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Jakobsweg Teil 2
Auf der "Via Turonensis" von Paris nach Saint-Jean-d'Angély Eines der wichtigsten Pilgerziele in Paris ist natürlich die Kathedrale Notre-Dame, deren Grundstein im Jahre 1163 gelegt wurde. Ludwig IX, der Heilige, wollte auf der Ile de la Cité eine in Stil und Schönheit ähnliche Kirche bauen lassen wie die des Abtes von Saint-Denis. Die Bauzeit sollte über 150 Jahre dauern. Im Kirchenschatz von Notre-Dame befindet sich heute u.a. die Dornenkrone, die Jesus am Kreuz getragen haben soll. Ursprünglich hatte Ludwig IX allerdings die Sainte-Chapelle bauen lassen, um diese so bedeutende Reliquie zu beherbergen. Man muss bedenken, dass der Kaufpreis für die Dornenkrone 2½ mal höher war als die gesamten Baukosten der Sainte-Chapelle. Auf dem Vorplatz von Notre-Dame ist rechts das Reiterstandbild Karls des Großen zu sehen - für mich als Aachener ein Stückchen Heimat ;-). Eine Bronzeplatte in der Mitte des Vorplatzes kennzeichnet den administrativ-geographischen Mittelpunkt von Paris. Von hier aus sind alle Städteentfernungen berechnet. Über die rue Saint-Jacques verlassen wir Paris und finden am 25. August in einem der südlichen Vororte, in Antony eine Unterkunft. Über Longjumeau, Monthléry, wo wir unsere Mittagspause einlegen, und Arparjon gelangen wir - etwas abseits vom Weg - nach Saint-Sulpice, wo wir vom dritten Orden der Dominikaner aufgenommen werden. Am nächsten Tag treffen wir auf dem Weg nach Étampes die erste Santiagopilgerin, die uns mit dem Rad überholt. Étampes besitzt noch viele schöne Gebäude, die von seiner großen Vergangenheit zeugen: So zum Beispiel die Tour Guinette, ein alter Wachturm aus dem 12. Jahrhundert. Dann vier mittelalterliche Kirchen, Saint-Martin mit einem freistehenden Glockenturm (siehe Abbildung), Saint-Gilles, Saint-Basile und die imposante Notre-Dame-du-Fort, die noch eine romanische Krypta besitzt. In Saclas übernachten wir in der ersten Jugendherberge Frankreichs, heute ein einfacher Gîte d’étape. Durch das landschaftlich schöne Tal der Juine gelangen wir nach Méréville. Da generell montags alle Geschäfte in Frankreich geschlossen haben, ist es immer schwer irgendwo etwas Essbares aufzutreiben. In einer kleinen Boulangerie finden wir schließlich doch, was wir suchen. Die Strecke zieht sich heute unendlich lang. Ich habe das Gefühl, gar nicht richtig voran zu kommen. Die Erdanziehungskraft scheint stärker zu sein als sonst. Wie durch einen glücklichen Zufall entdecken wir in den Gelben Seiten eines Restaurants die Telefonnummer einer Privatunterkunft im fünf Kilometer entfernten Oinville. Dort werden wir bei einer jungen Familie herzlich aufgenommen. Für heute sind wir gerettet. Um die stark befahrene N20 zu umgehen, nehmen wir eine Route über die Dörfer. Die Dörfer sind wie ausgestorben, kein Mensch auf der Straße, keine Läden, die Häuser wirken auf uns wie abgeschottet. Nur die Hunde bellen uns hinter den Zäunen an. Beste Methode, dem etwas entgegenzusetzen: Einfach vor dem Hund stehenbleiben, ihm scharf in die Augen schauen und sehen was passiert ... ;-) Mittags essen wir, was wir morgens in Toury eingekauft haben bzw. das, was uns unsere Gastgeber mitgegeben haben. So gelangen wir nach Artenay und finden hier auch bald eine Übernachtungsmöglichkeit. Am 30. August erreichen wir in Orléans die Loire (siehe Abbildung). Im Office du Tourisme erfahren wir, dass es hier eine Jugendherberge gibt. Nachdem wir dort unsere Rucksäcke abgelegt haben, besuchen wir die frühromanische Krypta von Saint Aignan, die mächtige Kathedrale St. Croix und natürlich das Reiterstandbild der Jeanne d’Arc, die diese Stadt am 8. Mai 1429 aus der Hand der Engländer befreite. Bereits im Pilgerführer des Aimeric Picaud wird die Stadt Orléans als bedeutender Punkt auf