Elementedes Missbrauchs

 Besondere Elemente des sexuellen Missbrauchs

Sexueller Missbrauch in der Familie unterscheidet sich von  anderen Formen der Misshandlung vor allem durch den Druck zur möglichst vollständigen Geheimhaltung. Während körperliche Züchtigungen oder andere Strafen mehr oder weniger immer noch zum akzeptierten Repertoire elterlichen Erziehungshandelns gezählt werden, die nur bestimmte Grenzen nicht überschreiten sollten, unterliegt der sexuelle Missbrauch als solcher der Tabuisierung und folglich der Verheimlichung. Es darf darüber in keinem Fall gesprochen werden.

Täter und Opfer, sowie in den meisten Fällen auch die indirekt beteiligten Familienmitglieder fürchten sich daher vor der Aufdeckung des Familiengeheimnisses, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Beim Täter kann es sein:

·  Angst vor gerichtlicher Verfolgung, Haftstrafe und Verlust des Arbeitsplatzes;

·  Angst vor Streit und Anschuldigungen und Auseinanderbrechen der Familie;

·  Angst vor dem Eingeständnis der eigenen Schuld, Scham und Gefühlen der Wertlosigkeit infolge der Tabuverletzung.

Um sich diesen Ängsten und Schuldgefühlen nicht stellen zu müssen, werden sie oft gänzlich verleugnet, und die Verantwortung für den Missbrauch wird dem Kind zugeschoben. Dennoch sind Schuldgefühle und Strafängste, zumindest unbewusst, fast immer vorhanden. Das Ausmaß der Angst vor möglicher Bestrafung und Vergeltung entspricht dabei dem des vom Bewusstsein meist abgewehrten Gefühls der Schuld: So geben verurteilte Täter ihren Mithäftlingen in der Regel auch nicht den Grund ihrer Haftstrafe an, weil sie befürchten, von allen Seiten die Aggressionen auf sich zu ziehen (erfahrungsgemäß nicht zu unrecht).Da es sich bei dem Missbraucher in der Regel um eine Person handelt, zu der das Kind auch eine gute und vertrauensvolle Beziehung hat (oder hatte), übernimmt es in Identifikation mit dieser unbewusst auch deren Schuldgefühle. So glaubt es oft, dass es aufgrund seiner eigenen Schlechtigkeit missbraucht wird, dass es den Missbrauch gewissermaßen selbst zu verantworten hat. Es ist ihm deshalb kaum möglich, sein Geheimnis mitzuteilen und andere um Hilfe zu bitten.

Weitere Gründe für ein Schweigen des Kindes können sein:

·        Offene Drohungen des Missbrauchers mit Gewalt oder anderen schlimmen

Folgen für ihn/sie, das Kind und die gesamte Familie, wenn der Missbrauch bekannt werden sollte. Das Kind wird so auf die Loyalität mit dem Missbraucher und den anderen Familienmitgliedern verpflichtet und selbst zum Schuldigen gemacht;

·        Angst des Kindes, mit der Beendigung des Missbrauchs durch die

 Aufdeckung auf die Zärtlichkeiten und die Zuwendung des Missbrauchers und/oder Privilegien (Geschenke, Belohnungen für die Duldung) zu verlieren;

·        Angst, dass ihm nicht geglaubt wird und es als Lügner abgestempelt wird;

·        Scham wegen der Teilnahme an den verbotenen Handlungen und auch

wegen eventueller lustvoller Anteile; Schuldgefühle gegenüber der Mutter bzw. der Wunsch, sie vor den Gewalttätigkeiten des Vaters zu schützen;

·        wirksame Verinnerlichung des Tabus, über Sexualität zu reden.

Insbesondere bei jüngeren Kindern können als Ursachen für das Schweigen noch hinzukommen, dass es

·        in hohem Maße verwirrt ist und gar nicht benennen kann, was ihm widerfährt;

·        nicht weiß, dass es ein Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper hat - oder haben sollte;

·        die Absichten des Erwachsenen jeweils nicht als sexuelle erkennt und sich folglich nicht wehren kann

Wenn das Kind es trotzdem wagt, zunächst wahrscheinlich nur in Andeutungen, aber vielleicht auch direkt über seine Missbrauchserfahrungen zu sprechen, bedarf es eines ruhigen Gegenübers, einer Person, die bereit ist, ihm zuzuhören und Glauben zu schenken:Nach allen Erfahrungen gibt es so gut wie keine Falschanschuldigungen durch Kinder. Es kann sein, dass ein Kind, um eine ihn vertraute Person zu schützen, eine andere Person beschuldigt. Die Erfahrungen zeigen, dass es in der Regel für Anschuldigungen, die Kinder äußern, reale Hintergründe gibt.


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