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Jakobsweg Teil 4
Auf dem "Camino Francés" von Puente la Reina nach O Cebreiro

Endlich Sonne! Spanien kann auch schön sein. Wir verabschieden uns von Puente la Reina und ziehen weiter in Richtung Westen. Kurz hinter Cirauqui betreten wir die alte Römerstraße, die allerdings in einem sehr schlechten Zustand ist. Bald steigen wir zum Ufer des Rio Salado hinab und überqueren diesen mittels einer legendären kleinen Brücke von zwei Bögen. Aimeric Picaud schreibt über diesen Fluss: "Hüte dich, davon zu trinken - weder du noch dein Pferd. Denn der Fluss ist todbringend und die Navarrer warten mit geschärften Messern auf den Moment, wo sie die Pferde der Pilger abhäuten." Ich vermute mal, dass unser guter Aimeric die Navarrer nicht besonders gemocht hat ;-). Schließlich erreichen wir die Stadt Estella, deren Gründung und Wachstum eng mit dem Jakobsweg verknüpft ist (Foto). Besonders bemerkenswert ist die Pfarrkirche San Pedro de la Rua, die ab dem Ende des 12. Jahrhunderts erbaut wurde. Diese Kirche ist mit einer alten Tradition verbunden, die den Bewohnern von Estella besonders teuer ist. Der Legende nach starb nämlich im Jahre 1270 ein armer griechischer Pilger an den Strapazen der Wallfahrt und wurde hier beerdigt. Über seinem Grab war ein merkwürdiger Schein zu sehen. Nachdem man Nachforschungen angestellt hatte, stellte sich heraus, dass es sich in Wirklichkeit um den Bischof von Patras handelte, der eine wertvolle Reliquie des hl. Andreas mit sich führte, die er als Geschenk nach Santiago hatte bringen wollen. Seitdem wird diese Reliquie in San Pedro de la Rua in einem großen silbernen Schrein verwahrt, und der hl. Andreas wurde zum Schutzpatron Estellas. Wir entscheiden, wie auch schon in Frankreich, uns günstigere Hotels oder Pensionen zu suchen, da die Nachtruhe in den Pilgerherbergen nur von kurzer Dauer ist.

Auch heute, am 4. Oktober, begleitet uns wieder die angenehme Wärme der Sonne. In der Nähe des Klosters Santa Maria la Real von Irache finden wir den berühmten Weinbrunnen. Hier füllen wir unsere Wasserflaschen mit vino tinto, den wir dann während unserer Mittagspause bei Brot und Käse genießen. Hier treffen wir auch den "Schottländer" wieder und Jane aus England, die uns seit unserem Aufenthalt in Roncesvalles am längsten begleitet. Der Tag endet in Los Arcos, einem kleinen Ort, der allerdings römische Geschichte aufweisen kann. Weiter geht es über Torres del Rio wo es eine Heilig-Grab-Kirche mit achteckigem Grundriss aus dem 12. Jahrhundert zu sehen gibt, und Viana, einer Stadt, die 1219 von Sancho dem Starken als Bollwerk gegen das benachbarte Kastilien gegründet wurde. Immer wieder holt uns Jane ein und auch unseren "Schottländer" sehen wir täglich wieder. Es ist schön, vertraute Gesichter zu sehen. Kurz vor Logrono, unserem Etappenziel, sehen wir eine alte Frau hinter einem Tisch vor ihrem Haus stehen (siehe Foto). Sie bietet uns Feigen an und drückt uns ihren Stempel ins Credencial. Zu lesen ist, wie sie heißt und was sie verschenkt: "Felisa. Higos - aqua y amor." ("Ihr Name. Feigen - Wasser und Liebe.") Logrono betreten wir über die Steinbrücke, die über den Ebro führt, dem größten Fluss übrigens auf dem Camino de Santiago. Die heutige Brücke ersetzt eine mittelalterliche Brücke, die von San Juan de Ortega (1080 - 1163) erbaut wurde. Logrono ist eine "Weg-Stadt", geradlinig, von Osten nach Westen, wie der Camino selbst.

Morgens trinken wir in einer Bar unseren caffe con leche und essen dazu ein bocadillo. Dann geht's los. Kurz vor unserer Mittagspause treffen wir einen deutschen Pilger aus Landsberg am Lech. Wir gehen ein gutes Stück gemeinsam und er erzählt uns von seiner Motivation auf dem Jakobsweg zu pilgern. Er hat sich im Vergleich zu unseren Tagesstrecken recht großen Etappen gesteckt, in der Regel 35 km pro Tag und mehr. In Navarrete, einer mittelalterlichen Stadt am Hang eines Hügels, auf dem die Ruine einer Burg aus dem 12. Jahrhundert zu sehen ist, sehen wir viele Herrenhäuser. Eines dieser Wappen zeigt den hl. Jakobus als Maurentöter. Ein Widerspruch in sich selbst, oder? Wieder auf der Landstraße, sehen wir links den Friedhof, für dessen Eingang das romanische Portal des von den Johannitern geführten Pilgerhospizes wiederverwendet wurde. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert (siehe Abbildung). Mit Najera erreichen wir unser Tagesziel. Diese alte Hauptstadt des Rioja war von 918 bis 1076 Residenz der Könige von Navarra-Najera, bevor sie zu Kastilien kam. Einer der bedeutendsten Könige dieser Dynastie war Sancho III. Er legte den Jakobsweg, der ursprünglich weiter nördlich verlief, durch seine Residenzstadt. Das Wort "Najera" ist arabisch und bedeutet "Ort zwischen den Felsen".

Ein weiteres Highlight auf dem Camino ist die Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada mit einer Kuriosität. Gegenüber dem Grabmal des heiligen Domingo ist ein Hühnerkäfig mit einem weißen Hahn und einer weißen Henne zu sehen (siehe Foto). Der Anlass für dieses Denkmal ist folgende Geschichte: Zu Beginn des 14. Jahrhunderts pilgert ein Ehepaar aus Xanten mit seinem achtzehnjährigen Sohn namens Hugonell nach Compostela. Durch Eifersucht einer jungen Wirtstochter wird Hugonell von den Gerichtsbehörden der Stadt des Raubes angeklagt und gehängt. Seine Eltern vernahmen plötzlich die Stimme des Sohnes, der ihnen sagte, dass er lebe und dass er durch das Eingreifen des Heiligen Domingo gerettet worden sei. Sie liefen, um es dem Stadtrichter zu melden. Der aber antwortete, ihr Sohn sei ebenso lebendig wie Hahn und Huhn, die er nun, gut gebraten, verspeisen wollte. Aber - wie durch ein Wunder - in diesem Moment sprangen Hahn und Huhn auf vom Teller, liefen über den Tisch des misstrauischen Richters und gackerten. Durch dieses Gottesurteil war die Unschuld des Sohnes erwiesen und die Familie konnte glücklich nach Hause zurückkehren. Abends kommen wir nach Redecilla und übernachten noch mal im Refugio. In der Kirche gegenüber bestaunen wir einen kostbaren romanischen Taufstein.

