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                        UNGEREIMTES

 
INHALT:
 
  • El loco oder Das kurze Leben des Toni Hacker  NEU!
  • Himmelthor und Hondo (1. Kapitel) NEU!
  • Strandnest  NEU!
  • Sandra und der Baum NEU!
  • Zucchini
  • Gerlingers Rosen
  • See-Not
  • Jasmin
  • Kakerlaken trauern nicht
  • Das Glück eines Zeitkistenmannes
  • P. steckt in der Krise
  • Ankunft
  • Im Park
  • ... den bestraft das Leben mit dem Tod

 

El loco oder Das kurze Leben des Toni Hacker

 

 

Wären seine Augen nicht so weit aufgerissen gewesen, hätte man denken können, er hielte in seinem Rollstuhl eine kurze Siesta. Allerdings hätte man sich in diesem Falle die Kotze wegdenken müssen, die auf seinem Hemd und auf seinem nackten Unterleib klebte.

 

Aber es ist wohl gescheiter, ich fange mit dem Anfang der Geschichte an und nicht mit dem tragischen Ende.

 

Anton Friedrich Hacker schob Anfang der 1970er sein damals schon markantes Kinn ins kalte Licht des Kreißsaales einer Klinik in einer südwestdeutschen Kleinstadt. Als Baby machte er seinen Eltern ja noch die eine oder andere Freude. Aber als seine Kumpels ihn alle nur noch „Hacker“ riefen, mit Beginn seiner Schulzeit, fing der Ärger an.

Am Ende von Hackers schulischer Laufbahn standen auf seinem Konto unzählige Kloppereien mit Schulkameraden und diverse Sachbeschädigungen auf seinem Konto. Im Einzelnen erwähnte seine Akte zwei zertrümmerte Tische, diverse zerbrochene Fenster- und Türscheiben, etliche unbrauchbar gemachte Stühle, eine zerkratzte Wandtafel, einen durchlöcherten Globus, einen explodierten Chemiesaal, drei zertrümmerte Urinale in der Schultoilette und das in Flammen aufgegangene Inventar eines Lehrerzimmers. Dazu waren bei seinen Mitschülern und Mitschülerinnen Körperverletzungen aller Art zu beklagen: ausgeschlagene Zähne, drei gebrochene Finger, mehrere blutunterlaufene Augen, zwei gebrochene Nasenbeine, ein defektes Handgelenk  und nicht zu vergessen das durchgetretene Schienbein eines Musiklehrers.

 

„Der Idiot sagte zu mir, ich sei so musikalisch wie eine Klospülung“, verteidigte sich Hacker.

 

Seine Vorstellungen, wie die Welt zu funktionieren hatte, deckte sich in den seltensten Fällen mit der Auffassung der Menschen in seinem Umfeld.  Er mochte keine Diskussionen, und wer das nicht begriff, machte sehr schnell Bekanntschaft mit seiner Faust, oder seinem Fuß. Er war klein, drahtig, laut und asozial – aber nicht dumm. Immerhin schaffte er trotz aller Differenzen mit seinen Pädagogen den Realschulabschluss.

 

Seine Mutter hatte zum ersten Mal den Verdacht, dass ihr Sohnemann vielleicht doch anders war als andere, als sie ihn eines Abends im Badezimmer erwischte. Und danach noch zwei, drei Mal. Nämlich dabei, wie er seine Füße im Waschbecken reinigte. Hacker war früh morgens stockbesoffen nach Hause gewankt und sofort im Bad verschwunden. Dort entledigte er sich seiner Schuhe, der Hose und den Socken. Dann schwang er einen Fuß hoch ins Waschbecken und wusch ihn. Danach den zweiten. Dieses Reinigungsritual führte er ausschließlich in betrunkenem Zustand aus. Bei der Frage warum, zuckte er nur mit den Schultern. Dass er bei dieser Übung mehr als ein Mal hart auf dem Badezimmerboden aufschlug, tat seiner Neigung keinen Abbruch.

 

Toni wurde älter, ruhiger und landete – keiner wusste genau warum – in einer Elektrikerlehre. Seinem Ausbilder an der Berufsschule war er sogar zu ruhig. Das lag wahrscheinlich daran, dass Hacker einen ausgeprägten Hang zur Selbstüberschätzung hatte. Er schaute sich kaum ein Lehrbuch an und fiel im Unterricht meist dadurch auf, dass er nicht auffiel. Hinter seinem Vordermann versteckt vor sich hin dösend, ließ er die Stunden an sich vorüberziehen.

Cannabis machte ihn nicht nur hungrig, sondern auch müde.

 

„Hacker, Sie haben ja nicht mal den Schimmer von einem Schatten von einer Ahnung, Sie Bananenschüttler!“

Dies war der Standardsatz seines Lehrmeisters. Der Ärmste versuchte trotz aller Fehlschläge, Toni Hacker zu einem, wenigstens entfernt brauchbaren, Elektriker zu schulen.

 

Und Hacker kriegte wieder mal die Kurve und schaffte die Gesellenprüfung.

Aber Schlitze kloppen und Strippen ziehen - das war ihm zu langweilig. Zerstreuung suchte er in Alkohol und Drogen. Dies schadete seiner Zuverlässigkeit und er verlor seine Jobs schneller, als er neue finden konnte. Eines Tages brachte ihn ein Bekannter bei einem Dachdecker unter. Dort machte er Helferdienste, wobei ihm seine Höhentauglichkeit zugute kam. Der herzhafte Umgangston unter den rauen Dachdeckergesellen lag ihm mehr, als die, Zitat:    “Schwulen Kupferdrahtklöppler“ des Elektrikerhandwerks.

 

Doch nach xmaligem Verpennen, mit erheblichem Restalkoholgehalt im Blut verspätet zur Arbeit kommen und etlichen Fehltagen, verlor er wiederum eine Anstellung nach der anderen. Sein loses Mundwerk war ihm dabei eine große Hilfe. Auf diese Weise benötigte Hacker rund zehn Jahre, um alle Dachdeckerbetriebe im Radius von dreißig Kilometern um seinen Wohnort herum abzuklappern.

 

Beim Umgang mit Frauen tat er sich ebenfalls schwer. Da war zunächst seine optische Erscheinung, die nur wenige Frauen attraktiv fanden. Sein Gang erinnerte den Betrachter stark an den eines Primaten. Sein Oberkörper schwankte beim Gehen wie der eines Schimpansen. Sein Gesicht dagegen konnte niemand als hässlich bezeichnen. Es war – normal. Seine Zähne waren vollständig und weiß und seine Nase war gerade. Aber wenn er den Mund aufmachte, war es mit dem Wohlwollen vieler weiblicher Ohrenzeugen dahin. Hacker nuschelte entsetzlich bei einem viel zu hohen Sprechtempo. Wenn er redete, wurde man an den Schauspieler Klaus Löwitsch erinnert.  Tonis Stimme war rau und quäkend. Man wurde  das Gefühl nicht los, dass entweder die Zähne der Zunge im Weg waren, oder dass es sich zumindest umgekehrt verhalten musste.

 

Trotz all dieser Benachteiligungen fand er Christine. Sie war ein Jahr jünger als er, und sie sah besser aus, als es für Hacker gut war. Niemand, der die beiden kannte, begriff, was Christine an Toni Hacker  interessant finden konnte.

Aber wie heißt es so treffend: Liebe macht blind.

 

Jedenfalls dauerte die Beziehung ungefähr ein Jahr. Dann traf Christine diesen texanischen Maurer, und weg war sie. Die Sache mit dem Texaner kam so: Hacker hatte sich angewöhnt, samstags mit ein paar Kumpels saufen zu gehen, wenn noch Geld übrig war. Christine sah sich das nicht lange an und ging an diesen Samstagen ebenfalls aus, und zwar zum Tanz. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Jim kennen. Jim war amerikanischer Soldat, im Zivilleben Maurer und in der Nähe von Christines und Tonis Wohnung stationiert. Außerdem tanzte er granatenmäßig, und auf dem Rücksitz seines Wagens zündete er bei Christine in einer Nacht mehr Raketen, als dies Hacker im Laufe von sechs Wochen im gemeinsamen Bett gelang. Sie verliebten sich ineinander und als Jim kurze Zeit danach seinen Dienst bei der Army beendet hatte, nahm er Christine einfach mit über den großen Teich.

 

Christine blieb die einzige Liebe in Hackers kurzem Leben. Er dachte oft an sie, war aber davon überzeugt, dass er nichts hätte tun können, sie zurück zu erobern. Diese Narbe auf seiner Seele bedeutete aber nicht, dass er an sich zu zweifeln, oder gar zu arbeiten begann. Nein, er erging sich eine lange Zeit in Selbstmitleid und schüttete alles in sich rein, was nicht schnell genug verdunstete. Und so kam es, wie es kommen musste. Er konnte seine Miete und sein Telefon nicht mehr bezahlen. Dazu kamen Schulden für die zusammen mit Christine angeschafften Möbel und TV- und Musikanlagen. Aber das, was bei Hacker hervorragend funktionierte, war sein Selbsterhaltungstrieb. Und so nahm er Verbindung zu seiner Mutter auf und überredete sie, auf seinen Vater einzuwirken, den Sohnemann wieder zu Hause einziehen zu lassen.

Seine Mutter – und das scheint Müttern in den Genen zu liegen – hielt immer zu ihm und half ihm immer wieder aus der Patsche. Sie war die einzige Frau in Hackers leben, auf die er sich tausendprozentig verlassen konnte.

Sein Vater hatte im Grunde auch ein weiches Herz, doch vermied er in jener chaotischen Zeit jeden Kontakt mit seinem Filius. Wahrscheinlich auch, um sich selbst vor einem Herzinfarkt zu schützen.

Nach langen Diskussionen in Hackers Elternhaus, stimmte der Senior  unter der Voraussetzung zu, dass Toni innerhalb eines Monats eine Stelle entweder als Elektriker, oder als Dachdecker vorzuweisen habe. Sollte ihm dies nicht gelingen, so Papa Hacker, solle er sich bei einer der vielen Leiharbeitsfirmen verdingen.

 

„Du hast innerhalb von vier Wochen irgend eine Art von Arbeit, oder du bist  wieder draußen“, trumpfte Hacker Senior auf. „Deinen Verdienst lässt du auf mein Konto überweisen. Davon gehen die Miete und was für Essen, Trinken und Wäsche ab. Vom Rest regele ich deinen Schuldenabbau. Du kriegst von mir ein Taschengeld. Verstanden?“

 

Hacker krächzte: “Ja, natürlich, geht klar“. Dann fraß er den Kühlschrank seiner Alten leer - er hatte seit fast vierzehn Tagen nichts Richtiges mehr in den Magen bekommen - und schlief zwölf Stunden am Stück.

Drei Wochen später unterschrieb er bei einer Zeitarbeitsfirma einen befristeten Arbeitsvertrag.

„Sobald wir eine Stelle für Sie als Elektriker haben, werden sie in Ihrem Beruf eingesetzt“, erklärte der Mitarbeiter der Firma und fragte nach Hackers Schuhgröße.

„Zunächst benötigen wir Ihre Arbeitskraft als Lagerarbeiter in der Schokoladenfabrik Valery &  Blanc, wo sie morgen früh um sieben anfangen werden“.

Hacker krächzte: „Ja, natürlich, geht klar. Einundvierzig“.

Der Disponent kramte in einem Wandschrank und drückte Hacker einen Karton in die Hand. „Die müssten passen“.

Hacker schaute sich die Treter nicht mal an. Er wollte nur schnell weg. Er warf seine Kopie des Arbeitsvertrages in die Schuhschachtel, klemmte diese  unter den Arm und verließ das Büro.

 

Die Arbeit in der Fabrik war zwar nicht das Gelbe vom Ei, ebenso wenig der karge Lohn von sieben Euro achtunddreißig die Stunde, aber Hacker begriff schnell, und wenn er nüchtern war, war die abgelieferte Arbeit auch o.k.

 

Es ist paradox, aber oft zu beobachten, dass Menschen, die extrovertiert und unangepasst sind, bei ihren Vorgesetzten einen Stein im Brett haben. So war es auch hier. Hacker kam des öfteren zu spät zur Arbeit und machte auch den einen oder anderen vermeidbaren Fehler. Aber außer einem Grummeln war seinem Vorarbeiter kein Kommentar zu entlocken.

Hacker spaltete das Lager seiner Kollegen in zwei Hälften. Die eine Hälfte lachte über ihn und seine Unverfrorenheiten, und die andere Hälfte drohte ihm ernsthaft Prügel an, wenn er mal wieder ohne zu fragen einen Schluck aus ihren Getränkeflaschen genommen hatte, oder zum xten Mal eine Zigarette schnorrte. Bald nannten ihn die Arbeitskollegen nur noch „el loco“ – der Verrückte.

Dass er diesen Namen nicht zu unrecht hatte, bewies er alsbald.

 

Wie es so üblich ist, bildete man auch unter den Leiharbeiten der Schokoladenfabrik Valery & Blanc Fahrgemeinschaften. Der Sprit ist teuer, der Lohn ist winzig. Hacker lieh sich von einem arbeitslosen Bekannten dessen alten Käfer und wechselte sich beim Fahren im wöchentlichen Turnus mit einem Kollegen ab. Unterwegs nahmen sie einen weiteren Kollegen mit.  Eines Morgens im November, es war noch stockdunkel, sammelte Hacker brav beide Kollegen ein und fuhr die etwa vierzig Kilometer bis zur Fabrik. Dort auf dem Parkplatz angekommen, stiegen alle drei aus und Hacker fragte, ob noch jemand etwas aus der Bäckerei benötige. Beide Kollegen verneinten und so ging er alleine in Richtung Bäckerei, die eine Straße weiter, zirka hundertfünfzig Meter vom Parkplatz entfernt war. Als an diesem Morgen die Sirene um sieben Uhr zum Arbeitsbeginn dröhnte, war von Hacker keine Spur.

Eine halbe Stunde später fragte der Vorarbeiter die Kollegen, was mit Hacker sei.

Die antworteten wahrheitsgemäß, dass dieser noch Brötchen kaufen wollte.

Daraufhin schien sich der Vorarbeiter ernsthafte Sorgen um seinen vermissten Mann zu machen, denn er schickte Leute aus, die sich auf dem Gelände umschauen sollten. Man suchte auf den Toiletten und zwischen den Regalen des großen Lagers. Man schaute in jeden Winkel. Nichts! Hacker war nicht zu finden. Es war schon besorgniserregend, denn auf dem Parkplatz stand aber immer noch sein Wagen. Der Vorarbeiter rief bei der nächsten Polizeistation an und schilderte den Vorfall. Kurz darauf erklärte er zwei Polizeibeamten in seinem Büro, was sich zugetragen hatte. Die Polizisten durchkämmten daraufhin ebenfalls das Lager und das umliegende Gelände. Sie gingen zur Bäckerei und befragten die Verkäuferin. Da nur zwei Minuten von dem Laden entfernt der Bahnhof lag, sahen sie sich auch dort um. Aber von Hacker war keine Spur zu entdecken.

 

Es war nachmittags gegen 14.30 Uhr, als bei einem Kollegen das Handy klingelte. Hacker rief an, und erklärte seinem verblüfften Mitfahrer, dass er an diesem Morgen noch soviel Restalkohol intus gehabt hätte, dass er es für besser hielt, nicht zu arbeiten und deshalb mit dem Zug nach Hause zu fahren.  Ein Phänomen an el locos Erscheinung war, dass seine Sprache und seine Gestik, sowohl im nüchternen, als auch berauschten Zustand den Eindruck erweckten, als sei er betrunken. Einzig seine Zombie-Augen und sein aschfahler Teint hätten dem Beobachter verraten können, dass er zuviel Alkohol im Blut hatte. An jenem Morgen war es zu dunkel, als dass jemand misstrauisch hätte werden können.

Es gab Kollegen, die sich nach dieser Sache vor Lachen die Hose nass machten. Es gab aber auch welche, die Hacker im Geiste den Hals umdrehten.

Sein Vorarbeiter gehörte zu der ersten Sorte.

 

El loco hatte zu Geld das gleiche Verhältnis, wie du und ich zur Krätze: Er versuchte die Knete so schnell wie möglich loszuwerden. Sobald sein Lohn auf dem Konto war, ließ er es sich etwa acht bis zehn Tage gut gehen. Dann war wieder Ebbe. Er liebte es, wenig Brot mit viel Wurst zu essen, danach noch eine Tafel Valery & Blanc – Mandel-Nuss und am Feierabend viel Wodka, mit Bier verdünnt. Dazu rauchte er Kette. Nach nicht einmal zwei Wochen Opulenz war er regelmäßig blank. El loco war nicht dick. Er neigte trotz seiner Fressattacken eher zur Magerkeit. Kein Wunder, wenn er einen halben Monat hungerte. Aber tief in ihm drin, in seinen Blutbahnen und Gefäßen lauerte ein gefährlicher Feind. Sein Blutdruck siedelte sich ob des unsoliden Lebenswandels dauerhaft in lebensbedrohlichen Höhen an. Hacker kannte das Risiko. Wenn er zu Hause über Kopfschmerzen und Schwindelgefühl klagte, legte ihm sein Vater wortlos dessen eigenes Blutdruckmessgerät auf den Tisch. Hacker senior kannte die Symptome sehr genau, da er auch zu den Hypertonikern gehörte. El loco legte die Manschette an und versprach, nachdem er das Ergebnis abgelesen hatte, schon morgen zum Arzt zu gehen. Aber er gehörte zu der Sorte Mensch, die zwar wissen, wo sie Prioritäten setzen sollten, aber dazu meistens den Arsch nicht hoch kriegen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der Anfang vom Ende eintreten sollte.

An einem Mittwochmorgen kurz vor der Neun-Uhr-Pause überkam Hacker eine starke Übelkeit. Er konnte nicht mehr richtig sehen und alle Kraft wich aus seinen Beinen. Sein Puls raste, und Schweiß trat auf seine Stirn.

Als er in den Krankenwagen geschoben wurde, hatte er bereits das Bewusstsein verloren. Vierundzwanzig Stunden später kam er wieder zu sich. Aber Anton „el loco“ Hacker konnte nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen und er sabberte schlimmer als ein Säugling. Sein Körper war siebenunddreißig Jahre alt und kaputt.

 

Er blieb vierzehn Tage in der Klinik und musste haufenweise Tests über sich ergehen lassen. Ein junger Arzt trat an Hackers Bett und teilte ihm mit, dass man ihn nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandeln werde, dass er sich aber trotzdem auf ein Leben als Behinderter einstellen sollte. Als der Arzt gegangen war, drückte Hacker seinen Kopf in das Kissen und flennte eine halbe Stunde lang.

 

El loco war nur noch ein Häufchen Elend. Beide Beine waren gelähmt. Seine Blase und sein Darm gehorchten ihm nicht mehr. Den rechten Arm konnte er nur mit großer Anstrengung ein Stück anheben. Mit der Hand zugreifen ging gar nicht mehr. Die linke Hand konnte leichte Dinge festhalten, wie zum Beispiel ein Taschentuch, wobei sie stark zitterte. Ohne Hilfe etwas zu trinken war ihm nur mit äußerster Konzentration möglich. Mit der professionellen Unterstützung eines Logopäden versuchte er zu lernen, ein paar einfache Wörter so deutlich zu artikulieren, damit er wenigstens seinen Wünschen und seinem Befinden verbalen Ausdruck verleihen konnte. Sein rechter Mundwinkel hing etwas herab, weshalb er ständig Speichel abwischen musste. Das rechte Auge war fast vollständig geschlossen, das linke Augenlied hing ein wenig herab.

Somit hatte die Stimme von Klaus Löwitsch  den Blick von Karl Dall.

Damit war sein physischer Status beschrieben. Sein Geist aber schwankte hin und her zwischen Suizidgedanken und Trotzhaltung.

Nach der Reha begann Hackers Vater, das Haus rollstuhlgerecht umzubauen.

Da er kein geselliger Mensch war, und die gesamten Umbaumaßnahmen alleine bewerkstelligte, war klar, dass Monate ins Land gingen, bis der letzte Handgriff getan war. Ein großer Teil des mühsam Ersparten ging dabei drauf. Vater Hacker bekam keine schlechte, aber auch keine hervorragende Rente, sodass Mutter Hacker jeden Tag für ein paar Stunden putzen ging. Damit sich jemand um Toni kümmern konnte, während die Eltern beschäftigt waren, schickte die Sozialstation einen Zivildienstleistenden.

Manfred Weiß war Deutschrusse und lebte seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Manni war fünfundzwanzig, liebte Wodka  und Bier und war Tonis Zivi.

El loco mochte ihn nicht sonderlich, er hatte schon immer etwas gegen Italiener und Russen. Warum, das konnte er nie erklären, es war so und es war ihm nie wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Manni hatte Mitleid mit Toni, wie er mit jedem seiner bisherigen Schützlinge Mitleid hatte. Das lag in seiner Natur. Und wenn Manni mit Toni einen Spaziergang machte, dann schob er ihn etwa zweimal die Woche ins „RuckZuck“, damit er auch mal unter Leute kam.

Nun war dieses Etablissement weder eine normale Kneipe, noch eine Bar. Es war von jedem etwas. Vor allem war es schummrig, mit viel rotem Licht.  Bis achtzehn Uhr waren die Preise vergleichbar mit denen der gewöhnlichen Kneipen. Aber danach betraten eine handvoll Damen die Szene, die nur unten rum angezogen waren. Wenn es einer von ihnen oben rum kalt wurde, animierte sie einen der männlichen Gäste mit nach oben zu kommen und ihr einzuheizen. Die Anwesenheit der Damen und die Getränkepreiserhöhung standen in kausalem Zusammenhang. Deshalb schob Manni Tonis Rollstuhl schon vor der Preiserhöhung ins „RuckZuck“. Den letzten Schluck aus seiner Bierflasche hob er sich auf bis etwa halb Sieben. So konnte er sich die nackten Titten wenigstens noch ne halbe Stunde lang zum Billigpreis ansehen.

Für Toni war das jedes Mal eine Qual, aber Manni verstand den genuschelten Protest nicht, der Tonis Mund verließ. Eine Qual deshalb, weil er wegen seiner Krankheit und der Medikamente keinen Alkohol trinken durfte, und weil beim Anblick der nackten Möpse jedes Mal sein Schwanz auf Halbmast stieg, und ihn die Geilheit schier verrückt machte. Aber davon hatte Zivi Manni nicht mal den Schimmer von einem Schatten von einer Ahnung.

 

Eines Tages, Manni und Toni kamen aus dem „RuckZuck“, stellte Manni fest, als er wieder an die frische Luft kam, dass er ein paar Wodka zuviel intus hatte. Also, dachte er sich, schau’n wir, dass wir möglichst schnell nach Hause kommen. In seinem benebelten Hirn fixierte sich die Idee, Toni mit dem Rollstuhl die zweiunddreißig Stufen runter zur U-Bahn und auf der anderen Seite wieder hoch zu bugsieren. Auf diese Weise könnten sie mindestens zehn Minuten gutmachen, da sie die beiden Ampeln über die vierspurige Bundesstraße vermieden. Außerdem war das Wetter mies. Es nieselte und es war kühl.

 

Als Toni merkte, dass er dem Loch runter zur U-Bahn immer näher rollte, stemmte er sich in seinem Rollstuhl verzweifelt hoch und hob ein jämmerliches Gezeter an, das Manni auch in nüchternem Zustand nicht verstanden hätte.

Toni begriff, was sein Zivi vor hatte und machte seine Windel nass.

Als Manni etwa die Hälfte der Stufen unter dem Protest mehrer Passanten gemeistert hatte, verließen ihn die Kräfte und er musste den Rollstuhl loslassen.

 

Toni riss seinen schiefen Mund in seiner Panik so weit auf, wie er konnte, aber er brachte nur einen stummen Schrei zustande. Noch bevor er die zweiunddreißigste Stufe erreicht hatte, wurde el loco aus dem Rollstuhl geschleudert und prallte mit Kopf und Oberkörper mehrmals auf die restlichen Treppenstufen. Schlagartig begriff Manni, was er da angerichtet hatte und sprang hinterher. Als er sah, dass Toni verletzt war, rief er von seinem Handy aus einen Notarzt.

Im Krankenhaus ergaben die Untersuchungen, dass  beide Unterarme und das Nasenbein gebrochen waren. Außerdem verlor Toni vier Schneidezähne, zwei oben und zwei unten. Die zwei unteren waren beim Sturz bereits komplett rausgerissen worden, die beiden oberen, großen Schneidezähne waren bis zur Wurzel abgebrochen. Der Klinikzahnarzt machte Tonis Mutter darauf aufmerksam, dass man in vier bis sechs Wochen die beiden Wurzeln ziehen könne, wenn Toni das Gröbste überstanden hätte. Er meinte, ein teurer Ersatz der Zähne wäre in Hinblick auf den Gesamtzustand ihres Sohnes rausgeschmissenes Geld.  Daraufhin bekam sie einen Weinkrampf und später eine Beruhigungsspritze.

Tonis Kopf und sein Oberkörper waren von Prellungen übersät. Sein Gesicht hatte einen Tag nach dem Unfall große Ähnlichkeit mit einem ausgehöhlten Halloween-Kürbis. Nur dass kein Licht aus den Kopföffnungen kam.

 

 

Nach knapp einer Woche Krankenhausaufenthalt entließ man el loco wieder in die Obhut seiner Eltern. Seine Mutter nahm ihren Jahresurlaub und schob an Mannis Stelle den Rollstuhl. Manni nahm sich eine Woche frei, damit ihm etwas einfiele, wie er seinen Fehler wenigstens einigermaßen wieder gerade biegen konnte. Im Grunde seines Herzens war er ja ein guter Kerl. Ein bisschen leichtsinnig und manchmal verantwortungslos, aber seine deutsch-russische Seele litt tausend Qualen von dem Zeitpunkt an, da er Toni auf den kalten Treppenstufen der U-Bahn-Station liegen sah.

 

Jetzt, da er viel freie Zeit zur Verfügung hatte, beobachtete Manni das Haus der Hackers. Er wollte sich unbedingt für sein Missgeschick entschuldigen, aber es fehlte ihm der Mut, einfach  zu klingeln und sein Anliegen vorzutragen.  Am zweiten Tag nach Tonis Entlassung aus der Klinik, ging Manni unbemerkt hinter Toni und dessen Mutter her, als die beiden einen Spaziergang in die Stadt machten. Vor einer Metzgerei stellte Frau Hacker den Rollstuhl neben die Eingangstür und verriegelte die Bremse. Sie wollte eine ungarische Salami für Toni kaufen, weil er die so gerne aß. Dabei hatte sie wahrscheinlich vergessen, dass ihrem Sohn das Kauen zur Zeit sehr schwer fallen würde.

Während sie im Laden darauf wartete, bis sie an die Reihe kam, schlich sich Manni an Toni ran. Als der den Zivi gewahr wurde, schoss ihm ein gehöriger Schwall Adrenalin in die Blutbahn, sodass er beinahe aus dem Rollstuhl gefallen wäre. Er quiekte und grunzte, aber er brachte nichts hervor, was auch nur annähernd etwas mit einem verständlichen Wort zu tun hatte. El locos Lippen sahen aus, als käme er gerade aus Doktor Mangs Schönheitsklinik und hätte sich dort die Lippen aufspritzen lassen. Aber in seinem Schock fühlte er keinen Schmerz. Manni wusste nicht, ob Tonis Gebärden Wiedersehensfreude, oder Angst ausdrückten, es war ihm auch egal, er wollte unbedingt seine

Entschuldigung loswerden und er versprach den Schaden wieder gut zu machen.

 

Dann krachte ihm auch schon Frau Hackers Einkaufstüte mit der Salami an den Schädel, und ein paar wüste Beschimpfungen hämmerten an sein Trommelfell. An diesem Punkt sah auch Manni ein, dass er die Unterhaltung abbrechen sollte.

 

Im Weglaufen rief er: „Ich entschuldige mich doch für alles. Ich werde es wieder gutmachen, Toni“.

Er gab Fersengeld und  rannnte bis zur nächsten Straßenecke. Von dort aus beobachtete er, was die beiden als nächstes tun würden. Als die Hackers sich in Richtung Park in Bewegung setzten, gab er auf.  Es wurmte ihn, dass Tonis Mutter ihm keine Chance geben wollte, sich zu entschuldigen. Er musste sich etwas einfallen lassen. Auf seinem Nachhauseweg kam er am „RuckZuck“ vorbei und da er Durst und Frust hatte, gab es keinen Grund, nicht einzukehren.

Zu seinem Erstaunen, es war noch lange nicht achtzehn Uhr, saß Lilli, eines der Oben-ohne-Mädchen, auf einem Hocker an der Theke. Manni bestellte ein Bier und ging zu ihr. „Tach, Lilli. Hätte dich beinahe nicht erkannt. Obenrum angezogen“.

 

„Bin ja auch nicht im Dienst, mein Schatz. Spendierst du mir ´n Bailey?“

 

„Hab nur noch zehn Euro“.

 

„Das reicht“, sagte Lilli und zum Wirt gewandt:“ Reiner, ein B“.

 

Manni zählte im Geiste sein Kleingeld nach und fragte sich, ob er noch ein zweites Bier trinken könne.

 

„Was macht eigentlich Toni?“, fragte Lilli. „Warst schon lange nicht mehr hier mit ihm?“

 

„Och“, antwortete Manni. „Dem Toni geht’s momentan nicht so gut. Der hatte `nen Unfall“.

 

„Was? Schon wieder? Bei dem war doch schon alles kaputt, oder?“

 

„Nicht alles, aber jetzt hat er mit den Armen Probleme und ein paar Zähne sind futsch“.

 

„Wie ist das passiert? Hast du ihn vor einen LKW gerollt?“

 

„So was ähnliches“, druckste Manni rum und kicherte dämlich. „Ich weiß nicht wie, auf jeden Fall konnte ich ihn nicht mehr halten und er flog die Treppe zur U-Bahn runter“.

 

„Manni, Manni“, sagte Lilli und drückte ihr Zigarillo im Aschenbecher aus. „Zu viel Wodka, was?“

„Ich hab ein ganz mieses Gewissen. Er war vorher schon `ne arme Sau. Und jetzt? Keine Zähne mehr, beide Arme kaputt. Und sein Gesicht...“, Manni formte in der Luft mit beiden Händen eine Kugel. „Sein Gesicht sieht aus, wie nach einer Runde mit Mike Tyson“.

 

„Hast du dich wenigstens entschuldigt?“, fragte Lilli und steckte sich das nächste Rillo an.

 

„Hab`s versucht, aber seine Mutter hat mir eine runtergehauen“.

 

Lilli nickte und kippte den Rest ihres Baileys hinunter.

 

„Lilli“, begann Manni und atmete tief ein. „Ich will die Sache wieder gut machen und hab da `ne Idee“.

 

„Spendierst du noch einen?“. Lilli schob ihren Kopf ganz nahe an Mannis Gesicht, machte Dackelaugen und legte ihre Hand auf seinen Bauch.

 

„Ich weiß nicht“, krächzte Manni und nestelte sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. Er legte einen 10-Euro-Schein auf die Theke und schüttete sein Kleingeld nebendran. So kam er auf zwölf Euro dreiundachtzig.

Reiner, der mit stoischer Miene den Kassensturz beobachtet hatte, schnappte den Schein mit der einen Hand und wischte mit der anderen die Münzen weg. Eine Minute später bekam Lilli ihren zweiten Bailey.

 

Manni sah mit gequältem Blick, wie sein letztes Geld verschwand.

Aber Hauptsache, dachte er, Lilli hört mir zu.

„Also um dem Toni eine kleine Freude zu bereiten, wollte ich dich fragen, ob du eventuell bereits wärst mit ihm... bei ihm...äh“, Manni hatte so was noch nie gefragt und es fiel ihm schwer, die richtigen Worte zu finden.

 

Lilli zog an ihrem Rillo und blies ihm den Rauch ins Gesicht.

„Handarbeit fünfzig, Blowjob das Doppelte“, erklärte sie ihm ihre Tarife.

 

„Oh“, sagte Manni, einerseits erleichtert, dass er nix weiter erklären musste und andererseits erschrocken darüber, wie teuer der Spaß werden konnte.

 

„Wenn du’s hier machen willst, kommen noch zwanzig für die Zimmermiete dazu“.

 

„Das ist das nächste Problem. Wir können ihn doch hier nicht die Treppe hoch tragen. Außerdem, wie krieg ich ihn hierher. Wenn ich noch mal in seine Nähe komme, schlägt seine Mutter micht tot“.

Manni hatte einen ganz trockenen Mund und spielte mit seiner leeren Bierflasche. Er suchte den Blick des Wirtes. Und als sich beide Augenpaare trafen, schüttelte Reiner ganz leicht mit dem Kopf. Also anschreiben lassen ging nicht.

 

„Dann mach dir mal Gedanken, wie das klappen soll“, sagte Lilli und rutschte von ihrem Hocker. „Ich hau jetzt ab. Muss noch einkaufen“.  Als sie ihren Hintern vom Kunstledersitz schob, hörte Manni ein schmatzendes Geräusch, sodass er mit aufgerissenen Augen den Hocker anstarren musste.

Verdammt, dachte er, sie hat kein Höschen an, und er legte seine Hand auf den warmen Sitz.

Mit wackelndem Hinterteil verschwand sie aus der Tür.

Manni steckte seinen leeren Geldbeutel ein, sagte: „Tschüss“ und lief ihr hinterher um zu fragen, ob sie morgen um die Zeit wieder hier wäre.

 

„Kann sein“, lächelte sie. „Bring Kleingeld mit“.

„Gut, dann bis morgen“, sagte Manni und ging in die andere Richtung nach Hause.

Trotz, oder wegen seiner zweiundzwanzig Lenze war sich Manni nicht sicher, in welche Richtung seine sexuellen Neigungen tendierten. Manchmal bekam er auch bei Männern Schmetterlinge in den Bauch und darunter. Speziell bei solchen, die eher weibliche Gesichtszüge hatten und eine feminine Ausstrahlung besaßen.

Bei Lilli verhielt sich seine Libido bisher neutral. Gut, wenn sie ernsthaft gewollt hätte, hätte er sich nicht widersetzt, aber sie löste keine vermehrte Durchblutung bei ihm aus. Trotzdem, die Vorstellung, dass während ihres Gespräches ihre Muschi ungeschützt Kontakt mit dem Lederbezug hatte, bewirkte den Ablauf einiger wilder Fantasien in Mannis Schädel.

 

Am Tag darauf ging Manni schon früh am Morgen zur Bank und plünderte sein Sparbuch. Danach ging er in die Videothek und lieh sich ein paar Filme aus, um die Zeit bis zum Nachmittag zu überbrücken.

Um Punkt sechzehn Uhr stand er wieder im „RuckZuck“ und bestellte einen Wodka und eine Flasche Bier. Reiner atmete tief durch und baute seine hundertzehn Kilo auf einsneunzig Körpergröße beeindruckend hinter der Theke auf, und machte mit Daumen und Zeigefinger klar, dass er zuerst Geld sehen wollte. Manni öffnete seine Geldbörse und legte einen Zwanziger auf die Theke.

Ohne ein Wort zu sagen knallte der Wirt seine Pranke auf das Papier und ließ es in der Kasse verschwinden. Danach bekam Manni, was er bestellt hatte. Diesmal war das Bier sogar gut gekühlt. Er überlegte, ob er Reiner jemals reden gehört hatte. Komisch, dachte er. Ein Wirt, der stumm ist. Ich werde Lilli bei Gelegenheit fragen, ob das nur eine Masche von Reiner ist, oder ob der wirklich nicht sprechen kann.

 

Lilli war noch nicht da, und Manni nutzte die Gelegenheit, um sich Mut anzutrinken. Denn den brauchte er, um Lilli von dem Plan zu überzeugen, den er sich heute Nacht in allen Details ausgedacht hatte.

 

Nach zwei weiteren Wodka und Bier, kam seine Partnerin in spe zur Tür herein.

An diesem Tag trug sie eine knallenge Jeans, bei deren Anblick sich jeder vernünftige Mensch fragen musste, wie sie da wohl reingekommen und sie auch noch zubekommen hatte. Dazu trug sie ein knallrotes T-Shirt mit einem Ausschnitt, der Sünde hieß. Der Baumwollstoff lag wie eine zweite Haut um ihre Kugeln, die bei jedem Schritt unter dem Stoff hin und her und gleichzeitig rauf und runter zu schwingen schienen. Manni orderte für sie einen Bailey und für sich einen Wodka. Mit beiden Gläsern in der Hand forderte er Lilli auf, sich mit ihm an einen der kleinen Tische zu setzen, die der Theke gegenüber an der Wand zu standen.

 

„Was gibt’s so geheimnisvolles, Schätzchen?“, flötete Lilli und zündete sich ein Rillo an.

 

Manni kippte den Wodka runter und legte los: „Ich hab mir alles genau überlegt.

Du klingelst bei Toni und sagst die Sozialstation schickt dich, damit du Toni in seinem Rollstuhl spazieren fahren kannst.“

 

Lilli verzog das hübsche Gesicht und schüttelte ihre blondierte Mähne.

Sie tippte sich an die Stirn: „Du spinnst wohl. Zuerst willst du, dass ich ihm einen blase und jetzt soll ich ihn spazierenfahren. Ich bin nicht seine Krankenschwester. Vergiss es“. Damit kippte sie den Bailey hinunter.

 

„Hör dir doch bitte erst meinen Plan an. Ablehnen kannst du hinterher“

Manni hob einen Arm und deutete Reiner, dass er noch zwei Getränke machen sollte.

 

Lilli blies ihm eine Rillowolke ins Gesicht und raunte missmutig: „Schieß los.“

 

Manni atmete tief ein: „Du holst ihn zum Spaziergang ab und schiebst ihn am Schwimmbad vorbei zu dem alten Feuerwehrgebäude. Das ist so mit Sträuchern und Bäumen von der Außenwelt abgeschirmt, da sieht uns keiner. Ich pass auf, dass die Luft rein ist und du... du machst das dann. Du weißt schon. Dann fährst du ihn langsam wieder nach Hause und das wars.“

Er beugte sich zu ihr rüber und schaute sie mit großen Augen erwartungsvoll an.

Amüsiert zog Lilli an ihrem Rillo. Dann lächelte sie und sagte: „Der Spaß kostet dich was. Das weißt du. Und zwar im voraus“.

 

Erleichtet ließ sich Manni zurückfallen. „Ich geb dir hunderfuffzig. Das ist alles, was ich habe.“

 

„Wann?“. fragte Lilli.

 

„Wann, was?“, fragte Manni.

 

„Wann ich ihn schieben soll“, erklärte Lilli und rollte mit den Augen.

 

„Ach so“, sagte Manni. „Am besten gleich morgen.“

 

„Hast du die Mäuse dabei?“

 

„Ja, klar“, antwortete Manni und griff nach seinem Portemonnaie.

 

Lilli hielt ihm ihre offene Hand hin und schaute gleichgültig zu, wie er das Geld abzählte.

 

„Ich hab ihn immer um neun abgeholt. Klappt das bei dir?“, wollte Manni wissen.

 

„Wenn du mir die genaue Adresse gibst, bin ich pünktlich da“, erwiderte Lilli.

 

Manni gab Reiner eine neue Bestellung auf und zog aus der Brusttasche seines Hemdes einen Zettel.

 

„Hier“, sagte er und reichte Lilli das Papier. „Da steht die Adresse drauf. Ich bin auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinter der Litfaßsäule. Ich gehe hinter euch her, damit Toni mich nicht zu früh sieht, sonst macht er vielleicht Ärger.“

 

„Das ist dein Problem“, sagte Lilli kalt. „Wenn’s Ärger gibt, bin ich draußen und dein Geld ist weg. Klar?“

 

„Klar“, bestätigte Manni. Doch ganz wohl war ihm bei der Sache nicht.

Er hatte sich schon überlegt, sich so lange nicht blicken zu lassen, bis Lilli mit allem fertig war. Oder Toni erst kurz vor der Haustür, wenn Lilli ihn wieder zu Hause abgab, darüber aufzuklären, wem er die heißen Lippen zu verdanken hatte.

 

Lilli verstaute die Scheine in ihrer winzigen Handtasche. Dann stand sie auf,  und beugte sich dabei unnötig tief über den Tisch. Bei Manni bewirkte diese Körperhaltung einen starren Blick, sodass ihre Kugeln über Mannis Augen direkt mit seinen Eiern zu spielen begannen.

 

„Bis morgen“, hauchte Lilli. Nachdem sie mit Reiner ein paar Worter gewechselt hatte, verließ sie das Lokal.

 

Mit einem blöden Grinsen im Gesicht schaute ihr Manni hinterher. Die Bewegungen ihrer Pobacken beim Gehen, zündeten ein kleines Feuerwerk schmutziger Fantasien in seinem Kopf.

Je öfter er Lilli sah, desto sympathischer wurde sie ihm.

 

Der nächste Morgen kam, und Manni stand schon um halb neun hinter der Litfaßsäule. Er war nervös und kaute auf einem Kaugummi herum. Zweifel plagten ihn, ob das alles so richtig war, was er da angeleiert hatte. Was würde er tun, wenn Lilli einfach nicht erschien und später behauptete, niemals Geld von ihm bekommen zu haben? Eine Frage, auf die er keine überzeugende Antwort wusste. Er schaute auf seine Armbanduhr. Noch zwei Minuten bis neun. Die Straße lag etwas außerhalb des Zentrums und es herrschte kaum Verkehr.

Drei Fußgänger waren auf der anderen Seite unterwegs. Zwei ältere Frauen kamen aus der Bäckerei, die drei Häuser von Hackers entfernt war und gingen Richtung Stadtmitte. Und ein Junge mit Schulranzen auf dem Rücken trottete gedankenverloren auf dem Bürgersteig. Er blieb vor der Bäckerei stehen und schaute sich die Auslage an. Mannis Gedanken schweiften ab.

Beginnt sein Unterricht später, oder hat der Kleine nur keinen Bock zur Schule zu gehen?

Da fiel ihm ein hellblauer Kleinwagen auf, der in eine Parklücke gelenkt wurde. Gott sein Dank, dachte er. Sie kommt.

Liili verschloss die Autotür und schaute auf den Zettel in ihrer Hand. Ihr Blick suchte die Hausnummern nach der richtigen ab, und sie setzte sich in Bewegung.

Als sie gegenüber der Reklamesäule war, schaute sie rüber und winkte kurz.

Manni hatte seinen Kopf hervorgestreckt, damit sie ihn sehen konnte.

 

Jetzt wird es spannend, sagte er sich und nahm die Haustür ins Visier.

Nachdem Lilli geklingelt hatte, erschien Tonis Mutter im Türrahmen.

Manni konnte nicht verstehen, was die beiden redeten, aber zunächst sah es so aus, als würde die alte Hacker Schwierigkeiten machen. Doch Lilli schien überzeugende Argumente zu haben, denn beide Frauen verschwanden im Haus.

Es vergingen fünf endlos erscheinende Minuten. Manni schob noch einen Kaugummi nach und vergaß völlig seine Deckung, als er hin und her wanderte.

Beim nächsten Blick auf Hackers Domizil, sah er, wie Lilii Toni mit seinem Rollstuhl aus der Tür bugsierte. Schnell verschwand Manni hinter der bunten Werberolle. Liili machte sich mit Toni auf den Weg, und Frau Hacker sah ihnen hinterher. Als sie endlich im Haus verschwunden war, löste sich Manni aus seiner Deckung und ging in angemessenem Abstand hinter den beiden her.

 

Lilli hatte sich auf dem etwa zwei Kilometer langen Weg mehrmals umgedreht und vergewissert, dass Manni noch da war. Sie kannte Toni nur aus seinen Besuchen im RuckZuck, und dort hatte sie nie auch nur ein Wort  mit ihm gewechselt.

Toni saß meistens ruhig und regungslos in seinem Gefährt und stierte mit dem einen offenen Auge auf die Titten der Mädchen, während er ab und zu am Strohhalm seiner Cola saugte. Anfangs hatte sich Lilli mit ihren Kolleginnen hinter vorgehaltener Hand über Manni und vor allem über Toni lustig gemacht.

Aber später empfanden sie nur noch Mitleid mit Toni, und danach beachteten sie ihn nicht mehr.

Lilli hoffte, dass Toni weiterhin so brav bleiben würde, wie sie ihn kannte. Deshalb war es für sie beruhigend, dass Manni in ihrer Nähe war, falls ihr Kunde einen Anfall, oder was auch immer, bekäme.

 

Nachdem sie am Schwimmbad vorbei waren, sahen sie hinter Büschen und Bäumen versteckt, das heruntergekommene Gebäude der alten Feuerwache.

Lilli steuerte den Rollstuhl daraufzu. Die Feuerwache bestand aus einem einstöckigen Häuschen mit einem Flachdach von dem einige Bahnen der Abdeckung herunter hingen. Daran angebaut waren zwei Garagen, in denen früher die Spritzenwagen untergebracht waren. Die Fenster des Hauses waren zum Teil entfernt und die Scheiben der verbliebenen waren alle zersplittert. Die Eingangstür war verschwunden. Beide Garagen hatten zweiflügelige, verrostete Metalltore, die im Wind quietschend hin und her schaukelten.

Sie ließ den Rollstuhl stehen und schaute vorsichtig in das Haus und dann in die Garagen hinein.

Sie entschied sich, ihre Arbeit im Haus zu verrichten. Sie ging zum Rollstuhl zurück und bemerkte Manni, der sich hinter einem Baum in Deckung hielt. Sie zeigte mit einer Kopfbewegung, wo sie Toni hinbringen wollte. Der saß völlig perplex in seinem Stuhl und forderte grunzend eine Erklärung.

 

„Ja, Schätzchen“, sagte Lilli und es sollte beruhigend klingen. „Wir gehen ins Haus und dort erkläre ich dir alles“.

 

Dort angekommen schaute sie in beide Räume und entschied sich für den, in dem es am hellsten war.

„So, Toni“, sagte sie und ging vor dem Rollstuhl in die Knie. Toni war gespannt, was das ganze werden sollte. Wäre ich gesund, dachte er, wärst du genau das, was ich jetzt brauche.

„Manni hat mich engagiert, dir als Wiedergutmachung für deinen Unfall an der U-Bahn, einen zu blasen“, sagte sie frei raus und gegen die Abmachung.

 

Manni stand draußen und hörte jedes Wort. Er verzog das Gesicht  und  ballte vor Zorn eine Faust.

 

Als Lilli an Tonis Hose herumfuchtelte, begann der mit beiden Gipsarmen sie davon abzuhalten.

Jetzt wurde Lilli wütend: „Hör mal, du solltest damit aufhören und ruhig bleiben. Über ein Geschenk meckert man nicht“.

Sie drückte seine schwachen Hände weg und versuchte die jetzt offene Hose herunter zu ziehen. Aber als sie die Windel sah, wich sie mit einem Aufschrei zurück und rief: „Manni, komm her!“

 

„Scheiße“, plärrte Manni und kam aus seiner Deckung.

 

Toni hatte es vor lauter Aufregung fast geschafft das rechte Auge halb zu öffnen.

Was er sah, beruhigte ihn keineswegs.

Manni kam um den Rollstuhl herum und guckte Lilli achselzuckend an: „Was is?“

 

„Du hast mir nicht gesagt, dass er eine Windel anhat“, fauchte Lilli und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf Tonis Verpackung.

„Am liebsten würde ich jetzt verschwinden“, schob sie nach.

 

„Ich zieh ihm das Ding aus, und du tust deine Arbeit“, sagte Manni barsch.

 

„Moment! Du ziehst das Ding aus und wäschst zuerst seinen Schwanz, bevor ich den auch nur anfasse“, herrschte Lilli zurück.

 

„Wie, verdammt noch mal, soll ich ihn waschen? Siehst du hier ein Bad?“

 

„Entweder du tust es jetzt sofort, oder ich rufe Reiner an und lasse mich abholen. Und ich weiß nicht, ob er dann gute Laune mitbringt.“ Dabei schlug sie mit der Faust in die hohle Hand, damit Manni begriff, was es bedeutete, wenn Reiner schlechte Laune hatte.

 

Manni drehte sich ohne ein Wort, aber mit hochrotem Kopf um und stapfte ins Freie. Vor der Tür blieb er kurz stehen und dachte nach. Dann ging er in die erste Garage, danach in die zweite. Dort kam er mit einem alten, schwarz-grauen Plastikeimer wieder raus.

Lilli trat ebenfalls aus dem Haus und zündete sich ein Rillo an. Tonis Rollstuhl stand mit der Rückseite zur Türöffnung und Toni sah nur den abgeblätterten Putz der Wände und einen daran angelehnten Fensterrahmen, in dessem porösen Kitt

noch ein paar Scheibenreste steckten. Zu seiner Verblüffung war er während des Streites der beiden ganz ruhig geworden. Was Lilli sagte, klang doch recht verlockend, dachte er. Die Aussicht, dass er auf professionelle Art und Weise nach so langer Zeit wieder einmal abspritzen konnte, löste ein nahezu euphorisches Gefühl in ihm aus. Der kleine Toni in der Windel begann, sich ganz zart und vorsichtig zu strecken.

 

Manni ging mit steinerner Miene an Lilli vorbei zum Zaun, der das Schwimmbad vom alten Feuerwehrgelände trennte. Er musste nicht lange suchen, dann hatte er ein Loch gefunden, durch das er schlüpfen konnte, um an die Duschen am Beckenrand zu gelangen. Ohne sich um die Badegäste zu kümmern, füllte er den Eimer, nachdem er ihn ein paar mal ausgeschwenkt hatte.

 

Lilli stand noch vor der Tür, als er zurückkam. Wortlos ging Manni um sie herum ins Haus zu Toni. Der schaute Manni an und dann den Eimer und wollte sagen, dass Lilli ihn waschen soll. Aber Manni verstand nur den Namen Lilli.

 

„Lilli“, rief er. „Toni ruft nach dir.“

 

„Ja“, raunzte Lilli. „Und den Weihnachtsmann gibt’s wirklich.“

Sie stellte sich neben Manni und sah mit gerümpfter Nase zu, wie der Toni die Hose runterzog und ihm die Windel abnahm. Der kleine Toni hing auf Halbmast und der große Toni sagte wieder:“Lilli“. So deutlich, dass es diesmal keine Zweifel gab.

 

Manni schaute sie an und hob fragend die Brauen. Lilli rollte mit den Augen.

„Hast du einen Lappen?“, fragte sie an Manni gewandt.

„Moment“, antwortete der erleichtert. „Hier“, damit zog er ein großes weißes Taschentuch aus der Hosentasche, das fein säuberlich gefaltet war.

 

Lilli kniete sich wieder vor den Rollstuhl und tauchte das Taschentuch in das lauwarme Wasser. Mit spitzen Fingern hob sie Tonis Toni in die Höhe und begann zögernd mit der Reinigung.

Stand Toni anfänglich noch Zweifel im Auge, so genoss er zunehmend die Waschung, schloss das offene Auge und lehnte sich mit leisem Grunzen zurück.

 

Dass es ihm gut tat, merkte zunächst Lilli, in deren Hand sich ein fester Stab gebildet hatte. Lächelnd schaute sie zu Manni hoch, der ebenfalls über’s ganze Gesicht grinste. Und dann geschah es. Mit einem tierischen Stöhnen aus Tonis tiefstem Inneren, schoss eine geballte Ladung aus seinen Lenden, die zum großen Teil auf Lillis erdbeerfarbenen Rock landete. Noch während der Schuss im Anflug war, sprang sie erschrocken auf. Wahrscheinlich weil der Rock neu, und schweineteuer war.

Durch ihren unkontrollierten Satz rückwärts kam sie ins stolpern und fiel unglückseligerweise in den abgestellten Fensterrahmen mit den Scherben. Dabei war ein Geräusch zu hören, als stieße jemand mit einem scharfen Messer in einen Kohlkopf.

 

Toni bekam davon nichts mit. Er hielt die Augen geschlossen und schnaufte wie ein Pferd nach dem Zieleinlauf. Aber Manni war das Geräusch aufgefallen und er schaute nach Lilli, die reglos auf dem Rücken lag. Ein Stückchen unter ihrer linken Brust schaute, von Blut umgeben eine Glasspitze aus der Bluse heraus.

Sie war so unglücklich in eine große Scherbe gefallen, dass sie sofort tot war.

Was Manni mit einem geübten Griff an ihre Halsschlagader erkannte.

Er atmete tief durch, um sich von dem Schrecken zu erholen. Toni, dessen Ausnahmezustand langsam zu Ende ging, öffnete ein Auge, und hatte die Situation schnell erkannt. Jedenfalls sagte seine Gesichtshaut, die von schweinchenrosa auf käseweiß drehte. Ein Zittern durchlief seinen geschundenen Körper und er schien total außer sich zu sein. Sein Anblick war in diesem Moment ziemlich lächerlich. Das lag wohl an der heruntergezogenen Hose und dem tropfenden Schniedel.

Manni stierte entrückt zu der auch im Tode noch schönen Lilli hinunter und ihm war nicht entgangen, dass sich eine Brust zur Hälfte aus der Bluse geschoben hatte. Unwillkürlich leckte er sich die Lippen. Das Bild weiter unten brachte ihn dann vollends aus der Bahn. Lillis Rock war beim Fallen über ihre Oberschenkel hinaus hochgerutscht. Ohne Höschen, und mit leicht angewinkelten Beinen, hatte sie selbst in diesem endgültigen Zustand noch eine magische Wirkung auf Mannis Schwanz.  Der vergaß völlig, dass Toni hinter ihm im Rollstuhl alles mitansehen konnte.  Letztlich war es ihm auch egal. Er musste die Gelegenheit nutzen. Niemand würde ihn davon abhalten können. Und so löste Manni seinen Steifen aus der engen Hose und nutzte die Wehrlosigkeit Lillis aus, bis er sich mit einem Schrei in ihre leblose Muschi ergoss.

 

Toni, war von den Ereignissen der letzten Minuten so gebeutelt, dass sich sein Magen beim Anblick von Mannis Ritt auf der noch warmen Leiche umdrehte, und er sich sein Hemd und seinen nackten Schoß reichlich vollgekotzt hatte.

 

Während Manni mit seinen letzten Stößen den leblosen Körper Lillis zum Schwingen brachte, blieb Toni ein Stück hochgewürgte, ungarische Salami im faltigen Hals stecken, was ihm das Atmen unmöglich machte.

 

Und mit dem finalen Erlösungsschrei Mannis, hatte Toni „el loco“ Hacker unbemerkt sein kurzes Leben ausgehaucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Himmelthor und Hondo

 
Kapitel I: Himmelthor trifft Hondo
 
 
Wer glaubt, alles gesehen zu haben, der hat nur mit einem Auge hingeschaut.
   Nach diesem Grundsatz lebte Gernward von Himmelthor, letzter Spross einer wohlhabenden Familie niederen Adels.
   Der Endvierziger lebte allein in einer Jugendstilvilla am Rande einer kleinen Stadt.
   Mit offenen Augen durchs Leben gehen und für alles Neue und Ungewöhnliche aufgeschlossen sein, war ein weiterer Aspekt seiner Lebenseinstellung. Und eines Tages war es so weit - Neues und Ungewöhnliches trat mit einer bizarren Vitalität in sein Leben, dass seine Aufgeschlossenheit auf eine harte Probe gestellt wurde.
 
   Bei einem seiner täglichen Spaziergänge im Stadtpark, bei denen er noch vor dem Frühstück auf einer Bank seine Zeitung las, geschah etwas, das sein bisher träge dahin segelndes Lebensschiff mit einer frischen Brise versorgte und ihn auf einen turbulenten Kurs beförderte.
  
   Gernward steckte also damals die Nase in seine Tageszeitung. Nicht ohne Genugtuung las er einen Artikel über die vielbeachtete Foto-Ausstellung „Menschen in unserer Stadt“. Denn es waren seine Fotos. Gernward von Himmelthor war ein von vielen Kritikern hochgelobter Fotograf, und die Ausstellung im ersten Hotel am Platze, war der jüngste Höhepunkt seiner Fotografenkarriere.
   Genau in diesen Minuten langte das Schicksal mit einem verschlagenen Grinsen in die Trickkiste.
 
   Während die schmeichelnden Worte des Artikels wie Balsam seine Seele streichelten, merkte er nicht, dass ein struppiges, behaartes Etwas auf vier Beinen auf die Parkbank geklettert war, sich neben ihm niedergelassen hatte und die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne genoss.
 
   Dieses Wesen war etwa einen Meter lang und ungefähr vierzig Zentimeter hoch. Hatte eine breite Schnauze und zwei großen Ohren, von denen das eine in Betrieb war und das andere nicht.
   Anders ausgedrückt: das eine stand, das andere hing. Das Komische dabei war, dass sich die Ohren die Arbeit zu teilen schienen, also beide konnten abwechselnd stehen und hängen - je nach Bedarf.
   Am Ende des Wesens fiel dem Betrachter ein buschiger Schwanz auf, der in Farbe und Haarlänge irgendwie nicht zum vorderen Teiles der Kreatur passte. So, als sei er nachträglich angebracht worden. Er war rostrot mit einer hellgrauen Spitze am Ende. Beinahe wie der Schwanz eines Fuchses. Wohingegen der restliche Teil des Felles kurzhaarig und schwarz war. Bis auf zwei helle Flecken - einer im Nacken und einer am Bauch.
 
   Alles in allem aber schien es ein Hund zu sein. Wenngleich ein ziemlich magerer, ziemlich heruntergekommener, ziemlich bunter Hund. Aber einer mit hellwachen, intelligenten Augen, der nun selbstbewusst seinen Platz auf der Bank beanspruchte.
   Er lag mit dem Rücken zur Banklehne und mit dem Kopf am Ende der Bank, die breite Schnauze in seine Brusthaare gedrückt. Seine dunkelbraunen Augen fixierten Gernward, und es sah so aus, als warte er auf eine Reaktion des Zweibeiners.
 
   Es war einer jener sonnigwarmen Frühlingstage, die man als sommerliches Appetithäppchen bezeichnen konnte. An einem fast wolkenlosen Himmel ließ die Sonne ihre Muskeln spielen.
 Von Himmelthor wurde es in seinem hellgrauen Übergangsmantel ungemütlich warm. Er legte, mit den Gedanken noch in den gedruckten Lobeshymnen schwebend, die Zeitung zur Seite und versuchte, ohne dabei aufzustehen, den Mantel auszuziehen.
 
   „Hab das Käseblatt schon gelesen. Strotzt nur wieder so vor Druckfehlern“, drang eine kehlige Stimme an Gernwards Ohr.
 
   Verdutzt drehte sich von Himmelthor zur Seite, mit einem Arm immer noch im Mantel steckend.
   „Oh! Entschuldigung!“, sagte er ohne sich in diesem Moment bewusst zu sein, was da gerade abging. Er hatte nur erkannt, dass er jemandem versehentlich seine Zeitung auf den Kopf gelegt hatte. Dass dieser Jemand ein Hund war, und dass der offensichtlich reden konnte, war noch nicht in seinen Denkapparat eingedrungen. Gernward von Himmelthor war gewiss nicht dumm, nur manchmal etwas langsam von Begriff.
 
   „Is schon o.k.“, sagte der Hund und gähnte.
 
  Gernward schaute sich verlegen um, schob den einen Arm in den Mantelärmel zurück, faltete seine Zeitung nachdenklich zusammen, und stand wortlos auf. Dann blickte er, die Stirn in Falten, auf das Tier und setzte seinen Spaziergang fort.
   Gott hat viele seltsame Geschöpfe erschaffen, dachte er, warum nicht auch einen sprechenden Hund.
 
   Nach ein paar Schritten bemerkte er neben seinem rechten Fuß einen Schatten. Er schaute nicht hin, sondern blickte über die linke Schulter auf die leere Bank.
 
   „Wunderst du dich nicht, dass ich sprechen kann?“, fragte der Schatten.
 
   Von Himmelthor zögerte. Es waren an diesem Morgen viele Besucher im Park. Jogger, Radfahrer, Skater, Spaziergänger. Ein älteres Ehepaar kam den beiden entgegen und ging an ihnen vorbei. Völlig unaufgeregt. Völlig normal.
 
   „Nein“, antwortete Gernward von Himmelthor, als die beiden Alten ein paar Schritte entfernt waren.
 
   „Ich schon!“, sagte der Hund. Und nach einigen Metern Schweigen: „Hast du schon gefrühstückt?“
 
   „Nein“, sagte Gernward und hoffte, dass der Spuk bald vorüber sein würde.
 
   „Ich auch nicht. Mein Magen hängt mir auf den Pfoten. Lass uns im Postcafé etwas essen. Die haben geile Wurstbrötchen“.
 
   Gernward von Himmelthor mag zwar manchmal in seinen Reaktionen etwas bedächtig gewesen sein, aber wenn er ein Problem hatte, fackelte er nicht lange und packte es bei den Hörnern. Sie kamen gerade an einer dicken Buche vorbei. Er bog vom Weg ab und stellte sich hinter den Baum. Der Hund blieb verwundert auf dem asphaltierten Weg stehen.
 
   „Komm her! Ich hab mit dir zu reden”, flüsterte Gernward und schaute sich sicherheitshalber noch mal um. Der Hund trottete heran, setzte sich vor Gernwards Füße und sah ihn fragend an. Von Himmelthor atmete tief durch und blickte der Nervensäge in die Augen.
 
   „Ich weiß nicht warum, wieso und weshalb“, begann er mit leiser Stimme. „Aber wenn die Natur es für richtig hält, dass du reden kannst, muss ich das akzeptieren. Aber bitte nicht mit mir“.
 
   Der Hund schien sehr aufmerksam zuzuhören, denn er hatte beide Ohren aufgestellt. Nur für die Ohrspitzen reichte es nicht ganz. Die waren leicht nach vorne geklappt.
 
   Gernward war von Natur aus ein Tierfreund, zog es aber vor, sich die Verantwortung für ein Haustier nicht aufbürden zu wollen. Außerdem schien ihm dieser Hund doch etwas zu heruntergekommen, um es sich jetzt anders zu überlegen.
 
   „Ich mag zwar Tiere, ganz besonders Hunde“, fuhr er fort. „Aber ich lebe allein und bin dabei glücklich und ich möchte diesen Zustand nicht ändern. Schon gar nicht mit einem sprechenden Tier. Wenn ich diesbezüglich jemals ein Bedürfnis verspürt hätte, hätte ich mir einen Papagei gekauft“.
 
   „Macht es dir Spaß, mich zu beleidigen?“, fragte der Hund und stellte sich wieder.
 
   „Das lag nicht in meiner Absicht“, antwortete von Himmelthor. „Inwiefern habe ich dich beleidigt?“
 
   „Bla, bla, bla, hätte ich mir einen Papagei gekauft“, imitierte ihn der Hund, lief zwei Schritte auf die Buche zu und hob das Bein.
 
   „Jedenfalls uriniert ein Papagei nicht in öffentlichen Anlagen an die Bäume“, sagte Gernward und ging einen Schritt vom Baum weg
Der Hund ignorierte diesen Einwand und setzte sich wieder.
   „Vorhin auf der Bank, als du mich noch nicht bemerkt hattest, wurde mir klar, dass du der richtige Mensch für mich bist. Dein Geruch sagte mir, dass du charakterlich perfekt zu mir passt. Wie ein Hundehaufen auf ein großes, faulendes Eichenblatt. Und mein Geruchssinn hat mich noch nie getrogen. Also, warum wehrst du dich gegen etwas Gesellschaft? Noch dazu, wenn sie so intelligent und weltläufig ist wie meine.“
 
   Zum ersten mal an diesem Tag musste Gernward von Himmelthor lachen. Erschrocken über seinen Gefühlsausbruch, schaute er sich wieder um, um sicher zu gehen, dass niemand was davon mitbekam. Er bückte sich zu dem Tier und streichelte ihm zaghaft über den struppigen Schädel. „Na, gut“, sagte er. „Weil du mich zum Lachen gebracht hast, spendiere ich uns ein Frühstück. Ich hoffe nur, du benimmst dich, wenn wir jetzt ins Café zur Post gehen. Dabei weiß ich gar nicht, ob Hunde dort erlaubt sind.“
 
   Der Hund sprang auf und wedelte mit seinem Fuchsschwanz.
   „Die haben vorhin schon Stühle und Tische rausgestellt“, freute er sich. „Draußen sind Hunde erlaubt.“
 
   „Aber eines sage ich dir, wenn wir gefrühstückt haben, trennen sich unsere Wege. Ich gehe nach Hause, und du gehst dahin, wo du hingehörst.“
 
   „Einverstanden“, sagte der Hund.
 
   Daraufhin machten sich die beiden auf den Weg. Als sie beim Postcafé ankamen, stellte Gernward fest, dass der Hund recht hatte. Vor der Tür standen vier Tische mit Stühlen. An zwei Tischen hatten sich schon Gäste niedergelassen und tranken gutgelaunt ihren Kaffee. Gernward wählte unter den freien Tischen einen der Äußeren. Er ging unbewusst auf Nummer sicher. Er bestellte sich ein Croissant mit Himbeermarmelade und Schwarzen Tee. Für den Hund orderte er eine Schüssel Wasser und einen Doppelweck mit warmem Fleischkäse. Wenige Schritte vor ihrem Ziel, hatte ihm der Hund diesen speziellen Wunsch mitgeteilt.
 
   Der Hund stürzte sich auf sein Futter, welches die Bedienung neben Gernwards Stuhl auf den Boden gestellt hatte, und kämpfte mit dem Doppelweck. Gernward bemerkte, dass das Tier Schwierigkeiten hatte, sein Fressen zu zerkleinern. Er bückte sich und teilte den Weck in zwei Hälften, dabei flüsterte er: „Denk dran! Hier sind fremde Leute. Es wäre gut, wenn sie von deinen verbalen Fähigkeiten nichts mitbekämen“.
 
   „Keine Angst. Das werden sie nicht“, bekam er zur Antwort. Jedenfalls glaubte er, diese Worte zwischen den Schmatzlauten verstanden zu haben.
 
   Nachdem der Hund den Teller abgeleckt und seinen Durst gestillt hatte, machte er sich lang und schlief ein. Gernward von Himmelthor, der die ganze Zeit über befürchtet hatte, dass ein Gast, ein Passant, oder die Bedienung ihm an der Nasenspitze ansehen könnte, welchen außergewöhnlichen Begleiter er mit sich führte, sah es mit Erleichterung und genoss seinen Tee.
 
   „Guten Morgen, Herr von Himmelthor“, flötete plötzlich die Stimme der Caféchefin neben ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte sich gerade ausgemalt, was geschehen würde, wenn jemand von der Presse Wind von dieser Sensation eines sprechenden Hundes bekäme.
 
   „Haben Sie sich einen Hund zugelegt?“, fragte die Flöte, noch bevor er ihren Gruß erwidern konnte. „Ein schönes Tier“, log sie. „Und so gepflegt.“
  
   „Guten Morgen, Frau Ternig“, sagte Gernward. Weiter kam er nicht. Die Inhaberin hatte sich bereits den Gästen am Nebentisch zugewandt. Er schaute sie mit einem leichten Anflug von Verzweiflung an und glaubte gesehen zu haben, dass sie, als sie sich entfernte, den Kopf geschüttelt hatte. Mit diesem ratlosen Blick schaute er auf den schlafenden Hund. Der öffnete ein Auge und sagte leise: „Die Alte ist nicht ganz echt. Aber mach dir nix draus“.
 
   Jetzt beschlich Gernward ein unbehagliches Gefühl, und er winkte die Bedienung heran. Er zahlte seine Rechnung und machte sich auf den Weg zurück zum Park. Der Hund sprang auf und folgte ihm. Gerade, als von Himmelthor ihn an die Abmachung erinnern wollte, dass nach dem Frühstück jeder seiner Wege geht, bemerkte er, dass das Tier hinkte. Als sie wieder auf den Parkweg gelangten und Gernward niemanden in Hörweite entdecken konnte, fragte er: „Sag mal, hast du vor dem Frühstück auch schon gehinkt?“
 
   „Das tu ich nur, wenn ich längere Zeit gelegen habe. Ist wohl Rheumatismus, oder so. Wenn ich ein paar Schritte gelaufen bin, gehts wieder. Aber am Anfang tut’s höllisch weh“. Dabei schaute er Gernward ins Gesicht und der hatte den Eindruck, als hätte das Tier Tränen in den Augen.
Gernward fühlte plötzlich einen Druck auf der Brust und er musste schlucken. Er kniff den Mund zusammen und nickte.
   „Gut“, sagte er. „Also, gut. Ich nehm dich vorerst mit nach Hause. Wenn das so ist, muss sich ein Tierarzt um dich kümmern. Das kriegen wir wieder hin“.
   Er bückte sich und mit zitternder Hand versuchte er, dem Tier tröstend über den Kopf zu streicheln. Doch der Hund wandte sich ab. „Nicht!“, kam es aus seiner Schnauze. „Ich mag es nicht, wenn mir jemand an die Lauscher kommt“.
 
   Wie an einer Feder gespannt, richtete sich Gernward wieder auf. „Oh! Na, ja. Dann hast du bestimmt Milben in den Ohren. So was führt unbehandelt leicht zu einer Entzündung“.
 
   „Milben, Herr Doktor? Ich bin doch keine Matratze!“
 
   Gernward wusste im Moment nicht, ob er lachen, oder verärgert sein sollte. „Du bist frech und hast keine Manieren“, lächelte er schließlich. „Aber ich glaube, es könnte mir Spaß machen, das zu ändern“.
 
   „Worauf du einen lassen kannst“, murmelte der Hund und ging voran.
 
   Als sie in der Lindenallee, vor von Himmelthors Haus angekommen waren, und Gernward die Haustür aufschloss, bemerkte er, dass sein Begleiter auf dem Bürgersteig saß und durch die Zähne pfiff. Das Tier schaute mit großen Augen auf die rötliche Sandsteinfassade und sagte: „Geile Hütte!“
Gernward legte verärgert den Zeigefinger auf die Lippen:   
   „Psst! Wenn dich jemand hört!“                                            
   Der Hund kam angerannt und nahm die sechs Stufen bis zur Tür in zwei Sätzen. „Ich verrat dir ein Geheimnis. Außer dir, kann mich keiner hören“. Und als Gernward verwirrt mit dem Aufschließen innehielt: „Nu mach schon, Alter. Zeig mir dein Schloss!“
 
   Gernward schüttelte stumm den Kopf und beide gingen ins Haus. Der Hund rannte sofort los und inspizierte sämtliche Räume im Erdgeschoss. Von Himmelthor kam plötzlich ein schlimmer Gedanke und er rief: „Dass du mir ja nirgendwo im Haus das Bein hebst!“
   Er hing seinen Mantel und sein Sakko an der Garderobe auf. Gerade als er die alte, dunkelgrüne Strickjacke, die schon sein Vater getragen hatte, anziehen wollte, hörte er ein böses Knurren. Der Hund stand keine zwei Meter von ihm entfernt und fletschte die Zähne.
 
   „Jetzt hast du`s geschafft. Du bist keine Minute in deiner, zugegeben, großartigen Hütte und schon beleidigst du      
   mich wieder. Du hältst mich wohl für einen asozialen, versifften Straßenköter, der auf jedes Silbertablett scheißt, das ihm unterkommt. Du enttäuschst mich Gernward von Himmelthor!“
   
   Gernward hatte sich dermaßen erschrocken, dass ihm die alte Strickjacke auf den Boden glitt. Er stand mit erhobenen Händen mit dem Rücken zur Wand, als hielte ihm jemand eine Pistole unter die Nase. Er sah, wie der Hund mit hängenden Ohren und zwischen den Hinterbeinen eingeklemmtem Schwanz, davon trottete. Gerade wollte er sagen, dass er es missbilligt, dass man ihn in seinem eigenen Hause anknurrt, als der Hund stehen blieb und ihn ansah.
   „Übrigens“, hörte er ihn mit freundlichem Ton und aufgestellten Ohren sagen, „Du besorgst mir am besten heute noch ein Katzenklo und einen Beutel vom besten Katzenstreu. Ich habe nachts eine schwache Blase und es wäre doch schade, wenn ich meine Notdurft auf einem deiner sicherlich sauteuren orientalischen Teppiche verrichten müsste. Ich bin schließlich kein Punk und weiß, was sich gehört!“
 
   Ich bin nicht sicher, dachte Gernward von Himmelthor, ob ich heute einen neuen Freund dazu gewonnen, oder ob ich mir die größte Laus des Universums in den Pelz gesetzt habe. Und die Laus kennt meinen Namen und hat selbst keinen. Aber einen Namen zu haben ist bei Läusen, denke ich, wohl auch unüblich.
   Er ging ins Wohnzimmer und dachte darüber nach, ob er so früh am Morgen einen Sherry genießen könnte. Der Hund lag vorm Fernseher und schnarchte. Er hatte sich eingerollt, sodass sich die hellen Haare seiner Schwanzspitze beim Ausatmen hin und her bewegten, wie Ähren im Sommerwind. Bei diesem Anblick vergaß er den Sherry, setzte sich auf das Sofa und dachte über die vergangenen Stunden nach.
   Sein Leben verlief bisher in geordneten, überschaubaren Bahnen. Er hatte von seinen Eltern eine nicht unerhebliche Summe Bargeld, Fonds und Wertpapiere geerbt. Dazu diese großzügige Villa aus Jugendstiltagen. Zwei weitere Häuser in der Stadt, deren Mieteinnahmen allein ihm schon ein Einkommen sicherten, das andere, schwerarbeitende Menschen, nur in Ausnahmefällen erreichen konnten. Es war ihm außerdem vergönnt, von Gott mit einer fotografischen Begabung ausgestattet zu sein, die ihm außer Barem auch noch über die Grenzen der Stadt hinaus einen bescheidenen Ruhm einbrachte. Er konnte also sein Leben als finanziell abgesichert und mit Glück gesegnet bezeichnen.
   Bis heute morgen jedenfalls. Er seufzte, und ihm fiel der Sherry wieder ein. Er füllte sich ein Glas mit der goldgelben Flüssigkeit und schaute zum Fenster hinaus auf die Forsythien in seinem Vorgarten, die ihm im lauen Frühlingswind mit ihren leuchtend gelben Blüten zuzuwinken schienen.
   Ja! Stimmte er seinem Resümee von vorhin zu. Ein abgesichertes, ruhiges Leben. Aber ein doch irgendwie auch langweiliges Leben. Mal abgesehen von den erfolgreichen Fotoausstellungen und Werbeaufträgen.
 
   Er war jetzt Ende Vierzig, und ein richtiges Abenteuer hatte er, so sehr er auch darüber nachdachte, nie erlebt. Nicht mal geheiratet hatte er. Nicht, dass er Frauen nicht mochte, oder er etwa gleichgeschlechtliche Neigungen besäße. Nein, es hatte mit Frauen einfach nie geklappt.
   So manche Liaison war er eingegangen, aber mal waren die Interessen zu unterschiedlich, mal war er seinen Freundinnen, wenn es auch schmerzt, einfach zu langweilig. Und bei zwei oder drei seiner Bekannten hatte er das Gefühl, sie seien hinter seinem Besitz her und mochten ihn nicht seiner selbst Willen.
   So vergingen die Jahre. Und nun lebte er allein, traf sich ab und zu mit ein paar guten Bekannten zum Essen, oder zu einem Theaterbesuch. Aber das Alleinsein hatte auch positive Seiten. Er war sein eigener Herr, brauchte auf niemanden und nichts Rücksicht zu nehmen. Keiner stellte Forderungen an ihn, denen er nachgeben musste, oder behelligte ihn mit Fragen, die ihn in Verlegenheit brachten.           
 
   „He! Herr von Himmelthor!“, riss ihn eine raue Stimme aus seinen Gedanken. „Du hast nicht zufällig ein saftiges Steak im Kühlschrank? Oder?“
 
   Er hatte zwar kein Steak im Hause, doch es war noch ein Stück Hackbraten übrig, das er sich eigentlich für das   Abendbrot aufgehoben hatte. Gernward von Himmelthor liebte schon immer das einfache Essen. Und der Hund begann gerade damit.
 
    „Sehr gut“, lobte das Tier, als es den letzten Krümel des Bratens aus der alten Steingutschüssel leckte, die ihm Gernward in der Küche auf den dunkelgrau gefliesten Boden gestellt hatte. „Nur, etwas weniger Salz hätte es auch getan. Hast du stilles Mineralwasser? Ich hab Durst!“
 
   „Du musst ja bisher kein schlechtes Leben geführt haben, wenn dich nach Steak und stillem Wasser gelüstet“, antwortete der Hausherr.
 
   „Ganz im Gegenteil“, kam die Antwort. „Aber damit ist ab heute Schluss!“
 
   „Worauf beruht diese Erkenntnis?“
 
   „Auf der Tatsache, dass du ab heute dein Leben mit mir teilst“.
 
   Gernward war sprachlos.
   Ist das nun Frechheit oder Arroganz? Oder kann dieser gerupfte Flokati auf vier Beinen nicht nur reden, sondern auch noch in die Zukunft sehen? Darüber dachte er nach, als er eine Schale aus dem Küchenschrank nahm und das Mineralwasser hineingoss. Er lehnte sich mit dem Rücken an den Herd und schaute dem Tier zu, wie es beim Trinken kleine Wassertropfen rund um die Schale auf den Boden verteilte.
 
   „Sag mal, woher weißt du eigentlich meinen Namen?“, fragte er.
 
   „Aus der Zeitung“.
 
   „Aus der Zeitung?“, wiederholte Gernward.
 
   „Sag ich doch. Als ich heute morgen meine müden Knochen durch den Park schleppte, verfehlte jemand den Papierkorb, als er sein Käseblatt entsorgen wollte.“ Der Hund saß neben den Futtertöpfen und schaute zu Gernward hoch. „Eigentlich wollte ich nur den Sportteil lesen, aber da fiel mir das Foto von dir auf. In dem Artikel über deine Ausstellung. Unter dem Foto stand dein Name. Dann sah ich dich auf der Bank und erkannte dich wieder.“
 
   „Schau mal an!“, staunte Gernward. „Lesen kannst du auch“.
 
   „Wundert dich das?“
 
   „Nein, ich glaube nicht“.
 
   „Mich schon“, sagte der Hund und trottete aus der Küche.
 
   Gernward folgte ihm. „Meinst du nicht, dass ich ein Recht habe, auch deinen Namen zu erfahren?“
 
   „Doch. Sicher. Das hast du“. Der Hund ging ins Wohnzimmer und legte sich wieder vor den Fernsehapparat.
 
   „Gut“ sagte Gernward. „Und wie ist der?“
 
   „Weiß ich nicht. Ich hab keinen“.
 
   „Du hast keinen? Dann werden wir einen für dich aussuchen“.
 
   „O.K.“ sagte der Hund und rollte sich wieder zusammen. „Aber später. Nach dem Essen bin ich immer müde. Muss erst mal ne Runde pennen“.
 
   Gernward schüttelte resigniert den Kopf und beschloss, auf dem Sofa sein Mittagsschläfchen zu halten.
   Er träumte von einem riesigen Hund, der ein winziges Menschenkind an dessen Windel durch den Stadtpark schleppte. Dabei wiederholte er ständig die Ergebnisse der Fußballbundesliga vom letzten Wochenende. Das Baby hielt sich die ganze Zeit vor Lachen den kleinen Bauch - und es hatte das Gesicht des Gernward von Himmelthor.
 
   Plötzlich weckte ihn der Hund, indem er ihn an der Schulter schüttelte.
   Der Hund in seinem Traum musste niesen und ließ dabei das Baby fallen. Gernward blinzelte verschlafen ins Zimmer.
 
   „Ich hab eine Idee, wie wir einen Topnamen für mich finden“, hörte er seinen Gast. Und dabei fiel ihm auf, dass das Tier Mundgeruch hatte.
 
   „Ach, ja?“ sagte Gernward und drehte seinen Kopf naserümpfend zur Seite.
 
   „Ja! Wir machen jetzt einen Spaziergang in die Fußgängerzone, und der erste Name, den wir in goldenen Buchstaben entdecken, der wird dann mein Name!“
 
   Von Himmelthor setzte sich mühsam auf und schaute in die Vorfreude ausdrückenden Augen des Hundes. „Liebreizende Idee. Goldene Buchstaben!“, antwortete er. „Eine Nummer kleiner tut es natürlich nicht, Euer Hochwohlgeboren“.
 
   „Sei nicht so sarkastisch. Ich weiß eben, was ich wert bin“.
 
   „Mir soll`s recht sein“, brummte Gernward und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Bei diesem Hund wunderte ihn gar nichts mehr.
 
   Und so machten sich die beiden auf den Weg, einen Namen zu finden.
 
   Die Fußgängerzone in der Innenstadt verlief in Nord-Süd-Richtung. Etwa in der Mitte ihres Verlaufes wurde sie von dem kleinen Marktplatz unterbrochen, an dem auch das Café zur Post lag.
   Mensch und Hund schlenderten, aufmerksam die bereits erleuchteten Schaufenster der Läden nach goldenen Namen absuchend, über die zweifarbig bepflasterte Einkaufsmeile. Die Sonne hatte den Horizont schon erreicht, und eine samtene Dunkelheit machte sich am Firmament breit.
   
   „Da vorne links“, rief der Hund ganz aufgeregt. „Da! Ich sehe Gold!“ Und er rannte davon, dass Gernward Mühe hatte, ihn einzuholen. Ungefähr zehn Meter vor einem Juweliergeschäft blieb das Tier stehen und legte den Kopf schief. Dann drehte es sich um und trabte mit hängenden Ohren auf den heraneilenden Gernward zu.
 
   „Vergiss es“, sagte der Hund enttäuscht und Gernward las den Namen, der über dem Schaufenster in goldfarbenen Leuchtbuchstaben stand: Juwelier Köll.
 
   „Na, ja“, meinte von Himmelthor. „Wie wäre es nur mit „Juwel“? Das drückt doch schon mal einen gewissen Wert aus“.
 
   „Spar dir deinen Spott“, raunzte der Hund zurück und lief ein paar Schritte zur Seite, um an einem dort geparkten Motorrad sein Bein zu heben.
 
   „Muss das sein?“, fragte Gernward verärgert und fuchtelte mit den Armen, als wolle er ein Geschwader Moskitos verscheuchen.
 
   Ein trockenes „Ja“ war die Antwort. Der Hund schnupperte an dem Motorrad, als sein Blick auf den Markennamen fiel.
 
   „He!“, rief er begeistert. „Der gefällt mir. HONDA! Ja! Genau! Das ist es!“ Er schaute mit funkelnden Augen auf Gernward und wieder zurück zum Motorrad.
 
Gernward von Himmelthor legte eine Hand ans Kinn und überlegte. „Honda?“, sagte er leise. „Weißt du, für ein Fahrzeug klingt der Name gut, aber für ein männliches Lebewesen klingt er, glaube ich, einen Tick zu weiblich.“
 
   „Findest du?“, fragte der Hund. Und seine Stimme klang gleichermaßen verunsichert und enttäuscht.
 
   „Ich hab`s“, sagte Gernward und schnippte mit den Fingern. „Wie gefällt dir HONDO?“ Und er wiederholte die Silben deutlich und langsam: “HON - DO“.
 
