|
Jakobsweg Teil 3
Auf der "Via Turonensis" von Saint-Jean-d'Angély nach Puente la Reina Entlang der N150 gelangen wir nach Saintes. Saintes ist die Hauptstadt der Saintonge, eine römische und romanische Stadt und lebendiges Zeugnis von zwei Jahrtausenden Geschichte. Im Zentrum steht der Arc de Germanicus, der im Jahre 19 n. Chr. zu Ehren des Tiberius errichtet wurde. Nicht weit davon entfernt befindet sich die Abbaye aux Dames, die im 11. Jahrhundert gegründet wurde und ein überaus reiches Frauenkloster war, von Äbtissinnen geleitet, die aus den besten französischen Familien stammten. Nach der Revolution wurde die Abtei in eine Kaserne umgewandelt und erst 1942 wieder ihrer religiösen Bestimmung übergeben. Auf dem Weg zur Jugendherberge sprechen uns in einem Straßencafé Touristen an, die uns auf ein Getränk einladen und denen wir von unseren Pilgererfahrungen erzählen. Da die Jugendherberge schon voll belegt ist, werden wir "ausquartiert", dorthin, wo auch in früheren Zeiten schon die Pilger aufgenommen wurden: in die Abbaye aux Dames. Ein hochverehrter Mann war der erste Bischof von Saintes, der Heilige Eutropius, dessen Grab wir in der Krypta von Saint-Eutrope besuchen (siehe Bild). Von ihm wird sagt der Pilgerführer des Aimeric Picaud, dass er ein Jünger Jesu war. Von Petrus wurde er nach Gallien geschickt, um dort das Evangelium zu verkünden. Nach vielen Enttäuschungen ging er mutlos nach Rom zurück und wurde dort ermahnt nicht aufzugeben. So war er bald wieder in Saintes, wo er sich am Stadtrand eine Hütte baute, in der er schlief. Diesmal hatte seine Mission Erfolg und viele Menschen kamen zum Glauben und ließen sich taufen, darunter auch die Tochter des Königs Eustella. Als ihr Vater das erfuhr, jagte er sie fort, sie aber ging hinaus in den Wald zur Hütte des heiligen Mannes, der von nun an ihr Lehrer wurde. Alles Flehen des Königs zu ihm zurückzukehren half nichts. Da erfaßte ihn eine unbändige Wut, und er befahl allen Metzgern der Stadt, den Mann, der ihm seine Tochter genommen hatte, zu töten. Und sie taten es. Eustella aber kehrte nicht mehr zu ihrem Vater zurück, sie begrub den Toten in seiner Hütte und wachte an seinem Grab bis sie selber starb und neben ihm begraben wurde. Diese erschütternde Geschichte einer Berufung mag wohl manchem Pilger mehr bedeutet haben als die Schönheit so mancher Kathedrale. Am folgenden Tag erreichen wir Pons, wo wir von einem freundlichen Ehepaar privat aufgenommen werden. Die Adresse bekommen wir im Office du Tourisme. Am Ausgang des Ortes verläuft die Straße durch eine eigenartige, gotisch gewölbte Halle. Dieser Unterstand für Pilger und Reisende gehörte zum Hospice des Pèlerins mit Kirche und Krankenhausgebäuden (Abbildung). In der Mitte des Durchgangs stehen sich zwei Portale aus dem 12. Jahrhundert gegenüber. Rechts und links davon sind in die Mauer eingelassene Totengelege zu sehen. Die hier verstorbenen Pilger wurden bis zum gemeinsamen Begräbnis entlang der Wände aufgebahrt. Weiter geht es über die N137, die schnurgerade auf Mirambeau zuläuft. Unterwegs treffen wir noch einmal das Ehepaar, das uns am Vortag so nett aufgenommen hat. Sie sind mit dem Auto unterwegs um Bekannte zu besuchen. Eine schöne Überraschung! Unterkunft finden wir schließlich beim Pfarrer, der mit Mirambeau noch dreizehn andere Ortschaften zu versorgen hat. Das wird wohl, wenn sich nichts an den alten Strukturen der katholischen Kirche ändert, bald bei uns genauso sein! In Saint-Martin-Lacaussade, einem kleinen Straßendorf in unmittelbarer Nähe zur Festungsstadt Blaye, finden wir die erste Unterkunft speziell für Jakobspilger. Der saubere Schlafraum ist ausgestattet mit zweistöckigen Betten. Es gibt einen Waschraum mit Dusche und eine Kochnische. Gegenüber im Rathaus, wo wir wieder vom Bürgermeister begrüßt werden, fragen wir nach dem Schlüssel und bald schon erscheint jemand um uns aufzuschließen. Wir waschen unsere dreckige Kleidung, hängen