dem Jakobsweg erwähnt. Wenige Kilometer südwestlich von Orléans stoßen wir in Cléry-St-André auf ein Heiligtum, dessen Ursrung auf eine wundertätige Statue der Gottesmutter, die im ausgehenden 13. Jahrhundert von einem Bauern entdeckt wurde, zurückgeht. Da König Ludwig XI (1423 - 1483) eine besondere Verehrung der Notre-Dame de Cléry pflegte, erhob er diese Kirche zur königlichen Kapelle und entschied auch dort – anders als seine Vorfahren in Saint Denis – beigesetzt zu werden. Vor seinem Grabmal ist eine in den Fußboden eingelassene Metalltüre zu sehen, die in die Gruft hinabführt. Ein Fremdenführer, der sich gerade in der Kirche aufhält, zieht den Schlüssel und öffnet sie. Mein Blick fällt auf den eigentlichen Sarkophag des Königs und auf eine Glasscheibe hinter der der Schädel von Louis XI zu sehen ist (siehe Foto). Später, in Meung-sur-Loire treffen wir auf den Fernwanderweg GR 3, dem wir bis Beaugency folgen. Hier treffen wir Annie aus Pau, die uns nach unserem Weg fragt und uns anbietet – sollten wir durch Pau kommen – dort auch bei ihr zu Gast zu sein. Leider wird unser Weg nicht über Pau führen. Im Stadtzentrum ist die ehemalige Abteikirche Notre-Dame des 12. Jahrhunderts zu sehen; in unmittelbarer Nähe der Cäsarenturm aus dem 11. Jahrhundert. Ein gutes Stück außerhalb von Beaugency finden wir die Jugendherberge. Am nächsten Morgen regnet es. Das hebt nicht gerade die Stimmung, wenn man direkt beim Losgehen schon nass wird. Jammern hilft nichts, da müssen wir wohl durch. Wir kehren wieder zum Fernwanderweg GR 3 zurück und pilgern nun am Ufer der Loire in Richtung Blois. Jetzt haben wir endlich mal einen schönen Wanderweg unter den Füßen und müssen nicht auf hartem Asphalt laufen, da regnet es so, dass unser Schuhwerk und unsere Hosen so richtig dreckig werden. Mit Blois erreichen wir eine wahrhaft fürstliche Stadt. Sein berühmtes Schloss erinnert an die große Zeit des Val de Loire. Im Flügel Francois I ist ein um 1520 errichteter majestätischer Treppenturm (Bild) zu sehen, der der bekannteste Teil des Schlosses ist. Bei königlichen Empfängen diente der achteckig durchbrochene Turm als eine Art Tribüne. Die einstige Abteikirche Saint-Nicolas wurde im 12. und 13. Jahrhundert errichtet und ist die interessanteste Kirche von Blois. Romanik und Gotik verbinden sich auf eine glückliche Weise. Direkt in der Innenstadt gibt es im Etap-Hotel noch freie Zimmer. Vorher die ungewisse Frage: Ob die uns überhaupt, so dreckig wie wir sind, hier reinlassen? Am nächsten Tag kommen wir über Chaumont-sur-Loire nach Amboise, eine Stadt, die wie so manch andere, mit einem hochgelegenen hellen Schloss gekrönt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir wohl ausgesehen haben müssen, denn auch heute hat es wieder nur Regen gegeben. In der Nähe des Bahnhofs spricht uns jedenfalls ein Einheimischer an und meint, wie kämen "aus den Bergen". In einer anderen Stadt wurden wir für Hirten gehalten auf der Suche nach unserer Herde. Der Loire folgend erreichen wir am 2. September Tours, die Stadt des Heiligen Martin und zugleich die Stadt, die unserem Pilgerweg den Namen gegeben hat: Via Turonensis. Auf dem Weg in die Stadt (4 km östlich von Tours) befindet sich die Abtei Marmoutier mit den Überresten des vom Heiligen Martin 372 gegründeten Klosters. Leider liegt dieses Kloster auf der anderen Seite der Loire, so dass wir es nicht sehen. Das Christentum wurde im römischen Tours ab dem 3. Jahrhundert vom Heiligen Gatien eingeführt und konnte sich unter Bischof Martin durchsetzen. Klar, dass die beiden wichtigsten Kirchen nach diesen beiden Heiligen benannt wurden. Während des ganzes Mittelalters war Tours religiöses Zentrum und Ziel von Pilgerwallfahrten. Die Kirche des Heiligen Martin hatte eine ebenso große Bedeutung für Frankreich wie die Basilika des