutschrusse und lebte seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Manni
war fünfundzwanzig, liebte Wodka und
Bier und war Tonis Zivi. El
loco mochte ihn nicht sonderlich, er hatte schon immer etwas gegen Italiener
und Russen. Warum, das konnte er nie erklären, es war so und es war ihm nie
wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Manni hatte Mitleid mit Toni, wie er
mit jedem seiner bisherigen Schützlinge Mitleid hatte. Das lag in seiner Natur.
Und wenn Manni mit Toni einen Spaziergang machte, dann schob er ihn etwa
zweimal die Woche ins „RuckZuck“, damit er auch mal unter Leute kam. Nun
war dieses Etablissement weder eine normale Kneipe, noch eine Bar. Es war von
jedem etwas. Vor allem war es schummrig, mit viel rotem Licht. Bis achtzehn Uhr waren die Preise
vergleichbar mit denen der gewöhnlichen Kneipen. Aber danach betraten eine
handvoll Damen die Szene, die nur unten rum angezogen waren. Wenn es einer von
ihnen oben rum kalt wurde, animierte sie einen der männlichen Gäste mit nach
oben zu kommen und ihr einzuheizen. Die Anwesenheit der Damen und die
Getränkepreiserhöhung standen in kausalem Zusammenhang. Deshalb schob Manni
Tonis Rollstuhl schon vor der Preiserhöhung ins „RuckZuck“. Den letzten Schluck
aus seiner Bierflasche hob er sich auf bis etwa halb Sieben. So konnte er sich
die nackten Titten wenigstens noch ne halbe Stunde lang zum Billigpreis
ansehen. Für
Toni war das jedes Mal eine Qual, aber Manni verstand den genuschelten Protest
nicht, der Tonis Mund verließ. Eine Qual deshalb, weil er wegen seiner
Krankheit und der Medikamente keinen Alkohol trinken durfte, und weil beim
Anblick der nackten Möpse jedes Mal sein Schwanz auf Halbmast stieg, und ihn
die Geilheit schier verrückt machte. Aber davon hatte Zivi Manni nicht mal den
Schimmer von einem Schatten von einer Ahnung. Eines
Tages, Manni und Toni kamen aus dem „RuckZuck“, stellte Manni fest, als er
wieder an die frische Luft kam, dass er ein paar Wodka zuviel intus hatte.
Also, dachte er sich, schau’n wir, dass wir möglichst schnell nach Hause
kommen. In seinem benebelten Hirn fixierte sich die Idee, Toni mit dem
Rollstuhl die zweiunddreißig Stufen runter zur U-Bahn und auf der anderen Seite
wieder hoch zu bugsieren. Auf diese Weise könnten sie mindestens zehn Minuten
gutmachen, da sie die beiden Ampeln über die vierspurige Bundesstraße
vermieden. Außerdem war das Wetter mies. Es nieselte und es war kühl. Als
Toni merkte, dass er dem Loch runter zur U-Bahn immer näher rollte, stemmte er
sich in seinem Rollstuhl verzweifelt hoch und hob ein jämmerliches Gezeter an,
das Manni auch in nüchternem Zustand nicht verstanden hätte. Toni
begriff, was sein Zivi vor hatte und machte seine Windel nass. Als
Manni etwa die Hälfte der Stufen unter dem Protest mehrer Passanten gemeistert
hatte, verließen ihn die Kräfte und er musste den Rollstuhl loslassen. Toni
riss seinen schiefen Mund in seiner Panik so weit auf, wie er konnte, aber er
brachte nur einen stummen Schrei zustande. Noch bevor er die zweiunddreißigste
Stufe erreicht hatte, wurde el loco aus dem Rollstuhl geschleudert und prallte
mit Kopf und Oberkörper mehrmals auf die restlichen Treppenstufen. Schlagartig
begriff Manni, was er da angerichtet hatte und sprang hinterher. Als er sah,
dass Toni verletzt war, rief er von seinem Handy aus einen Notarzt. Im
Krankenhaus ergaben die Untersuchungen, dass
beide Unterarme und das Nasenbein gebrochen waren. Außerdem verlor Toni
vier Schneidezähne, zwei oben und zwei unten. Die zwei unteren waren beim Sturz
bereits komplett rausgerissen worden, die beiden oberen, großen Schneidezähne
waren bis zur Wurzel abgebrochen. Der Klinikzahnarzt machte Tonis Mutter darauf
aufmerksam, dass man in vier bis sechs Wochen die beiden Wurzeln ziehen könne,
wenn Toni das Gröbste überstanden hätte. Er meinte, ein teurer Ersatz der Zähne
wäre in Hinblick auf den Gesamtzustand ihres Sohnes rausgeschmissenes
Geld. Daraufhin bekam sie einen
Weinkrampf und später eine Beruhigungsspritze. Tonis
Kopf und sein Oberkörper waren von Prellungen übersät. Sein Gesicht hatte einen
Tag nach dem Unfall große Ähnlichkeit mit einem ausgehöhlten Halloween-Kürbis. Nur
dass kein Licht aus den Kopföffnungen kam. Nach
knapp einer Woche Krankenhausaufenthalt entließ man el loco wieder in die Obhut
seiner Eltern. Seine Mutter nahm ihren Jahresurlaub und schob an Mannis Stelle
den Rollstuhl. Manni nahm sich eine Woche frei, damit ihm etwas einfiele, wie
er seinen Fehler wenigstens einigermaßen wieder gerade biegen konnte. Im Grunde
seines Herzens war er ja ein guter Kerl. Ein bisschen leichtsinnig und manchmal
verantwortungslos, aber seine deutsch-russische Seele litt tausend Qualen von
dem Zeitpunkt an, da er Toni auf den kalten Treppenstufen der U-Bahn-Station
liegen sah. Jetzt,
da er viel freie Zeit zur Verfügung hatte, beobachtete Manni das Haus der
Hackers. Er wollte sich unbedingt für sein Missgeschick entschuldigen, aber es
fehlte ihm der Mut, einfach zu klingeln
und sein Anliegen vorzutragen. Am
zweiten Tag nach Tonis Entlassung aus der Klinik, ging Manni unbemerkt hinter
Toni und dessen Mutter her, als die beiden einen Spaziergang in die Stadt
machten. Vor einer Metzgerei stellte Frau Hacker den Rollstuhl neben die
Eingangstür und verriegelte die Bremse. Sie wollte eine ungarische Salami für
Toni kaufen, weil er die so gerne aß. Dabei hatte sie wahrscheinlich vergessen,
dass ihrem Sohn das Kauen zur Zeit sehr schwer fallen würde. Während
sie im Laden darauf wartete, bis sie an die Reihe kam, schlich sich Manni an
Toni ran. Als der den Zivi gewahr wurde, schoss ihm ein gehöriger Schwall
Adrenalin in die Blutbahn, sodass er beinahe aus dem Rollstuhl gefallen wäre.
Er quiekte und grunzte, aber er brachte nichts hervor, was auch nur annähernd
etwas mit einem verständlichen Wort zu tun hatte. El locos Lippen sahen aus,
als käme er gerade aus Doktor Mangs Schönheitsklinik und hätte sich dort die
Lippen aufspritzen lassen. Aber in seinem Schock fühlte er keinen Schmerz.
Manni wusste nicht, ob Tonis Gebärden Wiedersehensfreude, oder Angst
ausdrückten, es war ihm auch egal, er wollte unbedingt seine Entschuldigung
loswerden und er versprach den Schaden wieder gut zu machen. Dann
krachte ihm auch schon Frau Hackers Einkaufstüte mit der Salami an den Schädel,
und ein paar wüste Beschimpfungen hämmerten an sein Trommelfell. An diesem
Punkt sah auch Manni ein, dass er die Unterhaltung abbrechen sollte. Im
Weglaufen rief er: „Ich entschuldige mich doch für alles. Ich werde es wieder
gutmachen, Toni“. Er
gab Fersengeld und rannnte bis zur
nächsten Straßenecke. Von dort aus beobachtete er, was die beiden als nächstes
tun würden. Als die Hackers sich in Richtung Park in Bewegung setzten, gab er
auf. Es wurmte ihn, dass Tonis Mutter
ihm keine Chance geben wollte, sich zu entschuldigen. Er musste sich etwas
einfallen lassen. Auf seinem Nachhauseweg kam er am „RuckZuck“ vorbei und da er
Durst und Frust hatte, gab es keinen Grund, nicht einzukehren. Zu
seinem Erstaunen, es war noch lange nicht achtzehn Uhr, saß Lilli, eines der
Oben-ohne-Mädchen, auf einem Hocker an der Theke. Manni bestellte ein Bier und
ging zu ihr. „Tach, Lilli. Hätte dich beinahe nicht erkannt. Obenrum angezogen“. „Bin
ja auch nicht im Dienst, mein Schatz. Spendierst du mir ´n Bailey?“ „Hab
nur noch zehn Euro“. „Das
reicht“, sagte Lilli und zum Wirt gewandt:“ Reiner, ein B“. Manni
zählte im Geiste sein Kleingeld nach und fragte sich, ob er noch ein zweites Bier
trinken könne. „Was
macht eigentlich Toni?“, fragte Lilli. „Warst schon lange nicht mehr hier mit
ihm?“ „Och“,
antwortete Manni. „Dem Toni geht’s momentan nicht so gut. Der hatte `nen
Unfall“. „Was?
Schon wieder? Bei dem war doch schon alles kaputt, oder?“ „Nicht
alles, aber jetzt hat er mit den Armen Probleme und ein paar Zähne sind
futsch“. „Wie
ist das passiert? Hast du ihn vor einen LKW gerollt?“ „So
was ähnliches“, druckste Manni rum und kicherte dämlich. „Ich weiß nicht wie,
auf jeden Fall konnte ich ihn nicht mehr halten und er flog die Treppe zur
U-Bahn runter“. „Manni,
Manni“, sagte Lilli und drückte ihr Zigarillo im Aschenbecher aus. „Zu viel
Wodka, was?“ „Ich
hab ein ganz mieses Gewissen. Er war vorher schon `ne arme Sau. Und jetzt? Keine
Zähne mehr, beide Arme kaputt. Und sein Gesicht...“, Manni formte in der Luft
mit beiden Händen eine Kugel. „Sein Gesicht sieht aus, wie nach einer Runde mit
Mike Tyson“. „Hast
du dich wenigstens entschuldigt?“, fragte Lilli und steckte sich das nächste
Rillo an. „Hab`s
versucht, aber seine Mutter hat mir eine runtergehauen“. Lilli
nickte und kippte den Rest ihres Baileys hinunter. „Lilli“,
begann Manni und atmete tief ein. „Ich will die Sache wieder gut machen und hab
da `ne Idee“. „Spendierst
du noch einen?“. Lilli schob ihren Kopf ganz nahe an Mannis Gesicht, machte
Dackelaugen und legte ihre Hand auf seinen Bauch. „Ich
weiß nicht“, krächzte Manni und nestelte sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche.
Er legte einen 10-Euro-Schein auf die Theke und schüttete sein Kleingeld
nebendran. So kam er auf zwölf Euro dreiundachtzig. Reiner,
der mit stoischer Miene den Kassensturz beobachtet hatte, schnappte den Schein
mit der einen Hand und wischte mit der anderen die Münzen weg. Eine Minute
später bekam Lilli ihren zweiten Bailey. Manni
sah mit gequältem Blick, wie sein letztes Geld verschwand. Aber
Hauptsache, dachte er, Lilli hört mir zu. „Also
um dem Toni eine kleine Freude zu bereiten, wollte ich dich fragen, ob du
eventuell bereits wärst mit ihm... bei ihm...äh“, Manni hatte so was noch nie
gefragt und es fiel ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Lilli
zog an ihrem Rillo und blies ihm den Rauch ins Gesicht. „Handarbeit
fünfzig, Blowjob das Doppelte“, erklärte sie ihm ihre Tarife. „Oh“,
sagte Manni, einerseits erleichtert, dass er nix weiter erklären musste und
andererseits erschrocken darüber, wie teuer der Spaß werden konnte. „Wenn
du’s hier machen willst, kommen noch zwanzig für die Zimmermiete dazu“. „Das
ist das nächste Problem. Wir können ihn doch hier nicht die Treppe hoch tragen.
Außerdem, wie krieg ich ihn hierher. Wenn ich noch mal in seine Nähe komme,
schlägt seine Mutter micht tot“. Manni
hatte einen ganz trockenen Mund und spielte mit seiner leeren Bierflasche. Er
suchte den Blick des Wirtes. Und als sich beide Augenpaare trafen, schüttelte
Reiner ganz leicht mit dem Kopf. Also anschreiben lassen ging nicht. „Dann mach dir mal Gedanken, wie das klappen soll“,
sagte Lilli und rutschte von ihrem Hocker. „Ich hau jetzt ab. Muss noch einkaufen“. Als sie ihren Hintern vom Kunstledersitz
schob, hörte Manni ein schmatzendes Geräusch, sodass er mit aufgerissenen Augen
den Hocker anstarren musste. Verdammt, dachte er, sie hat kein Höschen an,
und er legte seine Hand auf den warmen Sitz. Mit
wackelndem Hinterteil verschwand sie aus der Tür. Manni
steckte seinen leeren Geldbeutel ein, sagte: „Tschüss“ und lief ihr hinterher
um zu fragen, ob sie morgen um die Zeit wieder hier wäre. „Kann
sein“, lächelte sie. „Bring Kleingeld mit“. „Gut,
dann bis morgen“, sagte Manni und ging in die andere Richtung nach Hause. Trotz,
oder wegen seiner zweiundzwanzig Lenze war sich Manni nicht sicher, in welche
Richtung seine sexuellen Neigungen tendierten. Manchmal bekam er auch bei
Männern Schmetterlinge in den Bauch und darunter. Speziell bei solchen, die
eher weibliche Gesichtszüge hatten und eine feminine Ausstrahlung besaßen. Bei
Lilli verhielt sich seine Libido bisher neutral. Gut, wenn sie ernsthaft
gewollt hätte, hätte er sich nicht widersetzt, aber sie löste keine vermehrte
Durchblutung bei ihm aus. Trotzdem, die Vorstellung, dass während ihres
Gespräches ihre Muschi ungeschützt Kontakt mit dem Lederbezug hatte, bewirkte
den Ablauf einiger wilder Fantasien in Mannis Schädel. Am
Tag darauf ging Manni schon früh am Morgen zur Bank und plünderte sein
Sparbuch. Danach ging er in die Videothek und lieh sich ein paar Filme aus, um
die Zeit bis zum Nachmittag zu überbrücken. Um
Punkt sechzehn Uhr stand er wieder im „RuckZuck“ und bestellte einen Wodka und
eine Flasche Bier. Reiner atmete tief durch und baute seine hundertzehn Kilo
auf einsneunzig Körpergröße beeindruckend hinter der Theke auf, und machte mit
Daumen und Zeigefinger klar, dass er zuerst Geld sehen wollte. Manni öffnete
seine Geldbörse und legte einen Zwanziger auf die Theke. Ohne
ein Wort zu sagen knallte der Wirt seine Pranke auf das Papier und ließ es in
der Kasse verschwinden. Danach bekam Manni, was er bestellt hatte. Diesmal war
das Bier sogar gut gekühlt. Er überlegte, ob er Reiner jemals reden gehört
hatte. Komisch, dachte er. Ein Wirt, der stumm ist. Ich werde Lilli bei
Gelegenheit fragen, ob das nur eine Masche von Reiner ist, oder ob der wirklich
nicht sprechen kann. Lilli
war noch nicht da, und Manni nutzte die Gelegenheit, um sich Mut anzutrinken.
Denn den brauchte er, um Lilli von dem Plan zu überzeugen, den er sich heute
Nacht in allen Details ausgedacht hatte. Nach
zwei weiteren Wodka und Bier, kam seine Partnerin in spe zur Tür herein. An
diesem Tag trug sie eine knallenge Jeans, bei deren Anblick sich jeder
vernünftige Mensch fragen musste, wie sie da wohl reingekommen und sie auch
noch zubekommen hatte. Dazu trug sie ein knallrotes T-Shirt mit einem
Ausschnitt, der Sünde hieß. Der Baumwollstoff lag wie eine zweite Haut um ihre Kugeln,
die bei jedem Schritt unter dem Stoff hin und her und gleichzeitig rauf und
runter zu schwingen schienen. Manni orderte für sie einen Bailey und für sich
einen Wodka. Mit beiden Gläsern in der Hand forderte er Lilli auf, sich mit ihm
an einen der kleinen Tische zu setzen, die der Theke gegenüber an der Wand zu
standen. „Was
gibt’s so geheimnisvolles, Schätzchen?“, flötete Lilli und zündete sich ein
Rillo an. Manni
kippte den Wodka runter und legte los: „Ich hab mir alles genau überlegt. Du
klingelst bei Toni und sagst die Sozialstation schickt dich, damit du Toni in
seinem Rollstuhl spazieren fahren kannst.“ Lilli
verzog das hübsche Gesicht und schüttelte ihre blondierte Mähne. Sie
tippte sich an die Stirn: „Du spinnst wohl. Zuerst willst du, dass ich ihm
einen blase und jetzt soll ich ihn spazierenfahren. Ich bin nicht seine
Krankenschwester. Vergiss es“. Damit kippte sie den Bailey hinunter. „Hör
dir doch bitte erst meinen Plan an. Ablehnen kannst du hinterher“ Manni
hob einen Arm und deutete Reiner, dass er noch zwei Getränke machen sollte. Lilli
blies ihm eine Rillowolke ins Gesicht und raunte missmutig: „Schieß los.“ Manni
atmete tief ein: „Du holst ihn zum Spaziergang ab und schiebst ihn am
Schwimmbad vorbei zu dem alten Feuerwehrgebäude. Das ist so mit Sträuchern und
Bäumen von der Außenwelt abgeschirmt, da sieht uns keiner. Ich pass auf, dass
die Luft rein ist und du... du machst das dann. Du weißt schon. Dann fährst du
ihn langsam wieder nach Hause und das wars.“ Er
beugte sich zu ihr rüber und schaute sie mit großen Augen erwartungsvoll an. Amüsiert
zog Lilli an ihrem Rillo. Dann lächelte sie und sagte: „Der Spaß kostet dich
was. Das weißt du. Und zwar im voraus“. Erleichtet
ließ sich Manni zurückfallen. „Ich geb dir hunderfuffzig. Das ist alles, was
ich habe.“ „Wann?“.
fragte Lilli. „Wann,
was?“, fragte Manni. „Wann
ich ihn schieben soll“, erklärte Lilli und rollte mit den Augen. „Ach
so“, sagte Manni. „Am besten gleich morgen.“ „Hast
du die Mäuse dabei?“ „Ja,
klar“, antwortete Manni und griff nach seinem Portemonnaie. Lilli
hielt ihm ihre offene Hand hin und schaute gleichgültig zu, wie er das Geld
abzählte. „Ich
hab ihn immer um neun abgeholt. Klappt das bei dir?“, wollte Manni wissen. „Wenn
du mir die genaue Adresse gibst, bin ich pünktlich da“, erwiderte Lilli. Manni
gab Reiner eine neue Bestellung auf und zog aus der Brusttasche seines Hemdes
einen Zettel. „Hier“,
sagte er und reichte Lilli das Papier. „Da steht die Adresse drauf. Ich bin auf
der gegenüberliegenden Straßenseite hinter der Litfaßsäule. Ich gehe hinter
euch her, damit Toni mich nicht zu früh sieht, sonst macht er vielleicht
Ärger.“ „Das
ist dein Problem“, sagte Lilli kalt. „Wenn’s Ärger gibt, bin ich draußen und
dein Geld ist weg. Klar?“ „Klar“,
bestätigte Manni. Doch ganz wohl war ihm bei der Sache nicht. Er
hatte sich schon überlegt, sich so lange nicht blicken zu lassen, bis Lilli mit
allem fertig war. Oder Toni erst kurz vor der Haustür, wenn Lilli ihn wieder zu
Hause abgab, darüber aufzuklären, wem er die heißen Lippen zu verdanken hatte. Lilli
verstaute die Scheine in ihrer winzigen Handtasche. Dann stand sie auf, und beugte sich dabei unnötig tief über den
Tisch. Bei Manni bewirkte diese Körperhaltung einen starren Blick, sodass ihre
Kugeln über Mannis Augen direkt mit seinen Eiern zu spielen begannen. „Bis
morgen“, hauchte Lilli. Nachdem sie mit Reiner ein paar Worter gewechselt
hatte, verließ sie das Lokal. Mit
einem blöden Grinsen im Gesicht schaute ihr Manni hinterher. Die Bewegungen
ihrer Pobacken beim Gehen, zündeten ein kleines Feuerwerk schmutziger Fantasien
in seinem Kopf. Je
öfter er Lilli sah, desto sympathischer wurde sie ihm. Der
nächste Morgen kam, und Manni stand schon um halb neun hinter der Litfaßsäule.
Er war nervös und kaute auf einem Kaugummi herum. Zweifel plagten ihn, ob das
alles so richtig war, was er da angeleiert hatte. Was würde er tun, wenn Lilli
einfach nicht erschien und später behauptete, niemals Geld von ihm bekommen zu
haben? Eine Frage, auf die er keine überzeugende Antwort wusste. Er schaute auf
seine Armbanduhr. Noch zwei Minuten bis neun. Die Straße lag etwas außerhalb
des Zentrums und es herrschte kaum Verkehr. Drei
Fußgänger waren auf der anderen Seite unterwegs. Zwei ältere Frauen kamen aus
der Bäckerei, die drei Häuser von Hackers entfernt war und gingen Richtung
Stadtmitte. Und ein Junge mit Schulranzen auf dem Rücken trottete
gedankenverloren auf dem Bürgersteig. Er blieb vor der Bäckerei stehen und
schaute sich die Auslage an. Mannis Gedanken schweiften ab. Beginnt sein Unterricht später, oder hat der Kleine
nur keinen Bock zur Schule zu gehen? Da fiel ihm ein hellblauer Kleinwagen auf, der in
eine Parklücke gelenkt wurde. Gott sein Dank, dachte er. Sie kommt. Liili
verschloss die Autotür und schaute auf den Zettel in ihrer Hand. Ihr Blick
suchte die Hausnummern nach der richtigen ab, und sie setzte sich in Bewegung. Als
sie gegenüber der Reklamesäule war, schaute sie rüber und winkte kurz. Manni
hatte seinen Kopf hervorgestreckt, damit sie ihn sehen konnte. Jetzt wird es spannend, sagte er sich und nahm die
Haustür ins Visier. Nachdem
Lilli geklingelt hatte, erschien Tonis Mutter im Türrahmen. Manni
konnte nicht verstehen, was die beiden redeten, aber zunächst sah es so aus,
als würde die alte Hacker Schwierigkeiten machen. Doch Lilli schien
überzeugende Argumente zu haben, denn beide Frauen verschwanden im Haus. Es
vergingen fünf endlos erscheinende Minuten. Manni schob noch einen Kaugummi
nach und vergaß völlig seine Deckung, als er hin und her wanderte. Beim
nächsten Blick auf Hackers Domizil, sah er, wie Lilii Toni mit seinem Rollstuhl
aus der Tür bugsierte. Schnell verschwand Manni hinter der bunten Werberolle.