sie draußen zum Trocken auf und kaufen in einem kleinen Laden Spaghetti und eine Flasche Bordeauxwein für’s Abendessen. Am nächsten Morgen geht es zeitig los, da wir in Blaye die Fähre über die Gironde nehmen wollen. Im Bild ist die Porte Dauphine der Festung von Vauban zu sehen. In der früheren Abteikirche Saint-Romain zu Blaye lag der vielgerühmte Neffe Karls des Großen und Held von Roncesvalles, Roland, bestattet. Von seiner Heldentat wird später noch die Rede sein. Über die D2 gelangen wir nach Parempuyre, einem kleinen Dorf nördlich von Bordeaux, wo wir von unterwegs durch einen Anruf ein Fremdenzimmer reserviert haben. Unsere Gastgeber kommen uns mit dem Auto entgegen, erkennen uns an unserem Outfit und fragen uns, ob sie uns mitnehmen könnten. Es fällt uns nicht schwer, dieses Angebot anzunehmen. Am 18. September durchwandern wir Bordeaux, die Hauptstadt der Région Aquitanien. Im Zentrum richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Kirche Saint-Seurin, deren Torpartie und Krypta aus dem 11. Jahrhundert stammen. Hier konnten Pilger aus früherer Zeit vor den Reliquien des Heiligen Severinus, der im 5. Jahrhundert Bischof der Stadt war, ihre Gebete sprechen und das legendäre Horn Olifant, des eben schon erwähnten Roland betrachten. Nachmittags erreichen wir den südlichen Vorort Gradignan. In den alten Räumen des ehemaligen, am Ortsausgang gelegenen Prieuré de Cayac befindet sich heute der Sitz der "Association Régionale des Amis de Saint Jacques de Compostelle en Aquitaine". Ursprünglich war die Priorei ein Hospiz zur Aufnahme von Pilgern und bestand bereits im Jahr 1229. Vor dem Gebäude sitzt auf einer Bank als Bronzeplastik ein Jakobspilger mit dem Stab in der Hand (siehe Bild) und blickt dem ankommenden Pilger interessiert und doch auch etwas müde entgegen. Auch heute werden hier wieder Pilger aufgenommen. Da zur Zeit aber renoviert wird, finden wir durch die Mithilfe von Anwohnern eine Ausweichmöglichkeit in einem Mehrzweckraum. Vor uns liegen nun die Landes, ein riesiges, dünnbesiedeltes Waldgebiet. Die nächste größere Stadt Dax liegt 150 km entfernt. Wir sind also nun darauf angewiesen, die wenigen Dörfer auf dem Weg zeitig zu erreichen und dort auch eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Nach dem Frühstück ziehen wir los, immer entlang der N10. Kurze Zeit später fängt es an zu regnen. Wir werden trotz unserer Regenponchos pitschnass. Sich irgendwo unterstellen bringt nichts, wo auch! Besser ist, einfach weiterzugehen um nicht auszukühlen. Erst in Le Barp, wo wir in der Mairie einen Schlüssel zu einer kleinen Pilgerunterkunft erhalten, scheint wieder die Sonne. Der nächste Tag beginnt ebenfalls wieder mit anhaltendem Regen. Erst am Nachmittag wärmen uns einige Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke brechen. Südlich von Belin-Béliet finden wir auf dem Friedhof der kleinen romanischen Kirche von Mons die letzte Ruhestätte der Mitstreiter Rolands, der Könige von Friesland und Dänemark, des Herzogs von Lothringen und vieler anderer Helden, die Karl der Große auf seinem traurigen Rückzug hatte hierher bringen lassen. Der Tag endet in Le Muret, wo es ein kleines Hotel gibt. Im weiteren Verlauf unseres Weges sind hellseherische Fähigkeiten gefragt. Die N10 können wir nicht mehr benutzen, da sie zur Schnellstraße ausgebaut worden ist. Also müssen wir rechts und links neben der N10 nach Wegen suchen, die uns ebenfalls ans Ziel bringen. Mein Kartenmaterial ist diesmal unzureichend. So endet unser Weg einmal im Maisfeld. Das andere Mal sind gefährliche Überquerungen der Schnellstraße unumgänglich. Nicht weitersagen, ja? In Labouheyre erhalten wir im Rathaus wieder den Schlüssel zu einer Pilgerunterkunft. Am nächsten Tag ist der Weg ruhiger. Wir sind kilometerlang nur von Kiefern umgeben (Bild). Keine Menschenseele ist zu sehen. In Onesse finden wir abends ein kleines, einfaches Hotel. Ab Lesperon müssen wir unseren Weg ändern, da