Hinweise auf Missbrauch
Sexueller Missbrauch
Hinweise und Signale
Sexueller Mißbrauch ist nicht auf bestimmte soziale Schichten oder von außen identifizierbare Familienkonstellationen oder -situationen beschränkt.
Obwohl jedes Kind gemäß seiner individuellen Geschichte und der gegenwärtigen Situation verschieden auf Mißbrauchserlebnisse reagieren wird, gibt es doch eine Reihe von Hinweisen und Signalen, die - bei entsprechender Bereitschaft der Umgebung, sie wahrzunehmen - als typische "Hilferufe" verstanden werden können. Sie alle sind Ausdruck der umfassenden Bemühungen des Kindes, die Mißbrauchshandlungen psychisch zu überleben und irgendwie zu bewältigen.
Die jeweiligen Symptome, die ein Kind entwickelt, helfen ihm in gewisser Weise, einen inneren Ausgleich für die traumatischen Erlebnisse zu schaffen.
In dem Prozeß, sich so mit der Mißbrauchssituation einzurichten, daß sie "überlebt" werden kann, lassen sich verschiedene Phasen unterscheiden.
Am Anfang steht die Phase der Geheimhaltung und des Nichtverstehens der Vorgänge, in der das Kind die offene oder verdeckte Aufforderung des mißbrauchenden Erwachsenen zu schweigen, befolgt und das Geheimnis und seine Familie zu schützen versucht. Wird es in dieser Phase mit dem Thema konfrontiert, reagiert es mit Unbehagen, versucht abzulenken oder weigert sich, etwas zu sagen.
Nicht betroffene Kinder antworten dagegen auf entsprechende Fragen mit einem deutlichen Nein oder erklären sogar den Fragesteller für "verrückt".
In der zweiten Phase überwiegt das Gefühl der Hilflosigkeit: Das Kind wird depressiv, hoffnungslos und verzweifelt. Die dem Mißbraucher oder der Mißbraucherin geltende Wut wird nach innen gerichtet, da das Kind keine Möglichkeit sieht, sich zu wehren. Es zieht sich in sich selbst zurück. Psychosomatische Beschwerden und Lernschwierigkeiten können die Folge sein. Besonders bei älteren Kindern und Jugendlichen kann es zu Suizidtendenzen kommen.
In der nächsten Phase der aktiven Akkomodation oder Anpassung überwiegt ausagierendes Verhalten wie Ausreißen, Aggressivität, kriminelle Handlungen, in der Pubertät und im Jugendalter auch Promiskuität, Alkohol- und Drogenmißbrauch. Grundlage dieses Agierens sind häufig Spaltungsmechanismen und Bewußtseinsveränderungen, mit Hilfe derer das Kind versucht, in seiner Persönlichkeit einen mißbrauchten und einen nicht mißbrauchten Anteil zu unterscheiden oder seine Empfindungen von den körperlichen Erfahrungen des Mißbrauchs abzutrennen. Es stellt sowohl den Versuch dar, auf sich aufmerksam zu machen und so vielleicht indirekte Hilfe von außen zu erlangen, gleichzeitig dient es der Befriedigung von Strafbedürfnissen, die aus der Teilnahme am Mißbrauch erwachsen.
Erst in der vierten Phase wird es zögernd versuchen, den Mißbrauch zu enthüllen, wobei in der Regel die Angst groß ist, daß die Familie in der Folge auseinandergerissen wird. Findet das Kind/ der Jugendliche keinen Glauben, da es/er ohnehin schon als "Problem" abgestempelt ist, das lügt, stiehlt, Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern unterhält und Schule oder Ausbildung schwänzt: also nicht glaubwürdig ist, kann es zu einer weiteren Anpassungsreaktion kommen: Das Kind nimmt die Beschuldigungen zurück!
Sexueller Mißbrauch ereignet sich im Geheimen und ist im allgemeinen nicht mit direkter physischer Gewalt verbunden. Daher gibt es offen sichtbare, eindeutige Anzeichen eher selten. Allerdings wird von den Experten zunehmend darauf hingewiesen, daß sexueller Mißbrauch an Kindern als Ursache von Geschlechtskrankheiten, genitalem und analem Juckreiz, Entzündungen und nicht erklärbaren Verletzungen im Genitalbereich, ungeklärten Blutungen und Ausfluß, ungeklärten und wiederholten Harnwegsinfektionen, Fremdkörpern in After und Vagina, Blutergüssen ("Knutschflecke"), besonders an den Innenschenkeln und am Gesäß oder Bauch, ungeklärter Schwangerschaft immer mit in Erwägung zu ziehen ist.
Falls ein Pädagoge eines oder mehrere solcher Auffälligkeiten bei einem Kind bemerkt, darf er jedoch keinesfalls in eigener Verantwortung tätig werden und versuchen, den vermuteten Mißbrauchshandlungen auf die Spur zu kommen. Vielmehr sollte er stets im Auge behalten, daß jedes der genannten Symptome auch auf andere Vorkommnisse zurückgehen kann. Vor voreiligen Verdächtigungen ist deshalb ebenso zu warnen wie vor einer Leugnung des Problems. Im gegebenen Fall sollten unbedingt die entsprechenden Fachleute (Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen - alle sollten speziell ausgebildete und anerkannte Spezialisten sein) hinzugezogen werden.