Heiligen Jakobus für Spanien. Wir besuchen die Kathedrale Saint-Gatien mit ihren bemerkenswerten Rosetten und Glasfenstern. Anschließend schauen wir uns die Stelle an, an der die Klosterbasilika Saint-Martin gestanden hat. Alkuin, Hoftheologe Karls des Großen, war übrigens im 8. Jahrhundert Abt von Saint-Martin. Von der zerstörten Klosterbasilika sind erhalten geblieben der restaurierte Tour-Charlemagne, also der Turm Karls des Großen (ehemals am Nordquerhaus - Bild), der Tour de l’Horloge (rechter Fassadenturm) und die Grabtumba des Hl. Martin, über der im 19. Jahrhundert die neue Martinsbasilika im byzantinischen Stil erbaut wurde (rechts im Bild). Die verfallene, berühmte alte Kirche hatte Anfang des 19. Jahrhunderts der Rue des Halles weichen müssen. Dort also wo im Bild die Straße mit den parkenden Bussen zu sehen ist, dort befand sich noch vor zweihundert Jahren das Querschiff von Saint-Martin. Vor uns liegt eine monotone Strecke, da es zur N 10 keine Alternativen gibt, zumindest ohne große Umwege in Kauf zu nehmen. Über Montbazon erreichen wir gegen Nachmittag Sainte-Catherine de Fierbois. In diesem kleinen Ort besuchen wir die Kirche, die mit der Geschichte der Jungfrau von Orléans in Verbindung steht. An der Straße im Ort sehen wir zum ersten Mal ein Schild, das uns auf den Jakobsweg hinweist und daran erinnert, dass es hier einmal eine Pilgerherberge gegeben hat. Wir übernachten in einer Chambre d’hôtes. Am nächsten Morgen geht es über ruhigere Straßen und Feldwege weiter in Richtung Sainte-Maure, wo wir unsere Rucksäcke mit Proviant auffüllen, da vor uns keine größere Stadt mehr liegt. Diesmal umgehen wir die N 10 und kommen nach La Celle - Saint-Avant, wo wir wieder ein Fremdenzimmer finden. Da es in den kleineren Orten kein Fremdenverkehrsamt gibt, bieten uns die Beamten in den Rathäusern (Mairie) ihre Hilfe an. Oft ist es der Bürgermeister selbst, der uns mit Handschlag begrüßt. Nach dem Frühstück, wir haben den 6. September, gibt uns unsere Gastgeberin noch einiges zum Essen für die Mittagspause mit. Auch den Preis reduziert sie auf 200,- FF. Ist diese Gastfreundschaft nicht wunderbar? Schließlich erreichen wir Châtellerault und besuchen die Kirche Saint-Jacques. Im linken Querschiff ist eine Holzstatue des Hl. Jakobus aus dem 17. Jahrhundert zu sehen, die ihn als Pilger, das heißt mit Pilgerstab, Hut und Muscheln darstellt (siehe Bild). Am Eingang der Kirche hängt eine überdimensionale Karte, auf der die vier klassischen Pilgerwege quer durch Frankreich eingezeichnet sind. Im Office du Tourisme erhalten wir einen ganz besonderen Stempel für unseren Pilgerausweis. Die eben beschriebene Statue des Apostels ist darauf zu sehen. Wir übernachten diesmal in einem Hotel der Kette Formule-1. Weiter geht es nach Süden. Hier irgendwo muss die Schlacht Karl Martells stattgefunden haben, die ein weiteres Vordringen der Araber nach Mitteleuropa verhinderte. Unser Etappenziel ist Poitiers. Im Gegensatz zu Saint-Martin in Tours haben in Poitiers etliche Kirchen die Stürme der Zeit heil überstanden. Drei Kirchen sind besonders bemerkenswert: Notre-Dame-la-Grande aus dem 11./12. Jahrhundert mit der von zwei Türmchen eingerahmten, reich geschmückten Westfassade (siehe Abbildung); die Kathedrale Saint-Pierre mit dem ältesten Chorgestühl Frankreichs und einem Baptisterium aus dem 4. Jahrhundert, sowie eine rein romanische, siebenschiffige Pilgerkirche, die dem Heiligen Hilarius geweiht ist. Saint-Hilaire, der sich durch seinen Kampf gegen den Arianismus um die Einheit der Christen besonders verdient gemacht hat, war bis zu seinem Tod im Jahr 368 Bischof von Poitiers. Auch der Pilgerführer des Aimeric de Picaud berichtet über diesen Bischof - allerdings auch etwas merkwürdige Dinge. So soll sich während des Konzils, in dem Arius verurteilt