es in Taller, das auf der historischen Route liegt, kein Hotel gibt. Wir kehren also wieder zur N10 zurück, finden dort auch einen kleinen Wirtschaftsweg und erhalten am Abend in Castets ein Quartier. Schließlich erreichen wir die Stadt Dax und damit das mittlerweile heiß ersehnte Ende der menschenleeren Landes. "Heiß" ist übrigens passend. Hier gibt es nämlich - wie in Aachen - schon seit den Römern bekannte heiße Thermalquellen. Hauptquelle ist die Fontaine Chaude mit einer Temperatur von 64° C. Der Abend endet im Hotel-Restaurant Marakesch mit einem typisch marokkanischen Festessen. Die Inhaber, zwei junge Männer, waren wohl auch ein wenig "heiß" aufeinander, wie ich bald feststellen musste. Während wir am anderen Morgen ausgiebig und lange frühstücken, wird vom gestrigen Abend noch viel erzählt. Bevor wir aufbrechen, gibt es einen Fototermin für die anwesenden Kurgäste. Die Landschaft ändert sich nun merklich. Nicht mehr lange ebene Straßen, sondern abwechslungsreiche Wege mit den ersten Steigungen kündigen sich an. In der Ferne sind bereits die Pyrenäen zu sehen. In Sorde-l’Abbaye finden wir eine Pilgerunterkunft. Zum ersten mal bleiben wir nicht alleine. Zwei Niederländerinnen, die mit den Fahrrädern nach Santiago unterwegs sind, gesellen sich zu uns. Eine der beiden kommt übrigens aus Maastricht. Nach dem Duschen und Waschen der Klamotten sehen wir uns ehemalige Abteikirche der Benediktiner an, die im Laufe der Zeit sehr gelitten hat. Interessant sind die romanischen Bauelemente und die eindrucksvollen Mosaikfragmente des Chors. Das in der Nähe des Chors gelegene Haus des Abtes birgt Reste eines gallo-römischen Hauses (siehe Abbildung) sowie mit Mosaiken geschmückte Gräber. Wir frühstücken mit den Niederländerinnen zusammen und jeder legt das, was er Essbares im Rucksack bei sich hat, auf den Tisch. Über Labastide kommen wir nach Saint-Palais. Während wir uns im Hotel ein wenig ausruhen, kommt ein kräftiges Gewitter herunter, das sich tagsüber schon zusammengebraut hat. Angelas Schuhwerk ist mittlerweile so strapaziert, dass wir in einem Schuhgeschäft für sie neue Wanderschuhe kaufen müssen. Das gibt natürlich wieder Blasen. Nach dem Frühstück im Hotel kaufen wir noch Wurst, Käse und Brot für unterwegs ein und machen uns auf den Weg. Bald erreichen wir in der Nähe von Ostabat die Stèle de Gibraltar, wo sich die Pilgerwege aus Paris, aus Vézelay und aus Le Puy-en-Velay zu einem einzigen vereinen. Der Weg ist heute vor allem landschaftlich total schön, da rechts und links die Pyrenäen hoch aufragen. Schließlich gelangen wir nach Saint-Jean-Pied-de-Port (Abbildung). Hier bzw. ab Saint-Michel beginnt Aimeric Picaud seine Etappen auf dem Jakobsweg zu zählen. Das ist wohl auch der Grund, warum gerade hier so viele Menschen ihren „camino“ beginnen. Der nun vor uns liegende Weg wird als die „Feuertaufe“ des Pilgers bezeichnet, da es nun achthundert Höhenmeter zu überwinden gilt. Heute ist auch für mich persönlich ein besonderer Tag; es ist der 28. September, der Jahrestag meiner Priesterweihe. Heute betreten wir spanischen Boden. Wir nehmen den Weg über das Valcarlos genannte Tal, in das Karl der Große mit seinem Herr floh, als seine Krieger in Roncesvalles getötet worden waren. Es ist das Gebiet, wohin die Sage den „Wald der sprossenden Lanzen“ verlegt. Dort sollen nach dem Tod der Soldaten 5.000 junge Frauen in Rüstung die Reihen des Heeres von Karl dem Großen wieder aufgefüllt haben. Am Ibaneta-Pass (1057 m) erinnert eine Kapelle an ein früheres Kloster. In der Dämmerung pflegte ein Mönch die Glocken zu läuten zur Orientierung der Pilger. Das Kreuz an der Kapelle erinnert daran, dass Karl der Große hier ein Kreuz aufstellen ließ und zu ersten Mal auf spanischem Boden betete. Die Pilger heute tun es ihm nach. Ein Denkmal für Roland in Form eines Felsblocks ruft die legendäre Dichtung des Rolandsliedes wach. Hier soll die Schlacht stattgefunden haben, bei der die