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Kurze Geschichte der Stadt Kiel

Die Kieler Geschichte lässt sich grob in zwei Perioden teilen. Bis 1867 war Kiel eine Kleinstadt von ausschließlich lokaler Bedeutung. Erst nachdem die Stadt preußisch und schließlich Reichskriegshafen wurde, wuchsen Bedeutung und Einwohnerzahl.

I. 1242 - 1867

Stadtgründung
Die Stadt wurde zeitgleich mit dem Franziskanerkloster zwischen 1233 und 1242 von Graf Adolf IV. von Schauenburg gegründet und erhielt 1242 Lübisches (Stadt-)Recht. Spätestens im selben Jahr ist auch die Nikolaikirche fertig gestellt worden. Kiel (damals 'tom Kyle' = Stadt an der Förde) ist eine planmäßige Anlage und nicht aus einem Dorf hervorgegangen. Die ersten Bewohner waren in der Mehrzahl Holsteiner, aber auch geworbene Siedler aus der Landschaft Kehdingen in Niedersachsen (Kehdenstraße) und Flamen (Flämische Straße). Graf Adolf lebte ab 1245 als Mönch im Stadtkloster und starb dort 1261.

Stadtgebiet
1259 überließen die Söhne Graf Adolfs der Stadt 'das unbebaute und sumpfige Land zwischen den Weiden der Stadt und dem Flusse Kyl', was in etwa dem heutigen Stadtgebiet ohne die ab 1869 erfolgten Eingemeindungen entspricht, also auch ohne Kopperpahl, Hasseldiek oder Brunswik. Weideland war wichtig, weil jeder Bürger für den Eigenbedarf Vieh hielt, das er auf die städtischen Weiden treiben durfte. Das bewohnte Stadtgebiet blieb aber bis ins späte 16. Jahrhundert die vom Kleinen Kiel umschlossene Altstadt, erst danach wurde auch in der "Vorstadt" südlich des Holstentores gebaut.

Anfangs gab es nur wenige Straßen. Vom Markt nach Norden führten die Dänische und die Smedestraße (Schmiedestraße, die spätere Schloßstraße), nach Süden die Kehden- und die Brückenstraße, später in Holstenstraße umbenannt. Zum Kleinen Kiel gelangte man durch die Küterstraße (Küter = Fleischer) und die Haßstraße ('Harte' = Hirsche, dort befand sich ein Wildgehege am Kleinen Kiel). Vier Straßen führten zum Hafen: Vom Markt aus die Flämische- und Schuhmacherstraße, von der Smedestraße aus die Ritterstraße (später Fischerstraße) und Kattenstraße (Katten waren Geschütze, am Ende dieser Straße wurden in einem Anbau an die Stadtmauer die städtischen Waffen gelagert). Dazu gab es noch die Burgstraße zwischen Dänischer und Smedestraße.

Wirtschaft im Mittelalter
Kiel ist vermutlich nicht gegründet worden, um mit Lübeck zu konkurrieren, sondern um überhaupt einen Hafen in Holstein zu haben. 1260 erhielt die Stadt Zollfreiheit für Süder-Jütland (Schleswig) und 1283 das Privileg einer 'Fitte', d.h. eines Verkaufsstandes auf den Heringsmärkten von Falsterbo und Skanör. 1284 wurde Kiel Mitglied der Hanse und blieb es bis zu seinem Ausschluss 1554, hat dort aber nie eine bedeutende Rolle gespielt und auch nur einmal ein Schiff zur Piratenjagd gestellt, das prompt versenkt wurde.

Der Fernhandel war für Kiel nie von großer Bedeutung. Zwar gab es wohl Handelsbeziehungen mit Flandern (über Flemhude, die Eider und die Nordsee), Skandinavien und Russland, aber für einen wichtigen Fernhandelshafen fehlten Kiel das Hinterland, gute Landverbindungen nach Hamburg oder Lüneburg und/oder eine Binnenwasserstraße. So blieb Kiel vor allem lokaler Markt für Baumaterialien, Vieh, Fleisch, Butter, Getreide und Hopfen (es gab zeitweise 35 Brauereien in der Stadt, da jeder Bürger für den Eigenbedarf Bier herstellen durfte).

Der Kieler Umschlag
Der Kieler Umschlag ist verbürgt seit 1482, womöglich gab es ihn aber auch schon früher. Er muss für die Kieler Gastwirte und Geschäftsleute ein ähnlicher Segen gewesen sein wie heute die Kieler Woche. Man kann ihn als Vorläufer einer Geschäftsbank bezeichnen, denn hier wurden in erster Linie Geldgeschäfte getätigt. Zum Umschlag reisten Adlige und Bürger aus ganz Holstein (und z.T. darüber hinaus) nach Kiel, oft mit Tonnen und Kisten voller Silber, weil es ja weder Papiergeld noch Schecks gab.

Der Umschlag begann immer am 6. Januar, die Geldgeschäfte mussten am 14.1. beendet sein, wobei säumigen Zahlern noch drei 'Respittage' bis zum 17.1. eingeräumt wurden. Wer bis dahin seine Schulden nicht bezahlen konnte, wurde vom Gläubiger arrestiert (ins 'Einlager' gebracht), bis die Schuld beglichen war. Nach dem 17.1. begann ein Jahrmarkt, der bis zum 2. Februar dauerte, dann wurde die Umschlagsfahne an der Nikolaikirche (im Volksmund 'Den Börgermester sin Büx') wieder eingeholt. Der Umschlag verlor erst im 19. Jahrhundert allmählich an Bedeutung.

Die Gründung der Universität
Die Idee zur Gründung einer Universität hatten Herzog Friedrich III. und der dänische König Christian IV. schon 1641, die Pläne konnten wegen des 30jährigen Krieges und des Krieges der Dänen mit den Schweden erst 1665 vom Sohn Friedrichs, Christian Albrecht, umgesetzt werden. Die Stadt stellte nach anfänglichem Widerstreben Gebäude des ehemaligen Franziskanerklosters zur Verfügung, und der Festakt zur Eröffnung konnte am 5. Oktober 1665 stattfinden.

Die Stadt hatte deshalb Bedenken, weil alle Universitätsangehörigen nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterlagen und auch keine Steuern zahlen mussten, selbst wenn sie Häuser in der Stadt kauften. Außerdem gab es häufig Ärger mit den trinkfreudigen Studenten. Anfangs gab es theologische, juristische, medizinische und philosophische Fakultäten. Um 1700 hatte die Universität etwa 300 Studenten, eine ganze Menge bei ca. 4.500 Einwohnern. Ihren anfangs guten Ruf hatte sie z.T. schon eingebüßt, weil kein Angehöriger des Hochadels mehr dort studierte.

Der Adel in Kiel
Das Kieler Umland war bis ins 19.Jh. entweder im Besitz der Klöster Preetz und Bordesholm, oder es gehörte adligen Familien, die zumeist auch Häuser in Kiel besaßen. Wie die Universitätsangehörigen zahlten die Adligen keine Steuern und unterlagen auch nicht der städtischen, sondern der landesherrlichen Gerichtsbarkeit. So lesen wir bei Asmus Bremer von zahlreichen Missetaten (vor allem halbstarker) Adliger, die anscheinend nie gesühnt wurden, während man Diebe, Raufbolde und Mörder ansonsten schnell auf´s Rad flocht oder auf andere, grausame Art zu Tode brachte.

Eines von zahlreichen Beispielen adliger Untaten, die Bremer in seiner Chronik schildert, sei hier wiedergegeben. Es stammt aus dem Jahre 1593: 'Marquard Broktorf vom Schrevenborn hat bey nächtlicher Zeit mit seinen Gehülfen einer Bürgerin Sielke Mahlers große Gewald an ihrer Thür und Fenstern verübet, dieselben eingeschlagen, ist hineingestiegen, hat die Thüren geöfnet und ihre Geste mit gewehrter Hand, mit Büchsen, bloßen Schwertern und Spießen gesuchet, vertriben und verjaget, auch des Pastoris Magister Detheri Mauritii nicht geschonet, welcher endlich über die Mauren kümmerlich davon kommen. Der Edelman hat in die Betten, Heu und Stroh mit bloßer Wehre gestochen und also gern beschädigen wollen. Sie haben zuletzt einen derselben Gäste angetroffen, der sich mit der Flucht retten wollen, ihn auf der Straßen verfolget und denselben von hinten zu in dem Rücken eine Wunde länger als eine Spanne gehauen, daran derselbe lange Zeit bis auf den Todt krank gelegen.'

Katastrophen
1352 wütete die Pest in Kiel, und im 16. Jahrhundert gab es mehrere, nicht näher bezeichnete Seuchen. 1625 und insbesondere 1694 gab es schwere Überschwemmungen. Von Großbränden, die in Städten bei den eng aufeinander gebauten Holzhäusern mit Strohdächern häufig vorkamen, blieb Kiel nahezu verschont. Nur ein Brand in der Flämischen und Fischerstraße im Jahre 1586 ist dokumentiert. Dafür schlug der Blitz 1486, 1683, 1771 und 1790 in den Nikolaikirchturm ein und löste jeweils Brände aus. Im März 1838 brannten die oberen Stockwerke des Ostflügels des Schlosses völlig aus (um löschen zu können, mussten erst Löcher in das Eis der zugefrorenen Förde gehackt werden). Genau 100 Jahre später sollte das Schloss erneut brennen, wobei auch Bestände der Landesbibliothek vernichtet wurden, die 1838 noch gerettet werden konnten.

Kriege
Bereits 1261 wurde Kiel zum ersten Mal belagert, und zwar vom Herzog von Braunschweig - allerdings vergeblich. Danach wurde die Stadt oft von durchziehenden Truppen als Heerlager genutzt, was wegen der zahlreich requirierten Güter, der Einquartierungen und der ständigen Plünderungen für Kiel und die umliegenden Dörfer sehr belastend war.

1536 - im Krieg Dänemarks gegen Lübeck - lagerten ein Jahr lang Landsknechte in der Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg waren schwedische und kaiserliche Truppen häufig in Kiel, das 1627 von den Kaiserlichen erobert und 1628 von den Dänen belagert wurde. 1643 kamen dann die Schweden und wurden 1644 von den Kaiserlichen vertrieben.

Im Winter 1813/14 lagen für sechs Wochen fast 8.000 Mann der vereinigten schwedischen, russischen und deutschen Truppen in der Stadt, die damals nicht mehr als 9.000 Einwohner hatte. Man kann sich die Zustände kaum vorstellen. Schließlich gingen die schleswig-holsteinischen Befreiungskriege (1848-51) von Kiel aus, von direkten Kampfhandlungen blieb die Stadt aber verschont, ebenso in den Kriegen zwischen Dänemark und der Allianz Preußen-Österreich, die 1864 zunächst zu einer Zweiteilung der Stadt in ein österreichisches und ein preußisches Gebiet führte. 1867 wurde Kiel dann endgültig preußisch, nachdem es über 600 Jahre von Dänemark oder Dänemark eng verbundenen Herzögen und Grafen regiert worden war.

II. 1867 - 2003

Aufschwung durch die Marine
Bereits 1865 wurde die preußische Flottenstation von Danzig nach Kiel verlegt, und 1871 wurde Kiel Reichskriegshafen. Das hatte für die Provinz-Kleinstadt, die 1855 nur wenig mehr als 16.000 Einwohner hatte, einen beispiellosen Aufschwung zur Folge. Auf dem Ostufer wurden Werften gegründet (Germania, Kaiserliche, Howaldt), die sich bald von der Hörn bis über die Schwentine ausbreiteten.

Die Werftangehörigen brauchten und bekamen Wohnungen auf dem Ostufer, während die Marineangehörigen, Beamten und Kleinbürger das Westufer bevorzugten. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich von 1855 bis 1905 auf 160.000 und stieg bis 1914 auf 240.000. Dieser ungeheure Bevölkerungszuwachs ist zum Teil auf Eingemeindungen zurück zu führen (Brunswik 1869, Wik 1893, Gaarden-Süd 1901, Projensdorf 1909, Gaarden-Ost, Ellerbek, Wellingdorf, Hassee und Hasseldieksdamm 1910), hauptsächlich aber eine Folge der Marineansiedlung und des Werftenbooms. 1914 wohnten in Kiel 32.000 Militärangehörige und 33.000 Werftmitarbeiter. Rechnet man jeweils noch 2-3 Angehörige hinzu, so heißt das, dass mindestens zwei Drittel aller Kieler ihr Einkommen direkt von der Marine oder vom Schiffbau bezogen.

Der Kaiser-Wilhelm- bzw. Nordostseekanal
Schon im Mittelalter gab es mehrfach Pläne, einen schiffbaren Kanal durch Dänemark oder Norddeutschland zu bauen. Der 1784 fertig gestellte Eiderkanal war keine befriedigende Lösung, weil er nur kleine Schiffe aufnehmen konnte, die nicht hochseetauglich waren, so dass die beförderten Waren mehrfach umgeladen werden mussten. Dem sollte der 1887 begonnene Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals von Holtenau nach Brunsbüttelkoog abhelfen, obwohl er vorwiegend aus militärstrategischen Gründen zu Stande kam. 1895 wurde der Kanal vom Namensgeber selbst eingeweiht.

Kiel versprach sich vom Kanal eine Belebung für den Hafenumschlag, was sich aber weitgehend als Fehlkalkulation erwies. Fernhandelsschiffe hatten schon immer Lübeck bevorzugt, weil es die besseren Verbindungen zum Weitertransport über Land besaß (daran hatte auch die schon 1844 eingerichtete Eisenbahnlinie von Kiel nach Altona nichts geändert). Und so bleib es auch, denn durch den Kanal gab es nun erst recht keinen Grund, die Ladung in Kiel zu löschen. Die Zahl der Kiel anlaufenden Schiffe ging sogar zurück, denn der Konkurrent Hamburg hatte jetzt quasi einen Ostseehafen.

Ein Handelshafen am oder gar im Kanal, der vom Reeder Sartori vehement gefordert wurde, hätte Kiel vielleicht Vorteile gebracht. Das Projekt wurde aber von der Stadtverordnetenversammlung zweimal abgelehnt, und als die Stadt einige Jahre später doch den Wiker Hafen zum Handelshafen ausbauen wollte, hatte die Marine diesen schon 'konfisziert'.

Die Kieler Woche
1892 fand die erste Kieler Woche statt. Kaiser Wilhelm war ein begeisterter Segler, nahm mit seiner Yacht regelmäßig an den Regatten teil und lud dazu Persönlichkeiten von Rang ein, die dann im Kruppschen Logierhaus residierten. Anfänglich eine eher elitäre Veranstaltung für Hochgestellte, entwickelte sich die Kieler Woche immer mehr zu einem weltweit bedeutenden Segelereignis und schließlich zu einem Volksfest, zu dem die Segelwettbewerbe den Vorwand liefern. Es hat Dimensionen angenommen, die nur noch mit dem Münchener Oktoberfest zu vergleichen sind. Allein am Eröffnungsabend, dem 'Holstenbummel', drängen sich 500.000 Menschen in der Innenstadt und am Hindenburgufer, was stellenweise Einbahnstraßenregelungen für die Fußgänger erforderlich macht.

Matrosenaufstand und Novemberrevolution 1918
Am 28.10.1918, der I. Weltkrieg war längst verloren, sollte das III.Geschwader von Wilhelmshaven aus in See stechen. Unter den Mannschaften herrschte die Ansicht, man solle sinnlos in den Tod geschickt werden. Deshalb rissen die Heizer das Feuer aus den Kesseln und verhinderten das Auslaufen. 60 dieser 'Meuterer' wurden verhaftet und, nach dem Einlaufen des Geschwaders in Kiel am 31. Oktober, in der Militär-Arrestanstalt in der Feldstraße inhaftiert.

Auf mehreren Versammlungen von Marinesoldaten und Schiffsbesatzungen wurde die Freilassung der Inhaftierten gefordert. Schließlich setzte sich am 3. November ein Zug von etwa 3.000 Demonstranten in Bewegung, um die Gefangenen zu befreien. An der Ecke Brunswiker Straße / Karlstraße (heute Feldstraße) kam es zu Kampfhandlungen, bei denen es 8 Tote und 29 Verwundete gab, darunter auch Frauen und Kinder. Am 4. November bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, dem in den folgenden Tagen viele andere folgten, z.B. in München. Auf dem Kieler Rathaus wurde die rote Flagge gehisst. Nachdem der Kaiser abgedankt und Scheidemann in Berlin am 9. November die Republik ausgerufen hatte, hielten sich die Räte nicht mehr lange.

Folgen des I. Weltkriegs
Kiel blieb von direkten Kampfhandlungen verschont, da sich feindliche Schiffe nicht in die enge Kieler Bucht trauten und Flugzeuge noch nicht genügend Reichweite hatten. Dennoch waren die Kriegsfolgen erheblich. Zwar blieb Kiel Reichskriegshafen, der Versailler Vertrag ließ der deutschen Flotte aber nur sechs alte Linienschiffe, einige kleine Kreuzer und maximal 15.000 Marinesoldaten. Die Haupteinnahmequelle der Werften, der Marineschiffbau, versiegte völlig. Erst ab 1928 erteilte die Kriegsmarine wieder Aufträge zum Schiffsneubau.

Es wurden also weniger Werftarbeiter benötigt, und die Zahl der Marineangehörigen in Kiel schrumpfte. 1920 hatte die Stadt nur noch 207.000 Einwohner, Zuwanderung fand nicht mehr statt. Nur durch Eingemeindungen (Holtenau, Friedrichsort und Pries 1922, Kronsburg 1923, Neumühlen-Dietrichsdorf 1924) konnte die Einwohnerzahl leicht auf 216.000 gesteigert werden. Die Werften hielten sich u.a. mit dem Bau von Fischdampfern und Eisenbahntriebwagen relativ gut über Wasser, und auch der Handelsumschlag im Kieler Hafen steigerte sich bis 1929 jährlich. Der 1927 einsetzende Aufschwung wurde aber durch die Weltwirtschaftskrise schnell wieder zunichte gemacht, und im Dezember 1932 gab es in Kiel 34.562 Arbeitslose.

Kiel vor dem II. Weltkrieg
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Kiel ebenso schnell "gleichgeschaltet" wie andere Städte. Es setzte eine beispiellose Aufrüstung ein, die zu einer Erweiterung der Werftkapazitäten und zu vielen Neubauten im militärischen, industriellen und zivilen Bereich führte. 1939 hatte Kiel, inklusive der in diesem Jahr erfolgten Eingemeindung von Elmschenhagen, 274.000 Einwohner - ein Zuwachs von fast 60.000 in 16 Jahren. Bis 1942 kamen noch einmal 32.000 hinzu.

Die Kieler Wirtschaft richtete sich komplett auf die Rüstung aus. Der zivile Hafenverkehr stagnierte, der Freihafen in der Wik (heute Scheerhafen) musste wieder an die Marine abgetreten werden, der noch unvollendete Voßbrooker Hafen ging an die Luftwaffe. Howaldt baute U-Boote und wurde 1937 von den staatlichen Deutschen Werken übernommen. Außerhalb des Rüstungssektors gab es in Kiel keinen Industriebetrieb, der überregionale Bedeutung hatte.

Die Olympischen Spiele
1936 fanden die Olympischen Segelwettbewerbe erstmals in Kiel statt. Der Olympiahafen für die Segler aus 25 Nationen war der heutige Sportboothafen Düsternbrook (in Höhe des Yachtclub-Gebäudes) und die Segler wohnten im Olympia-Heim (an der Stelle des Welt-Club-Hauses). Aus Anlass der Spiele wurden das Hindenburgufer verlängert und das Hafengebiet verschönt.

Zum Vergleich: An den Olympischen Segelwettbewerben 1972 nahmen Sportler aus 42 Nationen teil, es wurde ein neuer Hafen mitsamt Olympischem Dorf in Kiel-Schilksee gebaut ('Dorf' ist geschmeichelt, Betonbettenburgen trifft es besser), und Kiel bekam Autobahnanschluss.

Der II. Weltkrieg
Diesmal zahlte Kiel als Reichskriegshafen und Rüstungshochburg einen hohen Preis. Ab Juli 1940 wurde die Stadt von insgesamt 90 Luftangriffen heimgesucht, die 2.600 Todesopfer forderten. 80% der Werftanlagen waren gegen Kriegsende total zerstört, ebenso 35% aller Wohnhäuser (34.000) und 33% der übrigen Gebäude. Weitere 40% der Wohnhäuser und 48% der übrigen Gebäude wiesen schwere Schäden auf. Die Kanalisation funktionierte nicht mehr, Strom-, Gas- und Wasserversorgung waren lückenhaft.

Die Stadt wurde am 7. Mai 1945 kampflos den Briten übergeben. Die Einwohnerzahl betrug Ende 1945 nur noch 157.000, inklusive der 8.500 Heimatvertriebenen, die in Auffanglagern untergebracht waren. Neben den Trümmern prägten Notunterkünfte aus Wellblech und Holzresten das Stadtbild, die zum Teil, z.B. auf dem Prof. Peters-Platz, bis in die frühen 50er Jahre genutzt wurden.

Nachkriegszeit und Wiederaufbau
Die Wiederbelebung der Wirtschaft und die Wiederherstellung 'normaler' Lebensverhältnisse gestaltete sich schwierig. Die Militärregierung untersagte bis 1950 jegliche Nutzung der brachliegenden Werftgelände, lediglich kleine Reparaturaufträge konnten übernommen werden. Nachdem bereits 1946 der Howaldtsche U-Boot-Bunker 'Kilian' gesprengt worden war, folgten weitere Sprengungen von Werftanlagen zwischen 1949 und 1950. Erst danach konnte wieder Schiffbau betrieben werden, was dann nach und nach auch zur Ansiedlung von Zulieferbetrieben führte.

Ab Ende der 50er Jahre kam das 'Wirtschaftswunder' auch nach Kiel. Es manifestierte sich u.a. im Umbau der Holstenstraße zur ersten Fußgängerzone Deutschlands (1959), der Eröffnung des Oslokais 1961 und dem Wiederauf- bzw. Neubau des Schlosses, der im selben Jahr begonnen wurde. Die Einwohnerzahl stieg Mitte der 60er Jahre wieder auf 260.000, was vermehrten Wohnungsbau erforderte. Im 1963 eingemeindeten Mettenhof, bis dahin ein Gutshof, entstand eine Trabantenstadt mit 5.000 Wohnungen, die im Volksmund 'Manhattanhof' genannt wird.

Beim Wiederaufbau wurde insgesamt mehr Wert auf Funktionalität als auf Historie gelegt. An die Rekonstruktion zerstörter Gebäude verschwendete man kaum einen Gedanken, sondern baute lieber neu, in den späten 60er und in den 70er Jahren vorzugsweise in grauem Beton. Die Straßenführung wurde zukünftigen Verkehrserfordernissen angepasst (so weit man diese voraussehen konnte). Lauschige Winkel und romantische Gassen sucht man daher in der Innenstadt vergeblich.

Kiel heute
Eine schöne Stadt? Nicht unbedingt. In der Innenstadt prägen die Bausünden der 60er, 70er (ZOB, Holstenstraße, Alter Markt), 90er Jahre (Cap) und aus diesem Jahrtausend (der halb vollendete Schmid-Turm) das Stadtbild. Dem stehen nur wenige Highlights wie der 'Multimedia-Campus' am Hörnende oder die umgebaute Ostseehalle gegenüber. Weitere Scheusslichkeiten sind in Planung (Hotel an der Ostseehalle u.a.). Drumherum gibt es aber auch viele schöne Ecken, z.B. am Südfriedhof, rund um den Blücherplatz und den Schrevenpark, in Düsternbrook und selbst im etwas herunter gekommenen Gaarden. Und das Umland ist eh wunderschön.

Eine blühende Stadt? Eher nein. Blüten treiben derzeit nur die Blumen im Neuen Botanischen Garten und die Diätenträume der Landtagsabgeordneten im brandneuen Plenarsaal, der Kieler Wirtschaft geht es dagegen schlecht. 2004 wird Howaldt 750 Arbeitsplätze abbauen, Heidelberger Druck verlegt dieses Jahr ein Werk mit fast 700 Mitarbeitern in die USA, comdirect hat seine Zweigstelle mit 250 Mitarbeitern schon 2002 geschlossen. Dass der Bootshafen endlich saniert und zu einem schmucken Treffpunkt ausgebaut wird, wird die Betroffenen und die restlichen 230.000 Einwohner kaum trösten können.

 

Quelle von Fotos und Texten: Kiel einst und heute – kiel.ingowelt.de

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