Santideva
Eintritt in das Leben zur Erleuchtung
Eintritt in das Leben zur Erleuchtung: Poesie und Lehre des Mahayana-
Buddhismus=(Bodhicaryavatara)/Santideva.
Santideva, nach der Legende ein Königssohn aus Südindien, lebte in der
ersten Hälfte des achten Jahrhunderts n. Ch. und wirkte als Mönch in einer
der großen Bildungsstätten Indiens, im Großkloster von Nalanda, südlich des
heutigen Patna. Er ist Verfasser zweier erhaltener Werke, des
Siksasamuccaya (Sammlung der Regeln) und des Bodhi caryavatara. Beide
Werke zeugen von seinem starke Interesse an der buddhistischen
Lebensführung und der Ethik des Bodhisattva. Während aber der
Siksasamuccaya diese Praxis in wenigen Versen knapp zusammenfasst und
vor allem durch die kommentariellen Ergänzungen berühmt ist, die eine Fülle
von Zitaten aus teilweise verlorengegangenen Lehrtexten des Mahayana
überliefern, ist der Bodhicaryavatara nicht nur ein Lehrtext, sondern darüber
hinaus ein Werk von hohem literarischen Rang. Bei aller Verbundenheit mit
den Begriffen, Themen und Bildern seiner Tradition ist der oft berühren
persönliche Ausdruck des Dichters unverkennbar. Wohl darum hat sein
Lehrgedicht sofort große Anerkennung gefunden. Es wurde viele Male
kommentiert allein zehn alte Kommentare sind überliefert, wenn auch fast
alle nur noch in tibetischer Übersetzung-, und es ist als Lehrtext in der
tibetischen Tradition ständig in Gebrauch geblieben. Einige der schönsten
Verse etwa aus dem Anfang des zweiten Kapitels sind in die buddhistische
Ritualliteratur übernommen worden und werden von den Tibetern bis auf den
heutigen Tag rezitiert.
Lob des Erleuchtungsdenkens Gegenstand und Zweck
1. Nach ehrfürchtiger Verneigung vor den Buddhas mit ihren geistigen
Söhnen und dem Leib der Lehre und vor allen Lobwürdigen will ich der
Überlieferung gemäß kurz beschreiben, wie man die Disziplin der
Buddhasöhne aufnimmt.
2. Weil ich hier nichts Neues zu sagen habe und auch in der Komposition
nicht geschickt bin, und mir daher gar nicht einbilde, dass es anderen nützt,
habe ich dieses Werk verfasst, um meinen eigenen Geist zu durchtränken.
3. Dadurch verstärkt sich zunächst bei mir die Kraft der geistigen Klarheit,
die das Gute hervorbringt; sollte es dann auch ein anderer, wesensgleicher
betrachten, hat es auch daher einen Zweck.
Bedeutung des Erleuchtungsdenkens
4. Das überaus schwer zu erlangende Glück der günstigen Umstände fordert,
wenn es erreicht ist, das Ziel der Menschen. wenn man so einen Fall nicht als
heilbringend ansieht, wie sollte sich dieses Zusammentreffen je wieder
einstellen?
5. Wie der Blitz in der Nacht, wenn Wolkenmassen sie verfinstern, für einen
Augenblick erleuchtet, so könnte die Welt durch die Hilfe der Buddhas
einmal für einen Augenblick die heilsamen Werke erkennen.
6. Daher ist das Gute stets schwach, groß dagegen die Kraft des Bösen und
schrecklich, welches andere Gute als das Denken an die vollständige
Erleuchtung könnte sie überwinden?
7. Eben dies ist das Heilsame, das die großen Weisen in ihrer viele Zeitalter
langen Betrachtung gefunden haben, weil das mühelos voll entwickelte
Glück [der Buddhaschaft] die unermessliche Flut der Wesen [aus dem Ozean
des Leidens] heraustreten lässt.
8. Wer die hundertfachen Leiden des Daseins überwinden will, wer von den
Wesen die Übel fortnehmen und die vielhundertfachen Seligkeiten genießen
will, darf niemals das Erleuchtungsdenken [bodhicitta] aufgeben.
9. Der Elende, der an den Kreislauf des Daseins gefesselt ist, heißt
augenblicklich ein Buddhasohn, sobald das Erleuchtungsdenken in ihm
entstanden ist und ist verehrungswürdig in den Welten der Menschen und
Götter.
10. Wenn es das unreine Bildwerk des Körpers ergriffen hat, macht es dieses
zum unschätzbaren Bildwerk eines Buddha-Juwels, Greift also ganz fest nach
diesem durch und durch dringenden Heilselixier, das man
Erleuchtungsdenken nennt!
11. Ihr, die ihr umherzieht auf den Marktplätzen der Existenzen, greift ganz
fest nach dem Juwel des Erleuchtungsdenkens, das die unermesslich klugen
einzigen Karawanenführer der Welt für überaus wertvoll geschätzt haben.
12. Jedes andere Gute stirbt ab wie der Bananenbaum, wenn es seine Frucht
getragen hat; der Baum des Erleuchtungsdenkens aber trägt immer Frucht,
stirbt nicht ab, ist wahrlich fruchtbar,
13. Augenblicklich entkommt man in seinem Schutz, hat man auch
schrecklichste Sünden begangen, wie man großen Gefahren im Schutz eines
Helden entrinnt. Warum nehmen die unwissenden Wesen nicht bei ihm ihre
Zuflucht?
14. Augenblicklich verbrennt es vollständig die großen Sünden, gleich dem
Feuer zur Endzeit der Zeitalter. Seine unermesslichen Vorzüge hat der weise
Maitreyanatha dem Sudhana geschildert.
Zwei Arten des Erleuchtungsdenkens
15. Dieses Erleuchtungsdenken ist kurz als zweifach an zusehen: als die
geistige Haltung des Vorsatzes [pranidhi] zur Erleuchtung und als Streben
[prasthana] nach der Erleuchtung.
16. Wie man den Unterschied zwischen einem, der abreisen will, und einem,
der auf dem Wege ist, begreift, so sollen die Verständigen den Unterschied
zwischen diesen beiden [Arten des Erleuchtungsdenkens] entsprechend
erkennen.
17. Die geistige Haltung des Vorsatzes zur Erleuchtung trägt auch im
Kreislauf [der Existenzen] große Frucht, aber nicht den ununterbrochenen
Strom von Verdienst wie die Haltung des Strebens.
Lob des Erleuchtungsdenkens
18. -19. Sobald einer dieses Denken unverwandten Geistes für die Erlösung
der ganzen Wesenwelt aufnimmt, schwellen ihm, selbst in Schlaf und
häufiger Zerstreuung, die ununterbrochenen Ströme des Verdienstes
äthergleich an.
20.Das hat der Buddha selbst zum Heil derer, die dem Kleinen Fahrzeug
ergeben sind, in der Frage der »Frage der Subahu« dargelegt und begründet.
21. -22. Unermessliches Verdienst wird dem Wohlmeinenden zuteil, der
denkt »Ich will die Kopfschmerzen der Wesen beseitigen«, um wie viel mehr
dem, der jeden einzelnen vom beispiellosen Schmerz befreien und jedem
einzelnen Wesen unermessliche Vorzüge verschaffen will.
23. Wessen Mutter und wessen Vater wird wohl ein solches Heilsverlangen
haben? Und welche Gottheit, welcher Seher, welcher Brahmane?
24. Niemals, selbst im Traum nicht, haben diese Wesen auch zu eigenem
Wohle ein solches Verlangen gehabt. Warum soll es ihnen zum Wohle
anderer erwachsen?
25. Wie entsteht dieses einzigartige, unvergleichliche Wesensjuwel, das ein
Verlangen nach dem Wohle anderer hat, wie es bei anderen nicht einmal zum
Wohle eigenen Wohle aufkommt?
26. Wie soll man das Verdienst dieses Gedankenjuwels ermessen, das der
Same der Freuden der Welt und das Heilkraut für ihre Leiden ist?
27. Der bloße Wunsch nach dem Heil aller Wesen ist verdienstvoller als die
Verehrung der Buddhas, um wie viel mehr die Bemühung um das
vollkommene Glück aller Wesen.
28. Die den Leiden entfliehen wollen, eilen bloß auf das Leiden zu. Schon
durch den Wunsch nach Glück zerstören sie, Feinden gleich, töricht ihr
Glück.
29. -30. Woher sollte ein guter kommen, der gleich ihm den nach Glück
gierenden, vielfach gequältenWesen Sättigung an jedem Glück verschafft
und alle Schmerzen lindert, ja die Verblendung beseitigt? Woher ein solcher
Freund? Woher ein solches Verdienst?
31. Man lobt schon den, der ein Verdienst mit einem anderen vergilt, was
aber soll man von dem Bodhisattva sagen, der gut ist ohne Antrieb?
32. -33. Die Menschen verehren einen, der wenigen Leuten ein Liebesmahl
bietet, als einen, der Gutes tut, weil er demütigend für einen Augenblick ein
schlechtes Mahl bloß hingegeben und ihnen für einen halben Tag das Leben
verlängert hat. Um wie viel mehr ist den zu verehren angemessen der einer
grenzenlosen Zahl von Wesen für unbegrenzte Zeit bis zum Ende der
äthergleich unendlichen Wesen unaufhörlich Erfüllung aller Wünsche
gewährt?
