Domestikation/Zähmung
Grundsätzlich besteht bei vielen Tierfreunden der Wunsch, einen zahmen, verschmusten und umgänglichen Hausgenossen zu besitzen. Dieses konservative Denken ist verständlich und nachvollziehbar, jedoch nicht immer gewährleistet dies die Erfüllung der jeweils artspezifischen Erfordernisse. Klar ist, dass bei der privaten Haltung unter „Wohnbedingungen" ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Tier und Halter vorteilhaft und notwendig ist.
Das Zähmen ist häufig eine zweckbedingte Art, sich einem „Kindchen- oder Babyschema" zu bedienen, d. h., wir beurteilen sowohl bei Menschenkindern als auch bei jungen Tieren eine ganz bestimmte Zusammenstellung von Merkmalen mit spezifischen Gefühlen und Affekten. (Literatur: Konrad Lorenz: Die angeborenen Formen möglicher Erfahrungen, 1943) Lebewesen mit diesen Merkmalen werden häufig als „süß" oder „niedlich" bezeichnet. Daraus resultierend ordnen wir dann unsere Pflege- und Betreuungsreaktionen zu. Die Zielsetzung des angestrebten Erfolges (= ein zahmes Tier) orientiert sich vorwiegend an menschlichen Bedürfnissen. Allgemein könnte man auch von „egoistischen" Motiven reden. Oftmals werden den Tieren bei der Zähmung sogar naturgegebene Entwicklungsabläufe vorenthalten oder weggenommen, ohne ihnen dafür einen geeigneten „Ersatz" zu bieten. Das kann unter Umständen bei einigen Tierarten in der gesamten Entwicklung zu einem determinierenden und irreversiblen Eingriff führen.
Domestikation und Zähmung beschreibt einen Prozess der Abwandlung von der Wildart zum Haustier durch Einflussnahme des Menschen. Die Begriffe von Domestikation und Zähmung werden häufig gleichgestellt. In beiden Fällen stellt sich eine Zahmheit gegenüber dem Menschen ein.
Was sind die Ursachen von Zahmheit? Durch Prägungsvorgänge im Tier kann es zahm werden. Die Aufzucht durch den Menschen, häufiger Kontakt oder die Akzeptanz des Menschen „als Mutter" führen zu der benannten Zahmheit. Die Zähmung ist sozusagen ein „Lernvorgang". Die meisten Tiere lernen mit der Zeit, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht; die „Fluchtdistanz" wird abgebaut. Dieser Lernvorgang bezieht sich jeweils auf Einzeltiere. Häufig zeigt sich aber eine Verhaltensweise dann als „Nachahmung" von der ganzen Gruppe. Bei einigen Haustieren kann auch die Domestikation selbst die Ursache für die Zahmheit des Tieres sein, sie sind „genetisch zahm". Letzteres ist auf unsere Persischen Rennmäuse nicht zutreffend. In freier Natur, in ihrem natürlichen Lebensraum, zählt meist nur der Kampf ums tägliche Überleben. Davon geprägt ist auch ihr Verhalten. Zu unterscheiden ist also Zahmheit und Domestikation als Lernvorgang und ererbtes Verhalten.
Wie ist das nun bei unseren Persischen Rennmäusen?
Je nach dem, in wie vielen Generationen die Nachkommen der Persischen Rennmaus sich schon in Menschenhand befinden, ist ihr Verhalten ausgeprägt. Es kann also durchaus möglich sein, dass das ein oder andere Tier von Wildfängen abstammt oder auch schon länger in Menschenhand ist. Dann wurden sie bereits teilweise den menschlichen Bedingungen angepasst und ihrer natürlichen Lebensbedingungen entwöhnt, was Veränderungen in Körpergestalt und Verhalten zur Folge hat. So kommt es auch, dass einige Tiere relativ groß sind, während Wildfänge von Körpergröße und Gewicht kleiner und leichter sind. Auch ist zu verzeichnen, dass Tiere, die schon länger in Menschenhand sind, von Generation zu Generation bedingt als zahmer bezeichnet werden, allerdings auch weitgehend natürliche Eigenschaften, wie ausgesprochenes Nagen, verloren haben. Viele Tiere haben nur noch eine Lebenserwartung von 2 - 3 Jahren, wenn überhaupt, da sie ständigem Stress durch Freigang und Zwangsbeschäftigung durch den Menschen ausgesetzt werden.
Wird jedoch der Lebensraum den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere weitgehend angepasst und nachgestaltet und nicht zur Steigerung des Wertes, des Nutzens oder der Neuentwicklung anderer Farben gezüchtet, sind sie eher Wildtiere, die allenfalls an den Menschen gewöhnt oder „bedingt" gezähmt wurden. Die Begriffsbestimmung „Haustier" trifft dann eher weniger zu.
Nach dem Erwerb der Rennmäuse als Jungtier ist es relativ einfach, die Mäuse zumindest „handzahm" zu bekommen, die Tiere zeigen nur wenig Scheu, sind relativ neugierig und in der Regel dem Menschen „zugetan". Aber ist das Ziel, ein unproblematisches, zahmes Tier zu haben damit erreicht? Für die Zeitspanne bis zur Geschlechtsreife trifft das weitgehend zu, wenn sich der Halter entsprechend häufig mit den Tieren beschäftigt. Spätestens aber nach dieser Zeit durchmachen die meisten Persischen Rennmäuse einen Wandel. Es kann zu Disharmonien zwischen Halter und Maus kommen, die Mäuse zeigen zum Teil etwas aggressives Verhalten, vor allem Weibchen. Dies zeigt sich in der Verteidigung des eigenen Reviers (Käfig). So können sie schon kräftig zwicken oder beißen. Auch die Reinlichkeit entspricht dann nicht mehr unbedingt den Vorstellungen des Halters. Als Kuschel- und Streicheltier keinesfalls geeignet. Sie haben ihren eigenen kleinen „Dickkopf". Persische Rennmäuse gewöhnen sich jedoch schnell an „Reizsituationen", stehen sofort bereit, wenn es Futter gibt, sind hellwach, wenn „Tüten knistern" und wollen raus, wenn eine Person sich nähert – sofern sie daran gewöhnt sind. Sie sind jedoch nicht auf eine bestimmte Person fixiert. Sie lassen sich nicht „beim Namen rufen".
Wir halten zwei getrennte Gruppen, während die Weibchengruppe aufgeweckt ist und gerne randaliert und nagt, sind sie insgesamt dem Menschen mehr zugetan als unsere Männchen/Weibchengruppe. Letztere ist wesentlich scheuer, nur das Weibchen beißt, während das Männchen auch Umräumereien im Käfig duldet. Die Weibchengruppe verteidigt allerdings bedingungslos ihr Revier, indem sie beißen, sobald man in den Käfig fasst - wie bei den meisten Haltern auch. Öffnet man die Türe, stürmen sie raus - ohne zu beißen.
Sie sind hochentwickelte Tiere mit einer komplexen Verhaltenspalette. Wer sich ernsthaft und nicht nur – wie teilweise zu beobachten – aus einer Laune heraus für die Haltung von Persischen Rennmäusen interessiert, sollte sich über Verhalten, Unterbringung, Klima und Zeitaufwand vorher umfassend informieren. Persische Rennmäuse benötigen Geduld und Einfühlungsvermögen. Die Mühe wird dadurch belohnt, dass sie keine erzwungene Vertrautheit (Zahmheit) aufweisen, sondern aus freien Stücken über einen langen Zeitraum dem Menschen vertrauen und ihre artspezifischen Merkmale erhalten bleiben. Dazu gehört auch, notwendige Eingriffe in den Lebensraum, z. B. Reinigung, vorsichtig zu gestalten und auf niedrigstmöglichem Level zu halten.
![]()
-
Sämtliche Inhalte dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt! Es ist nicht gestattet, Inhalte und Textpassagen dieser Seite zu kopieren, zu vervielfältigen oder auf anderen Seiten zu veröffentlichen!
|
|
Kostenlose Homepage von BeepworldVerantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!