   „Akzeptiert“, sagte der Hund. „Gestatten? Mein Name ist Hondo! Komm, Gernward! Gehen wir nach Hause!“
 
 
 
Strandnest

Das Meer ist grau. Und so grau wie das vor mir liegende, unendlich scheinende Wasser, so  ist mein Empfinden  – kalt, abweisend, geheimnisvoll.
   Ich ziehe den Mantel fester um meine Hüften. Er ist mir viel zu groß. Wem gehört er? Ich friere. Der Wind treibt mir kleinste Salzkristalle ins Gesicht. Meine Augen tränen. Ich blinzle zum diesigen Horizont, den ich nur mühsam ausmachen kann. Er ist ebenso grau wie das Meer, und beide scheinen miteinander verschmolzen.
Sie sind eins – Wasser und Himmel, Mutter und Atem.
   Meine Augen brennen. Ich merke, dass meine Füße nackt sind. Die schaumigen Wellen haben sie bis über die Knöchel umspült. Ich will sehen, ob meine Hose was abbekommen hat.
   Nichts. Da ist keine Hose.
   Ich blicke mich um. Allein.
 Soweit ich sehen kann ist niemand am Strand. Vorsichtig schlage ich den fremden Mantel auseinander.
   Nackt. Unter dem Mantel bin ich nackt.
   Keine Hose, kein Hemd.
  Erschrocken schlinge ich den schweren Stoff um meinen frierenden Körper. Mir ist auf einmal so kalt, dass meine Zähne ungewollt aufeinander schlagen. Mein Kopf und mein Oberkörper zucken. Die Kälte entreißt mir die Kontrolle über meine Muskeln. Laut atme ich die salzige Luft tief in meine Lungen. Wie ein Ertrinkender, der es an die Oberfläche geschafft hat. Ich muss mich konzentrieren, damit ich meine Muskeln wieder beherrschen kann. Noch immer klatschen mir die auflaufenden Wellen an die Füße. Ich atme mehrmals langsam  ein und aus und versuche, ruhig zu werden. Da bemerke ich einen Schmerz auf meiner rechten Bauchseite.
   Seitenstechen.
   Mit einer Hand halte ich die raue Wolle des Mantel zusammen, mit der anderen reibe ich in kreisenden Bewegungen über die schmerzende Stelle. Ich atme nur noch flach, dann tut es nicht so weh.
   Doch schlimmer als Nacktheit und Schmerz ist die Leere in meinem Kopf. So sehr ich mich bemühe, ich kann mich nicht erinnern, was ich hier mache. Warum ich vor unserem Wochenendhaus frierend am Strand stehe. Nackt, nur mit einem fremden Mantel bekleidet, starre ich aufs Meer und suche mich im geisterhaften Dunkel der letzten Stunden. 
   Das blau-weiß gestrichene Holzhaus, dem ich hier gegenüberstehe, gehört mir und Britta.
Wir haben es erst im vergangenen Jahr gekauft. Weil es hier, an diesem Teil des Strandes das einzige weit und breit ist. So oft wir nur können, fahren wir hierher in unserer „Strandnest“, wie Britta das Haus getauft hatte.
   Britta.
   Ich erinnere mich ... wann war es? Gestern? Vorgestern. Letzte Woche? Wann kamen wir hierher? Wo ist Britta jetzt?
   Endlich kann ich mich von meinem nassen Platz lösen und stapfe auf das Haus zu. Es ist nur etwa fünfzig Meter entfernt und ich spüre plötzlich: dort finde ich meine Antworten. Zumindest hoffe ich es. Während ich langsam auf unser Strandnest zugehe, versuche ich einen Erinnerungsfetzen zu packen.
   Je angestrengter ich nachdenke, umso deutlicher fühle ich, die Angst in mir aufsteigen, dass da etwas ist, das mein Leben aus der Bahn werfen könnte. Ein unbestimmtes, nicht fassbares Gefühl. Eine Ahnung. Eine Urangst.  Unerklärbar und bedrohlich.  Ich muss es wissen! 
   Ich steige auf diesen Vulkan, der jede Sekunde ausbrechen kann, doch ich weiß, ganz oben, am Rand des Kraters liegt die Lösung all meiner Probleme. Tod oder Leben, das ist egal. Erst wenn ich in den Krater blicken kann, ist meine Seele zufrieden..
   Mit diesem Gedanken gehe ich weiter und habe das Haus fast erreicht. Da zerreißt ein grässlicher Schrei das Rauschen der Brandung. Eine Möwe flattert keine zehn Schritte entfernt an mir vorbei und landet auf dem weißen Vordach über der Haustür. Mein Herz dröhnt mir im Schädel, dass es schmerzt und der Schreck lässt meine Knie weich werden. Ich taumele. Ich lasse mich auf eine der vier Holzstufen fallen, die hinauf zur Tür führen.
   Die Möwe sitzt ungerührt da und ignoriert mich. Wieder fühle ich die Kälte und merke, dass der Mantel aufgegangen und links und rechts über meine angewinkelten Knie gerutscht ist. Ich schaue an mir herunter, und da sehe ich den Grund für mein Seitenstechen. Im gleichen Moment durchfährt mich ein heftiger Schmerz, ausgehend von dem kleinen schwarz-roten Loch in der Nähe meiner rechten Hüfte. Langsam stehe ich auf. Wie in Trance schaue ich auf die Wunde und mein Blick folgt dem dünnen roten Streifen, der in weichen Bögen an meinem Bein hinabläuft, bis er oberhalb des Knöchels endet.
   So etwas habe ich noch nie gesehen, doch ich weiß, dass das ein Schussloch ist. In meinem Kopf flackert jetzt ein Bild. Die Erinnerung an einen gnadenlosen Schrecken, verbunden mit einem brennenden Schmerz durchfährt mich.
   Ins Haus. Ich muss sofort ins Haus. Britta ist dort!
   Ich drehe mich um und falle sofort der Länge nach in den Sand. Die oberste Stufe ist höher, als ich meinen Fuß gehoben hatte. Ich versuche aufzustehen. Mein Zeh, meine Hüfte, mein Kopf. Ich weiß nicht, was stärker schmerzt. In meinem Bauch ist eine seltsame Hitze. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Aufgestützt auf beide Hände, als wollte ich Liegestütze machen, überkommt mich ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, wie ich es nur aus meiner Kindheit kenne. Der Sand vor meinem Gesicht bekommt kleine dunkle Punkte. ^
Wie die Einschläge winziger Meteoriten auf einem unwirtlichen Mond.
   Ich kann meine Tränen nicht mehr halten. Ich gebe nach, lege meinen Kopf in den tränennassen Sand und lege meine Arme unter meinen Bauch. Durch mein Schluchzen, zieht und zerrt es an meiner Hüfte, dass ich aufschreie.
Etwas Warmes füllt die Hand, die unter der Wunde liegt. Ich werde ruhiger und der Schmerz lässt nach. Meine Augen sind müde. Mein Kopf ist müde. Wahrscheinlich habe ich lange nicht geschlafen. Hier im Sand ist es schön weich und friedlich. Der Mantel schützt vor dem Wind und ich spüre, dass der graue Himmel ein paar Sonnenstrahlen durchlässt, die meinen Rücken wärmen.
*
   Gib mir einen Kalender damit ich es rot anstreichen kann. Es ist Freitag und die für den Nachmittag übliche Konferenz ist abgesagt. Aber damit nicht genug. Kolling, mein Chef, den eine böse Erkältung zu der Absage gezwungen hat, schenkte uns die restlichen drei Arbeitsstunden.
   „Die Entwicklung ist außerordentlich positiv“, war seine, trotz Triefnase, lächelnd hervorgebrachte Begründung.
   Ich finde, er sollte öfter erkältet sein. Jedenfalls kann ich drei Stunden früher zu unserem Strandnest fahren. Ich werde Britta, die gegen achtzehn Uhr mit ihrem eigenen Wagen im Nest ankommt, mit einem herrlichen, selbstgekochten Mahl, und im Schein tausender Teelichter überraschen. Sie wird sich freuen, auch wenn meine Kochkunst auf Nudel-Schinken-Auflauf begrenzt ist. Und danach werden wir zusammen in die Wanne steigen und uns gegenseitig zärtlich den Schweiß von der Haut waschen. Wir werden gemeinsam aus dem Wasser steigen und dann wird einer den anderen abtrocknen. Ob wir es dann noch bis zum frischbezogenen Bett schaffen ist ungewiss. Wir haben einmal versucht nachzurechnen. Schließlich einigten wir uns auf eine Schätzung, die je zur Hälfte auf Bett und Badezimmerteppich hinauslief.
   Wir sind seit fünf Jahren zusammen und ich krieg noch jedes Mal einen Ständer, wenn ich sie nackt sehe.
   Ich habe frischen Schinken und Sahne eingekauft. Nudeln, Käse und was ich sonst so brauche, ist eigentlich immer ausreichend vorrätig.
Da vorne kommt schon die Kurve, nach der die Straße parallel zum Ufer verläuft. Dann sind’s noch etwa achthundert Meter bis zum Nest. Ich bin ein glücklicher Mann. Das Meer ist ruhig. Ein paar Jogger sind am Strand unterwegs. Der Himmel ist etwas diesig, dafür ist die Temperatur angenehm.
  Hoppla, ist das Brittas Auto da neben unserm Nest? Gibt’s das, dass sie um diese Zeit schon hier ist? Oh, vielleicht will sie mich überraschen. Vielleicht hatte sie ja die gleiche Idee wie ich? Na, die wird Augen machen!
   Aber.. ? Was soll das Motorrad? Das sehe ich jetzt erst. Es steht hinter Brittas Wagen.
Kennen wir jemanden, der ein Motorrad besitzt? Während ich mein Auto parke und aussteige überlege ich. Nein. Keiner unserer Freunde oder Bekannten hat ne Maschine.
   Mir kommt unser ehemaliger Nachbar in den Sinn. Ein etwas durchgeknallter Typ, der es bevorzugte, mit einem Mantel über den Schultern auf seine Maschine zu steigen und durch die Gegend zu brausen. Seine Frau ließ bei Gesprächen mit den Nachbarn kein gutes Haar an ihm und packte vor langer Zeit ihre Koffer. Vor etwa drei Monaten ist er dann auch aus der großen Wohnung ausgezogen, nachdem seine Scheidung durch war.
   Meine gute Laune ist irgendwo zwischen Auflauf und Motorrad verloren gegangen, derweil ich im Geiste immer noch nach einem Fahrer für die Maschine suche. Der Nachbar fuhr damals eine rote Kawasaki. Aber hier steht eine schwarze BMW. Ich bin verwirrt. Ich schließe die Haustür auf.
   Das Geräusch, das ich vernehme, als die Tür ins Schloss fällt, erzeugt im ersten Moment einen Brechreiz. Mir wird speiübel und ich beginne am ganzen Körper zu zittern.
   Ich höre Britta stöhnen. Es ist das gleiche geile Stöhnen, das ich schon hunderte Male direkt neben meinem Ohr gehört habe und das mich jedes Mal in einen Rausch hineinsteigert, der für sie und für mich in einem erlösenden Schrei endet.
   Und nun lässt sich die Frau, deren Körper ausschließlich mir allein gehört, von einem fremden geilen Sack durchvögeln. In unserem Bett. Oder treiben sie’s im Bad? 
   Ich gehe hoch und bringe ihn um! Scheiße! Die Pistole ist im Wagen. Ich bin nicht mehr ich selbst. Mein Handeln läuft automatisch ab. Dabei weiß ich haargenau, was ich tue.
Und ich bin im Recht. Ich wurde bis ins Mark gedemütigt, also muss ich mich rächen.
   Jetzt höre ich auch den Kerl stöhnen. Na, warte, dir reiß ich die Eier ab.
   Ich schleiche mich raus. Schließe vorsichtig das Auto auf und nehme die Knarre aus dem Handschuhfach. Was für ein idiotischer Ausdruck: Hand-Schuh-Fach!
   Seit zwei Jahren habe ich die Pistole. Heute wird sie eingeweiht!
Als ich die beiden im Bett finde, fühle ich eine gnadenlose Stärke und empfinde nicht den geringsten Skrupel abzudrücken. Es ist, als sähe ich mir selbst auf der Leinwand zu und spürte dabei eine innere Genugtuung, dass ich genau das Richtige tue. Ich schaue auf das Bett.
Britta liegt genauso da, wie bei mir. Ihr Beine um seine Hüfte, ihre Hände um sein Genick.
Sie haben mich noch nicht bemerkt.
   „Ich mach dich alle!“ Wie in einem schlechten Film schreie ich, was meine Lunge hergibt.
Und ich bin geschockt. Der Typ dreht sich aus Brittas Umarmung und greift mit einer Hand neben das Bett auf den Boden. Dort erkenne ich einen dunklen Mantel auf dem bunten Bettvorleger. Ich schaue seiner Armbewegung gebannt zu. Das Mündungsfeuer, der Knall und der Schlag gegen meinen Bauch – alles im gleichen Moment. Sofort begreife ich, dass er auf mich geschossen hat.
 Doch der Zeigefinger meiner ausgestreckten rechten Hand krümmt sich, und schieße so lange, bis es klickt.
   Ich kann kaum noch atmen, als ich die Augen wieder öffne. Beide sind tot. Unser Bett beginnt sich an vielen Stellen rot zu färben.
   Während meine Augen dieses Bild aufsaugen, steigt mein Mageninhalt hoch und ergießt sich in hohem Bogen auf den Boden. Das Hühnchenbrust-Sandwich. Scheiße. Ich glaube, da ist auch Blut dabei.
   Meine Schuhe, meine Hose, mein Hemd – alles ist nass und stinkt. Meine Hüfte brennt. Ich gehe ins Bad, ziehe mich aus und dusche.
   Ich gehe ins Schlafzimmer zurück. Wieder wird mir schlecht. Aber es kommt nichts mehr. Mir wird schwarz vor Augen. Ich muss mich setzen. Als ich merke, dass ich mit nacktem Hintern auf Brittas Bettkante sitze, in ihrem Blut, springe ich vor Schreck hoch.
Ich muss hier raus! Aber ich bin nackt! Ich renne um das Bett und greife nach dem dunklen Stoff. Dann geht das Licht aus.
 
Das Meer ist grau. Und genauso fühle ich mich. Grau und durchsichtig.   
Mir ist kalt. Bin ich Glas?
Der Mantel gehört mir nicht. Und er wärmt nicht mehr.
  
SANDRA UND DER BAUM
 
Von Bäumen und Büchern geht für viele Menschen eine starke Faszination aus.
   Legen Sie sich im Sommer unter einen schattigen Baum, schließen Sie die Augen, und lassen Sie Ihre Seele wandern.
Oder setzen Sie sich in Ihren Lieblingssessel, lesen Sie ein gutes Buch, und lassen Sie sich in eine fiktive Welt entführen, die der Autor für Sie geschaffen hat.
   Das ist die Magie, die ich meine.
 
   Auch die siebzehnjährige Sandra schien diesem Zauber verfallen zu sein. Ein Seelenklempner würde Sandras Leseleidenschaft vielleicht als Flucht in eine Scheinwelt bezeichnet haben. In eine Welt, die ihr das gab, was das reale Leben ihr bisher verweigerte. Doch es war ihre Welt und ihr Leben - und sie war zufrieden damit. Niemand hat das Recht einen Menschen zu kritisieren, nur weil er sein Leben ein wenig anders lebt, als andere. Und wenn dieses Leben einen anderen Verlauf nimmt, als eines, das als normal angesehen wird - Geburt, Hochzeit, Kinder, Enkel, Friedhof - gibt dieser Umstand niemandem das Recht, mit Fingern auf diese Person zu zeigen.
 
   Wenn sich Sandra ihre blaue Stofftasche mit der aufgestickten Sonnenblume über die Schulter hing, brauchten ihre Eltern längst nicht mehr zu fragen, was sie vorhatte. Seit fast einem Jahr tat sie dies beinahe jeden Tag. Außer einer Krankheit, konnte sie nur eine Sintflut oder ein Blizzard davon abhalten, ein Buch und eine Flasche Wasser in diese Tasche zu tun, zu ihrem Lieblingsplatz zu gehen und die Tür ihrer unsichtbaren Trutzburg von innen abzuschließen.
 
   Sandras Eltern waren nicht glücklich darüber, wie sich ihre Tochter verändert hatte. Früher war sie ein fröhliches Kind, das in der Schule gute Leistungen zeigte und danach eine Lehre begann. Doch Sandras Unbeschwertheit nahm ein jähes Ende, als Christian starb.
 
   Christian war ein Jahr älter als Sandra. Sie waren seit sechs Monaten ein Paar, als Christian aus ungeklärten Gründen, aus dem Flurfenster des obersten Stockwerkes des Wohnhauses sprang, in dem er mit seinen Eltern lebte.
   Weder Christians Eltern, noch seine Freunde und schon gar nicht Sandra, fanden eine plausible Erklärung für seine Tat. Ein Fremdverschulden schloss die Polizei aus.
 
   Der Pfarrer hatte bei der Beerdigung gesagt, dass die geheimsten Gedanken eines Menschen, oft gerade denjenigen verborgen bleiben, die glauben, ihn besonders gut zu kennen. Das war für die Hinterbliebenen und insbesondere für Sandra natürlich kein Trost. Aber es war und ist die Wahrheit. Und die, das hatte Christians Tod seiner Freundin Sandra auf grausame Weise klar gemacht, kann brutal und schmerzhaft sein.
 
   Sie verlor nach diesem Ereignis jegliches Interesse an ihrer Arbeit und an ihrem Freundeskreis. Sie ging nicht mehr aus und wollte niemanden sehen. Um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun, ging sie zum Hausarzt, der sie mit einer Überweisung zu einem Psychotherapeuten entließ. Dieses Blatt Papier hatte sie auf dem Nachhauseweg an der Bushaltestelle zerrissen und in den Papierkorb geworfen.
 
   „Ich bin nicht verrückt“, antwortete sie auf die Vorwürfe ihrer Mutter. „Lasst mich einfach nur in Ruhe“.
 
   Als ihre Mutter bemerkte, dass Christians Foto verschwunden war, das in Sandras Zimmer neben ihrem Bett stand, wusste sie nicht, ob sie dies als gutes oder schlechtes Zeichen werten sollte. Ihr fiel auf, dass Sandra ihren Freundschaftsring nicht mehr trug, und dass die Geschenke Christians, im ganzen Hause unauffindbar waren. Sie kämpfte tagelang mit sich, ob sie ihre Tochter darauf ansprechen sollte. Als sie es endlich wagte, war Sandras Antwort: „Ich werde Christian nie vergessen - aber auch nicht das, was er mir angetan hat“.
   Es war dies das letzte mal, dass sie mit ihrem einzigen Kind über dieses Thema gesprochen hatte.
 
   Sandra wurde Stammkunde in den Leihbüchereien der umliegenden Nachbarorte und schloss sich nach Feierabend in ihrem Zimmer ein. Solange, bis sie die alte Holzbank auf der Anhöhe als idealen Platz entdeckte, um ungestört zu sein.
   Sie nahm stets denselben Weg. Durch die Hoftür ging sie querfeldein den Hügel hinter ihrem Elternhaus hinauf. Oben, auf dem Gipfel stand die Bank.
   Wenn im Sommer das Gras hoch war, nahm sie ihre Schuhe in die Hand. Die Gräser und Blumen streichelten ihre nackten Beine. Sie wirkte zerbrechlich, mit ihren dünnen Gliedern und ihrer blassen Haut. Die dunkelblonden Haare fielen um ein hohlwangiges Gesicht und reichten ihr bis auf die Schultern. 
   Auf halber Höhe erreichte sie einen Trampelpfad, der sie auf weniger steilem Wege bis zum Ziel ihres täglichen Ausfluges brachte: die alte Bank, deren Holz, von Wind und Sonne grau und rissig geworden, an die Haut eines Elefanten erinnerten. Sie setzte sich, trank einen Schluck Wasser, und begann zu lesen. Ohne einen Blick hinunter auf ihr Dorf zu verschwenden, begab sie sich auf eine Reise in die Welt der großen Gefühle ihrer Liebesromane.
   Die Bank stand unter einer uralten Eiche, deren Anblick dem Betrachter einen Eindruck von Stärke, Frieden und Schutz vermittelte. Wenn der Wind mit den tausend Blättern in der mächtigen Krone spielte, schien er das Glück mit Sandra zu teilen. Die knorrigen Äste, die beinahe ihre Haare berührten, hielten wie eine schützende Hand alle bösen Geister von ihr fern.
  
   Der Herbst war in jenem Jahr außergewöhnlich warm. Die Luft roch nach Erde und Gewitter. In der Ferne war ein leises Grollen aus dunklen Wolken zu hören. Sandra war in ihr Buch vertieft. Der Wind hatte an Stärke zugelegt. Er rüttelte an den Ästen des Baumes wie ein übermütiges Kind am Gartentor. Gedankenverloren strich Sandra sich die Haare aus dem Gesicht, als sie einen Schatten bemerkte. Nichts, das ihre Aufmerksamkeit hätte hervorrufen können, denn im Laufe des Tages kamen immer wieder Spaziergänger an diesem Platz vorbei. Der Schatten kam näher und setzte sich neben sie. Auch das war im Grunde nichts Besonderes, da es hin und wieder vorkam, dass ein Dorfbewohner auf seinem Spaziergang den Versuch unternahm, das arme Ding in ein Gespräch zu verwickeln und aufzuheitern. Doch diesmal war es anders. Der Besucher blieb stumm.
   Eine unbewusste Mischung aus Überraschung und Neugier ließ Sandra einen Blick auf ihren Banknachbarn werfen. Sie sah einen ihr unbekannten Mann in einer ungewöhnlichen Kleidung, der sie mit seinen dunkelgrünen Augen schweigend anlächelte. Sie war erstaunt, fast erschrocken, aber es war keine Angst in ihr. Im Gegenteil. Während der Sekunden des stummen Blickkontaktes erwuchs in Sandra ein Gefühl der Vertrautheit. Zum ersten mal seit ewiger Zeit, fühlte sie eine befreiende Heiterkeit in sich aufsteigen, die ihr ein Lächeln entlockte.
 
   Als er seinen lindgrünen, zylinderartigen Filzhut vom Kopf nahm, erfasste ein Windstoß die langen Haare des Mannes. Sie wirbelten um sein sonnengebräuntes Gesicht wie lodernde, schwarze Flammen. Sandra beobachtete ihn mit offenem Mund und staunenden Augen. Er hatte seinen Arm über die Rückenlehne gelegt und die Beine übereinander geschlagen.
 
   „Hallo, Sandra“, sagte er. „Schön, dass du mich bemerkt hast. Ich dachte schon, du wolltest mich nicht sehen“.
Er lächelte, aber seine Stimme klang hart und rau, als wäre er erkältet.
 
   „Hallo“, antwortete Sandra und zog die Augenbrauen hoch. „Wieso sollte ich dich nicht sehen wollen? Ich kenne dich doch gar nicht“
 
Ihr Blick wanderte an ihm hinab und wieder zurück. Sie hatte seltsamer Weise das Gefühl, den Fremden in dem braunen Gehrock und den grünen Hosen schon lange zu kennen.
 
   „Ah“, sagte er und ließ ein hölzernes Lachen ertönen. „Du kennst mich schon lange“.
 
   Er stand auf und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor Sandra hin. „Heute heiß ich Hans im Glück, weil ich heute das Glück habe, mit dem schönsten Mädchen im Ort reden zu dürfen“. Dabei wirbelte er einen schwarzen Gehstock mit silbernem Knauf so geschickt, dass ein leises Summen zu hören war.
 
   Sandra musste über die ungewöhnliche Vorstellung lachen. Das erste mal seit langer Zeit, brachte es ein Mensch fertig, sie von Herzen lachen zu lassen. Noch dazu einer, der aussah, als wäre er im falschen Jahrhundert gelandet.
 
   „Heute bist du Hans im Glück?“ fragte und ließ sich auf das Spiel ein. „Und wer bist du morgen und übermorgen?“
 
   Er setze sich wieder zu ihr. „Ich bin Hans im Glück, wenn ich glücklich bin und Paulchen Pech, wenn ich traurig bin“, sagte er und schaute Sandra schelmisch an.
 
   „Ich kenne dich trotzdem nicht“, sagte Sandra. „Und wieso hast du so komische Klamotten an?“
 
Er schaute überrascht und fragte: „Was meinst du mit Klamotten?“
 
   „Du bist wirklich nicht von hier! Ich meine deine Kleidung. Trägt man sowas, dort wo du herkommst?“
 
   Er sah an sich herab. „Ich hab nichts anderes. Spielt es eine Rolle für dich, wie jemand angezogen ist?“
 
   „Nein, eigentlich nicht“. Sie hatte ihr Buch zugeklappt und blickte in den Himmel. Die Gewitterwolken waren jetzt über dem Hügel angekommen, und die ersten Tropfen fielen ihr ins Gesicht. Der Gewitterwind hatte die warme Luft verscheucht und sie begann zu frieren.
 
   „Ich gehe jetzt lieber nach Hause“ rief sie dem Fremden zu. Das Donnergrollen übertönte fast ihre Stimme.
 
   „Schade“ sagte der Mann, stand auf und machte eine Verbeugung. „Darf ich dich morgen wieder besuchen?“ rief er Sandra nach, die bereits den Hügel hinunter lief.
 
   Er hörte keine Antwort. Er sah nur, dass Sandra den Arm hob und winkte, ohne sich umzudrehen.
 
   In der folgenden Nacht, hatte Sandra schlecht geschlafen. Absurde Träume von Bäumen und grünen Männchen ließen sie mehrmals erwachen. Dann musste sie immer wieder über diesen merkwürdigen Fremden nachdenken. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was seine komische Kleidung und sein Gerede von Hans im Glück bedeuten sollten. Aber je länger sie über ihn nachdachte, umso mehr freute sie sich darauf, ihn am nächsten Nachmittag, hoffentlich, wieder zu sehen.
 
   Der Nachmittag kam, und es war wie immer. Die Sonne hatte über nacht den Kampf mit den Gewitterwolken gewonnen, und ein warmer Wind spielte mit den Blättern der Eiche.
   Sandra saß schon über eine Stunde auf der Bank und keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. In dem grünen Wiesenteppich um sie herum, gaben ihr ganze Heerscharen von Grillen ein Konzert, das nur ab und zu vom Gezwitscher einiger Amseln in der Baumkrone begleitet wurde.
   Sie wurde unruhig, denn insgeheim brannte sie darauf, den Fremden wiederzusehen. Sandra blickte sich zaghaft um, doch sie war allein. Sie tat einen tiefen Seufzer und versuchte, sich wieder auf ihr Buch zu konzentrieren. Im gleichen Augenblick hörte sie die raue Stimme des Mannes wieder, an den sie die ganze Zeit denken musste.
   „Guten Tag, schöne Sandra! Ich freue mich, dich zu sehen.“
 
   Sandra zuckte zusammen, und beinahe wäre ihr das Buch heruntergefallen. „Musst du mich so erschrecken?“ raunzte sie ihn an, was ihr im gleichen Moment schon wieder leid tat.
 
   „Oh, ich bin untröstlich. Das lag nicht in meiner Absicht“ antwortete er reumütig. „Verzeih mir“. Dabei nahm er ihre Hand und gab ihr einen Handkuss.
 
   Diese Geste brachte Sandra vollends aus dem Konzept. Bei der Berührung ihrer Hände durchlief ihren Körper eine wohltuende Wärme. Ein Gefühl von tiefer Vertrautheit und Nähe stellte sich ein. Sie wollte etwas sagen, doch ihre Gedanken waren so konfus, dass sie nichts vernünftiges heraus brachte.
   „Ich habe mich halt nur erschrocken, weil du so plötzlich neben mir warst. Wie machst du das?“ sagte sie. „Bist du ein Kollege von David Copperfield?“
 
 Er hielt immer noch ihre Hand und rutschte etwas näher und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „David wer? Eine Person dieses Namens kenne ich nicht. Ich bin Hans im Glück! Das weißt du doch“.
 
   Sandra fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Ihr Blick blieb an seinen grünen Augen haften, als hätte er sich dort festgesaugt. Ihr Herz pochte in den Schläfen, als er seinen Arm um ihre Schulter legte und seine Lippen ihren Mund berührten. Noch nie, seit Christians Tod, war ihr ein Mensch so nahe gekommen. Sie hatte in diesem Augenblick das Gefühl, nach einer endlos scheinenden Reise, am Ziel angekommen zu sein. Ein schöner Traum, den sie nie zu träumen gewagt hatte, schien sich zu erfüllen.
 
   Der warme Abendwind bewegte die tiefhängenden Äste der alten Eiche, sodass sie wie eine streichelnde Hand, Sandras Kopf berührten. Während sie diese Sekunden des Glücks genoss, rührte sich in der hintersten Ecke ihres Herzens ein winziger Funke aus Angst und Misstrauen, und machte sich auf den Weg zu ihrem Gehirn.
 
  Sandra löste sich mit einer heftigen Bewegung aus der Umarmung des Mannes. „Ich denke, ich gehe jetzt besser“ sagte sie mit dem Anflug einer trotzigen Entschlossenheit.
 
 „Aber Sandra, wir haben doch nichts Unrechtes getan.“ entgegnete Hans, dem die Verwunderung ins sonnengegerbte Gesicht stand.
 
   Doch Sandra hatte ihre Tasche schon über die Schulter gehängt und marschierte mit gesenktem Kopf und ohne ein Wort der Erklärung den Hügel hinunter.
 
   „Sandra! Hör doch! Ich warte morgen wieder auf dich! Ich liebe dich!“ rief er ihr nach. Doch sie reagierte nicht und setzte kommentarlos ihren Weg fort.
 
   In den nächsten beiden Tagen ging Sandra nicht zu der Bank. Der kleine Funke hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt und tat sein Möglichstes, beachtet zu werden. Sandra kam von der Arbeit und blieb bis zum Abendessen auf ihrem Zimmer. Sie versuchte, Abstand zu gewinnen, um ihre Gedanken zu ordnen.
   Aber kann man das, wenn man frisch verliebt ist?
 
   Ihre Mutter wunderte sich, dass ihre Tochter, trotz des schönen Wetters, zu Hause blieb. Aber sie traute sich nicht, Sandra darauf anzusprechen. Sie hoffte so sehr, dass dies ein gutes Zeichen sei.
 
   Es ist verrückt, dachte Sandra, als sie an ihrem Fenster saß und zum Hügel hinauf schaute. Ich weiß nicht, wer er ist. Obwohl ich das Gefühl habe, dass wir uns seit Ewigkeiten kennen. Als hätte ich schon immer auf ihn gewartet. Er sieht aus, als käme er aus einer anderen Welt. Und doch ist das auch meine Welt. Das spüre ich ganz genau. Aber wo kommt er her? Wo war er die ganze Zeit? Wieso ist er immer so plötzlich da, ohne dass ich sehe, woher er kommt? Aber spielt das eine Rolle? Ich weiß es jetzt ganz genau - ich gehöre zu ihm. Er ist das Ziel und die Erfüllung. Ich weiß es!
 
 Am nächsten Tag beschloss Sandra, dass sie ihn unbedingt wiedersehen müsse. Am Nachmittag nahm sie ihre Tasche mit dem Buch und verließ das Haus. Sie ging langsamer als sonst, denn eine innere Stimme fing wieder damit an, unbequeme Fragen zu stellen. Sie setzte sich ins Gras, riss einen Halm ab und drehte ihn nachdenklich um ihre Finger. Nach einer Weile setzte sie ihren Weg fort. Als Sandra endlich an der Bank angelangt war, hatte sie alle Zweifel abgelegt. Es war später als sonst, und sie fragte sich, ob er überhaupt noch auf sie wartete.
 
   Sie wollte sich gerade setzen und ihr Buch aus der Tasche nehmen, als sie bemerkte, wie eine Gestalt hinter der alten Eiche hervortrat. Es war Hans. Er lächelte sie an, und sein gebräuntes Gesicht erschien ihr noch jünger und strahlender als zuvor. Sie musste ihn berühren. Er breitete die Arme aus, und sie umarmten sich, ohne ein Wort zu sagen. Er zog sie sanft hinter den mächtigen Stamm der Eiche und sie küssten sich. Und Sandra wusste, dass sie das Richtige tat.
 
   Obwohl dieser Herbst wärmer war, als es dem Durchschnitt entsprach, musste die Sonne jeden Tag etwas früher der herannahenden Nacht weichen. Ihr goldgelbes Licht überflutete, wie ein stummes Lebwohl, noch einmal den Hügel. Die Krone des Baumes legte behutsam ihren Schatten auf das Paar, das nun in leidenschaftlicher Umarmung nackt über den tiefen Baumwurzeln lag.
 
   Sandra glaubte zu fühlen, je näher sie dem Gipfel zustrebte, wie sich die warme Erde auftat, und beide in dem weichen Erdenbett mit dem alten Baum verschmolzen. Und sie wehrte sich nicht dagegen, denn sie wusste, dass sie das Richtige tat. Die Eiche ließ ihre Äste und Zweige bis an ihre Wurzeln hinunter und verbarg mit ihrem Blättermantel, was vor neugierigen Blicken geschützt werden musste.
 
   Seit diesem Abend hatte niemand Sandra jemals wiedergesehen.
 
   Am Tag darauf, begann der Herbst, seinem Namen alle Ehre zu machen. Sturm und Regen rüttelten an dem alten Baum, bis er sich fügte und seine Blätter fallen ließ. Der Winter kam ins Land, aber der Baum trotzte ihm, wie seit ewigen Zeiten, und erwartete den sicheren Triumph des Frühlings über die dunkle Jahreszeit.
 
   Als die ersten warmen Sonnenstrahlen das junge Grün der Eiche trockneten, durchbrach hinter ihrem Stamm, genau an der Stelle, an der ein halbes Jahr zuvor Sandra und Hans ein Paar wurden, ein neuer, kräftiger Trieb den feuchten Boden und reckte sich dem Licht entgegen.
 
 
 
 
ZUCCHINI

Es war Juli, und der Heizer da oben am wolkenlosen Firmament hatte mal wieder eine ordentliche Schippe draufgelegt.    Berthold Winger stand in seinem Garten. Zwischen Lollo Rosso und Karotten es kam es ihm vor, als hielte jemand ein Brennglas über sein spärlich behaartes Haupt. Er nahm sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der hohen Stirn. Er schüttelte den dampfenden Kopf und zog die Augenbrauen hoch.    Obwohl er heute früh bereits zu unchristlicher Zeit aufgestanden war, und noch im Schlafanzug die Beete gewässert hatte, war jetzt, am frühen Nachmittag, die Gartenerde so trocken und spröde, wie die Orangenhaut seiner Frau.

   Waltraud kümmerte sich um ihre Geranien, Rosen, Petunien und was sonst noch das Auge erfreut, und Berthold hegte und pflegte die vegetarischen Gaumengenüsse. Der Garten war sein ganzer Stolz, seit er im Ruhestand war. Besonders prächtig gediehen, wie jedes Jahr, die Zucchini. Die grünen Früchte mit den hellgrünen Streifen nahmen so schnell an Größe und Dicke zu, als wären es lange Luftballons, die ein unsichtbarer Erdgeist täglich ein Stückchen weiter aufblies.

 Vor drei Jahren pflanzte er zum ersten mal einen Zucchinisteckling. Obwohl er und seine Frau feststellten, dass ihnen die Selbstgezogenen ebenso wenig schmeckten, wie die Gekauften, hatte er von da an jedes Jahr Zucchini im Garten. Das hatte aber auch einen besonderen Grund. Und der hieß Beate Kessler.

 Zweiundsiebzig Kilo Gewicht, verteilt auf hundertsiebzig Zentimetern Körperlänge. Kastanienbraune Haare und zwei Augen wie Smaragde. Dazu eine Figur, die Bertholds angerostetes Buchhalterherz aus dem Rhythmus brachte. Aber das war noch nicht alles. Beate Kessler wohnte direkt nebenan, war Witwe und - sie liebte Zucchini!

 

   Wenn Berthold sein Gemüse wässerte, und die glänzend gedeihenden mediterranen Kürbisse betrachtete, verglich er sie im Geiste mit Beates herrlichen Rundungen. Dann liefen vor seinem geistigen Auge die erotischsten Szenen ab, die sein Hirn aus längst vergessenen, mit fingerdickem Treuestaub vieler Ehejahre bedeckten Schubladen hervorkramte. Ach! Wenn Beate doch nur einmal erkennen ließe, dass sie ihm die gleichen Gefühle entgegen bringt.

 Doch er schien für sie nur ein netter Nachbar zu sein, mit dem man ab und an ein Schwätzchen am Gartenzaun hielt. Wenn er ihr eine reife Zucchini über den Zaun reichte, und sie ihm dafür frische Eier von ihren freilaufenden Hühnern gab, konnte es passieren, dass sich ihre Hände zufällig berührten. Dann, Haut an Haut, war es für Berthold jedes mal, als küssten ihn tausend Engel. Doch Beates Erdbeermund schien unerreichbar.

 

   Waltraud machte sich Sorgen um ihren Gatten. Nicht wegen der Nachbarin. Von den geheimen Sehnsüchten ihres Gatten hatte sie keine Ahnung. Sondern wegen seines Cholesterinspiegels. Jeden Tag verdrückte Berthold zwei Hühnereier. Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Dazu kam noch seine Nikotinsucht. Zwanzig Stuyvesant täglich. Er war von magerer Gestalt. Er war so dünn, dass seine Hosen nur hielten, wenn er einen Gürtel plus Hosenträger trug. Seine Kollegen behaupteten schon damals in der Firma, er müsse zweimal einen Raum betreten, damit man ihn überhaupt sehen konnte.

   Es war wirklich nichts dran an ihm. Seine Kleidung hing um seine hageren Körper, wie ein Kartoffelsack um eine Mohrrübe. Zusammen mit seinem verhältnismäßig großen Kopf und seinen großen Füßen, erinnerte er ein wenig an Charlie Chaplin, in dessen frühen Filmen.

 Mindestens einmal pro Woche kam es morgens zu folgendem Dialog:

   "Berthold", mahnte Waltraud. "Wäre es deiner Gesundheit zuliebe nicht besser, du würdest, wenigstens eine Zeit lang, täglich nur ein Ei essen? Oder mal ein paar Tage ganz darauf verzichten? Denk an dein Cholesterin!"

 "Waltraud", entgegnete dann Berthold. "Ich hab es dir schon tausend mal erklärt: Mach dir um meine Gesundheit keine Gedanken. Ich bin genauso fit wie ich aussehe. Einem Gesunden tut das Cholesterin nix. Das sind gesunde Eier von glücklichen Hühnern, und sie haben so gut wie kein Cholesterin. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe frühstücken".

 

   Die beiden hellbraunen Vier-Minuten-Eier standen in ihren weißen Steingut-Eierbechern mit dem bunten Bauernhofdekor vor ihm auf dem Küchentisch. Wenn er dann das erste Ei in der Hand hielt um es zu öffnen, erinnerte ihn das hautfarbene, runde Gebilde an gewisse Körperteile seiner Nachbarin. Dann verfiel er regelmäßig ins Träumen, sodass er nicht hörte, dass Waltraud mit beleidigtem Blick wieder ihre Standartdrohung vernehmen ließ:

   "Glaube ja nicht, dass ich dich pflege, wenn du mit einem Schlaganfall ans Bett gefesselt bist".

 

   Nach solchen ärgerlichen Disputen, erwachte in Berthold jedes mal ein kleines Teufelchen. Und dieser kleine feuerrote Kerl mit den rabenschwarzen Hörnern brachte ihn dazu, darüber nachzudenken, ob ein Leben als Witwer für Berthold nicht vorteilhafter wäre. Dann gäbe es für Beate kein moralisches Hindernis mehr, mit ihm das Bett zu teilen. In solchen Augenblicken konnte selbst die biederste Buchhalterseele dunkle Schatten auf die weiße Weste eines friedfertigen Menschen werfen.

 

   Während er die leeren Eierschalen in den Eimer für Bioabfälle warf, wägte er in Gedanken ab, welche Unfallmethode für die Polizei am glaubhaftesten darzustellen sei. Ein Sturz auf den ausgetretenen Holzstufen der Kellertreppe etwa. Oder das Hinscheiden Waltrauds nach dem übermäßigen Genuss von Pflanzenschutzmitteln.

 

   Aber Berthold war nicht der Mann, der diese rigorosen Trennungsmittel auch wirklich benutzen würde. Er war eher der stille, leidende Typ. Und er litt wahrlich sehr. Wie an diesem warmen Sommernachmittag, als er am Fenster hinter den Gardinen stand, und den Blick nicht vom Nachbargarten wenden konnte. Da lag sein unerreichbar scheinendes Glück in einem fliederfarbenen Bikini auf der Liege im Schatten eines Kirschbaumes. Mit ihren fünfundvierzig Lenzen war Beate Kessler in der Blüte ihrer Jahre, und genau so sah sie aus. Wie eine edle, purpurschimmernde Rose in Gottes himmlischem Garten. Sie schien an etwas Schönes zu denken. Sie hatte ihre Smaragdaugen und den Erdbeermund geschlossen. Aber die beiden Grübchen auf ihren Wangen waren nur zu sehen, wenn sie lächelte. Das wusste Berthold ganz genau.

 

   Er trat, ohne dass es ihm bewusst war, so nahe an die Vorhänge heran, dass die Konturen seines Gesichtes auf der Rückseite des Stoffes abgezeichnet waren. Die Schweißperlen auf seiner Stirn waren entweder auf die sommerliche Hitze zurückzuführen, oder auf eine Hormonwallung. Er war von dem Augenschmaus so angestachelt, dass er alles um sich herum vergaß.    

   Hätte er etwas weniger Achtung vor Frauen gehabt und dafür mehr Rücksichtslosigkeit besessen, etwas weniger Skrupel und dafür mehr Gewaltpotenzial, wäre er sofort in Beates Garten gestürmt und hätte sie noch auf der Liege nach allen Regeln der Kunst vernascht. Ob sie das gewollt hätte, oder nicht.   

   Die Innenflächen seiner Hände waren klatschnass, ebenso der Rückenteil seines blauweiß karierten Hemdes. Unter seinen Hosenträgern färbte sich das Hemd dunkel und die Haut juckte. Sein Herz schlug Purzelbaum. Da hörte er durch das Rauschen seines heißen Blutes eine ihm sehr vertraute Stimme:

   "Berthold! Ich fahre jetzt zum Einkaufen. Du könntest schon mal die Müllbeutel raustragen. Und vergiss nicht! Der Wohnzimmerteppich muss noch gesaugt werden!"

 

   Es war, als jagten Waltrauds profane Worte, eine Nadel in den bunten Ballon seiner Fantasien. Aus den schönsten Träumen gerissen, fuhr er herum: "Ja, ja! Bea... äh, Waltraud. Mach ich sofort. Ich... ich räume nur noch die alten Zeitschriften vom Tisch."

 

   Waltraud seufzte nur verständnislos und verließ das Haus. Als Berthold die Haustür zuschlagen hörte, ging er erwartungsfroh zum Fenster zurück. Doch seine Nachbarin hatte mittlerweile ihre Siesta beendet. Die Liege war leer. Enttäuscht ließ er die Arme sinken und trabte zur Küche, wo der Müll auf ihn wartete.

   Als er im Hof bei den Abfalltonnen angelangt war, spähte er zum Nachbargarten rüber. Wie ein pubertierender Jüngling im Freibad, der hoffte, durch eine Ritze in der Wand der Damenumkleidekabine, Dinge zu sehen, die vom Zauber des Verbotenen und Geheimnisvollen umgeben waren. Doch er sah nur eine weiße Sonnenliege im schwarzen Schatten eines grünen Kirschbaumes. Und das einzige Geräusch, das von Beates Grundstück kam, was das gelangweilte Gegacker ihrer Hühner, die ohne einen stolzen Hahn ihr Dasein fristen mussten.

   Was für das Federvieh wahrscheinlich ebenso frustrierend war, wie Bertholds Dasein ohne seine stolze Henne.

 

    Genau in dem Moment, da er den letzten Müllbeutel in die Tonne fallen ließ, kam ihm eine wagemutige Idee. Beim nächsten Tausch Zucchini gegen Eier, wollte er sich nicht mehr nur mit einem Engelskuss zufrieden geben. Nein! Er wollte all seinen Mut zusammennehmen und Beate deutlich zeigen, was er für sie empfand. Dann wäre sie gezwungen, endlich Farbe zu bekennen. Rot oder Schwarz. Zuneigung, oder... Nein! Für ihn gab es kein "oder". Beate fühlte sicher geradeso wie er. Sie war halt nur ganz Dame und konnte sich beherrschen. Berthold war ja schließlich ein verheirateter Mann, und eine Dame respektiert diesen Umstand. Genauso wird es sein. Doch wenn er ihr seine Gefühle offenbarte, änderte das die Situation. Zumal er Beate erklären würde, dass seine Ehe, mit einer ständig auf ihre Figur achtenden, und im Grunde langweiligen Waltraud, eh nur noch ein Nebeneinanderherleben war.

   Bei diesem Gedanken zeichnete sich unter seiner Nasenspitze ein trotziges Lächeln ab

 

   Zwei Tage danach war es soweit. Der Tausch lief zunächst ab, wie immer. Belanglose Nettigkeiten wurden ausgetauscht. Wie immer.

 

   Wieder warm heute, nicht wahr? Morgen soll’s ja auch wieder warm werden. Wie geht’s den Hühnern? Wie geht’s der Gattin? Bla, bla, bla... und so weiter, und so fort.

   Doch dann kam der Moment der Übergabe. Berthold hatte Schweißperlen auf der Stirn. Sein Herz schien direkt unter seinem Kehlkopf zu sitzen, als er Beates Hand ergriff. Er machte einen Schritt auf sie zu, und seine Augen hielten sich an den beiden Smaragden fest. Berthold räusperte sich, und er war fest entschlossen, jetzt und hier, reinen Tisch zu machen.

   Doch Beate schien auf diesen Augenblick gewartet zu haben, denn sie war weder überrascht, noch musste sie nach Worten suchen.

   "Lieber Herr Winger", sagte sie und setzte ein zuckersüßes Lächeln auf, sodass das Grün ihrer Augen noch einen Ton wärmer schien. "Ich weiß, dass Sie mich mögen. Es ist mir auch nicht entgangen, mit welchen Blicken sie mich bedacht haben."

 

   Berthold löste erschrocken seinen Griff, und stand da, wie ein Junge, der dabei erwischt wurde, wie er die Scheibe des Nachbarn mit dem Fußball zerschossen hatte.

 

   Beate legte ihre Rechte auf seinen linken Unterarm, als wolle sie ihn trösten.

   Es war ja nur die Fensterscheibe der alten Scheune. Ich verrate auch ganz bestimmt nichts deinem Vater, wenn du in Zukunft irgendwo anders Fußball spielst.

 

   Unter Bertholds Hosenträgern fing die Haut wieder an zu jucken.

 

   "Ich mag sie auch, Herr Winger“, fuhr sie fort. „Aber nur so, wie eine Nachbarin einen netten, aufmerksamen und hilfsbereiten Nachbarn mag. Und ich denke, so soll es auch bleiben. Wir wollen doch unser gutes Verhältnis nicht mit einem Abenteuer belasten, das am Ende drei Menschen unglücklich machen wird.

 

   Dort, wo Beates Hand auf Bertholds Arm lag, wurde seine Haut heiß und feucht.

 

   "Ich schlage vor“, sagte sie, „Dieses kleine Gespräch bleibt unser Geheimnis, und wir bleiben weiterhin gute Nachbarn, Herr Winger. Sie sind doch ein vernünftiger Mann und werden mich verstehen. Ich fühle mich durch ihr Verhalten zwar sehr geschmeichelt, aber dennoch sollte alles beim alten bleiben, nicht wahr?"

  

   Berthold wurde blass, ließ den Kopf sinken und trat enttäuscht den Rückzug an.

   "Ja, sicher. Natürlich. Entschuldigung."

 

   In der folgenden Nacht machte Berthold kein Auge zu. Es brauchte Stunden, bis die Niederlage verdaut war. Der seelische Stoffwechsel lief auf Hochtouren. Als die ersten fernen Sonnenstrahlen den dunklen Horizont langsam mit einem heller werdenden Blau überdeckten, hatte er einen folgenschweren Entschluss gefasst.

   Er wollte sich diese Abfuhr nicht gefallen lassen. Wie kommt sie dazu, mit ein paar lauwarmen Worten, die in seinen Ohren klangen, als redete eine Mutter mit ihrem ungezogenen Sohn, seine ehrlichen Gefühle mit ihren, zugegebenermaßen, bezaubernden Füßen zu treten. Nein! So kann man mit Berthold Friedrich Winger nicht umspringen.

   An diesem Morgen aß er keine Eier

 

   "Berthold, bist du krank?", fragte Waltraud.

 

   "Nee! Warum?“

 

   "Dann nehme ich an, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist und dich gesund ernähren willst", sagte Waltraud und goss ihm frischen Kaffee ein.

 

   "Du meinst, weil ich heute keine Eier esse?“

 

   "Ja! Das meine ich! Dein Cholesterin wird es dir danken."

 

   "Nur noch zwei, oder drei mal die Woche", antwortete Berthold. Er trank einen Schluck Kaffee. "Ich gehe gleich runter zum Gießen. Im Radio haben sie gesagt, dass mit Regen die nächsten Tage nicht zu rechnen sei".

   Er wollte sich auf keine weitere Diskussion mit Waltraud einlassen und sofort mit der Durchführung seines Planes beginnen.

 

   "Tu das, mein Schatz", überraschte ihn Waltraud und setzte mit einem Kuss auf Bertholds Wange noch eins drauf.

 

   Die graublauen Augen unter seiner faltigen Stirn sahen verdutzt in das zufriedene Gesicht seiner Frau. Dann trug er schweigend sein Geschirr zur Spüle, kehrte zurück und gab Waltraud ebenfalls einen Kuss.

 

   Es war gerade mal sieben Uhr, als er zu seinen Beeten ging. Er konnte sicher sein, dass ihn niemand bei seinem Vorhaben beobachtete. Um diese Zeit schlief Beate noch und die Büsche, an der Grenze zum Nachbarn auf der anderen Seite, standen so hoch und dicht, dass von dort niemand in seinen Garten einsehen konnte.

   Der Ausführung von Stufe Eins seines Planes, stand nichts mehr im Wege. Er ging schnurstracks auf die Zucchini zu und stellte sich breitbeinig davor. Dann blickte er sicherheitshalber nach links und rechts, öffnete den Hosenschlitz seiner abgewetzten Cordhose und ließ sein goldgelbes Wasser zielgenau unter die großen gezackten Blätter plätschern.

   "Ich wünsche dir einen gesegneten Appetit, liebste Beate!"

   Der Anfang war gemacht.

 

   Nach zwei Wochen intensiver Warmwasserpflege, hatte Berthold eigentlich erwartet, dass sich an Beates Gesundheitszustand irgendetwas verändern müsste. In dieser Zeit hatte sie schon zwei Lieferungen, seiner speziell gedüngten Zucchini erhalten. Zumindest müsste sie sich über den veränderten Geschmack ihrer Lieblingsspeise geäußert haben.

   Aber nichts dergleichen geschah. Wenn man sich begegnete, oder den üblichen Tausch vollzog, war sie wie immer: nett, freundlich, unverbindlich. Es fiel kein Wort über seinen Annäherungsversuch, es fiel kein Wort über die Zucchini.

 

   Um sicher zu gehen, dass er sich kein Eigentor schoss, hatte Berthold inzwischen alles Gemüse im Umkreis von zwei Metern um den Zucchinistrauch entfernt und im Kompost verschwinden lassen. Waltraud würde sowieso nichts mitbekommen, da sie sich nur ganz selten in sein Hoheitsgebiet verlief. Er beobachtete die Blätter und Stängel des ungeliebten Gemüses genau. Doch äußerlich waren an der Pflanze keine Veränderungen festzustellen.

   Anfangs hatte er nur morgens und abends seinen Blaseninhalt über die italienischen Kürbisse ergossen. Mittags gab er ihnen klares Wasser. Da sich aber kein Erfolg einstellen wollte, stand er auch am Nachmittag mit geöffnetem Hosenschlitz im Garten. In den letzen Tagen hatte es öfter mal einen Gewitterschauer gegeben. Doch er wollte sich nicht von der Natur ins Handwerk pfuschen lassen. Deshalb rammte er kurzerhand vier Holzpfähle weiträumig um die Pflanze herum, und befestigte darüber eine transparente Kunststofffolie. So konnte kein Regen seine Spezialdüngung verwässern, und die Zucchini bekamen trotzdem genügend Licht.

 

   Der Sommer war fast vorüber. Der September zog ins Land. Mit warmen Tagen und kühlen Nächten. Und in diesen Nächten hatte Berthold in letzter Zeit häufig Magenprobleme. Er aß zum Frühstück nur noch zweimal die Woche Eier. Doch sein Magen erlaubte ihm selbst dann oft nur noch ein Ei pro Frühstück. Waltraud riet ihm täglich, endlich einen Arzt aufzusuchen. Sie machte sich wirklich große Sorgen. Doch Berthold weigerte sich standhaft.

   Dass er auch ein verändertes Geschmacksempfinden hatte, erzählte er ihr erst gar nicht. Sie wäre sonst im Stande gewesen, einfach den Notarzt zu rufen. Ja, es schmeckte alles irgendwie salzig und manchmal sogar bitter. Die Brötchen, die Marmelade, die Wurst, der Kaffee. Selbst die Kartoffeln beim Mittagessen schmeckten nach allem Möglichen, nur nicht mehr nach Kartoffeln. Und am schlimmsten narrte ihn sein Gaumen beim Frühstücksei. Ihm fiel auf, dass der Dotter, der sonst von einem leuchtenden Gelb war, jetzt von blasser Farbe war, mit einem leichten Hang ins Grüne. 

   Deshalb beschloss er, Beate unverfänglich und wie beiläufig, zu fragen, ob sie das Futter gewechselt hätte, welches sie ihrem Federvieh zufütterte. Er wollte vorsichtig sein, damit sie sich nicht auch noch beleidigt fühlte und glaubte, er bemängele aus seiner Kränkung heraus die Qualität der Eier.

 

Einen Tag nach Bertholds Entschluss, der Eierfrage nachzugehen, stand Waltraud am Wohnzimmerfenster und war mit den Blumen auf der Fensterbank beschäftigt, als sie bemerkte, dass Berthold mit Beate Kessler am Zaun stand.

   Doch dann wurde sie kreidebleich. Sie sah, wie sich Berthold mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Zaun abwandte, sich krümmte und mit beiden Händen an den Bauch fasste. So schnell sie konnte, lief sie die Treppen zum Hof hinunter. Dort erlebte sie zum ersten mal, seit sie ihren Berthold kannte, wie der sich übergab.

   Waltraud musste sich sehr beherrschen, um es beim Anblick des herausschießenden Mageninhaltes, und des beißenden Geruchs, ihrem Mann nicht gleichzutun. Sie stand nur noch einen Schritt von Berthold entfernt, als dieser vollkommen den Halt verlor und zu Boden sank.

   Er stöhnte jämmerlich und er stank ekelerregend. Sie biss auf die Zähne und versuchte, nicht zu atmen, als sie sich hinter ihn stellte und an den Schultern packte. Sie zog ihn an die Hauswand und lehnte seinen zuckenden Oberkörper dagegen.

 

   Beate Kessler stand stumm am Zaun und beobachtete das Treiben ihrer Nachbarn. Ihr Gesicht hatte einen zufriedenen, ja fast belustigten Ausdruck.

 

   "Frau Kessler! Was ist denn passiert?", hörte sie die verzweifelte Stimme von Waltraud Winger. "Oh, Gott! Hoffentlich hat er keinen Herzinfarkt. Ganz sicher ist das ein Infarkt. Immer wieder habe ich ihm gesagt, er soll nicht so viele Eier essen und mal zum Arzt gehen. Wegen seinem Cholesterin, wissen Sie!?"

 

   Beate beruhigte sie: "Nein, nein! Das ist kein Herzinfarkt. Der Gute hat sich bloß den Magen verdorben. Glauben Sie mir."

 

   "Woher wollen Sie das denn so genau wissen? Sie sind doch keine Ärztin!“ Waltraud ärgerte sich über die, ihrer Meinung nach völlig unangebrachte, arrogante Selbstsicherheit der Nachbarin, angesichts des Todeskampfes ihres armen Berthold.

 "Ich weiß es eben!"

"Würden Sie endlich die Güte haben und mir erklären, was Sie so sicher macht!?" Waltraud ließ ihren immer noch stöhnenden und stinkenden Gatten los und trat energisch an den Zaun.

 

   Beate grinste so breit, dass ihre makellosen Zähne im Licht der Nachmittagssonne blitzten.

   „Ich habe ihrem Gatten nur erzählt, dass ich seit einem bestimmten Tag keine Eier mehr esse, und dass ich Zucchini ebenso wenig leiden kann, wie er. Die Zucchini habe ich schon immer meinen Hühnern unters Futter gemischt. Die sind nämlich ganz verrückt danach. Warum ihren Mann das so umgehauen hat, das soll er Ihnen lieber selbst erklären.“

 

 

Gerlingers Rosen

 
Es hatte alles keinen Sinn mehr. Sie war tot.
Eingegangen und verwelkt, noch ehe sie jemals geblüht hatte.
Nach zwölf sorgenvollen Tagen, angefüllt mit intensiver Vorbereitung, Hege und Pflege, und nach ebenso vielen kummergeplagten Nächten, nahm Kaspar Gerlinger mit Tränen in den Augen seine Schaufel und grub sie aus.
Er musste sich eingestehen, dass er wieder einmal versagt hatte.
 
Gerlinger kannte sich aus mit Rosen. Ohne jeden Zweifel war er ein Meister der Rosenzucht.
Aber beim Versuch diese eine, diese ganz Besondere zu kreieren, stieß er an seine Grenzen.
Vielleicht war aber auch einfach nur sein Ziel zu hoch gesteckt.
In seinem Garten blühten Rosen in einer nie zuvor da gewesenen Farben- und Formenvielfalt, wie sie nur von einer göttlichen Natur, mit tatkräftiger Unterstützung des genialen Kaspar Gerlinger, hervorgebracht werden konnte.
Da standen weiße Rosen, neben denen selbst frisch gefallener Schnee grau gewirkt hätte. Daneben leuchtend Gelbe, welche sogar die Sonne erblassen ließen. Und erst die Roten. Gerlinger hatte mehr als zwanzig unterschiedliche Rottöne herausgekreuzt.
Die Schmetterlinge, Hummeln und Bienen, die seine prächtigen Gewächse bestäubten, konnten sich nicht nur in unifarbenen Blütenkelchen gütlich tun. Es war Gerlinger sogar gelungen, die meisten seiner Rosen auch in gefleckter, gestreifter, gepunkteter und marmorierter Ausführung zu züchten.
Wenn er mit Stolz geschwellter Brust durch die langen Reihen seiner Rosensträucher ging, waren ihm besonders die blendend Gelben mit den kleinen, herzförmigen zartrosa Sprenkeln ans Herz gewachsen. Ebenso die blutroten mit den beinahe reinweißen, bogenförmigen Streifen.
Und dann die vielgestaltigen Formen der Kelche und der einzelnen Blütenblätter. Da waren die einfachen, glatten Blätter, die einen offenen Kelch bildeten. Daneben gab es die leicht gekräuselten Blätter, die kleiner, als die glatten waren, dafür aber einen geschlossenen Kelch aus vielen kleinen Blättchen bildeten. Und glatte mit gezackten Blatträndern - wieder andere mit zerfransten Rändern, die an züngelnde Flämmchen erinnerten.
Ach, er konnte sich gar nicht satt sehen an seinen „kleinen Mädchen“, wie er seine Lieblinge nannte.
Und wie die Mädchen dufteten! Es war berauschend. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nach spätestens zwanzig Schritten durch das Anbaufeld konnte kein Besucher einen klaren Gedanken mehr fassen. Der Kopf schien berauscht, wie nach einer Flasche schweren Rotweins. Wehte der Wind aus der richtigen Richtung, lag das ganze Dorf unter einer süßen Duftglocke. Dagegen konnten selbst die Misthaufen, die vor einigen Häusern des Ortes zu finden waren, nicht anstinken.
 
Kaspar Gerlinger war zu jener Zeit, es mag schon drei- oder vierhundert Jahre her sein, weit über die Grenzen der Grafschaft, in der er lebte, bekannt.
Reiche Kaufleute, Großgrundbesitzer, ja sogar Fürsten und natürlich sein Oberhaupt, der Graf, schickten ihre Gärtner und Einkäufer zu Meister Gerlinger, dem etwas verschrobenen Rosenzauberer. Von dem sich schon längst herumgesprochen hatte, dass er mit seinen Pflanzen redete, als seien es menschliche Wesen.
 
Der Kirche war auch zu Ohren gekommen, dass der Gerlinger auf seinem Rosenfeld herumlief und mit den Pflanzen sprach. Dieses Gerücht erreichte auch den Bischof, der wiederum dem Dorfpfarrer Hinzmann eine Depesche zukommen ließ, in der er sich „sehr verwundert“ zeigte, dass es in Hinzmanns Pfarre einen ausgewachsenen Mann gab, der, „wie man mir zugetragen hat, den Kirchgang meidet, dafür aber in gotteslästerlicher Art mit Blumen Zwiesprache hält“.
 
Pfarrer Hinzmann wusste zum Glück, wie er und der Gescholtene dem Zielbereich der bischöflichen Tadelpfeile entkommen konnten. Er ließ dem hohen Kirchenmann, von dem er wusste, dass dieser sich in seiner knapp bemessenen Freizeit, mit ganzem Herzen seinem Blumengarten widmete, drei überaus prachtvolle Rosenstöcke von besonderer Eleganz und Seltenheit zukommen. Natürlich mit einem Hinweis darauf, wer diese außergewöhnlichen Herrlichkeiten hervorgebracht hatte.
Seit dem schloss der Herr Bischof den Gerlinger in seine Gebete ein. 
 
Mit den Jahren nahm Gerlingers Wohlstand zu, aber seinen Seelenfrieden konnte er daraus nicht schöpfen. So sehr er auch seinen Gaumen mit allen Köstlichkeiten erfreuen mochte, die er sich durch seinen Erfindungsgeist und sein geschicktes Händchen, leisten konnte. Eines blieb ihm bisher immer verwehrt. Es wollte ihm, in Teufels Namen, einfach nicht gelingen, eine blaue Rose zu züchten. Keine Hellblaue, keine Mittelblaue, nein, es sollte eine tiefblaue Rose sein. So tiefblau, wie es nur das Firmament war, an einem wolkenlosen Tag im Hochsommer. Ein Blau, wie er es sonst noch nirgendwo gesehen hatte. Außer an den herrlichen Tagen im Juli und August, wenn er an einem heißen Nachmittag zwischen seinen „Mädchen“ lag, sich ausruhte und hoch in das unergründlich tiefe Himmelsgewölbe blickte, um sich für Stunden in dessen unendlicher Weite zu verlieren. Genau so sollte der Blütenkelch der Rose sein, für die er seine rechte Hand hergegeben hätte.
 
Aber so wie es aussah, wollte nicht mal der Teufel diese Hand. Dafür schien es ihm Spaß zu machen, ihn mit Misserfolgen zu quälen. Gerlinger packte den Rosenstock, den er in seinem Zuchtbuch mit der Nummer 33 gekennzeichnet hatte, an den trockenen, braunen Strünken und warf ihn traurig zu den Resten der Nummern 1 bis 32. Dann setzte er sich auf die verwitterte Steinbank neben dem Gartenweg und blickte mit wässrigen Augen in das verheißungsvolle, doch für ihn scheinbar unerreichbare Blau des Julihimmels.
 
Ein Seufzer fand den Weg unter seinem dicken Schnauzbart heraus in die flirrende Sommerluft.
Er griff in den braunen Lederbeutel, den er um die Hüfte trug und entnahm ihm eine Pfeife und ein kleines Säckchen, worin er den Tabak aufbewahrte.
„Ich sollte aufgeben“, sagte er, während er den Pfeifenkopf stopfte. „Ja, es wäre gescheiter aufzugeben und mit dem, was ich erreicht habe, zufrieden zu sein.“
Er stand auf. Die Pfeife in der Hand, ließ er seinen Blick über den ackergroßen Zuchtgarten schweifen. Er nickte.
„Ja, ich sollte zufrieden sein“, sagte er und überlegte kurz, ob es sich lohnte, zum Haus zu gehen, um an der Feuerstelle den Tabak zu entzünden.
 
Gerlinger entschied sich, die Pfeife kalt zu lassen und schob sie, unter dem schon ziemlich grau gewordenen Schnauzer, zwischen die Lippen und setzte sich wieder. Erneut war ein Seufzen zu hören. Nach jedem Versuch fragte er sich, was er wohl falsch gemacht hätte, dass der gekreuzte Rosenstock, der ihm die begehrte blaue Rose hervorbringen sollte, so erbärmlich eingegangen war. Er ließ den Kopf sinken und starrte auf seine Füße.
Jedes Mal, auch jetzt, ergab seine Analyse nur einen Schluss:
Die Natur war gegen ihn. Sie wollte nicht, dass es blaue Rosen gab. So einfach, und so grausam war es. Genau so, wie ein Fluss nicht bergauf fließen und ein Vogel nicht rückwärts fliegen kann, so kann es keine blauen Rosen geben, erklärte es sich Gerlinger. Aus! Basta!
 
Er stand auf und ging rüber zu seinen Mädchen. Langsam schlenderte er durch die zahllosen Reihen bunt blühender Rosenstöcke. Zwischen denen unzählige Bienen und Hummeln ihrem segensreichen Werk nachgingen. Und langsam verzogen sich seine Mundwinkel zu einem liebevollen Lächeln, während er ganz zärtlich mit den Fingern über die strahlend roten, purpurnen und gelben Blütenblätter strich. Bei einer tiefroten, mit kreisrunden, elfenbeinfarbigen Sprenkeln gemusterten Rose blieb er stehen, und erinnerte sich.
Niemals, in den sechs Jahren, in denen er diese kostbaren Gewächse veredelte, war es vorgekommen, dass ein Stock, den er gekreuzt hatte, einfach eingegangen war.
Es war gewiss nicht immer leicht, ein akzeptables Ergebnis zu erzielen. Manchmal brauchte es zehn und mehr Versuche, bis er eine Farbe, oder eine Komposition erreicht hatte, die ihn befriedigte. Aber jeder Versuch brachte eine gesunde Pflanze hervor, die auch sicherlich dem einen, oder anderen Liebhaber genügt hätte. Wenn sie aber nicht den Vorstellungen Gerlingers entsprach, musste sie den Weg gehen, den auch Nummer 1 bis 33 gehen mussten. Der Unterschied war eben, dass nur die blauen Versuche schon nach wenigen Tagen eingingen und bei ihrer letzten Reise schon tot waren. Alle anderen Versuchsstöcke – und es waren gewiss Hunderte - gingen aufrecht ins Grab. Es musste also an der Farbe liegen – eine andere Erklärung gab es nicht.
Blau war für Rosen eine unnatürliche Farbe, und wenn er Gott ins Handwerk pfuschen wollte, so wurde er dafür bestraft.
Da war es nur klug, wenn er den Kampf aufgab. Gegen Gott zu kämpfen, die Natur überlisten zu wollen, konnte nur schief gehen.
 
Kaspar Gerlinger war kein religiöser Mann. Pfarrer Hinzmann bekam ihn in der Kirche nur dreimal im Jahr zu Gesicht.
An Ostern, zu Kirchweih und an Weihnachten. Umso erstaunter war der Dorfgeistliche, als es am nächsten Morgen an die morsche Holzpforte des windschiefen Pfarrhauses pochte, und er kurz darauf eben jenem schwarzen Schaf seiner Herde gegenüberstand.
 
„Gott zum Gruße, Kaspar“, sagte der Pfarrer und nestelte umständlich an seiner Joppe, die er sich eilig über sein langes, graues Nachthemd gezogen hatte. Er war erst vor wenigen Minuten aufgestanden und wollte sich gerade ein Stück Brot einverleiben, als er das Klopfen hörte.
„Wünsche einen guten Morgen“, erwiderte Gerlinger. Etwas verlegen stand er auf der staubigen Straße und kratzte sich mit zwei Fingern in seinem Schnauzer. Und obwohl der Pfarrer auf der Eingangsstufe stand, musste der kleine Mann zu Kaspar hoch schauen. „Ich wollte gerade mein Morgenbrot essen“, sagte er und hatte den zweiten Arm immer noch nicht in der Joppe untergebracht. „Komm doch herein, mein Sohn, ein Glas warme Milch sollte dir auch gut tun“. Er trat zur Seite und machte eine einladende Geste.
„Danke, Herr Pfarrer“, murmelte Gerlinger und trat zögernd durch die Tür in das kleine Zimmer, das dem Pfarrer als Küche, Esszimmer und Wohnstube diente. Schüchtern blickte er sich um. Er war noch nie in seinem Leben im Hause eines Geistlichen gewesen. Er fühlte sich seltsam unbehaglich. Aber er hatte während der Nacht kaum ein Auge zugetan. Seine Gedanken kreisten nur um ein Thema. Die blaue Rose. Und die quälende Frage: Kann es sein, dass die Natur – dieser Ausdruck war Kaspar angenehmer, als das Wort Gott – etwas dagegen hat, dass er eine blaue Rose züchten wollte? Diese Frage konnte nach seiner Meinung auch nur ein Mann beantworten, der mit den höheren Mächten quasi zusammen arbeitete.
 
„Komm, setz dich“, sagte Pfarrer Hinzmann und brachte aus seiner Schlafkammer einen zweiten Stuhl.
Wortlos tat Gerlinger, was ihn geheißen. Er faltete seine wurstfingrigen Hände auf der Tischplatte und starrte auf seine schmutzigen Fingernägel, unter denen die Erde seines Rosenfeldes dunkle Ränder hinterlassen hatte.
 
Der Pfarrer stellte eine kleine Holzschale vor seinem Gast auf den Tisch und goss etwas heiße Milch hinein. Er brach ein Stück von dem übrigen Brotlaib ab und legte es daneben.
Während Gerlinger sich bedankte, begann der Gottesmann ein kurzes Gebet zu murmeln und trank einen Schluck aus seinem Milchgefäß.
„Nun, Gerlinger. Was führt dich zu mir?“, sagte er und schaute den Rosenzüchter aus seinen kleinen, freundlichen Augen an. Lächelnd, mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis.
Gerlinger nahm seine Trinkschale vom Tisch und nahm einen ordentlichen Schluck. Sein Mund war trocken und er wusste nicht so recht, wo er anfangen sollte. Dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und schaute durch das winzige Küchenfenster auf die Straße, wo in diesem Moment der älteste Sohn der Witwe Holzner, das einzige Schwein, das sie besaßen, mit Hilfe eines Stockes in Richtung des Dorfangers trieb.
Gerlinger presste die Lippen zusammen und räusperte sich.
„Also!“, begann er. „Sie wissen doch, Herr Pfarrer, dass ich Rosen züchte“.
Eine bessere Einleitung fiel ihm nicht ein.
Der Pfarrer nickte, immer noch freundlich und interessiert lächelnd.
„Nun, seit vielen Monaten, schon gleich nach der ersten warmen Woche dieses Jahr, begann ich damit, eine neue Farbe zu züchten“.
„Eine neue Farbe?“, unterbrach ihn Hinzmann. „Aber guter Gott, du hast doch schon ein Meer von Farben auf deinem Feld. Und da willst du noch eine weitere züchten?“ Dabei schlug er sich auf den Oberschenkel und lachte, wobei Gerlinger feststellen konnte, dass bei seinem Gastgeber nur noch vier Zähne im Oberkiefer steckten. Was ihn aber nicht irritieren konnte. Er seufzte vernehmlich und erklärte: „Ja, ich habe wirklich ein reichhaltiges Angebot. Aber eine Farbe fehlt mir noch, und genau das ist mein Problem. Deswegen bin ich hier.“ Er nahm noch mal einen Schluck Milch und stellte die leere Schale auf den Tisch.
„Das hab` ich mir denken können, dass du ein Problem hast. Aber ich wäre nie darauf gekommen, dass es etwas mit der Farbe einer Rose zu tun hat.“ Der Pfarrer war nun vollends wach und seine Neugier konnte nicht größer sein. Er riss ein Stück Brot ab und kaute voller Erwartung darauf herum. „Erzähl! Was genau ist deine Sorge?“
Gerlinger, dem die Angelegenheit ein wenig peinlich war, atmete tief ein und erklärte in umständlichen Worten, wie es ihm in den letzten Wochen und Monaten mit seinen Versuchen einer Neuzüchtung ergangen war.
 
Pfarrer Hinzmann, der seinem ungewöhnlichen Gast mit ehrlichem Interesse gelauscht hatte, lehnte sich zurück, schloss die wachen, schlauen Äuglein und rieb mit zwei Fingern seine Nasenwurzel. Das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich voll auf eine Sache konzentrierte, um das Problem zu erfassen, und nach einer Lösung zu suchen.
Gerlinger schwieg. Er zögerte noch, die alles entscheidende Frage zu stellen.
„Da ich nicht annehme, dass du zu mir gekommen bist, um mich um einen gärtnerischen Rat zu bitten, der dein Problem eventuell lösen könnte“, resümierte Hinzmann, die Augen immer noch geschlossen. „Willst du von mir wissen, ob unsere aller Vater, Gott der Herr, es dir nicht erlaubt, eine blaue Rose zu züchten“.
Gerlinger riss erstaunt die Augen auf. Dass der Pfarrer ihn so leicht durchschauen konnte, damit hat er nicht gerechnet.
Aber dann fiel ihm ein Stein vom Herzen. Das Stellen der peinlichen Frage war ihm, dank Hinzmanns Scharfsinn, erspart geblieben. Und so wie es aussah, brauchte sie ihm ja auch keineswegs peinlich zu sein. Wenn sich selbst ein Gottesmann darüber, augenscheinlich mit tiefstem Ernst, Gedanken machte.
„Genau, Herr Pfarrer. Das wäre meine Frage“, sagte er erleichtert.
Der Pfarrer nickte und sah seinem Gegenüber mit ernster Miene ins Gesicht. „Da ich niemanden kenne“, begann er, „und von keiner Menschenseele je gehört hätte, über die man sagen könnte, sie könne es mit deiner Meisterschaft im Rosenanbau aufnehmen, können wir einen Fehler deinerseits ausschließen. Somit bin ich absolut sicher, dass es nur einen gibt“, und dabei hob er die Augenbrauen und den rechten Zeigefinger, „der verhindern kann, dass dir dein Vorhaben gelingt. Wenn es Gott nicht gefällt, kann keine Macht der Erde etwas dagegen ausrichten.“
Der Gottesmann machte das Kreuzzeichen, lehnte sich wieder zurück, und lächelte Gerlinger an. Wie ein guter Vater seinen geliebten Sohn.
Gerlinger seufzte und nickte. Das war also die Bestätigung seines Verdachtes. Die Natur stellte sich gegen ihn. Was sollte er da noch tun.
 
Nach ein paar Sekunden des Schweigens, stand Gerlinger unvermittelt auf und gab dem verdutzten Pfarrer die Hand.
Der stand ebenfalls auf und sagte: „Wenn deine Fragen damit beantwortet sind, gehe mit Gott und erfreue dich daran, dass du mit deiner außergewöhnlichen Kunst gesegnet bist.“
Gerlinger griff schweigend in die Tasche und legte eine Handvoll Münzen auf den grob gezimmerten Küchentisch.
Pfarrer Hinzmann schaute auf das Geld und hob fragend die Augenbrauen.
„Für die Gemeinde“, brummte Gerlinger. „Und habt Dank für eure Zeit.“
Er hatte schon einen Fuß aus der Tür, als ihn Hinzmann ansprach: „Gerlinger!“, rief er. Der drehte sich langsam um und schaute dem kleinen Mann im langen Nachthemd in die hell blitzenden, kleinen Augen.
„Tu mir einen Gefallen. Nein, tu dir einen Gefallen.“
Gerlinger hob stumm den Kopf.
„Lass es bleiben“, sagte Hinzmann leise. „Fang nie mehr damit an. Du weißt jetzt den Grund. Dein Herz hat es schon längst gewusst. Schon bevor du zu mir kamst. Es bringt Unglück, wenn du es jetzt noch einmal versuchen wolltest.“
Gerlinger zögerte kurz, dann nickte er fast unmerklich und schloss die Tür hinter sich.
 
Er trat auf die sonnenüberflutete Straße, auf der ein kleiner Windteufel den trockenen, ockerfarbenen Sand hoch wirbelte.
Das grelle Licht blendete ihn, dass es schmerzte.
Es würde wieder ein wolkenloser, drückendheißer Tag werden. Ein blauer Tag.
Aus der Esse am Haus gegenüber quoll dunkler Qualm heraus, der sich fast senkrecht in die warme Sommerluft erhob. Markus, der Schmied, stand schwitzend an seinem Amboss und grüßte Gerlinger mit einem Kopfnicken. Dieser erwiderte den Gruß und fand, dass er gerne einmal mit dem Schmied tauschen würde. Der kennt meine Sorgen nicht, dachte er, und machte sich auf den Heimweg.
 
Während der zehn Minuten Fußweg bis zu seinem Haus, wurde sich Gerlinger klar darüber, dass er zum ersten mal, seit er sich mit Rosen beschäftigte, eine Niederlage erlitten hatte. Zum ersten mal, hatte er das Ziel, das er sich gesteckt hatte, verfehlt. Bei all seinen Kreationen hatte er schon lange bevor die erste Blüte einer neuen Kreuzung ihre Blätter dem Himmel entgegenstreckte, eine exakte Vorstellung ihres endgültigen Aussehens im Kopf. Und entsprach das Ergebnis des ersten Versuchs nicht bis ins kleinste Detail seiner Vision, so begann er den nächsten - und den dritten, solange, bis die Blüte eine hundertprozentige Kopie seiner Fantasie war. Es war bitter, zugeben zu müssen, dass er die Krone seiner Schöpfungen, die er so deutlich vor seinem geistigen Auge sah, niemals in seinen Händen halten würde.
Dabei ging es Gerlinger nicht darum, noch mehr Ruhm und Ehre, und noch größeren Reichtum zu erwerben. Ansehen im Dorf und darüber hinaus bei Hofe und kirchlichen Würdenträgern war ihm nie wichtig. Genügend Geld zu haben, um Schweinefleisch und Rinderbraten, Hühnchen und Fisch zu essen, und nicht wie die meisten im Lande mit Haferbrei und Wassersuppe vorlieb nehmen zu müssen, war gut und schön. Aber was ihn wirklich antrieb, war das Gefühl etwas schaffen zu können, das vollkommen neu war. Etwas wachsen zu lassen, was niemals zuvor aus der Erde hervorging. Das Können und die Macht zu besitzen, ein neues Leben zu erschaffen. So musste sich doch auch der Gott fühlen, an den die anderen, und ganz besonders Pfarrer Hinzmann, glaubte. Ja, so ein ganz kleiner Gott war ich bisher ja auch gewesen, dachte Gerlinger und bog in den schmalen Feldweg ein, der zu seinem Grundstück führte. Doch nun schien er eine Grenze erreicht zu haben, von der er bisher nicht wusste, dass es sie überhaupt gab.
Der Pfarrer hat recht, ich gebs auf, wer weiß schon, was die Natur will und was nicht. Und wer weiß, was passiert, wenn man die Naturgesetze narren will? Dabei hatte er die mahnenden Worte des Pfarrers im Ohr: „Es bringt Unglück, wenn du es noch einmal versuchst!“
 
Als er wieder zu Hause war, stopfte er sich seine Pfeife.
Er nahm einen Fidibus, ging hinaus zu seinen Mädchen und setzte sich grübelnd auf die alte Steinbank am Feldrand. Er entzündete den Tabak und sog den würzigen Rauch tief in seine Lungen, sodass sich ein leichtes Schwindelgefühl einstellte.
Nein, das Thema blaue Rose war für ihn ein für allemal erledigt. Er nahm sich vor, bei der orangefarbenen, vollkelchigen Sorte mit den gezackten Blütenrändern, den Farbton um einige Nuancen leuchtender hervorzuzüchten. Mit dieser Arbeit wollte er gleich morgen beginnen, damit wäre er wahrscheinlich bis zum Ende der Saison beschäftigt, und der Gedanke an die Blaue hätte somit keinen Platz mehr in seinem Kopf.
 
Und so ging das Jahr vorüber. Natürlich konnte Gerlinger den Gedanken an die blaue Rose nie ganz verdrängen. Aber es gelang ihm, die Versuchung in Schach zu halten. Der überwältigende Erfolg seiner neuen, orangeroten Züchtung, deren Blüten wie kleine Sonnen auf Stängeln strahlten, half ihm dabei.
 
Ende Februar des darauffolgenden Jahres hatte er seinem Nachbarn ein brachliegendes Grundstück abgekauft, das unmittelbar an sein Rosenfeld angrenzte. Die Nachfrage machte es notwendig, dass er seine Anbaufläche vergrößerte.
Sowie es das Wetter zuließ, machte er sich daran, den Boden, auf dem hie und da noch Schneereste lagen, für seine Zwecke vorzubereiten.
Einige Tage darauf, war er dabei, diese körperlich anstrengende Arbeit zu Ende zu bringen. Der Wind hatte bereits in der Nacht davor auf Südwest gedreht und kündigte damit ein zeitiges und warmes Frühjahr an. Gerlinger stand spät nachmittags am Rande seines neuen Grundstücks und begutachtete zufrieden sein Werk. Die Sonne stand schon tief am Horizont. In wenigen Minuten würde die Dunkelheit hereinbrechen.
Mit einem Tuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn und stemmte beide Hände in die Hüften. Er mochte diese Arbeit nicht sonderlich. Aber jetzt, da sie vollendet war, ergriff ihn so etwas wie Stolz über seine Leistung.
Genau in diesem Moment der Ruhe und Zufriedenheit begann das Ungeheuerliche.
Zunächst verspürte Gerlinger nur ein Vibrieren unter seinen Füßen, dem er aber keine große Bedeutung zumaß, außer der Befürchtung, dass möglicherweise Maulwürfe, oder Wühlmäuse der Grund dafür sein könnten. 
Doch nach ein paar Sekunden steigerte sich das Zittern zu einem Beben, sodass Gerlinger beinahe den Halt verlor und umzufallen drohte. Er ging in die Knie und stützte sich mit beiden Händen auf der frisch geharkten Erde ab. Ängstlich schaute er sich um. Wie konnte das sein?, dachte er. Gerade eben erst hatte die Abendsonne ihr gelbrotes Licht zur Erde geschickt, und nun war es fast gänzlich dunkel. Sein Herz klopfte wild, und er überlegte, ob er zum Haus laufen sollte, als sich keine zehn Ellen vor ihm eine Windhose bildete. Die Luft darin war schwarz und eine unerklärliche Hitze ging von ihr aus. Ein Sirren und Schwirren in einem schmerzhaft hohen Ton drang in seine Ohren. Der Duft des nahen Rosenfeldes, und der erdige Geruch des ehemaligen Brachlandes wurden von einem beißenden Gestank verdrängt.
Im gleichen Moment, als er sich entschloss, die Beine in die Hand zu nehmen und zu verschwinden, ebbten der Luftwirbel und die Geräusche ab. Das Beben war vorüber. Es regte sich kein Lüftchen mehr. Der Gesang der Vögel und das Summen der Insekten, die ihn seit der Frühe, als er seine Arbeit begann, begleitet hatten, waren verstummt. Nur der Gestank, der ihm das Atmen beinahe unerträglich machte, war geblieben. Gerlinger richtete sich auf und blieb wie angewurzelt stehen.
Dort, wo eben noch die Windhose kleine Erdkrumen in alle vier Himmelsrichtungen schleuderte, stand eine Gestalt. Er konnte nicht glauben, was er sah. Innerhalb einer Minute war es Nacht geworden, trotzdem sah er diese Gestalt ganz deutlich vor sich. Er rieb sich die Augen, in der Hoffnung, einer Täuschung erlegen zu sein. Doch als er wieder hinsah, war sie immer noch da. Gerlinger brachte keinen Ton heraus, seine Kehle war so trocken wie acht Tage altes Brot. Und obwohl seine Knie zitterten, konnte er keinen Schritt tun. Eine unsichtbare Hand hielt ihn an seinem Platz fest.
 
Die Gestalt trug einen dunklen, fast bodenlangen Umhang und auf dem Kopf einen hohen Hut mit außergewöhnlich breiter Krempe. Gerlinger hielt sie fest im Blick und musterte sie von oben bis unten. Von der Statur her, konnte es ein Mann sein, aber er konnte weder die Füße noch dessen Gesicht erkennen. Jetzt machte der Fremde einen Schritt auf ihn zu. Gerlinger ballte instinktiv seine Hände.
„Ich grüße dich, Kaspar Gerlinger“, kam eine heisere Stimme aus dem Dunkel unter der Hutkrempe.
Gerlinger hatte einen Kloß im Hals. Trotzdem gelang es ihm zu antworten: „Wer bist du? Woher kennst du meinen Namen?“
Der Fremde lachte: „Ha!Ha! Diese Fragen stellen sie alle. Und allen gebe ich diese Antwort: Ich bin ich. Und ich kenne alle Namen.“
„Was willst du?“, krächzte Gerlinger. Der Gestank schien von seinem Gegenüber zu kommen und es würgte ihn.
„Auch diese Frage ist nicht neu, aber verständlich.“
Der Fremde trat bis auf zwei Ellen an Gerlinger heran, der
versuchte, das Gesicht zu erkennen, aber er sah nur ein schwarzes Loch. Sein Herz klopfte in seinem Schädel, dass es weh tat. Es war ihm unmöglich sich zu bewegen und er wusste nicht, was schlimmer war, seine Angst oder die Übelkeit, die sich in seinem Magen breit machte.
 
„Ich bin gekommen, um dir ein Geschäft vorzuschlagen“, kam es aus dem schwarzen Loch.
Gerlinger jagten tausend Gedanken durch seinen heißen Kopf.
Er fährt aus dem Boden und will mir ein Geschäft vorschlagen.
Das muss der Teufel sein, dachte er. Wenn dem so ist, ist es klüger, das Maul zu halten, zuzuhören und zu allem ja und amen zu sagen. Dann ist der Spuk hoffentlich bald vorbei.
Während dieser Gedanken neigte der Fremde seinen Kopf in eigentümlicher Weise zur Seite und schob ihn gleichzeitig ein Stück nach vorne, so, als wolle er verstehen, was Gerlinger gerade dachte. Dann hob sich etwas aus seinem Umhang. Ein Arm kam zum Vorschein, an dessen Ende eine feuerrote, knochige Hand saß. Langsam richtete sich der Zeigefinger auf und ein langer, krallenartiger Fingernagel tippte an Gerlingers Brust. Genau auf die Stelle, an der sein Herz wie der Hammer des Schmiedes gegen seine Rippen pochte.
„Richtig gedacht, mein Freund!“, sagte der Teufel mit einer durchaus freundlichen Stimme. „Ich sehe, ich habe mich in dir nicht getäuscht. Also!“, sagte er weiter und dehnte das Wort, als überlege er noch, wie er fortfahren sollte.
„Ich weiß, wer du bist und ich weiß, was du kannst. Du erschaffst gerne Neues, nie da gewesenes – jedenfalls, was Pflanzen, im Speziellen Rosen angeht. Du bist ein Meister der Perfektion und Kreativität und bist dabei ausdauernd und intelligent. Und deshalb genau mein Mann.“
Wieder tippte die Kralle gegen Gerlingers Brust.
Der hielt es aber für besser, zu schweigen. Ließ den Spuk aber nie aus den Augen.
 
Der Teufel drehte sich um und ging auf den nächststehenden Rosenstock zu. Es war einer der neuen Züchtung. Die Kralle griff nach einer Blüte und der Kopf beugte sich zu ihr hinunter.
„Für meinen Geschmack riecht sie etwas zu streng“, sagte der Teufel und riss die Blüte vom Stängel.
Jetzt erst wurde Gerlinger bewusst, dass auch er sich zur Seite gedreht hatte. Eben noch befanden sich die Rosen gar nicht in seinem Blickfeld.
„Wo hast du eigentlich die Blaue versteckt?“, fragte der Teufel und bewegte den Kopf hin und her, als versuche er etwas im Feld zu entdecken.
Gerlinger schluckte. Was sollte diese Frage? Wenn er der war, für den er ihn hielt, dann musste er doch wissen, dass es keine blaue Rose gab. Er wollte sich jedoch seine Unsicherheit nicht anmerken lassen.
„Das weißt du doch genau“, sagte er trotzig. „Es gibt keine.“
„Oh, pardon. Ich vergaß,“ heuchelte der Teufel.
Er kam mit der abgerissenen Blüte in seiner Klaue zurück und baute sich wieder vor Gerlinger auf. Dem war, als hätte er jetzt zum erstenmal etwas unter der Hutkrempe erkannt. Ein zartes, flüchtiges Leuchten. Wie zwei rote, huschende Pünktchen, die sich unruhig hin und her bewegten. Diese Tatsache beunruhigte ihn nicht sonderlich. Schließlich wusste er mittlerweile, mit wem er es zu tun hatte, und rote Feueraugen waren bei dieser Art Besuch zu erwarten.
„Kommen wir zum Punkt“, sagte der Teufel mitten in Gerlingers Überlegungen hinein.
„Du sollst deine blaue Rose haben, mein unerschrockener Freund.
„Was?“, rutschte es Gerlinger raus.
„Zwing mich nicht, mich zu wiederholen! Ich hasse das!“, kam die Antwort. Wieder sprühten kleine, rote Fünkchen in dem schwarzen Loch.
„Natürlich nicht ohne Gegenleistung, deshalb hör gut zu! Ich erkläre es dir nur einmal!“, sagte der Teufel und saß im selben Moment zwei Armlängen von Gerlinger entfernt auf einem goldschimmernden, großen Stuhl. Eigentlich war es mehr ein Thron. Die hohe Rückenlehne überragte sogar den Hut. Seine Ellbogen ruhten auf zwei Armlehnen, an deren vorderen Ende jeweils ein kleiner Totenschädel zu sehen war. Die Teufelsklauen streichelten die Schädel, fast wie die Hände einer Mutter, die ihrem Kind zärtlich übers Haar fährt. Zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand steckte die abgerissene Rose. Bequem zurückgelehnt saß der Höllenfürst mit übereinandergeschlagenen Beinen da und ergötzte sich an dem verdutzten Gesicht Gerlingers.
„Auf diesem neuen Feld“, und damit zeigte er mit dem rechten Daumen hinter sich, „pflanzt du die Samenkörner, die ich dir in deinen Pfeifenbeutel getan habe.“
Unwillkürlich wollte Gerlinger nach dem Beutel greifen, aber seine Hände gehorchten ihm nicht.
„Ich habe dafür gesorgt, dass der Boden bestens zum Anbau geeignet ist. Mit dem Tabakanbau werden wir das Leben in einem nie gekannten Ausmaße bereichern.“
 
Hier machte der Teufel eine Pause. Gerlinger nutzte diese Chance für eine Bemerkung.
„Ich bin Rosenzüchter und kein Kartoffelbauer. Ich glaube nicht, dass ich dir helfen kann.“
Der Teufel blieb gelassen und drehte den Kopf zur Seite, was wohl als abschätzige Geste gewertet werden konnte.
„Zu deiner Information: Was du glaubst ist irrelevant. Du kannst das, und du machst das. Damit du alles Wichtige, was du über Anbau wissen musst, nachlesen kannst, habe ich dir unter deinen rechten Arm ein Buch gesteckt, das dir weiterhelfen wird.“
Mit seiner linken Hand machte er eine abwehrende Bewegung.
„Du willst mir jetzt sagen, dass du gar nicht lesen kannst?“, fuhr er fort. „Vergiss es! Schlage morgen früh das Buch auf, und lass dich überraschen. Aus dem Buch wirst du erfahren, dass die Pflanze reichlich Wasser braucht. Da du bereits schon jetzt Schwierigkeiten hast, deine Rosen genügend zu wässern, findest du am Ende deines neuen Feldes einen Brunnen. Du musst dafür nicht einmal zehn Ellen tief graben. Du siehst, ich habe an alles gedacht.“
„Ja, aber...“, stammelte Gerlinger und schaute auf das Buch, das auf wohl auf eine teuflische Art und Weise den Weg unter seine Achsel fand.
„Kein aber!“, fuhr ihm der Teufel dazwischen.
Gerlinger zuckte zusammen. Sein Besucher richtete sich auf und kam auf ihn zu. So nahe, dass seine Nase, sofern er eine gehabt hätte, mit der Gerlingers zusammengeprallt wäre.
„Es schwirren jetzt eine Menge Fragen in deinem Schädel herum. Aber nur eine einzige ist von Bedeutung: Will ich die blaue Rose? Ist deine Antwort „Ja“, dann tu, was ich dir sage. Ist deine Antwort „Nein“, werde ich dafür sorgen, dass dir nie wieder eine neue Züchtung gelingt und alle diese schönen Mädchen werden verkümmern und sterben.“
Mit diesen Worten steckte er Gerlinger die abgerissene Rose zwischen dessen Zähne.
Im nächsten Moment ertönte ein zischendes Geräusch, als hätte jemand tausend Schlangen aufgeschreckt, und der Teufel samt Thron war verschwunden.
 