34. Und wer gegen einen solchen Gastgeber, einen Sohn des Buddha, in
seinem Herzen Böses plant, der wird für so viele Zeitalter wie es der Zahl der
Momente des Entstehens des bösen Gedankens entspricht, in den Höllen
bleiben. So hat der Herr gesagt.
35. Wessen Sinn ihm dann aber gläubig geneigt ist, dem dürfte eine Frucht
erwachsen, die größer ist als die frühere Frucht des Bösen, denn Böses gegen
die Buddhasöhne ist nur unter Anstrengung möglich, mühelos dagegen das
Gute.
36. Ihre Körper verehre ich, in denen dieses beste Gedankenjuwel entstanden
ist, die zu kränken selbst Glück zur Folge hat. Zu diesen Fundgruben des
Glücks nehme ich meine Zuflucht.
Sündenbekenntnis
Bodhisattvaritual
1. Lobpreisung
1. Um dieses Gedankenjuwel zu erlangen, verehre ich in der richtigen Weise
die Buddhas, das makellose Juwel der wahren Lehre und die Buddhasöhne,
die Ozeane an Vorzügen.
2. Opferung
2. -6. Alle Blumen und Früchte und Kräuterarten und alle klaren und
bezaubernden Edelsteine und Gewässer, die Berge aus Edelstein, die der
unterscheidenden Erkenntnis günstigen Waldplätze, die durch ihren Schmuck
von schönen Blüten leuchtenden Lianen, und die Bäume, deren Äste durch
herrliche Früchte gebeugt sind, und die Wohlgerüche und Düfte in den
Welten der Götter und anderer, dieWunschbäume und die Bäume aus
Edelstein, die lotusgeschmückten Teiche, überaus bezaubernd durch das Lied
ihrer Wildgänse, die wilden Pflanzen und die angebauten Pflanzen und den
ganzen anderen Schmuck für die zu Verehrenden, den die Weite des Äthers
umfasst, und all das, was niemandem gehört, umfasse ich im Geiste und
opfere sie den Königweisen mit ihren Söhnen. Mögen sie es annehmen, sie,
denen die besten Opfergaben gebühren und die in ihrem großen Mitleid mit
mir barmherzig sind!
7. Ohne Verdienste bin ich sehr arm; anderes habe ich nicht für das Opfer.
Mögen sie daher die Herren, die stets an das Wohl der anderen denken, kraft
ihrer Fähigkeit zu meinem Wohl annehmen!
8. Ich gebe mich den Siegern über das Leid und ihren Söhnen ganz und gar
hin. Nehmt Besitz von mir, ihr erhabenen Wesen! Aus liebender Hingabe
werde ich euer Diener.
9. Von Euch in Besitz genommen bin ich im Dasein ohne Furcht. Zum Heile
der Wesen bin ich tätig. Das Böse von früher lasse ich hinter mir und andres
Böse wirke ich nicht mehr.
10. -11. In wohlriechenden Badehäusern, die mit von Edelsteinen
leuchtenden Säulen bezaubern, mit strahlenden perlenbesetzten Baldachinen
und mit Fußböden von klaren und leuchtenden Kristallen, bereite ich den
Buddhas und ihren Söhnen mit vielen Edelsteinkrügen voll angenehmer
Gerüche, Wasser und Blüten ein Bad mit Liedern und Instrumenten.
12. Und mit duftenden, makellosen und unvergleichlichen Tüchern reibe ich
ihren Körper ab. Dann reiche ich ihnen auserlesene, schöngefärbte und
wohlparfümierte Gewänder.
13. Mit himmlischen, weichen, feinen, bunt glänzenden Gewändern und mit
auserlesenem Schmuck ziere ich Samantabhadra, Ajita, Manjughosa,
Lokesvara und die anderen Bodhisattvas.
14. Mit den besten Parfüms, deren Duft sich in alle dreitausend Welten
ausbreitet, salbe ich die Körper aller Königsweisen, die funkeln wie
wohlgeläutertes, wohlpoliertes und wohlgewaschenes Gold.
15. Mit allen wohlduftenden, entzückenden Blüten wie denen des
Korallenbaums, des Blaulotus und des Jasmin verehre ich die
verehrungswürdigen Königweisen und mit herzerfreuend gewundenen
Kränzen.
16. Ich räuchere sie mit Wolken und Rauch, berückend mit ihrem schweren,
durchdringendem Duft. Und mit vielerlei weichen und festen Speisen und mit
Getränken bringe ich ihnen Opfer dar.
17. Lampen aus Edelsteinen bringe ich ihnen dar, die in Goldlotussen
aneinandergereiht sind, und auf die parfümbesprengten Fliesen streue ich
mancherlei entzückende Blumen.
18. Ich opfere diesen Liebeswesen zahllose leuchtende Luftpaläste, die mit
hängenden Perlengirlanden verziert und von lieblichen Lobgesängen erfüllt
die Himmelsrichtungen schmücken.
19. Ich überreiche den großen Weisen prachtvolle hohe perlenbesetzte
Edelsteinsonnenschirme mit eleganten goldenen Stöcken.
20. Mögen sich fortan die herzerfreuenden Wolken des Opfers erheben und
die alle Wesen beglückenden Wolken der Musik und der Chöre!
21. Und möge auf allen Juwelen der wahren Lehre, auf die Schreine und auf
die Bildwerke ein Regen von Blüten und Edelsteinen und anderen
Kostbarkeiten fallen!
22. Wie Manjugosha und die anderen Bodhisattvas die Sieger verehren, so
verehre ich auch die beschützenden Buddhas mit ihren Söhnen.
23. Ich preise die Ozeane von Tugenden in Hymnen mit Meeren von
Tonfolgen. Mögen sich die unzähligen Lobeschöre in meinem Sinne erheben!
24. So viele Atome es gibt in allen Buddha-Erden, so oft werfe ich mich
nieder vor den Buddhas aller Zeiten, vor der Lehre und vor den Besten der
Gemeinde.
25. Alle Schreine grüße ich und alle Aufenthaltsorte des Bodhisattva. Ich
verneige mich vor den Verehrungswürdigen Lehrern und Asketen.
3. Zufluchtnahme
26. Ich nehme Zuflucht zum Buddha bis ich das Wesen der Erleuchtung
erlangt habe. Ich nehme Zuflucht zur Lehre und zur Schar der Bodhisattvas.
4. Sündenbekenntnis
27. Den vollständig Erleuchteten in allen Regionen und den vom Großen
Mitleid erfüllten Bodhisattvas verkünde ich mit gefalteten Händen:
28. -29. Alle Sünden, die ich blindes Vieh im anfanglosen Kreislauf oder hier
in diesem Leben begangen oder nur veranlasst habe, alle, die ich aus
Verblendung zu meinem eigenen Schaden gutgeheißen habe, diese
Verbrechen bekenne ich nun von Reue gequält.
30. -31. Alle Vergehen, die ich in Handeln, Reden und Denken aus
Niedertracht gegen die drei Juwelen, gegen Vater und Mutter oder andere
würdige Personen begangen habe, die schrecklichen Sünden, ihr Führer, die
ich, durch Laster verdorbener Sünder, begangen habe, all das bekenne ich.
33. Wie dem entkommen? Beschützt mich schnell! Dass doch ein rascher
Tod mich nicht ereile, bevor meine Sünden getilgt sind!
34. Der Tod fragt nicht danach, was wir getan haben oder nicht getan, und
vernichtet uns durch unsere Vertrauensseligkeit. Starke wie Kranke können
ihm nicht trauen, dem unvermuteten Blitzschlag.
35. Für Angenehmes und Unangenehmes habe ich vielfach gesündigt. Das
habe ich nicht erkannt, dass ich alles aufgeben und fortgehen muss.
36. Die mir unlieb sind, werden nicht mehr sein; der mir lieb ist, wird nicht
mehr sein; ich selbst werde nicht mehr sein; nichts wird mehr sein.
37. Alles, was ich erfahre, wird zur Erinnerung; alles wird wie im Traume
gesehen vergangen sein und nicht wieder gesehen werden.
38. Während ich in dieser Welt weilte, sind zahlreiche Freunde und Feinde
dahingegangen, die Sünden aber, die ich um ihretwillen begangen habe,
stehen schrecklich vor mir.
39. Dass ich wie sie ein Durchreisender bin, habe ich nicht erkannt. Aus
Verblendung, aus Neigung und Hass habe ich vielfach gesündigt.
40. Tag und Nacht nimmt das Leben ohne Unterlass ab und kein Gewinn
stellt sich ein. Warum sollte ich etwa nicht sterben?
41. Zwar liege ich hier auf dem Bett, und meine Verwandten umgeben mich,
all die Schmerzen aber, die in mein Innerstes schneiden, muss ich ganz
alleine ertragen.
42. Wo findet sich ein Verwandter, wo ein Freund, wenn man von Yamas
Boten gepackt ist? Verdienst allein ist dann Rettung, und das habe ich nicht
gepflegt.
43. Aus Hingabe an das unstete Leben habe ich, ohne diese Gefahr zu
erkennen, im Rausch viele Sünden angehäuft, ihr Herren.
