Diese Geschichte wurde im Forum von www.liquet.de begonnen und wird dort auch noch immer weitergeschrieben. Da ich so begeistert von dieser Geschichte bin und auch selber fleißig mitschreibe, musst ich sie einfach hier posten *schmunzel* Viel Spaß beim Lesen!

Wo bin ich?
Ängstlich ließ sie ihren Blick durch den dunklen, nur von einem kleinen, mit Gitterstäben versehenen Fenster erhellten Raum wandern. Es war kalt. Sie zitterte und zog die Decke, mit der sie bedeckt war, enger an sich. Das Bett knarrte und außer einem Nachtopf und einem kleinem Schemel, sowie dem Bett war in dem Zimmer nichts zu sehen. Sie blinzelte. Wie lange habe ich geschlafen? Da war noch eine Tür. Als sie aufstand wurde ihr schwindelig. Sie schwankte und konnte sich nur mit großer Mühe auf den Beinen halten. Sie ging auf die Tür zu, bemerkte aber erst, als sie vor dieser stand, dass sie keine Klinke, nicht einmal einen Knauf besaß. Ich will hier raus! Panisch umschlang sie mit ihren Armen ihre Brust, in der Hoffnung, es schütze sie vor der Dunkelheit. Die Hände berührten das Amulett. Sie umfasste es. Dann machte sie einen Satz auf das Fenster zu und betrachtete die kleine goldene Medaille im Mondlicht. Hier war es wesentlich heller. Das Amulett war kreisrund und eine Rose war darin eingraviert. Darunter ein Wort: „Alessandro“
by Liquet
Doch was hatte dieser Name zu bedeuten? Sie fasste sich an den Kopf, er pochte. Sie versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. So sehr sie es auch versuchte, ihr fiel es nicht ein. Sie fühlte nur das diese Medaille etwas Gutes war, etwas Vertrautes.
Sie zog die Decke wieder an sich und ging erneut auf die Tür zu und tastete sie ab. Erneute Panik ergriff sie, sie schlug wild dagegen und rief aus aller Kraft: „Hilfe, hört mich denn keiner, ich will hier raus!“ Immer und immer wieder rief sie und schlug auf die Tür ein. Es dauert ein Weile als sie in dem Türspalt ein kleines Licht sah.
Vor Freude und Erleichterung das endlich jemand sie erhört hatte, weinte sie nur noch ganz leise und wimmerte „Lasst mich raus...“ Plötzlich öffnete sich die Tür. Alles ging so schnell. Jemand packte sie am Arm und hielt ihr die Hand vor den Mund. Die Person flüsterte aufgeregt: "Still, still! Schnell, komm!" Sie gehorchte. Die Person zerrte sie durch die Tür und einen langen Flur. Am Ende des Ganges wartete noch eine Person. Wie ein Stück Ware wurde sie grob übergeben. Die beiden Personen nickten einander nur zu. "Was geht hier vor?" Ihre Stimme war voller Angst und Verwirrung. Einer der Männer deutete ihr still zu sein. Einen Moment standen die drei in dem Flur. "Los!", rief einer von ihnen plötzlich, rannte wie besessen die Treppe nach oben und zerrte die Frau mit sich. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, doch immer wenn sie zu fallen drohte, hielt der zweite Mann, der hinter ihr lief, sie fest. Endlich, nach einer halben Ewigkeit erblickte sie das Tageslicht. Von den hellen Strahlen der Sonne geblendet, konnte sie einige Minuten lang kaum etwas erkennen. Doch nach und nach nahm ihre Umgebung Form an. Sie standen auf einer Burgmauer. Unten im Innenhof schien alles ruhig zu sein. Ein Schauder überkam sie, als sie die Zinnen hinunter sah. Tief unten schlängelte sich der Burggraben um den Wall. Davor konnte sie einen weiteren Mann auf einem Pferd erkennen, der drei weitere Reittiere festhielt und zu ihnen hoch blickte.
Der Mann, der sie die ganze Zeit hinter sich her gezogen hatte, fasste sie an den Schultern.
"Hör zu", sagte er. "Wir müssen jetzt hier herunter springen. Du brauchst keine Angst haben, der Graben ist tief genug..."
Als er merkte, dass sie in ihrer Verwirrung nicht einmal wusste, was sie von ihm halten sollte, und ihm so garantiert nicht vertrauen würde in dieser Hinsicht, zeigte er auf seinen Gefährten, der Mann, der sie mehrere Male vor dem Fall bewahrt hatte.
"Sie her, er macht es vor."
Tatsächlich stellte dieser sich auf die Zinnen und sprang ohne zu zögern ab. Sie wagte nicht hinzusehen, aber kurz danach gelangte das Geräusch seines Eintauchens an ihr Ohr, und sie riskierte einen Blick über die Mauer.
Total durchnässt, aber anscheinend unverletzt stieg der Gesprungene aus dem Wasser, wandte sich um und blickte winkend zu ihr hoch.
"Nun du", sagte der Mann neben ihr. Einen kurzen Moment zögerte sie noch. Aber was hatte sie schon zu verlieren? So schloss sie die Augen und sprang. Es kam ihr vor wie eine Unendlichkeit bis sie endlich ins Wasser eintauchte. Hier sah sie dann ihre Chance zur Flucht. Doch schon sprang der andere Mann hinterher und noch ehe sie aus dem Wasser geklettert war, ergriff er wieder ihren Arm.
Sie ließ es geschehen, denn sie wusste ohnehin nicht, wohin und warum sie fliehen sollte. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hier überhaupt her gekommen war und vor allem, wer sie war... Er hob sie auf eines der Pferde, sprang dann selbst auf ein anderes und ergriff die Zügel "ihres" Pferdes. Tatsächlich aber schien das Tier sie zu kennen. Sie konnte es sich nicht erklären.
Die Männer gaben ihren Pferden die Sporen und sie preschten in den Wald hinein. Sobald sie so weit gekommen waren, dass sie eine Verfolgung nicht mehr fürchteten, verlangsamten sie das Tempo.
Einer der Männer wandte sich ihr zu. Als er ihren immer noch ratlosen, sogar ängstlichen Blick sah, fragte er mit einer Stimme, die ihr auf eine seltsame Weise vertraut vorkam: "Du kannst dich wirklich an keinen von uns erinnern? Was haben die nur mit dir gemacht?!"
Sie hatte keine Ahnung. Sie wusste nicht einmal, wer sie selbst war, wie sollte sie sich dann an diese drei wildfremden Männer erinnern können? Ihr Kopf schmerzte, sie versuchte, die Geschehnisse zu begreifen.
Als der Mann erkannte, dass sie nicht drauf kommen würde, wer sie seien, sagte er, in der Hoffnung, dass die Namen ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen würden: "Das hier neben mir ist Cahan, hinter uns reitet Alevion und ich bin ... Alessandro." Als sie seinen Namen hörte, sah sie ihn erschrocken an. Der Name aus dem Amulett... ging es ihr durch den Kopf. Nun besah sie ihn etwas genauer. Er hatte schulterlanges braunes Haar in welches seltsame Zöpfe und Perlen geflochten waren. Seine Augen hatten einen Farbton, der Bernstein gleich kam und seine Stimme wirkte beruhigend auf sie.
Im Schritttempo ritten sie weiter und kamen an einem kleinen Lager an. Viele Augen sahen ihr freudig entgegen, doch sie erkannte niemanden. Alessandro stieg von seinem Pferd und half dann auch ihr beim Absteigen. Als seine Hand die ihre berührte, durchlief sie ein Gefühl der Vertrautheit, doch nur für einen kurzen Moment.