Liili machte sich mit Toni auf den Weg, und Frau Hacker sah ihnen hinterher.
Als sie endlich im Haus verschwunden war, löste sich Manni aus seiner Deckung
und ging in angemessenem Abstand hinter den beiden her. Lilli
hatte sich auf dem etwa zwei Kilometer langen Weg mehrmals umgedreht und
vergewissert, dass Manni noch da war. Sie kannte Toni nur aus seinen Besuchen
im RuckZuck, und dort hatte sie nie auch nur ein Wort mit ihm gewechselt. Toni
saß meistens ruhig und regungslos in seinem Gefährt und stierte mit dem einen
offenen Auge auf die Titten der Mädchen, während er ab und zu am Strohhalm
seiner Cola saugte. Anfangs hatte sich Lilli mit ihren Kolleginnen hinter
vorgehaltener Hand über Manni und vor allem über Toni lustig gemacht. Aber
später empfanden sie nur noch Mitleid mit Toni, und danach beachteten sie ihn
nicht mehr. Lilli
hoffte, dass Toni weiterhin so brav bleiben würde, wie sie ihn kannte. Deshalb
war es für sie beruhigend, dass Manni in ihrer Nähe war, falls ihr Kunde einen
Anfall, oder was auch immer, bekäme. Nachdem
sie am Schwimmbad vorbei waren, sahen sie hinter Büschen und Bäumen versteckt,
das heruntergekommene Gebäude der alten Feuerwache. Lilli
steuerte den Rollstuhl daraufzu. Die Feuerwache bestand aus einem einstöckigen
Häuschen mit einem Flachdach von dem einige Bahnen der Abdeckung herunter
hingen. Daran angebaut waren zwei Garagen, in denen früher die Spritzenwagen
untergebracht waren. Die Fenster des Hauses waren zum Teil entfernt und die
Scheiben der verbliebenen waren alle zersplittert. Die Eingangstür war
verschwunden. Beide Garagen hatten zweiflügelige, verrostete Metalltore, die im
Wind quietschend hin und her schaukelten. Sie
ließ den Rollstuhl stehen und schaute vorsichtig in das Haus und dann in die
Garagen hinein. Sie
entschied sich, ihre Arbeit im Haus zu verrichten. Sie ging zum Rollstuhl
zurück und bemerkte Manni, der sich hinter einem Baum in Deckung hielt. Sie
zeigte mit einer Kopfbewegung, wo sie Toni hinbringen wollte. Der saß völlig
perplex in seinem Stuhl und forderte grunzend eine Erklärung. „Ja,
Schätzchen“, sagte Lilli und es sollte beruhigend klingen. „Wir gehen ins Haus
und dort erkläre ich dir alles“. Dort
angekommen schaute sie in beide Räume und entschied sich für den, in dem es am
hellsten war. „So,
Toni“, sagte sie und ging vor dem Rollstuhl in die Knie. Toni war gespannt, was
das ganze werden sollte. Wäre ich gesund, dachte er, wärst du genau
das, was ich jetzt brauche. „Manni hat mich engagiert, dir als Wiedergutmachung
für deinen Unfall an der U-Bahn, einen zu blasen“, sagte sie frei raus und
gegen die Abmachung. Manni
stand draußen und hörte jedes Wort. Er verzog das Gesicht und
ballte vor Zorn eine Faust. Als
Lilli an Tonis Hose herumfuchtelte, begann der mit beiden Gipsarmen sie davon
abzuhalten. Jetzt
wurde Lilli wütend: „Hör mal, du solltest damit aufhören und ruhig bleiben.
Über ein Geschenk meckert man nicht“. Sie
drückte seine schwachen Hände weg und versuchte die jetzt offene Hose herunter
zu ziehen. Aber als sie die Windel sah, wich sie mit einem Aufschrei zurück und
rief: „Manni, komm her!“ „Scheiße“,
plärrte Manni und kam aus seiner Deckung. Toni
hatte es vor lauter Aufregung fast geschafft das rechte Auge halb zu öffnen. Was
er sah, beruhigte ihn keineswegs. Manni
kam um den Rollstuhl herum und guckte Lilli achselzuckend an: „Was is?“ „Du
hast mir nicht gesagt, dass er eine Windel anhat“, fauchte Lilli und zeigte mit
ausgestrecktem Arm auf Tonis Verpackung. „Am
liebsten würde ich jetzt verschwinden“, schob sie nach. „Ich
zieh ihm das Ding aus, und du tust deine Arbeit“, sagte Manni barsch. „Moment!
Du ziehst das Ding aus und wäschst zuerst seinen Schwanz, bevor ich den auch
nur anfasse“, herrschte Lilli zurück. „Wie,
verdammt noch mal, soll ich ihn waschen? Siehst du hier ein Bad?“ „Entweder
du tust es jetzt sofort, oder ich rufe Reiner an und lasse mich abholen. Und
ich weiß nicht, ob er dann gute Laune mitbringt.“ Dabei schlug sie mit der
Faust in die hohle Hand, damit Manni begriff, was es bedeutete, wenn Reiner
schlechte Laune hatte. Manni
drehte sich ohne ein Wort, aber mit hochrotem Kopf um und stapfte ins Freie.
Vor der Tür blieb er kurz stehen und dachte nach. Dann ging er in die erste
Garage, danach in die zweite. Dort kam er mit einem alten, schwarz-grauen
Plastikeimer wieder raus. Lilli
trat ebenfalls aus dem Haus und zündete sich ein Rillo an. Tonis Rollstuhl stand
mit der Rückseite zur Türöffnung und Toni sah nur den abgeblätterten Putz der
Wände und einen daran angelehnten Fensterrahmen, in dessem porösen Kitt noch
ein paar Scheibenreste steckten. Zu seiner Verblüffung war er während des
Streites der beiden ganz ruhig geworden. Was Lilli sagte, klang doch recht
verlockend, dachte er. Die Aussicht, dass er auf professionelle Art und Weise
nach so langer Zeit wieder einmal abspritzen konnte, löste ein nahezu
euphorisches Gefühl in ihm aus. Der kleine Toni in der Windel begann, sich ganz
zart und vorsichtig zu strecken. Manni
ging mit steinerner Miene an Lilli vorbei zum Zaun, der das Schwimmbad vom
alten Feuerwehrgelände trennte. Er musste nicht lange suchen, dann hatte er ein
Loch gefunden, durch das er schlüpfen konnte, um an die Duschen am Beckenrand
zu gelangen. Ohne sich um die Badegäste zu kümmern, füllte er den Eimer,
nachdem er ihn ein paar mal ausgeschwenkt hatte. Lilli
stand noch vor der Tür, als er zurückkam. Wortlos ging Manni um sie herum ins
Haus zu Toni. Der schaute Manni an und dann den Eimer und wollte sagen, dass
Lilli ihn waschen soll. Aber Manni verstand nur den Namen Lilli. „Lilli“,
rief er. „Toni ruft nach dir.“ „Ja“,
raunzte Lilli. „Und den Weihnachtsmann gibt’s wirklich.“ Sie
stellte sich neben Manni und sah mit gerümpfter Nase zu, wie der Toni die Hose
runterzog und ihm die Windel abnahm. Der kleine Toni hing auf Halbmast und der
große Toni sagte wieder:“Lilli“. So deutlich, dass es diesmal keine Zweifel
gab. Manni
schaute sie an und hob fragend die Brauen. Lilli rollte mit den Augen. „Hast
du einen Lappen?“, fragte sie an Manni gewandt. „Moment“,
antwortete der erleichtert. „Hier“, damit zog er ein großes weißes Taschentuch
aus der Hosentasche, das fein säuberlich gefaltet war. Lilli
kniete sich wieder vor den Rollstuhl und tauchte das Taschentuch in das
lauwarme Wasser. Mit spitzen Fingern hob sie Tonis Toni in die Höhe und begann
zögernd mit der Reinigung. Stand
Toni anfänglich noch Zweifel im Auge, so genoss er zunehmend die Waschung, schloss
das offene Auge und lehnte sich mit leisem Grunzen zurück. Dass
es ihm gut tat, merkte zunächst Lilli, in deren Hand sich ein fester Stab
gebildet hatte. Lächelnd schaute sie zu Manni hoch, der ebenfalls über’s ganze
Gesicht grinste. Und dann geschah es. Mit einem tierischen Stöhnen aus Tonis
tiefstem Inneren, schoss eine geballte Ladung aus seinen Lenden, die zum großen
Teil auf Lillis erdbeerfarbenen Rock landete. Noch während der Schuss im Anflug
war, sprang sie erschrocken auf. Wahrscheinlich weil der Rock neu, und
schweineteuer war. Durch
ihren unkontrollierten Satz rückwärts kam sie ins stolpern und fiel
unglückseligerweise in den abgestellten Fensterrahmen mit den Scherben. Dabei
war ein Geräusch zu hören, als stieße jemand mit einem scharfen Messer in einen
Kohlkopf. Toni
bekam davon nichts mit. Er hielt die Augen geschlossen und schnaufte wie ein
Pferd nach dem Zieleinlauf. Aber Manni war das Geräusch aufgefallen und er
schaute nach Lilli, die reglos auf dem Rücken lag. Ein Stückchen unter ihrer
linken Brust schaute, von Blut umgeben eine Glasspitze aus der Bluse heraus. Sie
war so unglücklich in eine große Scherbe gefallen, dass sie sofort tot war. Was
Manni mit einem geübten Griff an ihre Halsschlagader erkannte. Er
atmete tief durch, um sich von dem Schrecken zu erholen. Toni, dessen
Ausnahmezustand langsam zu Ende ging, öffnete ein Auge, und hatte die Situation
schnell erkannt. Jedenfalls sagte seine Gesichtshaut, die von schweinchenrosa
auf käseweiß drehte. Ein Zittern durchlief seinen geschundenen Körper und er
schien total außer sich zu sein. Sein Anblick war in diesem Moment ziemlich
lächerlich. Das lag wohl an der heruntergezogenen Hose und dem tropfenden
Schniedel. Manni
stierte entrückt zu der auch im Tode noch schönen Lilli hinunter und ihm war
nicht entgangen, dass sich eine Brust zur Hälfte aus der Bluse geschoben hatte.
Unwillkürlich leckte er sich die Lippen. Das Bild weiter unten brachte ihn dann
vollends aus der Bahn. Lillis Rock war beim Fallen über ihre Oberschenkel
hinaus hochgerutscht. Ohne Höschen, und mit leicht angewinkelten Beinen, hatte
sie selbst in diesem endgültigen Zustand noch eine magische Wirkung auf Mannis
Schwanz. Der vergaß völlig, dass Toni
hinter ihm im Rollstuhl alles mitansehen konnte. Letztlich war es ihm auch egal. Er musste die Gelegenheit nutzen.
Niemand würde ihn davon abhalten können. Und so löste Manni seinen Steifen aus
der engen Hose und nutzte die Wehrlosigkeit Lillis aus, bis er sich mit einem
Schrei in ihre leblose Muschi ergoss. Toni,
war von den Ereignissen der letzten Minuten so gebeutelt, dass sich sein Magen
beim Anblick von Mannis Ritt auf der noch warmen Leiche umdrehte, und er sich
sein Hemd und seinen nackten Schoß reichlich vollgekotzt hatte. Während
Manni mit seinen letzten Stößen den leblosen Körper Lillis zum Schwingen
brachte, blieb Toni ein Stück hochgewürgte, ungarische Salami im faltigen Hals
stecken, was ihm das Atmen unmöglich machte. Und
mit dem finalen Erlösungsschrei Mannis, hatte Toni „el loco“ Hacker unbemerkt
sein kurzes Leben ausgehaucht.
Himmelthor und Hondo Es war Juli, und der Heizer da oben am wolkenlosen Firmament hatte mal wieder eine ordentliche Schippe draufgelegt. Berthold Winger stand in seinem Garten. Zwischen Lollo Rosso und Karotten es kam es ihm vor, als hielte jemand ein Brennglas über sein spärlich behaartes Haupt. Er nahm sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der hohen Stirn. Er schüttelte den dampfenden Kopf und zog die Augenbrauen hoch. Obwohl er heute früh bereits zu unchristlicher Zeit aufgestanden war, und noch im Schlafanzug die Beete gewässert hatte, war jetzt, am frühen Nachmittag, die Gartenerde so trocken und spröde, wie die Orangenhaut seiner Frau. Waltraud kümmerte sich um ihre Geranien, Rosen, Petunien und was sonst noch das Auge erfreut, und Berthold hegte und pflegte die vegetarischen Gaumengenüsse. Der Garten war sein ganzer Stolz, seit er im Ruhestand war. Besonders prächtig gediehen, wie jedes Jahr, die Zucchini. Die grünen Früchte mit den hellgrünen Streifen nahmen so schnell an Größe und Dicke zu, als wären es lange Luftballons, die ein unsichtbarer Erdgeist täglich ein Stückchen weiter aufblies. Vor drei Jahren pflanzte er zum ersten mal einen Zucchinisteckling. Obwohl er und seine Frau feststellten, dass ihnen die Selbstgezogenen ebenso wenig schmeckten, wie die Gekauften, hatte er von da an jedes Jahr Zucchini im Garten. Das hatte aber auch einen besonderen Grund. Und der hieß Beate Kessler. Zweiundsiebzig Kilo Gewicht, verteilt auf hundertsiebzig Zentimetern Körperlänge. Kastanienbraune Haare und zwei Augen wie Smaragde. Dazu eine Figur, die Bertholds angerostetes Buchhalterherz aus dem Rhythmus brachte. Aber das war noch nicht alles. Beate Kessler wohnte direkt nebenan, war Witwe und - sie liebte Zucchini! Wenn Berthold sein Gemüse wässerte, und die glänzend gedeihenden mediterranen Kürbisse betrachtete, verglich er sie im Geiste mit Beates herrlichen Rundungen. Dann liefen vor seinem geistigen Auge die erotischsten Szenen ab, die sein Hirn aus längst vergessenen, mit fingerdickem Treuestaub vieler Ehejahre bedeckten Schubladen hervorkramte. Ach! Wenn Beate doch nur einmal erkennen ließe, dass sie ihm die gleichen Gefühle entgegen bringt. Doch er schien für sie nur ein netter Nachbar zu sein, mit dem man ab und an ein Schwätzchen am Gartenzaun hielt. Wenn er ihr eine reife Zucchini über den Zaun reichte, und sie ihm dafür frische Eier von ihren freilaufenden Hühnern gab, konnte es passieren, dass sich ihre Hände zufällig berührten. Dann, Haut an Haut, war es für Berthold jedes mal, als küssten ihn tausend Engel. Doch Beates Erdbeermund schien unerreichbar. Waltraud machte sich Sorgen um ihren Gatten. Nicht wegen der Nachbarin. Von den geheimen Sehnsüchten ihres Gatten hatte sie keine Ahnung. Sondern wegen seines Cholesterinspiegels. Jeden Tag verdrückte Berthold zwei Hühnereier. Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Dazu kam noch seine Nikotinsucht. Zwanzig Stuyvesant täglich. Er war von magerer Gestalt. Er war so dünn, dass seine Hosen nur hielten, wenn er einen Gürtel plus Hosenträger trug. Seine Kollegen behaupteten schon damals in der Firma, er müsse zweimal einen Raum betreten, damit man ihn überhaupt sehen konnte. Es war wirklich nichts dran an ihm. Seine Kleidung hing um seine hageren Körper, wie ein Kartoffelsack um eine Mohrrübe. Zusammen mit seinem verhältnismäßig großen Kopf und seinen großen Füßen, erinnerte er ein wenig an Charlie Chaplin, in dessen frühen Filmen. Mindestens einmal pro Woche kam es morgens zu folgendem Dialog: "Berthold", mahnte Waltraud. "Wäre es deiner Gesundheit zuliebe nicht besser, du würdest, wenigstens eine Zeit lang, täglich nur ein Ei essen? Oder mal ein paar Tage ganz darauf verzichten? Denk an dein Cholesterin!" "Waltraud", entgegnete dann Berthold. "Ich hab es dir schon tausend mal erklärt: Mach dir um meine Gesundheit keine Gedanken. Ich bin genauso fit wie ich aussehe. Einem Gesunden tut das Cholesterin nix. Das sind gesunde Eier von glücklichen Hühnern, und sie haben so gut wie kein Cholesterin. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe frühstücken". Die beiden hellbraunen Vier-Minuten-Eier standen in ihren weißen Steingut-Eierbechern mit dem bunten Bauernhofdekor vor ihm auf dem Küchentisch. Wenn er dann das erste Ei in der Hand hielt um es zu öffnen, erinnerte ihn das hautfarbene, runde Gebilde an gewisse Körperteile seiner Nachbarin. Dann verfiel er regelmäßig ins Träumen, sodass er nicht hörte, dass Waltraud mit beleidigtem Blick wieder ihre Standartdrohung vernehmen ließ: "Glaube ja nicht, dass ich dich pflege, wenn du mit einem Schlaganfall ans Bett gefesselt bist". Nach solchen ärgerlichen Disputen, erwachte in Berthold jedes mal ein kleines Teufelchen. Und dieser kleine feuerrote Kerl mit den rabenschwarzen Hörnern brachte ihn dazu, darüber nachzudenken, ob ein Leben als Witwer für Berthold nicht vorteilhafter wäre. Dann gäbe es für Beate kein moralisches Hindernis mehr, mit ihm das Bett zu teilen. In solchen Augenblicken konnte selbst die biederste Buchhalterseele dunkle Schatten auf die weiße Weste eines friedfertigen Menschen werfen. Während er die leeren Eierschalen in den Eimer für Bioabfälle warf, wägte er in Gedanken ab, welche Unfallmethode für die Polizei am glaubhaftesten darzustellen sei. Ein Sturz auf den ausgetretenen Holzstufen der Kellertreppe etwa. Oder das Hinscheiden Waltrauds nach dem übermäßigen Genuss von Pflanzenschutzmitteln. Aber Berthold war nicht der Mann, der diese rigorosen Trennungsmittel auch wirklich benutzen würde. Er war eher der stille, leidende Typ. Und er litt wahrlich sehr. Wie an diesem warmen Sommernachmittag, als er am Fenster hinter den Gardinen stand, und den Blick nicht vom Nachbargarten wenden konnte. Da lag sein unerreichbar scheinendes Glück in einem fliederfarbenen Bikini auf der Liege im Schatten eines Kirschbaumes. Mit ihren fünfundvierzig Lenzen war Beate Kessler in der Blüte ihrer Jahre, und genau so sah sie aus. Wie eine edle, purpurschimmernde Rose in Gottes himmlischem Garten. Sie schien an etwas Schönes zu denken. Sie hatte ihre Smaragdaugen und den Erdbeermund geschlossen. Aber die beiden Grübchen auf ihren Wangen waren nur zu sehen, wenn sie lächelte. Das wusste Berthold ganz genau. Er trat, ohne dass es ihm bewusst war, so nahe an die Vorhänge heran, dass die Konturen seines Gesichtes auf der Rückseite des Stoffes abgezeichnet waren. Die Schweißperlen auf seiner Stirn waren entweder auf die sommerliche Hitze zurückzuführen, oder auf eine Hormonwallung. Er war von dem Augenschmaus so angestachelt, dass er alles um sich herum vergaß. Hätte er etwas weniger Achtung vor Frauen gehabt und dafür mehr Rücksichtslosigkeit besessen, etwas weniger Skrupel und dafür mehr Gewaltpotenzial, wäre er sofort in Beates Garten gestürmt und hätte sie noch auf der Liege nach allen Regeln der Kunst vernascht. Ob sie das gewollt hätte, oder nicht. Die Innenflächen seiner Hände waren klatschnass, ebenso der Rückenteil seines blauweiß karierten Hemdes. Unter seinen Hosenträgern färbte sich das Hemd dunkel und die Haut juckte. Sein Herz schlug Purzelbaum. Da hörte er durch das Rauschen seines heißen Blutes eine ihm sehr vertraute Stimme: "Berthold! Ich fahre jetzt zum Einkaufen. Du könntest schon mal die Müllbeutel raustragen. Und vergiss nicht! Der Wohnzimmerteppich muss noch gesaugt werden!" Es war, als jagten Waltrauds profane Worte, eine Nadel in den bunten Ballon seiner Fantasien. Aus den schönsten Träumen gerissen, fuhr er herum: "Ja, ja! Bea... äh, Waltraud. Mach ich sofort. Ich... ich räume nur noch die alten Zeitschriften vom Tisch." Waltraud seufzte nur verständnislos und verließ das Haus. Als Berthold die Haustür zuschlagen hörte, ging er erwartungsfroh zum Fenster zurück. Doch seine Nachbarin hatte mittlerweile ihre Siesta beendet. Die Liege war leer. Enttäuscht ließ er die Arme sinken und trabte zur Küche, wo der Müll auf ihn wartete. Als er im Hof bei den Abfalltonnen angelangt war, spähte er zum Nachbargarten rüber. Wie ein pubertierender Jüngling im Freibad, der hoffte, durch eine Ritze in der Wand der Damenumkleidekabine, Dinge zu sehen, die vom Zauber des Verbotenen und Geheimnisvollen umgeben waren. Doch er sah nur eine weiße Sonnenliege im schwarzen Schatten eines grünen Kirschbaumes. Und das einzige Geräusch, das von Beates Grundstück kam, was das gelangweilte Gegacker ihrer Hühner, die ohne einen stolzen Hahn ihr Dasein fristen mussten. Was für das Federvieh wahrscheinlich ebenso frustrierend war, wie Bertholds Dasein ohne seine stolze Henne. Genau in dem Moment, da er den letzten Müllbeutel in die Tonne fallen ließ, kam ihm eine wagemutige Idee. Beim nächsten Tausch Zucchini gegen Eier, wollte er sich nicht mehr nur mit einem Engelskuss zufrieden geben. Nein! Er wollte all seinen Mut zusammennehmen und Beate deutlich zeigen, was er für sie empfand. Dann wäre sie gezwungen, endlich Farbe zu bekennen. Rot oder Schwarz. Zuneigung, oder... Nein! Für ihn gab es kein "oder". Beate fühlte sicher geradeso wie er. Sie war halt nur ganz Dame und konnte sich beherrschen. Berthold war ja schließlich ein verheirateter Mann, und eine Dame respektiert diesen Umstand. Genauso wird es sein. Doch wenn er ihr seine Gefühle offenbarte, änderte das die Situation. Zumal er Beate erklären würde, dass seine Ehe, mit einer ständig auf ihre Figur achtenden, und im Grunde langweiligen Waltraud, eh nur noch ein