Posttraumatische Belastungsstörung

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Posttraumatische Belastungsstörung und
Multiple Persönlichkeitsstörung

Die posttraumatische Belastungsstörung (oder auch posttraumatisches  Stresssyndrom, PTS) wurde erst 1980 erkannt und benannt. Eine Ursache hierfür  können die Folgen Sexuellen Missbrauchs in der Kindheit sein (Naomi Wolf, 1993,  233). Eine Posttraumatische Belastungsstörung liegt vor, wenn eine Person einer  stark emotional und/oder körperlichen Belastung ausgesetzt ist, die außerhalb  der üblichen menschlichen Erfahrung liegt und somit zu einem Trauma wird. Das  traumatische Ereignis wird in irgendeiner Form ungewollt immer wieder, z.B. in  der Phantasie, in Träumen, durch Rückblenden (flash-back) etc. erlebt und ist  gekoppelt an die ursprünglichen Gefühle von Schock, Furcht und Schrecken. Es  kann durch bestimmte Stimuli ausgelöst werden  (Situationen, Orte, Personen etc.), die mit dem erlebten Trauma zusammenhängen. Dies kann dazu führen, dass  diese Auslöser so stark vermieden werden, dass sie zur vollständigen Amnesie der auslösenden Ereignisse führen. Weitere Symptome sind die erhöhte Erregbarkeit  der Betroffenen (Schlafstörungen, Reizbarkeit und Wutausbrüche,  Konzentrationsmängel, Schreckhaftigkeit etc.) und die Abstumpfung gegenüber  alltäglichen Ereignissen mit dem Gefühl der Entfremdung von anderen Menschen.  Die Dauer der Störungen beträgt mindestens einen Monat und klingt in der Regel  nach mehreren Monaten ab, kann aber auch chronisch werden (vgl. u.a. Philip  Zimbardo, 1992, 485; Ron van Outsem, 1993, 165f.). Fegert führt aus, "[...] dass  bei den sexuell missbrauchten Kindern hochsignifikant häufiger die Diagnose  einer ”posttraumatischen Belastungsstörung” gestellt wurde" (Jörg Fegert, 1994,  235).

Tritt dieses Trauma real nun immer wieder auf, wie z.B. bei Sexuellem  Missbrauch oder schwerer körperlicher und/oder seelischer Misshandlung, kann es  zu einer Dissoziativen Störung kommen, zu der auch die Multiple  Persönlichkeitsstörung gehört. Sie ist der dramatische Ausdruck einer Bewusstseinsveränderung, von der nach gegenwärtigen Erkenntnissen zu einem großer Prozentsatz Frauen betroffen sind (Michaela Huber, 1995, 40). Huber nennt  weitere Umstände, die zusammenfallen, damit sich die Multiple  Persönlichkeitsstörung entwickelt. Erstens: Die Person wurde in ihrer Kindheit  über einen langen Zeitraum von nahen Bezugspersonen schwer misshandelt oder sexuell missbraucht. Zweitens: Die Person muss in der Lage sein, gut dissoziieren zu können, dass heißt, sie muss in der Lage sein, zusammengehörige Dinge im Bewusstsein voneinander zu trennen (Dissoziation ist das Gegenteil von  Assoziation" (Michaela Huber, 1995, 46). Ist diese Trennung nicht mehr rückgängig zu machen, entstehen Erinnerungslücken, sogenannte amnestische  Barrieren. Ein Beispiel: Ein Mädchen mag den Vater sehr, wird aber von ihm  vergewaltigt. Der Vater mag das Mädchen nur dann, wenn sie sich wie ein Junge  benimmt; wenn sie weint, schlägt er sie. Während der Vergewaltigung, phantasiert  sie sich in die Person eines Jungen, weil sie glaubt, dann den Wünschen des Vaters mehr zu entsprechen, weil dieser jungenhaftes Verhalten mag und einem Jungen vermutlich keine Vergewaltigung antun würde.

Wiederholen sich diese Zusammenhänge, kann es dazu führen, dass sich das  Mädchen immer mehr und häufiger in die Person eines Jungen hineinversetzt,  dieser einen Namen gibt und sich in den traumatischen Situationen in diesen  Jungen ”verwandelt”, um sich dem physischen und psychischen Trauma zu  ”entziehen” (vgl. ebd. 43ff.). Die Psyche weicht aus und denkt: ”Das passiert  nicht mir!”, weil sie sich nun in einen Jungen ”geswitched” (”verwandelt") hat (ebd. 51). Durch Dissoziationen ziehen sich Personen aus traumarisierenden  Situationen und Erlebnissen vor allem dann zurück, wenn existentielle Gefahr für das Bewusstsein besteht, wenn sie fürchten müssen, dass es zum Zusammenbruch  kommt (ebd. 48). Somit stellt die Dissoziation eine selbstrettende Maßnahme für  das Individuum dar. Es ”flüchtet” in neue Persönlichkeiten, mit anderer  Identität, neuem Namen, eigenen sozialen Beziehungen und Verhaltensmustern. Durch Forschungen wurden sogar typische Gehirnwellenaktivitäten, spezifische  Allergiereaktionen und Krankheiten für einzelne ”Personen” einer multiplen  Persönlichkeit festgestellt (ebd. 54). Im Laufe der Zeit kann es passieren, dass  die bewussten Zusammenhänge zwischen der Vergewaltigung und der ”Verwandlung”  nicht mehr erinnert werden. In bestimmten Situationen findet dieser  ”Personen-wechsel” nun automatisch statt (ebd. 43). Bezogen auf das oben genannte Beispiel, in typisch männlich attribuierten Situationen wie, z.B. beim Ballspielen. Drittens: Dem misshandelten und/oder missbrauchten Kind wird nicht geholfen. Wenn das betroffene Kind (meist Mädchen), keinerlei Hilfe,  Unterstützung oder Zuwendung erfährt, quasi auf sich allein zurückgeworfen ist,  dann muss sich das Kind selbst helfen, um an dem Trauma nicht verrückt zu werden, und dann ist Dissoziation die einzige Möglichkeit, der Situation zu entweichen (ebd. 56).

Dissoziationen können dazu führen, dass mehrere Persönlichkeiten entstehen, manchmal sogar Dutzende. Dabei werden häufig ”Personen” mit  unterschiedlichen Funktionen und unterschiedlichen Geschlechts herausgebildet:  Das ”brave” Mädchen, der nicht missbrauchte Junge, eine täteridentifizierte Person (die z.B. Gewalt gegenüber anderen oder Tieren ausüben), eine  Beobachterperson, eine Helferperson, eine Person, die das Trauma kennt und die ”Gastgeberperson”, die am häufigsten nach ”außen” hin erscheint (ebd. 57f.) Die  Entwicklung einer multiplen Persönlichkeit stellt somit eine wichtige  Überlebensstrategie für Betroffene extremer (sexueller) Gewalt dar und kann  Mädchen und Jungen helfen, mit der außergewöhnlichen Lebenssituation zurechtzukommen und ihre Psyche vor Zerstörung zu schützen. "Irgendwie konstruieren diese missbrauchten Kinder sich eine andere Wirklichkeit und leben sich darin so ein, dass sie zum Ersatz der tatsächlichen Realität wird" (Zimbardo,1992, 512f.). Dissoziative Störungen bedeuten jedoch nicht, dass sich automatisch eine Multiple Persönlichkeitsstörung entwickelt. (aus: Angela May, Nein ist nicht genug. Ruhnmark 1997.)



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