44. Selbst dem, den man heute hinführt, um ihm ein Glied abzuhauen,
vertrocknet der Leib, er dürstet, er sieht erbärmlich aus, die Welt sieht er
verkehrt.
45. -46. Wie wird es erst mir ergehen, wenn mich die grausigen Boten des
Yama gegriffen haben, wenn ich von Entsetzen und Fieber verschlungen,
vom Ausfluss meines Kotes besudelt bin, und wenn ich mit angstvollen
Blicken überall Rettung suche? Welcher Gute wird mich aus dieser Gefahr
erretten?
47. Wenn ich die Welt ohne Rettung gefunden habe und wieder in
Verwirrung verfallen bin, was will ich dann tun an diesem Ort großen
Schreckens?
48. Heute noch nehme ich Zuflucht zu den mächtigen Herren der Welt, die
sich bemühen die Welt zu retten und alle Furcht nehmen, die Sieger.
49. Und zur Lehre, die sie erkannt haben, und die die Schrecken des
Kreislaufs beendet, nehme ich Zuflucht von ganzem Herzen, und zur
Bodhisattvaschar.
50. Vor Angst außer mir gebe ich mich hin dem Samantabhadra, und und
auch dem Manhughosa gebe ich von selbst mich hin.
51. Nach Avalokita, dem Herrn von mitleiderfülltem Wesen, heule ich
angstvoll den Schmerzensschrei. Möge er mich Sündigen schützen.
52. Die Rettung suchend heule ich nach dem edlen Akasagarbha und nach
Ksitigarbha von ganzem Herzen, und nach allen anderen, die von Großem
Mitleid sind.
53. Ich verneige mich vor dem Träger des Vajra, bei dessen Anblick die
Bösen, die Boten des Yama und andere entsetzt in die vier
Himmelsrichtungen fliehen.
54. Eure Gebote habe ich übertreten; jetzt sehe ich die Gefahr und nehme
angstvoll Zuflucht zu Euch. Macht der Gefahr ein Ende!
56. Selbst in der Angst vor einer vorübergehenden Krankheit wird man das
Wort des Arztes nicht übertreten, um wie viel weniger, wenn einen die
vierhundertvier Krankheiten gepackt haben, von denen eine einzige genügt,
dass alle Menschen in Jambudvipa zugrundegehen, und gegen die sich in
allen Himmelsrichtungen kein Heilmittel findet.
57. Das Wort des allwissenden, alle Schmerzen behebenden Arztes dazu
übertrete ich. Schmach über mich in meiner abgründigen Verblendung.
58. Auch an anderen Abgründen stehe ich mit übergroßer Vorsicht, um wie
viel mehr an jenem lange währenden Abgrund von Tausenden von Meilen.
59. Heute wird der Tod schon nicht kommen! Dieses Behagen kommt mir
nicht zu. Notwendig wird die Stunde nahen, da ich nicht mehr sein werde.
60. Wer hat mir gegeben furchtlos zu sein, oder wie werde ich entrinnen?
Notwendig werde ich nicht mehr sein: Warum bleibt mein Geist ruhig?
61. Welcher Gehalt ist mir geblieben von dem, was ich früher genossen und
was nun vergangen ist, dem ich so zugetan war, dass ich das Wort der
Meister missachtet habe?
62. Diese Welt der Lebenden, die Verwandten und die Freunde werde ich
verlassen und allein irgendwohin gehen. Was nützen mir dann alle Freunde
und Feinde?
63. Dieser Gedanke steht mir dann Tag und Nacht zu: Aus der Sünde folgt
notwendig Leiden. Wie kann ich ihr entrinnen?
64. -65. Alle Sünden, die ich verblendeter Narr angehäuft habe, alles der
Natur nach Anstößige, all das bekenne ich vor den Herren und werfe mich
dabei mit gefalteten Händen voll Angst vor dem Leiden wieder und wieder
zu ihren Füßen.
66. Mögen die Führer meine Verfehlung wie sie ist erkennen! Sie ist
verwerflich, ihr Herren. Ich will sie nicht wieder begehen
Aufnahme des Erleuchtungsdenkens
5. Freudige Zustimmung zum Guten
1. An dem Guten finde ich mit Freuden Gefallen, das von all den Wesen
vollbracht wird und durch das die Leiden der schlechten Schicksale zu Ende
kommen. Mögen doch die Bedrückten glücklich sein!
2. An der Erlösung der Geschöpfe aus dem Leid des Kreislaufs finde ich
Gefallen. Ich finde Gefallen an der Bodhidattvanatur und der Buddhanatur
der Erretter.
3. Ich finde Gefallen daran, dass die Lehrmeister wie Ozeane tief und stetig
den Erleuchtungsgedanken hervorbringen und damit das Glück aller Wesen
herbeiführen und allen Wesen das Heil verleihen.
6. Bitte um Belehrung
4. Mit gefalteten Händen flehe ich die vollendeten Buddhas in allen
Weltgegenden an: Mögen sie für die aus Verblendung in das Leid Gestürzten
die Lampe der Lehre entzünden!
7. Bitte um Verweilen
5. Mit gefalteten Händen bitte ich die Sieger, die endgültig zu erlöschen
wünschen: Mögen sie endlose Zeitalter verweilen! Möge diese Welt nicht
blind sein!
8. Opferung des Verdienstes
6.Durch das Gute, das ich durch solches Tun erlangt habe, möge ich fähig
sein, alle Leiden aller Wesen zu stillen.
7. Ein Heilkraut für die Kranken möge ich sein, und ein Arzt möge ich sein
und ein Pfleger für sie, bis die Krankheit nicht wiederkehrt.
8. Durch Schauer von Speise und Trank möge ich die Qual des Hungers und
Durstes löschen. Möge ich während der Hungerperioden der kleinen Zeitalter
Trank und Speise sein.
9. Möge ich den bedürftigen Wesen ein unerschöpflicher Schatz sein. Möge
ich ihnen in mannigfachen Arten der Unterstützung beistehen.
Selbsthingabe
10. Alle meine Existenzen und Güter, das Gute, das ich auf allen drei Wegen
erworben habe, gebe ich ohne Bedenken hin, um das Heil aller Wesen zu
verwirklichen.
11. Das Erlöschen ist das Aufgeben von allem: und mein Geist strebt nach
dem Erlöschen. Wenn ich alles aufgeben soll, ist es besser, es den Wesen
hinzugeben.
12. -13. Allen Lebewesen habe ich diesen Körper nach ihrem belieben
überlassen. Mögen sie mich immerdar schlagen, mögen sie mich schmähen,
mit Staub bedecken, mögen sie spielen mit meinem Leib, ihn verlachen,
verspotten. Ich habe ihnen den Leib übergeben, was kümmert es mich?
14. Mögen sie mich Werke vollbringen lassen, die ihnen Vergnügen bringen;
möge aber niemals einem, der sich mit mir befasst, ein Schaden entstehen.
15. Mögen die, die zornig oder unzufrieden mit mir sind, allezeit gerade
dadurch der Erreichung aller Ziele finden.
16. Die mich verleumden und die mir schaden, die mich verspotten, mögen
sie alle die Erleuchtung erlangen.
17. -18. Möge ich den Schutzlosen ein Beschützer sein, ein Führer den
Reisenden, denen, die zum anderen Ufer wollen, ein Boot, ein Damm, eine
Brücke, eine Lampe für die, die eine Lampe brauchen, ein Bett für die, die
ein Bett brauchen, ein Diener für alle Lebewesen, die einen Diener brauchen.
19. Möge ich den Lebewesen ein Wunschjuwel sein, ein Glückskrug, eine
Zauberformel. ein Wunderheilkraut, ein Wunschbaum und eine Wunschkuh.
20. -21. Wie die Erde und die anderen Elemente in vielfacher Weise den
unermesslich vielen Wesen von Nutzen sind, die den endlosen Äther
bevölkern, so möge auch ich in vielfacher Weise allen Wesen nützen, die der
Äther birgt, solange noch nicht alle erlöst sind.
Hervorbringung des Erleuchtungsdenkens
22. -23. Wie die früheren Buddhas das Erleuchtungsdenken erfasst haben,
und wie sie in der Praxis eines Bodhisattva fortschreitend fest geblieben sind,
so will ich zum Heile der Welt das Erleuchtungsdenken hervorbringen, und
gerade so will ich diese Praktiken der Reihe nach üben.
Preis der Hervorbringung
24. Wenn so der Weise freudig das Erleuchtungsdenken aufgenommen hat,
möge er nun folgendermaßen dieses Denken begeistern, um es für die
Zukunft zu nähren.
25. Nun trägt meine Geburt Frucht, habe ich glücklich die menschliche
Existenz erlangt. Nun bin ich in die Familie der Buddhas geboren. Nun bin
ich ein Buddhasohn.
26. Jetzt muss ich mich wie Leute, die der Sitte ihrer Familie gemäß handeln,
so verhalten, dass der makellosen Buddhafamilie keine Schande entsteht.