Nebeneinanderherleben war. Bei diesem Gedanken zeichnete sich unter seiner Nasenspitze ein trotziges Lächeln ab Zwei Tage danach war es soweit. Der Tausch lief zunächst ab, wie immer. Belanglose Nettigkeiten wurden ausgetauscht. Wie immer. Wieder warm heute, nicht wahr? Morgen soll’s ja auch wieder warm werden. Wie geht’s den Hühnern? Wie geht’s der Gattin? Bla, bla, bla... und so weiter, und so fort. Doch dann kam der Moment der Übergabe. Berthold hatte Schweißperlen auf der Stirn. Sein Herz schien direkt unter seinem Kehlkopf zu sitzen, als er Beates Hand ergriff. Er machte einen Schritt auf sie zu, und seine Augen hielten sich an den beiden Smaragden fest. Berthold räusperte sich, und er war fest entschlossen, jetzt und hier, reinen Tisch zu machen. Doch Beate schien auf diesen Augenblick gewartet zu haben, denn sie war weder überrascht, noch musste sie nach Worten suchen. "Lieber Herr Winger", sagte sie und setzte ein zuckersüßes Lächeln auf, sodass das Grün ihrer Augen noch einen Ton wärmer schien. "Ich weiß, dass Sie mich mögen. Es ist mir auch nicht entgangen, mit welchen Blicken sie mich bedacht haben." Berthold löste erschrocken seinen Griff, und stand da, wie ein Junge, der dabei erwischt wurde, wie er die Scheibe des Nachbarn mit dem Fußball zerschossen hatte. Beate legte ihre Rechte auf seinen linken Unterarm, als wolle sie ihn trösten. Es war ja nur die Fensterscheibe der alten Scheune. Ich verrate auch ganz bestimmt nichts deinem Vater, wenn du in Zukunft irgendwo anders Fußball spielst. Unter Bertholds Hosenträgern fing die Haut wieder an zu jucken. "Ich mag sie auch, Herr Winger“, fuhr sie fort. „Aber nur so, wie eine Nachbarin einen netten, aufmerksamen und hilfsbereiten Nachbarn mag. Und ich denke, so soll es auch bleiben. Wir wollen doch unser gutes Verhältnis nicht mit einem Abenteuer belasten, das am Ende drei Menschen unglücklich machen wird. Dort, wo Beates Hand auf Bertholds Arm lag, wurde seine Haut heiß und feucht. "Ich schlage vor“, sagte sie, „Dieses kleine Gespräch bleibt unser Geheimnis, und wir bleiben weiterhin gute Nachbarn, Herr Winger. Sie sind doch ein vernünftiger Mann und werden mich verstehen. Ich fühle mich durch ihr Verhalten zwar sehr geschmeichelt, aber dennoch sollte alles beim alten bleiben, nicht wahr?" Berthold wurde blass, ließ den Kopf sinken und trat enttäuscht den Rückzug an. "Ja, sicher. Natürlich. Entschuldigung." In der folgenden Nacht machte Berthold kein Auge zu. Es brauchte Stunden, bis die Niederlage verdaut war. Der seelische Stoffwechsel lief auf Hochtouren. Als die ersten fernen Sonnenstrahlen den dunklen Horizont langsam mit einem heller werdenden Blau überdeckten, hatte er einen folgenschweren Entschluss gefasst. Er wollte sich diese Abfuhr nicht gefallen lassen. Wie kommt sie dazu, mit ein paar lauwarmen Worten, die in seinen Ohren klangen, als redete eine Mutter mit ihrem ungezogenen Sohn, seine ehrlichen Gefühle mit ihren, zugegebenermaßen, bezaubernden Füßen zu treten. Nein! So kann man mit Berthold Friedrich Winger nicht umspringen. An diesem Morgen aß er keine Eier "Berthold, bist du krank?", fragte Waltraud. "Nee! Warum?“ "Dann nehme ich an, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist und dich gesund ernähren willst", sagte Waltraud und goss ihm frischen Kaffee ein. "Du meinst, weil ich heute keine Eier esse?“ "Ja! Das meine ich! Dein Cholesterin wird es dir danken." "Nur noch zwei, oder drei mal die Woche", antwortete Berthold. Er trank einen Schluck Kaffee. "Ich gehe gleich runter zum Gießen. Im Radio haben sie gesagt, dass mit Regen die nächsten Tage nicht zu rechnen sei". Er wollte sich auf keine weitere Diskussion mit Waltraud einlassen und sofort mit der Durchführung seines Planes beginnen. "Tu das, mein Schatz", überraschte ihn Waltraud und setzte mit einem Kuss auf Bertholds Wange noch eins drauf. Die graublauen Augen unter seiner faltigen Stirn sahen verdutzt in das zufriedene Gesicht seiner Frau. Dann trug er schweigend sein Geschirr zur Spüle, kehrte zurück und gab Waltraud ebenfalls einen Kuss. Es war gerade mal sieben Uhr, als er zu seinen Beeten ging. Er konnte sicher sein, dass ihn niemand bei seinem Vorhaben beobachtete. Um diese Zeit schlief Beate noch und die Büsche, an der Grenze zum Nachbarn auf der anderen Seite, standen so hoch und dicht, dass von dort niemand in seinen Garten einsehen konnte. Der Ausführung von Stufe Eins seines Planes, stand nichts mehr im Wege. Er ging schnurstracks auf die Zucchini zu und stellte sich breitbeinig davor. Dann blickte er sicherheitshalber nach links und rechts, öffnete den Hosenschlitz seiner abgewetzten Cordhose und ließ sein goldgelbes Wasser zielgenau unter die großen gezackten Blätter plätschern. "Ich wünsche dir einen gesegneten Appetit, liebste Beate!" Der Anfang war gemacht. Nach zwei Wochen intensiver Warmwasserpflege, hatte Berthold eigentlich erwartet, dass sich an Beates Gesundheitszustand irgendetwas verändern müsste. In dieser Zeit hatte sie schon zwei Lieferungen, seiner speziell gedüngten Zucchini erhalten. Zumindest müsste sie sich über den veränderten Geschmack ihrer Lieblingsspeise geäußert haben. Aber nichts dergleichen geschah. Wenn man sich begegnete, oder den üblichen Tausch vollzog, war sie wie immer: nett, freundlich, unverbindlich. Es fiel kein Wort über seinen Annäherungsversuch, es fiel kein Wort über die Zucchini. Um sicher zu gehen, dass er sich kein Eigentor schoss, hatte Berthold inzwischen alles Gemüse im Umkreis von zwei Metern um den Zucchinistrauch entfernt und im Kompost verschwinden lassen. Waltraud würde sowieso nichts mitbekommen, da sie sich nur ganz selten in sein Hoheitsgebiet verlief. Er beobachtete die Blätter und Stängel des ungeliebten Gemüses genau. Doch äußerlich waren an der Pflanze keine Veränderungen festzustellen. Anfangs hatte er nur morgens und abends seinen Blaseninhalt über die italienischen Kürbisse ergossen. Mittags gab er ihnen klares Wasser. Da sich aber kein Erfolg einstellen wollte, stand er auch am Nachmittag mit geöffnetem Hosenschlitz im Garten. In den letzen Tagen hatte es öfter mal einen Gewitterschauer gegeben. Doch er wollte sich nicht von der Natur ins Handwerk pfuschen lassen. Deshalb rammte er kurzerhand vier Holzpfähle weiträumig um die Pflanze herum, und befestigte darüber eine transparente Kunststofffolie. So konnte kein Regen seine Spezialdüngung verwässern, und die Zucchini bekamen trotzdem genügend Licht. Der Sommer war fast vorüber. Der September zog ins Land. Mit warmen Tagen und kühlen Nächten. Und in diesen Nächten hatte Berthold in letzter Zeit häufig Magenprobleme. Er aß zum Frühstück nur noch zweimal die Woche Eier. Doch sein Magen erlaubte ihm selbst dann oft nur noch ein Ei pro Frühstück. Waltraud riet ihm täglich, endlich einen Arzt aufzusuchen. Sie machte sich wirklich große Sorgen. Doch Berthold weigerte sich standhaft. Dass er auch ein verändertes Geschmacksempfinden hatte, erzählte er ihr erst gar nicht. Sie wäre sonst im Stande gewesen, einfach den Notarzt zu rufen. Ja, es schmeckte alles irgendwie salzig und manchmal sogar bitter. Die Brötchen, die Marmelade, die Wurst, der Kaffee. Selbst die Kartoffeln beim Mittagessen schmeckten nach allem Möglichen, nur nicht mehr nach Kartoffeln. Und am schlimmsten narrte ihn sein Gaumen beim Frühstücksei. Ihm fiel auf, dass der Dotter, der sonst von einem leuchtenden Gelb war, jetzt von blasser Farbe war, mit einem leichten Hang ins Grüne. Deshalb beschloss er, Beate unverfänglich und wie beiläufig, zu fragen, ob sie das Futter gewechselt hätte, welches sie ihrem Federvieh zufütterte. Er wollte vorsichtig sein, damit sie sich nicht auch noch beleidigt fühlte und glaubte, er bemängele aus seiner Kränkung heraus die Qualität der Eier. Einen Tag nach Bertholds Entschluss, der Eierfrage nachzugehen, stand Waltraud am Wohnzimmerfenster und war mit den Blumen auf der Fensterbank beschäftigt, als sie bemerkte, dass Berthold mit Beate Kessler am Zaun stand. Doch dann wurde sie kreidebleich. Sie sah, wie sich Berthold mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Zaun abwandte, sich krümmte und mit beiden Händen an den Bauch fasste. So schnell sie konnte, lief sie die Treppen zum Hof hinunter. Dort erlebte sie zum ersten mal, seit sie ihren Berthold kannte, wie der sich übergab. Waltraud musste sich sehr beherrschen, um es beim Anblick des herausschießenden Mageninhaltes, und des beißenden Geruchs, ihrem Mann nicht gleichzutun. Sie stand nur noch einen Schritt von Berthold entfernt, als dieser vollkommen den Halt verlor und zu Boden sank. Er stöhnte jämmerlich und er stank ekelerregend. Sie biss auf die Zähne und versuchte, nicht zu atmen, als sie sich hinter ihn stellte und an den Schultern packte. Sie zog ihn an die Hauswand und lehnte seinen zuckenden Oberkörper dagegen. Beate Kessler stand stumm am Zaun und beobachtete das Treiben ihrer Nachbarn. Ihr Gesicht hatte einen zufriedenen, ja fast belustigten Ausdruck. "Frau Kessler! Was ist denn passiert?", hörte sie die verzweifelte Stimme von Waltraud Winger. "Oh, Gott! Hoffentlich hat er keinen Herzinfarkt. Ganz sicher ist das ein Infarkt. Immer wieder habe ich ihm gesagt, er soll nicht so viele Eier essen und mal zum Arzt gehen. Wegen seinem Cholesterin, wissen Sie!?" Beate beruhigte sie: "Nein, nein! Das ist kein Herzinfarkt. Der Gute hat sich bloß den Magen verdorben. Glauben Sie mir." "Woher wollen Sie das denn so genau wissen? Sie sind doch keine Ärztin!“ Waltraud ärgerte sich über die, ihrer Meinung nach völlig unangebrachte, arrogante Selbstsicherheit der Nachbarin, angesichts des Todeskampfes ihres armen Berthold. "Ich weiß es eben!" "Würden Sie endlich die Güte haben und mir erklären, was Sie so sicher macht!?" Waltraud ließ ihren immer noch stöhnenden und stinkenden Gatten los und trat energisch an den Zaun. Beate grinste so breit, dass ihre makellosen Zähne im Licht der Nachmittagssonne blitzten. „Ich habe ihrem Gatten nur erzählt, dass ich seit einem bestimmten Tag keine Eier mehr esse, und dass ich Zucchini ebenso wenig leiden kann, wie er. Die Zucchini habe ich schon immer meinen Hühnern unters Futter gemischt. Die sind nämlich ganz verrückt danach. Warum ihren Mann das so umgehauen hat, das soll er Ihnen lieber selbst erklären.“ Gerlingers Rosen oder Zwei Männer finden eine Lösung In einer Zeit, als es noch Winter gab - richtige Winter meine ich - mit Eis und Schnee und Frost, gingen zwei Männer - ich nenne sie einfach Fiete und Jan - auf einem zugefrorenen See, im flachen Norden unserer Republik, spazieren. Sie unterhielten sich dabei über Gott und die Welt. Vielleicht aber auch nur über den Pastor und die Alltäglichkeiten in ihrem Dorf, was auf das selbe hinausläuft. Sie gingen schon fünf Minuten und jeder der beiden hatte mal gerade zwei Sätze von sich gegeben. So ist das hier in dieser Gegend. Es braucht nicht vieler Worte um sich zu verstehen. Die Temperaturen lagen weit unter dem Gefrierpunkt. Es war also ?mopsich kalt?, wie Hinnerk Tönnissen, der Dorf-Clown zu sagen pflegte. "Der Celsius fällt wie n reifer Appel", fügte er meist noch hinzu. Fiete und Jan waren gute Freunde und ein bisschen spleenig. Während sich der Rest der männlichen Dorfbevölkerung an diesem Sonntag nach dem Kirchgang im Dorfkrug mit Hochprozentigem aufwärmte, beschlossen die beiden, "auf'm See" ihren Gedanken nach zu gehen. So waren sie eben. Weil es halt so "mopsig" war, begannen sie, etwas schneller zu gehen, damit das Blut besser zirkulieren konnte. Nach einer Zeit bemerkte Fiete, dass er vom schnellen Gehen unter seiner dicken Joppe zu schwitzen begann. Und es entwickelte sich folgender Dialog: "Du, Jan". "Wat is, Fiete?" "Ich schwitz". "Ich auch". Nach einer Schweigeminute... "Du, Jan". "Wat is, Fiete?" "Wär hier ne Bank, könnten wir uns setzen und verschnaufn". "Du machst Spaß, Fiete". "Wieso?" "Ne Bank - mitten aufn See ?!" "Ach ja, hatt ich ganz vergessn". Nach einer weiteren Schweigeminute... "Ich hab ne Idee, Jan!" "Ne Idee?" "Jo ! Wir bleiben einfach für ne Weile stehn". "Unn dann?" "Bis wir wieder frie'n, dann gehn wir wieder weiter". "Gute Idee! Unnern Arm bin ich schon ganz nass". Gesagt getan. Beide blieben stehn, zogen fast synchron ihr Pfeifchen aus ihren Jacken und schauten auf den grauen, dickgefrorenen See. Dann in den grauen, eisigen Himmel. Das kleine Dorf war im Dunst schon fast nicht mehr zu erkennen, obwohl ein schneidender Wind seit Tagen über das schweigende Land blies. "Du, Fiete". "Wat ist, Jan?" "Wieviel Wasser hat wohl unser Teich?" "Unser Teich?" "Jo". "Meinst du in Liter oder Kubikmeter?" "Allgemein, mein ich". "N Paar Badewannen voll sind schon drin, denk ich". "Jo! Das wird sein, Fiete". Es folgte wieder eine Schweigeminute. "Ich glaub, jetzt frier ich wieder, Jan". "Jo! Ich denk, ich auch". "Celsius is wieder gefallen". "Wien reifer Appel". Als Fiete zum Gehen ansetzt, passiert es. Er fällt wie Celsius und mit einer lächerlichen Bewegung voll auf die Schnauze. "Wasn los, Fiete? Bist besoffen?" "Denk nich, Jan. Aber meine Füße kleben fest!" "Das wird nich sein", bezweifelte Jan. Und mit der gleichen komischen Bewegung knallte er im selben Augenblick neben Fiete aufs Eis. "Meine auch". Fiete ging vorsichtig in die Hocke und versuchte mit den Fingerspitzen die Schuhsohlen unter den Zehen hochzuziehen. "Sitzt fest!? "Das liegt an den neuen Stiefeln aus der Stadt", stellte Jan fest. "Das Matrial taucht nix!" "Das wird sein". Beide hielten sich aneinander fest und rappelten sich mit schaukelnden Bewegungen wieder auf die festgefrorenen Füße. "Unn nu?", fragte Fiete. "Mhm", überlegte Jan und zog die Mundwinkel nach unten. Fiete zog seine Handschuhe aus, griff in die Innentasche seiner Joppe und zog einen Flachmann heraus. Dabei verlor er fast das Gleichgewicht. Mit rudernden Armbewegungen bekam er seinen Körper wieder unter Kontrolle. "Lass bloß nich falln !", sorgte sich Jan. Dann tranken beide in ruhigen Schlucken den gut und gerne 60Prozentigen. "Wenn wir den Schnaps irgendwie unter die Sohlen bekämen...", sagte Fiete mehr zu sich selbst. "Nee, kannst nich machn", protestierte Jan "Nee,is zu schade", nickte Fiete einsichtig. "Viel zu schade", bestätigte Jan. Nach einer Schweigeminute... "Das Frühjahr soll dies Jahr zeitig sein", sinnierte Jan. "Jo. Ich glaub, is auch schon nich mehr ganz so mopsich". "Denk ich auch. Mir is wieder ganz warm", sagte Jan, schob seine Mütze in den Nacken und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. "Wenns bald kommen tät, könnten wir ja warten bis taut". "Wer kommt?" "Na, das Frühjahr!" "Mhm?!". Sie wandten sich wieder dem Flachmann zu. "Aahh", meinte Jan nach einem tiefen Schluck. Und nach einem feuchten Blick auf seine Heimat: "Schön hier, was?" "Schöner als inne Stadt", bestätigte Fiete kopfnickend. Nach einer Schweigeminute mit warmem Glücksgefühl, ob der stolzen Gewissheit in einem herrlichen Fleckchen Erde beheimatet zu sein: "Du, Jan". "Wat is, Fiete?" "Ich kann nich bis Frühjahr warten". "Wieso nich? Kommt doch zeitig." "Ich kann nich schwimm! ". "Richtig. Kannst du nich". "Nee". "Düwel noch ma. Dasn Pech !" "Jo!". Jetzt zog Jan seinerseits die Handschuhe aus und zog ebenfalls einen Flachmann aus seiner Joppe. "Dann muss ich nachdenkn", sagte er und tat einen kräftigen Zug. Dabei bog er seinen Oberkörper gefährlich weit nach hinten, in Anbetracht der angefrorenen Lage. Trotzdem überstand er die Übung ohne physischen Schaden. "Jo. Denk ma nach", sagte Fiete und gab dem Flachmann den Rest. Nach einer Schweigeminute... "Unn wenn wir das "Flachstädter Tagblatt" verbrenn?, brach Fiete das Schweigen. " Mit breitem Grinsen schaute er zu Jan. "Jo, die schreiben eh nur Mist. Aber is das nich strafbar?", zweifelte Jan. "Nee, das mein ich nich... hier!", und damit zog er ein Exemplar der besagten Zeitung aus der Tasche. "Davon ein paar Blätter zwischen die Füße, anzünden und warten.? ?Gute Idee. Könnte klappen.? Während Fiete sich bückte und ein paar zerknüllte Flachstädter Tagblätter zwischen seinen Stiefeln anzündete, hielt ihn Jan am Ellbogen fest. Das trockene Papier loderte leise - ganz in orange. Verzückt schauten beide eine Weile in die wärmenden Flammen. Nachdem Fiete mit letzter Anstrengung und heißen Fingern, das Feuer zwischen seinen angesengten Hosenbeinen ausgeklopft hatte, besah er sich den Schaden und meinte: "Die Büx war eh nich mehr für gut". Die Stiefel ließen sich immer noch nicht bewegen, und man schwieg wieder eine Weile... "Wenn du nich schwimm kanns, bringt es nix, zu warten", stellte Jan schließlich fest. "Nee, dat bringt mich nix". Wieder verrann eine Schweigeminute. Dann tat der Selbstgebrannte seine Wirkung. "Ich habs !",stieß Jan endlich hervor. "Wat?" "Die Lösung !" "Nee ?!" "Doch !" "Das is jetz schade", meinte Fiete. "Wat?" "Na, dass die Flachmänner leer sind". "Stimmt". "Sonst hätten wir drauf trinken können". "Hätten wir". Nach einer Schweigeminute... "Is dir noch kalt, Fiete?". "Nee, glaub nich'". "Gut. Dann zieh die Stiefel aus!" "He??" "Ja, jetz weiß ich, wie wir hier wegkomm! Wir ziehn einfach unsre Stiefel aus!" "Unn dann ?". "Dann gehn wir nach Haus. Ich hab Durst". JASMIN Es war Freitagnachmittag. Der schwarze Mercedes Actros Sattelzug fuhr mit gut siebzig Sachen über die Dorfstraße, wie jeden Freitag um diese Zeit. Jasmin saß mit ihrem Gameboy in den Händen auf der Vorgartenmauer, als der Fahrtwind der vorbei brausenden Maschine an ihren langen blonden Haaren zerrte, als wollte er ihr sagen: "Komm mir niemals zu nahe, Kleines!" Jasmin schien nicht sonderlich beeindruckt. Ohne den Kopf zu heben schaute sie dem bedrohlichen Gefährt mit zusammen gekniffenen Augen hinterher, wandte sich aber nach wenigen Sekunden wieder ihrem Spiel zu. Ihre Eltern, Karl und Franziska Berg, hatten sich vor zwei Jahren getrennt, als Jasmin knapp acht Jahre alt war. Franziska hatte Karls Wutausbrüche ebenso satt, wie seine Handgreiflichkeiten. Da sie sich mit der Kindererziehung überfordert fühlte und nie ein mütterliches Verhältnis zu ihrer Tochter entwickelte, viel es ihr leicht, das Haus zu verlassen und ihrer Wege zu gehen. Nun hatte Karl allein "das Problem am Hals", was er Jasmin bei jeder Gelegenheit wortwörtlich zu verstehen gab. Dass seine Tochter mit jedem neuen Tag ihrer Mutter immer ähnlicher sah, bewirkte in Karls gestörtem Gefühlsleben, dass er seinen Hass auf Franziska auch auf Jasmin übertrug. Als Jasmin genug vom Gameboyspielen hatte und in die Küche kam, um etwas zu trinken, erwartete Karl sie schon. "Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht auf der kalten Gartenmauer sitzen ?" Er stand neben dem Kühlschrank mit den Händen in den Hosentaschen. "Aber die Sonne scheint doch und die Mauer ist gar nicht kalt", erwiderte sie. Jasmin blieb stehen und sah auf ihre Schuhspitzen. "Komm her!" Sein Kinn zuckte. Langsam ging Jasmin auf ihn zu. Als sie einen Schritt vor ihm stand, hob sie den Kopf, wischte sich die Haare aus der Stirn und sah ihrem Vater mit klaren Augen ins Gesicht, denn