Wie lange er danach noch dastand, und in die Nacht hinaus starrte, wusste Kaspar Gerlinger nicht mehr. Als er wieder bei Sinnen war, bemerkte er, dass er sich wieder bewegen konnte. Er schaute sich um, aber außer den Sternen am Himmel, gab es nichts zu sehen. Einzig der grässliche Gestank erinnerte ihn noch ein seinen Besucher. Er nahm die Rose aus den Zähnen und stolperte mit weichen Knien nach Hause.
In seiner Stube angelangt, tastete er nach der neuen, teuren Öllampe, die er sich geleistet hatte. In seiner Feuerstelle, in der noch ein wenig Glut glimmte, entzündete er ein trockenes Hölzchen und brachte damit die Lampe zum Leuchten.
Da fiel sein Blick auf die abgerissene Rosenblüte, und er erstarrte. Ihr Kelch war geöffnet, doch je länger er dem Licht der Öllampe ausgesetzt war, umso mehr schloss er sich.
Und sie war blau! So blau wie das Firmament!
Er konnte gar nicht abwarten, bis der neue Tag erwacht war.
Die Rose hatte er in ein mit Wasser gefülltes Trinkgefäß gestellt. Er wollte sie sich am nächsten Morgen, im Licht der Sonne, noch einmal ansehen, bevor sie endgültig verwelkte.
 
Als er, nach einer unruhigen Nacht mit quälenden Albträumen, erwachte, sah er, dass es wie aus Eimern goss.
Aber die Rose! Ihr Kelch war noch immer verschlossen. Doch sie hatte genau dieses Blau, welches er gestern Abend im Schein der Öllampe mehr erahnen, als erkennen konnte und das er sich immer erträumt hatte.
Vor freudiger Erregung konnte er kaum etwas essen. Da erinnerte er sich an das Buch, das er am Abend achtlos beiseite gelegt hatte.
Er saß am Tisch und legte es mit einer Mischung aus Angst und Neugier vor sich hin. Dieses Buch war das erste, das er in seinen zweiunddreißig Lebensjahren je in der Hand hatte. Wie sollte er auch? Es hätte ihm nichts genützt, denn er konnte ja nicht lesen.
Das Buch hatte einen dicken, festen Einband aus schwarzem, fein genarbten Leder. Es war nicht besonders dick. Die Bibel, die Pfarrer Hinzmann bei seinen Predigten benutzte, war bestimmt drei mal so dick. Aber schwer war es. Es wog mindestens soviel wie zwei Brote.
Auf der Vorderseite war mit Goldfarbe eine Pflanze eingestanzt, die er noch nie gesehen hatte. Sie hatte große, lange Blätter und endete in mehreren, fünffingrigen Blüten. Die Enden bildeten eine Spitze, die nach außen gebogen war. Im Geiste rief er sich alle Pflanzen, die er jemals gesehen hatte, in Erinnerung. Aber wie er auch grübelte – diese war ihm unbekannt.
Langsam, als könne ihn aus dem Buch heraus ein böser Geist anspringen, schlug er es auf. Auf der ersten Seite war die Pflanze wieder abgebildet. Diesmal in Farbe. Die Stängel und Blätter waren in einem kräftigen Grün gezeichnet. Der Blütenkelch war unten hellgelb und endete in einer rosafarbenen Blüte.
Über dem Bild stand etwas in schwarzer Schrift. Er sah sich die Buchstaben an und schüttelte den Kopf. Das sind doch nur Striche und Kringel, dachte er enttäuscht. Aber wie sollte er auch über Nacht zu lesen gelernt haben? Er wusste, die Kinder der Reichen, der Kaufleute und Adligen, die einen Lehrer bezahlen konnten, brauchten Jahre dazu, um es richtig zu können.
Verärgert ob seiner Naivität, wollte er das Buch schon zuschlagen und weglegen, als er erschrocken feststellte, dass dieses chaotische Gekritzel plötzlich in seinem Kopf doch einen Sinn ergab. Mit großen Augen starrte er auf die schwarze Tinte. „Nicotiana tabacum“, sagte er leise. Sein Mund formte die Worte, die seiner Kehle entsprangen, ohne sein Zutun.
Er sprang auf und hüpfte wie von Sinnen in der Stube herum.
„Nicotiana tabacum!“, schrie er immer wieder. Und dazwischen: „Ich kann lesen! Ich kann es!“
Als er sich wieder gefasst hatte, lief ihm ein Schauer über den Rücken.
„Oh, mein Gott! Mit wem hab ich mich da eingelassen?“
 
Er fühlte Angst und auch Freude. Angst vor dem, was gestern Abend war und vor dem, was da noch kommen sollte. Und Freude, wenn er die blaue Rose betrachtete, die vor ihm auf dem Tisch stand, und die ihm der Beweis war, dass er sein großes Ziel doch noch erreichen konnte.
Gerlinger setzte sich wieder an den Tisch und nahm das Buch in beide Hände. Er zitterte ein wenig, aber seine Neugier war stärker, als seine Furcht vor dem Teufelswerk.
Er las die Überschrift noch einmal laut vor: „Nicotiana tabacum“. Mit dem ersten Wort konnte er absolut nichts anfangen, aber „tabacum“? Er dachte angestrengt nach, und sagte sich die Worte immer wieder laut vor. Sie klangen so ähnlich wie die Worte, die Pfarrer Hinzmann in der Kirche immer wieder sagte und sang.
„Das ist Lateinisch“, hatte der Geistliche einmal erwähnt. Lateinisch sei eine ganz alte Sprache, hatte er erklärt, und heute noch die geheime Sprache der Kirche und der Wissenschaft.
Was das erste Wort bedeuten sollte, konnte er sich aber immer noch nicht zusammen reimen, aber die Bedeutung des Zweiten wurden ihm immer klarer. Damit konnte doch nur Tabak gemeint sein. Natürlich! Der Tabak, den er in seiner Pfeife rauchte, wurde aus Blättern hergestellt, soviel wusste er. Und Blätter, so kombinierte er, wachsen an Bäumen, Büschen, Sträuchern und an Blumen.
Also verlangte der Teufel von ihm, dass er die Tabakblume für ihn anbaute. Sein Interesse war nun vollends geweckt. Er blätterte aufgeregt in dem Buch und stellte fest, dass er Wort für Wort lesen und verstehen konnte. Außer der Überschrift war der gesamte Text in deutscher Sprache gedruckt. Er las vorne ein paar Sätze, dann hinten, dann in der Mitte, dann wieder vorne. Seine Augen flackerten und sein Verstand lief hinterher, wie der Hund einem Hasen. Es war alles so neu und verwirrend.
 
„Aber langsam, langsam!“, mahnte er sich. „Ich fange vorne an, damit ich alles verstehe.“
Er schaute noch einmal auf die Rose und ein Lächeln spielte um seinen Mund.
„Zuerst muss ich ein Meister in der Tabakblumenzucht werden“, sagte er leise. „Und dann werde ich das Firmament auf die Erde herunter holen.“
 
In den folgenden Wochen studierte Gerlinger das Buch, mit der ihm eigenen Sorgfalt und Ernsthaftigkeit. Nebenbei legte er einen neuen Brunnen an. Wie von seinem mysteriösen Auftraggeber vorausgesagt, fand er, nicht mal zwei Klafter tief unter der Oberfläche, frisches, klares Grundwasser.
Er säte die winzigen Samenkörner, kümmerte sich darum, das schnell sprießende Unkraut zu jäten und pflegte sein Rosenfeld, welches ihm ja seinen Lebensunterhalt garantierte.
Somit war er, sofern es nicht gerade Heugabeln regnete, vom ersten Hahnenschrei bis zum Einbruch der Nacht, Tag um Tag beschäftigt.
 
Kaspar Gerlinger war nie ein geselliger Mensch gewesen. Nur zu ganz besonderen Anlässen verirrte er sich einmal in die Dorfschänke. Meistens geschah dies an Kirchweih. Außer einem Braten am Sonntag und einem guten Wein, gönnte er sich nichts außergewöhnliches, obwohl er sich zu den Wohlhabenden zählen konnte. Ebenso versorgte er seinen bescheidenen Haushalt, das Saubermachen, Waschen und Essenkochen, ohne fremde Hilfe.
Er hatte nie geheiratet. Obwohl ihm so manche Jungfrau des Dorfes und auch einige, des Alleinsein müde Witwen, bei den seltenen Anlässen, zu denen er sich aus seinem Refugium wagte, schöne Augen machten. Seine Leidenschaft waren seine Mädchen, und die verlangten seine volle Aufmerksamkeit und seine ganze Kraft.
Aber als er in diesem Sommer nicht einmal zu Kirchweih, weder in der Kirche, noch beim anschließenden Tanz im Dorfkrug erschien, machte sich Pfarrer Hinzmann Sorgen um den verlorenen Sohn. Und so kam es, dass er sich zwei Tage nach dem Fest, auf den Weg zu Gerlingers Hütte machte.
 
Es hatte seit zwei Wochen nicht mehr geregnet, was Mitte Juli nichts ungewöhnliches war. Aber die Tabakpflanzen reagierten sehr empfindlich auf die Trockenheit und Gerlinger musste sie täglich wässern. Und so stand er auch jetzt, als der Pfarrer den Weg auf das Feld fand, an seinem neuen Brunnen und schöpfte Wasser.
„Gott zum Gruße, Kaspar!“, rief Hinzmann und wischte sich den Schweiß von der glänzenden Stirn.
„Guten Morgen, Herr Pfarrer“, antwortete Gerlinger. „Sind Sie gekommen, um mir zu helfen?“
„Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das nicht vor. Aber vielleicht hast du Hilfe anderer Art nötig, Kaspar?“ Der Pfarrer stand ihm nun auf zwei Schritte vis-a-vis und schaute Gerlinger ernst in die tiefliegenden Augen.
„Kann ich mir nicht denken“, antwortete er trotzig und leerte die große Schöpfkelle in einen Holzbottich, der auf einem vierrädrigen Karren stand.
„Du siehst mager aus, Gerlinger. Du bist doch hoffentlich nicht krank? Wir haben dich bei der Kirchweih vermisst. Soweit ich mich erinnern kann, war das die erste, bei der du nicht in der Kirche warst.“
„Nein, ich bin nicht krank. Es im Moment halt nur viel Arbeit. Die Pflanzen brauchen viel Pflege. Und die Trockenheit tut ihr Übriges.“
„Ich frage mich, wie du das alles alleine schaffst“, sagte der Pfarrer besorgt.
Gerlinger überging diese Anspielung und füllte den Bottich weiter.
Hinzmann merkte, dass er so nicht weiterkam. Er drehte sich um und betrachte kopfnickend das neue Feld. Die Tabakpflanzen waren prächtig gediehen und reichten dem kleinen Mann fast bis zur Brust.
„Was für eine Art Blumen hast du denn hier angebaut?“, fragte er um das Thema zu wechseln. „Die kenne ich gar nicht. Rosen sind das ja wohl nicht. Und schau mal“, fuhr er verwundert fort, „die Blüten sind ja alle geschlossen! Eine merkwürdige Blume.“
„Nein, das sind keine Rosen, Herr Pfarrer“, sagte Gerlinger. Und zum erstenmal, seit Beginn dieses Gespräches lächelte er.
Er stellte sich neben den Geistlichen und nahm ein großes, hellgrünes Blatt zwischen seine Finger.
„Das sind Tabaksblumen“, sagte er und Stolz schwang in seiner Stimme. „Sie schützen sich vor dem Sonnenlicht. Nur bei Dunkelheit öffnen sie ihre schönen Kelche.“
„Tabaksblumen?“, staunte der Pfarrer. „Oh, ich weiß. Davon habe ich schon gehört. Bei Hofe soll diese Zierde in den Gärten schon gesehen worden sein.“ Er ging einen Schritt zurück und sah sich die Pflanze von unten bis oben ganz genau an. „Wenn ich richtig unterrichtet bin, verwenden sogar die Apotheker die Pflanze. Bei schlecht heilenden Wunden und Kopfweh. Zu welchem Zweck baust du sie an?“
 
Gerlinger war verwirrt. Er hatte zwar erwartet, dass Hinzmann nach warum, wieso, weshalb fragen würde Aber er hatte sich noch keine plausible Antwort zurecht gelegt. Und nun hatte er gleich zwei Gründe zur Auswahl. Das verwirrende aber war, dass er weder davon gehört hatte, dass die Edelleute auch diese Blumen kannten, noch dass man Medizin daraus machen konnte. Nach kurzem Zögern antwortete er:
„Nun, wie meine Rosen, so möchte ich auch die Tabakblume so züchten, dass die hohen Herrschaften davon begeistert sind und sie mir abkaufen“, dabei konnte er seinem Pfarrer aber nicht in die Augen sehen, was diesem nicht unverborgen blieb.
 
Pfarrer Hinzmann bereitete seinen Abschied vor. Er hatte den Eindruck, dass Gerlinger das Gespräch von Anfang an unangenehm war. Er hatte ihn im Laufe der Jahre schon mehrmals auf dessen Land besucht, aber das Gefühl nicht willkommen zu sein, hatte er heute zum ersten mal. Irgendetwas stimmte hier nicht, da war er sich sicher, aber für heute wollte er es gut sein lassen. Gerade, als er sich verabschieden wollte, fiel sein Blick wieder auf den neuen Brunnen.
„Sag mal, Kaspar, hatte der Bertram, dem du das Feld abgekauft hast, hier immer schon einen Brunnen?“
„Nein“, antwortete Gerlinger. „Der ist neu. Den habe ich gebaut.“
„Das ist Pech für den Bertram und Glück für dich. Vielleicht hätte er das Feld gar nicht verkauft, hätte er gewusst, dass darauf Grundwasser zu finden ist.“
„Vielleicht. Aber ich hab das Wasser auch nur ganz zufällig entdeckt“, log Gerlinger.
Pfarrer Hinzmann nickte nur stumm.
Komisch, dachte er, dass Bertram über zwanzig Jahre hinweg nicht gemerkt hat, dass er soviel kostbares Wasser auf seinem Grundstück hatte.
„Ich muss jetzt wieder gehen“, sagte er. „Muss mich noch um andere Schäfchen kümmern. Ich wünsche dir viel Glück mit deinen Tabakblumen.“ Er gab Gerlinger die Hand, die dieser erleichtert drückte. „Und falls du mich mal brauchst, Kaspar“, sagte der Pfarrer, „du weißt, wo du mich findest.“
„Ja, ich weiß. Danke, Herr Pfarrer.“ Gerlinger drehte sich um und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.

Hinzmann machte sich nachdenklich auf den Weg zurück ins Dorf.
Am Feldweg angekommen, drehte er sich noch einmal um. Gerlinger wandte ihm den Rücken zu und machte sich am Brunnen zu schaffen.
„Du steckst in Schwierigkeiten, Kaspar“, murmelte der Pfarrer.
„Ich fühle es ganz deutlich.“
 
Kaspar Gerlinger wartete, bis sein Besucher außer Sichtweite war. Dann lief er zurück in seine Hütte und schaute in dem schwarzen Buch nach. Aber so viel er auch suchte und las. Da stand nichts über den Gebrauch der Tabaksblumen drin. Weder als Medizin, noch als Zierstrauch. Das war ihm beim ersten Durchlesen gar nicht aufgefallen. Er dachte über das Gespräch mit seinem Auftraggeber nach. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, ob dieser etwas über den Gebrauch der Blumen gesagte hatte. Er gab es nur ungern zu, aber es wäre schon hilfreich, wenn ihm der unheimliche Gast ein paar Fragen beantworten könnte.
Gerlinger saß am Tisch und blätterte in dem Buch. Da fiel sein Blick auf das kleine Gefäß mit der blauen Rose. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, wenn er sie ansah. Sie war wunderschön. Genauso schön, wie er sie sich immer vorgestellt hatte. Doch wie konnte eine abgerissene Rose so viele Monate ohne ihren Strauch existieren. Es war nicht die Spur von Verwelkung zu sehen. Tagsüber war ihre Blüte geschlossen und nachts entfaltete sie ihre ganze Pracht. Jeden Tag aufs Neue. Ihr Blau leuchtete mit dem Himmel um die Wette. Es war beklemmend und faszinierend zugleich.
Mit einer Hand drehte er gedankenverloren den Becher mit der Rose, während die andere auf dem Buch zugeschlagenen Buch lag. Plötzlich bemerkte er ein starkes Kribbeln in dieser Hand. Es war ihm, als ob das Buch zu zittern begann. Erschrocken nahm er die Hand weg. Darauf schien das Buch nur gewartet zu haben. Es drehte sich auf der Tischplatte um die eigene Achse, wie ein Rad an einem Karren. Die Drehung wurde immer schneller. Gerlinger sprang so heftig auf, dass der Stuhl mit Gepolter in die Ecke flog. Er starrte auf den Tisch, als sähe er ein Gespenst. Doch da schien auch schon alles vorüber zu sein. Das Buch drehte sich jetzt immer langsamer, bis es ruhig dalag, als hätte er es eben erst hingelegt. Gerlinger ließ eine Weile verstreichen, ehe er den Mut hatte, nachzusehen. Vorsichtig griff er mit zwei Fingern nach dem Einband. Er schien unverändert. Das schwarze Leder sah genauso aus wie immer und die Goldprägung glänzte in dem, durch die geöffnete Tür hereinfallenden Sonnenlicht. Er klappte den Einband auf. Die erste beruckte Seite sah ebenfalls so aus, wie er sie kannte. Mit schwarzer Tinte standen da die Worte Nicotiana tabacum. Aber auf der nächsten Seite stellte er eine Veränderung fest. Er las: Du brauchst Hilfe? Lies und du wirst sie erhalten. Mit pochendem Herzen, aber voller Neugier, griff er sich den umgekippten Stuhl und begann zu lesen.
 
Als er das Buch gelesen hatte, war er um einige Antworten reicher. Nun wusste er, wie mit den reifen Pflanzen weiter zu verfahren war. Es ging seinem Auftraggeber nicht um die Blüten. Die Blätter waren der Grund für die Aufzucht. Darauf kam es seinem Auftraggeber an. Er hatte ihm detaillierte Anweisungen darüber gegeben, wie sie gepflückt und anschließend getrocknet werden sollten. Dazu musste Gerlinger einen Trockenschuppen bauen. Dafür fand er im Buch sogar eine genaue Skizze. Er schloss daraus, dass diese Pflanzen der Herstellung von Arzneien dienen sollten. Der Pfarrer hatte ja schon erwähnt, dass er davon schon gehört hatte.
 
Gerlinger fühlte sich bei diesem Gedanken erleichtert.
Wenn es um die Herstellung von Medizin ging, dann hatte er sich womöglich geirrt, was die Motive seines teuflischen Auftraggebers anging. Wenn die Tabakaufzucht dem Wohlergehen von Kranken dienen sollte, dann war vielleicht sogar seine Annahme, es handele sich bei dem unheimlichen Besucher um einen Gesandten der Hölle, ebenso falsch. Er nahm sich vor, noch am selben Nachmittag, das Holz zu besorgen, das er für die Trockeneinrichtung benötigen würde. Er durfte jetzt keine Zeit verlieren, denn die Ernte stand bevor, und er wollte seinen Auftraggeber auf keinen Fall enttäuschen.
 
Wochen später, das Feld war längst abgeerntet und Hunderte von gelblich-braunen Tabaksblättern hingen an Schnüren im Trocknungsschuppen, überkam Gerlinger wieder dieses Gefühl. Ein Gefühl, das einen überkommt, wenn man an einer Weggabelung steht und nicht die geringste Ahnung hat, in welche Richtung man weiterlaufen soll. Die Blätter konnten doch nicht ewig da hängen bleiben. Irgendwas musste mit ihnen passieren. Wenn daraus eine Medizin hergestellt werden soll, so mussten sie doch sicherlich weiterverarbeitet werden. Aber wann? Und wie?
Jedes Mal, wenn er die blaue Rose betrachtete, die seit Monaten unverändert blühte, stieg seine Ungeduld. Der Lohn für seine Mühe, war nun in greifbare Nähe gerückt. Er wartete nur auf ein Zeichen, das ihm verriet, wie es weitergehen soll.
 
Gerlinger nahm das schwarze Buch in die Hand und blätterte darin, aber es enthielt keine neuen Nachrichten, wie er erhofft hatte. Seine Ungeduld schlug jeden Tag, den er ungenutzt verstreichen lassen musste, mehr und mehr in Ärger um. Sollte ihn der Teufel genarrt haben? Oder hatte er ihn nur vergessen? Womöglich ließ er ihn einfach nur zappeln, wie die Gaukler bei Kirchweih ihre Puppen am Draht. Ja, er ließ ihn zappeln - aus lauter Boshaftigkeit, oder weil es ihm Freude bereitete seine Macht zu demonstrieren.
 
Wie er so nachdachte, hörte er plötzlich Schritte. Jemand kam auf seine Hütte zu. Sollte ihm der Unheimliche diesmal wieder selbst erscheinen? Auf eine weniger spektakuläre Art, wie beim ersten Mal? Gerlinger riss die Tür auf. Sein Ärger war größer, als seine Furcht.
Aber der Mann, der da auf ihn zukam, war nicht der Teufel, sondern ein Kämpfer für die andere Seite.
„Oh, Herr Pfarrer“, sagte Gerlinger hörbar enttäuscht.
„Gott zum Gruße“, antwortete der Geistliche freundlich.
„Ich hoffe, ich störe dich nicht. Ich hatte dich draußen auf deinen Feldern gesucht. Weil ich so lange nichts von dir gehört habe, wollte ich nachsehen, wie es dir geht.“
Gerlinger bat den Pfarrer herein. „Danke. Es geht mir gut.“
„Das freut mich.“
Er bot dem Pfarrer einen Stuhl an. Da fiel sein Blick auf das Buch. Er nahm es schnell vom Tisch und ließ es in seiner Joppe verschwinden.
Hinzmann bemerkte es, schwieg aber.
„Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, oder trinken Sie lieber Milch?“, erkundigte sich Gerlinger höflich.
„Oh, gegen einen guten Tropfen habe ich nichts einzuwenden“, sagte der Pfarrer und seine kleinen Augen lachten.
Gerlinger stellte zwei Becher auf den Tisch und füllte sie mit einem kräftigen Roten. Sie stießen an und Hinzmann sagte:
„Auf deine Gesundheit und dein Seelenheil.“
Gerlinger lief dabei ein Schauer über den Rücken. Der Pfarrer hatte ihm tief und mit merkwürdig besorgtem Gesicht in die Augen geschaut. Er war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob Hinzmann etwas bemerkt hatte, was seine Geschäfte betraf.
Nachdem der Pfarrer einen kräftigen Schluck getrunken hatte, sagte er, ohne den Blick von seinem Gegenüber zu wenden:
„Sag mal Kaspar, hast du es doch wieder versucht?“
„Versucht? Was soll ich versucht haben“, fragte Gerlinger verdutzt.
„Ich meine die Rose“, antwortete Hinzmann und wies mit dem Zeigefinger auf den Becher, der am anderen Ende des Tisches stand.
Gerlinger wurde es schlagartig heiß. Kleine, runde Schweißperlen traten auf seine Stirn. Er schluckte. „Ach, die!“, versuchte er sich aus der Affäre zu ziehen. „Ja... wissen Sie... die Katze lässt das Mausen nicht. Ja, ich habs mal wieder probiert. Aber das ist nicht das Blau, das ich haben wollte. Sie sehen selbst, es ist mehr ein Lila als ein Blau. Ich habs dann auch wieder gelassen.“
Schnell leerte er seinen Becher. Sein Mund war trocken, wie die Tabakblätter auf der Schnur.
Der Pfarrer nickte. „Ja, ja. Wir sind alle Sünder. Und der Teufel nutzt jede Gelegenheit, uns auf seine Seite zu ziehen.“
Gerlinger war sich jetzt sicher, dass Hinzmann mehr wusste, als er sagen wollte. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her.
„Was machen eigentlich deine Tabaksblumen?“, fragte der Pfarrer. Und diesmal lächelte er wieder.
„Oh, die sind im Trockenschuppen. Die brauchen noch eine Weile.“ Auch dieses Thema war ihm äußerst unangenehm. Der Schweiß lief ihm die Schläfen herunter.
„Wie?“, sagte Hinzmann erstaunt. „Du trocknest die Blumen?“
„Nein, nicht die Blumen. Die Blätter.“
„Ah, ja!“, sagte der Pfarrer interessiert. „Zum Zwecke der Medizinherstellung. Ich verstehe. Du hast es dir also anders überlegt. Hast du denn Kontakte mit Apothekern? Ich nehme ja nicht an, dass du selbst Apotheker werden willst.“ Dabei lachte er und trank seinen Becher aus.
„Nein, das will ich nicht. Ich werde sie in der Stadt verkaufen. Zwei, drei Abnehmer warten schon.“
Gerlinger bekam Magenschmerzen. Es ging ihm gehörig gegen den Strich, ständig lügen zu müssen.
„Das freut mich für dich“, sagte der Pfarrer und schaute Gerlinger wieder so an, als könne er dessen Gedanken lesen.
In diesem Moment war ein Donnergrollen zu hören und gleichzeitig klopften die ersten Regentropfen auf das Dach der Hütte.
„Ich glaube, wir kriegen ein Unwetter“, bemerkte der Pfarrer.
„Ich mach mich lieber gleich auf den Weg, damit ich noch trockenen Fußes nach Hause komme.“
Erleichtert sprang Gerlinger auf, noch bevor sich Hinzmann erhoben hatte. Der übersah diese Unhöflichkeit und verabschiedete sich.
„Ich wünsche dir viel Glück und falls der Teufel seine Angel bei dir auslegen will, ignorier den Köder einfach.“
„Mach ich“, sagte Gerlinger und fühlte sich dabei wie ein kleiner Junge, der beim Kirschenstehlen erwischt wurde.
 
Der Pfarrer machte sich auf den Heimweg. Gerlinger schaute ihm nachdenklich hinterher. Ein frischer Westwind ließ den Gottesmann in einer Staubwolke verschwinden. Der Regen fiel nun heftiger aus den grauschwarzen Wolkenbergen, und das Grollen kam näher. Ein Geruch nach warmer, feuchter Erde und Fäulnis stach in Gerlingers Nase. Er drehte sich um, schloss die Tür - und da traf es ihn wie ein Blitz.
 
„Was wollte der Pfaffe hier?“, fragte die schwarze Gestalt. Sie saß auf dem Stuhl, auf dem eben noch der Pfarrer seinen Wein getrunken hatte.
Gerlingers Herz benahm sich, als hätte es die Tollwut. Wäre nicht die Tür hinter seinem Rücken gewesen, hätte er sich nicht mehr auf den Füßen halten können.
„Hab ich dich erschreckt?“, kam es aus dem schwarzen Loch unter dem Hut.
 
Gerlinger brauchte ein paar Sekunden, bis er sich einigermaßen gefangen hatte. In der Hütte war es so finster geworden, dass er seinen Gast mehr erahnen, als sehen konnte. Draußen tobte mittlerweile ein heftiges Unwetter. Der Regen prasselte auf das Dach und gegen die Fensterscheiben, als wolle sich ein wildes Tier mit seinen Krallen Eintritt verschaffen.
Im Schein der zuckenden Blitze erschien ihm die Gestalt fast noch unheimlicher, als bei ihrer ersten Begegnung. Auf dem Tisch neben der blauen Rose, stand die Öllampe. Der Unheimliche streckte einen Finger aus und zeigte auf sie.    Im selben Moment fing die Lampe an zu leuchten und warf verzerrte, grotesk hüpfende Schatten des Teufels an die dahinterliegende Wand.
„Ich hab dir zwei Fragen gestellt und du hast nicht einmal geantwortet“, sagte der Teufel. „Bist du immer so unhöflich gegenüber deinen Gästen?“
Gerlinger stand noch an der Tür. Seine Kehle war wie zugeschnürt, trotzdem versuchte er zu antworten.
„Der Pfarrer wollte nur wissen, wie es mir geht“, brachte er hervor.
„Und? Wie geht es dir?“
„Gut. Es geht mir gut“
„Du lügst. Du wärst der erste, der mir gegenüber steht und dem es dabei gut geht.“ Der Teufel stieß ein heiseres, trockenes Lachen aus. „Aber lassen wir das Geschwafel. Du willst wissen, wie es weitergeht. Und ich werde es dir sagen. Setz dich!“
Noch bevor Gerlinger den ersten Schritt machen wollte, trugen ihn seine Beine zu dem leeren Stuhl.
„Hör gut zu! Du erinnerst dich. Ich mag es nicht, mich zu wiederholen. Du gehst morgen früh zum Schmied und lässt dir von ihm ein scharfes Messer machen. So eines, wie es die Schlachter zum Ausbeinen benutzen. Dann suchst du dir von den großen Blättern, die aus, die zart und geschmeidig sind. Die legst du zunächst zur Seite. Mit dem scharfen Messer schneidest du die Tabakblätter in feine, schmale Streifen, so fein und schmal wie es nur geht. Dazu legst du mehrere Blätter übereinander und rollst sie zu einer Wurst. Auf diese Art geht es leichter und schneller. Hast du mich soweit verstanden?“
 
Gerlinger sah bei jedem dieser Worte, vor seinem geistigen Auge den genauen Vorgang, als erinnere er sich einer Arbeit, die er schon tausendmal getan hatte. Er nickte stumm und konnte seinen Blick nicht von dem schwarzen Loch, mit den roten Lichtblitzen lassen.
 
„Wenn du alle Blätter geschnitten hast“, fuhr der Teufel fort, „nimmst du die vorher aussortierten, zarten Blätter, und schneidest sie genau so zurecht, wie es dir diese Schablone zeigt“, damit legte er ein Stück Leder auf den Tisch. Es hatte eine rechteckige Form. Die lange Seite war etwa so breit, wie eine Hand. Die schmale Seite hatte ungefähr die Länge eines kleinen Fingers.
„Dann nimmst du ein so geschnittenes Blatt und füllst es mit dem Tabakschnitt. Du rollst dann das große, gefüllte Blatt zu einem Stäbchen, das so dick sein sollte, wie ein Federkiel, oder der kleine Finger eines Kindes. Du wirst feststellen, dass das lose Ende des Deckblattes versucht, sich wieder aufzurollen. Dagegen hilft das hier.“
Wie durch Zauberhand stand vor Gerlinger ein Holzfässchen auf dem Tisch.
„Das ist ein Klebemittel. Du tauchst deinen Finger hinein und bestreichst das Ende des Deckblattes dünn damit ein. Dann hält es, und du kannst mit dem Rollen des nächsten Stäbchens beginnen. Wenn du mit deiner Arbeit fertig bist, sage ich dir, wie es weitergeht.“
 
Gerlinger saß unbeweglich auf seinem Stuhl und fühlte eine bleierne Schwere in seinen Knochen. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und wäre eingeschlafen. Sollte ihn der Teufel doch wecken, wenn er noch was zu sagen hatte.
 
Draußen begann es schon zu dämmern, als Gerlinger feststellte, dass er immer noch am Tisch saß. Er hob den Kopf, der auf seinen Unterarmen auf der Tischplatte lag. Er war allein. Sein Gast war verschwunden. Sein Rücken schmerzte und die Arme kribbelten, als steckten sie in einem Ameisenhaufen. Er musste wohl eingeschlafen sein. Er konnte sich an keinen Traum erinnern, sehr wohl aber an seinen Besuch. Als er sich umschaute, sah er das Lederstück und das Holzgefäß vor sich stehen. Er machte es auf und roch an der farblosen, zähen Masse, die sich darin befand. Sie roch süß. Er tauchte seinen Finger hinein. Der Kleber lief zäh wie Honig zurück ins Fass. Für einen Moment war er versucht, den Finger abzulecken. Da fiel ihm ein, von wem er das Zeug hatte, und er ließ es bleiben.
Er konnte sich an jedes Wort, das ihm der Teufel gepredigt hatte erinnern, und er wusste genau, was er zu tun hatte. Trotzdem ärgerte er sich. Kein Wort hatte der Kerl über seinen Lohn, die blaue Rose verloren. Und ich Schwachkopf, habe auch geschwiegen, haderte er.
 
Er fragte sich, was diese Stäbchen mit Arznei zu tun haben könnten. Aber er kannte sich weder mit Tabak, noch mit Medizin aus. Den einzigen Tabak, den er kannte, war der für seine Pfeife. Aber der machte weder gesund, noch wurde er gerollt. Der wurde nur verbrannt und löste sich in Rauch auf.
Nun, ja, dachte er, warum soll ich mir Gedanken machen. Ich werde bald erfahren, was es damit auf sich hat.
 
Nachdem er ein Stück Brot mit Schinken gegessen und ein Glas warme Milch getrunken hatte, fühlte er sich stark genug, um sich an die Arbeit zu machen. Bald würde er ihm ja wieder gegenüber stehen, und dann wollte er endlich hören, wann er seinen Lohn bekam.
 
Zwei Tage später war es so weit. Gerlinger hatte seinen gesamten Tabakvorrat zu kleinen Stäbchen verarbeitet und harrte der Dinge die da kommen. Anfänglich fiel ihm das Rollen schwer, da der geschnittene Tabak aus dem Stäbchen fiel, wenn er sie nicht fest genug gerollt hatte. Aber als er den Bogen raus hatte, ging es schneller, als erwartet. Er hatte sie nicht gezählt, aber er hatte mehrere Hundert Stäbchen hergestellt. Und weil er ein ordentlicher Mensch war, hatte er sie, sorgfältig gestapelt, in Holzkisten verstaut.
Seine Finger schmerzten vom vielen Schneiden, Rollen und Kleben. Die Fingerkuppen waren gelblich-braun verfärbt. Als er im Trockenschuppen stand und das Ergebnis seiner Arbeit zufrieden betrachtete, kam ihm eine Idee. Er nahm von den Krümeln und feinen Streifen, die beim Rollen auf den Boden gefallen waren, soviel auf, dass er seine Pfeife stopfen konnte. Oh, war das ein Genuss! Das schmeckte ganz anders, als das Kraut, das er vorher geraucht hatte. Es war viel milder und kratzte fast gar nicht im Hals. Ich könnte ihm ja den Vorschlag machen, dachte er, die Blätter nicht zu rollen, sondern als Pfeifentabak zu verkaufen, denn dieser hier ist viel besser, als das Kraut, welches mir der Krämer immer andreht.
 
Zuerst bemerkte er den bekannten, ekelerregenden Geruch. Dann, als er sich vorsichtig umdrehte, sah er den Grund dafür.
„Das war gar nicht schlecht gedacht“, kam es aus dem schwarzen Loch unter der Hutkrempe.
Gerlinger war über sich selbst am meisten erstaunt. Zwar war er ein wenig erschrocken, doch er fühlte keine Angst mehr, als ihm sein Auftraggeber so unvermittelt gegenüber stand.
„Was meinst du damit?“, fragte er.
„Ich will es kurz machen. Du hast richtig erkannt, dein Tabak dient weder dazu, bei den Fettsäcken in den Parks herumzustehen, noch soll er gegen Kopfschmerzen helfen. Der einzige und wahre Zweck dieses herrlichen Krautes ist das Rauchen.“
Der Teufel war an eine der Holzkisten herangetreten und begutachtete das Ergebnis.
„Saubere Arbeit“, lobte er. „Ich wusste, dass ich den richtigen Mann ausgewählt habe.“
„Du hast mir dafür auch etwas versprochen“, meldete sich Gerlinger, der den Zeitpunkt, seinen Lohn einzufordern, für angebracht hielt.
„Du sollst deinen Lohn erhalten. Aber zuerst erkläre ich dir, was ich vor habe und welche Rolle du dabei spielen wirst.“
Widerspruch ist zwecklos, dachte Gerlinger. Ich lass ihn reden, sonst verärgere ich ihn nur.
„Deine Einstellung gefällt mir“, sagte der Teufel. „Also! Hör zu! Zunächst einmal werde ich dafür sorgen, dass du noch vor dem Winter eine zweite Ernte einbringen kannst. Im nächsten Frühjahr wirst du deinem Nachbarn Bertram dessen restliches Land abkaufen. Er wird nichts dagegen haben. Seine Witwe wird das Geld brauchen.“
Gerlinger wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus.
„Ach, du wusstest noch gar nicht, dass Bertram tot ist. Nun, er liegt seit fünf Minuten in seinem Keller. Er fiel die Treppe hinunter. Genickbruch. Er hatte keine Schmerzen.“
Gerlinger traten erste Schweißperlen auf die Stirn.
„Da die Bewirtschaftung deiner Anbauflächen mit diesem Ankauf für einen Mann viel zu groß sind, wirst du Leute einstellen. Übrigens, das Rosenfeld wirst du selbstverständlich ebenfalls mit Tabak bepflanzen. Du wirst damit der größte und einzige Rauchstäbchenproduzent in ganz Europa. Das sollte dir das kleine Opfer wert sein. Damit wirst du ein vermögender Mann. In zehn Jahren wirst du deinem Grafen mit einem Kredit aus dessen finanzieller Misere helfen. Das nur nebenbei. Mit diesen Stäbchen wirst du einen Riesenreibach machen, denn die Leute, die sie einmal probiert haben, werden süchtig danach. Ja, mein Freund, sie werden nicht mehr loskommen von diesem teuflisch guten Kraut.“
 
Der Schweiß lief Gerlinger an den Wangen herunter und auf seinem Rücken bildete sich auf dem Hemd ein dunkler Fleck.
Aber es war wie immer, er konnte sich nicht rühren und seine Zunge klebte am Gaumen.
In dem schwarzen Loch funkelten die roten Punkte wieder, als der Teufel fortfuhr. „Die Leute werden sich wohl fühlen, wenn sie Rauchen. Es macht Spaß, und sie werden gar nicht merken, wie sie das Zeug langsam aber sicher krank macht. Sie werden zwar öfter Husten müssen, aber das nehmen sie in Kauf, wenn ihnen morgens, schon vor dem ersten Stück Brot, ein Stäbchen schmeckt, weil ihr Körper es verlangt. Und bei jedem dieser hübschen Röllchen, das sich in Rauch auflöst, wird es in deiner Kasse klingeln. Dann, nach ein paar Jahren, wird Gevatter Tod sie alle dahinraffen. Bei manchen werden die Lungen zerfressen sein, oder die Adern werden verstopfen, oder ihr Herz wird schlapp machen. Aber das wird die anderen nicht davon abhalten, weiter deine Röllchen zu kaufen. Dafür wird die Sucht sorgen, der sie sich hingegeben haben.“
 
Gerlinger hatte jedes Wort verstanden und er war entsetzt.
In seinem Kopf sah er Bertram tot auf dem Kellerboden liegen.
Das konnte kein Zufall sein. Sein Nachbar wurde umgebracht, weil er das Land besaß, das der Satan für seine Geschäfte brauchte. Und Gerlinger konnte sich nicht von einer Mitschuld freisprechen. Seine Fantasie reichte auch aus, um sich seine kranken Tabakkunden vorzustellen, die ihn zwar reich machen würden, für deren Siechtum und Tod er aber letztlich mitverantwortlich sein würde. Und dieser Preis war ihm zu hoch. So wunderschön und einzigartig die blaue Rose auch hätte sein können. Aber unter solchen Umständen wollte er sie auf keinen Fall besitzen.
Er versuchte seine Ablehnung in Worte zu fassen, aber außer einem unverständlichen Stöhnen und Ächzen kam nichts über seine Lippen. Gleichzeitig versuchte er die unsichtbaren Fesseln, die seine Arme und Beine umschlangen, abzuschütteln. Aber es gelang nicht.
„Ich sehe, du willst mir etwas sagen.“ Der Teufel kam mit langsamen Schritten auf ihn zu, bis er auf Armeslänge vor ihm stand.
Gerlinger sah ihm mutig ins Gesicht und erschauderte. Das schwarze Loch hatte sich in eine wabernde, eitrig-gelbe Masse verwandelt, in der weder eine Nase, noch ein Mund zu erkennen waren. Zwei blutunterlaufene Augen, in denen sich der Hass der ganzen Welt zu spiegeln schien, starrten ihn an.
„Gerlinger!“, hörte er eine Stimme in seinem Kopf, von der er wusste, dass sie nur von seinem Gegenüber stammen konnte.
„Gib deinen Widerstand auf! Ich erinnere dich daran, was du aufs Spiel setzt. Du wirst nie mehr eine Rose, geschweige denn etwas anderes auf deinem Land blühen sehen. Ich werde deinen Boden so tief verbrennen, dass für Jahrzehnte kein Grashalm darauf gedeihen kann. Somit ist auch dein Traum von der blauen Rose ein für allemal ausgeträumt. Du wirst arm und krank in der Gosse verrecken. Noch hast du die Wahl: Daunenbett oder Bettelstab!“
 
Gerlinger drehte sich der Magen um. Der Gestank und das Antlitz waren so ekelerregend, dass er sich erbrach.
Als er die Augen öffnete, hielt der Teufel einen Rosenstock in der Hand. Mit dreizehn firmamentblau strahlenden Blüten.
Als Gerlinger unwillkürlich den Arm hob, um die Blüten anzufassen, hatte der Teufel nichts dagegen. Seine Augen begannen zu leuchten, als er die zarten Blätter an seinen Fingern spürte. Er war wie in Trance und er zitterte am ganzen Körper. Für Sekunden war er der glücklichste Mensch auf Erden. 
 
Der Teufel betrachtet ihn abschätzig. Es bot sich ihm ein groteskes, erbärmliches Bild. Gerlinger stand da mit glasigen Augen und erhobenem Arm und streichelte eine imaginäre Blume, deren Bild sich einzig in seinem Kopf materialisiert hatte. Seine Haare klebten auf seiner Stirn, sein Gesicht glänzte vom Schweiß. Von seiner Brust tropfte der Rest seines Mageninhaltes auf seine Schuhe, und er zitterte wie Espenlaub. Doch um seinen Mund spielte ein Lächeln.
 
Mitten in dieses bizarre Szenario hinein drang plötzlich eine Stimme: „Kaspar!“, rief da jemand von den Feldern her. „Kaspar! Bist du da. Gib Antwort!“
Gerlinger wurde aus seinem Traum gerissen. Der Teufel stieß einen Fluch aus und warf einen Blick durch einen Spalt der Wandbretter.
Pfarrer Hinzmann kam über das abgeerntete Tabakfeld schnurstracks auf den Schuppen zu.
„Kaspar!“, rief er wieder. „Ich bin’s. Wo steckst du?“ Er war nur noch wenige Schritte von den beiden entfernt.
 