27. Wie ein Blinder in Unrathaufen eine Perle finden dürfte, ist mir, ich weiß
nicht wie dieses Erleuchtungsdenken aufgegangen
28. - dies Elixier, das entstanden ist, um den Tod der Wesen zu vernichten,
dieser Schatz, der die Dürftigkeit der Wesen beseitigt,
29. -dies beste Heilmittel, das die Krankheiten der Wesen heilt, der Baum,
der die von Irrfahrten auf den Wegen des Daseins ermatteten Wesen
ausruhen lässt,
30. -die Brücke, offen für alle Reisenden, um die schlechten Existenzen zu
überschreiten, der Mond des Denkens, aufgegangen um die Leidenschaften er
Wesen zur Ruhen zu bringen,
31. -die große Sonne, die das Dunkel des Nichtwissens in der Welt vertreibt,
die frische Butter, die durch das Schlagen der Milch der wahren Lehre
entstanden ist.
32. Diese Mahl des Glücks, das alle herbeigekommenen Wesen zufrieden
stellt, ist nun bereitet für die auf den Wegen des Daseins ziehende Karawanw
der Wesen, die nach dem Glücksgenuss hungert.
33. Wahrlich, vor allen Beschützern sind heute die Wesen von mir zum
Buddhatum eingeladen, und bis zu seiner Erlangung zu irdischem Glück.
Mögen die Götter, die Asuras und die anderen Wesen sich freuen!
Wachsame Sorge um das Erleuchtungsdenken
Verantwortung des Bodhisattva
1. Hat so ein Sohn der Sieger das Erleuchtungsdenken sicher erfasst, möge er
sich stets und unermüdlich bemühen, von der Regel der Boddhisattvas nicht
abzuweichen.
2. Was hastig unternommen, was nicht richtig geprüft wurde, er wird
überlegen, ob er es ausführt oder nicht, selbst wenn er es versprochen hat.
3. Was aber von den Buddhas und ihren Söhnen von großer Einsicht geprüft
wurde und auch von mir selbst nach meinem Vermögen, warum schiebe ich
das auf?
4. Und würde ich nach so einem Versprechen es nicht verwirklichen, hätte
ich sie alle betrogen. Was für ein Los wird mir dann wohl zuteil?
5. "Wer nicht in Wirklichkeit gibt, obwohl er mit dem Verstande zu geben
gedacht hat, der wird ein Gespenst", heißt es, auch wenn es sich bloß um eine
Kleinigkeit handelt.
6. Was für ein schlimmeres Los wird mit wohl zuteil, wenn ich aus ganzem
Herzen laut das höchste Glück verkündet und dann die ganze Welt betrogen
habe?
7. Der Allwissende allein kennt jenen unvorstellbaren Lauf der Werke, der
die Menschen befreit, auch wenn sie das Erleuchtungsdenken aufgeben
haben.
8. Daher wiegt jedes Versagen des Bodhisattva besonders schwer, denn wenn
er versagt, zerstört er das Heil aller Wesen.
9. Selbst wenn ein anderer auch nur für einen Augenblick das Verdienstwerk
des Bodhisattva behindert, werden seine schlechten Schicksale endlos sein,
schadet er doch dem Heile der Wesen.
10. Denn wenn man dem Heil eines einzigen Wesens schadet, geht man
zugrunde; wie erst wenn es sich um das Heil der Wesen handelt, die im
ganzen, endlosen Äther leben?
11. Und so treibt der Bodhisattva durch die Kraft der Verfehlungen und
durch die Kraft des Erleuchtungsdenkens im Kreislauf hin und her und
schiebt seine Ankunft auf den Bodhisattva-Erden hinaus.
12. Daher muss ich sorgfältig tun, wie ich versprochen habe. Wenn ich mich
heute nicht anstrenge, werde ich bald tiefer und tiefer gefallen sein.
Wert des Lebens
13. Zahllose Buddhas auf der Suche nach jeglichem Wesen um es zu retten
sind vorübergegangen; durch meine eigene Schuld hat sich ihre Heilkunst
nicht auf mich gerichtet.
14. Wenn ich auch heute so bleibe wie ich wieder und wieder gewesen bin,
werde ich wohl in die schlechten Schicksale geraten, krank werden und
sterben, verstümmelt, zerrissen werden und anderes.
15. Wann werde ich dann wieder erlangen, was kaum zu erlangen ist: das
Auftreten eines Buddha, den Glauben, das Menschsein und die Fähigkeit
immer wieder Gutes zu tun?
16. Gesundheit und der Tag mit genügend Nahrung und ohne Plage, der
Augenblick des Lebens, sie sind trügerisch, der Körper gleich einer
geborgten Sache.
17. Das Menschsein werde ich sicher nicht wieder erlangen, wenn ich mich
derartig verhalte. Wenn man aber das Menschsein nicht erlangt, trifft einen
nur Böses. Woher sollte das Gute kommen?
18. Wenn ich nicht Gutes tue, obwohl ich zum Guten fähig bin, wie will ich
es dann tun, wenn ich durch die Leiden in schlechten Existenzen verstört bin?
19. Und wenn ich nicht Gutes tue, das Böse aber vermehre, dann ist für
hundert Millionen von Zeitaltern selbst das Wort "Gutes Schicksal" für mich
ausgelöscht.
20. Daher hat der Erhabende gesagt: Das Menschsein zu erlangen ist überaus
schwierig, wie es für eine blinde Schildkröte schwierig ist, ihren Hals durch
die Öffnung eines Joches zu stecken, das im Ozean umhertreibt.
21. Durch eine in einem einzigen Augenblick begangene Sünde weilt einer
für ein Weltzeitalter in der untersten Hölle; wie könnte vom guten Schicksal
noch die Rede sein, wenn man die Sünden seit anfanglosen Zeiten angehäuft
hat?
22. Und er wird auch nicht frei, wenn er bloß diese eine Sünde gebüßt hat,
denn durch sie entsteht, noch während er sie büßt, eine neue Sünde.
23. Es gibt keine größeren Betrug, es gibt keine größere Verblendung, wenn
ich eine solche günstige Gelegenheit erreicht habe und nicht immerfort Gutes
tue.
24. Und wenn ich nach solchen Gedanken weiter in meiner Verblendung
verharre, werde ich wieder mich quälen für lange Zeit, von den Boten des
Yama gehetzt.
25. Lange wird das unerträgliche Feuer der Höllen meinen Körper brennen,
lange wird das Feuer der Reue mein unentschiedenes Denken brennen.
26. Die überaus schwer zu erreichende Stufe des Heils habe ich - ich weiß
nicht wie - erlangt, und, obwohl ich es nun weiß, werde ich wieder in
dieselben Höllen geführt.
Zerstörung der Laster
27. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Wie von Zaubersprüchen
verblendet weiß ich nicht, wer mich blind macht, wer hier in mir steckt.
28. Die Feinde, Gier und Hass, haben weder Hände noch Füße, sind weder
heldenstark noch klug. Wie haben sie mich versklaven können?
29. In mein Denken sich sie eingedrungen und bekämpfen mich aus sicherer
Stellung, und ich zürne ihnen nicht einmal. Schmach über diese
unangebrachte Duldsamkeit.
30. -31. Selbst wenn alle Götter und Menschen meine Feinde wären, könnten
sie doch nicht das Feuer der untersten Hölle zustandebringen, durch dessen
Berührung vom Weltberge Meru selbst nicht einmal mehr Asche zu finden
wäre. Da hinein stoßen mich augenblicklich die mächtigen Feinde, die
Laster.
32. Denn das Leben aller anderen Feinde ist nicht so lang wie das anfanglose
und endlose, überaus lange Leben meiner Feinde, der Laster.
33. Alle anderen Feinde dienen dem Heil, behandelt man sie nach Gebühr.
Wenn man aber die Laster pflegt, werden sie noch viel quälender.
34. Wenn solche unablässigen, langlebigen Feinde, die einzige Ursache für
den Lauf des Unglücksstromes, in meinem Herzen wohnen, wie könnte ich
mich da ohne Ängste am Dasein werden?
35. Wenn diese Wächter im Kerker des Lebens und Henker der Verdammten
in den Höllen meines Geistes, dem Käfig der Gier, sich finden, wie könnte
ich da glücklich werden?
36. Solange daher diese Feinde nicht offenkundig vernichtet sind, werde ich
das Joch der Aufmerksamkeit und Bemühung nicht niederlegen. Stolze
Menschen, die einem Beleidiger zürnen, sei er auch gering, finden keinen
Schlaf, bevor sie ihn nicht vernichtet haben.
37. Rasend in vorderster Schlacht, mit Gewalt die Elenden zu töten, die
unselig sind, von Natur aus zum Sterben bestimmt, zählen sie nicht die
Schmerzen der Schläge von Pfeilen und Speeren und wenden sich nicht
zurück, ohne ihr Ziel erreicht zu haben.
38. Warum sollte gerade ich nun, selbst wegen hunderter Leiden verzweifelt
und elend sein, der ich mich erhoben habe, die natürlichen Feinde, die
ständigen Ursachen allen Leidens zu vernichten.
39. Grundlos tragen jene die vom Feinde geschlagenen Wunden wie
Schmuck an ihren Gliedern. Ich aber habe begonnen, das große Ziel der
Erlösung aller Wesen zu verwirklichen; wie könnten die Leiden mich daran
hindern?