Nach einem kräftigenden Frühstück in einer Bar machen wir uns wieder auf den Weg. In Belorado werden wir von einer Deutschen ins Refugio eingeladen und bekommen eine Tasse Kaffee. Wir erfahren, dass unsere Gastgeberin selber einmal den Camino gelaufen ist und nun durch ihren Dienst als Leiterin des Refugios dem camino etwas zurückschenken möchte. Ich glaube, sie ist nicht die einzige, die wieder zurückkehrt. Wir übernachten in Villafranca de Montes de Oca (Foto) in einer Pension. Der Name dieses Ortes deutet auf die Ansiedlung von "Franken" viele Jahrhunderte vor unserer Zeit. Ob diese Menschen damals auch zurückgekehrt sind, wie die junge Deutsche in Belorado? Vor uns liegen die Montes de Oca, die uns wieder auf eine Höhe von 1130 m führen. Aus diesen Bergen erzählt der "Codex Calixtinus" eine Wundergeschichte von einem französischen Ehepaar, das mit seinem Sohn nach Compostela pilgerte. Der Sohn stirbt in diesen Wäldern. Als man ihn zu Grabe tragen will, erlangt er auf Vermittlung des Apostels sein Leben wieder und setzt seine Reise nach Compostela fort. Nach 12 km erreichen wir San Juan de Ortega, eine Gebäudegruppe, bestehend aus der Kirche, der Pilgerherberge und vier Nachbarhäusern. Im Inneren der Kirche ist das Mausoleum des Heiligen zu sehen, der dem Ort seinen Namen gab. Nicht nur das - er legte Pilgerwege an, baute Brücken in Najera, Logrono und Santo Domingo de la Calzada. Als er 1163 starb, wurde er in der von ihm erbauten Wallfahrtskirche bestattet. Vor der Kirche hält ein Bus mit Touristen. Es ist einfach nur schrecklich dieses Gequatsche. Was bekommen diese Menschen mit von der Stille des Weges, der ins Innere führt!? Wo erleben sie, dass dieser Pilgerweg zu einem Sinnbild für den eigenen Lebensweg wird, wenn man ihn geht?

Unterwegs sehen wir so manche Kornfelder, die nach der Ernte einfach abgefackelt werden. Zurück bleibt schwarze, verbrannte Erde. In Villafria, einem Vorort von Burgos, quartieren wir uns in einem Hotel ein, das direkt an der N1 liegt. Am anderen Morgen schenken wir uns die stark befahrene Nationalstraße und fahren mit dem Bus nach Burgos. Wir besuchen die gotische Kathedrale, die 1221 entstand, als man im ganzen übrigen christlichen Spanien noch im romanischen Stil baute (im Bild ein Ausschnitt mit Blick auf die Kuppel). In ihrem Inneren befindet sich das Grab des Cid. Der Cid, eigentlich hieß er Rodrigo Diaz de Viviar (ca. 1043 bis 1099) ist der spanische Nationalheld schlechthin. Symbol für die Einheit der Nation und Vorbild kriegerischer Tapferkeit, kämpfte er auf Seiten der Christen, fiel beim kastilischen König wiederholt in Ungnade, stand zeitweise im Dienste der Mauren und schuf sich zuletzt sein eigenes Reich um Valencia. Ein bewegtes Leben also, richtig so, wie man es sich bei einem Ritter des Hochmittelalters vorstellt. Das "Poema de mio Cid" ist das älteste überlieferte spanische Heldenlied (entstanden ca. 1140, erhalten in einer einzigen Handschrift aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts). Die Kathedrale wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt, genau wie der Aachener Dom. Die Entwürfe der beiden Türme bringt der Baumeister Hans von Köln übrigens vom Kölner Dom mit. Wir besorgen uns noch einige Lebensmittel und verlassen Burgos durch eines der alten Stadttore, im Mudejar-Stil, einer spanisch-islamischen Kunstrichtung erbaut. Der Weg aus Burgos hinaus ist sehr viel angenehmer wie der Weg hinein. Heute haben wir starken Wind. Schließlich übernachten wir im Refugio von Hornillos del Camino.

