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Märchenhaftes

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  • Vom König, der die Zeit anhalten wollte

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Vom König, der die Zeit anhalten wollte

 
Vor nicht allzu langer Zeit, in einem nicht allzu fernen Land regierte ein junger König.
Eines Tages beschloss er, die Zeit anzuhalten.
Er hatte miterlebt, wie sein Vater im Alter immer kranker und schwächer wurde, bis er schließlich starb. Deshalb hatte sich der junge König monatelang den Kopf zerbrochen, wie es zu verhindern wäre, dass der Mensch immer älter wird und am Ende auf jeden der Tod wartete. Wenn es ihm gelänge, ein Mittel dagegen zu finden, hätte dies einen weiteren Vorteil: Er könnte seine Reichtümer für immer behalten, und sein Volk könnte für immer in Frieden und Wohlstand leben.
 
Für den jungen König stand fest, dass dieses große Ziel nur erreichbar war, indem man eine Möglichkeit findet, die Zeit anzuhalten. Doch so sehr er auch grübelte, es wollte ihm keine Methode einfallen, wie dies zu bewerkstelligen wäre.
Deshalb ließ er alle weisen Männer und Frauen seines Landes zu sich rufen. Der junge König erklärte ihnen seine Idee und ließ bei ihrem Leben schwören, dass sie niemandem von dem Plan erzählen würden. Er beauftragte sie, ihm so schnell wie möglich, die Lösung dieses Problems zu liefern. Bis dahin, durften sie das Schloss nicht verlassen.
 
Nach langen Tagen und Nächten des Nachdenkens und Diskutierens, hatten die Damen und Herren Doktoren und Professoren die Lösung gefunden und übergaben sie ihrem König.
Der Älteste trat vor: "Majestät, die Lösung Ihres Problems besteht darin, mit einem Schlage alle Uhren in Ihrem Reiche anzuhalten. Damit ist die Zeit gezwungen, ebenfalls stehen zu bleiben. Es darf aber auch nicht eine einzige Uhr übersehen werden. Auch die Ihre muss angehalten werden."
 
Der König war begeistert und ärgerte sich gleichzeitig ein wenig, dass er nicht auf diese logische Lösung gekommen war. Er sandte sofort Reiter in alle Dörfer und Städte seines Reiches aus, die alle Uhren beschlagnahmten und an Ort und Stelle sofort zerstörten.
Da die großen Uhren an den Kirchtürmen und Rathäusern in der Eile nicht abmontiert werden konnten, ließ er alle Kirchen und Rathäuser niederbrennen.
Als alle Uhren zerstört waren, und er seine eigene angehalten hatte, war er sicher, die Zeit besiegt zu haben.
Es dauerte nicht lange, bis der König begriff, dass die Problemlösung seiner Gelehrten falsch war. Die Zeit scherte sich einen Teufel um die Uhren und lief weiter und weiter, als wäre nichts geschehen. Als der junge Herrscher seine Enttäuschung darüber verwunden hatte, nahm ein böser Zorn von ihm Besitz. Er gab seinen Beratern die Schuld für die Schmach der Niederlage gegen die Zeit. Und er wies die Henker des Landes an, alle Doktoren, Professoren und sämtliche Wissenschaftler gefangen zu nehmen und sofort zu köpfen.
Von seiner Idee, die Zeit doch noch besiegen zu können, konnte er aber nicht lassen. Und so grübelte er fast jeden Tag und jede Nacht über die Lösung dieses Problems. Aber ihm wollte einfach nichts brauchbares einfallen.
Da alle klugen Köpfe seines Reiches tot waren, ließ er seinen Hofnarren kommen. Der König fragte ihn, ob er vielleicht eine Lösung wüsste, denn der Hofnarr war im ganzen Schloss für seine Cleverness und Gerissenheit bekannt. Der Narr erbat sich drei Tage Bedenkzeit, 1000 Reichstaler und ein schnelles Pferd. Der König ließ sich in seiner Not auf den Handel ein und wartete drei Tage. Dann rief er den Hofnarren erneut zu sich.
„Nun will ich die Meinung eines Narren hören. Die Ansicht der Klugen hat nur Zerstörung und Depression gebracht“.
Der Hofnarr hockte sich zu Füßen seines Herren ganz nah an dessen Thron und begann flüsternd, damit keiner der Leibgardisten etwas hören konnte, mit seiner Erklärung: "Majestät, die Zeit und das Wasser sind ein Ding. Das ist das Geheimnis".
Der König staunte: "Was willst du damit sagen, erkläre dich".
Der Hofnarr fuhr fort. "Nun, mein König, das Wasser zerrinnt uns zwischen den Fingern, wenn wir es halten wollen, genau wie die Zeit. Trotzdem kriegen wir es zu fassen, nämlich dann, wenn es gefroren ist. Das ist das Geheimnis".
Der König verstand immer noch nicht.
Der Narr bemerkte, dass seine Worte den König verwirrt hatten und seine Neugierde weiter anstachelten. "Du weißt, mein König, dass mir viele Dinge zwischen Himmel und Hölle bekannt sind, und mein Wissen dir oftmals genützt hat", erinnerte er listig an sein Können. 
"Spann mich nicht auf die Folter. Nenn mir die Lösung". Der König war voller Ungeduld.
Der Narr vergewisserte sich, dass keine der Wachen lauschte und gab dem König ein Zeichen. Worauf der sich noch weiter zu dem Narren herunter beugte.
"Es gibt zwei Arten, das Problem zu lösen, Majestät“, flüsterte dieser.  „Die erste wäre: Lösch die Sonne aus und lass die Zeit erfrieren. Das hat den Vorteil, dass du hier im Lande bleiben kannst, wenn die Zeit stillsteht. Das hat aber den Nachteil, dass all unsere Feinde den gleichen Nutzen davon haben wie wir“.
Der König kniff nachdenklich die Augen zusammen und nickte mit dem Kopf. Der Narr schwieg, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten.
Nach einer Weile sagte der König: „Die zweite Möglichkeit“.
„Die zweite Möglichkeit ist die“, fuhr der Hofnarr fort. „Du ziehst mit all deinen Schätzen und den Menschen, die du in deinem dann ewigen Leben um dich haben willst, zum Nordpol, wo alles Wasser, und somit alle Zeit gefroren ist. Das hat den Vorteil, dass nur du allein den Nutzen der gefrorenen Zeit hast. Das hat aber den Nachteil, dass du dein Land aufgeben müsstest. Das ist das Geheimnis. Du hast die Wahl, mein König".
 