Der Teufel schäumte vor Wut. Ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment musst der Pfaffe auftauchen. Er brüllte Gerlinger an: „Mann! Was ist? Tust du`s, oder nicht?“ Er war außer sich, aber seine Kraft schwand.
 
Gerlinger konnte sich wieder einigermaßen bewegen. Er schüttelte den Kopf und Tränen liefen ihm an den Wangen hinab. „Nein!“, krächzte er. „Nein, nein! Niemals!“
 
Pfarrer Hinzmann, der die letzten Worte der beiden mitangehört hatte, riss die Tür auf und erschrak. Er sah gerade noch, wie der Teufel einen markerschütternden Schrei ausstoßend und in einer gelben Rauchsäule verhüllt, in den Boden fuhr.
 
Hinzmann, der sofort begriff, was da vor sich ging, schlug ein Kreuz und stürzte auf den wankenden Gerlinger. Der kleine Mann musste all seine Kräfte aufbieten, um den Rosenzüchter stützen zu können. Beide glitten langsam auf den Boden.
„Du hast es überstanden Kaspar. Gott sei es gedankt“, flüsterte er.
Gerlinger nickte nur stumm, lehnte seinen Kopf an Hinzmanns Schulter und weinte hemmungslos.
„Sie waren genau zur richtigen Zeit zur Stelle“, sagte Gerlinger, als er sich wieder etwas im Griff hatte.
„Na, ja“, antwortete der Pfarrer. „Ich hab ihn ja wohl nur ein bisschen irritiert. Dein Nein war das richtige Wort, das hat ihm den Tag versaut. Ich wollte dir nur von Bertrams Treppensturz erzählen, deshalb war ich hier.“
„Ja. Oh, der arme Bertram“, sagte Gerlinger und fing wieder an zu schluchzen.
„Jakob, sein Ältester hat mich gerufen“, erzählte der Pfarrer. „Er hat gesagt, sein Vater sei tot. Er sei die Kellertreppe hinunter gefallen. Aber als ich dort ankam, schon darauf gefasst, dem Armen die Sterbesakramente erteilen zu müssen, saß Bertram jammernd in seiner Küche. Mit einem mächtigen Horn auf der Stirn. Hat Glück gehabt. Sein Dickschädel hat ihm das Leben gerettet.“
 
Gerlinger riss vor Freude seine verquollenen Augen auf und fiel dem verdutzten Pfarrer um den Hals.
„Die Bestie hat gesagt, sie hätte ihn getötet, damit ich seiner Witwe, das Land billig abkaufen könnte, um noch mehr Tabak anzubauen.“
„Oh!“, sagte Hinzmann und zuckte mit den schmalen Schultern.
„Hat er das? Ich sagte ja schon, du hast ihm gehörig den Tag verdorben.“ Er reichte Gerlinger ein Tuch, damit er sich die Rotznase putzen konnte.
 
„Heute hat der Teufel zwar verloren“, seufzte der Pfarrer. „Aber er wird nicht aufgeben. Er wird seinen Plan weiter verfolgen. Irgendwann wird er einen Schwachen finden. Einen, dem die skrupellosen Machenschaften egal sind. Der seinen Vorteil über das Wohl der Allgemeinheit stellt. So war es immer, und so wird es immer sein.“
 
Gerlinger schnäuzte kräftig. Dann reichte er Hinzmann das Taschentuch, der es aber dankend ablehnte.
Pfarrer Hinzmann griff in die Tasche seiner Soutane und zog eine Pfeife heraus. „Auf den Schreck sollten wir uns ein Pfeifchen gönnen“, sagte er und lachte Gerlinger aus seinen kleinen, verschmitzten Augen an.
Aber Gerlinger schüttelte den Kopf.
„Ich fasse keine mehr an. Habe mir gerade das Rauchen abgewöhnt.“
 
 
See - Not

oder Zwei Männer finden eine Lösung

 

In einer Zeit, als es noch Winter gab - richtige Winter meine ich -  mit Eis und Schnee und Frost, gingen zwei Männer - ich nenne sie einfach Fiete und Jan - auf einem zugefrorenen See, im flachen Norden unserer Republik, spazieren. Sie unterhielten sich dabei über Gott und die Welt. Vielleicht aber auch nur  über den Pastor und die Alltäglichkeiten in ihrem Dorf, was auf das selbe hinausläuft.

 

Sie gingen schon fünf Minuten und jeder der beiden hatte mal gerade zwei Sätze von sich gegeben. So ist das hier in dieser Gegend. Es braucht nicht vieler Worte um sich zu verstehen.

 

Die Temperaturen lagen weit unter dem Gefrierpunkt. Es war also ?mopsich kalt?, wie Hinnerk Tönnissen, der Dorf-Clown zu sagen pflegte. "Der Celsius fällt wie n reifer Appel", fügte er meist noch hinzu.

 

Fiete und Jan waren gute Freunde und ein bisschen spleenig. Während sich der Rest der männlichen Dorfbevölkerung an diesem Sonntag nach dem Kirchgang im Dorfkrug mit Hochprozentigem aufwärmte, beschlossen die beiden, "auf'm See" ihren Gedanken nach zu gehen. So waren sie eben.

Weil es halt so "mopsig" war, begannen sie, etwas schneller zu gehen, damit das Blut besser zirkulieren konnte.

Nach einer Zeit bemerkte Fiete, dass er vom schnellen Gehen unter seiner dicken Joppe zu schwitzen begann. Und es entwickelte sich folgender Dialog:

"Du, Jan".

"Wat is, Fiete?"

"Ich schwitz".

"Ich auch".

Nach einer Schweigeminute...

"Du, Jan".

"Wat is, Fiete?"

"Wär hier ne Bank, könnten wir uns setzen und verschnaufn".

"Du machst Spaß, Fiete".

"Wieso?"

"Ne Bank - mitten aufn See ?!"

"Ach ja, hatt ich ganz vergessn".

Nach einer weiteren Schweigeminute...

"Ich hab ne Idee, Jan!"

"Ne Idee?"

"Jo ! Wir bleiben einfach für ne Weile stehn".

"Unn dann?"

"Bis wir wieder frie'n, dann gehn wir wieder weiter".

"Gute Idee! Unnern Arm bin ich schon ganz nass".

Gesagt getan. Beide blieben stehn, zogen fast synchron ihr Pfeifchen aus ihren Jacken und schauten auf den grauen, dickgefrorenen See. Dann in den grauen, eisigen Himmel. Das kleine Dorf war im Dunst schon fast nicht mehr zu erkennen, obwohl ein schneidender Wind seit Tagen über das schweigende Land blies.

"Du, Fiete".

"Wat ist, Jan?"

"Wieviel Wasser hat wohl unser Teich?"

"Unser Teich?"

"Jo".

"Meinst du in Liter oder Kubikmeter?"

"Allgemein, mein ich".

"N Paar Badewannen voll sind schon drin, denk ich".

"Jo! Das wird sein, Fiete".

Es folgte wieder eine Schweigeminute.

"Ich glaub, jetzt frier ich wieder, Jan".

"Jo! Ich denk, ich auch".

"Celsius is wieder gefallen".

"Wien reifer Appel".

Als Fiete zum Gehen ansetzt, passiert es. Er fällt wie Celsius und mit einer lächerlichen Bewegung  voll auf die Schnauze.

"Wasn los, Fiete? Bist besoffen?"

"Denk nich, Jan. Aber meine Füße kleben fest!"

"Das wird nich sein", bezweifelte Jan. Und mit der gleichen komischen Bewegung knallte er  im selben Augenblick neben Fiete aufs Eis.

"Meine auch".

Fiete ging vorsichtig in die Hocke und versuchte mit den Fingerspitzen die Schuhsohlen unter den Zehen hochzuziehen. "Sitzt fest!?

"Das liegt an den neuen Stiefeln aus der Stadt", stellte Jan fest. "Das Matrial taucht nix!"

"Das wird sein".

Beide hielten sich aneinander fest und rappelten sich mit schaukelnden Bewegungen wieder auf die festgefrorenen Füße.

"Unn nu?", fragte Fiete.

"Mhm", überlegte Jan und zog die Mundwinkel nach unten.

Fiete zog seine Handschuhe aus, griff in die Innentasche seiner Joppe und zog einen Flachmann heraus. Dabei verlor er fast das Gleichgewicht. Mit rudernden Armbewegungen  bekam er seinen Körper wieder unter Kontrolle.

"Lass bloß nich falln !", sorgte sich Jan.

Dann tranken beide in ruhigen Schlucken den gut und gerne 60Prozentigen.

"Wenn wir den Schnaps irgendwie unter die Sohlen bekämen...", sagte Fiete mehr zu sich selbst.

"Nee, kannst nich machn", protestierte Jan

"Nee,is zu schade", nickte Fiete einsichtig.

"Viel zu schade", bestätigte Jan.

Nach einer Schweigeminute...

"Das Frühjahr soll dies Jahr zeitig sein", sinnierte Jan.

"Jo. Ich glaub, is auch schon nich mehr ganz so mopsich".

"Denk ich auch. Mir is wieder ganz warm", sagte Jan, schob seine Mütze in den Nacken und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn.

"Wenns bald kommen tät, könnten wir ja warten bis taut".

"Wer kommt?"

"Na, das Frühjahr!"

"Mhm?!".

Sie wandten sich wieder dem Flachmann zu.

"Aahh", meinte Jan nach einem tiefen Schluck. Und nach einem feuchten Blick auf seine Heimat: "Schön hier, was?"

"Schöner als inne Stadt", bestätigte Fiete kopfnickend.

Nach einer Schweigeminute mit warmem Glücksgefühl, ob der stolzen Gewissheit in einem herrlichen Fleckchen Erde beheimatet zu sein:

"Du, Jan".

"Wat is, Fiete?"

"Ich kann nich bis Frühjahr warten".

"Wieso nich? Kommt doch zeitig."

"Ich kann nich schwimm! ".

"Richtig. Kannst du nich".

"Nee".

"Düwel noch ma. Dasn Pech !"

"Jo!".

Jetzt zog Jan seinerseits die Handschuhe aus und zog ebenfalls einen Flachmann aus seiner Joppe.

"Dann muss ich nachdenkn", sagte er und tat einen kräftigen Zug. Dabei bog er seinen Oberkörper gefährlich weit nach hinten, in Anbetracht der angefrorenen Lage. Trotzdem überstand er die Übung ohne physischen Schaden.

"Jo. Denk ma nach", sagte Fiete und gab dem Flachmann den Rest.

Nach einer Schweigeminute...

"Unn wenn wir das "Flachstädter Tagblatt" verbrenn?, brach Fiete das Schweigen. " Mit breitem Grinsen schaute er zu Jan.

"Jo, die schreiben eh nur Mist. Aber is das nich strafbar?", zweifelte Jan.

"Nee, das mein ich nich... hier!", und damit zog er ein Exemplar der besagten Zeitung  aus der Tasche. "Davon ein paar Blätter zwischen die Füße, anzünden und warten.?

?Gute Idee. Könnte klappen.?

Während Fiete sich bückte  und ein paar zerknüllte Flachstädter Tagblätter zwischen seinen Stiefeln anzündete, hielt ihn Jan am Ellbogen fest.

Das trockene Papier loderte leise - ganz in orange. Verzückt schauten beide eine Weile in die wärmenden Flammen.

Nachdem Fiete mit letzter Anstrengung und heißen Fingern, das Feuer zwischen seinen angesengten Hosenbeinen ausgeklopft hatte, besah er sich den Schaden und meinte:

"Die Büx war eh nich mehr für gut".

Die Stiefel ließen sich immer noch nicht bewegen, und man schwieg wieder eine Weile...

"Wenn du nich schwimm kanns, bringt es nix, zu warten", stellte Jan schließlich fest.

"Nee, dat bringt mich nix".

Wieder verrann eine Schweigeminute. Dann tat der Selbstgebrannte seine Wirkung.

"Ich habs !",stieß Jan endlich hervor.

"Wat?"

"Die Lösung !"

"Nee ?!"

"Doch !"

"Das is  jetz  schade", meinte Fiete.

"Wat?"

"Na, dass die Flachmänner leer sind".

"Stimmt".

"Sonst hätten wir drauf trinken können".

"Hätten wir".

Nach einer Schweigeminute...

"Is  dir noch kalt, Fiete?".

"Nee, glaub nich'".

"Gut. Dann zieh  die Stiefel aus!"

"He??"

"Ja, jetz weiß ich, wie wir hier wegkomm!  Wir ziehn einfach unsre Stiefel aus!"

"Unn dann ?".

"Dann gehn wir nach Haus. Ich hab Durst".

 

 

 

 

JASMIN

 

Es war Freitagnachmittag. Der schwarze Mercedes Actros Sattelzug fuhr mit gut siebzig Sachen über die Dorfstraße, wie jeden Freitag um diese Zeit. Jasmin saß mit ihrem Gameboy in den Händen auf der Vorgartenmauer, als der Fahrtwind  der vorbei brausenden Maschine an ihren langen blonden Haaren zerrte, als wollte er ihr sagen: "Komm mir niemals zu nahe, Kleines!" Jasmin schien nicht sonderlich beeindruckt. Ohne den Kopf zu heben schaute sie dem bedrohlichen Gefährt mit zusammen gekniffenen Augen hinterher, wandte sich aber nach wenigen Sekunden wieder ihrem Spiel zu.

 

   Ihre Eltern, Karl und Franziska Berg, hatten sich vor zwei Jahren getrennt, als Jasmin  knapp acht Jahre alt war. Franziska hatte Karls Wutausbrüche ebenso satt, wie seine Handgreiflichkeiten. Da sie sich mit der Kindererziehung überfordert fühlte und nie ein mütterliches Verhältnis zu ihrer Tochter entwickelte, viel es ihr leicht, das Haus zu verlassen und ihrer Wege zu gehen. Nun hatte Karl allein "das Problem am Hals", was er Jasmin bei jeder Gelegenheit wortwörtlich zu verstehen gab. Dass seine Tochter mit jedem neuen Tag ihrer Mutter immer ähnlicher sah,  bewirkte in Karls gestörtem Gefühlsleben, dass er seinen Hass auf Franziska auch auf Jasmin übertrug.

 

   Als Jasmin genug vom Gameboyspielen hatte und in die Küche kam, um etwas zu trinken, erwartete Karl sie schon.

   "Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht auf der kalten Gartenmauer sitzen ?"

   Er stand neben dem Kühlschrank mit den Händen in den Hosentaschen.

   "Aber die Sonne scheint doch und die Mauer ist gar nicht kalt", erwiderte sie.

   Jasmin blieb stehen und sah auf ihre Schuhspitzen.

   "Komm her!" Sein Kinn zuckte.

Langsam ging Jasmin auf ihn zu. Als sie einen Schritt vor ihm stand, hob sie den Kopf, wischte sich die Haare aus der Stirn und sah ihrem Vater mit klaren Augen ins Gesicht, denn sie wusste, was jetzt geschehen würde, aber sie hatte schon lange keine Angst mehr. Als hätte jemand mit einer Fliegenklatsche gegen die Wand geschlagen, hörte es sich an, als Karls flache Hand auf Jasmins linke Wange traf.

 

   "Geh auf den Zimmer, sofort! In einer Stunde kontrolliere ich deine Hausaufgaben. Und wehe dir, wenn ich in deinem Heft wieder nur Geschmiere finde." Seine linke Hand war zur Faust geballt, mit der Rechten wies er zur Tür Jasmin sagte kein Wort, drehte sich ohne Eile um und ging die knarrende Holztreppe hinauf zu ihrem Zimmer. Ihr Kinn zitterte leicht und zwei Tränen rannen über ihre Wangen.

 

   Karls Blick fiel auf  den Gameboy, den Jasmin auf den Küchentisch gelegt hatte. "Und nimm dieses verdammte Ding mit", schrie er und stieß das Spiel von der Tischplatte, dass es auf den Bodenfliesen gegen die Wand schlitterte, wo es mit einem scheppernden Geräusch zerbrach.

 

   Jasmin hatte keine Freunde. Sie war still, mit fas autistischen Zügen. Vor allem war sie Fremden gegenüber sehr zurückhaltend. Mit einer Ausnahme. Die alte Frau Simmet, die gegenüber, auf der anderen Straßenseite wohnte, war, wenn es Jasmin besonders schlecht ging, so etwas wie eine Ersatzoma. Auch bei ihr sprach Jasmin nicht viel, was sie auch gar nicht musste. Frau Simmet wusste auch so, was das Mädchen so sehr vermisste. Sie hatte immer einen warmen Kakao und ein paar Kekse oder Schokolade  für die Kleine. Doch vor allem ging von ihr eine Wärme und Zuneigung aus, die Jasmins Seele gut tat. Und weil der zehnte Geburtstag ihrer kleinen Freundin bevor stand, wusste sie auch, was sich Jasmin zum Geschenk wünschte. Ein paar Rollschuhe. Sie wollte keine Inliner, sondern Rollschuhe. Die mit den knallig-bunten Kunststoffrollen und dem großen Stopper. Ihrem Vater hatte sie nichts davon erzählt. Er würde ihren Geburtstag sowieso wieder vergessen, genau wie letztes Jahr und das Jahr davor.

   Der Geburtstag kam und sie sollte Recht behalten. Ihr Vater schickte sie morgens ohne ein Wort zur Schule, und als sie am Mittag nach Hause kam, saß er an seinem Schreibtisch ohne sie auch nur anzusehen.

 

   Obwohl Jasmin damit rechnete, dass er auch diesmal ihren Geburtstag vergessen würde, lag sie auf ihrem Bett und weinte sich in den Schlaf. Als sie aufwachte, telefonierte ihr Vater mit einem Zeitungsredakteur für den er als freier Journalist einen Artikel schreiben sollte. Jasmin schlich sich an der offenen Tür des Arbeitszimmers vorbei, rutschte das Treppengeländer hinunter um sich nicht durch das Knarzen der Stufen zu verraten und zog anschließend, so leise sie konnte, die Haustür zu. Dann lief sie mit  wehenden Haaren und feuchten Augen über die Betonplatten der Einfahrt rüber zur alten Simmet.

   Es war Freitagnachmittag und in ihrer Erregung hatte sie den schwarzen Truck nicht kommen hören, der wie immer viel zu schnell über den Asphalt jagte. Der Fahrer trat das Bremspedal bis zum Anschlag, als er das Mädchen auf die Straße rennen sah, doch es würde nicht reichen. Er löste kurz die Bremse und machte einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war sie leer. Jasmin stand  mit aufgerissenen Augen und offenem Mund mitten auf der Fahrbahn. Sie konnte keinen Muskel mehr bewegen.

   Der Lastzug kam hundert Meter weiter mit quietschenden Bremsen zu Stehen. Jasmin bekam nicht mit, dass der Fahrer seine gut hundert Kilo mit einem Satz auf die Straße beförderte und ihr mit aschfahlem Gesicht entgegen stampfte. Er sah aus, wie ein Stier bei einer spanischen Corrida, der schnaubend vor Schmerz und Wut auf den Torero los ging. Als er bei ihr angekommen war, zog er sie wortlos mit einem kräftigen Ruck an ihrem Oberarm auf den Bürgersteig. Ein gequältes "Aahh" kam aus ihrem Mund. Der Fahrer baute sich vor ihr auf und brüllte auf sie ein, doch Jasmin war so verstört, dass sie den Sinn seiner Worte nicht verstand. Sie blickte zu ihm hoch und sah nur, dass sich sein dicker Bauch unter seinem grünen Hemd ständig vor und zurück bewegte. Sie wollte ins Haus laufen, doch der Dicke hielt sie fest. Als sie wieder zu ihm hoch schaute und sich seinem Griff entwinden wollte, sah sie einen Schatten auf sich zukommen. Einen Wimperschlag später spürte sie den brennenden Schmerz einer Ohrfeige an ihrem Kopf.

   Sie riss sich los und rannte dabei gegen ihren Vater, der vom Fenster seines Arbeitszimmers aus alles beobachtet hatte, nachdem er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Jasmin hatte keine Gelegenheit sich von dem Schrecken zu erholen, denn Karl war außer sich vor Wut und prügelte unkontrolliert auf sie ein, während Jasmin schreiend vor Schmerz und Angst vor ihm her ins Haus lief. Sie hörte nicht mehr, dass der Fahrer ihrem Vater hinterrief: "Komm, Mann, lass gut sein. Das reicht jetzt."

 

   Im Haus gegenüber stand eine alte Frau zitternd hinter den Fenstergardinen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

 

   Am Tag danach ging Frau Simmet zum Briefkasten, als sie bemerkte, dass Karl Berg ein paar Sachen aus dem Kofferraum seines Wagens in seine Garage trug. Sie atmete tief durch, zupfte nervös an ihrer ärmellosen Weste, und ging über die Straße zu ihm hin.

   "Herr Berg", begann sie und versuchte Freundlichkeit in ihre Stimme zu legen. "Ich muss mal mit Ihnen reden."

   "Was ist?"

   Karl stellte einen Karton auf ein Garagenregal und ging an ihr vorbei zu seinem Auto ohne sie dabei anzusehen.

   "Es geht um Jasmin..."

   "Was hat das Teufelsweib schon wieder angestellt?"

   Er blieb am Auto stehen und stemmte die Hände an seine Hüfte. Er war mindestens zwei Köpfe größer als sie, sein Körper wirkte durchtrainiert. Mit seinen dunklen Haaren und dem schwarzen  Schurrbart erinnerte sie ihn  ein wenig an Tom Selleck in seiner Rolle als "Magnum". Nur seine Augen wirkten aggressiv und unsympathisch.

Frau Simmet rechnete zwar damit, dass ihr Nachbar sie anfauchen würde, doch die Härte seiner Stimme ließ ihre Knie weich werden.

Noch bevor sie etwas erwidern konnte, kam Karl auf sie zu. Einen Tick zu nahe für ihren Geschmack.  Sein Atem roch nach Tabak.

   "Was ist es diesmal?"

   Er redete keinen Deut leiser, als vorhin, als er gut zehn Schritte von ihr entfernt stand.

   "Nein, nein. Sie hat nichts angestellt, Herr Berg".

   Die alte Simmet machte dabei eine beschwichtigente Armbewegung.

   "Nein? Nichts angestellt? Das ist ja mal ganz was Neues."

   Karl ließ sie stehen und ging wieder zum Wagen.

   Frau Simmet folgte ihm ein paar Schritte nach, um nicht lauter reden zu müssen. Die Nachbarn sollten nicht das ganze Gespräch mit anhören müssen.

   "Jasmin hatte doch gestern Geburtstag und...."

"Ach, du Scheiße", sagte Karl und stellte die Tasche, die er gerade aus dem Kofferraum genommen hatte wieder hinein.

   "Ich habs vergessen. An was soll ich denn noch alles denken, verdammt noch mal".

   Er nahm die Tasche wieder raus und knallte den Kofferraumdeckel zu und ging  wieder zur Garage.

   "Haben Sie gehört, was sie sich gestern wieder geleistet hat? Um ein Haar wäre sie jetzt unter der Erde."

   Die letzten Worte brüllte er, so dass Frau Simmet tief durchatmen musste. Sie wünschte, sie hätte das Gespräch nie begonnen.

   "Ja", sagte sie fast lautlos. "Ich habe es gesehen."

   "Und was, bitteschön, hat das mit ihrem Geburtstag zu tun? Und was, in aller Welt, geht Sie das überhaupt an?"

   Die letzte Frage überhörte sie.

   "Jasmin hat mir heute morgen, als sie zur Schule ging nur gesagt, dass Sie ihren Geburtstag wohl vergessen hätten. Und da ich weiß, dass sie sich Rollschuhe mit bunten Rollen und Stopper wünscht, wollte ich Ihnen damit nur einen Tipp geben. Vielleicht schenken Sie ihr die Rollschuhe doch noch nachträglich."

   Sie hatte ihre Hände in ihrer gestreiften Kittelschürze vergraben und hoffte, dass ihr Nachbar nicht merkte, wie sie am ganzen Leibe zitterte.

   "Ach, so! Sie wollten mir nur einen Tipp geben, ja?"

   Karls Augen funkelten, als er auf Frau Simmet zuging. Er beugte sich so nahe zu ihrem Gesicht herunter, dass  sie ihr eigenes Spiegelbild in seiner kohleschwarzen Iris erkennen konnte.

   "Ich sag Ihnen mal was. Ich benötige keine Tipps von herumschnüffelnden neunmalklugen Nachbarn".

   Er hatte seinen Arm gehoben und fuchtelte mit der Spitze seines Autoschlüssels gefährlich nahe vor Frau Simmets Augen.

   "Ich weiß schon lange, dass Sie mit dem Gör unter einer Decke stecken. Ich verbiete Ihnen ab sofort jeglichen Umgang mit meiner Tochter. Ist das klar?"

   Seine Worte stießen so heftig hervor, dass sich feine Speicheltröpfchen aus seinem Mund auf ihrem Gesicht verteilten. Er drehte sich um und zog mit einem heftigen Ruck das Garagentor herunter, so dass es noch sekundenlang im Schloss hin und her schwang. "Und jetzt verschwinden Sie von meinem Grundstück."

 

   Die alte Simmet hatte Tränen in den Augen und ihre Beine versagten ihr fast den Dienst, als sie schwer atmend die Straße überquerte.

 

   Am Dienstag, als Jasmin aus der Schule kam, wartete Karl in der Küche auf sie. "Hier", sagte er. "Für dich", und er zeigte dabei auf ein viereckiges Päckchen, das auf dem Küchentisch lag. Zu mehr war er nicht fähig. Das Päckchen war etwa so groß wie ein Schuhkarton und in buntes Papier gewickelt.

 

   Jasmins Augen zeigten keine Freude. Sie waren so leer, wie das Herz ihres Vaters. Unter ihrer blassen Gesichtshaut konnte man feine, blaue Adern sehen. Sie zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, dann nahm sie das Paket und ging wortlos auf ihr Zimmer.

 

   Am Donnerstagnachmittag zog sie den bunten Karton unter ihrem Bett hervor, wo er seit Dienstag gelegen hatte. Sie hob ihn auf die Bettdecke und starrte ihn an, als fürchtete sie sich vor dem, was sie darin finden würde. Es vergingen Minuten in denen ihre Augen regungslos auf das Papier gerichtet waren. Langsam begannen ihre weißen Hände die Verpackung aufzureißen. Dann hob sie ebenso behutsam den Deckel der Schachtel und schaute mit großen traurigen Augen auf die neuen Rollschuhe. Es waren haargenau die, die sie sich so sehr gewünscht hatte. Mit großen breiten Rollen aus neonrotem Kunststoff und  mit einem dicken roten Stopper.

   Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, als sie den Karton wieder verschloss und unter ihrem Bett verschwinden ließ. Sie knüllte das Geschenkpapier mit beiden Händen zusammen und warf es in den Papierkorb.

 

  Am Freitag war der erste Tag der Sommerferien. Trotzdem stand Jasmin bereits um sieben Uhr auf. Ihr Vater schlief noch, als sie mit den Rollschuhen in der Hand vors Haus ging.

   Der Himmel war wolkenverhangen. Es schien, als hätte sich der Tag unter einer grauen Bettdecke verkrochen, um eine Runde länger zu schlafen. Zum ersten mal seit Wochen mit brütender Hitze und Trockenheit, sah es heute danach aus, als gäbe es den von vielen lang ersehnten Regen.

   Sie setzte sich auf die gelben Gehwegplatten in der Einfahrt und stellte die Rollschuhe vor ihre Füße. Sie hatte ihre beigefarbenen Lederstiefeletten an und stellte einen Fuß auf die Metallsohle des Rollschuhes und passte die Länge der Sohle ihrer Fußgröße an.

In ihrer Schule gab es einige  Kinder mit solchen Rollschuhen, denen sie dabei schon oft verstohlen zugeschaut hatte.

   Nachdem der zweite Rollschuh an der Stiefelette befestigt war, begann sie zaghaft aufzustehen und rollte vorsichtig bis zum Torpfosten der Gartenmauer. Mit entschlossenem Blick begann sie ein stundenlanges Rollschuhtraining. Und es klappte von Minute zu Minute besser. Sie fuhr dabei auf dem Bürgersteig ihrer Straße rauf und runter. Von der Litfasssäule an dem einen Ende bis zu der alten Platane an dem anderen. Jasmin wurde dabei immer sicherer und sie fuhr immer schneller.

   Einmal stand die alte Simmet am offenen Fenster und rief Jasmins Namen, doch Jasmin hörte sie nicht. So hatte sie das kleine zarte Mädchen noch nie gesehen. Ihr kam es vor, als sei das blasse Gesicht heute noch eine Nuance heller, fast weiß. So wie das harte, leblose Gesicht einer Porzellanpuppe.

 

   Karl hatte am Mittag einen Termin außer Haus und holte den Wagen aus der Garage. Als er bemerkte, mit welchem Tempo Jasmin die Straße entlang fuhr, ging er zum Tor und rief ihr nach:

"He, Jasmin! Wenn du mit den Dingern irgendeinen Scheiß baust, fliegen sie in den Müll und du hinterher. Hast du mich verstanden?"

   Jasmin raste, wie von einer unsichtbaren Hand an einem ebenso unsichtbaren Seil gezogen,  weiterhin die Straße rauf und runter. Dabei war sie schon so geschickt, dass sie entgegenkommenden Passanten mit einer leichten Bewegung ihres Oberkörpers ausweichen konnte, ohne ihr Tempo zu verringern. Sie lief, als hätte sie in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes gemacht.

   Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ihr Vater zu seinem Auto und fuhr zu seinem Treffen.

 

  Die Wolken verhüllten das Firmament mit einem undurchdringlichen anthrazitfarbenen Vorhang und lagen so schwer und tief über dem Ort, als wollten sie ihn mit ihrer kühlen Feuchte langsam aber unaufhaltsam ertränken. Die ersten Tropfen fielen klatschend auf den schwarzen Asphalt. Jasmins Kleidung wurde nass. Bald klebten ihre Haare am Kopf und sie musste die Augen zusammen kneifen. Doch das hielt sie nicht davon ab, die Kunststoffrollen singen zu lassen. Wie auf Schienen glitt sie über den Bürgersteig.

 

   Als Frau Simmet wieder nach ihr schaute, sah sie zu ihrer Erleichterung, wie Jasmin in die Einfahrt einbog und ohne die Rollschuhe auszuziehen im Haus verschwand.

   "Gott sei dank", sagte sie mit einem Seufzer. "Sie ist doch noch vernünftig geworden."

   Fünf Minuten später, als Frau Simmet in ihrer Küche stand und das Geschirr von ihrem Mittagessen spülte, hätte sie sehen können, wie Jasmin mit frischen Kleidern versehen wieder durch das Gartentor rollte.

 

   Der Platzregen hatte sich zu einem nebelartigen Sprühregen abgeschwächt, der Häuser und Straßen mit einem Schleier verhüllte. Trotzdem war die Lufttemperatur nur unwesentlich niedriger als in den vergangenen Tagen. Der Asphalt war durch die starke Hitze der letzten Tage noch  so aufgewärmt, dass er das Regenwasser in weiße Dampfwölkchen verwandelte. Die Luft war warm und drückend.

   Der Straßenverkehr hatte sich jetzt am frühen Nachmittag beruhigt, und auch die Fußgänger hätte man an einer Hand abzählen können. Der Ausdruck "verschlafenes Nest" traf in dieser Stunde den Nagel auf den Kopf. Selbst der Wind und die Vögel schienen sich einig eine Siesta einzulegen.

   Das einzige Geräusch in dieser gespenstischen Stille kam von Jasmins Rollschuhen. Das Singen der Rollen war auf dem nassen Bürgersteig zu einem wütenden Gurgeln geworden.

   Doch noch ein Geräusch gesellte sich dazu. Das näherkommende Dröhnen eines 500-PS-starken Dieselmotors. Der schwarze Truck kam wieder nach Hause und er fuhr wieder über dem Limit.

 

 

   Jasmin fuhr auf die Platane zu und blieb mit einem gekonnten Bremsschwung neben dem riesigen Baum stehen. Dicke Wassertropfen fielen von seinen Blättern auf sie hinunter. Langsam drehte sie sich um. Sie sah zum anderen Ende der Straße. In ihren Augen vermischte  sich ihr Schmerz mit einer vrzweifelten Entschlossenheit zu einer unseligen Allianz.

   Das wütende Grollen des Dieselmotors wurde lauter.

   Mit langsamen Schritten lief Jasmin ihm entgegen.

   Jetzt konnte man die Scheinwerfer des Lastzuges sehen, in deren Lichtkegel die Regentropfen wie winzige goldgelbe Sternschnuppen zu Boden fielen.

   Jasmin steigerte ihre Geschwindigkeit. Ihre Kleider waren inzwischen wieder nass geworden und ihre Haare klebten ihr in Strähnen im Gesicht.

 

   Der Lastzug wurde keinen Deut langsamer, obwohl dem Fahrer doch vor ein paar Tagen in dieser Straße der Schrecken gehörig in seine fetten Glieder gefahren war. Hinter dem Sattelaufleger stob eine meterhohe Sprühnebelfahne, die sich wie ein mächtiger gespentischer Reiter, peitscheschwingend über dessen dunkler Plane mit  dem grauen Himmel vereinte.

 

   Jasmin wurde immer schneller. Die dunklen Ringe um ihre großen Augen ließen sie krank und alt erscheinen. Sie fuhr so schnell, dass die klatschnassen Haare vom Fahrtwind über ihren Nacken hinausgehoben wurden.

   Jetzt war der Lastzug fast an ihrem Haus angekommen, als Jasmin in rasender Fahrt vom Bürgersteig auf die Straße sprang. Direkt auf den schwarzen Truck zu.

 

   Diesmal hatte der Fahrer keine Chance auszuweichen. Es ging alles viel zu schnell.

   Jasmin prallte mit  Kopf und Schultern frontal gegen den  Kühlergrill. Von der Wucht des Aufpralls wurde sie auf den Bürgersteig vor ihrem Haus geschleudert. Wie eine große Puppe, mit der ein wütendes Kind nicht mehr spielen wollte.

 

  Nach endlosen Sekunden kam die Maschine zum Stehen. Im gleichen Moment kam Jasmins Vater nach Hause. Frau Simmet riss ihre Haustür auf,  stürzte über die Straße auf  den mit verdrehten Gliedern daliegenden kleinen Körper zu. Sie stand mit Karl und dem Fahrer um das Mädchen herum. Ihnen war das Blut aus den Adern gewichen. Stumm und mit zugeschnürter Kehle schauten sie auf das Mädchen herab.

   Auf  Jasmins Gesicht und in ihren Haaren mischte sich der Regen mit ihrem hellroten Blut.

 

   Die ersten scheuen Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolkenwand. Und  in ihrem goldgelben Licht schien es, als spielte ein heiteres, zufriedenes  Lächeln um Jasmins bleiche Lippen.

   

 

 

 

 

 

KAKERLAKEN TRAUERN NICHT

 

 

Blatella germanica war der favorisierte Fachausdruck von Günter Dremmer - gleich nach Blatta orientalis. Diese Worte kamen ihm über die Lippen, wie Unsereinem zum Beispiel Erdbeertorte oder Jägerschnitzel. Das soll nicht heißen, dass Dremmer beim Anblick von Kakerlaken das Wasser im Munde zusammenlief. Nein. Wenn er feststellte, dass es sich diese unappetitlichen Tierchen in einer Küche gemütlich gemacht hatten, sah er vielmehr das Geld, das ihm deren Vertreibung einbrachte.

Günter Dremmer war Schädlingsbekämpfer mit eigener Firma.

 

   Auch sonst war er ein Freund starker Worte. An seinem gelben Transit, der mit diversen Arbeitsutensilien, Lockstoffen und Pestiziden beladen war, stand über seinem Namen und der Telefonnummer in feuerroten Großbuchstaben: TERMINATOR.

 

   Es war eine Art Hassliebe, die Dremmer mit Silberfischen, Asseln, Fliegen und Schaben verband. Einerseits konnte er das Ungeziefer auf den Tod nicht ausstehen, andererseits hatte er es mit Hilfe der Insekten zu einer großzügig dimensionierten Behausung außerhalb der Stadt und einem relativ sorgenfreien Leben gebracht.

 

   Sein Geschäft lief solange gut, bis einige seiner Mitmenschen erkannten, dass es eigentlich in ihrer Stadt viel zu viele Schädlinge gab, aber viel zu wenige Experten, die sich mit deren Ausrottung auskannten. So wuchs im Laufe der Zeit die Zahl seiner Konkurrenten. Und im gleichen Ausmaße sank sein Einkommen.

 

   Eines abends saß Günter Dremmer im Arbeitszimmer seines Anwesens und dachte darüber nach, wie er Mittel und Wege finden könnte, um aus seinem Dilemma herauszukommen. Auf die Hilfe eines Partners musste er verzichten, denn er lebte alleine. Frauen hielten es nie lange bei ihm aus. Mag sein, dass es daran lag, dass er mit Wasser, Seife und Zahncreme eher, sagen wir mal sparsam umging. Mag sein, dass es am Rotweinnebel lag, der ihn ständig umgab. Mit der Zeit hatte er es aufgegeben, nach Gründen zu suchen. Seiner Meinung nach waren Frauen sowieso ein teurer Zeitvertreib und verursachten nur Ärger. Da war ihm seine Unabhängigkeit allemal lieber.

 

   Vor ihm lag ein leeres Blatt Papier und ein Stift, um sich gleich Notizen zu machen, falls ihm die Erleuchtung kam. Im  Mundwinkel hielt er das Villiger-Zigarillo zwischen den gelben Zähnen und starrte im Schein der Schreibtischlampe in sein volles Weinglas. Seine struppigen roten Haare waren das Ebenbild seiner Gedanken. Sie standen kreuz und quer, zeigten in alle Richtungen und waren bar jeder Ordnung.

 

   Als er am Morgen aufwachte, lag sein Kopf auf dem zerquetschten Zigarillo, das Weinglas war leer und der Stift hatte auf das Papier ein seltsames Muster gekritzelt, das aussah, wie eine herausgestreckte Zunge. Das Kreuz tat ihm weh und sein Nacken war hart wie ein Stück Holz. Seine Zunge schien sich über Nacht vom restlichen Körper getrennt zu haben und zu einem ausgestopften Pelztier mutiert zu sein. Während er den Pelz mit seinen Zähnen nach eventuell doch noch vorhandenen Lebenszeichen untersuchte, schleppte sich unter die Dusche.

 

   Genau in dem Moment, als er das Wasser aufdrehte, kam ihm die rettende Idee. Deshalb hielt er sich auch nicht lange mit der Körperreinigung auf, sondern rannte klatschnass und wie Gott (Gott?) ihn schuf zurück ins Arbeitszimmer zur Kundenkartei. Da waren sie! Alle Namen und Adressen derjenigen, die er einmal aus einer misslichen Lage gerettet hatte.

Es wird Zeit, dachte er, dass ihr wieder einen Grund bekommt, meine Telefonnummer zu wählen.

 

   Die Blatella germanica, auch Hausschabe genannt, war genau das Richtige, entschied Dremmer. Diese kleinen Biester sollten ihm dazu verhelfen, seinen Kontostand wieder ins Lot zu bringen. Schon am nächsten Tag begann er, seine umsatzfördernde Idee in die Tat umzusetzen. Es war für ihn ein Leichtes, ein paar dieser Störenfriede bei einem seiner Einsätze unbemerkt einzusammeln. Auf dem Trödelmarkt besorgte er sich zwei Glasterrarien, die ihm als Aufzuchtstation dienen sollten. Er bot den Krabblern bei sich zu Hause eine neue, artgerechte Unterkunft, worin sie sich wohlfühlten und fruchtbar waren.

Nennt man das nun einInsektarium, oder eher ein Kakerlakium ?, ging es ihm durch den Kopf, als er sein Werk betrachtete. Wie auch immer, es sollte vor allen Dingen der Fastenzeit seines abgemagerten Girokontos ein schnelles Ende bereiten.

 

   Um die zwanzig Eier konnte so ein Kakerlakenweibchen in seiner Legeröhre mit sich herumtragen. Für jeden Kunden ein schwangeres Weibchen. Das müsste reichen. Jetzt blieb nur noch ein Problem. Wie kamen die Tierchen zum Kunden?

Man müsste einen Weg finden, dachte er, die "Ware" in die Wohnungen einzuschleusen, ohne dass der Betreffende etwas davon bemerkt.

Er konnte sie ja schlecht mit der Post schicken. Oder etwa doch? Und da hatte er auch schon den nächsten Geistesblitz.

 

   Zwei Tage später klingelte bei seiner Kundin, Frau Kornblum, das Telefon.

"Kornblum".

"Guten Tag, liebe Frau Kornblum. Hier ist Dremmer. Günter Dremmer, Schädlingsbekämpfung. Erinnern Sie sich noch an mich, liebe Frau Kornblum?"

"Schädlingsbekämpfung? Ach, ja, richtig. Jetzt fällts mir wieder ein. Sie waren ja damals hier wegen  der...der...Käfer".

"Genau, liebe Frau Kornblum. Wegen der Käfer".

"Aber hören Sie. Ich hab jetzt keine mehr. Bei mir ist alles in Ordnung".

"Das ist doch hervorragend, liebe Frau Kornblum. Ich ruf ja auch nur an, weil Sie doch bald Geburtstag haben, nicht wahr?"

"Geburtstag? Ja... aber...."

"Ja, ich weiß. Es sind noch ein paar Tage bis dahin, liebe Frau Kornblum. Aber ich habe mir gedacht, machst der lieben Frau Kornblum mal eine Freude zu ihrem Festtag. Wissen Sie, jeder meiner Kunden bekommt von mir eine kleine Geburtstagsüberraschung. Nichts Besonderes. Nur so, als kleine Aufmerksamkeit, liebe Frau Kornblum".

"Ja, das ist aber sehr nett von Ihnen, Herr... Herr...".

"Dremmer, liebe Frau Kornblum. Ja, und deswegen rufe ich ja auch an. Also ich habe das kleine Päckchen bereits zur Post gebracht und wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass sie das Geschenk keines Falls vor Ihrem Freudentag öffnen dürfen, liebe Frau Kornblum. Wissen Sie, ich bin da sehr abergläubisch. Es bringt Unglück, wenn man sein Geburtstagsgeschenk zu früh aufmacht. Deshalb rufe ich an. Bitte öffnen Sie das Präsent erst an Ihrem Geburtstag. Es soll Ihnen ja schließlich Glück bringen, nicht wahr, liebe Frau Kornblum".

"Aber ja, natürlich, Herr Dremmer. Und vielen Dank schon mal im voraus. Das ist wirklich nett von Ihnen".

"Ausgezeichnet, liebe Frau Kornblum. Dann kann ich mich ja darauf verlassen. Und meine Karte haben Sie noch, liebe Frau Kornblum? Man weiß ja nie, nicht wahr?"

"Ich hoffe ja nicht, Herr Dremmer. Aber die Karte habe ich noch. Hier an meiner Pinnwand".

"Gut, Frau Kornblum. Und denken Sie daran. Erst am Geburtstag öffnen. Also, alles Gute, liebe Frau Kornblum".

"Wiederhörn, Herr Dremmer".

 

   Dremmer legte auf und wartete geduldig auf das Ergebnis seines Experimentes. Wenn es bei Frau Kornblum funktionieren würde, dann sollte es auch bei den meisten anderen seiner Karteileichen klappen, da hatte er keine Bedenken. Einen Grund, jemandem ein Päckchen zu schicken, wenn es bis zum Geburtstag zu lange hin war, boten Namenstage, Ostern, Pfingsten, oder Weihnachten. Da fand sich immer etwas. Er würde seinen Konkurrenten schon die gelben Zähne zeigen. Der Terminator würde sie zertreten, wie lästiges Ungeziefer. Etwas anderes waren sie in seinen Augen nicht

 

   Frau Kornblum setzte ihre Lesebrille, die an einer vergoldeten Kette unter ihrem Doppelkinn hing, auf die Nase. Sie studierte die Aufschrift auf dem sandfarbenen Packpapier, mit dem das kleine Paket umwickelt war. Vorsichtig schüttelte sie es mit beiden Händen und neigte den Kopf. Aber sie hörte nichts, was den Inhalt hätte verraten können. Dann begann sie behutsam mit Daumen und Zeigefinger das Papier zu lösen und hatte dabei die mahnenden Worte des Absenders im Ohr.

 

   Sie war inzwischen so aufgeregt, dass sie ihre feuchten Hände an ihrer bunten Kittelschürze abwischen musste, die ihren fülligen Leib daran zu hindern schien, sich in einer noch ungünstigeren Form darzustellen. Sie zerknüllte das Packpapier und stopfte es in die Tasche ihrer Schürze. Doch als sie sah, dass das Päckchen in ein weiteres Papier eingeschlagen war, resignierte sie. Das rote Geschenkpapier mit den gelben Schmetterlingen wurde von mehreren Klebestreifen zusammen gehalten. Auf der Oberseite war ein Kärtchen befestigt. Frau Kornblum rückte ihre Brille zurecht und las: Mit den besten Wünschen zum Geburtstag. In  großen roten Buchstaben stand darunter: AUF KEINEN FALL VOR DEM FESTTAG ÖFFNEN! 

 

   Mit einem Seufzer trug sie das Päckchen in ihr Wohnzimmer zu der nussbaumfarbenen Kommode, wo sie es einem weiteren Schütteltest unterzog. Der bestätigte aber nur das Ergebnis des ersten Tests. Auf dem mattglänzenden Möbelstück stand eine Ansammlung Familienfotos aus längst vergangenen Epochen, sowie aus der jüngsten Vergangenheit einträchtig neben- und durcheinander. Hinter einer Ablichtung ihrer drei Enkelkinder Steffi, Nicki und Tommi, in einem blankgeputzten Messingrahmen, bekam das geheimnisvolle Geschenk seinen vorläufigen Platz. Dann ging das Geburtstagskind in spe in die Küche, um mit den Vorbereitungen für das Mittagessen fortzufahren.

 

   Dass das Geschenkpapier, sowie der Karton darunter, der etwa halb so groß wie eine Schuhschachtel war, an einer Ecke der Unterseite ein Loch hatte, so groß wie ein Stecknadelkopf, war Frau Kornblum entgangen.

Was ganz im Sinne des Absenders war. Hinter diesem Loch wartete ein Plüsch-Marienkäfer darauf, seinem neuen Besitzer eine Freude zu machen. Und damit der Marienkäfer die Reise nicht alleine antreten musste, hatte ihm Dremmer einige winzige Begleiter mit auf den Weg gegeben. Die Nachkommenschaft eines Blatella-germanica-Pärchens. Zwölf Kakerlakenbabies, die kurz davor waren, das Licht der Welt, oder in diesem Fall, die Dunkelheit des Kartons zu erblicken. Um gleich darauf einen mächtigen Kohldampf zu entwickeln.

 

   Dremmer wusste, dass die lieben Kleinen sich sofort nach dem Schlüpfen auf die Suche nach Nahrung machen, und den Weg in die Kornblum`sche Küche garantiert finden würden. Eine Küche, die mit Lebensmittelvorräten aller Art bestens ausgestattet war. Bis die Suche begann, durfte die Beschenkte das Paket natürlich nicht öffnen. Er war sich im klaren darüber, dass eine frühzeitige Entdeckung dieses Geheimnisses, das gesamte Projekt zum Scheitern bringen könnte, und ihn in höchste Erklärungsnot. Deshalb sein Anruf und die Warnung auf der Karte.

 

   Doch sein Plan klappte bestens. Keine zwei Wochen nach dem Versand des ersten Päckchens, erhielt der Terminator den erhofften Hilferuf der völlig verzweifelten Frau Kornblum. Dieses war der erste Streich und der zweite folgte gleich.

 

   Sein Geschäft lief wieder hervorragend und er konnte nach gut einem Vierteljahr eine Zwischenbilanz ziehen. Zweiundvierzig verschickte "Geschenke" ergaben dreißig Hilferufe. Von den restlichen zwölf Altkunden hatte er nichts gehört. Das konnte mehrere Gründe haben. Entweder hatten diese Leute bei der Konkurrenz angerufen, oder noch gar nicht bemerkt, dass sie neue Untermieter hatten. Oder aber die Tierchen hatten den Transport nicht überlebt. Trotzdem konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Die Quote lag bei mehr als einundsiebzig Prozent. Ein Erfolg, auf den er stolz war, und für den er sich mit einem einwöchigen Wanderurlaub im Schwarzwald belohnte. Er hatte seine "Haustiere" ausreichend mit Nahrung versorgt und machte sich alsbald auf die Reise.

 

   Während Günter Dremmer einige Höhen und Täler des südwestdeutschen Mittelgebirges mit heiterem Herzen und schmerzenden Füßen durchschritt, hegte in seiner Heimatstadt ein gewisser Friedemann Kronberg, seines Zeichens Konditormeister und ebenfalls neuer "Altkunde" Dremmers, einen schlimmen Verdacht. Er war der Letzte, den Dremmer vor seinem Urlaubsantritt von den ungebetenen Gästen erlösen musste. Und wie es der Zufall will, erfuhr der Konditor innerhalb von vier Tagen von drei seiner Kunden, darunter auch die liebe Frau Kornblum, dass alle schon zum zweiten mal den Kammerjäger rufen mussten. Bei diesen Gesprächen wurde natürlich auch das nette Präsent der Firma G. Dremmer erwähnt, welches allen Betroffenen jüngst zugestellt worden war.

 

   Weder Frau Kornblum, noch die anderen beiden Unglücklichen, stellten einen Zusammenhang zwischen Geschenk und neuerlicher Schabenplage her. Aber Friedemann Kronberg war sich sicher, dass der Terminator seine Finger im Spiel haben musste. Er konnte Dremmer schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen keine Sympathie entgegenbringen. Zu seiner Frau sagte Kronberg damals: "Hast du die gelben Zähne gesehen? Und stinken tut er auch. Wenn der zwei Fühler auf der Stirn und zwei weitere krumme Beine am Arsch hätte, wäre er die größte Kakerlake der Welt!"

 

Friedemann Kronberg war ein Unikum. Gut hundertneunzig Zentimeter lang und schwer wie eine Teigknetmaschine. Wenn sie gefüllt war, versteht sich. Wenn er am Morgen mit seiner Arbeit in der Backstube fertig war, und sein Geselle Feierabend hatte, stellte er sich noch für ein bis zwei Stunden hinter die Ladentheke und half beim Verkauf. Nicht, weil er ein netter Chef war, der seine Verkäuferinnen entlasten wollte. Er plauderte nur gerne mit seiner Kundschaft und machte dabei seine derben Späße, die nicht nach jedermanns Geschmack waren. Das war Kronberg aber egal und den Frauen vor und hinter der Theke oftmals peinlich.  Er stand zwischen Sauerteigbrot und den "Pralinen nach altem Hausrezept", stemmte seine Hände, so groß wie Kohlenschaufeln, auf die Theke und lachte am lautesten über seine unverschämten Zoten. Seine Körpermasse begann dabei so stark zu vibrieren, dass man im nahegelegenen Seismologischen Institut in helle Aufregung geriet.

 

   Den Zorn einiger seiner Stammkunden, vornehmlich der weiblichen, hatte er erregt, als er vor zwei Jahren zur Karnevalszeit aus rosafarbenem Marzipan Brüste kreierte und in seinem Geschäft anpries. In diesem Jahr ging er, unbeirrt von Kritik, einen Schritt weiter und legte Marzipan-Penisse in seine Auslagen. Der Verkauf verlief schleppend. Was weniger an der Qualität der naturgetreu geformten Exponate lag, sondern vielmehr am Schamgefühl seiner Kunden und der Verkäuferinnen.

 

Kurz gesagt, die Größe seines Selbstwertgefühls konnte mühelos mit der Höhe des Eiffelturms konkurrieren und er fürchtete nichts und niemanden. Außer vielleicht eine Buchprüfung des Finanzamtes. Kronberg musste auch im Verdachtsfalle Dremmer nicht lange überlegen, was zu tun war. Ihm war bekannt, dass der Kammerjäger erst am Sonntag aus dem Urlaub zurück kommen würde. Also beschloss er, dessen Wohnung am Samstagabend einer Inspektion zu unterziehen.

 

   Die Wohnungstür Dremmers bot der "rasenden Knetmaschine" keinen nennenswerten Widerstand. Als er die zwischen Küche und Bad liegende Abstellkammer betrat, fand er seinen Verdacht bestätigt. In seiner ersten Rage, wollte er die beiden Glasbehälter mit den platten Krabblern zertrümmern. Doch dann hielt er inne, atmete tief durch und machte sich mit hochrotem Kopf und einem Blutdruck wie eine Dampfmaschine auf den Heimweg. 

 

   Wieder zu Hause, dachte er bei einem Sechserpack Bier gründlich darüber nach, wie er dem Riesenkakerlak die ekligen Fühler verbiegen könnte. Als das letzte Bier in seinem Bauch war, hatte er seinen Racheplan im Kopf. Er würde ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen - und zwar endgültig. Friedemann Kronberg würde persönlich und uneigennützig dafür sorgen, dass diese stinkende Gelbzahnschabe nie wieder unschuldigen Mitbürgern Schaden zufügen könnte. Mit diesem heroischen Gedanken ging Friedemann Kronberg zu Bett.

 

Am Montagmorgen saß Günter Dremmer auf dem Toilettendeckel im Badezimmer seiner Wohnung und versuchte mit einer Stecknadel eine der großen Blasen an seinen Fersen aufzustechen. Die neuen Wanderschuhe waren zwar teuer und der Verkäufer im Sporthaus Stelzinger war so überzeugt von der Qualität der Treter, dass Dremmer gar nicht anders konnte, als sie zu kaufen. Doch er hätte sie  vielleicht besser eine Nummer größer nehmen sollen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht saß er da und tupfte mit einem Stück Klopapier, die aus der Blase laufende Flüssigkeit ab. Da klingelte sein Telefon. Barfuß und mit Leidensmiene humpelte er an den Apparat.

"Schädlingsbekämpfung Dremmer. Was kann ich für Sie tun?" Dremmer stand auf einem Bein, stützte sich mit einer Hand auf den Schreibtisch und presste den angestochenen Fuß in die Kniekehle seines Standbeines.

"Morgen, Dremmer. Hier spricht Kronberg. Konditormeister Kronberg. Ich habe ein Riesenproblem, mein Guter, und Sie sind der Einzige, der mir dabei helfen kann. Sie wissen doch, dass ich draußen am Weiher eine kleine Blockhütte habe, wo ich das Wochenende verbringe, wenn ich zum Angeln fahre".

"Ja, schon. Sie hatten mir mal davon erzählt. Aber was....?"

"Ameisen! Verstehen Sie? Dort ist alles voller Ameisen! Die halten meine Hütte besetzt und verseuchen mir die ganzen Vorräte. Dagegen müssen Sie was tun! Und zwar schnell! Haben Sie gehört?"

Kronbergs Stimme dröhnte dermaßen aus dem Hörer, dass Dremmer ihn unwillkürlich ein Stück von seinem Ohr weg nahm.

"Ja, ja, Herr Kronberg. Aber zur Zeit bin  ich..."

"Sie sind der Beste, Dremmer", unterbrach ihn Kronberg. "Deswegen ruf ich ja bei Ihnen an und nicht bei Ihrer Konkurrenz", schleimte er. "Könnten Sie es einrichten, gegen zehn Uhr bei der Blockhütte zu sein? Sie wissen ja, wo die ist. Ich muss die Mistviehcher so schnell wie möglich loswerden".

"Oh, das trifft sich aber schlecht, Herr Kronberg". Dremmer setzte sich vorsichtig auf seinen Stuhl. "Ich hab mir im Urlaub faustgroße Blasen gelaufen und komme in keinen Schuh. Eigentlich wollte ich erst am Mittwoch..."

Wieder unterbrach ihn Kronberg. "Ist doch kein Beinbruch, Dremmer. Ich bin um zehn bei Ihnen und hole Sie ab. Ziehen Sie offene Latschen an, dann geht das schon. Ihre Giftspritzen und was Sie sonst noch brauchen, laden wir in meinen Wagen. Also, bis um zehn".

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Kronberg auf.

"Scheiße!", sagte Dremmer und schaute gequält auf seine Ferse.

 

   Friedemann Kronberg hatte alles vorbereitet, um seinen Racheplan perfekt durchführen zu können. Dass er Dremmer abholen musste und er dessen Transit nicht auch noch entsorgen musste, erleichterte ihm die Arbeit.

 

   Dremmer hatte gequengelt und gejammert, als Kronberg schon um viertel vor zehn bei ihm geklingelt hatte. "Stellen Sie sich vor", klagte er. "Nicht genug damit, dass ich mir diese scheuslichen Blasen geholt habe - ich sage Ihnen, diese Schmerzen wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind.  Nicht genug damit, bei mir wurde auch noch eingebrochen, während ich in Urlaub war".

Er saß in Kronbergs neuem Passat-Kombi auf dem Beifahrersitz und hatte seine Tasche mit den, für die Ameisenjagd nötigen Utensilien, zwischen seine geplagten Füße gestellt.

"Was?", heuchelte Kronberg Betroffenheit und öffnete die Seitenscheibe seines Wagens, obwohl es empfindlich kühl war und ein leichter Nieselregen eingesetzt hatte. "Wurde etwas gestohlen?"

"Ich glaube nicht. Jedenfalls ist mir bisher nicht aufgefallen, dass etwas fehlt".

"Haben Sie schon mit der Kripo gesprochen?"

"Ja, wissen Sie, ich dachte mir, dass Sie mich vielleicht nachher, wenn ich in der Hütte fertig bin, auf das Revier fahren könnten".

"Aber gewiss, mein Lieber. Das kriegen wir schon hin. Ja, ja. Unser bisher so unschuldiges Viertel ist auch nicht mehr das, was es mal war", antwortete Kronberg und schielte aus den Augenwinkeln auf das Häufchen Elend neben ihm.

 

   Wenn ich mit dir fertig bin, brauchst du keine Polizei mehr, dachte er. Dann ist unser Viertel vom größten Ungeziefer befreit.

 

   Nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt erreichten sie einen holprigen Feldweg, der sie direkt in ein dichtbewachsenes Waldstück führte. Der Weg bestand jetzt nur noch aus zwei Fahrrinnen, in deren Mitte die Natur mit Hilfe von Gräsern und Kräutern versuchte, ihr Terrain zurück zu erobern. Die Bäume standen so dicht am Wegrand, dass sie mit ihren ineinander verwachsenen Ästen einen Tunnel bildeten, dessen Ende vom Morgendunst verschluckt wurde.

 

   Während der Fahrt gab es für Dremmer nur ein Thema: seine geschundenen Fersen. Dem Verkäufer vom Sporthaus Stelzinger werde er auch noch die Meinung geigen, hatte er gedroht. Als er einen Fuß hochhielt, damit Kronberg die Blasen mit eigenen Augen sehen konnte, wurde dem sofort klar, wo der säuerliche Geruch herkam, dem er mit der herunter gelassenen Scheibe entkommen wollte. Dremmer hatte Kronbergs Rat befolgt und anstatt Schuhe nur seine fleckigen Filzlatschen angezogen. Aber er hatte auch vorsichtshalber auf seine Socken verzichtet. Kronberg tröstete sich damit, dass dieser Albtraum bald ein Ende haben würde.

 

   Sie kamen an eine Lichtung, von wo aus man den Weiher schon erkennen konnte. Der Weg wurde breiter und war jetzt mit rotem Schotter ausgelegt. Zunächst führte er geradeaus auf das Wasser zu, ging dann aber in eine Rechtskurve über und verlief in einer Entfernung von etwa achtzig Metern parallel zum Ufer um den Weiher herum. Dazwischen lag ein schmaler, dunkler Waldstreifen. Nachdem sie etwa dreihundert Meter Schotterstraße gefahren waren, kamen sie zu Kronbergs Blockhütte, die mitten in dem Waldgürtel lag. Zwei Fahrspuren, aus in den Boden versenkten Holzplanken, verbanden Waldweg und Hütte. Kronberg parkte seinen Kombi hinter der Hütte, so dass er weder vom Wasser noch vom Schotterweg aus zu sehen war. Beide stiegen aus dem Wagen. Kronberg kramte aus der Tasche seiner braunen Cordjacke einen Schlüssel und schloss die grob gezimmerte Holztür auf. Drinnen war es so duster, wie in einem Koffer voll kaputter Glühbirnen. Aber anstatt die Fensterläden zu öffnen, entzündete Kronberg eine Campinggaslampe. Diese hing an einer Metallkette, die an der Decke befestigt war. Im Schein des Gaslichtes konnte man einen Tisch mit zwei Stühlen an der Wand gegenüber der Eingangstür erkennen.

 

   "Ich glaube, wir beide brauchen zuerst mal einen starken Kaffee", sagte Kronberg und bot Dremmer einen Stuhl an.

"Eine gute Idee", erwiderte dieser, stellte seine Tasche auf den Tisch und widmete sich unter mitleiderregendem Stöhnen seinen Füßen.

 

   Kronberg setzte einen Wasserkessel auf den Campingkocher und zündete die Flamme an. Er drehte sich zu Dremmer um und verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen, als er bemerkte, dass dieser sich wieder um seine stinkenden Blasen kümmerte.

"Sie haben sich da ja ein paar herrliche Dinger eingehandelt", sagte Kronberg, nahm zwei Tassen aus dem Hängeschrank und  gab löslichen Kaffee dazu. In eine Tasse schüttete er zusätzlich ein weißes Pulver aus einem Tütchen, das er, von seinem Gast unbemerkt, seiner Jackentasche entnommen hatte.

"Vielleicht sollte ich nachher doch noch zum Arzt", erwiderte Dremmer. "Die Haut um die Blasen herum ist schon ganz rot".

Kronberg gab nur ein zustimmendes Brummen von sich und goss das heiße Wasser in die Tassen.

"Nun trinken Sie erst mal Ihren Kaffee, dann gehts Ihnen gleich wieder besser".

 

   Dremmers Blick fiel auf die Spirituosenparade auf einem Wandregal. Zwischen Wodka, Whisky und diversen Obstschnäpsen entdeckte er eine Flasche Remy Martin. "Könnte ich vielleicht noch einen kleinen Cognac für den Kaffee haben?", bettelte er, wie ein Kind um eine Tüte Bonbons. "Mich friert ein wenig, wissen Sie? Mein Kreislauf ist morgens immer auf Null".

 

   Kronberg konnte förmlich sehen, wie Dremmers Speicheldrüsen, in Anbetracht der zu erwartenden Köstlichkeit, in Konkurrenz zu den Niagarafällen traten.

 

   "Solln Sie haben, mein Guter. Solln Sie haben", antwortete er mit einem generösen Lächeln und goss in Dremmers einen ordentlichen Schluck.

Und wenn deine Leber schon so löchrig, wie ein Schweizer Käse ist. Daran wirst du nicht krepieren. Daran nicht!

 

   Als Dremmer seine Tasse geleert hatte, dauerte es keine zehn Minuten mehr, bis er mit einer unerklärlichen Müdigkeit zu kämpfen hatte.

"He! Dremmer!", polterte Kronberg. "Was ist los? Vertragen Sie keinen Kaffee mit Schuss?"

"Doch, doch", murmelte Dremmer mit schwerer Zunge. "Mir wird plötzlich so schwummrig im Kopf. Als hätte mir einer mit dem Hammer vor die Stirn geschlagen".

"Das wird das Schlafmittel sein, das ich Ihnen in den Kaffee getan habe", antwortete Kronberg ungewohnt leise.

"Sie...haben mir... Schlafmittel...?" Dremmer verdrehte die Augen und versuchte vergebens Kronbergs Gesicht zu erkennen.

"Hör zu!", sagte Kronberg und eine Zornesader an seiner Schläfe trat hervor. "Du hast uns alle verarscht! Mich, die dicke Kornblum und eine Menge anderer Kunden von dir. Du hast uns diese Scheißkakerlaken ins Haus geschickt. Nur um noch mal Kasse machen zu können. Ich nehme an, sie waren in diesen Päckchen mit dem kleinen Plüschkäfer, den du uns in deiner grenzenlosen Freundlichkeit zugeschickt hast. Stimmts?"

 

 

   Er wartete vergebens auf eine Antwort. Mit einem satten "plock" fiel Dremmers Kopf auf die Tischplatte. Dann rutschte sein ganzer Oberkörper zur Seite. Kronberg konnte ihn gerade noch auffangen, sonst wäre sein Gast vom Stuhl gekippt. Er hob die schlafende Siebzig-Kilo-Kakerlake ohne große Anstrengung von seinem Platz und trug ihn zu dem Feldbett, in dem Kronberg so manche Wochenendnacht nach dem Angeln verbracht hatte. Nachdem er sicher sein konnte, dass das Schlafmittel seine volle Wirkung entfaltet hatte, nahm er aus dem Küchenschrank den Blecheimer mit der Marzipanrohmasse, den er schon am frühen Morgen im Schutze der Dunkelheit in die Hütte gebracht hatte, und stellte zwei große Edelstahlschüsseln auf den Campingkocher. Mit einer Holzkelle entnahm er dem Eimer soviel von der Marzipanmasse, bis die Schüsseln etwa halb gefüllt waren. Danach goss er etwas Milch dazu und entzündete die Flammen. Dann kümmerte er sich wieder um seinen Gast. Indem er seinen Kopf auf Dremmers Brust legte, prüfte er dessen Herzschlag. Die Menge des Schlafmittels hätte ausgereicht, einen Elefanten für eine Woche in der Horizontalen zu halten. Kronberg fand, dass zwischen zwei Herzschlägen so viel Zeit verging, wie sein Geselle brauchte, um vier Dutzend Muffins zu backen.

Zufrieden begann er damit, Dremmer zu entkleiden.

 

  Nach mehrmaligem Umrühren war die Marzipan-Milch-Mischung von einer Konsistenz, die es Kronberg erlauben würde, sie mit einem Holzspatel gleichmäßig zu verteilen. Und er machte sich sofort an die Arbeit. Er ging zum Bett hinüber und fing an, die warme Masse fachmännisch auf Dremmers sommersprossigen Körper aufzutragen. Er ließ sich auch nicht davon abbringen, als sein Opfer leise zu stöhnen begann.

Ist also doch noch etwas Leben in dem alten Kadaver, dachte Kronberg. Umso besser, dann hat er auch noch was davon, wenn sich meine Nachbarn um ihn kümmern.

 

   Nach kurzer Zeit lag ein Mix aus Schweißgeruch und Marzipanaroma in der Luft. Kronberg hatte keinen Quadratzentimeter Haut ausgelassen. Und zum krönenden Abschluss stopfte er den Rest der Leckerei in fast sämtliche Körperöffnungen des Terminators. Mit Genugtuung stand er vor dem Bett und betrachtete sein Werk.

Ich liebe dieses Zeug, dachte er. Und meine Nachbarn werden noch Generationen später davon träumen.

 

   Er sperrte die Tür auf und ging, die Hände lässig in den Hosentaschen einmal um die Hütte, um sicher zu sein, dass niemand in der Nähe war, der ihn beobachten konnte. Inzwischen war aus dem morgendlichen Nieselregen ein ergiebiger Landregen geworden.

Prima, rieb sich Kronberg die Hände. Dann kommt auch keiner auf die Idee, hier herum zu spazieren.

 

   Er nahm die Schaufel, die an einer Seitenwand der Blockhütte lehnte und ging etwa dreißig Schritte in das Unterholz, bis er zu einem etwa achtzig Zentimeter hohen Ameisenhügel kam. Mit der Schaufel trug er vorsichtig die lebende Pyramide ab, bis knapp über den Erboden. Dort war den Ameisenhügel so breit, dass er ihn für seine Zwecke nutzen konnte. Die Waldameisen waren über den Besuch nicht gerade begeistert und Kronberg musste höllisch aufpassen, dass ihn der hektisch verspritzte Verteidigungscocktail seiner kleinen Nachbarn nicht ins Gesicht traf.

 

   Trotz der nasskalten Witterung, trat ihm der Schweiß auf die breite Stirn. Er ging zur Hütte zurück und stellte fest, dass Dremmer immer noch atmete, auch wenn sich das nun sehr asthmatisch anhörte. Was nun wirklich kein Wunder war, wenn man bedenkt, dass Nase und Mund reichlich mit Marzipan gefüllt waren. Kronberg zog die Lakenenden unter der Matratze heraus und wickelte Dremmer darin ein. Dann ging er noch einmal um die Hütte. Die Luft war rein. Der letzte Akt konnte beginnen.

 

   Er trug den Bewusstlosen zum Ameisenhügel, wickelte das Laken wieder ab und legte ihn auf den braunen und sehr lebendigen Hügelboden. Diese Tat entlockte seinem Opfer ein dumpfes Grunzen und den Ameisen jede Menge Säure. Kronberg nahm seine Schaufel und stellte, so gut er konnte, den ursprünglichen Zustand des Hügels wieder her. Er hatte etwas Mühe, den ganzen Körper unterzubringen. Mal schauten die Zehen Dremmers heraus, mal seine roten Borsten. Doch nach zwei Anläufen hatte er es geschafft. Nun würde die Natur sein Werk vollenden und er konnte sich um die Beseitigung verräterischer Spuren kümmern. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, befürchtete er, dass die Ameisen den Riesenkakerlak für ebenso abstoßend finden könnten, wie er selbst und die bereits gelieferte Mahlzeit reklamieren könnten.

 

   Kronberg wandte sich um und schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Gerade wollte er sich mit seiner Schaufel auf den Rückweg machen, als er etwas hörte. Er war sich nicht sicher. Klang es wie ein leises, feines Jubilieren, vermischt mit zufriedenen Schmatzlauten? Oder waren es am Ende doch nur Dremmers undeutliche Schmerzensschreie?

Egal, dachte Kronberg. Mir war schon immer klar, dass der Kerl keine Manieren hat. Bringt man nicht schon kleinen Kindern bei, nicht mit vollem Mund zu sprechen?

 

 

 

 

 

Anmerkung des Autors:

Die beiden folgenden Geschichten sind surrealistischer Natur. Man könnte auch sagen, sie sind "schräg".

Ich schlage vor, Sie machen sich nicht allzu viele Gedanken darum.

Wenn sie solcherart Texte mögen, ist`s ja o.k. Wenn nicht, vergessen Sie sie einfach wieder.

 

 

 

 

  

Das Glück eines Zeitkistenmannes

 

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier drin bin.. Mir ist im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit abhanden gekommen. Ha! Ich muss lachen. Hab ich abhanden gesagt? Ha! Das ist gut. Das ist wirklich gut!

   Von was redet der bloß?, werden Sie berechtigterweise fragen. Na, schön. Ich wills Ihnen erklären. Sie haben doch ein bisschen Zeit, oder? Prima! Sehr gut! Wenn Sie dann die Güte hätten, das was Sie an Zeit für mich opfern können, mir hier in meine Hand  zu legen. Ja, ich weiß. Es tropft wie Honig von meinen Händen. Das ist ja das Problem von dem ich Ihnen  erzählen möchte. Meine Zeit läuft, besser gesagt tropft mir davon!

 

   Haben Sie sich schon mal genau angesehn, wo ich hier stehe? Ja, richtig. In einer Timebox - so nennt man das heutzutage. Es ist eine schwarze, viereckige Kiste. Einsfuffzich auf einsfuffzich.  Doch, sie ist ziemlich stabil. Ich schätze mal Edelstahl mit Teflon ummantelt. Teflon deshalb, damit bloß nix haften bleibt, könnt ich mir denken. Man könnte ja Spuren hinterlassen. Bei dem Versuch hier rauszuklettern vielleicht. Ja, ich gebs zu, ich habs auch schon versucht. Natürlich! Verdammt noch mal, ich bin doch auch nur ein Mensch, oder?! Obwohl, manchmal weiß ich das nicht so genau. Ein Mensch. Was ist das? Haben Sie sich das noch nie gefragt: Was ist ein Mensch? Haut, Fleisch und Knochen auf zwei Beinen? Mit zwei Armen, Bauch, Pimmel, Hals, Kopf? Ja? Ist das ein Mensch? Sie nicken!  O.k., dann bin ich wohl einer. Obwohl ich mir oft vorkomme, wie ein Hamster im Käfig, bloß ohne Rad.  Nicht mal ein Rad! Soviel bin ich denen wert. Nicht mal das. Wenn ich nicht so wütend wäre,  wär ich wohl vor Selbstmitleid schon krepiert.

 

   Sie entschuldigen. Ich muss mich setzen. Ich glaube, ich habe mich jetzt etwas aufgeregt. Ja, die haben hier sogar für Comfort gesorgt- ha, ha - und eine Sitzstange angebracht. Nicht sehr bequem, aber man ist zufrieden.Wenn schon kein Rad, dann wenigstens ne Stange. Nur fünf Minuten, länger kann man hier sowieso nicht sitzen. Sehen Sie, die Stange hat höchstens nen Durchmesser von zweieinhalb Zentimetern. Aber stabil ist sie. Nur, nach spätestens fünf Minuten schmerzen die Backen. Dann muss ich wieder aufstehn.

   Wie das Ding hierherkommt, fragen Sie. Nun, ich war schon immer hier - in dieser Box. Sie, Sie waren es der zuerst nicht da war und dessen Weg dann hier bei mir vorbeiführte. Ja, so war es. Ich kann nichts dafür, dass Sie sich hier mit mir unterhalten. Aber ich bin Ihnen nicht böse, im Gegenteil. Ich bin froh, dass Sie mir mit Ihrer kleinen Zeitspende unter die Arme greifen. Ja, das Leben in der Box ist nicht einfach. Aber man arrangiert sich.

Gut, ja, die Farbe. Schwarz. Nein, ich konnte sie mir nicht aussuchen. Du wirst hier reingesteckt und musst die Farbe nehmen, wie sie ist. Du musst alles nehmen, wie es ist. Aber ich wollte Ihnen doch von meinem Problem erzählen. Wie bitte? Nein, nein. Sie meinen diese Box, mein ganzes Dasein da drin, wäre schon ein Problem? Nein, nein! Ja, gut, für die anderen vielleicht. Für die bin ich eventuell das Problem, ha, ha. Nein, meine Schwierigkeiten hab ich hier in meinen Händen! Sie habens eben ja schon bemerkt: Mir läuft die Zeit davon! Sie tropft und tropft! Und ich versuche sie seit Jahren immer wieder aufzuhalten, festzuhalten mit meinen gichtigen Fingern. Dann kratze ich sie vom Boden wieder auf. Dann ist sie schmutzig, zäh, staubig, eklig. Aber was soll ich machen? Ich tue es immer wieder und wieder. Seit ewigen Zeiten, so kommts mir vor. Ich hab schon lange aufgehört, die Jahre zu zählen.. Ich hab auch schon mal probiert, die Zeit aufzuhalten, indem ich sie abgeleckt und runtergeschluckt habe. Sieht ja aus wie Honig, nicht? So schön goldfarben und voller Licht. War aber ne Scheißidee! Es brennt wie die Hölle. Es zerreist dir den Magen in Millionen Stücke. Ne Hand voll Stecknadeln wird aufs gleiche rauskommen. Habs einmal und nie wieder gemacht. Ja, man kommt schon auf verrückte Ideen, wenn man zusehen muss, wie einem die Zeit durch die Finger rinnt.

   Es kommt ja nur selten mal jemand wie Sie vorbei, der von einem alten, senilen Tropf eine Geschichte hören will.

   Nein, ich brauche kein Mitleid, das haben Sie ganz richtig erkannt. Ich brauche Zeit!  Und so wach ich jeden Morgen auf und warte darauf, dass der Lebensweg eines barmherzigen Mitmenschen hier an meiner Zeitkiste vorbeiführt. Dann bettle ich um eine kleine Spende: Ein kleines Stück Ihrer kostbaren Zeit, mein Herr, meine Dame. Seien Sie so nett und spendieren Sie einem alten Trottel ein paar Ihrer wertvollen Minuten. Danke, danke, vielen herzlichen Dank! Und passen Sie auf sich auf, damit Sie auf Ihrem Weg nicht auch in so ner Kiste landen. Die sind hier überall  versteckt und lauern unter Ihren Füßen. Gehen Sie drumherum! Das kostet Sie bloß etwas Zeit. Sonst nichts.

   Guten Tag, schönste Frau! Was? Für mich? Oh! Sie sind ein Schatz, Madame! Ich könnte Sie küssen, gnä Frau! Ja! Das ist es! Warum bin ich Idiot, nicht schon früher drauf gekommen? Vielen Dank für den Hut, meine Gnädigste. Da geht ne Menge Zeit rein, in so einen herrlichen chapeau claque! Und schauen Sie nur, gnä Frau, wie gut der zu meinem Outfit passt! Oh, bitte, bitte, tun Sie mir den Gefallen - tanzen Sie mit mir, liebste Freundin. Hören Sie? Die Musik spielt einen Walzer! Nur für Sie und für den alten Knaben, den Sie gerade so glücklich gemacht haben. Warten Sie, ich klappe die Sitzstange weg, dann haben wir mehr Platz. Mmh! Madame duften so gut. Sie sind so warm und weich und Sie tanzen wie ein Engel!  Entschuldigen Sie, wenn meine Hände etwas klebrig sind. Ich pass schon auf, dass Ihrem Kleid nichts passiert  - selbstverständlich. Sie machen mich zum glücklichsten Zeitkistenmann den es jemals gab. Glauben Sie mir, Madame. Ich werde den Zylinder mit Zeit füllen bis zum Rand und werde   glücklich sein! Bis in alle Ewigkeit!

 

 

Ronck

September 2002

 

 

 

 

 

 

 
P. steckt in der Krise
 
 
P. stecke in der Krise, erzählte mir V. gestern.
„Na, und“, antwortete ich. „Was geht mich das an?“
   Ich wollte, dass V. merkt, wie wenig mich interessiert, worin dieser P. wieder verwickelt ist. P. ist schon ein seltsamer Vogel! Ja, ich glaube, das ist der richtige Ausdruck. Allein seine Stimme. Er hört sich an wie ein betrunkener Papagei. Außerdem ist kein Verlass auf ihn. Mal hängt er rum, meistens dann, wenn er mal zupacken müsste. Dann wieder spielt er sich auf, wenn seine Meinung überhaupt nicht gefragt ist. So ist P. Ewig daneben.
   „Ich wollte es dir ja nur sagen“, V.`s Stimme klang etwas pikiert. „Nicht, dass du hinterher behauptest, du hättest von nichts gewusst“.
„Tu ich ja gar nicht“, erwiderte ich und versuchte, nicht allzu griesgrämig zu klingen.
   „Weißt du“, begann V. wieder. „Er soll so komische Bewegungen machen, hat man mir erzählt“.
   „Wie? Komische Bewegungen?“
 „Ja, so hin und her, ständig in Action halt, sagt man“. V. sah mich mit ihren lollipoppfarbenen Augen an, als sei sie voll Begeisterung für das, was P. wieder anstellt. Dabei kam sie mir für meinen Geschmack ein wenig zu nahe mit ihren roten Gnubbelbäckchen.
   Sie roch gut! Das muss ich schon sagen. Verdammt sexaromisch. Und wie sie dabei mit beiden Händen ihre Bubus massierte. Das hatte schon was. Doch ich mochte es eigentlich ja lieber etwas dezenter. Trotzdem begann mein Puller zu jucken.
 Ich räusperte mich. „Ja, mmh, was meint denn die Krise dazu?“, fragte ich und ging einen Schritt zurück. V. schien diese Bewegung miss zu verstehen und streifte ihr T-Shirt über den Kopf, so dass ich feststellen musste, dass sie keinen BH trug und sie zwei rosenrotzärtliche Bubus hat. Oh, Mann, mein Puller füllte sich und juckte ganz doll. V. blieb ganz ruhig und sagte ohne besonderen Ausdruck in der Stimme: „Das ist ja das Merkwürdige. Mir hat man gesagt, dass die Krise diese peinlichen Bewegungen voll mitmacht. So, als bereite es ihr Freude, dass dieser P. in ihrem Innern rumpult“.
   Wissen Sie, es fällt mir nicht leicht das zu sagen. Aber wir beide, also V. und ich, wir hängen jetzt schon seit Jahren hier nebeneinander an der Wand.
Ganz brav, wie es sich gehört. Schön in hochglanzlackiertem Eschenholz gerahmt und verglast. Beide zirka sechsundzwanzig mal zweiunddreißig Zentimeter. Nett anzuschauen. Wirklich. Jeden zweiten Tag holzlappengewischt und glasgehauchputzt.
   V. war mir von Anfang an sympathisch. Nicht übermäßig, aber immerhin auch nicht so ganz gleichgültig. Doch mehr als gegenseitiger Respekt und Sympathie war da nicht.
   Und heute liegen wir gemeinsam hier auf dem Zimmerboden. Laminat. Der Quadratmeter im Baumarkt für zwölfeuroneunundneunzig.
   Ich glaube sie ist tot. Ihre Bubus bewegen sich nicht. Ihre kräftigen Beine liegen leicht geöffnet da.. Aus ihrer, vom Kupferwuschelhaar umsäumten Spalte, sickert immer noch etwas von meiner sämigen Entzückung.
   Sie hätte mir gestern nicht so nahe kommen dürfen, glaube ich. Das war der Auslöser! Jedenfalls, als wir über P. und die Sache mit der Krise sprachen, nahm sie plötzlich meine Hand, drückte sie an ihre Spalte und zog mich dabei so fest zu sich hinüber, dass ich beinahe vom Nagel fiel. Ich gab nach, damit kein Unglück passiert und sprang in ihren Rahmen, wobei das Glas das geringste Hindernis darstellte. Ich musste mich schnell irgendwo festhalten. Und in ihrer vorgebeugten Haltung war es mir ein leichtes mich mit beiden Händen an ihren dralligprallen Bubus wieder in Balance zu bringen, sonst wär ich entrahmt worden. Was ja schließlich und endlich doch nicht zu vermeiden war, wie ich jetzt weiß.. Als ich dann so halbwegs ausbalanciert war, öffnete sie ihre kirschigfeuchten Lippen und zog mit ihrer purpurnen Greifzunge meinen Kopf zu dem ihren. Mit ihrer zweiten, kleineren Zunge schob sie mein Gehirn auf die eine Seite meines Schädels und legte meine Eier direkt nebendran. Sie können sich vielleicht vorstellen, was dann geschah. Jedenfalls hatte ich gerade meine ganze Entzückung mit heißen Strahlen in ihre Spalte entplodiert, als sie aufstöhnte. Sie wandt sich wie eine wilde Stute hin und her und warf mich so energisch aus dem Sattel, dass mir fast mein geprallter Puller abbrach. Wir konnten uns nicht mehr halten und fielen beide ins Leere.
   Jetzt ist sie tot! Und wieder hat P. die ganze Sache zu verantworten. Wie immer! Wo auch immer P. seine blanke Stirn hochreckt und seinen Senf dazu gibt, ist hinterher nichts mehr wie es war.
 Ich hab es mir geschworen: Wenn ich P. zu fassen kriege, dann stecke ich ihn mit Haut und Haaren so tief in dienächstfeuchte Krise, dass er darin erstickt!
   Oh, ich glaube, V. hat sich bewegt! Sie lebt! Wie schön sie ist. Ich könnte ihr schon wieder mit entzückten Heißstrahlen meine Zuneigung entgegenschleudern. Vielen Dank P. - du Krisenschüttler. Doch, doch, es ist wahr: betrunkene Papageien können, erst recht wenn sie in einer lieblichen Krise stecken, die Welt regelrecht verbuntfedern. Achten Sie doch mal drauf!
 
Ronck
September 2002
 

 

A N K U N F T

(Diese Geschichte wurde in der Ausgabe 07/2006 der Zeitschrift "Kurzgeschichten" veröffentlicht. Sie erfahren mehr über diese Zeitschrift unter: www.kurzgeschichten.biz)

 

   Als Corey Hermans aus seinem traumlosen Schlaf erwachte, gab es für ihn keinen Zweifel, dass heute der Tag sein würde. Der Tag, auf den er so lange gewartet hatte, und der sein bisheriges Leben, laut Computer zu 99,999 Prozent, grundlegend verändern würde. Alle seine Sinne waren in höchster Anspannung. Woher seine plötzliche Erkenntnis kam, war ihm nicht klar. Trotzdem hätte er sein Leben darauf verwettet, dass  das Ende seiner Reise kurz bevor stand.

 

   Von der Stunde seiner ersten Erinnerung an, waren exakt einhundertdreiundneunzig Erdentage vergangen. Da der Speicher seines  Bio-Computers parallel mit seinem Erinnerungsvermögen geschaltet war, konnte er auch dort den genauen Zeitpunkt seines Starts nicht abrufen. Doch das war Vergangenheit. Was jetzt zählte, waren Gegenwart und Zukunft. Was die Gegenwart betraf, so wusste er, dass er ab sofort hellwach und hundertprozentig konzentriert sein musste.

 

   Sein Computer bestand, genauso wie sein Transportmittel, aus Millionen von lebenden, sich selbst regenerierenden Zellen. Dieser Transporter trug die sachliche Bezeichnung "LCTS" (Life control and transport system) und war die raffinierteste und ausgeklügeltste Technik, welche die Menschheit je gesehen hatte. Und trotzdem, so intelligent dieses System auch war, von ihm konnte er nichts darüber erfahren, was er in den nächsten Stunden zu erwarten hatte. Er war sich nicht einmal sicher, ob die, mit so hoher Wahrscheinlichkeit angekündigte Wende in seinem Dasein, von seinem Bio-Rechner stammte, oder von seinem eigenen Unterbewusstsein herrührte. Ja er war sich nicht einmal sicher, ob beides, Rechner und eigenes Denken, zwei von einander unabhängige Systeme waren. Aber was spielte das noch für eine Rolle? Er wusste, dass es geschehen wird. Basta.

 

   Was ihn trotz seines langen Aufenthaltes im Transporter immer noch irritierte, waren die Stimmen, die er von Zeit zu Zeit hörte. Zunächst waren sie ihm fremd und sie machten ihn nervös, weil er weder jemanden sehen konnte, noch den Sinn der Worte verstand. Doch mit der Zeit gewöhnte er sich an die Laute, die dumpf und in auf- und absteigender Lautstärke zu ihm durchdrangen. Gewöhnt hatte er sich auch an diesen  unablässig hämmernden Ton, den er nicht lokalisieren konnte und der ihn rund um die Uhr begleitete. Es war ein Doppelschlag dem eine kurze Pause folgte und der sich dann wiederholte. Der Rhythmus war oft gleichmäßig und hatte eine beruhigende Wirkung auf Corey. Es gab aber auch Zeiten, in denen er sich mehr als verdoppelte, was meist mit heftigen Bewegungen des Transporters verbunden war. Er nahm an, dass dieses Geräusch vom Antriebsaggregat verursacht wurde, dessen Steuerung autonom arbeitete.

 

   Der Transporter wurde unruhiger und das pulsierende Hämmern nahm an Geschwindigkeit zu. Ihm wurde fast übel, so stark waren jetzt die Bewegungen. Es ärgerte ihn, dass eine manuelle Einflussnahme nicht möglich war.

