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Jakobsweg Teil 5
Auf dem "Camino Francés" von O Cebreiro nach Santiago de Compostela

Von O Cebreiro ziehen wir weiter in Richtung Westen. Vor unseren Augen zeigt sich ein herrliches Bergpanorama. Doch unser Weg geht wieder bergan zum Alto del Poio auf 1337 m Höhe und damit erreichen wir die höchste Stelle des gesamten Pilgerwegs von Aachen nach Santiago. Erstmalig geraten wir in "Geldnot", wenn man das so sagen darf, da wir gestern am Geldautomaten leer ausgingen. Mit EC-Karte bzw. Visa-Karte haben wir uns bislang das nötige Geld für Verpflegung und Unterkunft am Geldautomaten besorgt. Erst in Triacastela, unserem nächsten Etappenort, finden wir wieder eine "Geldtankstelle". Ich stecke die Karte hinein, halte den Atem an und ... es funktioniert. Das dürfte bis Santiago reichen. Es sind ja jetzt nur noch 125 km. Triacastela hat seinen alten lateinischen Namen "drei Burgen" unverändert bewahrt. Graf Gatón gründete hier im 9. Jahrhundert das Kloster San Pedro und San Pablo. Die Pfarrkirche mit romanischer Apsis ist dem Apostel Jakobus geweiht. Wir entscheiden uns nun, den Weg über Samos zu gehen, der im Vergleich zum Camino Frances etwas südlicher und dafür aber ohne größere Steigungen verläuft. Auf einem Wanderweg im Tal des Rio Sarria erreichen wir das Benediktinerkloster von Samos. Dieses Kloster bestand schon im Jahre 665, wie eine Inschrift auf den Mauern des großen Kreuzganges bestätigt. Die heutige Kirche und der große Kreuzgang stammen aus dem 18. und 17. Jahrhundert. Nahe beim Kloster, etwa 100 Meter entfernt entdecken wir eine architektonische Kostbarkeit: Eine präromanische Kapelle aus dem 9. Jahrhundert, deren Südmauer ein Tor mit Hufeisenbogen aufweist (siehe Foto). Hier lassen wir uns nieder und machen unsere Mittagspause. Wir bleiben jetzt auf der Straße, die uns nach Sarria bringt, einem Ort, der sich zur Großstadt gemausert hat. Die Altstadt befindet sich im hochgelegenen Teil der Stadt, hier lebt der alte Kern des Mittelalters weiter mit seinen wappengeschmückten Bürgerhäusern, seiner romanischen Kirche El Salvador und mit seiner mittelalterlichen Burg.

Der Pilgerweg verläuft nun durch viele kleine Dörfer. Oft sind es nur wenige Häuser, die schon ein Dorf bilden. Seit der Grenze nach Galizien begleiten uns nun Kilometersteine, die bis Santiago zurück gerechnet jeden halben Kilometer anzeigen. Ein besonderes Highlight: Ab heute sind wir "zweistellig", das heißt, es sind weniger als 100 km bis ans Ziel. Unterwegs treffen wir eine Niederländerin aus Amsterdam, die ebenso wie wir vor der Haustüre losgezogen ist, insgesamt aber durch manche Umwege über 1000 km mehr gelaufen ist als wir. Hier zeigt sich noch mal ganz klar: Der Weg ist das Ziel. Und doch spären wir, dass es nun so langsam Zeit wird anzukommen. Der nächste Etappenort Portomarin birgt eine Kuriosität. Der historische Ort verschwand im Jahre 1962 unter dem Stausee von Belesar und wurde auf dem rechten Ufer des Mino wieder neu erbaut. Die bedeutendsten Baudenkmäler, die Kirchen San Juan und San Pedro, zwei Paläste und die Kapelle Virgen de las Nieves, die einst auf der mittelalterlichen Brücke stand, wurden so nach oben versetzt. Andere Gebäude, wie die mittelalterliche Brücke und die Reste der römischen Brücke und des Hospizes hatten dieses Glück nicht. Aber wenn der Wasserstand niedrig ist (Foto), sieht man noch die Fundamente der alten Häuser und die alte Brücke aus dem Wasser auftauchen. Eine wahre Geisterstadt zeigt sich dann, die von längst vergangenen Zeiten erzählt, wenn man nur gut zuhört.