sie wusste, was jetzt geschehen würde, aber sie hatte schon lange keine Angst mehr. Als hätte jemand mit einer Fliegenklatsche gegen die Wand geschlagen, hörte es sich an, als Karls flache Hand auf Jasmins linke Wange traf. "Geh auf den Zimmer, sofort! In einer Stunde kontrolliere ich deine Hausaufgaben. Und wehe dir, wenn ich in deinem Heft wieder nur Geschmiere finde." Seine linke Hand war zur Faust geballt, mit der Rechten wies er zur Tür Jasmin sagte kein Wort, drehte sich ohne Eile um und ging die knarrende Holztreppe hinauf zu ihrem Zimmer. Ihr Kinn zitterte leicht und zwei Tränen rannen über ihre Wangen. Karls Blick fiel auf den Gameboy, den Jasmin auf den Küchentisch gelegt hatte. "Und nimm dieses verdammte Ding mit", schrie er und stieß das Spiel von der Tischplatte, dass es auf den Bodenfliesen gegen die Wand schlitterte, wo es mit einem scheppernden Geräusch zerbrach. Jasmin hatte keine Freunde. Sie war still, mit fas autistischen Zügen. Vor allem war sie Fremden gegenüber sehr zurückhaltend. Mit einer Ausnahme. Die alte Frau Simmet, die gegenüber, auf der anderen Straßenseite wohnte, war, wenn es Jasmin besonders schlecht ging, so etwas wie eine Ersatzoma. Auch bei ihr sprach Jasmin nicht viel, was sie auch gar nicht musste. Frau Simmet wusste auch so, was das Mädchen so sehr vermisste. Sie hatte immer einen warmen Kakao und ein paar Kekse oder Schokolade für die Kleine. Doch vor allem ging von ihr eine Wärme und Zuneigung aus, die Jasmins Seele gut tat. Und weil der zehnte Geburtstag ihrer kleinen Freundin bevor stand, wusste sie auch, was sich Jasmin zum Geschenk wünschte. Ein paar Rollschuhe. Sie wollte keine Inliner, sondern Rollschuhe. Die mit den knallig-bunten Kunststoffrollen und dem großen Stopper. Ihrem Vater hatte sie nichts davon erzählt. Er würde ihren Geburtstag sowieso wieder vergessen, genau wie letztes Jahr und das Jahr davor. Der Geburtstag kam und sie sollte Recht behalten. Ihr Vater schickte sie morgens ohne ein Wort zur Schule, und als sie am Mittag nach Hause kam, saß er an seinem Schreibtisch ohne sie auch nur anzusehen. Obwohl Jasmin damit rechnete, dass er auch diesmal ihren Geburtstag vergessen würde, lag sie auf ihrem Bett und weinte sich in den Schlaf. Als sie aufwachte, telefonierte ihr Vater mit einem Zeitungsredakteur für den er als freier Journalist einen Artikel schreiben sollte. Jasmin schlich sich an der offenen Tür des Arbeitszimmers vorbei, rutschte das Treppengeländer hinunter um sich nicht durch das Knarzen der Stufen zu verraten und zog anschließend, so leise sie konnte, die Haustür zu. Dann lief sie mit wehenden Haaren und feuchten Augen über die Betonplatten der Einfahrt rüber zur alten Simmet. Es war Freitagnachmittag und in ihrer Erregung hatte sie den schwarzen Truck nicht kommen hören, der wie immer viel zu schnell über den Asphalt jagte. Der Fahrer trat das Bremspedal bis zum Anschlag, als er das Mädchen auf die Straße rennen sah, doch es würde nicht reichen. Er löste kurz die Bremse und machte einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war sie leer. Jasmin stand mit aufgerissenen Augen und offenem Mund mitten auf der Fahrbahn. Sie konnte keinen Muskel mehr bewegen. Der Lastzug kam hundert Meter weiter mit quietschenden Bremsen zu Stehen. Jasmin bekam nicht mit, dass der Fahrer seine gut hundert Kilo mit einem Satz auf die Straße beförderte und ihr mit aschfahlem Gesicht entgegen stampfte. Er sah aus, wie ein Stier bei einer spanischen Corrida, der schnaubend vor Schmerz und Wut auf den Torero los ging. Als er bei ihr angekommen war, zog er sie wortlos mit einem kräftigen Ruck an ihrem Oberarm auf den Bürgersteig. Ein gequältes "Aahh" kam aus ihrem Mund. Der Fahrer baute sich vor ihr auf und brüllte auf sie ein, doch Jasmin war so verstört, dass sie den Sinn seiner Worte nicht verstand. Sie blickte zu ihm hoch und sah nur, dass sich sein dicker Bauch unter seinem grünen Hemd ständig vor und zurück bewegte. Sie wollte ins Haus laufen, doch der Dicke hielt sie fest. Als sie wieder zu ihm hoch schaute und sich seinem Griff entwinden wollte, sah sie einen Schatten auf sich zukommen. Einen Wimperschlag später spürte sie den brennenden Schmerz einer Ohrfeige an ihrem Kopf. Sie riss sich los und rannte dabei gegen ihren Vater, der vom Fenster seines Arbeitszimmers aus alles beobachtet hatte, nachdem er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Jasmin hatte keine Gelegenheit sich von dem Schrecken zu erholen, denn Karl war außer sich vor Wut und prügelte unkontrolliert auf sie ein, während Jasmin schreiend vor Schmerz und Angst vor ihm her ins Haus lief. Sie hörte nicht mehr, dass der Fahrer ihrem Vater hinterrief: "Komm, Mann, lass gut sein. Das reicht jetzt." Im Haus gegenüber stand eine alte Frau zitternd hinter den Fenstergardinen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Am Tag danach ging Frau Simmet zum Briefkasten, als sie bemerkte, dass Karl Berg ein paar Sachen aus dem Kofferraum seines Wagens in seine Garage trug. Sie atmete tief durch, zupfte nervös an ihrer ärmellosen Weste, und ging über die Straße zu ihm hin. "Herr Berg", begann sie und versuchte Freundlichkeit in ihre Stimme zu legen. "Ich muss mal mit Ihnen reden." "Was ist?" Karl stellte einen Karton auf ein Garagenregal und ging an ihr vorbei zu seinem Auto ohne sie dabei anzusehen. "Es geht um Jasmin..." "Was hat das Teufelsweib schon wieder angestellt?" Er blieb am Auto stehen und stemmte die Hände an seine Hüfte. Er war mindestens zwei Köpfe größer als sie, sein Körper wirkte durchtrainiert. Mit seinen dunklen Haaren und dem schwarzen Schurrbart erinnerte sie ihn ein wenig an Tom Selleck in seiner Rolle als "Magnum". Nur seine Augen wirkten aggressiv und unsympathisch. Frau Simmet rechnete zwar damit, dass ihr Nachbar sie anfauchen würde, doch die Härte seiner Stimme ließ ihre Knie weich werden. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, kam Karl auf sie zu. Einen Tick zu nahe für ihren Geschmack. Sein Atem roch nach Tabak. "Was ist es diesmal?" Er redete keinen Deut leiser, als vorhin, als er gut zehn Schritte von ihr entfernt stand. "Nein, nein. Sie hat nichts angestellt, Herr Berg". Die alte Simmet machte dabei eine beschwichtigente Armbewegung. "Nein? Nichts angestellt? Das ist ja mal ganz was Neues." Karl ließ sie stehen und ging wieder zum Wagen. Frau Simmet folgte ihm ein paar Schritte nach, um nicht lauter reden zu müssen. Die Nachbarn sollten nicht das ganze Gespräch mit anhören müssen. "Jasmin hatte doch gestern Geburtstag und...." "Ach, du Scheiße", sagte Karl und stellte die Tasche, die er gerade aus dem Kofferraum genommen hatte wieder hinein. "Ich habs vergessen. An was soll ich denn noch alles denken, verdammt noch mal". Er nahm die Tasche wieder raus und knallte den Kofferraumdeckel zu und ging wieder zur Garage. "Haben Sie gehört, was sie sich gestern wieder geleistet hat? Um ein Haar wäre sie jetzt unter der Erde." Die letzten Worte brüllte er, so dass Frau Simmet tief durchatmen musste. Sie wünschte, sie hätte das Gespräch nie begonnen. "Ja", sagte sie fast lautlos. "Ich habe es gesehen." "Und was, bitteschön, hat das mit ihrem Geburtstag zu tun? Und was, in aller Welt, geht Sie das überhaupt an?" Die letzte Frage überhörte sie. "Jasmin hat mir heute morgen, als sie zur Schule ging nur gesagt, dass Sie ihren Geburtstag wohl vergessen hätten. Und da ich weiß, dass sie sich Rollschuhe mit bunten Rollen und Stopper wünscht, wollte ich Ihnen damit nur einen Tipp geben. Vielleicht schenken Sie ihr die Rollschuhe doch noch nachträglich." Sie hatte ihre Hände in ihrer gestreiften Kittelschürze vergraben und hoffte, dass ihr Nachbar nicht merkte, wie sie am ganzen Leibe zitterte. "Ach, so! Sie wollten mir nur einen Tipp geben, ja?" Karls Augen funkelten, als er auf Frau Simmet zuging. Er beugte sich so nahe zu ihrem Gesicht herunter, dass sie ihr eigenes Spiegelbild in seiner kohleschwarzen Iris erkennen konnte. "Ich sag Ihnen mal was. Ich benötige keine Tipps von herumschnüffelnden neunmalklugen Nachbarn". Er hatte seinen Arm gehoben und fuchtelte mit der Spitze seines Autoschlüssels gefährlich nahe vor Frau Simmets Augen. "Ich weiß schon lange, dass Sie mit dem Gör unter einer Decke stecken. Ich verbiete Ihnen ab sofort jeglichen Umgang mit meiner Tochter. Ist das klar?" Seine Worte stießen so heftig hervor, dass sich feine Speicheltröpfchen aus seinem Mund auf ihrem Gesicht verteilten. Er drehte sich um und zog mit einem heftigen Ruck das Garagentor herunter, so dass es noch sekundenlang im Schloss hin und her schwang. "Und jetzt verschwinden Sie von meinem Grundstück." Die alte Simmet hatte Tränen in den Augen und ihre Beine versagten ihr fast den Dienst, als sie schwer atmend die Straße überquerte. Am Dienstag, als Jasmin aus der Schule kam, wartete Karl in der Küche auf sie. "Hier", sagte er. "Für dich", und er zeigte dabei auf ein viereckiges Päckchen, das auf dem Küchentisch lag. Zu mehr war er nicht fähig. Das Päckchen war etwa so groß wie ein Schuhkarton und in buntes Papier gewickelt. Jasmins Augen zeigten keine Freude. Sie waren so leer, wie das Herz ihres Vaters. Unter ihrer blassen Gesichtshaut konnte man feine, blaue Adern sehen. Sie zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, dann nahm sie das Paket und ging wortlos auf ihr Zimmer. Am Donnerstagnachmittag zog sie den bunten Karton unter ihrem Bett hervor, wo er seit Dienstag gelegen hatte. Sie hob ihn auf die Bettdecke und starrte ihn an, als fürchtete sie sich vor dem, was sie darin finden würde. Es vergingen Minuten in denen ihre Augen regungslos auf das Papier gerichtet waren. Langsam begannen ihre weißen Hände die Verpackung aufzureißen. Dann hob sie ebenso behutsam den Deckel der Schachtel und schaute mit großen traurigen Augen auf die neuen Rollschuhe. Es waren haargenau die, die sie sich so sehr gewünscht hatte. Mit großen breiten Rollen aus neonrotem Kunststoff und mit einem dicken roten Stopper. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, als sie den Karton wieder verschloss und unter ihrem Bett verschwinden ließ. Sie knüllte das Geschenkpapier mit beiden Händen zusammen und warf es in den Papierkorb. Am Freitag war der erste Tag der Sommerferien. Trotzdem stand Jasmin bereits um sieben Uhr auf. Ihr Vater schlief noch, als sie mit den Rollschuhen in der Hand vors Haus ging. Der Himmel war wolkenverhangen. Es schien, als hätte sich der Tag unter einer grauen Bettdecke verkrochen, um eine Runde länger zu schlafen. Zum ersten mal seit Wochen mit brütender Hitze und Trockenheit, sah es heute danach aus, als gäbe es den von vielen lang ersehnten Regen. Sie setzte sich auf die gelben Gehwegplatten in der Einfahrt und stellte die Rollschuhe vor ihre Füße. Sie hatte ihre beigefarbenen Lederstiefeletten an und stellte einen Fuß auf die Metallsohle des Rollschuhes und passte die Länge der Sohle ihrer Fußgröße an. In ihrer Schule gab es einige Kinder mit solchen Rollschuhen, denen sie dabei schon oft verstohlen zugeschaut hatte. Nachdem der zweite Rollschuh an der Stiefelette befestigt war, begann sie zaghaft aufzustehen und rollte vorsichtig bis zum Torpfosten der Gartenmauer. Mit entschlossenem Blick begann sie ein stundenlanges Rollschuhtraining. Und es klappte von Minute zu Minute besser. Sie fuhr dabei auf dem Bürgersteig ihrer Straße rauf und runter. Von der Litfasssäule an dem einen Ende bis zu der alten Platane an dem anderen. Jasmin wurde dabei immer sicherer und sie fuhr immer schneller. Einmal stand die alte Simmet am offenen Fenster und rief Jasmins Namen, doch Jasmin hörte sie nicht. So hatte sie das kleine zarte Mädchen noch nie gesehen. Ihr kam es vor, als sei das blasse Gesicht heute noch eine Nuance heller, fast weiß. So wie das harte, leblose Gesicht einer Porzellanpuppe. Karl hatte am Mittag einen Termin außer Haus und holte den Wagen aus der Garage. Als er bemerkte, mit welchem Tempo Jasmin die Straße entlang fuhr, ging er zum Tor und rief ihr nach: "He, Jasmin! Wenn du mit den Dingern irgendeinen Scheiß baust, fliegen sie in den Müll und du hinterher. Hast du mich verstanden?" Jasmin raste, wie von einer unsichtbaren Hand an einem ebenso unsichtbaren Seil gezogen, weiterhin die Straße rauf und runter. Dabei war sie schon so geschickt, dass sie entgegenkommenden Passanten mit einer leichten Bewegung ihres Oberkörpers ausweichen konnte, ohne ihr Tempo zu verringern. Sie lief, als hätte sie in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ihr Vater zu seinem Auto und fuhr zu seinem Treffen. Die Wolken verhüllten das Firmament mit einem undurchdringlichen anthrazitfarbenen Vorhang und lagen so schwer und tief über dem Ort, als wollten sie ihn mit ihrer kühlen Feuchte langsam aber unaufhaltsam ertränken. Die ersten Tropfen fielen klatschend auf den schwarzen Asphalt. Jasmins Kleidung wurde nass. Bald klebten ihre Haare am Kopf und sie musste die Augen zusammen kneifen. Doch das hielt sie nicht davon ab, die Kunststoffrollen singen zu lassen. Wie auf Schienen glitt sie über den Bürgersteig. Als Frau Simmet wieder nach ihr schaute, sah sie zu ihrer Erleichterung, wie Jasmin in die Einfahrt einbog und ohne die Rollschuhe auszuziehen im Haus verschwand. "Gott sei dank", sagte sie mit einem Seufzer. "Sie ist doch noch vernünftig geworden." Fünf Minuten später, als Frau Simmet in ihrer Küche stand und das Geschirr von ihrem Mittagessen spülte, hätte sie sehen können, wie Jasmin mit frischen Kleidern versehen wieder durch das Gartentor rollte. Der Platzregen hatte sich zu einem nebelartigen Sprühregen abgeschwächt, der Häuser und Straßen mit einem Schleier verhüllte. Trotzdem war die Lufttemperatur nur unwesentlich niedriger als in den vergangenen Tagen. Der Asphalt war durch die starke Hitze der letzten Tage noch so aufgewärmt, dass er das Regenwasser in weiße Dampfwölkchen verwandelte. Die Luft war warm und drückend. Der Straßenverkehr hatte sich jetzt am frühen Nachmittag beruhigt, und auch die Fußgänger hätte man an einer Hand abzählen können. Der Ausdruck "verschlafenes Nest" traf in dieser Stunde den Nagel auf den Kopf. Selbst der Wind und die Vögel schienen sich einig eine Siesta einzulegen. Das einzige Geräusch in dieser gespenstischen Stille kam von Jasmins Rollschuhen. Das Singen der Rollen war auf dem nassen Bürgersteig zu einem wütenden Gurgeln geworden. Doch noch ein Geräusch gesellte sich dazu. Das näherkommende Dröhnen eines 500-PS-starken Dieselmotors. Der schwarze Truck kam wieder nach Hause und er fuhr wieder über dem Limit. Jasmin fuhr auf die Platane zu und blieb mit einem gekonnten Bremsschwung neben dem riesigen Baum stehen. Dicke Wassertropfen fielen von seinen Blättern auf sie hinunter. Langsam drehte sie sich um. Sie sah zum anderen Ende der Straße. In ihren Augen vermischte sich ihr Schmerz mit einer vrzweifelten Entschlossenheit zu einer unseligen Allianz. Das wütende Grollen des Dieselmotors wurde lauter. Mit langsamen Schritten lief Jasmin ihm entgegen. Jetzt konnte man die Scheinwerfer des Lastzuges sehen, in deren Lichtkegel die Regentropfen wie winzige goldgelbe Sternschnuppen zu Boden fielen. Jasmin steigerte ihre Geschwindigkeit. Ihre Kleider waren inzwischen wieder nass geworden und ihre Haare klebten ihr in Strähnen im Gesicht. Der Lastzug wurde keinen Deut langsamer, obwohl dem Fahrer doch vor ein paar Tagen in dieser Straße der Schrecken gehörig in seine fetten Glieder gefahren war. Hinter dem Sattelaufleger stob eine meterhohe Sprühnebelfahne, die sich wie ein mächtiger gespentischer Reiter, peitscheschwingend über dessen dunkler Plane mit dem grauen Himmel vereinte. Jasmin wurde immer schneller. Die dunklen Ringe um ihre großen Augen ließen sie krank und alt erscheinen. Sie fuhr so schnell, dass die klatschnassen Haare vom Fahrtwind über ihren Nacken hinausgehoben wurden. Jetzt war der Lastzug fast an ihrem Haus angekommen, als Jasmin in rasender Fahrt vom Bürgersteig auf die Straße sprang. Direkt auf den schwarzen Truck zu. Diesmal hatte der Fahrer keine Chance auszuweichen. Es ging alles viel zu schnell. Jasmin prallte mit Kopf und Schultern frontal gegen den Kühlergrill. Von der Wucht des Aufpralls wurde sie auf den Bürgersteig vor ihrem Haus geschleudert. Wie eine große Puppe, mit der ein wütendes Kind nicht mehr spielen wollte. Nach endlosen Sekunden kam die Maschine zum Stehen. Im gleichen Moment kam Jasmins Vater nach Hause. Frau Simmet riss ihre Haustür auf, stürzte über die Straße auf den mit verdrehten Gliedern daliegenden kleinen Körper zu. Sie stand mit Karl und dem Fahrer um das Mädchen herum. Ihnen war das Blut aus den Adern gewichen. Stumm und mit zugeschnürter Kehle schauten sie auf das Mädchen herab. Auf Jasmins Gesicht und in ihren Haaren mischte sich der Regen mit ihrem hellroten Blut. Die ersten scheuen Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolkenwand. Und in ihrem goldgelben Licht schien es, als spielte ein heiteres, zufriedenes Lächeln um Jasmins bleiche Lippen. Blatella germanica war der favorisierte Fachausdruck von Günter Dremmer - gleich nach Blatta orientalis. Diese Worte kamen ihm über die Lippen, wie Unsereinem zum Beispiel Erdbeertorte oder Jägerschnitzel. Das soll nicht heißen, dass Dremmer beim Anblick von Kakerlaken das Wasser im Munde zusammenlief. Nein. Wenn er feststellte, dass es sich diese unappetitlichen Tierchen in einer Küche gemütlich gemacht hatten, sah er vielmehr das Geld, das ihm deren Vertreibung einbrachte. Günter Dremmer war Schädlingsbekämpfer mit eigener Firma. Auch sonst war er ein Freund starker Worte. An seinem gelben Transit, der mit diversen Arbeitsutensilien, Lockstoffen und Pestiziden beladen war, stand über seinem Namen und der Telefonnummer in feuerroten Großbuchstaben: TERMINATOR. Es war eine Art Hassliebe, die Dremmer mit Silberfischen, Asseln, Fliegen und Schaben verband. Einerseits konnte er das Ungeziefer auf den Tod nicht ausstehen, andererseits hatte er es mit Hilfe der Insekten zu einer großzügig dimensionierten Behausung außerhalb der Stadt und einem relativ sorgenfreien Leben gebracht. Sein Geschäft lief solange gut, bis einige seiner Mitmenschen erkannten, dass es eigentlich in ihrer Stadt viel zu viele Schädlinge gab, aber viel zu wenige Experten, die sich mit deren Ausrottung auskannten. So wuchs im Laufe der Zeit die Zahl seiner Konkurrenten. Und im gleichen Ausmaße sank sein Einkommen. Eines abends saß Günter Dremmer im Arbeitszimmer seines Anwesens und dachte darüber nach, wie er Mittel und Wege finden könnte, um aus seinem Dilemma herauszukommen. Auf die Hilfe eines Partners musste er verzichten, denn er lebte alleine. Frauen hielten es nie lange bei ihm aus. Mag sein, dass es daran lag, dass er mit Wasser, Seife und Zahncreme eher, sagen wir mal sparsam umging. Mag sein, dass es am Rotweinnebel lag, der ihn ständig umgab. Mit der Zeit hatte er es aufgegeben, nach Gründen zu suchen. Seiner Meinung nach waren Frauen sowieso ein teurer Zeitvertreib und verursachten nur Ärger. Da war ihm seine Unabhängigkeit