"Was soll die ganze Aufregung?", hörte sie eine krächzige Stimme aus dem Gemurmel der Menge.
Sie wandte ihre Augen von Alessandro ab und blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein gebeugter Greis fiel ihr auf, dessen langes, graues Haar ihm die Schultern hinabfiel.
"Eure Enkeltochter ist zurück, Mortifar", antwortete Alessandro.
"Dysiana?", rief da der Alte. "Dysiana, wo bist du?"
Dysiana, das war also ihr Name? Aber was hatte der Greis denn, sie stand doch ein paar Meter vor ihm. War er blind?
Es schien ganz so, denn mit seiner freien Hand fuhr er tastend durch die Luft vor sich.
Alessandro beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: "Er muss dich erst spüren, bevor er es glaubt. Tue ihm doch den Gefallen, auch wenn er dir nicht bekannt vorkommt. Immerhin ist er dein Großvater. Er wäre fast vor Trauer gestorben, als du verschwunden warst." Nur zögerlich näherte sie sich dem alten Mann. Dann hielt sie ihm ihr Hand hin. Mortifar ergriff sie und zog sie näher zu sich heran. Seine Hand war kalt und rau. Ein Schauer durchlief Dysiana und sie zog ruckartig die Hand zurück. Mortifar runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
"Ich denke, sie sollte sich jetzt erst einmal ein wenig ausruhen. Es ist zu viel auf einmal geschehen.", sprach Alessandro und führte sie in eines der Zelte. Sie folgte ihm ohne ein Wort zu sagen. Auch wenn er ihr fremd vorkam, so wusste sie doch instinktiv, dass er es gut mit ihr meinte. Außerdem machten ihr die vielen fremden Menschen Angst, die sie alle so gut zu kennen schienen. Ihr Kopf begann zu schmerzen und sie musste sich setzen. Besorgt sah Alessandro ihr in die Augen. "Meine arme, kleine Dysiana", sagte er. "Es tut mir leid. Ich hätte es verhindern müssen..."
Was verhindern? fragte sie sich. Wie war sie auf die Burg gekommen? Wer waren diese Menschen hier? Wer war sie selbst überhaupt?
Ihren größten Schock hatte sie überwunden, und langsam begann sie wieder klar zu denken. Als sie Alessandro ansah, wusste sie, dass sie ihn kannte, aber sie konnte sich nicht denken, woher.
"Was ist passiert?", fragte sie vorsichtig, und ihr wurde bewusst, dass es das Erste war, was sie seit dem Verlassen ihres Gefängnisses - war es ein Gefängnis? - gesagt hatte. Traurig sah Alessandro sie an. "Du kannst dich wohl wirklich an nichts, wirklich gar nichts erinnern. Es tut mir so leid." Er umarmte sie zärtlich und sie ließ es geschehen. "Das Beste ist, ich erzähle dir alles. Vielleicht bekommst du ja so einen Teil deiner Erinnerungen zurück." Er setzte sich auf den Boden und deutete ihr, sich neben ihn zu setzen. Dann begann er zu erzählen:
"Cahan und Alevion, die beiden Männer mit denen wir hierher gekommen sind, sind deine Brüder. Aufgewachsen bist du nach dem Tod eurer Eltern, mit deinen Brüdern bei deinem Großvater Mortifar." Nach einer kleinen Pause fuhr er fort. "Mortifar vergötterte dich, er ließ dich nie aus den Augen, aus Sorge, dir könne irgendetwas passieren. Doch dann eines Tages, du warst gerade 16 Jahre alt geworden, kamen Reiter ins Dorf." Es schien ihm schwer zu fallen, weiter zu sprechen. Alessandro tat Dysiana leid. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und der Ausdruck ihrer Augen bat ihn, weiter zu erzählen. Sie wollte alles wissen...
"Das war der Tag, an dem sich alles veränderte", fuhr Alessandro schwermütig fort. "Die Idylle des Dorfes zerplatzte wie eine Seifenblase. Es waren Raubritter, doch das ahnte niemand, als sie herangeritten kamen. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch keiner, dass die Burg des gütigen Lord Ceon eingenommen worden war."
"Ist es die Burg, auf der ich ...?", begann sie eine Frage.
"Ja", sagte er. "wir wussten, dass er in Fehde mit einem anderen Fürsten lag, doch bisher hatten wir davon nicht viel zu spüren bekommen. Lord Ceon hatte uns vor dessen Überfällen immer bewahrt, bevor die Plünderer überhaupt in unsere Nähe gelangten.
Doch an diesem unglücklichen Tag vor einem Jahr änderte sich das. Diese Reiter fielen über uns her, erschlugen hilflose Menschen und drangen in die Häuser ein."
Alessandro atmete tief ein.
"Es war grausam. Ich selbst... stand einfach nur da. Ich konnte nicht fassen, was ich sah. Nie zuvor hatte ich so etwas erlebt. - Du erinnerst dich wirklich nicht daran? Ich könnte es nie vergessen, so gern ich es würde. Sie steckten die Häuser in Brand und zogen wieder ab, verkündeten aber, dass nun Lord Narasso herrsche und sie wiederkommen würden."
Sein Blick wurde glasig, er schien diesen Tag noch einmal zu erleben. Dysiana selbst konnte sich nicht daran erinnern, so sehr sie es auch versuchte. Es formte sich kein Bild in ihrem Kopf.
Er sprach weiter:
"Viele hatten es nicht überlebt, und um einen weiteren Überfall wie diesen zu verhindern, fassten wir einen folgenschweren Entschluss..." Weiter kam er nicht, denn plötzlich hörten sie, wie Mortifar nach Alessandro rief. "Ich werde dir später den Rest erzählen.", sagte Alessandro, stand auf und verließ schnell das Zelt. Enttäuscht blieb Dysiana allein zurück. Nun spürte sie, wie die Müdigkeit sie übermannte. Sie legte sich aufs Lager, schloss die Augen und schlief sofort ein.
Draußen wurde Alessandro ungeduldig von Mortifar erwartet. "Du kannst es ihr nicht erzählen!", fauchte er ihn an und in seinen Augen funkelte der Zorn. "Es ist gut, dass sie sich an nichts erinnern kann. Ich habe mir unendliche Sorgen um sie gemacht, doch jetzt ist sie wieder zurück. Zerstör jetzt nicht alles!" Alessandro wurde blass. "Verzeih mir!", murmelte er schuldbewusst. "Ich war der Meinung, es wäre gut, wenn sie es wüsste. Schließlich liebe ich sie..."
Mortifar sah ihm in die Augen. "Du wirst ihr nichts erzählen!", befahl er noch einmal und verschwand ohne ein weiteres Wort. Alessandro konnte den Alten verstehen, auch wenn er seine Meinung nicht teilte. Wenn man verhindern wollte, dass es noch einmal passierte, musste Dysiana wissen, was ihr zugestoßen war.
Er durchschritt das Lager. Ihm fiel auf, dass die Leute nicht so bedrückt aussahen wie sonst. Die Rückkehr Dysianas gab ihnen Hoffnung.