Welch ein Gefühl am nächsten Tag wieder mit sauberen Kleidern und trockenen Schuhen zu gehen. Noch immer ist es kalt, aber es regnet nicht mehr. Nach der Mittagspause scheint sogar zeitweise die Sonne. In Fromista sehen wir uns die Kirche San Martin (Abbildung) an und finden Aufnahme im gleichnamigen Hotel. Die Kirche wurde 1035 gestiftet und ist wegen ihrer Schönheit, Vollendung und Geschlossenheit ein Beispiel der Romanik von internationalem Rang. Die 315 Sparrenköpfe der Dachbalken, die alle verschieden sind, stellen Menschen und Tiergestalten dar. Der weitere Weg verläuft nun rechts neben der Landstraße und ist angenehm zu gehen. Es ist noch immer bewölkt, doch die Sonne scheint schon wieder kräftiger als gestern. In Carrion de los Condes haben sich einige romanische Kirchen erhalten. Nur die Santiago-Kirche wurde im Befreiungskrieg 1809 abgebrannt. Das großartige romanische Portal konnte aber gerettet werden, es stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist heute Nationalmonument. Gestärkt durch ein Brot mit Schinken und Ei ziehen wir am nächsten Tag über die Calzada de los Peregrinos weiter. In Terradillos de los Templarios finden wie eine kleine Pilgerherberge. Wie der Ortsname vermuten läßt, gehörte Terradillos rechtlich zum Land des Templer-Ordens.

Am 15. Oktober sind wir am frühen Vormittag bereits in Sahagun, ein Ort der vor allem durch den besten Mudejar-Stil der Gegend bekannt ist. Die Kirche San Lorenzo aus dem 13. Jahrhundert hebt sich besonders ab als die berühmteste unter den kirchlichen Gebäuden. Die Kirche San Tirso, die ebenfalls zur Ziegelstein-Romanik des 12. Jahrhunderts gehört, war eine der ersten Kirchen, die von maurischen Baumeistern errichtet wurde. Wir verlassen Sahagun über die Cea-Brücke. An seinen Ufern stehen große Pappeln, die an die blühenden Lanzen des Heeres von Karl dem Großen erinnern. Übernachtung in El Burgo Ranero. Santiago rückt immer näher. Mittags machen wir Halt in Mansilla de las Mulas, einem historischen Städtchen, das von einer Stadtmauer aus Lehm mit vier Stadttoren umgeben ist. In Villarente fällt uns die große Brücke auf, die nicht weniger als 17 Bögen aus den verschiedensten Epochen aufzuweisen hat. Hier finden wir auch ein Hotel. Am anderen Tag kommen wir entlang der Nationalstraße nach Leon. Wir besuchen die Kathedrale Santa Maria de Regala. Sie ist die schönste der gotischen Kathedralen auf dem Camino. Die Bauarbeiten begannen 1205 und in 20 Jahren waren die wesentlichen Teile errichtet. Reims und Amiens diente ihr als Vorbild. Nicht vergessen sollte man die Real Basilica de San Isidoro, einem der Schlüsselwerke der spanischen Romanik. Am Fußende der Kirche wurde der ehemalige Narthex in ein Königliches Mausoleum umgewandelt. Sechs der Gewölbedecken wurden Mitte des 12. Jahrhunderts mit romanischen Fresken versehen, vielleicht die schönsten erhaltenen romanischen Malereien in Spanien. Mit der reich verzierten Fassade des ehemaligen Klosters San Marcos im Rücken (Foto) verlassen wir Leon wieder. Die großen Städte engen uns ein, sie sind viel zu schnelllebig. Wer den Camino geht, der schätzt die Ruhe und die Weite, die die Landschaft ausstrahlt. Bei diesen Gedanken kommt mir das Buch von Sten Nadolny in den Sinn mit dem Titel "Die Entdeckung der Langsamkeit". In Villadangos del Paramo finden wir eine Unterkunft.