allemal lieber. Vor ihm lag ein leeres Blatt Papier und ein Stift, um sich gleich Notizen zu machen, falls ihm die Erleuchtung kam. Im Mundwinkel hielt er das Villiger-Zigarillo zwischen den gelben Zähnen und starrte im Schein der Schreibtischlampe in sein volles Weinglas. Seine struppigen roten Haare waren das Ebenbild seiner Gedanken. Sie standen kreuz und quer, zeigten in alle Richtungen und waren bar jeder Ordnung. Als er am Morgen aufwachte, lag sein Kopf auf dem zerquetschten Zigarillo, das Weinglas war leer und der Stift hatte auf das Papier ein seltsames Muster gekritzelt, das aussah, wie eine herausgestreckte Zunge. Das Kreuz tat ihm weh und sein Nacken war hart wie ein Stück Holz. Seine Zunge schien sich über Nacht vom restlichen Körper getrennt zu haben und zu einem ausgestopften Pelztier mutiert zu sein. Während er den Pelz mit seinen Zähnen nach eventuell doch noch vorhandenen Lebenszeichen untersuchte, schleppte sich unter die Dusche. Genau in dem Moment, als er das Wasser aufdrehte, kam ihm die rettende Idee. Deshalb hielt er sich auch nicht lange mit der Körperreinigung auf, sondern rannte klatschnass und wie Gott (Gott?) ihn schuf zurück ins Arbeitszimmer zur Kundenkartei. Da waren sie! Alle Namen und Adressen derjenigen, die er einmal aus einer misslichen Lage gerettet hatte. Es wird Zeit, dachte er, dass ihr wieder einen Grund bekommt, meine Telefonnummer zu wählen. Die Blatella germanica, auch Hausschabe genannt, war genau das Richtige, entschied Dremmer. Diese kleinen Biester sollten ihm dazu verhelfen, seinen Kontostand wieder ins Lot zu bringen. Schon am nächsten Tag begann er, seine umsatzfördernde Idee in die Tat umzusetzen. Es war für ihn ein Leichtes, ein paar dieser Störenfriede bei einem seiner Einsätze unbemerkt einzusammeln. Auf dem Trödelmarkt besorgte er sich zwei Glasterrarien, die ihm als Aufzuchtstation dienen sollten. Er bot den Krabblern bei sich zu Hause eine neue, artgerechte Unterkunft, worin sie sich wohlfühlten und fruchtbar waren. Nennt man das nun einInsektarium, oder eher ein Kakerlakium ?, ging es ihm durch den Kopf, als er sein Werk betrachtete. Wie auch immer, es sollte vor allen Dingen der Fastenzeit seines abgemagerten Girokontos ein schnelles Ende bereiten. Um die zwanzig Eier konnte so ein Kakerlakenweibchen in seiner Legeröhre mit sich herumtragen. Für jeden Kunden ein schwangeres Weibchen. Das müsste reichen. Jetzt blieb nur noch ein Problem. Wie kamen die Tierchen zum Kunden? Man müsste einen Weg finden, dachte er, die "Ware" in die Wohnungen einzuschleusen, ohne dass der Betreffende etwas davon bemerkt. Er konnte sie ja schlecht mit der Post schicken. Oder etwa doch? Und da hatte er auch schon den nächsten Geistesblitz. Zwei Tage später klingelte bei seiner Kundin, Frau Kornblum, das Telefon. "Kornblum". "Guten Tag, liebe Frau Kornblum. Hier ist Dremmer. Günter Dremmer, Schädlingsbekämpfung. Erinnern Sie sich noch an mich, liebe Frau Kornblum?" "Schädlingsbekämpfung? Ach, ja, richtig. Jetzt fällts mir wieder ein. Sie waren ja damals hier wegen der...der...Käfer". "Genau, liebe Frau Kornblum. Wegen der Käfer". "Aber hören Sie. Ich hab jetzt keine mehr. Bei mir ist alles in Ordnung". "Das ist doch hervorragend, liebe Frau Kornblum. Ich ruf ja auch nur an, weil Sie doch bald Geburtstag haben, nicht wahr?" "Geburtstag? Ja... aber...." "Ja, ich weiß. Es sind noch ein paar Tage bis dahin, liebe Frau Kornblum. Aber ich habe mir gedacht, machst der lieben Frau Kornblum mal eine Freude zu ihrem Festtag. Wissen Sie, jeder meiner Kunden bekommt von mir eine kleine Geburtstagsüberraschung. Nichts Besonderes. Nur so, als kleine Aufmerksamkeit, liebe Frau Kornblum". "Ja, das ist aber sehr nett von Ihnen, Herr... Herr...". "Dremmer, liebe Frau Kornblum. Ja, und deswegen rufe ich ja auch an. Also ich habe das kleine Päckchen bereits zur Post gebracht und wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass sie das Geschenk keines Falls vor Ihrem Freudentag öffnen dürfen, liebe Frau Kornblum. Wissen Sie, ich bin da sehr abergläubisch. Es bringt Unglück, wenn man sein Geburtstagsgeschenk zu früh aufmacht. Deshalb rufe ich an. Bitte öffnen Sie das Präsent erst an Ihrem Geburtstag. Es soll Ihnen ja schließlich Glück bringen, nicht wahr, liebe Frau Kornblum". "Aber ja, natürlich, Herr Dremmer. Und vielen Dank schon mal im voraus. Das ist wirklich nett von Ihnen". "Ausgezeichnet, liebe Frau Kornblum. Dann kann ich mich ja darauf verlassen. Und meine Karte haben Sie noch, liebe Frau Kornblum? Man weiß ja nie, nicht wahr?" "Ich hoffe ja nicht, Herr Dremmer. Aber die Karte habe ich noch. Hier an meiner Pinnwand". "Gut, Frau Kornblum. Und denken Sie daran. Erst am Geburtstag öffnen. Also, alles Gute, liebe Frau Kornblum". "Wiederhörn, Herr Dremmer". Dremmer legte auf und wartete geduldig auf das Ergebnis seines Experimentes. Wenn es bei Frau Kornblum funktionieren würde, dann sollte es auch bei den meisten anderen seiner Karteileichen klappen, da hatte er keine Bedenken. Einen Grund, jemandem ein Päckchen zu schicken, wenn es bis zum Geburtstag zu lange hin war, boten Namenstage, Ostern, Pfingsten, oder Weihnachten. Da fand sich immer etwas. Er würde seinen Konkurrenten schon die gelben Zähne zeigen. Der Terminator würde sie zertreten, wie lästiges Ungeziefer. Etwas anderes waren sie in seinen Augen nicht Frau Kornblum setzte ihre Lesebrille, die an einer vergoldeten Kette unter ihrem Doppelkinn hing, auf die Nase. Sie studierte die Aufschrift auf dem sandfarbenen Packpapier, mit dem das kleine Paket umwickelt war. Vorsichtig schüttelte sie es mit beiden Händen und neigte den Kopf. Aber sie hörte nichts, was den Inhalt hätte verraten können. Dann begann sie behutsam mit Daumen und Zeigefinger das Papier zu lösen und hatte dabei die mahnenden Worte des Absenders im Ohr. Sie war inzwischen so aufgeregt, dass sie ihre feuchten Hände an ihrer bunten Kittelschürze abwischen musste, die ihren fülligen Leib daran zu hindern schien, sich in einer noch ungünstigeren Form darzustellen. Sie zerknüllte das Packpapier und stopfte es in die Tasche ihrer Schürze. Doch als sie sah, dass das Päckchen in ein weiteres Papier eingeschlagen war, resignierte sie. Das rote Geschenkpapier mit den gelben Schmetterlingen wurde von mehreren Klebestreifen zusammen gehalten. Auf der Oberseite war ein Kärtchen befestigt. Frau Kornblum rückte ihre Brille zurecht und las: Mit den besten Wünschen zum Geburtstag. In großen roten Buchstaben stand darunter: AUF KEINEN FALL VOR DEM FESTTAG ÖFFNEN! Mit einem Seufzer trug sie das Päckchen in ihr Wohnzimmer zu der nussbaumfarbenen Kommode, wo sie es einem weiteren Schütteltest unterzog. Der bestätigte aber nur das Ergebnis des ersten Tests. Auf dem mattglänzenden Möbelstück stand eine Ansammlung Familienfotos aus längst vergangenen Epochen, sowie aus der jüngsten Vergangenheit einträchtig neben- und durcheinander. Hinter einer Ablichtung ihrer drei Enkelkinder Steffi, Nicki und Tommi, in einem blankgeputzten Messingrahmen, bekam das geheimnisvolle Geschenk seinen vorläufigen Platz. Dann ging das Geburtstagskind in spe in die Küche, um mit den Vorbereitungen für das Mittagessen fortzufahren. Dass das Geschenkpapier, sowie der Karton darunter, der etwa halb so groß wie eine Schuhschachtel war, an einer Ecke der Unterseite ein Loch hatte, so groß wie ein Stecknadelkopf, war Frau Kornblum entgangen. Was ganz im Sinne des Absenders war. Hinter diesem Loch wartete ein Plüsch-Marienkäfer darauf, seinem neuen Besitzer eine Freude zu machen. Und damit der Marienkäfer die Reise nicht alleine antreten musste, hatte ihm Dremmer einige winzige Begleiter mit auf den Weg gegeben. Die Nachkommenschaft eines Blatella-germanica-Pärchens. Zwölf Kakerlakenbabies, die kurz davor waren, das Licht der Welt, oder in diesem Fall, die Dunkelheit des Kartons zu erblicken. Um gleich darauf einen mächtigen Kohldampf zu entwickeln. Dremmer wusste, dass die lieben Kleinen sich sofort nach dem Schlüpfen auf die Suche nach Nahrung machen, und den Weg in die Kornblum`sche Küche garantiert finden würden. Eine Küche, die mit Lebensmittelvorräten aller Art bestens ausgestattet war. Bis die Suche begann, durfte die Beschenkte das Paket natürlich nicht öffnen. Er war sich im klaren darüber, dass eine frühzeitige Entdeckung dieses Geheimnisses, das gesamte Projekt zum Scheitern bringen könnte, und ihn in höchste Erklärungsnot. Deshalb sein Anruf und die Warnung auf der Karte. Doch sein Plan klappte bestens. Keine zwei Wochen nach dem Versand des ersten Päckchens, erhielt der Terminator den erhofften Hilferuf der völlig verzweifelten Frau Kornblum. Dieses war der erste Streich und der zweite folgte gleich. Sein Geschäft lief wieder hervorragend und er konnte nach gut einem Vierteljahr eine Zwischenbilanz ziehen. Zweiundvierzig verschickte "Geschenke" ergaben dreißig Hilferufe. Von den restlichen zwölf Altkunden hatte er nichts gehört. Das konnte mehrere Gründe haben. Entweder hatten diese Leute bei der Konkurrenz angerufen, oder noch gar nicht bemerkt, dass sie neue Untermieter hatten. Oder aber die Tierchen hatten den Transport nicht überlebt. Trotzdem konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Die Quote lag bei mehr als einundsiebzig Prozent. Ein Erfolg, auf den er stolz war, und für den er sich mit einem einwöchigen Wanderurlaub im Schwarzwald belohnte. Er hatte seine "Haustiere" ausreichend mit Nahrung versorgt und machte sich alsbald auf die Reise. Während Günter Dremmer einige Höhen und Täler des südwestdeutschen Mittelgebirges mit heiterem Herzen und schmerzenden Füßen durchschritt, hegte in seiner Heimatstadt ein gewisser Friedemann Kronberg, seines Zeichens Konditormeister und ebenfalls neuer "Altkunde" Dremmers, einen schlimmen Verdacht. Er war der Letzte, den Dremmer vor seinem Urlaubsantritt von den ungebetenen Gästen erlösen musste. Und wie es der Zufall will, erfuhr der Konditor innerhalb von vier Tagen von drei seiner Kunden, darunter auch die liebe Frau Kornblum, dass alle schon zum zweiten mal den Kammerjäger rufen mussten. Bei diesen Gesprächen wurde natürlich auch das nette Präsent der Firma G. Dremmer erwähnt, welches allen Betroffenen jüngst zugestellt worden war. Weder Frau Kornblum, noch die anderen beiden Unglücklichen, stellten einen Zusammenhang zwischen Geschenk und neuerlicher Schabenplage her. Aber Friedemann Kronberg war sich sicher, dass der Terminator seine Finger im Spiel haben musste. Er konnte Dremmer schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen keine Sympathie entgegenbringen. Zu seiner Frau sagte Kronberg damals: "Hast du die gelben Zähne gesehen? Und stinken tut er auch. Wenn der zwei Fühler auf der Stirn und zwei weitere krumme Beine am Arsch hätte, wäre er die größte Kakerlake der Welt!" Friedemann Kronberg war ein Unikum. Gut hundertneunzig Zentimeter lang und schwer wie eine Teigknetmaschine. Wenn sie gefüllt war, versteht sich. Wenn er am Morgen mit seiner Arbeit in der Backstube fertig war, und sein Geselle Feierabend hatte, stellte er sich noch für ein bis zwei Stunden hinter die Ladentheke und half beim Verkauf. Nicht, weil er ein netter Chef war, der seine Verkäuferinnen entlasten wollte. Er plauderte nur gerne mit seiner Kundschaft und machte dabei seine derben Späße, die nicht nach jedermanns Geschmack waren. Das war Kronberg aber egal und den Frauen vor und hinter der Theke oftmals peinlich. Er stand zwischen Sauerteigbrot und den "Pralinen nach altem Hausrezept", stemmte seine Hände, so groß wie Kohlenschaufeln, auf die Theke und lachte am lautesten über seine unverschämten Zoten. Seine Körpermasse begann dabei so stark zu vibrieren, dass man im nahegelegenen Seismologischen Institut in helle Aufregung geriet. Den Zorn einiger seiner Stammkunden, vornehmlich der weiblichen, hatte er erregt, als er vor zwei Jahren zur Karnevalszeit aus rosafarbenem Marzipan Brüste kreierte und in seinem Geschäft anpries. In diesem Jahr ging er, unbeirrt von Kritik, einen Schritt weiter und legte Marzipan-Penisse in seine Auslagen. Der Verkauf verlief schleppend. Was weniger an der Qualität der naturgetreu geformten Exponate lag, sondern vielmehr am Schamgefühl seiner Kunden und der Verkäuferinnen. Kurz gesagt, die Größe seines Selbstwertgefühls konnte mühelos mit der Höhe des Eiffelturms konkurrieren und er fürchtete nichts und niemanden. Außer vielleicht eine Buchprüfung des Finanzamtes. Kronberg musste auch im Verdachtsfalle Dremmer nicht lange überlegen, was zu tun war. Ihm war bekannt, dass der Kammerjäger erst am Sonntag aus dem Urlaub zurück kommen würde. Also beschloss er, dessen Wohnung am Samstagabend einer Inspektion zu unterziehen. Die Wohnungstür Dremmers bot der "rasenden Knetmaschine" keinen nennenswerten Widerstand. Als er die zwischen Küche und Bad liegende Abstellkammer betrat, fand er seinen Verdacht bestätigt. In seiner ersten Rage, wollte er die beiden Glasbehälter mit den platten Krabblern zertrümmern. Doch dann hielt er inne, atmete tief durch und machte sich mit hochrotem Kopf und einem Blutdruck wie eine Dampfmaschine auf den Heimweg. Wieder zu Hause, dachte er bei einem Sechserpack Bier gründlich darüber nach, wie er dem Riesenkakerlak die ekligen Fühler verbiegen könnte. Als das letzte Bier in seinem Bauch war, hatte er seinen Racheplan im Kopf. Er würde ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen - und zwar endgültig. Friedemann Kronberg würde persönlich und uneigennützig dafür sorgen, dass diese stinkende Gelbzahnschabe nie wieder unschuldigen Mitbürgern Schaden zufügen könnte. Mit diesem heroischen Gedanken ging Friedemann Kronberg zu Bett. Am Montagmorgen saß Günter Dremmer auf dem Toilettendeckel im Badezimmer seiner Wohnung und versuchte mit einer Stecknadel eine der großen Blasen an seinen Fersen aufzustechen. Die neuen Wanderschuhe waren zwar teuer und der Verkäufer im Sporthaus Stelzinger war so überzeugt von der Qualität der Treter, dass Dremmer gar nicht anders konnte, als sie zu kaufen. Doch er hätte sie vielleicht besser eine Nummer größer nehmen sollen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht saß er da und tupfte mit einem Stück Klopapier, die aus der Blase laufende Flüssigkeit ab. Da klingelte sein Telefon. Barfuß und mit Leidensmiene humpelte er an den Apparat. "Schädlingsbekämpfung Dremmer. Was kann ich für Sie tun?" Dremmer stand auf einem Bein, stützte sich mit einer Hand auf den Schreibtisch und presste den angestochenen Fuß in die Kniekehle seines Standbeines. "Morgen, Dremmer. Hier spricht Kronberg. Konditormeister Kronberg. Ich habe ein Riesenproblem, mein Guter, und Sie sind der Einzige, der mir dabei helfen kann. Sie wissen doch, dass ich draußen am Weiher eine kleine Blockhütte habe, wo ich das Wochenende verbringe, wenn ich zum Angeln fahre". "Ja, schon. Sie hatten mir mal davon erzählt. Aber was....?" "Ameisen! Verstehen Sie? Dort ist alles voller Ameisen! Die halten meine Hütte besetzt und verseuchen mir die ganzen Vorräte. Dagegen müssen Sie was tun! Und zwar schnell! Haben Sie gehört?" Kronbergs Stimme dröhnte dermaßen aus dem Hörer, dass Dremmer ihn unwillkürlich ein Stück von seinem Ohr weg nahm. "Ja, ja, Herr Kronberg. Aber zur Zeit bin ich..." "Sie sind der Beste, Dremmer", unterbrach ihn Kronberg. "Deswegen ruf ich ja bei Ihnen an und nicht bei Ihrer Konkurrenz", schleimte er. "Könnten Sie es einrichten, gegen zehn Uhr bei der Blockhütte zu sein? Sie wissen ja, wo die ist. Ich muss die Mistviehcher so schnell wie möglich loswerden". "Oh, das trifft sich aber schlecht, Herr Kronberg". Dremmer setzte sich vorsichtig auf seinen Stuhl. "Ich hab mir im Urlaub faustgroße Blasen gelaufen und komme in keinen Schuh. Eigentlich wollte ich erst am Mittwoch..." Wieder unterbrach ihn Kronberg. "Ist doch kein Beinbruch, Dremmer. Ich bin um zehn bei Ihnen und hole Sie ab. Ziehen Sie offene Latschen an, dann geht das schon. Ihre Giftspritzen und was Sie sonst noch brauchen, laden wir in meinen Wagen. Also, bis um zehn". Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Kronberg auf. "Scheiße!", sagte Dremmer und schaute gequält auf seine Ferse. Friedemann Kronberg hatte alles vorbereitet, um seinen Racheplan perfekt durchführen zu können. Dass er Dremmer abholen musste und er dessen Transit nicht auch noch entsorgen musste, erleichterte ihm die Arbeit. Dremmer hatte gequengelt und gejammert, als Kronberg schon um viertel vor zehn bei ihm geklingelt hatte. "Stellen Sie sich vor", klagte er. "Nicht genug damit, dass ich mir diese scheuslichen Blasen geholt habe - ich sage Ihnen, diese Schmerzen wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind. Nicht genug damit, bei mir wurde auch noch eingebrochen, während ich in Urlaub war". Er saß in Kronbergs neuem Passat-Kombi auf dem Beifahrersitz und hatte seine Tasche mit den, für die Ameisenjagd nötigen Utensilien, zwischen seine geplagten Füße gestellt. "Was?", heuchelte Kronberg Betroffenheit und öffnete die Seitenscheibe seines Wagens, obwohl es empfindlich kühl war und ein leichter Nieselregen eingesetzt hatte. "Wurde etwas gestohlen?" "Ich glaube nicht. Jedenfalls ist mir bisher nicht aufgefallen, dass etwas fehlt". "Haben Sie schon mit der Kripo gesprochen?" "Ja, wissen Sie, ich dachte mir, dass Sie mich vielleicht nachher, wenn ich in der Hütte fertig bin, auf das Revier fahren könnten". "Aber gewiss, mein Lieber. Das kriegen wir schon hin. Ja, ja. Unser bisher so unschuldiges Viertel ist auch nicht mehr das, was es mal war", antwortete Kronberg und schielte aus den Augenwinkeln auf das Häufchen Elend neben ihm. Wenn ich mit dir fertig bin, brauchst du keine Polizei mehr, dachte er. Dann ist unser Viertel vom größten Ungeziefer befreit. Nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt erreichten sie einen holprigen Feldweg, der sie direkt in ein dichtbewachsenes Waldstück führte. Der Weg bestand jetzt nur noch aus zwei Fahrrinnen, in deren Mitte die Natur mit Hilfe von Gräsern und Kräutern versuchte, ihr Terrain zurück zu erobern. Die Bäume standen so dicht am Wegrand, dass sie mit ihren ineinander verwachsenen Ästen einen Tunnel bildeten, dessen Ende vom Morgendunst verschluckt wurde. Während der Fahrt gab es für Dremmer nur ein Thema: seine geschundenen Fersen. Dem Verkäufer vom Sporthaus Stelzinger werde er auch noch die Meinung geigen, hatte er gedroht. Als er einen Fuß hochhielt, damit Kronberg die Blasen mit eigenen Augen sehen konnte, wurde dem sofort klar, wo der säuerliche Geruch herkam, dem er mit der herunter gelassenen Scheibe entkommen wollte. Dremmer hatte Kronbergs Rat befolgt und anstatt Schuhe nur seine fleckigen Filzlatschen angezogen. Aber er hatte auch vorsichtshalber auf seine Socken verzichtet. Kronberg tröstete sich damit, dass dieser Albtraum bald ein Ende haben würde. Sie kamen an eine Lichtung, von wo aus man den Weiher schon erkennen konnte. Der Weg wurde breiter und war jetzt mit rotem Schotter ausgelegt. Zunächst führte er geradeaus auf das Wasser zu, ging dann aber in eine