Alessandro erreichte seinen Rappen und strich ihm mit der Hand über das tiefschwarze Fell, als ihm plötzlich auffiel, dass das Tier hellhörig wurde. Ruckartig wandte es seinen Kopf in Richtung Wald. Entdecken konnte er nichts und doch ging er langsam, sein Schwert gezückt, auf den Wald zu. Da hörte er es, ein Rascheln, dass sich schnell vom Lager entfernte.
Für den Bruchteil eines Augenblicks sah er eine schwarz gekleidete Gestalt in den Wald laufen. Alessandro rannte hinter ihm her. "Stehen bleiben! Wer seid ihr!", rief er der Gestalt hinterher. Doch dann verlor er sie aus den Augen.
Wer mag das nur gewesen sein? fragte er sich verwirrt, gab die Verfolgung auf und kehrte ins Lager zurück.
"Vielleicht haben mir meine Sinne auch nur einen Streich gespielt.", murmelte er leise vor sich hin.
Die Stimmung im Lager hatte sich wirklich sehr verändert. Nun saßen die Menschen wieder gemeinsam vor dem Lagerfeuer und sagen Lieder. Seit Dysianas Verschwinden waren sie nicht mehr so ausgelassen und fröhlich gewesen. Es war, als wäre das Leben zurück in die Menschen gekehrt. Er selbst dagegen täuschte seine Ausgelassenheit nur vor, in Wirklichkeit machte er sich Gedanken um das, was er gesehen hatte. Es war ihm nicht geheuer, doch er wollte die Leute nicht sofort wieder in Angst versetzen, weshalb er vorerst schwieg.
Dysiana lag wach in ihrem Zelt und lauschte den ausgelassenen Liedern der Menschen draußen. Von was sie aufgewacht war, wusste sie nicht, aber sie war sich sicher, dass es nicht der Gesang gewesen war. Ihre Hand umschloss wieder das Amulett. Noch immer stellte sie sich viele Fragen, vielleicht sogar mehr als vor Alessandros Erklärung.
Als sie gerade wieder die Augen schloss, um erneut einzuschlafen, öffnete sich das Zelt, und das einfallende Mondlicht umrahmte die Gestalt des Eintretenden. Es war Cahan, der das Zelt betrat. Ihr Bruder. "Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt. Ich wollte nur sehen, ob es dir gut geht.", entschuldigte er sich.
Sie schenkte ihm ein Lächeln. "Ich bin von allein aufgewacht.", beruhigte sie ihn. Er musterte sie genau. Sie hatte sich kaum verändert, aber es schmerzte ihn, dass sie so abgemagert und elend aussah. Als er ihren Magen knurren hörte, musste er grinsen. "Komm, du solltest was essen. Du musst einen tierischen Hunger haben, so wie sich dein Magen beschwert." Sie errötete. Dann stand sie auf und folgte ihm langsam aus dem Zelt.
Draußen saßen die Menschen noch immer ausgelassen um das Lagerfeuer herum. Als Dysiana aus dem Zelt trat, drehten sie sich alle neugierig zu ihr um. Sie konnte sich nicht erinnern, eines der Gesichter je vor ihrer Ankunft zu Gesicht bekommen zu haben.
Eine ältere Frau löste sich aus der Menge und kam mit einem gutmütigen Lächeln auf sie zu.
"Mein armes Kind", sagte sie. "Du musst ja halb verhungert sein! Komm, das kann doch nicht so bleiben!"
Dysiana zögerte. "Verzeihung, aber... wer seid Ihr?"
"Wer ich bin?!", rief die Angesprochene überrascht aus. "Erinnerst du dich etwa nicht mehr an deine liebe Tante? Es muss dir ja schlimm ergangen sein, bei diesem lausigen Hund!"
Sie zog Dysiana mit sich. Grinsend folgte Cahan ihnen.
Als sie das Lagerfeuer erreicht hatten, setzten sie sich auf eine etwas wacklige, hölzerne Bank. Alevion kam um das Feuer herum und bot Dysiana etwas Fleisch auf einem hölzernen Teller an. Als er es überreicht hatte, setzte er sich zu den Dreien. Auch er hatte sein Schwesterchen vermisst. Hungrig begann Dysiana zu essen. Währenddessen begann Cahan ihr die Namen all der Menschen zu nennen, die sie eigentlich kennen sollte. Doch sie hörte gar nicht genau zu, denn ihre Augen suchten in der Menschenmenge nach Alessandro, doch vergeblich. Sie konnte ihn nirgends entdecken. Zu gern hätte sie gewusst, wie sie ins Schloss gelangt war und warum sie ihr Gedächtnis verloren hatte.
Alessandro hatte sich in sein Zelt zurückgezogen. Er saß auf seinem Lager und starrte an die Zeltwand. So lange hatte er nach Dysiana gesucht. Nun war sie endlich wieder da. Doch es schmerzte ihn, dass sie sich nicht an ihn erinnern konnte. Zu gern hätte er ihr alles erzählt...
Und vor allem hätte er gern gewusst, wer die dunkle Gestalt war, die in den Wald verschwunden war. Er nahm sich vor, am nächsten Morgen nach Fußabdrücken zu suchen. Angst kroch in ihm hoch. Was war, wenn es ein Späher von Lord Narasso war? Das beste wäre, wenn sie gleich am nächsten Morgen aufbrachen. Er konnte es nicht weiter aufschieben Mortifar musste davon erfahren. Mit entschlossenem Blick richtete er sich auf und eilte schnellen Schrittes zu einem der Lagerfeuer, an dem er den Alten vorfand.
Mortifar sah glücklich aus, und es war lange her, dass Alessandro ihn so gesehen hatte. Es fiel ihm schwer, die schlechten Neuigkeiten zu berichten.
"Alessandro,?", fragte der Blinde. Dieser wunderte sich nicht darüber, dass er wusste, wer gekommen war. Mortifar kannte seinen Schritt.
"Ich muss dir etwas sagen", antwortete Alessandro. "Nicht vor den anderen." Der Alte runzelte die Stirn, nickte dann aber und ließ sich von Alessandro beim Aufstehen helfen. Sie gingen einige Schritte gemeinsam ohne ein Wort zu sagen. Als sie sich weit genug vom Lagerfeuer entfernt glaubten, so dass niemand mithören konnte, begann Alessandro zu berichten, was er gesehen hatte und was er vermutete.
Sorge spiegelte sich im Gesicht des Alten wieder. "Wir müssen den anderen Bescheid sagen, damit sie alles zusammenpacken, damit wir gleich morgen aufbrechen können.", mahnte Alessandro. Mortifar nickte. "Wohin sollen wir gehen?", fragte er.
"Nach hause."
Dysiana hatte viel Mühe, sich all die Namen zu merken und nur zu oft kam sie durcheinander, was für viel Heiterkeit am Lagerfeuer sorgte. Sie fühlte sich schnell heimisch. Nachdem sie gegessen hatte, wurde sie von den anderen mit Fragen überstürmt, doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich an nichts erinnern und so blickte sie in viele enttäuschte Gesichter. Die Stimmung wurde dadurch allerdings nicht schlechter. Doch dann sah sie zwischen den Gesichtern hindurch Alessandro und Mortifar miteinander reden, und sofort fiel ihr auf, dass etwas nicht stimmte. Schlagartig wurde sie ernst, entschuldigte sich bei den Menschen, die sie umringten, und kam auf die beiden zu. Sie wandten sich zu ihr um.
"Was...", setzte sie zu einer Frage an, doch schon vernahm sie Alessandros Stimme: "Wir müssen weg. Hier ist es nicht mehr sicher."