Eine Straße, die nie enden will - so kommt mir die schnurgerade N 120 vor. Irgendwann erreichen wir Hospital de Orbigo. Die Puente del Orbigo (siehe Foto), über die wir pilgern, gehört zu den besonderen Brücken auf dem Jakobsweg. Die größte Berühmtheit verschaffte ihr ein Ritter aus Leen im Jahr 1434. Besessen von der Liebe zu einer Dame gelobte er, Ritterturniere auszutragen und die Ritter Europas, die den Aufruf annahmen, zum Zweikampf aufzufordern. Weiter gelobte er, mit neun weiteren Rittern aus Leen die Orbigo-Brücke solange zu verteidigen, bis er dreihundert Lanzen gebrochen habe. Die Nachricht von dieser Tat verbreitete sich in ganz Europa und ging in die Literatur ein (Cervantes: Don Quichote). Weiter geht's wieder entlang der N 120, die jetzt leicht ins Bergland übergeht. Die ersten höheren Berge im Westen kündigen sich an. Am Stadtrand vor Astorga übernachten wir in einem kleinen Hotel. Nach dem Frühstück ziehen wir durch Astorga, vorbei am Bischofspalast, 1889 von Antonio Gaudi begonnen. Ein Bischof hat allerdings nie darin gewohnt. Direkt daneben steht die Kathedrale, auf deren Zinnen die Figur des Apostels zu sehen ist. Im Supermarkt füllen wir unsere Rucksäcke mit Vorräten auf und lassen Astorga hinter uns. Die Straße steigt leicht an und führt uns über kleinere Dörfer, die nur noch von wenigen Leuten bewohnt werden. Nach einer warmen Dusche blicken wir abends vom Kirchturm in Rabanal del Camino zurück auf Astorga. Ab hier gibt es keine geraden und ebenen Wege mehr. Bis Santiago wird der Weg nun kurvenreich sein.

Die ersten Pilger ziehen bereits kurz vor 8 Uhr los in noch völliger Dunkelheit. Wir beginnen unseren Tag mit einem caffe con leche. Bald erreichen wir Foncebadon, bis vor einigen Jahren durch die Landflucht der jungen Generation und das Aussterben der Alten eine verlassene Ortschaft. Heute kehren viele aus den Städten zurück um in mühevoller Arbeit an den Wochenenden das wieder aufzubauen, was der Zahn der Zeit zerlegt und die Natur sich zurückerobert hat. Auch die Kirche - 1995 noch völlig verfallen - wurde liebevoll wieder aufgebaut. Einige Schritte hinter dem Dorf sehen wir das berühmte Cruz de Ferro. Auf diesem Steinhügel erhebt sich an einer langen Holzstange hoch oben ein Kreuz aus Eisen. Solche Hügel nannten die Römer Hügel des Merkur. Einem heidnischen Brauch folgend, sollten die Reisenden einen Stein auf solchen Hügeln werfen - ein Ritus, den auch wir nachahmen. Eigens hierzu haben wir uns von zu Hause kleine Kieselsteine mitgenommen. Nun war der Moment gekommen, mit den Steinen auch das Schwere abzulegen. Über El Acebo, das einzige Dorf hier in dieser Gegend, das noch bewohnt ist, gelangen wir im Regen nach Molinaseca. Eine romanische Pilgerbrücke bringt uns direkt auf die Hautstraße des Ortes. Am nächsten Tag zeigt sich die Sonne wieder. Unser Weg führt uns durch herbstliche Weinberge, die in den schönsten Farben leuchten. In Ponferrada steht die Klosterburg der Templer (Foto), eine Anlage die im Laufe der Zeit vielfach verändert wurde. Im Inneren sind noch Verliese, Mönchszellen, das Refektorium und die Kapelle zu sehen. Angekommen in Villafranca del Bierzo, sehen wir uns die alte Santiago-Kirche aus dem 12. Jahrhundert an. Sie besitzt ein sehr schönes Nordtor, dessen Kapitelle biblische Ereignisse erzählen. Es ist die berühmte "Puerta del Perdon", das Tor der Vergebung: die Pilger, die bis hierhin kamen und sich unfähig fühlten, die Pilgerreise fortzusetzen, erhielten in dieser Kirche die gleiche Absolution wie in Santiago.