40. Die Fischer, die Parias, die Bauern und andere ertragen, allein auf den
eigenen Unterhalt bedacht, alle Mühsal wie Kälte und Hitze. Warum soll ich
sie nicht zum Heile der Welt ertragen?
41. Die Wesen von den Lastern zu befreien, die der Äther in den zehn
Richtungen birgt, habe ich mich verpflichtet, obwohl ich selbst nicht von den
Lastern frei bin.
42. Ohne mein Maß zu kennen, rede ich also wie ein Verrückter. Daher will
ich immer und unablässig die Vernichtung der Laster betreiben.
43. Daran will ich mich klammern, und voll Feindschaft will ich alle
bekriegen, ausgenommen das eine Laster, das die Vernichtung der Laster
bringt.
44. Sollen ruhig meine Eingeweide hervorquellen, soll doch mein Kopf
fallen! Meinen Feinden den Lastern werde ich niemals mich beugen.
45. Ein Feind, selbst wenn er vertrieben ist, könnte in einem anderen Lande
Asyl finden und von dort mit gesammelten Kräften wieder einfallen; der
Feind Laster aber hat keinen solchen Weg.
46. Wohin könnte er gehen, der in meinem Denken sitzt, wenn er verjagt ist?
Wo könnte er sich aufhalten und an meinem Verderben arbeiten? Allein - ich
strenge mich nicht an, viel mein Geist schwach ist; doch die Elenden Laster
sind nur durch die Schau der Einsicht besiegbar.
47. Die Laster sind nicht in den Sinnesobjekten und nicht in der Schar der
Organe, auch nicht dazwischen, noch anderswo. Wo also sind sie und
erschüttern die ganze Welt? Es ist bloß ein Zaubertrug. Daher mache dich
frei, mein Herz, von Furcht! Bemühe dich um die Einsicht! Warum quälst du
dich ganz ohne Grund in den Höllen?
48. So halte ich es fest und werde mich bemühen, die Bodhisattva-Regeln,
wie sie gelehrt worden sind, zu befolgen. Wie kann einer, der durch
Heilmittel geheilt werden kann gesunden, wenn er von der Vorschrift des
Arztes abweicht?
Behütung der Bewusstheit
Hütung des Denkens
1. Wer die Regel eines Bodhisattva beachten will, muss sorgsam sein Denken
hüten. Wer das flüchtige Denken nicht hütet, kann die Regel nicht beachten.
2. Ungezähmte Elefanten in der Brunst richten hier nicht das Unheil an, das
der entfesselte Elefant Denken in der untersten und den anderen Höllen
anrichtet.
3. Wenn der Elefant Denken mit der Fessel der Wachsamkeit völlig
gebunden ist, dann ist alle Gefahr geschwunden und alles Gute nahe.
4. -5. Tiger, Löwen, Elefanten, Bären, Schlangen und alle Feinde, alle
Höllenwächter, Dakini-Hexen und Raksasa-Dämonen, alle sind sie gebunden,
wenn nur das Denken gebunden ist. Wenn nur das Denken gezähmt ist, sind
alle gezähmt.
6. Denn alle Gefahren und die unermesslichen Leiden gehen allein aus dem
Denken hervor. So hat es der Verkünder der Wahrheit erklärt.
7. Wer hat die Waffen in der Hölle sorgsam gefertigt, wer den glühenden
Eisenboden? Und woher stammen jene die Ehebrecher peinigenden Weiber?
8. Das all das aus dem sündigen Denken entstanden ist, hat der Weise gelehrt.
Deshalb ist in der Dreiwelt nichts so furchterregend wie das Denken.
9. Wenn die Vollkommenheit der Hingabe darin besteht, die Dürftigkeit von
der genommen zu haben, dann hat sie den früheren Errettern gefehlt - die
Welt ist ja heute noch dürftig.
10. Den Gedanken, was man besitzt allen Wesen hinzugeben samt der Frucht
dieser Hingabe, nennt man die Vollkommenheit der Hingabe. Sie ist also
nichts als Denken.
11. Wohin soll ich etwa die Fische bringen, damit ich nicht schuldig werde
an ihrem Tode? Wenn aber der Gedanke des Verzichts gefasst ist, ist das die
Vollkommenheit der Sittlichkeit.
12. Wie viele Böse, deren Zahl äthergleich endlos ist, könnte ich töten?
Wenn aber das zornige Denken getötet ist, sind alle Feinde getötet.
13. Wo könnte ich Leder finden, die ganze Erde zu bedecken? Mit dem Leder
einer Sandale ist die Erde bedeckt.
14. Ich kann ja in dieser Weise die äußeren Dinge nicht meistern; mein
Denken aber könnte ich meistern; was geht es mich dann an, ob die anderen
Dinge gemeistert sind.
15. Selbst zusammen mit Rede und Körper hat ein träges Denken nicht die
Frucht, die ein scharfes ganz allein hat: die Brahmaschaft und anderes.
16. Gebete und alle Askese sind sinnlos, auch wenn sie für lange Zeit geübt
wurden, wenn träges Denken sich auf anderes richtet. Das hat der
Allwissende erklärt.
17. Vergeblich irren jene das Leid zu vernichten, das Glück zu finden im
Weltraum umher, die nicht das subtile Denken in der Betrachtung geübt, das
der Grund für die Gesamtheit der Gegebenheiten ist.
Wachsamkeit und Bewusstheit
18. Deshalb muss ich das durch Wachsamkeit gelenkte Denken von mir
durch Bewusstheit wohl gehütet werden. Was nützen mir die vielen anderen
Übungen ohne die Übung der Hütung des Denken?
19. Wie man in unruhiger Menge sorgsam seine Wunde hütet, so möge man
auch unter Sündern stets die Wunde des Denkens hüten.
20. Aus Angst vor dem bisschen Wundschmerz hüte ich meine Wunde voll
Sorge; warum auch die Wunde des Denkens, aus Angst, von den Bergen in
der Samghata-Hölle zermalmt zu Weden?
21.Denn wenn der Asket ein solches Leben führt, bleibt er auch unter den
Sündern, auch unter den Schönen fest und unerschüttert.
22. Mag mein Besitz zugrundegehen, die Ehrungen, der Leib, das Leben, und
mag alles andere Gute zugrundegehen, niemals aber das Denken!
23. Ich verehre die, die das Denken hüten wollen. Mögt ihr die Wachsamkeit
und die Bewusstheit mit aller Kraft hüten.
24. Wie ein von Krankheit gestörter Mensch zu keiner Tätigkeit fähig ist, so
ist auch ein Denken, dem jene beiden fehlen, zu keiner heilbringenden
Tätigkeit fähig.
25. Wessen Denken ohne Bewusstheit ist, in dessen Wachsamkeit bleiben die
Gegenstände der Überlieferung, der Überlegung und der Betrachtung nicht
erhalten, sowenig wie Wasser in einem gesprungenen Topf.
26. Viele sind gebildet, gläubig und strengen sich an; dennoch besudeln sie
sich mit der Sünde durch die der Unbewusstheit.
27. Die Unbewusstheit, wie ein Dieb, geht aus auf den Raub der
Wachsamkeit, und die von ihr Bestohlenen, mögen sie auch Verdienste
gesammelt haben, gehen einem bösem Geschick entgegen.
28. Die Räuberschar der Laster sucht einen Zutritt. Hat sie den Zutritt
gefunden, dann raubt sie unsere Verdienste und macht uns ein Leben in
künftigem guten Geschick unmöglich.
29. Daher darf man die Wachsamkeit nie von der Tür unseres Denkens
entfernen. Und wenn sie fort ist, soll man sie eingedenk der höllischen
Qualen wiederum aufstellen.
30. Wenn sie mit den Lehrern zusammenleben, stellt sich mühelos bei den
Glücklichen, Hingebungsvollen durch die Unterweisung der Meister, ja selbst
durch die Angst vor ihnen die Wachsamkeit ein.
31. -32. "Auf alles richten die Buddhas und Bodhisattvas ihren unbehinderten
Blick. Alles ist vor ihren Augen. Auch ich stehe vor ihnen". In diesem
Gedanken wird er wohl von Scheu, Achtung und Furcht erfüllt sein. So wird
ihm auch die achtsame Betrachtung des Buddha stets gegeben sein.
33. Wenn die Wachsamkeit an der Türe des Denkens steht, um es zu hüten,
dann kommt die Bewusstheit, und, ist sie gekommen, geht sie nicht wieder
fort.
34. Am Anfang muss zunächst dieses mein Denken stets in dieser Weise
umsorgt sein. Stets muss ich mich so verhalten, als wäre ich ohne die Sinne,
wie Holz:
35.Niemals dürfen die Augen ziellos umherirren. Der Blick sei immer
gesenkt, wie in tiefer Versenkung.
36. Um den Blick auszuruhen, kann wohl der Anfänger zuweilen den
Horizont betrachten, und hat er die bloße Erscheinung eines
Näherkommenden gesehen, mag er ihn ansehen, um ihn zu begrüßen.
37. Auf dem Wege möge er ständig, um die Gefahr zu erkennen, in die vier
Himmelsrichtungen blicken. Er halte und blicke gegen den Horizont und,
rückwärts gewandt, nach hinten.
38. Und er möge nach vorne gehen oder nach hinten zurückkehren, nachdem
er geprüft hat. So soll er verfahren, nachdem er in allen Lagen erkannt hat,
was getan werden muss.