Entgeistert blickte sie die beiden an, in der Hoffnung, dass sie ihr erklärten, was los sei. Doch sie wurde enttäuscht. Alessandro ging an ihr vorbei, um die anderen zu benachrichtigen, während Mortifars Blick nur stumm an ihr vorbei ging. Sie wusste, dass er versuchte, sie anzuschauen, aber nichtsdestotrotz fühlte sie sich ignoriert.
"Warum erzählst du mir nichts?", fragte sie ihn flehend. "Ich weiß nicht, wie ich auf die Burg gekommen bin, ich weiß nicht, warum ich dort war, und ich habe ebenso keine Ahnung, weshalb ich mich an nichts erinnern kann! Diese brennenden Fragen lassen mir keine Ruhe, und nun erwähnt ihr noch nicht einmal, warum wir hier weg müssen! Warum??"
Der Alte seufzte tief. "Komm, sei ein liebes Kind und hilf den anderen beim packen.", sagte er nur zu ihr. Es tat ihm weh, dass er sie so unwissend stehen ließ, aber er konnte und wollte ihr nicht sagen, was passiert war. Zudem war es einfach zu dringend, dass sie alle diesen Ort verließen, so schnell es ging.
Dysiana wusste nicht was sie sagen sollte, warf Mortifar nur einen traurigen Blick zu und ging Alessandro hinterher.
Irgendetwas schlimmes musste passiert sein, wenn ihr niemand etwas erzählen wollte.
In weniger als zwei Stunden war alles zusammengepackt und sie machten sich auf den Weg nach Norden.
"Wohin gehen wir?", fragte Dysiana Cahan neugierig. "Nach hause, nach Marivan.", antwortete er fröhlich. "Es ist das Dorf in dem wir aufgewachsen sind." Er lächelte und erzählte ihr auf dem Weg viele Geschichten. Dinge, an die sie sich eigentlich erinnern sollte. Sie hörte ihm aufmerksam zu. Alessandro dagegen ritt zusammen mit Alevion voraus, um eventuelle Gefahren für die Flüchtlinge rechtzeitig zu erkennen. Er wollte verhindern, dass dasselbe passierte wie damals, bei der Flucht aus dem Dorf...
Er legte seine Hand an den Schwertknauf. Und wenn, würde er diesmal nicht fliehen. Dieses Mal würde er kämpfen oder sterben.
Wider Erwarten verging jedoch Stunde um Stunde, ohne dass etwas passierte. Alevion begann, sich zu entspannen. Er glaubte nicht mehr an einen Überfall. Alessandro jedoch ließ in seiner Wachsamkeit kein bisschen nach, er verwehrte auch die Ablösung.
Aber nichts geschah. Schließlich standen sie vor den Ruinen Marivans, ohne dass auch nur einer auf der Strecke geblieben war. Nun atmete auch Alessandro auf und erlaubte sich ein Lächeln.
"Endlich wieder Zuhause", meinte Alevion neben ihm.
"Ja", entgegnete er. "Wir werden es wieder aufbauen!"
Nach und nach trafen auch die übrigen Flüchtlinge ein, und es dauerte nicht lange, da blickten alle auf den vertrauten Flecken Erde, auf dem sie so lange heimisch gewesen waren. Selbst Mortifar sog die Luft ein, die nichts mehr von dem Schwefelgeruch in sich trug, mit dem sie erfüllt war, als er das letzte mal hier gestanden hatte.
Dysiana sah die erleichterten Gesichter der anderen, und auch sie fühlte mit ihnen, obwohl sie sich nicht an dieses Dorf erinnern konnte. Doch tief im Inneren spürte sie, dass dies ihr Zuhause war.
Allerdings war das nicht das einzige Gefühl in ihr. Als sie neben den anderen auf die verfallenen Gebäude blickte, überkam sie ein Gefühl trügerischer Stille. Kein Vogel sang, kein Ruf eines Waldtieres erklang hier. Irgend etwas stimmte hier nicht...
Sie ging zu Alessandro hinüber um ihn darauf aufmerksam zu machen. Doch an seinem Blick erkannte sie, dass er es schon lange bemerkt hatte. Da sie jedoch keine direkte Gefahr erkennen konnten, beschlossen sie, den Schaden im Dorf erst einmal genau zu begutachten. Viele der Häuser waren bis auf den Grundstein abgebrannt. Überall lag verkohltes Holz. Doch einige waren vom Feuer verschont geblieben. Es sollte nicht sehr viel Arbeit machen, sie wieder ordentlich herzurichten.
Alessandro führte Dysiana durchs Dorf. Auch, wenn vieles zerstört war, so lächelte er doch, als er ihr zeigte, wo sie früher zusammen gesessen hatten und wo sie die Tiere früher gemeinsam fütterten. Dysiana sah ihm in die Augen. Sie bewunderte ihn. Dafür, wie sehr er an seinem zuhause hing und dafür, wie er mit den anderen umging. Vor allem bewunderte sie ihn für die Art, wie er mit ihr sprach. Er wirkte, wie ein Beschützer, ein großer Bruder. Und doch verband sie mehr miteinander.
Plötzlich hörten sie ein lautes Schreien, das aus einem der Häuser kam. Alessandro wirbelte herum und lief sofort auf die Quelle des Geräusches zu, Dysiana folgte ihm so gut sie konnte. Als sie ankamen, sahen sie eine junge Frau, die zitternd und mit blassem Gesicht im Türrahmen stand und auf etwas im Haus deutete. Alessandro blickte ihr über die Schulter.
Eine Blutlache zog sich von einem Tisch aus über den Boden in einen angrenzenden Raum. Auch andere kamen nun hinzu. Alessandro beugte sich hinunter, betrachtete das Blut und sagte: "Es ist frisch... Wir sind hier nicht allein!"
"Oh Gott", stieß Dysiana aus. "War einer von uns hier drin...?"
Ohne zu antworten zog Alessandro sein Schwert und stürmte in den Raum, in den die Blutspur führte. Bevor er noch reagieren konnte, schwirrten drei Pfeile auf ihn zu, und zur gleichen Zeit erklang panisches Geschrei unter den Menschen draußen. Eine Falle.
Im letzten Moment schaffte es Alessandro zwei der Pfeilen auszuweichen. Der dritte traf ihn in der linken Schulter und Alessandro schrie laut auf vor Schmerzen. Dysiana konnte vier Männer im Raum ausmachen, die ihnen gegenüber standen. Ein Fünfter lag tot in der Ecke. Sie erkannte ihn. Vor kurzem hatte er noch mit ihnen am Lagerfeuer gesessen. Tränen schossen ihr ins Gesicht. Der erstickende Geruch von Rauch drang ins Zimmer. Feuer! "Wir müssen sofort hier raus!", schrie Cahan, der mit Alessandro die vier Angreifer abwehrte.
Dysiana rannte aus dem Gebäude. Was sie draußen erblickte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Großer Gott...
Auf einem großen, schwarzen Schlachtross, das mitten im Geschehen stand, thronte eine hochgewachsene, vermummte Gestalt, die ruhig dem Sterben der Überfallenen zusah. Obwohl Dysiana diese Gestalt noch nie zuvor gesehen hatte, wusste sie instinktiv, dass dies ihr Erzfeind war. Derjenige, den die Schuld an ihrem Gedächtnisverlust traf.
Wie festgefroren stand sie da und starrte den Lord an, und ihr Gefühl von Furcht wich unbeschreiblichem Hass. Hass auf denjenigen, der schon einmal ihr Leben zerstört hatte und es nun wieder tat.