Ein wunderschöner Tag, einer der schönsten der ganzen Pilgerreise liegt vor uns. Aber auch ein anstrengender Tag, da nun eine harte Etappe mit dem Anstieg auf die Berge von O Cebreiro beginnt. Die Landschaft ist angenehm, malerisch, am Ufer des Flusses Rio Valcarce, der aus den Bergen von O Cebreiro kommt. Valcarce, lateinisch "vallis carceris", bedeutet eingeschlossenes, enges Tal. Unser Aufstieg nähert sich seinem Höhepunkt: Wir erreichen das Eingangstor nach Galizien. O Cebreiro, ein Ort von besonderem prähistorischen Charakter auf einer Höhe von 1298 m gelegen, entstand mit den Pilgern und für die Pilger. Dieses Dorf, das nicht mehr als neun Einwohner zählt, besteht vor allem aus den sogenannten Pallozas, Wohnungen keltischen Typs mit elliptischem Grundriss, Steinmauern und Strohdach. Dem verstorbenen Pfarrer von O Cebreiro, Don Elias Valina, ist die Wiederbelebung dieser Jakobsstation zu verdanken. Ein Eucharistisches Wunder zu Beginn des 14. Jahrhunderts hat diesen kleinen Ort hoch in den Bergen in ganz Europa bekannt gemacht: An einem Tag mit starken Unwetter steigt ein Bergbauer aus Barxamaior nach O Cebreiro hinauf, um an der Eucharistie teilzunehmen. Es zelebriert ein Mönch mit geringer Glaubenskraft. Es sieht geringschätzig auf den einsatzfreudigen Glauben des Bauern herab. Doch im Moment der Konsekration wandelt sich augenscheinlich die Hostie in Fleisch und der Wein in Blut. Die Pilger verbreiteten die Geschichte des Wunders und Richard Wagner fand in dieser Erzählung den Stoff für seinen Parsifal. Mittelalterliche Legenden um den Heiligen Gral, den Kelch des letzten Abendmahls Jesu, wurden von hier aus beeinflusst. Der Kelch des Wunders (aus dem 12. Jahrhundert) ist erhalten und kann im Inneren der Kirche, dem ältesten Monument auf dem Jakobsweg, betrachtet werden (siehe Foto).

Es folgt die Überquerung der einsamen und scheinbar endlosen Meseta, die Hornillos del Camino von Hontanas trennt. Schon beim Verlassen der Pilgerherberge regnet es, der Wind weht noch immer sehr stark. Der Vormittag wird zu einer reinen Tortur. Der aufgeweichte Lehmboden klebt schwer an unseren Schuhen, den Regen peitscht gegen unsere Gesichter. Erst in Hontanas finden wir in einer Bar ein wärmendes Kaminfeuer und ein einfaches Menu. Viele Pilger, die vor uns losgezogen sind, haben sich ebenfalls hierhin zurückgezogen. Der Wirt, sein Name ist Ferdinando, führt der staunenden Menge vor, wie man von der Stirn über die Nase aus Rotwein trinken kann. Die Stimmung steigt mit zunehmendem Weingenuss, und heute ist das völlig o.k. so. Endlich, es hat aufgehört zu regnen. Zwei Kilometer vor Castrojeriz verläuft die Straße unter einem Spitzbogen hindurch, der einst zum Kloster San Anton gehörte, heute nur noch eine Ruine (Foto). Zur Linken sehen wir das große Portal, verwittert. Rechts sind zwei Mauerschränke erhalten, in denen die Mönche Essen für die Pilger hinstellten. Schließlich erreichen wir Castrojeriz, eine historische Stadt, gekrönt von den Ruinen einer alten Burg und Schauplatz von vielen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Mauren und Christen. Wir finden ein kleines Hotel, das von einem freundlichen Paar geleitet wird. Die Inhaberin bietet uns an, unsere total verdreckte Kleidung zu waschen. Mit Hilfe einer Klobürste säubere ich unsere Wanderschuhe von allem Lehm und stelle sie, mit Zeitungen ausgestopft, an die Heizung zum Trocknen.
Fortsetzung: Teil 5
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