wurde, der Boden unter ihm derart gehoben haben, dass er während der langen Sitzung endlich Platz nehmen konnte. Einige Kilometer südwestlich von Poitiers besuchen wir die ehemalige Abteikirche Fontaine-le-Compte, die im 12. Jahrhundert im Stil der Zisterzienser erbaut wurde. Unser Weg führt uns wieder zur N11, die nicht mehr so stark befahren ist wie Tage zuvor noch die N10. Dies liegt wohl auch daran, dass das Benzin hier immer knapper wird. Die Tankstellen erhalten aufgrund eines Streiks keinen Nachschub mehr und die Benzinpreise schnellen in die Höhe. Tja, unsere Botschaft heißt zu Fuß gehen! In Lusignan erhalten wir den Stempel für den Pilgerausweis und finden ein Hotel. Da es kein Frühstück gibt, kaufen wir am anderen Morgen im Intermarché ein, setzen uns irgendwo auf unsere Rucksäcke und genießen ein Baguette mit Schafskäse. Auf Kaffee können wir ja auch mal verzichten. In Chenay an der D950 finden wir eine Privatunterkunft. Da viele Urlaubsheimkehrer aufgrund der Benzinnot liegen geblieben sind, ist unser Quartier sehr bald völlig ausgebucht. Es gibt abends ein herrliches Menü mit allen Gästen. Als Highlight präsentiert uns die Dame des Hauses dann eine ganz besondere Spezialität, die wir als Nichtfranzosen unbedingt probieren sollten: Zwei übervolle Backbleche mit ... Weinbergschnecken. Also zuerst muss man sich ein bisschen überwinden. Die zweite Schnecke geht dann so und ab der dritten Schnecke bekommt man so langsam den Geschmack dafür. Zum Schluss gibt es dann - um alle Bakterien abzutöten - einen selbstgebrannten Schnaps. Am nächsten Tag, dem 10. September, erreichen wir mit Melle eine weitere wichtige Etappe auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, was die Zahl bedeutender Bauten in einem so kleinen Ort erklärt. Die Kirche Saint-Hilaire aus dem 12. Jahrhundert ist durch seine Reiterskulptur am nördlichen Seitenportal bekannt. Einige sehen in dem Reiter Karl den Großen, andere Christus, der das alte Gesetz überwindet, wieder andere glauben, es handelt sich um Kaiser Konstantin, der über das Heidentum triumphiert (siehe Bild). Der Tag endet in Brioux-sur-Boutonne. Gegen Mittag erreichen wir Aulnay. Die hier an der Kreuzung zweier präromanischer Straßen errichtete Kirche Saint-Pierre aus dem 12. Jahrhundert gehört zu den großartigsten romanischen Bauten dieser Region. Bemerkenswert ist der Reichtum der mittelalterlichen Bilderwelt an Kapitellen und Portalen. Die Westfassade hat an den Ecken zwei Laternen, in denen einst die Fackel für die Wallfahrer brannte. Wir genießen die Ruhe und den kühlen Raum der Kirche, da die Hitze heute wieder unerträglich war. Im Office du Tourisme erhalten wir unseren Stempel und die Information, dass der örtliche Pfarrer Jakobspilger bei sich aufnimmt. Wir finden uns schließlich in seinem Geräteschuppen im Garten wieder. Am nächsten Tag sorgt eine leichte Wolkendecke für angenehmere Temperaturen. In Saint-Jean-d’Angély führt man uns vom Fremdenverkehrsamt zum Centre de culture européenne, das sich in den Räumen der ehemaligen Abbaye royale befindet. Wir tragen uns ins Gästebuch ein und sehen dabei, welche Pilger vor uns schon hier aufgenommen worden sind. Die ehemalige Abteikirche ist ein seltsamer, unvollendet gebliebener Bau, der 1741 begonnen und während der Revolution eingestellt wurde. Es steht nur die mächtige Fassade mit dem großen Eingangsbau, der von zwei Türmen flankiert ist (siehe Abbildung). In der gotischen Vorgängerkirche wurde die wohl kostbarste Reliquie weit und breit aufbewahrt, das Haupt Johannes des Täufers und es heißt, dass damals hundert Mönche Tag und Nacht davor beteten. Wir fragen uns nur, ob Johannes der Täufer etwa zwei Köpfe hatte, da sein Schädel ja auch in Amiens verehrt wurde ;-).
Fortsetzung: Teil 3
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