Wie ein Dämon stand er dort, um ihn herum massakrierten seine Leute ihre Freunde, und ihn selbst schien das kein bisschen zu berühren. Dann erfassten seine Augen Dysiana. Ein Schauer überkam sie, aber sie vermochte nicht, sich zu rühren. Nun regte sich der Dämon. Er riss sein Pferd herum, spornte es an und ritt auf sie zu.
Cahan kam gerade aus dem Haus, als er sah, dass der Reiter nur noch wenige Meter von ihr entfernt war.
"NEIN!", rief er, rannte los und sprang zwischen Dysiana und Lord Narasso. Er wurde rücksichtslos übergeritten, der Lord packte Dysiana und zog sie hoch, legte sie quer vor sich über den Sattel.
In dem Moment erschien auch Alessandro im Eingang des Hauses, der Pfeil steckte noch in seiner Schulter, und er blutete aus zahlreichen Wunden.
Er bekam einen Schock, als er sah, wie die vermummte Gestalt mit Dysiana auf den Wald zu ritt. Schnell sprang er auf eines der Pferde, das neben dem Haus stand. Er musste die Zähne zusammenbeißen, als er die Zügel in die linke Hand nahm. Doch es ging um Dysiana, seine Geliebte, und so versuchte er den Schmerz runterzuschlucken. Im vollen Galopp jagte er dem Lord hinterher. Die Äste schlugen ihm ins Gesicht und zerrissen sein Hemd. Doch es war ihm egal. Er merkte es kaum.
Aber schon bald merkte er, dass die Verfolgung sinnlos war. Er konnte vor Schmerzen kaum noch aufrecht im Sattel sitzen und das gewaltige Schlachtross war um einiges schneller als sein eigenes Pferd. Tränen der Wut und Verzweiflung sammelten sich in seinen Augen. Aber er gab nicht auf und zwang sein Pferd, noch schneller zu laufen. Schnell hatte er das Dorf hinter sich gelassen. Der Abstand zwischen dem Lord und ihm wurde immer größer. Als sie schließlich an einer Lichtung ankamen, wurde das Schlachtross vor ihm langsamer und blieb schließlich mitten auf der Lichtung stehen.
Dysiana war wie betäubt, doch plötzlich spürte sie, wie das Pferd Narassos stoppte. Sie öffnete die Augen und sah auf den Grund einer Lichtung. Im nächsten Moment wurde sie unsanft vom Pferd gestoßen und kam hart auf dem Waldboden am Rand der Lichtung auf. Erst jetzt merkte sie, dass ihre Hände auf den Rücken gebunden und auch ihre Füße gefesselt waren.
Als sie nun wieder einen Blick wagte, sah sie am anderen Ende der Lichtung Alessandro. Mit seinen zahlreichen Wunden und dem schmerzverzerrten Gesicht wirkte er mehr tot als lebendig, und es schmerzte sie ihn so zu sehen. In zitternden Händen hielt er sein Schwert, wobei er Mühe hatte, nicht zum Pferd zu fallen. Doch er schien zum Kampf entschlossen. Zum Kampf gegen einen übermächtigen Gegner in bester Verfassung.
Dysiana hörte, wie das Schwert Narassos gezogen wurde, eine tödliche, mit Widerhaken versehene Waffe von zwei Metern Länge.
Alessandro blickte noch einmal zu ihr hinüber, in seinen Augen las sie die Liebe für sie, die sie von ganzem Herzen erwiderte. Tränen rannen ihr über das Gesicht. Alevion und Cahan waren tot. Musste Narasso ihr auch noch Alessandro nehmen?
Der Dämon spornte sein Schlachtross an, und wie in einem schrecklichen Alptraum hörte sie das Wiehern des Tieres, das Donnern der Hufe auf dem Waldboden. Alessandro ritt ihm entgegen, doch jeder hätte erkannt, dass er nicht den Hauch einer Chance hatte.
Das erste Aufeinandertreffen der Gegner mitten auf der Lichtung fällte die Entscheidung. Dysiana sah, wie Narassos Schwert niederschlug, sie sah, wie Alessandro zu Boden ging. Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein!
Der Lord wendete sein Tier noch einmal, kehrte zu dem gefallenen Gegner zurück und stieg ab. Alessandro lebte noch. Dysiana sah, wie er sich regte. Doch er war zu schwach, um sich zu wehren oder auch nur aufzurichten.
Narasso umfasste den Griff seines Schwertes mit beiden Händen, richtete die Klinge nach unten auf den Körper Alessandros und hob das Schwert zum Todesstreich.
Dysiana stieß einen langgezogenen Schmerzensschrei aus, der über die Lichtung hallte, ohne dass sie sich dessen bewusst war. Sie sah nur noch ihren geliebten Alessandro, wie er hilflos auf dem Boden lag und sein Ende erwartete. Und sie sah den Dämon, wie er es herbeiführte.
Noch bevor die Klinge in den Körper tauchte, war es Dysiana, als würde sie nach vorn gerissen. Eine Explosion der Gefühle, ihre Fesseln verbrannten, und der Dämon wankte schwer getroffen.
Sie stand über Alesssandro, wenige Schritte vor Lord Narasso, auf dessen Brustpanzer ein schwarzer Brandfleck zu sehen war, der noch schwelte.
"Es ist geschehen", sagte er mit einer Stimme, die klang, als wäre er tatsächlich der Hölle entsprungen. "Ihre Kräfte... sind entfesselt." Entsetzt starrte Dysiana auf ihre eigenen Hände. Ein unheimlicher weißer Schimmer umgab sie. Doch sie dachte nicht darüber nach, was sie getan hatte, sondern rannte zu Alessandro hinüber. Sie kniete sich neben ihn, streichelte zärtlich über sein Haar und küsste ihn sanft. Den Lord beachtete sie nicht mehr. Als sie aufsah, war er verschwunden. Alessandros blutende Wunden ließen ihr die Tränen in die Augen schießen. Er keuchte laut und der Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben. Doch als er in Dysianas Augen Blickte lächelte er.
"Nun...nun weißt du, warum du...aus dem Dorf entführt wurdest...", flüsterte er leise und kraftlos.
Dysiana zog ihm vorsichtig das Hemd aus um seine Wunden zu untersuchen. Er war schwer verletzt, aber er würde es überleben. Dysiana riss das Hemd in Streifen und verband damit seine Wunden. Als sie damit fertig war, küsste sie ihn noch einmal. "Komm, ich helfe dir aufzustehen.", sprach sie liebevoll zu ihm. Sie stützte ihn, während er sich langsam aufrichtete. Der Schimmer an ihren Händen war nur noch schwach und verblasste immer mehr. Für einen Moment war sie glücklich, dass Alessandro noch lebte, dass der Lord verschwunden war. Doch schnell holte sie die Realität ein. Wo sollten sie nun hin? Und ein weiterer Gedanke, der sich nicht wieder aus ihrem Gedächtnis verbannen ließ und alles andere überschattete: Der Lord war wegen ihr gekommen, an den anderen hatte er kein Interesse gehabt. Ihre Brüder und die anderen mussten nur sterben, weil sie bei ihnen gewesen war.
Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich im Kerker geblieben wäre?