Nachdem es nachts geregnet hat, sind unsere Wege wieder nass und matschig. Auch heute ist ein Tag, wie jeder andere, doch im Inneren wächst die Vorfreude, bald am Ziel zu sein. Nun sind es nur noch 66 km bis Santiago, wie der Kilometerstein am Wegesrand anzeigt (Foto). Dieses Rückwärtszählen verleitet dazu, immer schneller zu gehen, um möglichst bald das Ziel zu erreichen. Das erinnert mich an den Adventskalender meiner Kindheit, wenn man es kaum noch bis Weihnachten aushalten konnte. In Vilar de Donas stoßen wir auf eine bedeutende historisch-archäogische Anlage: eine wertvolle romanische Kirche und Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Im Inneren der Kirche sehen wir eine Reihe von Grabsteinen und liegenden Statuen von Jakobsrittern, die von dem ehemaligen Friedhof stammen. Nach der Zählung des Codex Calixtinus beginnt mit Palas de Rei die 13. und letzte Etappe nach Santiago. Die einzige Erinnerung an die Zeit der Pilgerfahrt ist die Kirche San Tirso. Von der romanischen Kirche des 12. Jahrhunderts ist nur das Hauptportal in der Westfassade erhalten. Im Hotel riecht es nach Weihrauch, irgendwie feierlich... Am nächsten Tag legen wir in Melide unsere Mittagspause ein. Hier gibt es noch zwei romanische Kirchen: San Pedro, am Ortseingang. Original ist nur das Portal erhalten. Nebenan steht das Wegkreuz von Melide, von dem man sagt, es sei das älteste in ganz Galizien. Die zweite romanische Kirche heißt Santa Maria und liegt am Ortsausgang. Uns fallen die riesigen Eukalyptusbäume auf, die seit einigen Tagen unseren Weg säumen, eine für unsere Breitengrade unübliche Vegetation. Drückt man auf das Blatt eines jungen Baumes, so riecht man das bekannte Eukalyptusöl. Direkt am Ortseingang von Arzua finden wir ein Hotel. Nun ist das Ziel der Wallfahrt schon mit Händen zu greifen.

Gegen Mittag beginnt es zu regnen und wir werden wieder so richtig bis auf die Knochen nass. Wenn dann auch noch das Wasser in den Schuhen steht, dann wird es total unangenehm. Angekommen in Lavacolla, nahe beim Flughafen von Santiago, versuchen wir im Hotel mit der spärlichen Wärme der Zimmerheizungen unsere Sachen zu trocknen. Lavacolla war der Ort, wo sich die Pilger im gleichnamigen Fluss rituellen Waschungen unterzogen, bevor sie die Stadt des Apostels betraten. Heute ist der 29. Oktober, Sonntag, Ende der Sommerzeit in Europa, und heute werden wir unser Ziel erreichen. Zwischen uns und dem Heiligtum des Apostels liegen nur noch 10 km. Vom Berg der Freude (im Foto ist das Denkmal zu sehen), dem Monte del Gozo sehen wir zum ersten Mal die Türme von Santiago am Horizont. In früheren Zeiten riefen bei diesem Anblick die französischen Pilger "Mon joie! Mon joie!" und veranstalteten einen Wettlauf zum Gipfel, denn wer als erster oben ankam, war der "König" unter seinen Gefährten. Hier wurde nun mit besonderer Inbrunst der Gesang "Dum Pater familias" aus dem 12. Jahrhundert angestimmt. Auch wir wollen diesem Moment und unserer Stimmung Ausdruck verleihen und stimmen das uns bekanntere Lied "Ihr Mächtigen" aus Israel an.
Ihr Mächtigen, ich will singen eurem tauben Ohr.
Zions Lied hab' ich vergraben in meinen Wunden groß.
Ich halte meine Augen offen, liegt die Stadt auch fern.
In die Hand hat Gott versprochen, er führt uns endlich heim.
In deinen Toren werd' ich stehen, du freie Stadt Jerusalem.
In deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.
Da unsere Schuhe und Socken wieder Mal durch und durch nass sind, ziehen wir trockene Socken aus dem Rucksack an und stecken unsere Füße dann noch in Plastiktüten, damit die Nässe nicht schon wieder die Socken durchdringt. Das sieht zwar komisch aus, aber was macht das schon. Die Füße bleiben auf jeden Fall trocken und warm.