39. Hat er im Wissen "So muss ich den Körper halten" etwas unternommen,
soll er immer wieder nachsehen, wie er seinen Körper hält.
40. Ebenso ist der brünstige Elefant des Denkens mit aller Mühe zu
überwachen, dass er, an den großen Pfosten der Beachtung der religiösen
Pflicht gebunden, sich nicht befreie.
41. "Worauf richtet sich mein Denken?". Derart ist das Denken zu
beobachten, dass es auch nicht einen Augenblick das Joch der Konzentration
abwerfe.
42. Ist der Bodhisattva aber etwa bei Gefahr oder einer Festlichkeit dazu
nicht imstande, mag er nach belieben handeln. Denn es heißt, dass man im
Moment der Hingabe die Sittlichkeit vernachlässigen kann.
43. Was er aber überlegt zu tun begonnen hat, an nichts anderes soll er
denken. Nur dies soll er zunächst zu Ende bringen, mit ganzem Herzen ihm
zugetan.
44. Denn so wird alles gut getan sein, anderenfalls beides nicht, und auch der
Fehler der Unbewusstheit wird sich so wieder entwickeln.
45. Das eifrige Verlangen möge er bekämpfen, das sich einstellt bei den
häufig stattfindenden, vielfältigen Unterhaltungen, bei allen Wunderdingen.
46. Nutzloses Geschehen wie Erdzerbröseln, Grasausrupfen, Linienziehen
möge er ängstlich ohne zu zögern vermeiden, der Regel der Buddhas
eingedenk.
47. Wenn er Lust hat, sich zu bewegen oder auch zu sprechen, soll er sein
Denken zuerst prüfen und ihm Festigkeit geben.
48. Wenn er merkt, dass sein Denken angezogen oder abgestoßen ist, soll er
weder handeln noch sprechen; wie Holz soll er verharren.
49. -50. Wenn das Denken zerstreut oder höhnisch, hochmütig und
eingebildet, besonders roh, falsch und arglistig ist, wenn es sich selbst
hervorhebt oder andere tadelt, verachtungsvoll oder streitsüchtig ist, wie Holz
soll er dann verharren.
51. Mein Denken strebt wieder nach Gewinn, nach Ehren, nach Ruhm, es
strebt nach Anhängerschaft, und es strebt nach Huldigungen. Darum verharre
ich wie Holz.
52. Mein Denken ist gegen den Vorteil anderer gerichtet, ist auf meine
Vorteil bedacht und liebt Gesellschaft, es will reden. Darum verharre ich wie
Holz.
53. Es ist unduldsam, faul, furchtsam, anmaßend und geschwätzig, und des
ist parteiisch für meinen Anhang. Darum verharre ich wie Holz.
54. Wenn er in dieser Weise erkannt hat, dass das Denken befleckt ist oder
von nutzloser Geschäftigkeit, möge der Held es jedes Mal durch einen
entsprechenden Gegensatzes in seine Gewalt bringen.
55. -57. Entschlossen, freundlich, fest, voll Achtung und Ehrfurcht, voll
Scheu und voll Furcht, ruhig, ganz bedacht, die anderen für sich
einzunehmen, unbeirrt durch die widerspruchvollen Wünsche der
Unverständigen, mitleidig im Wissen, dass sich dies bei ihnen durch das
Auftreten der Laster ergibt, stets zu meiner eigenen und der Wesen
Verfügung in untadligen Dingen will ich das Denken wie eine magische
Schöpfung ohne Selbstgefühl halten.
58. Unaufhörlich eingedenk des nach langer Zeit erlangten besten Umstands
menschlicher Existenz will ich in dieser Weise das Denken halten, dass es
unerschütterlich ist wie der Weltberg Sumeru.
der Körper
59. Warum unternimmt andernfalls der tote Leib nichts zu seiner
Verteidigung, wenn er von fleischgierigen Geistern hin und her gezerrt wird.
60. Warum, o mein Geist, hältst du diesen Haufen für dein Selbst und
behütest ihn? Wenn er von dir verschieden ist, was bedeutet dir da sein
Vergehen?
61. Ach du Narr! Eine saubere Holzpuppe hältst du nicht für dich; warum
hütest du diese aus Unrat geschaffene, stinkende Maschine?
62. -63. Hebe zuerst mit deinem Denken diese Hauthülle ab: dann löse mit
dem Messer der Einsicht das Fleisch vom Knochenskelett. Spalte auch die
Knochen und betrachte das Mark im Inneren. Und prüfe selbst, ob da ein
Kern sei.
64. Hast du in dieser Weise sorgsam gesucht und dabei keinen Kern
gefunden, sage nun, warum du noch immer den Körper behütest.
65. Du kannst das Unreine (den fleischlichen Körper) nicht essen, das Blut
nicht trinken, die Eingeweide nicht schlürfen. Was also willst du mit dem
Körper tun?
66. Es ist sicher gut, ihn zum Fraß für Geier und Schakale etwa zu behüten.
Eine Krücke beim Handeln ist doch nur dieser Körper des Menschen.
67. Der mitleidlose Tod wird den Körper, auch wenn du ihn behütest,
rücksichtslos den Geiern geben. Was wirst du dann dagegen tun?
68. Weiß man, dass er nicht bleiben wird, gibt man einem Diener weder
Kleidung noch anderes. Der Körper wird fortgehen, nachdem er gegessen
hat. Warum nimmst du die Kosten auf dich?
69. Deshalb gib ihm seinen Lohn und widme dich nun, o Geist, deinem
eigenen Zweck; denn man gibt einem nicht alles, was er als Lohn verdient
hat.
70. Stell`dir deinen Körper als Schiff vor, weil er geht und kommt, und dann
lass den Körper nach belieben kommen, damit du die Zwecke der Wesen
förderst.
Verhaltensregeln
71. Also, Herr über sein Selbst, möge der Bodhisattva stets lächeln, das
Runzeln der Augenbrauen unterlassen, als erster die Worte der Begrüßung
sprechen, der Welt ein Freund sein.
72. Er stellt nicht Bänken und anderes mit Krachen und hastig nieder, und an
Türen schlage er nicht. Stets gefalle er sich darin, keinen Lärm zu machen.
73. Reiher, Katze und Dieb bewegen sich lautlos und ruhig, und erreichen
das gesetzte Ziel. Ebenso möge sich stets der Asket bewegen.
74. Respektvoll nehme er die Worte jener an, die in der Leitung anderer
geschickt sind und helfen ohne gebeten zu sein. Stets möge er ein Schüler
aller sein.
75. Bei allen Lobesworten drücke er seine Zustimmung aus. Sieht er ein
gutes tun, ermutige er ihn durch Beifall.
76. Über die Vorzüge anderer rede er vertraulich; öffentlich stimme er
freudig zu. Und wird über seine eigenen Tugenden gesprochen, betrachte er
nur, dass die anderen Vorzüge schätzen können.
77. Aller Bemühungen Ziel ist Zufriedenheit; sie ist auch durch Reichtümer
kaum zu erhalten. So will ich das Glück der Zufriedenheit durch die Vorzüge
genießen, die anderen mit Mühen erworben haben.
78. Ich verliere nicht nur nichts in diesem Leben, sondern gewinne großes
Glück für das nächste. Durch Hassgefühle aber gewinne ich in diesem Leben
das Leid der Unzufriedenheit und großes Leid für das nächste.
79. Er rede zuversichtlich und geordnet, klar und herzerfreuend, zu Ohren
gehend und im Mitleid wurzelnd, im Tonfall sanft und gemessen.
80. Er betracht die Wesen stets mit geradem Blick, als wolle er sie mit dem
Auge trinken: Allein auf sie gestützt wird mir dereinst die Buddhaschaft
zuteil.
81. Großes Heil entsteht aus dauerhafter gläubiger Neigung, aus den
Gegensätzen, im Hinblick auf das Feld der Vorzüge und der Wohltäter, und
auf den Leidenden.
82. Stets sei er geschickt, voll Energie und von sich aus tätig. In keiner
Angelegenheit gebe er einem anderen Raum.
83. Die Hingabe und die anderen Vollkommenheiten sind der Reihe nach
jeweils vorzüglicher als die vorhergehenden. Er soll die bessere nicht
zugunsten der geringeren aufgeben, ausgenommen den Damm des
Verhaltens.
84. In dieser Erkenntnis möge er sich stets dem Nutzen der anderen widmen.
Selbst Verbotenes ist dem Mitleidigen gestattet, der den Nutzen erkennt.
85. Er verteile drei Viertel vom Almosen an die Elenden, Verlassenen und
Frommen. Er esse mäßig. Er gebe alles hin, ausgenommen der drei
Gewänder.
86. Seinen Körper, der Lehre der Guten dient, möge er nicht für einen
Niederen quälen; denn nur auf diese Weise dürfte er die Hoffnung der Wesen
rasch erfüllen.
87. Er gebe deshalb sein Leben nicht für einen hin, dessen Veranlagung für
das Mitleid unvollkommen ist, für einen, der von gleicher Veranlagung ist,
soll er es aber opfern. So ist nichts verloren.
88. Er trage die Lehre nicht einem gesunden Hörer vor, der keinen Respekt
hat und einen Turban trägt, der einen Sonnenschirm, Stock oder ein Schwert
hat, und der sein Haupt verhüllt.
89. Tief und erhaben trage er sie nicht Unbegabten, und Frauen nicht ohne
Beisein eines Mannes vor. Die gleiche Achtung erweise er den geringen und
den überlegenen Lehren.
90. In die geringe Lehre führe er nicht den ein, der erhabenen Lehre wert ist;
auch verführe er nicht unter Aufgabe der praktischen Pflicht durch bloßes
Lesen der Sutren und Mantren.
91. Unzulässig ist, öffentlich das Zahnholz wegzuwerfen und auszuspucken.
Verboten ist es auch, in Wasser und auf kultivierte Erde zu urinieren usw.
92. Er esse nicht mit vollem Mund, geräuschvoll und mit offenem Mund. Er
sitze nicht mit hängenden Füßen. Er reibe beide Arme nicht zur gleichen Zeit.
93. Er reise nicht mit der Frau eines anderen, wenn sie allein ist, noch schlafe
oder sitze er mit ihr unter einem Dach. Er sehe sich um und frage, und
vermeide dadurch alles, was den Leuten ein Ärgernis ist.
94. Er gebe keine Aufträge mit einem Finger, sondern höflich mit der ganzen
rechten Hand. Ebenso weise er auch den Weg.
95. Hat er keine große Eile, rufe er niemanden mit hochgestreckten Armen.
Hingegen mag er etwa mit den Fingern schnalzen. Andernfalls wäre er nicht
im Rahmen der Vorschriften.
96. Er lege sich in beliebiger Richtung schlafen in der Art des Herrn auf dem
Bett des Erlöschens, bewusst, rasch sich erhebend, unbedingt bevor man ihn
dazu auffordert.
97. Zahllos sind die geschilderten Praktiken der Bodhisattvas, aber die
Reinigung des Denkens ist die Praktik, die er notwendig zuerst durchführen
möge.
98. Dreimal zur Nacht und dreimal am Tage möge er die drei Bestandteile
des Heilweges in Bewegung setzen. Dadurch tilgt er den Sündenrest, weil er
sich auf das Erleuchtungsdenken und auf die Sieger stützt.
99. In welch Lagen er geraten möge, sei es von sich aus oder auch durch
andere, mit Eifer möge er die Praktiken üben, die diesen Lagen entsprechen.
100. Denn es gibt nichts, das die Söhne der Sieger zum Heile der Wesen
nicht üben müssten, nichts, was nicht verdienstvoll wäre, wenn einer sich so
verhält.
101. Mittelbar oder unmittelbar möge er ausschließlich zum Wohle der
Wesen handeln, und zum Wohle der Wesen allein möge er alles auf die
Erleuchtung hin ausrichten.
102. Und niemals verlasse er, selbst um den Preis seines Lebens, den
geistigen Freund, der die Bodhisattvapraktiken erfüllt und den Sinn des
Großen Fahrzeuges kennt.
Quellen
103. Und aus der "Erlösung des edlen Sambhava" möge er lernen, wie man
sich gegen den Lehrer verhält. Das vom Buddha Verkündete das hier
vorgetragen wurde und das andere das nicht vorgetragen wird soll er aus den
Vorträgen der Sutren erkennen.
104. Die Regeln für die Bodhisattvas findet man in den Mahayana-Sutren. Er
möge sie deshalb rezitieren. Und im "Sutra des Akasagarbha" möge er die
schweren Sünden finden.
105. Auch die "Sammlung der Regeln" muss er notwendig immer wieder
nachsehen, denn in ihr ist die Praktik der Guten ausführlich dargelegt
worden.
106. Oder er möge mit Eifer die "Sammlung der Sutren", eine Darstellung
zusammenfassender Art, nachsehen und das zweite Werk gleichen Namens,
das der ehrwürdige Nagarjuna verfasst hat.
107. Was ihm in diesen Werken verboten und was ihm vorgeschrieben wird,
das möge er in Kenntnis der Regel mit dem Ziele befolgen, den Geist der
Wesen zu behüten.
Bewusstheit
108. Die Definition der Bewusstheit ist kurz gefasst folgende: die ständige
Prüfung sämtlicher körperlichen und geistigen Zustände.
109. Handelnd will ich "lesen"; was soll dagegen das Lesen von Worten
nützen? Wie könnte dem Kranken das bloße Lesen der Heilkunde helfen?
Vollkommenheit der Geduld
Hass
1. All der gute Wandel, die Hingabe, die Verehrung der Buddhas, die man
durch Tausende von Zeitaltern geübt hat, der Hass macht sie zunichte.
2. Es gibt kein Böses gleich dem Hass, es gibt keine Buße gleich der Geduld.
Darum möge er mit ganzer Kraft auf verschiedene Weisen die Geduld üben.
3. Das Denken kommt nicht zur Ruhe, gewinnt nicht die Lust der Freude, es
findet nicht Schlaf nicht Beständigkeit, wenn der Stachel des Hasses im
Herzen sitzt.
4. Den durch seinen Hass unertäglichen Herrn wollen selbst die vernichten,
die er durch Güter und Ehrungen hochhält. und die seinen Schutz gesucht
haben.
5. Selbst die Freunde fürchten ihn. Er gibt, aber man ist ihm nicht nahe. Kurz,
es gibt nichts, das einen Zornigen glücklich machen könnte.
6. Wer den Zorn, den er als Feind erkennt, der diese und andere Leiden
verursacht, mit Kraft vernichtet, der ist hier und in der anderen Welt
glücklich.
7. Weil ich beginne, was mir von Nachteil, und weil ich vereitle, was mir von
Vorteil ist, stellt sich die Unzufriedenheit ein. An dieser Nahrung sättigt sich
der Hass und vernichtet mich.
8. Deshalb will ich die Nahrung dieses Feindes zerstören, denn dieser
Widersacher hat kein anderes Ziel als meine Vernichtung.
Geduld:
1. Ertragen der Leiden
9. Selbst wenn die ärgsten Widrigkeiten mich befallen, darf ich meine
Heiterkeit nicht erschüttern lassen. Denn auch in der Unzufriedenheit liegt
kein Vorteil, das Gute aber geht verloren.
10. Wenn es ein Heilmittel gibt, warum dann unzufrieden sein? Und warum
unzufrieden sein, wenn es kein Heilmittel gibt?
11. Leid, Beleidigung, Schimpf, Verleumdung wollen wir weder für uns,
noch für die, die wir lieben. Beim Feinde wieder ist dies umgekehrt.
12. Das Glück erlangt man nur mit Mühe, das Leid stellt sich ohne weiteres
ein. Doch nur durch Leid entkommen wir den ewigen Existenzen. Darum,
mein Geist, sei fest!
13. Die Anhänger der Göttin Durga im Karnata-Land ertragen die Schmerzen
des Brennens etwa und Schneidens für nichts; warum soll ich da verzagen,
wenn es um die Erlösung geht?
14. Es gibt nichts, was Übung nicht meistern könnte. Durch die Übung im
kleinen Leiden wird daher auch großes Leiden erträglich.
15. Moskitos, Bremsen, Fliegen, Hunger, Durst und andere schmerzhafte
Empfindungen, und Leiden wie heftiger Juckreiz, warum lässt du sie als
nutzlos außer acht?
16. Durch Kälte und Hitze, Regen und Wind, Erschöpfung am Weg,
Krankheit, Gefängnis, Schläge lass dich nicht weich machen; sonst leidest du
noch mehr.
17. -18. Wenn die einen durch den Anblick ihres Blutes noch heftiger
vorwärtsstürmen und andere in Ohnmacht fallen, wenn sie anderer Blut
sehen, dann kommt das von der Festigkeit und von der Schlaffheit ihres
Geistes. Man lasse sich daher vom Leid nicht bezwingen und überwinde den
Schmerz.
19. Auch im Leiden möge der Weise die Gelassenheit seines Geistes nicht
zerrütten, denn mit den Lastern wird gekämpft, und in der Schlacht verletzt
man sich leicht.
20. Die sind die siegreichen Helden, die mit der Brust die Schläge der Feinde
suchend die Gegner besiegen; die anderen bringen nur Tote um.
21. Und ein anderer Vorzug des Leidens ist, dass durch die Erschütterung der
Übermut zerbricht, dass Mitleid mit den Wesen im Kreislauf, Angst vor dem
Bösen und Liebe zum Buddha entsteht.
2. Ertragen von Unrecht
22. Ich hege keinen Zorn gegen die Galle und die anderen Körpersäfte,
obwohl sie große Leiden verursachen. Welchen Sinn hätte der Zorn gegen die
geistbegabten Wesen? Auch sie sind nicht ohne Ursachen zornig.
23. Wie eine Krankheit entsteht, obwohl sie von keinem der Säfte gewollt ist,
so entsteht mit Kraft der Zorn, obwohl er nicht gewollt ist.
24. Der Mensch denkt nicht "ich will zornig sein" und ist zornig aus eigenem
Willen, und auch der Zorn denkt nicht "ich will entstehen" und entsteht.
25. Alle Verfehlungen und die vielerlei bösen Taten entstehen kraft
entsprechenden Ursachen. Nichts ist unabhängig.