Nachhut Karls des Großen durch sarazenische Krieger vernichtend geschlagen wurde. Der Tag endet für uns in Roncesvalles (Bild). Die Aufnahme in der dortigen Pilgerunterkunft ist sehr ernüchternd. Massenabfertigung. Jeder bekommt einen dicken Stempel ins Credencial geknallt, so als ob man eine Nummer wäre. Der Schlafsaal füllt sich mehr und mehr. Auch das ist für uns gewöhnungsbedürftig, da wir bislang alleine unterwegs waren. Um 20 Uhr besuchen wir die Messe in der Stiftskirche. Zum Schluss versammeln sich die Pilger um die Statue der Virgen del Camino, einer gotischen Skulptur aus dem 14. Jahrhundert und singen das Salve Regina. Anschließend gibt es im nahegelegenen Restaurant ein „Menu del Peregrino“. Über Viscarret und dem Puerto de Erro (800 m) erreichen wir am nächsten Tag Zubiri. Es ist kühl geworden, Regen durchnässt unsere Kleidung. Nun müssen wir mit wenigen Spanischkenntnissen zurechtkommen und finden auch bald eine Unterkunft. In Zubiri gibt es eine gotische Brücke über den Rio Arga. Der heutige Name der Brücke „Puente de la Rabia“ erinnert an den alten Brauch, die Haustiere der Gegend dreimal um den mittleren Pfeiler zu tragen, damit sie von der Tollwut verschont bleiben. Am Morgen des 30. September nehmen wir die Straße, um nicht wieder völlig zu verdrecken. Später kehren wir dann auf den landschaftlich sehr schönen Jakobsweg zurück. Heute erreichen wir mit Pamplona die erste große Stadt, durch die der Camino de Santiago führt. Die Stadt geht zurück auf den römischen Ort Pompaelo, der um das Jahr 75 v. Chr. in einer Schleife des Rio Arga gegründet wurde. Die Kathedrale erhebt sich an der höchsten Stelle der Stadt, im ältesten Teil Pamplonas. Das bedeutendste jakobäische Denkmal ist die Iglesia de San Cernín (siehe Abbildung). Es handelt sich hierbei um den heiligen Saturnin von Toulouse, dem die Christianisierung der Stadt zugeschrieben wird. Vor der Kirche ist auf dem Straßenboden eine Steinplatte zu sehen, die auf die Lage des Brunnens hinweist, dessen Wasser dem Heiligen dazu diente, die ersten Christen der Stadt zu taufen. Ursprünglich romanisch, wurde die Kirche am Ende des 13. Jahrhunderts aufgrund von Schäden im gotischen Stil wieder aufgebaut. Angebaut ist eine Kapelle der Virgen del Camino aus dem 18. Jahrhundert sowie die Pilgerherberge. Nachts machen wir kein Auge zu, da es viel zu warm ist in dem kleinen Raum und durch Schnarcher und nächtliches Treiben auf den Straßen sowieso nicht an Ruhe zu denken ist. Die letzten Pilger trudeln sehr spät gegen 23 Uhr ein und die ersten Pilger machen sich teilweise schon um 5 Uhr wieder auf dem Weg. Auch das sorgt für Unruhe. Wir überlegen ernsthaft, ob es nicht sinnvoller ist, Pilgerherbergen nur dann aufzusuchen, wenn sich vor Ort keine Alternative bietet. Ziemlich müde ziehen wir am anderen Tag weiter und sind auch bald wieder völlig nass. Über den Alto del Perdón gelangen wir nach Puente la Reina, dort wo sich unser Weg mit dem aus Aragonien trifft. Von hier an gibt es nur noch eine Route: den Französischen Weg, den Camino Francés. An dieser Stelle steht eine modernes Pilgerdenkmal mit der Inschrift: „Y desde aquí todos los caminos a Santiago se hacen un solo.“ („Und von hier aus werden alle Wege nach Santiago ein.“) Puente la Reina entstand aufgrund der Wallfahrt zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert. Seine größte Bedeutung erlangte es, als für die Pilger Anfang des 12. Jahrhunderts die berühmte Brücke über den Arga gebaut wurde (Bild). Sie ist das Wahrzeichen des Jakobswegs auf der Strecke durch Navarra und eine der schönsten Brücken ihrer Art in ganz Spanien. Am 2. Oktober legen wir einen Ruhetag ein und besuchen die auf dem Aragonischen Weg gelegene Kirche von Eunate, einem originellen romanischen Bau aus dem 12. Jahrhundert mit achteckigem Grundriss. Welcher Aachener denkt da nicht sofort an das Oktogon der Pfalzkapelle Karls des Großen :-). |
Kostenlose Homepage von Beepworld