Diese Frage stellte sich ihr nun immer wieder. Noch wusste sie nicht, was für fatale Auswirkungen das gehabt hätte, und Alessandro brachte es nicht fertig, sie in diesem Moment auch noch mit diesem Wissen zu belasten. Sie hatte es auch vor ihrem Gedächtnisverlust nicht gewusst, und ihre Brüder, Mortifar, er selbst und Lord Narasso waren die einzigen, die Kenntnis davon gehabt hatten.
Nun war es möglich, dass er der Letzte war, der sie noch vor den Schergen des Lords beschützen konnte... "Wir müssen zurück ins Dorf und nachsehen, wer überlebt hat.", meinte Dysiana. "Es wird niemand überlebt haben." Alessandros Stimme klang bitter. "Narassos Männer überlebt niemand." Entsetzen stand Dysiana ins Gesicht geschrieben. "Aber wo sollen wir nun hin?" Ihr Stimme spiegelte Verzweiflung wieder.
Eine gute Frage... Alessandro wusste keine Antwort darauf. Er sah sich um. Sein Pferd war davongelaufen, als er gestürzt war. Der Himmel war bedeckt, es würde bald anfangen zu regnen. Und er fror. Einen Moment überlegte er. "Es gibt noch ein Dorf in der Nähe. Vielleicht können wir dort Hilfe bekommen." Er glaubte selbst nicht daran. Wenn die Leute aus dem Dorf erfuhren, dass Dysiana und er vor dem Lord flüchteten, würden sie sie aus dem Dorf jagen. Trotz aller Bedenken suchten sie das Dorf auf, und als Dysiana auf die Frage nach den Wunden Alessandros antwortete, dass ein Bär ihn angefallen habe, nahm der örtliche Heiler sie auf und pflegte die Wunden des Mannes. Dysiana half dabei, so gut sie konnte, und lernte so einiges über die Heilkunst, was ihr bisher unbekannt gewesen war.
Als Alessandros Wunden alle sachgemäß verbunden waren, und er auf der Krankenliege in einen unruhigen Schlaf fiel, nahm sie der Heiler, der sich inzwischen als Jareso vorgestellt hatte, zur Seite.
"Die Wunden sind nicht von einem Tier geschlagen worden", sagte er geradeheraus. "Sie sind nicht gerissen, sondern geschnitten. Das waren Menschen. Was ist wirklich passiert?" Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie an ihre Brüder und die vielen Menschen dachte, die wegen ihr gestorben waren. Doch sie versuchte, ihre Trauer runterzuschlucken und blickte dem Heiler in die Augen. "Ja...es war kein Tier. Aber ich kann ihnen nicht sagen was passiert ist. Bitte verstehen sie mich."
Der Heiler sah sie lange an. Dann nickte er. "Es ist wohl besser, wenn ich es nicht weiß."
Dysiana lächelte erleichtert. Eine Frau, mit langem grauen Haar betrat das Zimmer mit einem Tablett in der Hand. "Ihr seht hungrig aus. Ich bringe euch ein wenig warme Suppe." Sie lächelte mütterlich und Dysiana spürte nun, wie hungrig sie war. Seit dem frühen morgen hatte sie nichts mehr gegessen und nun war der Abend schon lange angebrochen.
Die Frau stellte das Tablett auf den Tisch und verlies wieder das Zimmer. Jareso folgte ihr. "Wenn ihr etwas brauchen solltet, dann sagt einfach bescheid.", sagte er vorher noch zu Dysiana. Während Dysiana aß, betrachtete sie liebevoll Alessandro. Der Heiler hatte ihm einen Trank gegeben, der ihm einen traumlosen Schlaf bescherte, um ihn vor Alpträumen zu bewahren.
Wieder jedoch schweiften ihre Gedanken ab zu dem, was geschehen war, und was geschehen könnte. Narassos Männer könnten hier einfallen, und diesem Dorf das gleiche Schicksal bescheren wie dem anderen.
Die Leute wären völlig unvorbereitet, doch wenn sie an das Ende ihrer Freunde dachte, die mit einem Überfall gerechnet hatten, und trotzdem alle umkamen, sagte sie sich, dass es keinen Unterschied machen würde. Die einzige Möglichkeit, diese freundlichen Leute zu retten, war sie wieder zu verlassen.
Und immer noch konnte sie sich nicht erklären, was geschehen war, als Narasso Alessandro den Todesstoß versetzen wollte. Die Gedanken waren zuviel auf einmal. Dadurch wurde sie nur noch schläfriger. Schließlich wurde sie von der Müdigkeit übermannt und fiel in den Schlaf der Erschöpfung, der leider nicht so traumlos war wie Alessandros...
Als Alessandro erwachte, war die Sonne gerade erst aufgegangen. Seine Schulter schmerzte und er erinnerte sich wieder daran, was passiert war. Er dachte an all seine Freunde und Verwandten, die sterben mussten. Doch er gab Dysiana nicht die Schuld dafür. Sie konnte nichts für ihre Gabe. Er sah sie neben sich liegen. Ihre langen Haare klebten auf ihren schweißnassen Gesicht. Sie schlief und wälzte sich unruhig hin und her. Zärtlich strich Alessandro ihr die Haare aus dem Gesicht und ergriff dann ihre Hand. Er wusste, dass sie ihn gerettet hatte und doch wünschte er sich, dass sie es nicht getan hätte. Denn nun hatte sie ihre Gabe kennen gelernt und würde so zu einer tötlichen Waffe werden, wenn sie mit der Zeit lernen würde, damit umzugehen. Darum war es so einfach, sie aus dem Kerker zu befreien, schoss es ihm durch den Kopf. Narasso wollte, dass sie Erfahrungen sammelte. Und wenn dies so war, wurden sie seit ihrer Flucht beobachtet. Mit dem Angriff auf die Flüchtlinge hatte er womöglich eine Entfesselung von Dysianas Kräften bewirken wollen, der einzige Grund, warum er auf der Lichtung angehalten hatte.
Nun wusste sie, was in ihr schlummerte, doch sie hatte noch keine Ahnung, wie sie es gezielt einsetzen konnte. Es war sehr gut möglich, dass Narasso auch dieses Dorf dem Erdboden gleichmachen würde, nur um Dysiana zur erneuten Nutzung ihrer Kräfte zu provozieren.
Denn Narasso war nicht verschwunden, weil er besiegt worden war. Jeden normalen Menschen hätte der Feuerball schwer verwundet, wenn nicht sogar getötet. Aber Alessandro zweifelte daran, dass sie es mit einem Menschen zu tun hatten.
Er atmete noch einen Moment tief durch, drückte Dysiana einen Kuss auf die Stirn und versuchte aufzustehen. Ein höllischer Schmerz stach in seine Schulter und Alessandro keuchte laut auf. "Du solltest dich lieber wieder hinlegen.", sprach Dysiana plötzlich zu ihm. Alessandro drehte sich zu ihr um. Sie sah blass aus und hatte tiefe dunkle Augenränder. Und doch blicken ihn ihre Augen voller Liebe an. "Wir können nicht hier bleiben. Solange wir hier sind, sind alle Menschen dieses Dorfes in Lebensgefahr.", gab er zu bedenken. Er hatte das Gefühl, als würde ihr Gesicht noch mehr an Farbe verlieren, als sie diese Worte hörte.
"Aber...wo sollen wir hin?" Ihre Stimme bebte. Narasso würde sie an jeden Ort verfolgen und irgendwann würde er Dysiana wieder an sich nehmen. Es war zum Verzweifeln.
"Ich weiß es nicht." Einen Moment blickte er einfach nur an die kahle Wand. Doch dann fing er plötzlich an zu lächeln. "Es gibt eine Möglichkeit." Dysiana sah ihn erwartungsvoll an, doch wurde der Ausdruck ihrer Augen immer entsetzter, als Alessandro ihr seinen Ausweg schilderte: "An keinem Ort der Welt sind wir vor diesem Dämon sicher. Ich weiß nicht wie er das macht, aber bisher wusste er immer genau, wo wir waren, was wir taten und was wir vorhatten.
Die einzige Möglichkeit, ihn loszuwerden ist, ihn zu vernichten."
Er machte eine Pause, damit das Gesagte auf Dysiana einwirken konnte. Es war totenstill in dem Raum, nur die Atemgeräusche der beiden waren zu hören.
Dann fuhr er fort: "Und die einzige Möglichkeit ihn zu vernichten ist, ihn in seiner Burg aufzusuchen. Wir müssen in die Höhle des Löwen."
"Aber... wie willst du das anstellen?", stammelte Dysiana. "Wir haben doch nicht die geringste Chance gegen ihn."
"Zum Glück sind wir nicht ganz so mittellos, wie es scheint", sagte er nun und sein Lächeln kehrte zurück.
"Ich verstehe nicht... was meinst du?", fragte sie vollkommen verwirrt. "Alle, die bei uns waren sind tot, genauso ist alles, was sie bei sich hatten, entweder zerstört oder geplündert. Wie können wir denn noch auf Hilfe von anderen hoffen?" "Du hast Recht. Auf die Hilfe von Anderen können wir nicht hoffen. Doch...du hast auf der Lichtung gesehen wozu du fähig bist und genau wegen dieser Fähigkeit will Narasso dich besitzen." Dysiana sah ihn ungläubig an. Dann schaute sie auf ihre Hände hinunter. "Aber...ich weiß doch überhaupt nicht, wie ich das gemacht habe...", flüsterte sie leise. Sie besah sich ihre Hände genau, doch sie konnte nichts Ungewöhnliches daran erkennen und kam sich albern vor.
"Ich kann dir erklären, wie du deine Kraft einsetzen kannst, Dysiana.", sprach Alessandro sanft zu ihr, ergriff ihre Hand und sah ihr in die Augen. "Ich bin schuld, dass alle anderen nun tot sind, oder?", fragte sie leise und ihre Augen füllten sich mit Tränen. "Wäre ich in diesem Kerker geblieben, dann wäre dies alles nicht geschehen und meine Brüder und alle anderen würden jetzt noch leben." Sie hielt sich die Hände vor ihr Gesicht und fing an zu weinen. "Hättet ihr mich doch nur dort gelassen.", schluchzte sie verzweifelt. "Glaub mir, das hätte alles nur noch schlimmer gemacht Dysiana. Du hättest bei ihm gelernt, wie du deine Kräfte einsetzen kannst und letztendlich hätte er dich dazu gezwungen, deine Brüder zu töten und du hättest nicht einmal gewusst, dass es deine Brüder waren. Er hat dir deine Erinnerungen gestohlen Dysiana." Alessandro sprach sanft auf sie ein und schloss sie in seine Arme um sie zu trösten. Zärtlich strich er ihr übers Haar, während sie ihr Gesicht an seine Brust drückte. In diesem Moment betrat die grauhaarige Frau wieder das Zimmer, ein Tablett mit Brot und Wasser tragend. Sie stellte es auf den Tisch und setzte sich auf einen der Stühle.
"Hier ist euer Frühstück", sagte sie. "Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich euch etwas Gesellschaft leiste?"
Dysiana lächelte freundlich. "Natürlich nicht."
Sie setzte sich zu Alessandro auf die Liege, die neben dem Tisch stand, und überblickte die Speisen. Zwei runde Brote, unterschiedlich hell, und zwei Holzbecher voll Wasser.
Sie ergriff das hellere Brot, das näher an ihr dran lag, und einen der Wasserbecher. Alessandro nahm den Rest.
Das Wasser tat seiner trockenen Kehle gut, aber als er in das Brot beißen wollte, fiel ihm der nur leichte, aber doch eigenartige Geruch des Gebäcks auf. Er sah zu Dysiana hinüber, die bereits in ihres gebissen hatte und das ihr zu schmecken schien.
Nun wurde ihm auch der Farbunterschied bewusst, und dass die alte Frau ihn erwartungsvoll ansah... plötzlich erschien sie ihm nicht mehr wie die liebenswürdige Frau eines Heilers, sondern wie eine hinterlistige Hexe. Dysiana schien es nicht aufgefallen zu sein. Doch er legte sein Brot wieder zurück auf das Tablett. "Ich glaube, ich habe keinen Hunger.", entschuldigte er sich. Dysiana sah ihn verwundert an. "Du hast doch seit Stunden schon nichts mehr gegessen.", sagte sie verwundert. Die alte Frau runzelte sie Stirn, doch sie sagte nichts. Alessandro warf Dysiana einen warnenden Blick zu, doch sie verstand ihn nicht.
Da hörten sie draußen plötzlich lautes Hufegeklapper von mindestens fünf kräftigen Pferden. Neugierig wandte sich Dysiana dem Fenster zu. Als sie die Reiter draußen sah, wurde die blass. "Alessandro...", keuchte sie erschrocken. Die alte Frau lächelte bitter. Alessandros Miene verfinsterte sich. "Ihr seid nicht Jaresos Frau..."
"Kommt darauf an, was Ihr meint", antwortete die Alte mit bedrohlicher Stimme. "Der Körper ist sehr wohl der ihre..."
Dysiana und Alessandro hatten sich bereits erhoben, und sahen an der Frau vorbei zur Tür, wo nun fünf große Männer in Rüstungen eintraten, die sie nur zu gut kannten. Alle hielten eine Waffe in der Hand.
Dysiana und Alessandro wichen zurück, und Alessandro tastete nach seinem Schwert. Es war weg! Entgeistert starrte er die Frau an, die seine Waffe hochhielt und mit einem hämischen Grinsen sagte : "Sucht Ihr das hier?"
Die fünf Soldaten kamen um den Tisch herum, warfen die Liege um und standen nun alle vor den zwei Unbewaffneten. Einer von ihnen sagte in barschem Ton: "Ergebt euch lieber kampflos, eine Chance habt ihr eh nicht. Ihr könnt nun wählen, ob ihr am Leben bleiben wollt oder wir euch abstechen sollen."
Aber Alessandro wusste, dass dann nur Dysiana dieses Haus lebend verlassen würde. Oft genug hatte Narasso ihm bewusst gemacht, dass er sterben sollte. Die Soldaten fielen nur nicht über ihn her, weil Dysiana dabei verletzt werden könnte, und sie musste unbedingt am Leben bleiben, wenn Narasso sein Ziel erreichen wollte.
Würden sie sich nun ergeben, wäre es Alessandros Todesurteil, aber was blieb ihnen übrig?
Hilfesuchend blickte Dysiana zu ihrem Geliebten. Auch sie spürte, dass ihre Ergebung sein Tod wäre. Sie steckten in einer Zwickmühle. Narasso wollte, dass Dysiana ihre Gabe einsetze, damit sie lernte, sie besser zu beherrschen. Er wusste, dass sie sich nicht ergeben würden. Es blieb ihnen nur die Möglichkeit zu fliehen, doch das war unwahrscheinlich. Die Reiter versperrten den Weg zur einzigen Tür im Zimmer. Dysiana sah sich hilfesuchend um. Sie war verzweifelt. Als sie das Kribbeln in ihren Händen spürte biss sie sich auf die Lippen und zwang sich, an etwas anderes zu denken. "Na, was ist? Gebt ihr gleich auf?", fragte der dunkle Reiter noch einmal.
Alessandro sah Dysiana an, doch sie sah an ihn vorbei. "Tu es nicht Dysiana.", flüsterte er ihr zu. "Ich flehe dich an." Doch sie hörte ihn schon nicht mehr... Ihre Hände umfloss wieder dieser weiße Schimmer, und als die Soldaten dies sahen, wichen sie zurück.
Nun wagte Alessandro einen Hoffnungsschimmer. Offenbahr waren die Häscher Lord Narassos nicht in alles eingeweiht, und sie waren nicht wild darauf zu sterben.
Diesen Moment, in dem aller Augen nur auf Dysianas Hände gerichtet waren, nutzte er aus. Er schlug dem Soldaten, der ihm am Nächsten war, in das Gesicht, das nicht vom Helm geschützt wurde. Der Krieger ließ seine Waffe fallen, Alessandro fing sie auf und stürzte sich auf den Nächsten. Doch die Klinge drang nicht durch die meisterhaft geschmiedete Rüstung. Die anderen wandten sich ihm zu.
"Tötet ihn!", befahl der offensichtliche Anführer.
Zwischen Alessandro und der Tür stand nur noch die alte Frau, Dysiana hatte auch die Gelegenheit erkannt und war zwischen den Männern hindurch gelaufen.
"Nimm dir ein Pferd!", rief Alessandro und beeilte sich auch, die Tür zu erreichen. Doch die Alte wich nicht zur Seite. Wieder blickte Dysiana sich hilfesuchend um. Sie hatte gehofft, ihr Gabe nun nicht mehr einsetzen zu müssen. Doch die Reiter würden Alessandro bald überwältigen und töten. Irgendetwas musste sie tun. Die Hexe sah sie finster an. "Los, tu es! Töte mich!", raunte sie finster. "Egal was du tust, es wird falsch sein." Tränen der Verzweiflung stiegen in Dysianas Augen. "Verschwinde von hier, Dysiana!", rief Alessandro ihm zu. Einer der Reiter hatte ihn an der Stirn verletzt, so dass ihm sein Blut in die Augen lief und er kaum noch etwas sehen konnte. Doch ihm war es egal, ob er sterben würde, solange Dysiana nicht in Narassos Hände gelangte. Da sah er, wie sie auf das Fenster zu rannte.
"Beeil dich Dysiana, ich werde sie nicht mehr lange aufhalten können!", rief er ihr noch einmal zu. Doch dann sah er, was sie vor hatte. Wieder waren ihre Hände von dem hellen Schimmer umgeben. "DYSIANA, NEIN!!", rief er so laut er konnte, doch es war zu spät. Sie war in gleißendes Licht gehüllt, streckte ihre Hände aus und im nächsten Moment zerfielen alle fünf Soldaten gleichzeitig zu Asche. Nur ihre verkohlte Ausrüstung blieb von ihnen übrig.
Ungläubig sah Alessandro Dysiana an, aber es war noch nicht zuende. Die Hexe selbst war wohl eingeweiht, aber sie schien doch überrascht über Ausmaße von Dysianas Kräften. Verblüfft starrte sie auf das Mädchen, dass ihre Hände nun gegen die Hexe ausstreckte. Doch bevor das Feuer auch sie verschlang, verließ ein schwarzer Schatten den Körper der alten Frau, wie es Alessandro schien, der kaum merklich nach draußen entfloh.
Nicht die Hexe war es, die von Dysiana getötet wurde, sondern nur die alte Frau des Heilers, die auf dem Weg gewesen war, um den Kranken zu essen zu bringen, und dann von der Hexe vereinnahmt worden war.
Endlich hatte sie die Kontrolle über sich zurückerlangt, da konnte sie nicht einmal einen Schmerzensschrei ausstoßen, bevor ihr das gleiche Schicksal widerfuhr wie den Soldaten.
Es kann nur ein böser Traum sein..., dachte Alessandro. In genau diesem Moment erschienen Jareso und einige andere Dörfler im Raum, denen das gleißende Licht und die fremden Pferde nicht entgangen waren.
Sie sahen noch Jaresos Frau zu Staub zerfallen, dann sahen sie Dysiana. Noch bevor sie sich von dem Schock erholen konnten und Jareso sie neben dem niederkniete, was einst seine Frau gewesen war, riss Alessandro Dysiana geistesgegenwärtig mit sich und floh mit ihr aus dem Fenster. Nach einigen Sekunden setzen ihnen die Dorfbewohner mit lautem Gebrüll hinterher. Dysiana konnte kaum laufen, so sehr hatte sie das, was gerade eben passiert war, mitgenommen. Sie hatte einen unschuldigen Menschen getötet...
Alessandro hob sie auf eines der Pferde der dunklen Reiter und setzte sich dann hinter sie auf den Sattel. Mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit preschten sie aus dem Dorf. Erst als sie das Dorf lange hinter sich gelassen hatten, hielt Alessandro das Pferd an. Er half Dysiana beim Absteigen und schloss sie dann in die Arme. Sie zitterte am ganzen Körper. Tröstend strich er ihr übers Haar. "Es war nicht deine Schuld.", flüsterte er leise. Nun hatte Narasso wieder sein Ziel erreicht, und es zeichneten sich erste Früchte seines Erfolges ab: Diesmal hatte Dysiana ihre Kräfte bewusst entfesselt, auch wenn sie sie noch nicht kontrollieren konnte.
Um jeden Preis musste Alessandro verhindern, dass es wieder geschah.
Er küsste sie auf die Stirn und sagte: "Es lässt sich nicht ändern, leider. Nun haben wir ein schnelles Pferd, und können es wagen, zu unserem Heimatdorf zurückzukehren."
Er hoffte, dort noch Lebensmittel zu finden, denn in Wahrheit verging er fast vor Hunger. Auch Dysiana hatte kaum etwas zu sich genommen, aber ihre Gedanken hingen immer noch an dem Vorfall eben. Außer ihre Freunden war jetzt noch jemand Unschuldiges wegen ihr gestorben, diesmal hatte sie, soweit sie sich erinnerte, das erste Mal selbst getötet, und nicht nur den Feind. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Marivan. Sie gingen nebeneinander über die weiten Felder. Alessandro führte das Pferd. So hatten die beiden Zeit, sich ein wenig zu unterhalten. "Woher habe ich meine Gabe?", fragte Dysiana. "Das weiß leider niemand. Mortifar hat sie bei dir entdeckt. Er versuchte dich daher, vor allem zu beschützen, damit du sie nie einsetzen musstest und vor allem, damit niemand etwas von ihr erfuhr.", erklärte er ihr. Dysiana hörte aufmerksam zu. "Irgendwann hat sie dann doch jemand bei dir entdeckt. Ich weiß nicht, wer es war und wie es dazu kam, aber es sprach sich rum und schließlich erfuhr auch Narasso davon. Tja, und dann kamen die Reiter ins Dorf..." Alessandros Stimmer stockte. Dysiana sah nachdenklich auf die Felder, die vor ihnen lagen. "Was soll ich tun?", fragte sie ihn, ohne eine Antwort zu erwarten. Alessandro sagte nichts.
Fortsetzung folgt...