Tag des Zorns

Noch immer scheint die Sonne, sendet ihre warmen Strahlen hinab zur Erde, als Bote des Tages.
Vor zwei Minuten haben die Leute noch gelächelt. Haben sich zugenickt, miteinander geplaudert. Haben über Witze gelacht. Über den Verlust eines lieben Menschen getrauert. Aus ihren Gläsern getrunken. Aus den Fenstern geschaut, durch die Scheiben hinein geguckt. Haben jemandem auf der andern Strassenseite zugewunken, während hupend und ärgerlich die Autofahrer in der Mitte durchbrausten.
Vor zwei Minuten war die Welt noch in Ordnung.
Noch immer scheint die Sonne, sendet ihre warmen Strahlen hinab zur Erde, als Bote des Tages.
Vor einer halben Minute betrat ein Mann die Eingangshalle. Ein kleines Mädchen hat aufgeregt auf ihn gezeigt und gesagt: "Schau mal, Mama. Der Mann da." Und die Mutter hat es gescholten, ihm erklärt, man zeige nicht auf fremde Leute, vor allem nicht auf so anständige Menschen. Der Mann in seinem schwarzen Anzug hat das Mädchen angelächelt – so, als wollte er ihm in der nächsten Sekunde einen Lutscher in die Hand drücken. Einige der Leute, mit ihren Gedanken beschäftigt gewesen, mögen aufgesehen haben.
Noch immer scheint die Sonne, sendet ihre warmen Strahlen hinab zur Erde, als Bote des Tages.
Das Schreien der Menschen erfüllt den heissen Platz, einige Kinder stehen mit grossen Augen auf der andern Strassenseite, während Erwachsene hin und her rennen wie erschreckte Hühner und um Hilfe und Krankenwagen lärmen. Das Glas der Eingangstüren ist zerborsten unter dem gewaltigen Druck, die Scherben liegen draussen auf dem Bürgersteig und der Strasse. Scherben, die nicht wieder zusammen gefügt werden können. Sonnenstrahlen, die durch einen leeren, verformten Türrahmen gehen – die sich nie mehr in diesen Scheiben spiegeln werden...
Noch immer scheint die Sonne, sendet ihre warmen Strahlen hinab zur Erde, als Bote des Tages.
Und im schattigen Kühl vor den Schaltern liegen zerkrümmte und zerfetzte Körper – der Attentäter grinst ein blutiges Lächeln hinter aufgeplatzten Lippen, der Rest seines Oberkörpers gegen eine Säule geschmettert, während seine Beine in grotesker Stellung vor einem Schalter liegen. Das Mädchen hält noch immer die Hand ihrer Mutter fest, in deren glanzlosem Auge ein Splitter funkelt, während sich ihr Blut mit dem ihrer Tochter mischt. Und das Kleine... nie wieder wird es an das Licht des Tages treten, nie wieder einen Ball werfen, nie wieder freudestrahlend einen Lutscher entgegen nehmen, nie wieder mit ihren Kameraden spielen, nie lieben, nicht mehr leben...
Und immer noch scheint die Sonne, sendet ihre warmen Strahlen hinab zur Erde, als Bote des Tages.
Die Menschheit... macht mich traurig und krank
Nimm dir ein wenig Zeit und lies
Kostenlose Homepage von Beepworld