Das folgende Interview ist aus der Pforzheimer Zeitung vom 17.11.03!
http://www.pz-news.de/kultur/leute/berichte/38868/index.html
"Wir sind keine TV-Schönheiten"!
Schauspielerin Meike Schlüter gewährt im PZ-Interview einen Blick hinter die Kulissen der Serie „Hinter Gittern“
„Ganz schön aufgeregt“ war Meike Schlüter (unten) beim Dreh der ersten Liebesszenen mit Kollegin Barbara Sotelsek.
Montagabend, 21.15 Uhr: Sechs Millionen Menschen verfolgen die Geschehnisse in der „JVA Reutlitz“, dem TV-Frauenknast der RTL-Serie „Hinter Gittern“ (HG). Seit sechs Jahren ist die Gefängnis-Saga konkurrenzlos. Längst dreht sich die Story nicht mehr nur um Katy Karrenbauer als Knastlesbe Walter, auch andere sind in den Mittelpunkt gerückt – wie Meike Schlüter. Binnen 14 Monaten hat sie sich zunächst als unschuldig Inhaftierte, dann als Anstaltsärztin Dr. Kerstin Herzog in die Herzen der Fans gespielt. PZ-Redakteurin Petra Joos hat mit ihr gesprochen.
Pforzheimer Zeitung: Bekommen Sie schon säckeweise Fanpost?
Meike Schlüter: Ja, ich bin oft sehr gerührt: Die Leute schreiben von sich, wollen Autogrammkarten oder schicken selbstgemalte Bilder und Gedichte.
PZ: Wie gehen Sie mit der ungewohnten Popularität um?
Schlüter: Es ist zwar eine Veränderung, aber ich weiß, dass das eine Arbeit ist wie jeder andere. Wenn mich jemand auf der Straße anspricht, dann bin ich mindestens genauso verlegen wie derjenige selbst.
PZ: Wie kamen Sie zu der Rolle?
Schlüter: Ich hatte mich bei der Produktionsfirma beworben und ein Casting gemacht.
PZ: Wie läuft so was ab?
Schlüter: Man bereitet ein paar Szenen vor, die man mit einer der Schauspielerinnen der Serie durchspielt, wobei die Kamera nur auf den Bewerber gerichtet ist. Das Casting-Band geht danach durch mehrere Instanzen, die auswählen, wer am besten zu der Rolle passt.
PZ: Warum wollten Sie zum Fernsehen?
Schlüter: Während meiner Theaterzeit musste ich alle zwei Jahre umziehen. Dann wurde ich 30 und wollte einfach mal an einem Ort bleiben. Außerdem war es Zeit, etwas Neues zu machen und ich wollte gerne mit der Kamera arbeiten, mit der ich ja bis dato noch gar keine Erfahrung hatte.
PZ: Kritiker werfen der Serie vor, sie transportiere ein proletisches Frauenbild. Können Sie diese Einschätzung teilen?
Schlüter: Nein. Es gibt ja solche und solche in der Serie. Ich finde es gut, dass wir bei HG nicht diese typischen TV-Schönheiten sind. Das entspricht weder der Realität noch kann ich mich damit identifizieren. Große, kleine, dicke, dünne Frauen – es gibt uns doch in verschiedenen Formen. Insofern wird hier ein anderes Frauenbild transportiert, das mir sehr gefällt.
PZ: Was reizt Sie an Ihrer Rolle?
Schlüter: Die Möglichkeit, einen Menschen in der Veränderung zu zeigen – auf dem Weg von der starren Regelwelt hin zu eigenen Werten.
PZ: Als Kerstin Herzog lernen sie die lesbische Liebe kennen. Kostet es Überwindung, solche Szenen zu drehen?
Schlüter: Seltsamerweise nicht. Ich war bei den ersten Szenen noch ganz aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie man das spielt und wie das alles ist. Aber ich hab’ dann beim Drehen festgestellt, dass das Gefühl, sich zu verlieben, eigentlich dasselbe ist, ob’s nun ein Mann ist oder ’ne Frau.
PZ: Können Sie sich noch an Ihren ersten Drehtag erinnern?
Schlüter: Oh ja, das weiß ich noch ganz genau. Das war der 14. August 2002 und meine ersten Szenen waren die als Inhaftierte in der Isolationszelle. Ich war also ganz alleine mit dem Team da und war wahnsinnig aufgeregt. Ich hatte vorher extra noch Unterricht genommen bei einem Schauspiellehrer für Fernsehen, weil ich gar nicht wusste, wie ich mich vorbereite, wenn ich morgens um acht Uhr möglichst verzweifelt spielen soll. Nach den vier Szenen bin ich dann nach Hause gefahren und war völlig erschöpft.
PZ: Wie läuft so ein Drehtag ab?
Schlüter: Gedreht wird bis abends 20 oder 21 Uhr. Man arbeitet unterschiedlich lang, je nachdem, in wie vielen Geschichten man mit drin ist, denn es wird unchronologisch und in drei Handlungssträngen gedreht. Wenn ich also im so genannten A-Block bin, dann steh’ ich morgens um halb sechs auf, bin um sieben Uhr am Set, werde geschminkt und um acht fällt die erste Klappe.
PZ: Gibt es Proben?
Schlüter: Kaum. Das war für mich, die ich jahrelang Theater gespielt habe, sehr ungewohnt. Die Vorbereitungen laufen zu Hause. Dabei ist das Lernen des Textes gar nicht das Entscheidende, sondern immer genau zu wissen: Woher kommt die Figur? Was will die? Wie geht’s der? Wenn ich diesen emotionalen Bogen raus habe, was auf Grund des nichtchronologischen Drehens nicht immer ganz einfach ist, dann ist der Text nur die Spitze des Eisberges. Am Set wird die Szene kurz durchgestellt, geleuchtet und dann nach den Vorgaben des Regisseurs gespielt.
PZ: Der größte Teil der HG-Besetzung ist weiblich. Wie ist das, wenn so viele Frauen jeden Tag auf engstem Raum zusammenarbeiten?
Schlüter: Ich find’s ein richtig schönes Klima, weil auch ’ne Menge netter Kolleginnen da sind. Dadurch, dass jede ihre Rolle hat, nimmt keiner der anderen die Butter vom Brot. Das Konkurrenzdenken fällt völlig weg.
PZ: Gibt’s auch private Freundschaften unter den Schauspielerinnen?
Schlüter: Ja, auf jeden Fall.
PZ: Mit wem sind Sie befreundet?
Schlüter: Mit vielen, zum Beispiel mit Sigrid (Gefangene Mel), Barbara (Gefangene Sascha), Aline (Gefangene Fisch), Anja (Wärterin Maja Brehme) und Uta (Wärterin Birgit Schnorr).
PZ: Sie haben schon Theater, Kino und TV gemacht. Wo liegt Ihre Zukunft?
Schlüter: Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt Theater und nur Theater, schon allein von der Ausbildung her. Heute muss ich feststellen, dass mir das Drehen unheimlich viel Freude bereitet. Am liebsten würde ich bei Fernsehen und Film weiterarbeiten und daneben beim Theater Stück-Verträge machen. Außerdem möchte ich mich gerne mal Hörspielen widmen. Nur über den Gedanken zu arbeiten, diese Konzentration nur auf Texte, das würde mir unheimlich Spaß machen.
PZ: Wo liegt der gravierendste Unterschied zwischen Theater und Fernsehen?
Schlüter: In der Vorbereitung. Während der sechswöchigen Theaterproben kann ich unheimlich viel ausprobieren. Bei der Aufführung präsentiere ich dann das, wofür ich mich entschieden habe. Diese Zeit ist beim Drehen überhaupt nicht da. Ich muss mir von vornherein ganz im Klaren darüber sein, was ich spielen möchte, denn man kann das nicht durch Proben herausfinden.
PZ: Welche Rollen würden Sie gerne einmal spielen?
Schlüter: Eine Kommissarin! Und in so einem richtigen Kostümschinken würde ich gerne mal mitmachen.
PZ: Was machen Sie, wenn Sie nicht vor der Kamera stehen?
Schlüter: Ich nehme Gesangsunterricht, lese sehr gerne, spiele Cello und mache Aikido.
PZ: Was ist denn das?
Schlüter: Eine japanische Kampfkunst, aber eher sanft. Ich hatte das auf der Schauspielschule, vier Jahre lang, eineinhalb Stunden jeden Morgen. Man lernt sich zu zentrieren und auf den Partner einzugehen. Aikido fördert die Konzentrationsfähigkeit ungemein.
PZ: Sie haben einmal gesagt, Sie würden gerne mehrere Leben parallel leben können. Welche wären das?
Schlüter: (lachend) Ich möchte andauernd Weltreisen machen, wäre gerne Musikerin oder Schriftstellerin… Toll, wenn man einfach alles unter einen Hut bekommen könnte, aber ich habe immer zu wenig Zeit.
PZ: Wie lange bleiben Sie den Fans von „Hinter Gittern“ noch erhalten?
Schlüter: Das darf ich nicht verraten.
Hat gut lachen: Meike Schlüters Popularität als Ärztin Kerstin Herzog in der RTL-Serie wächst und wächst. Mittler- weile erhält die 32-Jährige schon säckeweise Fanpost.
Foto: privat
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"Ich fahre jeden Morgen eine Stunde mit dem Fahrrad zum Dreh. Egal, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Das Einzige, was mich aufhalten könnte, wäre Glatteis. Jetzt habe ich auch eine tolle Strecke gefunden, die
eigentlich fast nur im Grünen liegt. Ich entdecke jeden Tag schöne Dinge, die mir vorher nie aufgefallen sind. Das macht mich morgens munter und gibt mir abends eine positive Energie. Und um meine Abwährkräfte so richtig zu stärken, verrate ich Ihnen mein ganz persönliches Geheimrezept: Jeden Abend trinke ich ein Glas Rotwein", erzählt uns die 32-jährige Meike, die bei "Hinter Gittern" die "Knast-Ärztin" Kerstin Herzog spielt.