Nach diesen Worten wurde der König sehr nachdenklich und schickte seinen Hofnarren weg, um allein zu sein. Seine Entscheidung musste wohl durchdacht sein.
Am nächsten Morgen gab er Befehl, eine riesige Kanone bauen zu lassen, die größte, die die Welt je gesehen hatte. Es erschien ihm angebracht, zunächst im Lande zu bleiben und die Sonne auszulöschen. Dass seine Feinde danach ebenfalls ewig leben würden, erschien ihm als das kleinere Übel.
 
Als nach vielen Wochen die mächtigste Kanone, die jemals erbaut worden war, auf die Sonne gerichtet wurde, versammelten sich Tausende seiner Untertanen, um das Spektakel mit eigenen Augen verfolgen zu können.
Der Oberkanonier, der mit der hochköniglichen Aufgabe, der Zerstörung der Sonne, betraut wurde, wartete mit dem Abschuss, bis die Sonne am Abend nur noch einen Millimeter vom Horizont entfernt war. Denn da ist sie am größten, wie er seinem König erklärte, und wird am einfachsten zu treffen sein. Mit einem gewaltigen Knall, der die Grundmauern des solide gebauten Schlosses erzittern ließ, wurde eine riesige Kugel in Richtung Sonne abgefeuert. Die Untertanen brachen nach einer Schrecksekunde in unbeschreiblichen Jubel aus, ließen ihren König hochleben und feierten die ganze Nacht, denn in dem Moment, als die Kugel das mächtige Rohr verließ, verlöschte das Licht der Sonne am Horizont.
Doch als sie am Morgen auf der anderen Seite des Festplatzes wieder aufging, ließ der König den Oberkanonier in Eisen legen und in den Turm sperren.
Nun blieb dem König nur noch die Möglichkeit, sich mit all seinen Schätzen und seiner Familie am Nordpol nieder zu lassen, wenn er sein Ziel noch erreichen wollte.
Der König des Nachbarlandes im Westen machte ihm die Entscheidung leichter, als er ihm den Krieg erklärte, denn die riesige Kanonenkugel fiel in dessen Reich wieder zur Erde und hatte eine ganze Stadt zerstört.
Mit einem Tross von vierzig Wagen, beladen mit Gold und Geschmeide, und unzähligen, bis an die Zähne bewaffneten Reitern, machten sich der König und seine Familie auf die lange Reise in den eisigen Norden. Ob sie je am Nordpol ankamen, ist nicht überliefert.
 
Nachdem der König abgereist war, schien es, als stünde in seinem ehemaligen Reich tatsächlich die Zeit still. Denn alle Gelehrten und klugen Köpfe waren hingerichtet; alle Schulen und alle Universitäten waren deshalb geschlossen; alle Kirchen waren abgebrannt, ebenso alle Rathäuser. Der König hatte alles Geld und Gold mitgenommen, sodass nichts mehr neu aufgebaut werden konnte.
Der Nachbarkönig, der die Schmach über die von der Kanonenkugel zerstörte Stadt rächte, zog plündernd und brandschatzend durch das wehrlose Land.
Not und Elend hielten das geschundene Reich in ihren Klauen, sodass für keinen der überlebenden Menschen die Zeit noch eine Rolle spielte.
 
Der Hofnarr jedoch, hielt sich nach der Abreise des Königs versteckt, bis die feindlichen Soldaten das zerstörte Land wieder verlassen hatten. Dann machte er sich auf und zog durch die verbrannten Dörfer. Dort stellte er sich auf die Marktplätze und verkündete in mitreißenden Reden, dass er das Land wieder aufbauen, und zu altem Glanze führen werde, wenn ihn die Menschen zum neuen König wählten.
Die armen, hungernden und ungebildeten Leute fanden durch ihn wieder Hoffnung, und so wurde ein Jahr später der ehemalige Hofnarr als neuer König gekrönt. 
 
Nicht nur im Märchen profitieren ausschließlich die Narren davon, wenn irgendwo auf der Welt die Zeit stehen bleibt.
 
 
 
 
 

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