Rechtskurve über und verlief in einer Entfernung von etwa achtzig Metern parallel zum Ufer um den Weiher herum. Dazwischen lag ein schmaler, dunkler Waldstreifen. Nachdem sie etwa dreihundert Meter Schotterstraße gefahren waren, kamen sie zu Kronbergs Blockhütte, die mitten in dem Waldgürtel lag. Zwei Fahrspuren, aus in den Boden versenkten Holzplanken, verbanden Waldweg und Hütte. Kronberg parkte seinen Kombi hinter der Hütte, so dass er weder vom Wasser noch vom Schotterweg aus zu sehen war. Beide stiegen aus dem Wagen. Kronberg kramte aus der Tasche seiner braunen Cordjacke einen Schlüssel und schloss die grob gezimmerte Holztür auf. Drinnen war es so duster, wie in einem Koffer voll kaputter Glühbirnen. Aber anstatt die Fensterläden zu öffnen, entzündete Kronberg eine Campinggaslampe. Diese hing an einer Metallkette, die an der Decke befestigt war. Im Schein des Gaslichtes konnte man einen Tisch mit zwei Stühlen an der Wand gegenüber der Eingangstür erkennen. "Ich glaube, wir beide brauchen zuerst mal einen starken Kaffee", sagte Kronberg und bot Dremmer einen Stuhl an. "Eine gute Idee", erwiderte dieser, stellte seine Tasche auf den Tisch und widmete sich unter mitleiderregendem Stöhnen seinen Füßen. Kronberg setzte einen Wasserkessel auf den Campingkocher und zündete die Flamme an. Er drehte sich zu Dremmer um und verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen, als er bemerkte, dass dieser sich wieder um seine stinkenden Blasen kümmerte. "Sie haben sich da ja ein paar herrliche Dinger eingehandelt", sagte Kronberg, nahm zwei Tassen aus dem Hängeschrank und gab löslichen Kaffee dazu. In eine Tasse schüttete er zusätzlich ein weißes Pulver aus einem Tütchen, das er, von seinem Gast unbemerkt, seiner Jackentasche entnommen hatte. "Vielleicht sollte ich nachher doch noch zum Arzt", erwiderte Dremmer. "Die Haut um die Blasen herum ist schon ganz rot". Kronberg gab nur ein zustimmendes Brummen von sich und goss das heiße Wasser in die Tassen. "Nun trinken Sie erst mal Ihren Kaffee, dann gehts Ihnen gleich wieder besser". Dremmers Blick fiel auf die Spirituosenparade auf einem Wandregal. Zwischen Wodka, Whisky und diversen Obstschnäpsen entdeckte er eine Flasche Remy Martin. "Könnte ich vielleicht noch einen kleinen Cognac für den Kaffee haben?", bettelte er, wie ein Kind um eine Tüte Bonbons. "Mich friert ein wenig, wissen Sie? Mein Kreislauf ist morgens immer auf Null". Kronberg konnte förmlich sehen, wie Dremmers Speicheldrüsen, in Anbetracht der zu erwartenden Köstlichkeit, in Konkurrenz zu den Niagarafällen traten. "Solln Sie haben, mein Guter. Solln Sie haben", antwortete er mit einem generösen Lächeln und goss in Dremmers einen ordentlichen Schluck. Und wenn deine Leber schon so löchrig, wie ein Schweizer Käse ist. Daran wirst du nicht krepieren. Daran nicht! Als Dremmer seine Tasse geleert hatte, dauerte es keine zehn Minuten mehr, bis er mit einer unerklärlichen Müdigkeit zu kämpfen hatte. "He! Dremmer!", polterte Kronberg. "Was ist los? Vertragen Sie keinen Kaffee mit Schuss?" "Doch, doch", murmelte Dremmer mit schwerer Zunge. "Mir wird plötzlich so schwummrig im Kopf. Als hätte mir einer mit dem Hammer vor die Stirn geschlagen". "Das wird das Schlafmittel sein, das ich Ihnen in den Kaffee getan habe", antwortete Kronberg ungewohnt leise. "Sie...haben mir... Schlafmittel...?" Dremmer verdrehte die Augen und versuchte vergebens Kronbergs Gesicht zu erkennen. "Hör zu!", sagte Kronberg und eine Zornesader an seiner Schläfe trat hervor. "Du hast uns alle verarscht! Mich, die dicke Kornblum und eine Menge anderer Kunden von dir. Du hast uns diese Scheißkakerlaken ins Haus geschickt. Nur um noch mal Kasse machen zu können. Ich nehme an, sie waren in diesen Päckchen mit dem kleinen Plüschkäfer, den du uns in deiner grenzenlosen Freundlichkeit zugeschickt hast. Stimmts?" Er wartete vergebens auf eine Antwort. Mit einem satten "plock" fiel Dremmers Kopf auf die Tischplatte. Dann rutschte sein ganzer Oberkörper zur Seite. Kronberg konnte ihn gerade noch auffangen, sonst wäre sein Gast vom Stuhl gekippt. Er hob die schlafende Siebzig-Kilo-Kakerlake ohne große Anstrengung von seinem Platz und trug ihn zu dem Feldbett, in dem Kronberg so manche Wochenendnacht nach dem Angeln verbracht hatte. Nachdem er sicher sein konnte, dass das Schlafmittel seine volle Wirkung entfaltet hatte, nahm er aus dem Küchenschrank den Blecheimer mit der Marzipanrohmasse, den er schon am frühen Morgen im Schutze der Dunkelheit in die Hütte gebracht hatte, und stellte zwei große Edelstahlschüsseln auf den Campingkocher. Mit einer Holzkelle entnahm er dem Eimer soviel von der Marzipanmasse, bis die Schüsseln etwa halb gefüllt waren. Danach goss er etwas Milch dazu und entzündete die Flammen. Dann kümmerte er sich wieder um seinen Gast. Indem er seinen Kopf auf Dremmers Brust legte, prüfte er dessen Herzschlag. Die Menge des Schlafmittels hätte ausgereicht, einen Elefanten für eine Woche in der Horizontalen zu halten. Kronberg fand, dass zwischen zwei Herzschlägen so viel Zeit verging, wie sein Geselle brauchte, um vier Dutzend Muffins zu backen. Zufrieden begann er damit, Dremmer zu entkleiden. Nach mehrmaligem Umrühren war die Marzipan-Milch-Mischung von einer Konsistenz, die es Kronberg erlauben würde, sie mit einem Holzspatel gleichmäßig zu verteilen. Und er machte sich sofort an die Arbeit. Er ging zum Bett hinüber und fing an, die warme Masse fachmännisch auf Dremmers sommersprossigen Körper aufzutragen. Er ließ sich auch nicht davon abbringen, als sein Opfer leise zu stöhnen begann. Ist also doch noch etwas Leben in dem alten Kadaver, dachte Kronberg. Umso besser, dann hat er auch noch was davon, wenn sich meine Nachbarn um ihn kümmern. Nach kurzer Zeit lag ein Mix aus Schweißgeruch und Marzipanaroma in der Luft. Kronberg hatte keinen Quadratzentimeter Haut ausgelassen. Und zum krönenden Abschluss stopfte er den Rest der Leckerei in fast sämtliche Körperöffnungen des Terminators. Mit Genugtuung stand er vor dem Bett und betrachtete sein Werk. Ich liebe dieses Zeug, dachte er. Und meine Nachbarn werden noch Generationen später davon träumen. Er sperrte die Tür auf und ging, die Hände lässig in den Hosentaschen einmal um die Hütte, um sicher zu sein, dass niemand in der Nähe war, der ihn beobachten konnte. Inzwischen war aus dem morgendlichen Nieselregen ein ergiebiger Landregen geworden. Prima, rieb sich Kronberg die Hände. Dann kommt auch keiner auf die Idee, hier herum zu spazieren. Er nahm die Schaufel, die an einer Seitenwand der Blockhütte lehnte und ging etwa dreißig Schritte in das Unterholz, bis er zu einem etwa achtzig Zentimeter hohen Ameisenhügel kam. Mit der Schaufel trug er vorsichtig die lebende Pyramide ab, bis knapp über den Erboden. Dort war den Ameisenhügel so breit, dass er ihn für seine Zwecke nutzen konnte. Die Waldameisen waren über den Besuch nicht gerade begeistert und Kronberg musste höllisch aufpassen, dass ihn der hektisch verspritzte Verteidigungscocktail seiner kleinen Nachbarn nicht ins Gesicht traf. Trotz der nasskalten Witterung, trat ihm der Schweiß auf die breite Stirn. Er ging zur Hütte zurück und stellte fest, dass Dremmer immer noch atmete, auch wenn sich das nun sehr asthmatisch anhörte. Was nun wirklich kein Wunder war, wenn man bedenkt, dass Nase und Mund reichlich mit Marzipan gefüllt waren. Kronberg zog die Lakenenden unter der Matratze heraus und wickelte Dremmer darin ein. Dann ging er noch einmal um die Hütte. Die Luft war rein. Der letzte Akt konnte beginnen. Er trug den Bewusstlosen zum Ameisenhügel, wickelte das Laken wieder ab und legte ihn auf den braunen und sehr lebendigen Hügelboden. Diese Tat entlockte seinem Opfer ein dumpfes Grunzen und den Ameisen jede Menge Säure. Kronberg nahm seine Schaufel und stellte, so gut er konnte, den ursprünglichen Zustand des Hügels wieder her. Er hatte etwas Mühe, den ganzen Körper unterzubringen. Mal schauten die Zehen Dremmers heraus, mal seine roten Borsten. Doch nach zwei Anläufen hatte er es geschafft. Nun würde die Natur sein Werk vollenden und er konnte sich um die Beseitigung verräterischer Spuren kümmern. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, befürchtete er, dass die Ameisen den Riesenkakerlak für ebenso abstoßend finden könnten, wie er selbst und die bereits gelieferte Mahlzeit reklamieren könnten. Kronberg wandte sich um und schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Gerade wollte er sich mit seiner Schaufel auf den Rückweg machen, als er etwas hörte. Er war sich nicht sicher. Klang es wie ein leises, feines Jubilieren, vermischt mit zufriedenen Schmatzlauten? Oder waren es am Ende doch nur Dremmers undeutliche Schmerzensschreie? Egal, dachte Kronberg. Mir war schon immer klar, dass der Kerl keine Manieren hat. Bringt man nicht schon kleinen Kindern bei, nicht mit vollem Mund zu sprechen? Anmerkung des Autors: Die beiden folgenden Geschichten sind surrealistischer Natur. Man könnte auch sagen, sie sind "schräg". Ich schlage vor, Sie machen sich nicht allzu viele Gedanken darum. Wenn sie solcherart Texte mögen, ist`s ja o.k. Wenn nicht, vergessen Sie sie einfach wieder. Das Glück eines Zeitkistenmannes Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier drin bin.. Mir ist im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit abhanden gekommen. Ha! Ich muss lachen. Hab ich abhanden gesagt? Ha! Das ist gut. Das ist wirklich gut! Von was redet der bloß?, werden Sie berechtigterweise fragen. Na, schön. Ich wills Ihnen erklären. Sie haben doch ein bisschen Zeit, oder? Prima! Sehr gut! Wenn Sie dann die Güte hätten, das was Sie an Zeit für mich opfern können, mir hier in meine Hand zu legen. Ja, ich weiß. Es tropft wie Honig von meinen Händen. Das ist ja das Problem von dem ich Ihnen erzählen möchte. Meine Zeit läuft, besser gesagt tropft mir davon! Haben Sie sich schon mal genau angesehn, wo ich hier stehe? Ja, richtig. In einer Timebox - so nennt man das heutzutage. Es ist eine schwarze, viereckige Kiste. Einsfuffzich auf einsfuffzich. Doch, sie ist ziemlich stabil. Ich schätze mal Edelstahl mit Teflon ummantelt. Teflon deshalb, damit bloß nix haften bleibt, könnt ich mir denken. Man könnte ja Spuren hinterlassen. Bei dem Versuch hier rauszuklettern vielleicht. Ja, ich gebs zu, ich habs auch schon versucht. Natürlich! Verdammt noch mal, ich bin doch auch nur ein Mensch, oder?! Obwohl, manchmal weiß ich das nicht so genau. Ein Mensch. Was ist das? Haben Sie sich das noch nie gefragt: Was ist ein Mensch? Haut, Fleisch und Knochen auf zwei Beinen? Mit zwei Armen, Bauch, Pimmel, Hals, Kopf? Ja? Ist das ein Mensch? Sie nicken! O.k., dann bin ich wohl einer. Obwohl ich mir oft vorkomme, wie ein Hamster im Käfig, bloß ohne Rad. Nicht mal ein Rad! Soviel bin ich denen wert. Nicht mal das. Wenn ich nicht so wütend wäre, wär ich wohl vor Selbstmitleid schon krepiert. Sie entschuldigen. Ich muss mich setzen. Ich glaube, ich habe mich jetzt etwas aufgeregt. Ja, die haben hier sogar für Comfort gesorgt- ha, ha - und eine Sitzstange angebracht. Nicht sehr bequem, aber man ist zufrieden.Wenn schon kein Rad, dann wenigstens ne Stange. Nur fünf Minuten, länger kann man hier sowieso nicht sitzen. Sehen Sie, die Stange hat höchstens nen Durchmesser von zweieinhalb Zentimetern. Aber stabil ist sie. Nur, nach spätestens fünf Minuten schmerzen die Backen. Dann muss ich wieder aufstehn. Wie das Ding hierherkommt, fragen Sie. Nun, ich war schon immer hier - in dieser Box. Sie, Sie waren es der zuerst nicht da war und dessen Weg dann hier bei mir vorbeiführte. Ja, so war es. Ich kann nichts dafür, dass Sie sich hier mit mir unterhalten. Aber ich bin Ihnen nicht böse, im Gegenteil. Ich bin froh, dass Sie mir mit Ihrer kleinen Zeitspende unter die Arme greifen. Ja, das Leben in der Box ist nicht einfach. Aber man arrangiert sich. Gut, ja, die Farbe. Schwarz. Nein, ich konnte sie mir nicht aussuchen. Du wirst hier reingesteckt und musst die Farbe nehmen, wie sie ist. Du musst alles nehmen, wie es ist. Aber ich wollte Ihnen doch von meinem Problem erzählen. Wie bitte? Nein, nein. Sie meinen diese Box, mein ganzes Dasein da drin, wäre schon ein Problem? Nein, nein! Ja, gut, für die anderen vielleicht. Für die bin ich eventuell das Problem, ha, ha. Nein, meine Schwierigkeiten hab ich hier in meinen Händen! Sie habens eben ja schon bemerkt: Mir läuft die Zeit davon! Sie tropft und tropft! Und ich versuche sie seit Jahren immer wieder aufzuhalten, festzuhalten mit meinen gichtigen Fingern. Dann kratze ich sie vom Boden wieder auf. Dann ist sie schmutzig, zäh, staubig, eklig. Aber was soll ich machen? Ich tue es immer wieder und wieder. Seit ewigen Zeiten, so kommts mir vor. Ich hab schon lange aufgehört, die Jahre zu zählen.. Ich hab auch schon mal probiert, die Zeit aufzuhalten, indem ich sie abgeleckt und runtergeschluckt habe. Sieht ja aus wie Honig, nicht? So schön goldfarben und voller Licht. War aber ne Scheißidee! Es brennt wie die Hölle. Es zerreist dir den Magen in Millionen Stücke. Ne Hand voll Stecknadeln wird aufs gleiche rauskommen. Habs einmal und nie wieder gemacht. Ja, man kommt schon auf verrückte Ideen, wenn man zusehen muss, wie einem die Zeit durch die Finger rinnt. Es kommt ja nur selten mal jemand wie Sie vorbei, der von einem alten, senilen Tropf eine Geschichte hören will. Nein, ich brauche kein Mitleid, das haben Sie ganz richtig erkannt. Ich brauche Zeit! Und so wach ich jeden Morgen auf und warte darauf, dass der Lebensweg eines barmherzigen Mitmenschen hier an meiner Zeitkiste vorbeiführt. Dann bettle ich um eine kleine Spende: Ein kleines Stück Ihrer kostbaren Zeit, mein Herr, meine Dame. Seien Sie so nett und spendieren Sie einem alten Trottel ein paar Ihrer wertvollen Minuten. Danke, danke, vielen herzlichen Dank! Und passen Sie auf sich auf, damit Sie auf Ihrem Weg nicht auch in so ner Kiste landen. Die sind hier überall versteckt und lauern unter Ihren Füßen. Gehen Sie drumherum! Das kostet Sie bloß etwas Zeit. Sonst nichts. Guten Tag, schönste Frau! Was? Für mich? Oh! Sie sind ein Schatz, Madame! Ich könnte Sie küssen, gnä Frau! Ja! Das ist es! Warum bin ich Idiot, nicht schon früher drauf gekommen? Vielen Dank für den Hut, meine Gnädigste. Da geht ne Menge Zeit rein, in so einen herrlichen chapeau claque! Und schauen Sie nur, gnä Frau, wie gut der zu meinem Outfit passt! Oh, bitte, bitte, tun Sie mir den Gefallen - tanzen Sie mit mir, liebste Freundin. Hören Sie? Die Musik spielt einen Walzer! Nur für Sie und für den alten Knaben, den Sie gerade so glücklich gemacht haben. Warten Sie, ich klappe die Sitzstange weg, dann haben wir mehr Platz. Mmh! Madame duften so gut. Sie sind so warm und weich und Sie tanzen wie ein Engel! Entschuldigen Sie, wenn meine Hände etwas klebrig sind. Ich pass schon auf, dass Ihrem Kleid nichts passiert - selbstverständlich. Sie machen mich zum glücklichsten Zeitkistenmann den es jemals gab. Glauben Sie mir, Madame. Ich werde den Zylinder mit Zeit füllen bis zum Rand und werde glücklich sein! Bis in alle Ewigkeit! Ronck September 2002 A N K U N F T (Diese Geschichte wurde in der Ausgabe 07/2006 der Zeitschrift "Kurzgeschichten" veröffentlicht. Sie erfahren mehr über diese Zeitschrift unter: www.kurzgeschichten.biz) Als Corey Hermans aus seinem traumlosen Schlaf erwachte, gab es für ihn keinen Zweifel, dass heute der Tag sein würde. Der Tag, auf den er so lange gewartet hatte, und der sein bisheriges Leben, laut Computer zu 99,999 Prozent, grundlegend verändern würde. Alle seine Sinne waren in höchster Anspannung. Woher seine plötzliche Erkenntnis kam, war ihm nicht klar. Trotzdem hätte er sein Leben darauf verwettet, dass das Ende seiner Reise kurz bevor stand. Von der Stunde seiner ersten Erinnerung an, waren exakt einhundertdreiundneunzig Erdentage vergangen. Da der Speicher seines Bio-Computers parallel mit seinem Erinnerungsvermögen geschaltet war, konnte er auch dort den genauen Zeitpunkt seines Starts nicht abrufen. Doch das war Vergangenheit. Was jetzt zählte, waren Gegenwart und Zukunft. Was die Gegenwart betraf, so wusste er, dass er ab sofort hellwach und hundertprozentig konzentriert sein musste. Sein Computer bestand, genauso wie sein Transportmittel, aus Millionen von lebenden, sich selbst regenerierenden Zellen. Dieser Transporter trug die sachliche Bezeichnung "LCTS" (Life control and transport system) und war die raffinierteste und ausgeklügeltste Technik, welche die Menschheit je gesehen hatte. Und trotzdem, so intelligent dieses System auch war, von ihm konnte er nichts darüber erfahren, was er in den nächsten Stunden zu erwarten hatte. Er war sich nicht einmal sicher, ob die, mit so hoher Wahrscheinlichkeit angekündigte Wende in seinem Dasein, von seinem Bio-Rechner stammte, oder von seinem eigenen Unterbewusstsein herrührte. Ja er war sich nicht einmal sicher, ob beides, Rechner und eigenes Denken, zwei von einander unabhängige Systeme waren. Aber was spielte das noch für eine Rolle? Er wusste, dass es geschehen wird. Basta. Was ihn trotz seines langen Aufenthaltes im Transporter immer noch irritierte, waren die Stimmen, die er von Zeit zu Zeit hörte. Zunächst waren sie ihm fremd und sie machten ihn nervös, weil er weder jemanden sehen konnte, noch den Sinn der Worte verstand. Doch mit der Zeit gewöhnte er sich an die Laute, die dumpf und in auf- und absteigender Lautstärke zu ihm durchdrangen. Gewöhnt hatte er sich auch an diesen unablässig hämmernden Ton, den er nicht lokalisieren konnte und der ihn rund um die Uhr begleitete. Es war ein Doppelschlag dem eine kurze Pause folgte und der sich dann wiederholte. Der Rhythmus war oft gleichmäßig und hatte eine beruhigende Wirkung auf Corey. Es gab aber auch Zeiten, in denen er sich mehr als verdoppelte, was meist mit heftigen Bewegungen des Transporters verbunden war. Er nahm an, dass dieses Geräusch vom Antriebsaggregat verursacht wurde, dessen Steuerung autonom arbeitete. Der Transporter wurde unruhiger und das pulsierende Hämmern nahm an Geschwindigkeit zu. Ihm wurde fast übel, so stark waren jetzt die Bewegungen. Es ärgerte ihn, dass eine manuelle Einflussnahme nicht möglich war. Man hatte Corey einfach in dieses Ding gesetzt und von da ab ging alles automatisch. Der Start, die Bestimmung des Kurses, die Reisedauer, ja selbst die Ankunft in der neuen Welt waren vorprogrammiert und von ihm in keiner Weise manipulierbar. Diese Tatsache hatte ihn bisher kaum gestört, doch nun wuchs in ihm die Ungeduld, und das Verlangen so kurz vor der Landung selbst das Steuer in die Hand nehmen zu können. Und die Stimmen! Es waren nicht nur die Vertrauten, es waren neue, unbekannte Stimmen darunter. Eine Tatsache, die seinen Puls beschleunigte. Trotz aller Routine und Abgeklärtheit. Doch alle relevanten Daten, die sein Bewusstsein vom Computer abrufen konnte, lagen im grünen Bereich. Und dennoch, ein bisher unbekanntes Gefühl stieg in ihm auf. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er Angst. Ein Gefühl, auf das er nicht vorbereitet war und auf dessen Bekanntschaft er gerne verzichtet hätte. Corey fing an, darüber nachzudenken, dass bald etwas vollkommen Neues in sein Leben treten würde, dass er den Fuß in eine neue Welt setzen wird, über die er nicht die geringste Information hatte. Würde sie ihm freundlich oder feindlich gesinnt sein? Würde er sich dort zurechtfinden, oder würde ein Gefühl der Hilflosigkeit sein ständiger Begleiter werden ? Er kam zu der Überzeugung, dass diese einzigartige Technik eines lebendigen Steuerungs- und Transportsystems, einen gravierenden Fehler hatte: sie konnte ihm auf all diese Fragen keine Antwort geben. Es war, als müsste er in völliger Dunkelheit in einen Abgrund springen, von dem er nicht wusste, wie tief er war. Nur über eines war er sich im Klaren, dazu gab es keine Alternative - er musste springen! Corey Hermans schloss die Augen. Es gab eh nichts zu sehen. Immerwährende Finsternis umgab ihn vom Start an. Bisher hatte ihm das nichts ausgemacht. Eine innere Stimme sagte ihm, dass ihm seine Augen erst in der neuen Welt nützlich sein würden. Weil es nur dort das Element gab, das seine Augen benötigten, um ihm zu dienen. Dieses Element war Licht. Ein Begriff, für den es in seiner Datenbank keine verständliche Erläuterung gab. Da draußen war das Licht....und diese anderen Wesen, deren Stimmen er so oft gehört hatte. Einmal, es mag schon Monate zurückliegen, da hatten sie einen Versuch unternommen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Damals gab es um ihn herum eine ähnliche Unruhe wie heute. Der Transporter hielt nur schwer seinen Kurs. Die Turbulenzen waren mit den heutigen beinahe identisch. Ebenso das Gemenge der vertrauten und der fremden Stimmen. Corey erinnerte sich: er war kurz eingenickt und erwachte erst, als die Fremden bereits eine Sonde, oder etwas, das er dafür hielt, durch die Außenhülle des LCTS bugsiert hatten. Wie sie das anstellten, war ihm bis heute ein Rätsel. Zum Glück war der Transporter reine Biomasse, die den Riss in der Hülle erstaunlich schnell und ohne sein Zutun selbsttätig zu schließen vermochte. Wegen der Dunkelheit konnte er die Sonde nicht sehen. Erst als er zufällig seine Lage etwas änderte, stieß er mit dem linken Handrücken an dieses ?Ding?. Sein Kontrollsystem meldete ihm nichts, was ihn hätte beunruhigen können und kaum, dass er den Eindringling bemerkte, war der auch wieder verschwunden. Seither wusste er, dass er sich die Stimmen nicht eingebildet hatte. Er war nicht allein in diesem Universum. Man beobachtete ihn. Doch solange ihn niemand ernsthaft angriff, oder den Kurs des Transporters ändern, oder ihn gar stoppen wollte, musste er sich wohl keine Gedanken über die da draußen machen. Bald würde er sie ja mit eigenen Augen sehen. Sein Puls wurde wieder etwas langsamer und Müdigkeit überkam ihn. Einschlafen konnte er aber nicht. Es beunruhigte ihn der Gedanke, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, herauszufinden, an welcher Stelle seines Transportsystems die Ausstiegsluke angebracht war, und wie sie zu öffnen sei. Wie sollte er nach der Landung einen Fuß in die neue Welt setzen, wenn die Luke sich nicht öffnen ließe, falls er sie überhaupt finden würde in diesem stockfinsteren Behältnis. Er hatte ja weder die Landung, noch den Ausstieg je geprobt. Er bemühte seinen Computer, und siehe da, der schien auf Corey?s Fragen schon gewartet zu haben. Direkt hinter seinem Kopf sollte laut dessen Auskunft der Ausstieg angebracht sein. Corey versuchte seinen Kopf so zu drehen, dass er die Luke in Augenschein nehmen konnte. Aber was sollte das nützen? Es war zu dunkel um etwas sehen zu können. Diese Tatsache, und der Ärger über seine eigene Nachlässigkeit, brachte ihn so in Rage, dass er mit Händen und Füßen die Wände des Transporters traktierte, wobei ihm zwei Dinge bewusst wurden. Erstens: sein Wutausbruch änderte rein gar nichts an seiner Situation, und Zweitens: erst jetzt bemerkte er, wie wenig Platz ihm noch zur Verfügung stand. Kaum, dass er mit Hand oder Fuß eine Bewegung machte, schon stieß er gegen die Wände. Sein Glück war, dass die Hülle des LCTS elastisch und weich gestaltet war. Corey hatte sich gleich wieder unter Kontrolle und tröstete sich damit, dass bald alles ausgestanden sein würde. Bis dahin, würde er sich mit der Enge zu arrangieren wissen. Sein Temperamentsausbruch schien aber nicht ohne Folgen. Denn wie als Antwort auf seine Bewegungen, wurden die Stimmen wieder lauter. Vor allem die, die ihm nicht vertraut waren. Na gut, dachte er, wenn?s jetzt losginge, hätte ich nichts dagegen. Aber es geschah nichts, was auf die Einleitung einer Landung hätte deuten können. Seine Computerdaten waren unspektakulär und die Stimmen beruhigten sich wieder. Er bemerkte einen leicht bitteren Geschmack unter seiner Zunge und es wurde ihm ziemlich warm. Hinter seinem Kopf, so schien es ihm, bewegte sich etwas. War dort die wirklich die Ausstiegsluke? Hat sie sich vielleicht schon geöffnet? Wieder versuchte er den Kopf zu drehen. Mit einem mal wurde ihm bewusst, dass der Begriff Licht eng verbunden war mit dem letzten Schritt in die neue Welt. Er versuchte, sich mit seiner ganzen Kraft zu der Luke zu drehen. Doch auch mit Hilfe aller Muskeln schaffte er keine ganze Drehung. Zudem fiel ihm auf, dass sein Kontrollsystem wohl den Geist aufgegeben hatte. Der Datenstrom war mit einem mal unterbrochen. Jetzt war er ganz auf sich allein gestellt. Die Zeit war gekommen. Er stand am Abgrund. Jetzt brauchte er seinen ganzen Mut, den Sprung zu wagen. Da! War das Licht, was in seinen Augen so schmerzte? Er kniff automatisch die Augenlider zusammen. Doch er stemmte sich gegen diesen Reflex, wenn es auch noch so unangenehm war. Hinter ihm drang noch mehr Licht ein. Er konzentrierte sich und analysierte das Geschehene: wenn die Landung erfolgt ist, öffnet sich die Ausstiegsluke automatisch, sobald die Außensensoren ihr OK an das LCTS gemeldet haben. Folglich brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Es lief alles nach Plan. Trotzdem überkamen ihn wieder Zweifel. Was ist, wenn der Computer einen schwerwiegenden Defekt hatte? Was ist, wenn sein Transportsystem ihn nicht mehr schützen konnte? Dann gab es nur eine Alternative, er musste selbst Hand anlegen. Egal ob die Luft draußen rein war oder nicht. Corey hatte einfach keine Geduld mehr und schob alle Sicherheitsbedenken beiseite. Der Spalt, durch den das Licht zu ihm drang, war wieder etwas größer geworden. Die Stimmen waren jetzt fast so laut, als seien sie direkt neben seinen Ohren. Die Wesen da draußen schienen genauso neugierig auf ihn, wie er auf sie. In der Verzweiflung heißt jeder Strohhalm Hoffnung - sie werden mir helfen, wenn es beim Ausstieg Schwierigkeiten geben sollte, dachte Corey. Wenn er auch die fremden Worte nicht deuten konnte, Klang und Tonfall ließen auf Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft schließen. Mittlerweile war es so hell, dass er, wenn er seinen Kopf etwas zur Seite drehte, zum erstenmal sehen konnte, was er all die Monate nur ertastet hatte. Und das, was sich seinen Augen bot, erschrak ihn so sehr, dass sich sein Körper völlig verkrampfte und sein Puls zu rasen begann. Zu seinem Entsetzen registrierte er, dass er in einer transparenten Flüssigkeit schwamm. Umgeben von einem rötlich schimmernden Gewebe. Sein ganzer Körper war mit einer gelblich-weißen, schmierigen Masse bedeckt. Dann sah er, dass er über ein dickes, rötlich glänzendes Kabel direkt mit dem Transporter verbunden war. Ein Kabelende war über ihm an der Innenwand des Gehäuses befestigt, das andere Ende war unterhalb seiner Brust mit seinem Körper verbunden. Der Anblick war faszinierend und erschütternd zugleich. Corey wollte raus! Sofort! Er drückte mit den Füßen so fest gegen die Transporterwand, dass sein Kopf genau gegen die immer größer werdende Ausstiegsluke gepresst wurde. Er kniff vor Anstrengung die Augen zu und stemmte sich gegen die Öffnung.. Mit einem Ruck durchbrach er sie und ein gleißendes Licht drang unerbittlich und schmerzhaft durch seine geschlossenen Lider tief in sein Gehirn. Gleichzeitig fühlte er einen unangenehmen Druck gegen seine Schläfen, als wäre sein Kopf zwischen die Klauen eines riesigen Aliens geraten. Dann wurde Corey von diesen Klauen, begleitet von einem gellenden Schrei, aus dem Transporter gezogen. Eine innere, allwissende Stimme aber beruhigte ihn: Du bist nun zu einer neuen Welt gelangt. Du bist endlich angekommen! Alina Hermans gebar an diesem sonnigen Frühsommermorgen, gegen 7.40 Uhr im Kreißsaal des "John - Glenn - Memorial - Hospital" in Cambridge, Ohio, einen gesunden Jungen. Alina und ihr Mann Chris hatten sich den Namen Corey für ihn ausgesucht. Die Bank stand dort, wo alle Parkbänke stehen. Nach Süden ausgerichtet, unter einem großen Baum mit weitausladendem und Schatten spendendem Blattwerk. Genau genommen waren es sogar zwei Bänke. Im letzten Frühjahr neu mit grüner Farbe gestrichen und mit jeweils einer polierten Messingplakette versehen, auf welcher der Name des noblen Spenders in schwarzen Buchstaben eingraviert war. Sie standen nebeneinander, ruhig und gelassen, wie ein Großelternpaar, welches mit sich und der Welt zufrieden, wohlwollend das Spiel ihrer Enkel beobachtete. Zwei herrliche Buchen in vollem Saft, standen in idealer Entfernung dahinter und legten an jenem drückend heißen Sommernachmittag behutsam ihren kühlenden Schatten auf die Ruhe Suchenden. Auf dem kleinen Weiher gegenüber balgten sich einige Stockenten um die Brotkrumen, die ihnen eine junge Frau in das silbrig glänzende Wasser warf. Ein älterer Herr, im beigefarbenen Sommeranzug, ließ sich auf seinen Spazierstock gestützt, leise seufzend, auf einer der beiden Bänke nieder. Er schien etwas kurzatmig und wischte sich mit einem blütenweißen Taschentuch den Schweiß aus der Stirn, wobei er seinen hellen Stoffhut in den Nacken schob. Zwei kleine Jungen liefen lärmend an ihm vorbei. Der Mann sah ihnen mit einem fast unmerklichen Lächeln hinterher. Dabei zog er eine Zeitung aus der Jackentasche, nahm seine Lesebrille hervor und widmete sich den Schlagzeilen. Die junge Frau hatte alle Brotstückchen an die Enten verfüttert und setzte ihren Spaziergang fort, vorbei an den Bänken und dem alten Mann. Der schien während seiner Lektüre eingenickt. Den Kopf nach vorne, das Kinn auf der Brust, saß er da, mit geschlossenen Augen, immer noch die Zeitung mit den Händen auf den Knien haltend. Auf dem Gehweg näherte sich ihm eine hagere Gestalt. An diesem Nachmittag waren es gut und gerne 30° im Schatten, trotzdem trug dieser Parkbesucher einen schwarzen Mantel und einen dunklen Hut. Er ging langsam und scheinbar lautlos auf dem mit roter Brasche ausgelegten Weg. Als er vor dem Herrn mit der Zeitung stehenblieb, erwachte der, hob den Kopf und blickte in ein aschfahles, ausgemergeltes Gesicht. Der Fremde stand nur noch etwa zwei Schritte vor der Bank, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Die breite Hutkrempe überschattete seine dunklen Augen, als er sein Gegenüber ansprach: ?Herbert Anton Lehberg, ich bin gekommen, um dich abzuholen. Hab? keine Angst, du bist bei mir in guten Händen?. ?Moment!?, widersprach der alte Herr. ?Was heißt hier abholen? Wer sind Sie? Ich kenne Sie ja gar nicht. Woher kennen Sie meinen Namen?? Er stand auf und nahm die Lesebrille ab, um den Fremden genauer zu betrachten. Dabei fiel die Zeitung zu Boden. ?So viele Fragen auf einmal?, entgegnete dieser lächelnd mit einem sanften Unterton. Er schaute dem verdutzten Herrn Lehberg in die Augen. ?Weißt du nicht mehr, wer ich bin?? Lehberg schüttelte heftig seinen Kopf, als sei er bei einer Lüge ertappt worden und setzte sich mit verschränkten Armen wieder auf die Bank. Er zitterte am ganzen Leib. Der fremde nickte: ?Doch, Herbert, du weißt es genau. So hast du dir doch mein Ausssehen immer vorgestellt, erinnerst du dich?? Er legte Lehberg beruhigend seine rechte Hand auf die Schulter. ?Es ist Zeit zu gehen, Herbert?, flüsterte er eindringlich. Lehberg schüttelte wieder seinen Kopf und presste seine Arme fester um seinen Oberkörper. ?Warum jetzt? Warum ausgerechnet jetzt??, fragte er mit bebender Stimme. ?Der Arzt sagte doch, ich sei wieder auf dem Damm, und wenn ich mich schone, könnte ich die achtzig locker erreichen.? Eine Träne lief über seine Wange. Der Fremde steckte seine Hand wieder in die Manteltasche und schaute seufzend zum blauen Himmel: ?Warum? Warum jetzt? Warum ich? Es sind immer die gleichen Fragen. Und ich muss immer die gleiche Antwort geben: Ich weiß es auch nicht. Ich kenne nur den Namen, den Ort, das Datum und die Uhrzeit, mehr nicht. Ich bin nur der Abholer und Begleiter bis zur nächsten Station.? Er zuckte mit den Schultern und blickte Lehberg wieder in die Augen. ?Nach dem ?Warum? musst du dich erkundigen, wenn du dort angekommen bist?. Lehberg erwiderte trotzig den intensiven Blick des Fremden, stand auf und ging einen Schritt auf ihn zu. ?So einfach ist das also für dich?, fuhr er diesen mit lauter Stimme an. ?Du weißt, dass ich immer gekämpft habe im Leben. Auch wenn?s mir noch so dreckig ging, ich habe mich nie unterbuttern lassen. Und ich habe nicht vor, mich jetzt zu ändern?. Er ging erhobenen Hauptes, ohne eine Antwort abzuwarten zum Ufer des Weihers. ?Nun mach? es uns doch nicht so schwer, Herbert?, versuchte der Fremde zu beschwichtigen. Er ging ihm nach und stellte sich neben ihn. Lehberg hatte ein paar Kiesel aufgehoben und warf sie nacheinander in das glänzende Nass. Mit einem Ruck drehte er sich zu seinem Begleiter um und hielt im den ausgestreckten rechten Zeigefinger unter die lange, spitze Nase. ?Ich mach? es uns nicht schwer?, zischte er. ?Ich mach es dir schwer!? Er wandte sich wieder dem Wasser zu und warf noch einen Stein. ?Herbert, du strapazierst meine Geduld!? Die Stimme des Fremden klang jetzt mehrere Nuancen härter. ?Du warst doch Zeit deines Lebens ein Mann der Vernunft. Warum bist du jetzt, da alle Qualen ein Ende haben, so störrisch? Deine Chancen dich zu wehren sind gleich Null. Dein Abgang ist beschlossene Sache und du wirst drüben erwartet. Also finde dich damit ab und komm!? Ohne sich nach dem Fremden umzudrehen fragte Lehberg mit betont unbekümmerter Stimme, als hätte er dessen Worte gar nicht gehört: ?Sag mal, schwitzt du mit Mantel und Hut nicht sehr? Es ist doch drückend heiß heute?. ?Was soll denn diese Frage jetzt wieder??, entgegnete der Angesprochene irritiert. Und nach einer kleinen Pause: ?Ich kann dich beruhigen, ich schwitze nicht. Ich empfinde weder Kälte noch Hitze. Das wäre bei meiner Aufgabe nur hinderlich, da ich zu jeder Jahreszeit in jeder Ecke dieses Planeten tätig bin?. Er nahm seine Hände aus den Taschen und legte sie auf dem Rücken ineinander. Lehberg nickte nur stumm und warf noch einen Stein. Der Fremde beobachtete ihn und fuhr fort: ?Außerdem war es doch deine Idee, dass ich hier mit schwarzem Mantel und Hut erscheine, wie du dich erinnern wirst?. ?Ja, richtig?, entgegnete Lehberg ruhig. Er drehte sich um und betrachtete den Mann vom Hut bis zu den Schuhen eingehend. ?Eine Kleinigkeit fehlt aber noch?, bemerkte er und zog die Augenbrauen hoch. ?Was meinst du??, fragte der Mann und blickte unsicher an sich herunter. ?Ich meine dein Werkzeug....dieses Ding?. Er schnippte mit den Fingern und suchte nach dem passenden Wort. ?Du meinst die Sense??, der Fremde verzog das faltige Gesicht. ?Nein, nein. Das kann nicht dein Ernst sein?. Er schüttelte den Kopf und begann entnervt auf dem Rasen zwischen dem Weiher und dem Spazierweg hin und her zu gehen. ?Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich, wie im tiefsten Mittelalter, mit diesem furchterregenden Instrument meine Kundschaft erschrecke?? ?Wieso nicht??, entgegnete Lehberg und lief nun seinerseits hin und her, immer einen Schritt hinter dem Mantel her. ?Du hast selbst gesagt, so habe ich es jedenfalls verstanden, dass du deinen ?Kunden?, wie du sie nennst, immer so erscheinst, wie deren Fantasie sich..... einen Kerl wie dich vorstellt?!?. ?Ja, ja, schon, aber...?. ?Na, also! Wo ist deine Sense??, unterbrach in Lehberg forsch. ?In meiner Vorstellung trägst du eine Sense, sonst bist du nicht vollständig. Ich kann dich so nicht akzeptieren. Tut mir leid?. Lehberg hob bedauernd die Arme und legte den Kopf schief. ?Jetzt will ich dir mal etwas sagen?, erhob der Fremde seine Stimme. Er blieb stehen und ging auf Lehberg zu, der schon wieder am Ufer stand und versuchte, Steine auf der Wasseroberfläche hüpfen zu lassen. ?Mir sind in meiner Laufbahn schon viele seltsame, und vermeintlich clevere Kunden untergekommen, aber dass jemand an meinem Aussehen herummäkelt und mich als ?unvollständig? bezeichnet, das schlägt dem Fass den Boden aus.? Er rang sichtlich nach Fassung. Lehberg grinste. ?Dass ich jedem Kunden so begegne, wie er glaubt, dass ich aussehen muss, ist keine Verpflichtung meinerseits, das möchte ich einmal klarstellen. Das ist reine Gefälligkeit von mir, verstehst du? Und wenn ich als weiße Kugel oder als grünes Pferd auftreten würde, so änderte dies nichts an meinem Auftrag und an der Tatsache, dass deine Zeit auf in dieser Welt abgelaufen ist und du mir unverzüglich folgen musst. Habe ich mich klar ausgedrückt?? Er atmete tief durch und wippte, den Kopf hoch erhoben, auf den Zehenspitzen, wie ein Lehrer, der seinem renitenden Schüler eine Standpauke hält. Lehberg drehte sich mit ernster Miene zu dem Fremden um. ?Und jetzt hörst du mir einmal zu. Wenn du es noch nicht weißt, dann sag ich es dir jetzt?. Er stand auf Atemlänge vor dem Fremden und tippte während er sprach mit dem rechten Zeigefinger auf dessen Mantelrevers. ?Du hast ein äußerst wichtiges Gesetz verletzt, mein schwarzer Freund. Man nennt es das Gewohnheitsrecht. Du weißt, ich war bis vor sechs Jahren Anwalt, und könnte dir die passenden Paragrafen aufzählen, gegen die du verstoßen hast, aber das will ich dir ersparen. Auf unseren Fall bezogen heißt das, du holst seit ewigen Zeiten deine Kunden immer in der Erscheinung ab, die der Vorstellung des Jeweiligen entspricht. Das bedeutet, dass daraus ein Gewohnheitsrecht für die Betroffenen entstanden ist. Und ob es dir Spaß macht oder nicht, aus deiner Gefälligkeit ist eine Verpflichtung geworden. Und wenn du bei mir auftauchst und gegen dieses Recht verstößt, indem du ein elementares Teil deiner Erscheinung einfach weglässt, dann entbindet mich dieser Verstoß automatisch von der Verpflichtung dir zu folgen. So will es das Gesetz! Ende der Diskussion!? Lehberg ließ den verdutzten Fremden stehen und setzte sich wieder auf seine Bank, nahm die Zeitung vom Boden, schob seine Lesebrille auf die Nase und begann zu lesen, als hätte wäre sein Gesprächspartner gar nicht vorhanden. Die Sanitäter schoben die Bahre in den Krankenwagen. An Herbert Lehbergs linkem Arm war eine Infusion angebracht. Der Notarzt setzte sich neben ihn und kontrollierte das EKG. ?Nochmal davon gekommen?, sagte er leise und gab dem Fahrer das Zeichen zur Abfahrt. Einige Schaulustige standen um das Fahrzeug herum. Ein Mann im schwarzen Mantel mit Hut war nicht dabei. ...den bestraft das Leben mit dem Tod Glaube mir, ich hätte niemals, wirklich niemals in meinem Leben daran gedacht, dass es einmal so enden würde. Es ist kein schönes Ende. Aber endlich ein Ende. Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich jetzt fühlst. Ein wenig geschockt wirst du sein, aber das legt sich wieder. Etwas Wut wird da sein, vor allem, wegen der Unannehmlichkeiten die du auf dich zukommen siehst. Und Verwirrung wird da sein. Ganz gewiss, und nicht zu wenig. Ja, das sind die Gefühle, die in dir sind. Gefühle! Was hast du all die Jahre gefühlt, wenn du an mich gedacht hast? Sag jetzt nicht, du hättest nicht an mich gedacht. Vielleicht die letzten Jahre nicht. Aber vorher, als Kind, das weiß ich genau. Spätestens immer dann, wenn wieder mal über mich geredet wurde. Natürlich hat sie über mich gesprochen. Verflucht wird sie mich haben. Tausend mal. Und sie hatte recht. Was sollte sie auch anderes von mir sagen? Immer wieder habe ich sie verletzt, ihr weh getan, sie ausgenutzt, missachtet, gedemütigt und erniedrigt. Ich muss gestehen, alles was sie dir jemals über mich erzählt hat, entspricht der Wahrheit. Und dabei hat sie dir nie die ganze Wahrheit gesagt. Da bin ich mir ganz sicher. Dazu wäre sie nie imstande gewesen. Oder doch? Nein, nein, ganz bestimmt nicht! Und ich denke gerade darüber nach, ob ich dir wirklich die ganze Wahrheit sagen soll. Vor zehn Minuten, nein, schon vor Tagen war ich fest entschlossen, reinen Tisch zu machen. Verstehst du? Dir die volle, reine, brutale Wahrheit über mich zu sagen. Aber jetzt? Ich bin mir fast sicher, dass ich damit den letzten Rest von Achtung, oder Respekt, den du mir gegenüber vielleicht noch hegst, zunichte mache. Achtung und Respekt? Welch eine Arroganz hat sich bei mir wieder eingeschlichen? Wieder einmal. Wie solltest du auch nur einen Hauch dessen in dir tragen, was jeder andere Sohn seinem Vater gegenüber empfindet? Sohn und Vater, das waren wir nie. Ich bin allenfalls dein Erzeuger! Es war eine Laune der Natur. Nenn es wie du willst. Nur dem Trieb gehorchend, habe ich zufällig ein neues Leben entstehen lassen. Zufällig! Nicht gewollt. Nicht erwünscht. Nicht einmal aus Liebe. Liebe, welch scheußliches Wort. Kindisch, naiv, romantisch, verlogen. Nein, es war keine Liebe, nicht einmal Zuneigung. Damals schon muss deine Mutter mich gehasst haben. Im nachhinein kann ich das verstehen, wie so vieles, was ich erst heute verstehe. Aber zu spät ist zu spät. Du weißt, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wärst du zynisch, könntest du sagen, wer zu spät versteht, den bestraft das Leben mit dem Tod. Ja, sei nur zynisch, ich hab es verdient. Das ist kein Selbstmitleid. Was würde mir das jetzt noch nützen? Nein! Selbstmitleid empfand ich zu lange Zeit. Das ist nun vorbei. Wie oft habe ich mir vorgenommen: das ist nun vorbei, es ist Schluß, ich werde mich ändern, ein anderer Mensch werden. Glaub mir, ich habe es oft versucht. Nichts ist elender, als zu erkennen, was für ein Arschloch man ist. Nein! Festzustellen was für ein Arschloch man sein Leben lang war, und es einfach nicht geschafft hat, das zu ändern. Das ist elend. Das ist die Hölle. Obwohl ich zugeben muss, dass ich nach und nach mit diesem Scheißcharakter gut zu recht kam. Verstehst du? Du kämpfst nicht mehr dagegen an. Du arrangierst dich mit deinen Fehlern und betrachtest sie mit der Zeit sogar als deine Stärken. Es erleichtert dir einfach dein Leben. Mach deine Schwächen zu deinen Stärken und benutze sie gezielt. Das war letztlich meine Devise. Das Dasein ist schwer genug, warum sollte man seine Energie darauf verschwenden "ein besserer Mensch" zu werden? Ein Feigling war ich, ein elender Feigling. War ich! Deshalb will ich dir wenigstens auf diesem Wege die Dinge über mich sagen, die deine Mutter verschwiegen hat. Wenn noch ein Rest Whisky in der Flasche ist, dann nimm jetzt einen kräftigen Schluck, du wirst ihn brauchen. Wenn die Flasche leer sein sollte, mach die rechte Tür des Schreibtisches auf, dort steht noch eine. Ich schenk sie dir. Nimm dir den Stuhl aus der Ecke und setz dich. Ich schätze, der Schreibtischsessel ist nicht frei. Oder? Da ich nicht weiß, wieviel Zeit mir noch bleibt, sollte ich dir das Wichtigste und das, was dich am schwersten treffen wird, zuerst mitteilen. Es tut mir sehr leid, aber du musst es erfahren. Deine Mutter ist meine Schwester. Sie hat es dir nie gesagt. Hab ich recht? Ja, ich habe meine Schwester geschwängert, ich geb es zu. Sie hat sich nicht gewehrt, damals. Jedenfalls nicht so, dass ich überzeugt gewesen wäre, es besser nicht zu tun. Wir lebten allein in dem Haus unserer Eltern, nachdem diese gestorben waren. Meine Schwester hielt das Haus in Ordnung, kochte unser Essen, und ich ging täglich zur Arbeit. Sie hat sich schon immer mit Männern schwer getan und lebte in dieser Beziehung sehr zurückgezogen. Ich hatte viele Monate eine Freundin, die aber plötzlich, ich weiß den Grund bis heute nicht, mit mir Schluß gemacht hatte. Ich begann zu trinken, mehr als mir gut tat. In dieser Zeit tröstete meine Schwester mich, so gut sie konnte. Es tat ihr weh, als sie sah, dass es mir schlecht ging. Damals merkte ich das gar nicht. Meine verletzte Ehre, nahm mich zu sehr in Anspruch, als dass ich mich um einen anderen Menschen, als mich selbst, hätte kümmern wollen. So geschah es eines Abends, als ich wieder mal vor Selbstmitleid verging, dass sie meinen Kopf auf ihren Busen drückte und mir übers Haar strich. Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, wenn es sich beim Spielen das Knie aufgeschlagen hat. Mir gefiel, wie gut sie roch, und wie weich sie sich anfühlte, und ich vergaß ganz, dass sie meine Schwester ist. Ich will ehrlich sein, es war mir vor lauter Geilheit scheißegal. In dieser Nacht habe ich sie mehrmals bestiegen. Beim ersten mal hat sie sich ein paar blaue Flecken eingehandelt, aber nach und nach wurde ihre Gegenwehr schwächer, so dass ich den Eindruck hatte, es könnte ihr doch gefallen. Wir hatten nie ein Wort über diese Nacht verloren und lebten weiter, wie bisher. Mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich danach nie mehr gewehrt hat, wenn ich sie nahm. Es kam, wie es kommen musste. Sie wurde schwanger. Wir wurden uns einig, dass sie abtreiben würde. Doch sie überlegte es sich anders. Als sie mir ihre Entscheidung mitteilte, habe ich sie grün und blau geschlagen. Doch es half nichts. Sie wollte das Kind austragen. Sie sagte immer: "Das Kind kann nichts dafür und hat ein Recht auf Leben". Ja, genau das sagte sie. Die Worte klingen mir noch im Ohr, als hätte ich sie gestern erst gehört. Je dicker ihr Bauch wurde, um so weniger sprach mich ihr Körper an. Ich verlor die Lust an ihr. Sie widerte mich regelrecht an mit diesem Inzuchtbalg unter ihrer Brust, der ihre einst so schöne Figur total ruinierte. Kurz bevor du geboren wurdest, erwischte sie mich mit der sechzehnjährigen Nachbarstochter im Bett und hat mir vor Wut mit der Nachttischlampe das Nasenbein zertrümmert. Sie war sonst nie gewalttätig. Ich denke, sie war halt nur ein bisschen eifersüchtig auf die Kleine. Sie wollte weglaufen, ausziehen. Aber ich habe sie mit meinen Fäusten davon abgehalten. Sie blieb, und meine Nächte wurden mir von der jungen Nachbarin versüßt. Ich war ein Schwein. Heute weiß ich das. Aber damals scherte ich mich einen Dreck um die Gefühle anderer. Je näher der Geburtstermin rückte, desto größer wurde meine Angst, es könnte herauskommen, dass ich der Vater ihres Kindes bin. Da sie mir sowieso nichts mehr bedeutete, im Gegenteil, ich begann sie zu hassen, dachte ich darüber nach, ob es nicht besser wäre, sie zu beseitigen. Sie und das Kind. Zwei auf einen Streich. Die Idee brannte sich förmlich in mein Gehirn. Doch wie sollte ich es anstellen? Es musste wie ein Unfall aussehen. Das hielt ich für das Beste. Auf keinen Fall durfte sie im Haus sterben. Aber sie ging so gut wie nie, außer zum Einkaufen, vor die Tür. Doch, einmal! Einmal war sie zur Untersuchung beim Frauenarzt. Ich brauchte sie nur zu überreden, zur Sicherheit, vor der Geburt noch einmal dorthin zu gehen. Ich würde mir frei nehmen und sie mit dem Wagen selbst zu ihm bringen und unterwegs hätten wir einen Unfall. Es war nicht einfach, aber ich fuhr die Strecke nach Feierabend in Ruhe ab und suchte mir eine geeignete Stelle. Ich musste vorsichtig sein, denn ich wollte mich auf keinen Fall selbst verletzen. Das Ganze sollte hundertprozentig tödlich für sie enden. Ich wollte nicht verletzt werden, und die Polizei durfte keinen Verdacht schöpfen. Ich fand einen Laternenmast, der mir stabil genug für mein Vorhaben erschien, wendete bei der nächsten Gelegenheit und fuhr im Schutze der Dunkelheit schon mal einen Scheinangriff auf das Objekt meiner Wahl. Ich war zufrieden. Wenn ich mit mindestens achtzig, neunzig Stundenkilometer mit der Beifahrerseite aufprallen würde, hätte sie keine Chance. Nur um den Wagen tat es mir leid. Er war erst drei Jahre alt. Und ich würde mich nur sehr ungern von ihm trennen. Aber dieses Opfer war es mir wert. Damals waren Airbags noch unbekannt, aber ich würde angeschnallt sein. Deine Mutter, so nahm ich an, konnte wegen ihres dicken, unförmigen Bauches keinen Gurt anlegen. Aber um ganz sicher zu gehen, schnitt ich ihren Gurt mit einem scharfen Messer zu drei Vierteln ein. Sie wollte nicht mehr zum Arzt, deshalb half ich mit der flachen Hand etwas nach. Nachdem ich sie überzeugt hatte, machte ich einen Termin am späten Nachmittag aus, damit es bereits dunkel war, wenn wir losfuhren. Sie schnallte sich tatsächlich nicht an. Genau, wie ich es erhofft hatte. Zum Glück waren nur wenige Autos unterwegs und es begann zu nieseln. Als ich von weitem den Laternenpfahl sah, hüpfte mein Herz vor Freude. Es konnte gar nicht besser sein, denn die Laterne brannte nicht. Die Glühlampe war defekt und die ganze Straße unterhalb des Pfostens war stockdunkel. Es war alles perfekt. Ich beschleunigte, sie begann zu schreien. Ich stemmte mich mit all meiner Kraft gegen das Lenkrad. Als ich wieder zu mir kam, wurde ich gerade in den Krankenwagen geschoben. Sie war schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Wie du weißt ,ging mein Plan nicht auf. Sie hat mit schweren Knochenbrüchen und inneren Blutungen knapp überlebt. Dich hat man mit einer Notoperation in die Welt befördert, und ich habe heute noch unter den Folgen des Unfalls zu leiden. Meine beiden Knie sind kaputt, meine Schultergelenke schmerzen bei jedem Wetterumschwung und einen Halswirbel mussten sie damals wieder zusammen flicken. Deine Mutter aber war tapfer und hat mich nie verpfiffen. Ich denke, sie war bloß zu feige, wegen der Konsequenzen. Sie lag ein halbes Jahr im Krankenhaus. Die Mutter meiner schönen Nachbarin nahm dich so lange auf, bis sie wieder zu Hause war. Ich wollte und konnte mit dir nichts anfangen. Außerdem hatte ich mich gerade selbständig gemacht und daher gar keine Zeit für so ein stinkendes, schreiendes Balg. In der Klinik hatte deine Mutter eine Frau kennen gelernt, zu der sie mit dir umgezogen ist, sobald sie einigermaßen laufen konnte. Das war wohl auch besser so, denn ich dachte immer wieder darüber nach, wie ich euch loswerden könnte. Du weißt nun die ganze beschissene Wahrheit über deinen beschissenen Vater. Doch ich denke, du bist stark genug, um das alles zu verkraften. Dass ich finanziell nicht für euch gesorgt hätte, kannst du mir aber nicht vorwerfen. Wenigstens da habe ich ein reines Gewissen. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, einen Luxus namens Gewissen, habe ich mir seit meiner Jugend eigentlich nicht mehr geleistet. So etwas stört im Leben nur, und entzieht dir große Teile deiner Energie, die du für rentablere Geschäfte verwenden solltest. Ein Gewissen fördert Skrupel und lockt sie aus ihren Rattenlöchern. Es baut Blockaden auf, die deine mentalen Fähigkeiten derart begrenzen können, dass du für das Wichtige im Leben keinen Blick mehr hast. Aber vielleicht siehst du das ja auch ganz anders. Wie weit mich meine Lebensphilosophie gebracht hat, siehst du ja vor dir. Jedenfalls habe ich deiner Mutter, nachdem meine Geschäfte ins Rollen kamen, monatlich eine hübsche Summe überwiesen, damit ihr nicht von der Sozialhilfe leben musstet. Sie hatte mich nie darum gebeten, und ich habe lange mit mir gekämpft, aber irgendwo bin ich halt doch ein sentimentaler Trottel gewesen. Meine Steuerberater sagten mir, dass ich das Geld besser euch gebe, als den Halsabschneidern vom Finanzamt. Zu erben gibt es nix. Damit wollte ich dich nicht auch noch belasten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du, nach allem, was du heute erfahren hast, wirklich Freude mit meinem Vermögen und meinen Immobilien hättest. Mein Testament ist beim Notar hinterlegt. Es ist alles geregelt. Ich seh ganz genau, wie dir die Zornesader an deiner Stirn angeschwollen ist. Warum, so fragst du dich, schüttet mir dieser Bastard diesen ganzen ekelhaften Müll ins Gesicht? Ich hätte natürlich meinen Notar anweisen können, dich zur Testamentseröffnung zu laden, und dir von ihm alles erklären lassen. Ich hätte auch ganz schweigen können, wie die letzten Jahre auch, und dich dumm sterben lassen. Aber wenn ich mir vorstelle, dass dir irgendwann irgendein schwachsinniger Idiot irgendwelche Märchen über mich erzählt, und mich dabei vielleicht noch in den Dreck zieht, nein, das kann ich nicht zulassen. Noch bin ich Herr meiner Sinne und nur von mir erfährst du die ganze Wahrheit. Ich will dich gewiss nicht quälen, aber es ist mir lieber, nachher mit einem Arschtritt in den Himmel zu kommen, als mit einem "Herzlich Willkommen" in die Hölle. Du hast recht. Ich glaube nicht an solchen Schwachsinn. Aber man weiß ja nie. Mag sein, dass du dich auch fragst, warum ich freiwillig diesen Scheißplaneten verlasse. Ich kanns dir sagen. Die Ärzte im Krankenhaus meinen, dass mein Körper schon zur Hälfte vom Krebs aufgefressen ist. Ein paar Monate noch, dann wärs sowieso aus. Als ich dann das mit deiner Mutter erfuhr, sagte ich mir, das kannst du auch. Die hängen dich nicht an eine Maschine und dröhnen dir die Birne zu, damit du die Schmerzen nicht spürst. Und so hab ich mir diesen Plan ausgedacht und dich heute Nachmittag unter falschem Namen hier her rufen lassen. Du wärst ja nicht gekommen, wenn du gewusst hättest, wer und was dich hier erwartet. In der Flasche ist gerade mal noch ein guter Schluck übrig. Den krieg ich auch noch runter. Das ist ein feines Zeug. Schottischer Single-Malt, fast so alt wie ich. Das wird genügen. Das hält kein Pferd aus. Wenn es nur nicht so weh tun würde. Meine Finger sind schon ganz taub. Die Beine spür ich auch nicht mehr. Ich wollte dir nur noch sagen, dass mir alles aufrichtig leid tut, was ich euch angetan habe. Wobei ich mir sicher bin, wären wir eine Familie geworden, wärs euch dreckiger gegangen. Alles in allem wars ja dann doch nicht so übel. Als ich hörte, dass sich deine Mutter vor drei Tagen von der Autobahnbrücke gestürzt hat, war ich doch etwas perplex. Warum hat sie das getan? Warum erst nach so vielen Jahren? Es mag zwar jetzt etwas hart klingen, aber stell dir doch mal vor, sie wäre vor deiner Geburt gesprungen. Uns allen wäre so viel Leid erspart geblieben. Ja, auch mir. Aber sie war schon immer zu weich und ohne Rückgrat, eben eine Versagerin. Die vielen Fehler, die sie in ihrem doch recht kurzen Leben gemacht hat, hätten für mehrere gereicht. Da passt dieser lausige, schlecht inszenierte Freitod zu ihrem versauten Leben, doch wie die berühmte Faust aufs Auge. Trotzdem, wir sollten nicht nachtragend sein. Ich nicht, und du erst recht nicht. Über Tote sollte man nicht schlecht reden. Wenn dir das bei mir auch schwerfallen wird. Ich bin jetzt so verdammt müde. Zum Glück haben die Schmerzen aufgehört. Du tust jetzt einfach das, was ich dir angewiesen habe. Es gibt ja verrückte Hühner, die behaupten, dass wir uns alle anderswo noch einmal wiedersehen. Das wünsche..... Hier endete der Brief. Der junge Mann hielt zitternd die Blätter in der Hand, wischte sich die Tränen aus den dunkelbraunen Augen, und schaute auf sein Gegenüber. Im Sessel hinter dem Schreibtisch saß zusammen gesunken ein Mann, Ende fünfzig, mit dem halben Oberkörper auf dem Tisch liegend. Der Kopf des Mannes, der behauptete sein Vater zu sein, lag auf der Schreibtischplatte, als wäre er während des Schreibens vom Schlaf übermannt worden. Die Augen waren geschlossen und der Mund halb geöffnet. Das Gesicht schien blutleer und wächsern. Der linke Arm hing zwischen Tisch und Oberkörper herunter. Der rechte lag neben dem Kopf. Daneben stand eine leere Whiskyflasche. Ein Glas war nicht zu sehen. Aber zwei leere Tablettenröhrchen. Er stand auf, um zum Kamin zu gehen, als er ein Geräusch vernahm. Es klang wie ein leises Schnarchen. Er drehte sich um, ging zu dem Toten und beugte sich zu ihm hinunter. Da hörte er es wieder. Er nahm die rechte Hand, um den Puls zu fühlen. Dann ließ er die Hand auf die Tischplatte fallen und ging zum Kamin. Aus seiner Manteltasche nahm er ein Feuerzeug, zündete die Briefblätter an und legte sie in die Feuerstelle. Mit leeren Augen schaute er den Flammen zu, wie sie das abscheulichste verschlangen, das er je zu lesen gezwungen war. Die braunen Ränder des Papiers kräuselten sich nach innen und wurden schwarz. Der Widerschein der letzten verbrennenden Seiten, ließ in seinen Augen keine Gefühlsregung erkennen. Das Feuer war längst verloschen, als er immer noch, mit starrem Blick, davor stand. Die zarte Wärme des kleinen Feuers wich einer Kälte, die von seinem ganzen Körper Besitz ergriff. Mit einem Ruck, als müsse er sich gewaltsam aus einer Umklammerung lösen, die ihn unsichtbar auf der Stelle zu halten schien, drehte er sich zum Schreibtisch um und ging auf die Leiche zu. Er fühlte noch einmal den Puls, als er glaubte, wieder dieses seltsam röchelnde Schnaufen gehört zu haben. Dann legte er ganz behutsam die Hand seines Vaters zurück, griff in die Manteltaschen und zog seine Lederhandschuhe an. Er stellte sich dicht hinter den scheinbar leblosen Körper. Mit der linken Hand drückte er die Schulter des Mannes fest nach unten und hielt ihm mit der Rechten Mund und Nase zu. Sein ganzer Körper verfiel wieder in diese Starre. Das Gesicht war blass, und sein Blick ging ins Leere. Nach einigen Minuten löste er den Griff und maß wieder den Puls. Dann ging er gelassenen Schrittes aus dem Raum, löschte das Licht und ließ die Tür hinter sich leise ins Schloss fallen.
Das Meer ist grau. Und so grau wie das vor mir liegende, unendlich scheinende Wasser, so ist mein Empfinden – kalt, abweisend, geheimnisvoll.
Ich erinnere mich ... wann war es? Gestern? Vorgestern. Letzte Woche? Wann kamen wir hierher? Wo ist Britta jetzt?
Hinzmann machte sich nachdenklich auf den Weg zurück ins Dorf. KAKERLAKEN TRAUERN NICHT
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