 

   Man hatte Corey einfach in dieses Ding gesetzt und von da ab ging alles automatisch. Der Start, die Bestimmung des Kurses, die Reisedauer, ja selbst die Ankunft in der neuen Welt waren vorprogrammiert und von ihm in keiner Weise manipulierbar. Diese Tatsache hatte ihn bisher kaum gestört, doch nun wuchs in ihm die Ungeduld,  und das Verlangen so kurz vor der Landung selbst das Steuer in die Hand nehmen zu können. Und die Stimmen! Es waren nicht nur die Vertrauten, es waren neue, unbekannte Stimmen darunter. Eine Tatsache, die seinen Puls beschleunigte. Trotz aller Routine und Abgeklärtheit. Doch alle relevanten Daten, die sein Bewusstsein vom Computer abrufen konnte, lagen im grünen Bereich.

 

   Und dennoch, ein bisher unbekanntes Gefühl stieg in ihm auf. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er Angst. Ein Gefühl, auf das er nicht vorbereitet war und auf dessen Bekanntschaft er gerne verzichtet hätte. Corey fing an, darüber nachzudenken, dass bald etwas vollkommen Neues in sein Leben treten würde, dass er den Fuß in eine neue Welt setzen wird, über die er nicht die geringste Information hatte. Würde sie ihm freundlich oder feindlich gesinnt sein? Würde er sich dort zurechtfinden, oder würde ein Gefühl der Hilflosigkeit sein ständiger Begleiter werden ?  Er kam zu der Überzeugung, dass diese einzigartige Technik eines lebendigen Steuerungs- und Transportsystems, einen gravierenden Fehler hatte: sie konnte ihm auf all diese Fragen keine Antwort geben. Es war, als müsste er in völliger Dunkelheit in einen Abgrund springen, von dem er nicht wusste, wie tief er war. Nur über eines war er sich im Klaren, dazu gab es keine Alternative - er musste springen!

 

   Corey Hermans schloss die Augen. Es gab eh nichts zu sehen. Immerwährende Finsternis umgab ihn vom Start an. Bisher hatte ihm das nichts ausgemacht. Eine innere Stimme sagte ihm, dass ihm seine Augen erst in der neuen Welt nützlich sein würden. Weil es nur dort das Element gab, das seine Augen benötigten, um ihm zu dienen. Dieses Element war Licht. Ein Begriff, für den es in seiner Datenbank keine verständliche Erläuterung gab. Da draußen war das Licht....und diese anderen Wesen, deren Stimmen er so oft gehört hatte.

 

   Einmal, es mag schon Monate zurückliegen, da hatten sie einen Versuch unternommen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Damals gab es  um ihn herum eine ähnliche Unruhe wie heute. Der Transporter hielt nur schwer seinen Kurs. Die Turbulenzen waren mit den heutigen beinahe identisch. Ebenso das Gemenge der vertrauten und der fremden Stimmen. Corey erinnerte sich: er war kurz eingenickt und erwachte erst, als die Fremden bereits eine Sonde, oder etwas, das er dafür hielt, durch die Außenhülle des LCTS bugsiert hatten. Wie sie das anstellten, war ihm bis heute ein Rätsel. Zum Glück war der Transporter reine Biomasse, die  den Riss in der Hülle erstaunlich schnell und ohne sein Zutun selbsttätig zu schließen vermochte. Wegen der Dunkelheit konnte er die Sonde nicht sehen. Erst als er zufällig seine Lage etwas änderte, stieß er mit dem linken Handrücken an dieses ?Ding?. Sein Kontrollsystem meldete ihm nichts, was ihn hätte beunruhigen können und kaum, dass er den Eindringling bemerkte, war der auch wieder verschwunden. Seither wusste er, dass er sich die Stimmen nicht eingebildet hatte. Er war nicht allein in diesem Universum. Man beobachtete ihn. Doch solange ihn niemand ernsthaft angriff, oder den Kurs des Transporters ändern, oder ihn gar stoppen wollte, musste er sich wohl keine Gedanken über die da draußen machen. Bald würde er sie ja mit eigenen Augen sehen.

 

   Sein Puls wurde wieder etwas langsamer und Müdigkeit überkam ihn. Einschlafen konnte er aber nicht. Es beunruhigte ihn der Gedanke, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, herauszufinden, an welcher Stelle seines Transportsystems die Ausstiegsluke angebracht war, und wie sie zu öffnen sei. Wie sollte er nach der Landung einen Fuß in die neue Welt setzen, wenn die Luke sich nicht öffnen ließe, falls er sie überhaupt finden würde in diesem stockfinsteren Behältnis. Er hatte ja weder die Landung, noch den Ausstieg je geprobt. Er bemühte seinen Computer, und siehe da, der schien auf Corey?s Fragen schon gewartet zu haben.

 

   Direkt hinter seinem Kopf sollte laut dessen Auskunft der Ausstieg angebracht sein. Corey versuchte seinen Kopf so zu drehen, dass er die Luke in Augenschein nehmen konnte. Aber was sollte das nützen? Es war zu dunkel um etwas sehen zu können. Diese Tatsache, und der Ärger über seine eigene Nachlässigkeit, brachte ihn so in Rage, dass er mit Händen und Füßen die Wände des Transporters traktierte, wobei ihm zwei Dinge bewusst wurden. Erstens: sein Wutausbruch änderte rein gar nichts an seiner Situation, und Zweitens: erst jetzt bemerkte er, wie wenig Platz ihm noch zur Verfügung stand. Kaum, dass er mit Hand oder Fuß eine Bewegung machte, schon stieß er gegen die Wände. Sein Glück war, dass die Hülle des LCTS elastisch und weich gestaltet war.

 

   Corey hatte sich gleich wieder unter Kontrolle und tröstete sich damit, dass bald alles ausgestanden sein würde. Bis dahin, würde er sich mit der Enge zu arrangieren wissen.

 

   Sein Temperamentsausbruch schien aber nicht ohne Folgen. Denn wie als Antwort auf seine Bewegungen,  wurden die Stimmen wieder lauter. Vor allem die, die ihm nicht vertraut waren. Na gut, dachte er, wenn?s jetzt losginge, hätte ich nichts dagegen. Aber es geschah nichts, was auf die Einleitung einer Landung hätte deuten können. Seine Computerdaten waren unspektakulär und die Stimmen beruhigten sich wieder.

 

   Er bemerkte  einen leicht bitteren Geschmack unter seiner Zunge und es wurde ihm ziemlich warm. Hinter seinem Kopf, so schien es ihm, bewegte sich etwas.  War dort die wirklich die Ausstiegsluke? Hat sie sich vielleicht schon geöffnet? Wieder versuchte er den Kopf zu drehen. Mit einem mal wurde ihm bewusst, dass der Begriff Licht eng verbunden war mit dem letzten Schritt in die neue Welt. Er versuchte, sich mit seiner ganzen Kraft zu der Luke zu drehen. Doch auch mit Hilfe aller Muskeln schaffte er keine ganze Drehung. Zudem fiel ihm auf, dass sein Kontrollsystem wohl den Geist aufgegeben hatte. Der Datenstrom war mit einem mal unterbrochen. Jetzt war er ganz auf sich allein gestellt. Die Zeit war gekommen. Er stand am Abgrund. Jetzt brauchte er seinen ganzen Mut, den Sprung zu wagen.

 

   Da!  War das Licht, was in seinen Augen so schmerzte? Er kniff automatisch die Augenlider zusammen. Doch er stemmte sich gegen diesen Reflex, wenn es auch noch so unangenehm war. Hinter ihm drang noch mehr Licht ein. Er konzentrierte sich und analysierte das Geschehene: wenn die Landung erfolgt ist, öffnet sich die Ausstiegsluke automatisch, sobald die Außensensoren ihr OK an das LCTS gemeldet haben. Folglich brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Es lief alles nach Plan.

 

   Trotzdem überkamen ihn wieder Zweifel. Was ist, wenn der Computer einen schwerwiegenden Defekt hatte? Was ist, wenn sein Transportsystem ihn nicht mehr schützen konnte? Dann gab es nur eine Alternative, er musste selbst Hand anlegen. Egal ob die Luft draußen rein war oder nicht. Corey hatte einfach keine Geduld mehr und schob alle Sicherheitsbedenken beiseite. Der Spalt, durch den das Licht zu ihm drang, war wieder etwas größer geworden. Die Stimmen waren jetzt fast so laut, als seien sie direkt neben seinen Ohren. Die Wesen da draußen schienen genauso neugierig auf ihn, wie er auf sie. In der Verzweiflung heißt jeder Strohhalm Hoffnung -  sie werden mir helfen, wenn es beim Ausstieg Schwierigkeiten geben sollte, dachte Corey. Wenn er auch die fremden Worte nicht deuten konnte, Klang und Tonfall ließen auf Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft schließen.

 

   Mittlerweile war es so hell, dass er, wenn er seinen Kopf etwas zur Seite drehte, zum erstenmal sehen konnte, was er all die Monate nur ertastet hatte. Und das, was sich seinen Augen bot, erschrak ihn so sehr, dass sich sein Körper völlig verkrampfte und sein Puls zu rasen begann. Zu seinem Entsetzen registrierte er, dass er in einer transparenten Flüssigkeit schwamm. Umgeben von einem rötlich schimmernden Gewebe. Sein ganzer Körper war  mit einer gelblich-weißen, schmierigen Masse bedeckt.

 

   Dann sah er, dass er über ein dickes, rötlich glänzendes Kabel direkt mit dem  Transporter verbunden war. Ein Kabelende war über ihm an der Innenwand des Gehäuses befestigt, das andere Ende war unterhalb seiner Brust mit seinem Körper verbunden. Der Anblick war faszinierend und erschütternd zugleich.

 

   Corey wollte raus! Sofort! Er drückte mit den Füßen so fest gegen die Transporterwand, dass sein Kopf genau gegen die immer größer werdende Ausstiegsluke gepresst wurde. Er kniff vor Anstrengung die Augen zu und stemmte sich gegen die Öffnung.. Mit einem Ruck durchbrach er sie und ein gleißendes Licht drang unerbittlich und schmerzhaft durch  seine geschlossenen Lider tief in sein Gehirn. Gleichzeitig fühlte er einen unangenehmen Druck gegen seine Schläfen, als wäre sein Kopf zwischen die Klauen eines riesigen Aliens geraten. Dann wurde Corey von diesen Klauen, begleitet von einem gellenden Schrei, aus dem Transporter gezogen.

 

   Eine innere, allwissende Stimme aber beruhigte ihn: Du bist nun zu einer neuen Welt gelangt. Du bist endlich angekommen!

 

   Alina Hermans gebar an diesem sonnigen Frühsommermorgen, gegen 7.40 Uhr im Kreißsaal des "John - Glenn - Memorial  - Hospital" in Cambridge, Ohio, einen gesunden Jungen.

Alina und ihr Mann Chris hatten sich den Namen Corey für ihn ausgesucht.

 

 

 

Im Park

 

Die Bank stand dort, wo alle Parkbänke stehen. Nach Süden ausgerichtet, unter einem großen Baum mit weitausladendem und Schatten spendendem Blattwerk.

Genau genommen waren es sogar zwei Bänke. Im letzten Frühjahr neu mit grüner Farbe gestrichen und mit jeweils einer polierten Messingplakette versehen, auf welcher der Name des noblen Spenders in schwarzen Buchstaben eingraviert war. Sie standen nebeneinander, ruhig und gelassen, wie ein Großelternpaar, welches mit sich und der Welt zufrieden, wohlwollend das Spiel ihrer Enkel beobachtete. Zwei herrliche Buchen in vollem Saft, standen in idealer Entfernung dahinter und legten an jenem drückend heißen Sommernachmittag  behutsam ihren kühlenden Schatten auf die Ruhe Suchenden. Auf dem kleinen Weiher gegenüber balgten sich einige Stockenten um die Brotkrumen, die ihnen eine junge Frau in das silbrig glänzende Wasser warf.

Ein älterer Herr, im beigefarbenen Sommeranzug, ließ sich auf seinen Spazierstock gestützt, leise seufzend, auf einer der beiden Bänke nieder. Er schien etwas kurzatmig und wischte sich mit einem blütenweißen Taschentuch den Schweiß aus der Stirn, wobei er seinen hellen Stoffhut in den Nacken schob.

Zwei kleine Jungen liefen lärmend an ihm vorbei. Der Mann sah ihnen mit einem fast unmerklichen Lächeln hinterher. Dabei zog er eine Zeitung aus der Jackentasche, nahm seine Lesebrille hervor und widmete sich den Schlagzeilen.

Die junge Frau hatte alle Brotstückchen an die Enten verfüttert und setzte ihren Spaziergang fort, vorbei an den Bänken und dem alten Mann. Der schien während seiner Lektüre eingenickt. Den Kopf nach vorne, das Kinn auf der Brust, saß er da, mit geschlossenen Augen, immer noch die Zeitung mit den Händen auf den Knien haltend.

Auf dem Gehweg näherte sich ihm eine hagere Gestalt. An diesem Nachmittag waren es gut und gerne  30° im Schatten, trotzdem trug dieser Parkbesucher einen schwarzen Mantel und einen dunklen Hut. Er ging langsam und scheinbar lautlos auf dem mit roter Brasche ausgelegten Weg. Als er vor dem Herrn mit der Zeitung stehenblieb, erwachte der, hob den Kopf und blickte in ein aschfahles, ausgemergeltes Gesicht. Der Fremde stand  nur noch etwa zwei Schritte vor der Bank, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Die breite Hutkrempe überschattete seine dunklen Augen, als er sein Gegenüber ansprach: ?Herbert Anton Lehberg, ich bin gekommen, um dich abzuholen. Hab? keine Angst, du bist bei mir in guten Händen?.

?Moment!?, widersprach der alte Herr. ?Was heißt hier abholen? Wer sind Sie? Ich kenne Sie ja gar nicht. Woher kennen Sie meinen Namen?? Er stand auf und nahm die Lesebrille ab, um den Fremden genauer zu betrachten. Dabei fiel die Zeitung zu Boden.

?So viele Fragen auf einmal?, entgegnete dieser lächelnd mit einem sanften Unterton. Er schaute dem verdutzten Herrn Lehberg in die Augen. ?Weißt du nicht mehr, wer ich bin?? Lehberg schüttelte heftig seinen Kopf, als sei er bei einer Lüge ertappt worden und setzte sich mit verschränkten Armen wieder auf die Bank. Er zitterte am ganzen Leib. Der fremde nickte: ?Doch, Herbert, du weißt es genau. So hast du dir doch mein Ausssehen immer vorgestellt, erinnerst du dich?? Er legte Lehberg beruhigend seine rechte Hand auf die Schulter.

?Es ist Zeit zu gehen, Herbert?, flüsterte er eindringlich. Lehberg schüttelte wieder seinen Kopf und presste seine Arme fester um seinen Oberkörper. ?Warum jetzt? Warum ausgerechnet jetzt??, fragte er mit bebender Stimme. ?Der Arzt sagte doch, ich sei wieder auf dem Damm, und wenn ich mich schone, könnte ich die achtzig locker erreichen.? Eine Träne lief über seine Wange. Der Fremde steckte seine Hand wieder in die Manteltasche und schaute seufzend zum blauen Himmel: ?Warum? Warum jetzt? Warum ich? Es sind immer die gleichen Fragen. Und ich muss immer die gleiche Antwort geben: Ich weiß es auch nicht. Ich kenne nur den Namen, den Ort, das Datum und die Uhrzeit, mehr nicht. Ich bin nur der Abholer und  Begleiter bis zur nächsten Station.? Er zuckte mit den Schultern und blickte Lehberg wieder in die Augen. ?Nach dem ?Warum? musst du dich erkundigen, wenn du dort angekommen bist?. Lehberg erwiderte trotzig den intensiven Blick des Fremden, stand auf und ging einen Schritt auf ihn zu. ?So einfach ist das also für dich?, fuhr er diesen mit lauter Stimme an. ?Du weißt, dass ich immer gekämpft habe im Leben. Auch wenn?s mir noch so dreckig ging, ich habe mich nie unterbuttern lassen. Und ich habe nicht vor, mich jetzt zu  ändern?. Er ging erhobenen Hauptes, ohne eine Antwort abzuwarten zum Ufer des Weihers. ?Nun mach? es uns doch nicht so schwer, Herbert?, versuchte der Fremde zu beschwichtigen. Er ging ihm nach und stellte sich neben ihn. Lehberg hatte ein paar Kiesel aufgehoben und warf sie nacheinander in das glänzende Nass. Mit einem Ruck drehte er sich zu seinem Begleiter  um und hielt im den ausgestreckten rechten  Zeigefinger unter die lange, spitze Nase.

?Ich mach? es uns nicht schwer?, zischte er. ?Ich mach es dir schwer!? Er wandte sich wieder dem Wasser zu und warf noch einen Stein. ?Herbert, du strapazierst meine Geduld!? Die Stimme des Fremden klang jetzt mehrere Nuancen härter. ?Du warst doch Zeit deines Lebens ein Mann der Vernunft. Warum bist du jetzt, da alle Qualen ein Ende haben, so störrisch? Deine Chancen dich zu wehren sind gleich Null. Dein Abgang ist beschlossene Sache und du wirst drüben erwartet. Also finde dich damit ab und komm!? Ohne sich nach dem Fremden umzudrehen fragte Lehberg mit betont unbekümmerter Stimme, als hätte er dessen Worte gar nicht gehört: ?Sag mal, schwitzt du mit Mantel und Hut nicht sehr? Es ist doch drückend heiß heute?.

?Was soll denn diese Frage jetzt wieder??, entgegnete der Angesprochene irritiert. Und nach einer kleinen Pause: ?Ich kann dich beruhigen, ich schwitze nicht. Ich empfinde weder Kälte noch Hitze. Das wäre bei meiner Aufgabe nur hinderlich, da ich zu jeder Jahreszeit in jeder Ecke dieses Planeten tätig bin?. Er nahm seine Hände aus den Taschen und legte sie auf dem Rücken ineinander. Lehberg nickte nur stumm und warf noch einen Stein. Der Fremde beobachtete ihn und fuhr fort: ?Außerdem war es doch deine Idee, dass ich hier mit schwarzem Mantel und Hut erscheine, wie du dich erinnern wirst?. ?Ja, richtig?, entgegnete Lehberg ruhig. Er drehte sich um und betrachtete den Mann vom Hut bis zu den Schuhen eingehend. ?Eine Kleinigkeit fehlt aber noch?, bemerkte er und zog die Augenbrauen hoch. ?Was meinst du??, fragte der Mann und blickte unsicher an sich herunter. ?Ich meine dein Werkzeug....dieses Ding?. Er schnippte mit den Fingern und suchte nach dem passenden Wort.

?Du meinst die Sense??, der Fremde verzog das faltige Gesicht. ?Nein, nein. Das kann nicht dein Ernst sein?. Er schüttelte den Kopf und begann entnervt auf dem Rasen zwischen dem Weiher und dem Spazierweg hin und her zu gehen. ?Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich, wie im tiefsten Mittelalter, mit diesem furchterregenden Instrument meine Kundschaft erschrecke??

?Wieso nicht??, entgegnete Lehberg und lief nun seinerseits hin und her, immer einen Schritt hinter dem Mantel her. ?Du hast selbst gesagt, so habe ich es jedenfalls verstanden, dass du deinen ?Kunden?, wie du sie nennst, immer so erscheinst, wie deren Fantasie sich..... einen Kerl wie dich vorstellt?!?.

?Ja, ja, schon, aber...?.

 ?Na, also! Wo ist deine Sense??, unterbrach in Lehberg forsch. ?In meiner Vorstellung trägst du eine Sense, sonst bist du nicht vollständig. Ich kann dich so nicht akzeptieren. Tut mir leid?. Lehberg hob bedauernd die Arme und legte den Kopf schief.

?Jetzt will ich dir mal etwas sagen?, erhob der Fremde seine Stimme. Er blieb stehen und ging auf Lehberg zu, der schon wieder am Ufer stand und versuchte, Steine auf der Wasseroberfläche hüpfen zu lassen. ?Mir sind in meiner Laufbahn schon viele seltsame, und vermeintlich clevere Kunden untergekommen, aber dass jemand an meinem Aussehen herummäkelt und mich als ?unvollständig? bezeichnet, das schlägt dem Fass den Boden aus.? Er rang sichtlich nach Fassung. Lehberg grinste. ?Dass ich  jedem Kunden so begegne, wie er glaubt, dass ich aussehen muss, ist keine Verpflichtung meinerseits, das möchte ich einmal klarstellen. Das ist reine Gefälligkeit von mir, verstehst du? Und wenn ich als weiße Kugel oder als grünes Pferd auftreten würde, so änderte dies nichts an meinem Auftrag und an der Tatsache, dass deine Zeit auf

in dieser Welt abgelaufen ist und du mir unverzüglich folgen musst. Habe ich mich klar ausgedrückt?? Er atmete tief durch und wippte, den Kopf hoch erhoben, auf den Zehenspitzen, wie ein Lehrer, der seinem renitenden Schüler eine Standpauke hält.

Lehberg drehte sich mit ernster Miene zu dem Fremden um.

?Und jetzt hörst du mir einmal zu.  Wenn du es noch nicht weißt, dann sag ich es dir jetzt?. Er stand auf Atemlänge vor dem Fremden und tippte während er sprach mit dem rechten  Zeigefinger auf dessen Mantelrevers. ?Du hast ein äußerst wichtiges Gesetz verletzt, mein schwarzer Freund. Man nennt es das Gewohnheitsrecht. Du weißt, ich war bis vor sechs Jahren Anwalt, und  könnte dir die passenden Paragrafen aufzählen, gegen die du verstoßen hast, aber das will ich dir ersparen. Auf unseren Fall bezogen heißt das, du holst seit ewigen Zeiten deine Kunden immer in der Erscheinung ab, die der Vorstellung des Jeweiligen entspricht. Das bedeutet, dass daraus ein Gewohnheitsrecht für die Betroffenen entstanden ist. Und ob es dir Spaß macht oder nicht, aus deiner Gefälligkeit ist eine Verpflichtung geworden. Und wenn du bei mir auftauchst und gegen dieses Recht verstößt, indem du ein elementares Teil deiner Erscheinung einfach weglässt,  dann entbindet mich dieser Verstoß automatisch von der Verpflichtung dir zu folgen. So will es das Gesetz! Ende der Diskussion!? Lehberg ließ den verdutzten Fremden stehen und setzte sich wieder auf seine Bank, nahm die Zeitung vom Boden, schob seine Lesebrille auf die Nase und begann zu lesen, als hätte wäre sein Gesprächspartner gar nicht vorhanden.

 

Die Sanitäter schoben die Bahre in den Krankenwagen. An Herbert Lehbergs linkem Arm war eine Infusion angebracht. Der Notarzt setzte sich neben ihn und kontrollierte das EKG. ?Nochmal davon gekommen?, sagte er leise und gab dem Fahrer das Zeichen zur Abfahrt. Einige Schaulustige standen um das Fahrzeug herum.

Ein Mann im schwarzen Mantel mit Hut war nicht dabei.

 

 

 

 

 

...den bestraft das Leben mit dem Tod

Glaube mir, ich hätte niemals, wirklich niemals in meinem Leben daran gedacht, dass es einmal so enden würde. Es ist kein schönes Ende. Aber endlich ein Ende.

Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich jetzt fühlst. Ein wenig geschockt wirst du sein, aber das legt sich wieder. Etwas Wut wird da sein, vor allem,  wegen der Unannehmlichkeiten die du auf dich zukommen siehst. Und Verwirrung wird da sein. Ganz gewiss, und nicht zu wenig. Ja, das sind die Gefühle, die in dir sind. Gefühle! Was hast du all die Jahre gefühlt, wenn du an mich gedacht hast? Sag jetzt nicht, du hättest nicht an mich gedacht. Vielleicht die letzten Jahre nicht. Aber vorher, als Kind, das weiß ich genau. Spätestens immer dann, wenn wieder mal über mich geredet wurde. Natürlich hat sie über mich gesprochen. Verflucht wird sie mich haben. Tausend mal. Und sie hatte recht. Was sollte sie auch anderes von mir sagen? Immer wieder habe ich sie verletzt, ihr weh getan, sie ausgenutzt, missachtet, gedemütigt und erniedrigt.

Ich muss gestehen, alles was sie dir jemals über mich erzählt hat, entspricht der Wahrheit. Und dabei hat sie dir nie die ganze Wahrheit gesagt. Da bin ich mir ganz sicher. Dazu wäre sie nie imstande gewesen. Oder doch? Nein, nein, ganz bestimmt nicht! Und ich denke gerade darüber nach, ob ich dir wirklich die ganze Wahrheit sagen soll. Vor zehn Minuten, nein, schon vor Tagen war ich fest entschlossen, reinen Tisch zu machen. Verstehst du? Dir die volle, reine, brutale Wahrheit über mich zu sagen. Aber jetzt? Ich bin mir fast sicher, dass ich damit den letzten Rest von Achtung, oder Respekt, den du mir gegenüber vielleicht noch hegst, zunichte mache. Achtung und Respekt? Welch eine Arroganz hat sich bei mir wieder eingeschlichen? Wieder einmal. Wie solltest du auch nur einen Hauch dessen in dir tragen, was jeder andere Sohn seinem Vater gegenüber empfindet? Sohn und Vater, das waren wir nie. Ich bin allenfalls dein Erzeuger! Es war eine Laune der Natur. Nenn es wie du willst. Nur dem Trieb gehorchend, habe ich zufällig ein neues Leben entstehen lassen. Zufällig! Nicht gewollt. Nicht erwünscht. Nicht einmal aus Liebe. Liebe, welch scheußliches Wort. Kindisch, naiv, romantisch, verlogen. Nein, es war keine Liebe, nicht einmal Zuneigung. Damals schon muss deine Mutter mich gehasst haben. Im nachhinein kann ich das verstehen, wie so vieles, was ich erst heute verstehe. Aber zu spät ist zu spät. Du weißt, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wärst du zynisch, könntest du  sagen, wer zu spät versteht, den bestraft das Leben mit dem Tod.

Ja, sei nur zynisch, ich hab es verdient. Das ist kein Selbstmitleid. Was würde mir das jetzt noch nützen? Nein! Selbstmitleid empfand ich zu lange Zeit. Das ist nun vorbei. Wie oft habe ich mir vorgenommen: das ist nun vorbei, es ist Schluß, ich werde mich ändern, ein anderer Mensch werden. Glaub mir, ich habe es oft versucht. Nichts ist elender, als zu erkennen, was für ein Arschloch man ist. Nein! Festzustellen was für ein Arschloch man sein Leben lang war, und es einfach nicht geschafft hat, das zu ändern. Das ist elend. Das ist die Hölle. Obwohl ich zugeben muss, dass ich nach und nach mit diesem Scheißcharakter gut zu recht kam. Verstehst du? Du kämpfst nicht mehr dagegen an. Du arrangierst dich mit deinen Fehlern und betrachtest sie mit der Zeit sogar als deine Stärken. Es erleichtert dir einfach dein Leben. Mach deine Schwächen zu deinen Stärken und benutze sie gezielt. Das war letztlich meine Devise. Das Dasein ist schwer genug, warum sollte man seine Energie darauf verschwenden "ein besserer Mensch" zu werden?

Ein Feigling war ich, ein elender Feigling. War ich!  Deshalb will ich dir wenigstens auf diesem Wege die Dinge über mich sagen, die deine Mutter verschwiegen hat.

Wenn noch ein Rest Whisky in der Flasche ist, dann nimm jetzt einen kräftigen Schluck, du wirst ihn brauchen. Wenn die Flasche leer sein sollte, mach die rechte Tür des Schreibtisches auf, dort steht noch eine. Ich schenk sie dir.  Nimm dir den Stuhl aus der Ecke und setz dich. Ich schätze, der Schreibtischsessel ist nicht frei. Oder?

Da ich nicht weiß, wieviel Zeit mir noch bleibt, sollte ich dir das Wichtigste und das, was dich am schwersten treffen wird, zuerst mitteilen. Es tut mir sehr leid, aber du musst es erfahren.

Deine Mutter ist meine Schwester. Sie hat es dir nie gesagt. Hab ich recht?

Ja, ich habe meine Schwester geschwängert, ich geb es zu. Sie hat sich nicht gewehrt, damals. Jedenfalls nicht so, dass ich überzeugt gewesen wäre, es besser nicht zu tun. Wir lebten allein in dem Haus unserer Eltern, nachdem diese gestorben waren. Meine Schwester hielt das Haus in Ordnung, kochte unser Essen, und ich ging täglich zur Arbeit. Sie hat sich schon immer mit Männern schwer getan und lebte in dieser Beziehung sehr zurückgezogen. Ich hatte viele Monate eine Freundin, die aber plötzlich, ich weiß den Grund bis heute nicht, mit mir Schluß gemacht hatte. Ich begann zu trinken, mehr als mir gut tat. In dieser Zeit tröstete meine Schwester mich, so gut sie konnte. Es tat ihr weh, als sie sah, dass es mir schlecht ging. Damals merkte ich das gar nicht. Meine verletzte Ehre, nahm mich zu sehr in Anspruch, als dass ich mich um einen anderen Menschen, als mich selbst, hätte kümmern wollen. So geschah es eines Abends, als ich wieder mal vor Selbstmitleid verging, dass sie meinen Kopf auf ihren Busen drückte und mir übers Haar strich. Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, wenn es sich beim Spielen das Knie aufgeschlagen hat. Mir gefiel, wie gut sie roch, und wie weich sie sich anfühlte, und ich vergaß ganz, dass sie meine Schwester ist. Ich will ehrlich sein, es war mir vor lauter Geilheit scheißegal. In dieser Nacht  habe ich sie mehrmals bestiegen. Beim ersten mal hat sie sich ein paar blaue Flecken eingehandelt, aber nach und nach wurde ihre Gegenwehr schwächer, so dass ich den Eindruck hatte, es könnte ihr doch gefallen.

Wir hatten nie ein Wort über diese Nacht verloren und lebten weiter, wie bisher. Mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich danach nie mehr gewehrt hat, wenn ich sie nahm. Es kam, wie es kommen musste. Sie wurde schwanger. Wir wurden uns einig, dass sie abtreiben würde. Doch sie überlegte es sich anders. Als sie mir ihre Entscheidung mitteilte, habe ich sie grün und blau geschlagen. Doch es half nichts. Sie wollte das Kind austragen. Sie sagte immer: "Das Kind kann nichts dafür und hat ein Recht auf Leben". Ja, genau das sagte sie. Die Worte klingen mir noch im Ohr, als hätte ich sie gestern erst gehört. Je dicker ihr Bauch wurde, um so weniger sprach mich ihr Körper an. Ich verlor die Lust an ihr. Sie widerte mich regelrecht an mit diesem Inzuchtbalg unter ihrer Brust, der ihre einst so schöne Figur total ruinierte.

 

Kurz bevor du geboren wurdest, erwischte sie mich mit der sechzehnjährigen Nachbarstochter im Bett und hat mir vor Wut mit der Nachttischlampe das Nasenbein zertrümmert. Sie war sonst nie gewalttätig. Ich denke, sie war halt nur ein bisschen eifersüchtig auf die Kleine. Sie wollte weglaufen, ausziehen. Aber ich habe sie mit meinen Fäusten davon abgehalten. Sie blieb, und meine Nächte wurden mir von der jungen Nachbarin versüßt. Ich war ein Schwein. Heute weiß ich das. Aber damals scherte ich  mich einen Dreck um die Gefühle anderer. Je näher der Geburtstermin rückte, desto größer wurde meine Angst, es könnte herauskommen, dass ich der Vater ihres Kindes bin.

Da sie mir sowieso nichts mehr bedeutete, im Gegenteil, ich begann sie zu hassen, dachte ich darüber nach, ob es nicht besser wäre, sie zu beseitigen. Sie und das Kind. Zwei auf einen Streich. Die Idee brannte sich förmlich in mein Gehirn. Doch wie sollte ich es anstellen?  Es musste wie ein Unfall aussehen. Das hielt ich für das Beste. Auf keinen Fall durfte sie im Haus sterben. Aber sie ging so gut wie nie, außer zum Einkaufen, vor die Tür. Doch, einmal! Einmal war sie zur Untersuchung beim Frauenarzt. Ich brauchte sie nur zu überreden, zur Sicherheit, vor der Geburt noch einmal dorthin zu gehen. Ich würde mir frei nehmen und sie mit dem Wagen selbst zu ihm bringen und unterwegs hätten wir einen Unfall. Es war nicht einfach, aber ich fuhr die Strecke nach Feierabend in Ruhe ab und suchte mir eine geeignete Stelle. Ich musste vorsichtig sein, denn ich wollte mich auf keinen Fall selbst verletzen. Das Ganze sollte hundertprozentig tödlich für sie enden. Ich wollte nicht verletzt werden, und die Polizei durfte keinen Verdacht schöpfen. Ich fand einen Laternenmast, der mir stabil genug für mein Vorhaben erschien, wendete bei der nächsten Gelegenheit und fuhr im Schutze der Dunkelheit schon mal einen Scheinangriff auf das Objekt meiner Wahl. Ich war zufrieden. Wenn ich mit mindestens achtzig, neunzig Stundenkilometer mit der Beifahrerseite aufprallen würde, hätte sie keine Chance. Nur um den Wagen tat es mir leid. Er war erst drei Jahre alt. Und ich würde mich nur sehr ungern von ihm trennen. Aber dieses Opfer war es mir wert. Damals waren Airbags noch unbekannt, aber ich würde angeschnallt sein. Deine Mutter, so nahm ich an, konnte wegen ihres dicken, unförmigen Bauches keinen Gurt anlegen. Aber um ganz sicher zu gehen, schnitt ich ihren Gurt mit einem scharfen Messer zu drei Vierteln ein.

Sie wollte nicht mehr zum Arzt, deshalb half ich mit der flachen Hand etwas nach. Nachdem ich sie überzeugt hatte, machte ich einen Termin am späten Nachmittag aus, damit es bereits dunkel war, wenn wir losfuhren. Sie schnallte sich tatsächlich nicht an. Genau, wie ich es erhofft hatte. Zum Glück waren nur wenige Autos unterwegs und es begann zu nieseln. Als ich von weitem den Laternenpfahl sah, hüpfte mein Herz vor Freude. Es konnte gar nicht besser sein, denn die Laterne brannte nicht. Die Glühlampe war defekt und die ganze Straße unterhalb des Pfostens war stockdunkel. Es war alles perfekt.  Ich beschleunigte, sie begann zu schreien. Ich stemmte mich mit all meiner Kraft gegen das Lenkrad. Als ich wieder zu mir kam, wurde ich gerade in den Krankenwagen geschoben. Sie war schon auf dem Weg ins Krankenhaus.

Wie du weißt ,ging mein Plan nicht auf. Sie hat mit schweren Knochenbrüchen und inneren Blutungen knapp überlebt. Dich hat man mit einer Notoperation in die Welt befördert, und ich habe heute noch unter den Folgen des Unfalls zu leiden. Meine beiden Knie sind kaputt, meine Schultergelenke schmerzen bei jedem Wetterumschwung und einen Halswirbel mussten sie damals wieder zusammen flicken.

Deine Mutter aber war tapfer und hat mich nie verpfiffen. Ich denke, sie war bloß zu feige, wegen der Konsequenzen. Sie lag ein halbes Jahr im Krankenhaus. Die Mutter meiner schönen Nachbarin nahm dich so lange auf, bis sie wieder zu Hause war. Ich wollte und konnte mit dir nichts anfangen. Außerdem hatte ich mich gerade selbständig gemacht und daher gar keine Zeit für so ein stinkendes, schreiendes Balg.

In der Klinik hatte deine Mutter eine Frau kennen gelernt, zu der sie mit dir umgezogen ist, sobald sie einigermaßen laufen konnte. Das war wohl auch besser so, denn ich dachte immer wieder darüber nach, wie ich euch loswerden könnte.

 

Du weißt nun die ganze beschissene Wahrheit über deinen beschissenen Vater. Doch ich denke, du bist stark genug, um das alles zu verkraften.

Dass ich finanziell nicht für euch gesorgt hätte, kannst du mir aber nicht vorwerfen. Wenigstens da habe ich ein reines Gewissen. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, einen Luxus namens Gewissen, habe ich mir seit meiner Jugend eigentlich nicht mehr geleistet. So etwas stört im Leben nur, und entzieht dir große Teile deiner Energie, die du für rentablere Geschäfte verwenden solltest. Ein Gewissen fördert Skrupel und lockt sie aus ihren Rattenlöchern. Es baut Blockaden auf, die deine mentalen Fähigkeiten derart begrenzen können, dass du für das Wichtige im Leben keinen Blick mehr hast. Aber vielleicht siehst du das ja auch ganz anders. Wie weit mich meine Lebensphilosophie gebracht hat, siehst du ja vor dir.

Jedenfalls habe ich deiner Mutter, nachdem meine Geschäfte ins Rollen kamen, monatlich eine hübsche Summe überwiesen, damit ihr nicht von der Sozialhilfe leben musstet. Sie hatte mich nie darum gebeten, und ich habe lange mit mir gekämpft, aber irgendwo bin ich halt doch ein sentimentaler Trottel gewesen. Meine Steuerberater sagten mir, dass ich das Geld besser euch gebe, als den Halsabschneidern vom Finanzamt.

 

Zu erben gibt es nix. Damit wollte ich dich nicht auch noch belasten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du, nach allem, was du heute erfahren hast, wirklich Freude mit meinem Vermögen und meinen Immobilien hättest. Mein Testament ist beim Notar hinterlegt. Es ist alles geregelt.

Ich seh ganz genau, wie dir die Zornesader an deiner Stirn angeschwollen ist. Warum, so fragst du dich, schüttet mir dieser Bastard diesen ganzen ekelhaften Müll ins Gesicht? Ich hätte natürlich meinen Notar anweisen können, dich zur Testamentseröffnung zu laden, und dir von ihm alles erklären lassen. Ich hätte auch ganz schweigen können, wie die letzten Jahre auch, und dich dumm sterben lassen. Aber wenn ich mir vorstelle, dass dir irgendwann irgendein schwachsinniger Idiot irgendwelche Märchen über mich erzählt, und mich dabei vielleicht noch in den Dreck zieht, nein, das kann ich nicht zulassen. Noch bin ich Herr meiner Sinne und nur von mir erfährst du die  ganze Wahrheit. Ich will dich gewiss nicht quälen, aber es ist mir lieber, nachher mit einem Arschtritt in den Himmel zu kommen, als mit  einem "Herzlich Willkommen" in die Hölle. Du hast recht. Ich glaube nicht an solchen Schwachsinn. Aber man weiß ja nie.

Mag sein, dass du dich auch fragst, warum ich freiwillig diesen Scheißplaneten verlasse. Ich kanns dir sagen. Die Ärzte im Krankenhaus meinen, dass mein Körper schon zur Hälfte vom Krebs aufgefressen ist.  Ein paar Monate noch, dann wärs sowieso aus. Als ich dann das mit deiner Mutter erfuhr, sagte ich mir, das kannst du auch. Die hängen dich nicht an eine Maschine und dröhnen dir die Birne zu, damit du die Schmerzen nicht spürst. Und so hab ich mir diesen Plan ausgedacht und dich heute Nachmittag unter falschem Namen hier her rufen lassen. Du wärst ja nicht gekommen, wenn du gewusst hättest, wer und was dich hier erwartet.

In der Flasche ist gerade mal noch ein guter Schluck übrig. Den krieg ich auch noch runter. Das ist ein feines Zeug. Schottischer Single-Malt, fast so alt wie ich. Das wird genügen. Das hält kein Pferd aus. Wenn es nur nicht so weh tun würde. Meine Finger sind schon ganz taub. Die Beine spür ich auch nicht mehr.

Ich wollte dir nur noch sagen, dass mir alles aufrichtig leid tut, was ich euch angetan habe. Wobei ich mir sicher bin, wären wir eine Familie geworden, wärs euch dreckiger gegangen. Alles in allem wars ja dann doch nicht so übel.

Als ich hörte, dass sich deine Mutter vor drei Tagen von der Autobahnbrücke gestürzt hat, war ich doch etwas perplex. Warum hat sie das getan? Warum erst nach so vielen Jahren?  Es mag zwar jetzt etwas hart klingen, aber stell dir doch mal vor, sie wäre vor deiner Geburt gesprungen. Uns allen wäre so viel Leid erspart geblieben. Ja, auch mir. Aber sie war schon immer zu weich und ohne Rückgrat, eben eine Versagerin. Die vielen Fehler, die sie in ihrem doch recht kurzen Leben gemacht hat, hätten für mehrere gereicht. Da passt dieser lausige, schlecht inszenierte Freitod zu ihrem versauten Leben, doch wie die berühmte Faust aufs Auge.

Trotzdem, wir sollten nicht nachtragend sein. Ich nicht, und du erst recht nicht. Über Tote sollte man nicht schlecht reden. Wenn dir das bei mir auch schwerfallen wird.

Ich bin jetzt so verdammt müde. Zum Glück haben die Schmerzen aufgehört.

Du tust jetzt einfach das, was ich dir angewiesen habe. Es gibt ja verrückte Hühner, die behaupten, dass wir uns alle anderswo noch einmal wiedersehen. Das wünsche.....

Hier endete der Brief.

Der junge Mann hielt zitternd die Blätter in der Hand, wischte sich die Tränen aus den dunkelbraunen Augen, und schaute auf sein Gegenüber.

Im Sessel hinter dem Schreibtisch saß zusammen gesunken ein Mann, Ende fünfzig, mit dem halben Oberkörper auf dem Tisch liegend.

Der Kopf des Mannes, der behauptete sein Vater zu sein, lag auf der Schreibtischplatte, als wäre er während des Schreibens vom Schlaf übermannt worden. Die Augen waren geschlossen und der Mund halb geöffnet. Das Gesicht schien blutleer und wächsern. Der linke Arm hing zwischen Tisch und Oberkörper herunter. Der rechte lag neben dem Kopf. Daneben stand eine leere Whiskyflasche. Ein Glas war nicht zu sehen. Aber zwei leere Tablettenröhrchen.

Er stand auf, um zum Kamin zu gehen, als er ein Geräusch vernahm. Es klang wie ein leises Schnarchen. Er drehte sich um, ging zu dem Toten und beugte sich zu ihm hinunter.

Da hörte er es wieder. Er nahm die rechte Hand, um den Puls zu fühlen. Dann ließ er die Hand auf die Tischplatte fallen und ging zum Kamin. Aus seiner Manteltasche nahm er ein Feuerzeug, zündete die Briefblätter an und legte sie in die Feuerstelle. Mit leeren Augen schaute er den Flammen zu, wie sie das abscheulichste verschlangen, das er je zu lesen gezwungen war. Die braunen Ränder des Papiers kräuselten sich nach innen und wurden schwarz. Der Widerschein der letzten verbrennenden Seiten, ließ in seinen Augen keine Gefühlsregung erkennen.  Das Feuer war längst verloschen, als er immer noch, mit starrem Blick, davor stand. Die zarte Wärme des kleinen Feuers wich einer Kälte, die von seinem ganzen Körper Besitz ergriff. Mit einem Ruck, als müsse er sich  gewaltsam aus einer Umklammerung lösen, die ihn unsichtbar auf der Stelle zu halten schien, drehte er sich zum Schreibtisch um und ging auf die Leiche zu. Er fühlte noch einmal den Puls, als er glaubte, wieder dieses seltsam röchelnde Schnaufen gehört zu haben. Dann legte er ganz behutsam die Hand seines Vaters zurück, griff in die Manteltaschen und zog seine Lederhandschuhe an. Er stellte sich dicht hinter den scheinbar leblosen Körper. Mit der linken Hand drückte er die Schulter des Mannes fest nach unten und hielt ihm mit der Rechten Mund und Nase zu.  Sein ganzer Körper verfiel wieder in diese Starre. Das Gesicht war blass, und sein Blick ging ins Leere. Nach einigen Minuten löste er den Griff und maß wieder den Puls. Dann ging er gelassenen Schrittes aus dem Raum, löschte das Licht und ließ die Tür hinter sich leise ins Schloss fallen.

  

 


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