Handelt es sich überhaupt erst um vage Vermutungen, wird ein verantwortungsvoller Pädagoge sich in jedem Fall selbst umfassend bei Fachleuten informieren, ehe er weitere Schritte unternimmt und zum Beispiel seine Beobachtungen und Befürchtungen hinsichtlich eines bestimmten Kindes an Dritte weitergibt. Insofern geht es auch hier nur darum, allgemeines Wissen hinsichtlich der möglichen Folgen von sexuellem Mißbrauch darzustellen.
Die Ausführungen sollten also nicht als Aufforderungen zum eigenen Eingreifen der Pädagogen mißverstanden werden.Für alle Altersstufen gilt, daß vor allem plötzliche, nicht weiter erklärbare Veränderungen im Verhalten, in der Leistungsfähigkeit oder in der Erscheinung des Kindes oder Jugendlichen Reaktionen auf traumatische Erlebnisse wie sexueller Mißbrauch sein können.
Reinszenierung als Versuch der Verarbeitung von sexuellem Mißbrauch
Wer aus schlechten Erfahrungen nichts lernt, muß sie wiederholen. Wer andererseits aus schlechten Erfahrungen lernen will, muß sie vorher seelisch verarbeiten und sie dazu ebenfalls wiederholen, diesmal jedoch auf der symbolischen Ebene - im Gespräch, nachts in Traumgeschichten, nach Art der Kinder im Spiel oder gestalterisch wie Künstler.
Sexuell mißbrauchte Menschen jeden Alters, die ihre seelisch traumatisierende Erfahrung noch nicht verarbeitet haben, wiederholen diese Erfahrungen in der Realität. Dies führt nicht zur notwendigen Verarbeitung, sondern kann im Gegenteil erneut zu seelischen Verletzungen führen. Die neue Verletzung ist dennoch eine Erleichterung gegenüber den sonst unausweichlichen Erinnerungen an das frühere Trauma, denn sie ist selbst gewählt, besser kontrollierbar und oft weniger gravierend.
Die Reinszenierung traumatischer Erfahrungen ist eine Möglichkeit, Rückerinnerungen und damit verbundene Gefühle zu vermeiden, also ein Abwehrmechanismus.Sie setzt die Dynamik seelischer Verletzung fort, anstatt sie zu heilen. Und in dieser Dynamik sind immer wieder die- selben Rollen zu finden: Täter, Opfer und Helfer. Erwachsene, die entgegen ihrer Überzeugung Gewalt ausüben, sich Gewalt aussetzen oder sich zur Hilfeleistung innerlich gezwungen fühlen, tun dies unter anderem, um belastende Gefühle abzuwehren.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene, welche sexuell mißbraucht worden sind und die damit zusammenhängenden Gefühle nicht ertragen können, haben zur Reinszenierung zunächst die Wahl zwischen den drei Rollen: Opfer-, Täter- oder Helferrolle. In unserer Gesellschaft nutzen Frauen dazu häufiger die Opfer- und die Helferrolle, Männer öfter die Täter- und die Helferrolle. In wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt sich die gesellschaftspolitische Bedeutung der Reinszenierung traumatischer Erfahrung:
a) In der Opferrolle: Nach sexuellem Mißbrauch verdoppelt sich das Risiko von Gewalterfahrungen in der Ehe und von Vergewaltigung, wie zwei entsprechende Untersuchungen zeigen.
b) In der Täterrolle: Unter Kriminellen ist der Prozentsatz derer, die als Kind sexuell mißbraucht wurden, deutlich erhöht. Es gibt Untersuchungen, welche feststellten, daß sexuell mißbrauchte Jungen eher kriminell oder drogenabhängig werden als andere. Eine Studie beschreibt, daß von 14 in den USA zur Todesstrafe verurteilten Jugendlichen alle schwerst traumatisiert waren.
c)In der Helferrolle: Die meisten Opfer sexuellen Mißbrauchs werden jedoch später weder zu Opfern noch zu Tätern, sondern engagieren sich für dessen Beendigung aus eigener Betroffenheit heraus besonders nachdrücklich, so daß sie dabei manchmal selbst vergessen, sich wirksam von ihren traumatischen Erinnerungen zu befreien.
Wenn sexueller Mißbrauch gesellschaftlich bekämpft und zukünftig verhindert werden soll, können diese Reinszenierungen von Gewalt nicht einfach als gegeben hingenommen werden. Auch kann es nicht erstrebenswert sein, etwa Situationen, in denen Männer (als Väter oder Stiefväter) allein in engen Beziehungen mit ihren abhängigen Kindern leben, gesellschaftlich stärker zu kontrollieren oder gar zu unterbinden, weil sie sexuellen Mißbrauch begünstigen könnten. Vielmehr ist es längerfristig notwendig, darauf hinzuwirken, daß fürsorgliche Verantwortung und zärtliche, nicht-sexuelle Zuwendung auch für Männer positiv bewertete Verhaltensweisen werden, die sie in ihrer Männlichkeit nicht in Frage stellen.