Die Judenbuche
Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren
sie sondern mag beschränktes Hirnes Wirren,
so fest, das ohne Zittern sie den Stein
mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein?
Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,
zu wägen jedes Wort, das unvergessen
in junge Brust die zähen Wurzeln trieb?
Du Glücklicher, geboren und gehegt
im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,
leg hin die Waagschal', nimmer dir erlaubt!
Lass ruhn den Stein - er trifft dein eignes Haupt!
Annette von Droste Hülshoff

Ob ich dich liebe weiß ich nicht
Ob ich dich liebe weiß ich nicht:
Seh ich nur einmal dein Gesicht,
Seh dir in's Auge nur einmal,
Frei wird mein Herz von aller Qual;
Gott weiß, wie mir so wohl geschicht!
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.
Goethe

Gute Nacht
Wenn man zwanzig Freier zählet,
Keinen liebt, und alle quälet,
Alle liebt, und keinen wählet;
Das ist eine stolze Lust
Für so eines Mädgens Brust.
Wenn so zwanzig bettlend stehn,
O wie lebt sich's da so schön!
Ist wohl eine Wollust größer?
Doch im Ehstand sitzt man besser.
Zwar mit Freuden und mit Scherzen
In zwei kopulierten Herzen,
Ist's wie mit den Hochzeitkerzen
Glänzend leuchten sie im Saal
Und verherrlichen das Mahl,
Aber, so nach zehen Uhr
Bleiben kleine Strümpfgen nur;
Damit leuchte dir zu Bette!
Gute Nacht! Schlaf wohl, Anette!
Goethe

Der Alpenjäger
Willst du nicht das Lämmlein hüten?
Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grases Blüten
Spielend an des Baches Ranft.
"Mutter, Mutter, laß mich gehen
Jagen nach des Berges Höhen!
Willst du nicht die Herde locken
Mit des Hornes munterm Klang?
Lieblich tönt der Schall der Glocken
In des Waldes Lustgesang.
"Mutter, Mutter, laß mich gehen
Schweifen auf den wilden Höhen!"
Willst du nicht der Blümlein warten,
Die im Beete freundlich stehn?
Draußen Iadet dich kein Garten,
Wild ists auf den wilden Höhn!
"Laß die Blümlein, laß sie blühen,
Mutter, Mutter, laß mich ziehen!"
Und der Knabe ging zu jagen,
Und es treibt und reißt ihn fort,
Rastlos fort mit blindem Wagen,
An des Berges finstern Ort,
Vor ihm her mit Windesschnelle
Flieht die zitternde Gazelle.
Auf der Felsen nackte Rippen
Klettert sie mit leichtem Schwung,
Durch den Riß gespaltner Klippen
Trägt sie der gewagte Sprung,
Aber hinter ihr verwogen
Folgt er mit dem Todesbogen.
Jetzo auf den schroffen Zinken
Hängt sie, auf dem höchsten Grat,
Wo die Felsen jäh versinken,
Und verschwunden ist der Pfad.
Unter sich die steile Höhe,
Hinter sich des Feindes Nähe.
Mit des Jammers stummen Blicken
Fleht sie zu dem harten Mann -
Fleht umsonst, denn loszudrücken
Legt er schon den Bogen an.
Plötzlich aus der Felsenspalte
Tritt der Geist, der Bergesalte.
Und mit seinen Götterhänden
Schützt er das gequälte Tier.
"Mußt du Tod und Jammer senden",
Ruft er, "bis herauf zu mir?
Raum für alle hat die Erde,
Was verfolgst du meine Herde?"
Friedrich Schiller

Die beiden Esel
Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:
"Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!"
Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.
Christian Morgenstern

Ich und du
Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.
Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.
Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
Friedrich Hebbel

Der Panther
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starke Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf-. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke