

|
1907 war das entscheidende Jahr für den Bau der Titanic. Im Sommer lud der Präsident der Belfaster Werft Harland & Wolff, Lord James Pirrie, den Direktor (Präsidenten) der Reederei White Star Line, J. Bruce Ismay, zum Dinner ein. An einem lauen Londoner Sommerabend fuhr eine Daimler Limousine vor einem imposanten weißen Gebäude vor. Es war das Downshire House, der Wohnsitz von Lord und Lady Pirrie. Hier wurden Gäste noch mit aller Förmlichkeit empfangen. Jedem, der dieses Haus zum ersten Mal betrat, sollte so unmissverständlich klar werden, dass hier eine angesehene Persönlichkeit lebte. Acht Dorische Säulen schmückten den Vorbau der Fassade. Das Zentrum des oberen Stockwerks war mit einem dreigeteilten Fenster verziert, das von einem Tympanon überschattet wurde. Das Gebäude war unverkennbar neoklassizistisch, ein Architektur-Stil, der zu jener Zeit hochmodern war. Es befand sich in der Chesham Street 27 im vornehmen Stadtteil Belgravia. Nachdem der livrierte Chauffeur die Limousine angehalten hatte, beeilte er sich, seinen berühmten Fahrgästen die Tür zu öffnen: Mr. und Mrs. Ismay, die beide elegante Abendgarderobe trugen. J. Bruce und seine Frau Florence waren sich bewusst, dass es sich hierbei nicht um eine gewöhnliche Einladung zum Dinner handelte, sondern dass sich etwas Wichtiges im Verlaufe dieses Abends ereignen würde. Die Pirries verrieten ihr Hoffnung und Sorge mit jeder Geste. Daher verließen die beiden Damen in gegenseitigem Einvernehmen die Männer sofort nach dem Dinner, damit diese eine Zigarre rauchen und ein Glas Brandy genießen konnten - wie es Sitte war. Tatsächlich wollten die beiden Männer über Geschäftliches reden. Es ging dabei um ein außergewöhnliches Projekt, das Lord James seit längerem im Sinn, aber bis dahin geheim gehalten hatte. Nun wollte er es seinem Freund Bruce enthüllen. Am nächsten Tag berief Ismay ein Komitee für das neue Projekt, dem auch sein Schwager Alexander Carlisle und sein Neffe Thomas Andrews angehörten. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Werft von Harland & Wolff vier Liner für die Transatlantik Route der White Star Line gebaut: die Celtic, die Cedric, die Baltic und die Adriatic. Alexander Carlisle, der das Amt des Vorsitzenden des Vorstandsgremiums bei Harland & Wolff bekleidete, war dabei der Schiffsarchitekt und auch der Verantwortliche des Werftteams gewesen. Sein Aufgabenbereich beschränke sich nicht nur auf die Koordination von Projekten, sondern beinhaltete auch Teilgebiete wie Schiffsausrüstung, Innenausstattungen und Sicherheitsdienste. Als es darum ging, Entscheidungen über Qualität und Design zu treffen, die das von Ismay und Pirrie geplante Schiff charakterisieren würden, konnte er auf seine große Erfahrung beim Bau von Linern und Luxusjachten zurückgreifen. Die Oceanic diente als Modell für den Entwurf des Rumpfs (1899 vom Stapel gelaufen, wurde dieser transatlantische Liner bald berühmt, da er noch größer war als die 40 Jahre zuvor gebaute Great Eastern). So ließ sich Grandeur mit Schlichtheit verbinden. Das geplante Schiff sollte riesig, aber in seiner Linienführung klar und elegant sein. |
