die Opfer
Opfer
Obwohl nach vorsichtigen Schätzungen in Deutschland von 10 Jungen ein bis zwei sexuell missbraucht werden, dringt die Notlage dieser
Jungen erst langsam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Deshalb erachten wir es als notwendig, gesondert hier darauf einzugehen. Ursachen
und Wirkungen der sexuellen Traumatisierung von Jungen sind unzureichend erforscht und die wenigen spezifischen Hilfeangebote erst neueren Datums.
Sprachlosigkeit und Schweigen herrscht bei den heutigen Opfern ebenso wie bei den ehemals missbrauchten Männern, die bisher noch wesentlich
seltener als Frauen den Mut gefunden haben, über ihre sexuelle Ausbeutung zu sprechen oder zu schreiben. Entsprechend selten wird der Missbrauch bekannt.
"Ein richtiger Junge ist kein Opfer"
Diese Rollenerwartung verwirrt und belastet die durch den Missbrauch tatsächlich zu Opfern gewordenen Jungen gleich doppelt: Zum
einen ist ihr Identitätsgefühl als Junge und damit auch ihr Selbstbewusstsein schwer erschüttert. Sie befürchten, als Opfer kein ganzer Junge
mehr zu sein. Im Dilemma zwischen Männer- und Opferrolle neigen sie zur Identifikation mit dem Aggressor, möchten so stark sein wie der Täter
und sich keinesfalls als Schwächling oder Homosexueller sehen müssen. In ihrem Kampf um Respekt vor sich selbst und anderen eifern sie ihrem
Ideal eines richtigen Jungen nach und treten dabei oft übertrieben aggressiv oder machohaft auf. Zweitenssieht die Umwelt nur den nach außen hin
kompensatorisch besonders männlich auftretenden Jungen und nimmt ihn umso seltener als Opfer wahr. Immer noch ist die Meinung
verbreitet, Jungen
könnten sich wehren, wenn sie nur wollten, und selbst beim sexuellen Kontakt würden Jungen grundsätzlich Lust empfinden anstatt zu leiden.
Es erscheint auf den ersten Blick paradox, dass sich Jungen als passives Opfer homosexueller Ausbeutung selbst schnell für
schwul halten, während sich die meisten Täter als heterosexuelle Ehegatten und Familienväter betrachten. In solchen Fällen nehmen
Jungen nur wahr, wie sich ein ansonsten ja heterosexueller Mann ihnen gegenüber plötzlich homosexuell verhält. So wie sich
erfahrungsgemäß kindliche Opfer am sexuellen Missbrauch selbst schuldig fühlen, so beziehen Jungen das homosexuelle Verhalten
des Täters vollständig auf ihre eigene Ausstrahlung. Laut Kinsey-Report sind zwei Drittel der männlichen Täter bereits verheiratet oder
heiraten später. Auf viele Täter wirken vorpubertäre Jungen gerade wegen ihres noch unspezifisch ausgeprägten
Geschlechts sexuell anziehend. Die Angst vor Homosexualität steht für Männer dem Kontakt mit Jungen umso weniger im
Wege, je jünger das noch nicht zum Mann gewordene Kind ist. Sexueller Missbrauch beginnt bei Jungen schon in der frühen Kindheit,
am häufigsten in der Altersgruppe von 4 bis 5 Jahren und wird nicht selten bereits an Säuglingen verübt. Im Gegensatz zu Mädchen
werden Jungen häufiger von Bekannten außerhalb des unmittelbaren Familienkreises missbraucht, wobei der Missbrauch kürzer währt.
Täter an Jungen sind häufig Autoritätspersonen, welche die Jungen mit Geschenken, Geld oder besonderen Vergnügungen bestechen. Dennoch kann der
Täter auch bei Jungen der Vater oder Stiefvater, unter Umständen auch die biologische Mutter oder Stiefmutter sein. Missbraucht der eigene Vater oder
Stiefvater, so wendet er gegenüber Söhnen mehr Gewalt an als gegenüber Töchtern. Männer aus dem Bekanntenkreis gehen mit Jungen weniger brutal
um. Demgegenüber missbrauchen Frauen Jungen am ehesten innerhalb einer vertrauten Beziehung, in welcher die Grenze zwischen angemessener
Liebkosung und sexueller Erregung langsam überschritten wird, oder gemeinsam mit einem männlichen Täter.
Während Jungen auf ihr erstes, wenn auch verfrühtes sexuelles Erlebnis mit Frauen meist stolz zurückblicken, bedeutet homosexueller Missbrauch
durch einen Mann für Jungen - und auch in den Augen der Umwelt - eine schwere Stigmatisierung. Die Angst, beim Missbrauch durch einen Mann zum
Homosexuellen gestempelt worden zu sein, ist immer wieder die größte Angst missbrauchter Jungen und oft auch die der Eltern. Wissenschaftliche
Untersuchungen belegen, dass diese Angst unbegründet ist: Für Opfer sexuellen Missbrauchs gibt es keine erhöhte Wahrscheinlichkeit, homosexuell
zu werden. Ein anderes Vorurteil macht missbrauchte Jungen von vornherein zu späteren Sexualtätern. Tatsächlich agieren weniger als die Hälfte aller Jungen, die sexuellen
Missbrauch erleiden mussten, diese sexuelle Stigmatisierung aktuell oder später aktiv aus. Je früher ein Junge selbst Kinder sexuell belästigt, desto eindeutiger
weist ihn dies als Opfer aus.
Eltern und andere Bezugspersonen, die den genannten Vorurteilen erliegen und den Jungen nun für homosexuell und einen möglichen Täter halten,
reagieren erschreckt und werden sich dem Kind gegenüber häufiger kühl bis abweisend verhalten. So erklärt sich, dass Jungen aufgrund ihres
Geschlechts gerade dann weniger Unterstützung erhalten, wenn sie diese besonders nötig hätten.
Die Folgen sexueller Gewalt prägen oder zerstören das Leben von Männern ebenso wie dasjenige weiblicher Opfer - wobei sich die Folgen den
Geschlechterrollen entsprechend äußern. Männer bleiben seltener auf ihre Opferrolle fixiert und überdecken ihre seelischen Verletzungen öfter
mit einer harten Schale, besonderem Ehrgeiz, oder indem sie besonders hilfsbereit sind. Nicht selten leiden sie an anhaltenden
Beziehungsstörungen, Angstzuständen oder Suchtproblemen, schämen sich aber gerade als Mann, notwendige therapeutische
Hilfe in Anspruch zu nehmen.
1. Der Felsen: Solche Männer gehen zwar Beziehungen ein,
jedoch selten mit emotionaler Tiefe und Vertrauen.
2. Komm nah, doch nicht zu nah: Diese Männer lassen
Intimität teilweise zu, schützen sich aber ständig vor eventuellen
negativen Folgen.
3. Sich festklammern: Männer diesen Typs machen sich
enorm abhängig von anderen und haben unrealistische
Erwartungen an diese, sie bitten ständig um Aufmerksamkeit
und haben häufig das Gefühl, von anderen abgewiesen zu werden.
4. Es nicht besser verdienen: Diese Männer glauben tatsächlich,
am Missbrauch Schuld zu haben und es daher nicht besser zu
verdienen. Ihnen fehlt der Glaube an die Möglichkeit einer
guten Beziehung.
5. Übersexualisierung: Die Neigung, auch nicht-sexuelle
Beziehungen zu sexualisieren.
6. Macht und Kontrolle: Die Strategie, Beziehungen zu
kontrollieren und zu beherrschen, um sich sicher zu fühlen. Dies
geht auf Kosten der Sicherheit des Partners.