Diejenigen, die aus eigener Muskelkraft hierher gefunden haben, können die Freude nachempfinden, die seit den Anfängen der Wallfahrt Hunderttausende von Pilgern aus aller Herren Länder empfunden haben, wenn sie schließlich die lang ersehnte Stadt Santiago de Compostela betraten. Schließlich erreichen wir die Plaza del Obradoiro und stehen vor der beeindruckenden Barockfassade der Kathedrale. Unser Schritt wird langsam und feierlich. Über eine Treppe gehen wir zum Eingang hinauf und erblicken hinter der barocken Fassade den Portico de la Gloria, sicher das bedeutendste Werk der europäischen Romanik, von Meister Mateo in den Jahren 1168-1188 geschaffen (Foto). Die Tradition will es, dass der Pilger, bevor er die Kirche betritt, die Finger der rechten Hand in die Vertiefungen der mittleren Säule legt, dem Stammbaum Jesu. Ein erstes Gebet und ein Danke für die erfolgreiche Pilgerfahrt folgen. Im Pilgerbüro legen wir unsere Pilgerausweise vor, die mit knapp einhundert Stempeln gefüllt sind, und erhalten die Urkunde "Compostelana", die in lateinischer Sprache verfasst ist. Um 12 Uhr beginnt die Messe, an der wir teilnehmen. Viele, viele Menschen sind in der Kirche versammelt, die Pilger sitzen beieinander in der Nähe des Altars. Es wird vorgelesen, wer heute als Pilger in Santiago eingetroffen ist. Nur unsere Namen liest man nicht vor, vermutlich weil wir uns zu knapp vor der Messe im Pilgerbüro gemeldet haben. Schade! Auch wir sind nur zwei von unzähligen Pilgern, die hier täglich ankommen. Das erinnert mich an unsere "Begrüßung" in Roncesvalles, wo ich den Eindruck hatte, nur eine Nummer zu sein. In der Regel blieben die Pilger drei Tage in Santiago, bevor sie sich wieder auf den Weg machten. Auch wir bleiben drei Tage und entscheiden uns, noch einen Ort zu besuchen, der wirklich für uns - auch emotional - das Ende unserer Pilgerfahrt bedeuten sollte: Finis Terrae. Im Denken des mittelalterlichen Menschen endete hier die damals bekannte Welt. Hier war der äußerste Punkt im Westen erreicht. Wir sitzen auf den Klippen und lassen unsere Gedanken von den Wellen des Atlantischen Ozeans weit fort tragen. Einer alten Tradition zufolge werden hier die Kleidungsstücke verbrannt, die man auf seinem Weg nach Santiago getragen hat. So entzünden wir bei stürmischem Wetter eine Hose und ein T-Shirt (Ersatzwäsche ist ja noch im Rucksack). Und jetzt wird uns klar: Es ist vorbei. Am Allerheiligentag, dem 1. November 2000, nehmen wir nach dem Hochamt in der Kathedrale von Santiago das Flugzeug zurück nach Düsseldorf.
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