26. Es denkt weder der Komplex der Ursachen "ich will hervorbringen" ,
noch das Hervorgebrachte "ich bin hervorgebracht".
27. Was man als Urmaterie annimmt, was man als Selbst ansiegt, das entsteht
nicht, nachdem es gedacht hat "ich will entstehen".
28. Denn vor dem Entstehen existiert es nicht. Wer könnte dann zu entstehen
wünschen? Und weil ein ewiges Selbst sich tätig auf die von der Urmaterie
geschaffenen Objekte bezieht, kann es nicht aufhören zu sein.
29. Ein ewiges und ungeistiges Selbst nämlich ist offensichtlich untätig wie
der Äther. Wie sollte, was sich nicht verändert, tätig sein, selbst wenn es mit
anderen Ursachen verbunden ist?
30. Was bewirkt das für die Tätigkeit, das zur Zeit der Tätigkeit ist, wie es
woher war? Welches der beiden (Selbst und Tätigkeit) veranlasst das andere,
wenn man mit den Worten "die Tätigkeit des Selbst" eine Verbindung
bezeichnet?
31. So hängt alles von einem anderen ab; auch das, wovon es abhängt, ist
abhängig. Wenn die Dinge in dieser Weise ohne eigenen Willen sind wie ein
Zauberwerk, worüber ist man zornig?
32. Wenn einer meint, dass es in dieser Weise auch nicht möglich sei dem
Zorn zu widerstehen und sich fragt, wer wem widerstehe, sagen wir, dass es
möglich ist. Weil es die Abhängigkeit gibt, meinen wir, dass das Leiden zur
Ruhe kommt.
33. Deshalb möge er, selbst wenn er gesehen hat, dass Freund oder Feind
Unrecht tut, gelassen sein im Gedanken, dass entsprechende Ursachen bei
ihm vorhanden sind.
34. Wenn sich aber bei allen Wesen die Erfüllung auf ihren Wunsch hin
einstellte, dann würde niemand leiden, denn zu leiden wünscht niemand.
35. Aus Unbedachtheit peinigen sie sich selbst in den Höllen mit
Dornenlagern und anderen Martern, aus Zorn, aus Lüsternheit nach
unerreichbaren Frauen usw., mit Nahrungsentzug und anderen Höllenstrafen.
36. Einige töten sich selbst; sie hängen sich auf oder stürzen sich in einen
Abgrund, nehmen Gift oder schädliche Stoffe und anderes zu sich und
begehen Verbrechen.
37. Wenn sie so in der Gewalt der Laster sogar ihren teuren Leib zerstören,
wie sollten sie dann den Leib der anderen schonen?
38. Wie ist es möglich, dass man für die, die sinnverwirrt durch die Laster an
ihrem eigenen Verderben arbeiten, nicht nur kein Mitleid hat, sondern dass
sogar Zorn aufkommt?
39. Wenn es der Unmündigen Natur ist, die anderen zu bedrängen, dann steht
mir der Zorn gegen sie wenig zu wie gegen das Feuer, das von Natur brennt.
40. Und wenn dieser Fehler zufällig ist, die Wesen also von Natur
liebenswert sind, auch dann ist der Zorn gegen sie so unberechtigt wie gegen
die Luft, wenn sie von beizendem Rauch erfüllt ist.
41. Wenn man z.B. den Stock, die Hauptursache, übergeht, und zornig ist auf
den, der ihm führt: Auch er wird von Hass getrieben. So gebührt mir eher der
Hass auf den Hass.
42. Auch ich habe früher den Wesen die gleiche Pein bereitet. Daher
geschieht es mir recht, der ich den Wesen Unglück gebracht habe.
43. Seine Waffe und mein Körper, beide sind Ursache des Leidens. Er hat die
Waffe, ich den Körper ergriffen: worüber zürnen?
44. Diese Beule in Form eines Körpers habe ich mir angeschafft, die keinen
Stoß verträgt. Worüber soll ich, blind vor Gier, zornig sein, wenn sie
schmerzt?
45. Das Leid will ich nicht, in meinem Unverstand will ich aber den Grund
für das Leid. Warum zürne ich über anderes, wenn sich das Leid aus eigener
Schuld ergibt?
46. Wie der Schwertblätterwald, wie die Höllenvögel durch meine eigenen
Taten allein verursacht sind, so auch dies gegenwärtige Leid. Worüber zürne
ich also?
47. Angestachelt alleine von meinen eigenen Taten tun die Menschen mir
Unrecht. Sie werden deshalb in die Höllen kommen. Habe nicht ich sie
vernichtet?
48. Um ihretwillen wird mir, wenn ich Geduld übe, große Schuld getilgt; um
meinetwillen aber kommen sie in die Höllen mit lange dauernden Qualen.
49. Ich selbst bin es, der ihnen Unrecht tut, und sie sind mein Wohltäter.
Warum drehst du es um, o Verblendeter, und zürnest?
50. Es wird wohl die Reinheit meines Herzens sein, wenn ich dennoch nicht
in die Höllen komme. Wenn ich mich selbst rette, was geht das diese an?
51. Wenn ich ihnen das Unrecht vergälte, auch dann sind sie nicht gerettet.
Wohl aber ist meine Laufbahn als Bodhisattva gescheitert. Dann sind die
Unglücklichen ganz verloren.
3. Ertragen der Erkenntnis der Wirklichkeit
52. Nichts kann jemals das Denken verletzen, denn es ist ohne Gestalt. Aber
da wir am Körper festhalten, wird unser Geist vom Leiden gequält.
53. Beleidigung, Schimpf und Verleumdung, all das trifft den Körper nicht.
Warum zürnst du daher, mein Geist?
54. Wird der anderen Missgunst mir gegenüber etwa mich in diesem oder in
einem anderen Leben verzehren, so dass sie mir widrig ist?
55. Wenn sie mir widrig ist, weil sie meinen Erfolg verhindert: Mein Erfolg
wird noch in diesem Leben vergehen, die Sünde aber wird beharrlich bleiben.
56. Das Beste wäre, wenn ich noch heute stürbe, aber nicht ein langes,
falsches Leben. Denn wenn ich auch lange verweile, das Leiden des Todes
bleibt für mich doch das gleiche.
57. -58. Der eine genießt im Traum hundert Jahre des Glücks und erwacht,
der andere ist einen Augenblick glücklich und erwacht. Vergeht nicht bei
beiden das Glück, wenn sie wach sind? Das Gleiche gilt in der Stunde des
Todes für den, der ein langes, und den, der ein kurzes Leben gehabt hat.
59. Wenn ich auch viele Güter erworben und lange die Freuden gekostet
habe, mit leeren Händen und nackt werde ich hinübergehen, wie
ausgeplündert.
60. Wenn ich nun aber durch meinen Gewinn lebe und die Sünden tilge und
Gutes tue? Verliert der nicht eher Verdienst und sündigt, der um Gewinnes
willen sich ereifert?
61. Wenn das zugrunde geht, für das allein ich lebe, was nützt mir dann das
Leben, das nichts als Böses wirkt?
62. Wenn du den hasst, der dich verleumdet, weil er damit die Wesen
vernichtet, warum gerätst du dann nicht ebenso auch über den in Zorn, der
andere verleumdet?
63. Nachsicht erweist du den Missgünstigen, weil ihre Missgunst sich gegen
andere richtet, aber keine Nachsicht deinem Verleumder, der durch das
Auftreten der Laster bedingt ist.
64. Auch die, die Bilder, die Stupas, die Wahre Lehre zerstören und
schmähen, verdienen meinen Hass nicht, denn die Buddhas und die anderen
Vollendeten leiden nicht darunter.
65. Wenn sie die Lehrer, Verwandten und die, die wir lieben, kränken, möge
man, wie gesagt, sehen, dass das seine Ursachen hat und den Zorn
unterdrücken.
66. Das Leid, von Geistigem und Ungeistigem verursacht, ist unausweichlich
für die Wesen. Bewusst wird das Leid beim geistigen Wesen. Erdulde daher
dieses Leid!
67. Die einen tun Übles aus Verblendung, die anderen, verblendet, sind
zornig. Wen unter ihnen nennen wir fehlerlos und wen nennen wir schuldig?
68. Warum hast du früher so gehandelt, dass du von den anderen nun so
gepeinigt wirst? Alle Ursachen des Leidens sind bedingt durch unsere Taten.
Wer bin ich, dass ich das ändern könnte?
69. Da ich das aber weiß, will ich mich so um die guten Werke bemühen,
dass alle füreinander von Liebe erfüllt werden.
70. -71. Wie man, wenn ein Haus brennt, das Stroh und anderes, woran sich
das Feuer halten könnte, wenn es ins Nachbarhaus übergesprungen ist,
herauszieht und fortschafft, ebenso muss man das, woran sich das Denken
klammert und daher vom Feuer des Hasses verbrannt wird, auf der Stelle
aufgeben, aus Furcht, das Verdienst könnte verbrannt werden.
72. Wenn ein zum Tode verurteilter nach Abhauen einer Hand freigelassen
worden ist, ist das ein Unglück? Wenn man durch die menschlichen Leiden
von der Hölle befreit ist, das ein Unglück?
73. Wenn man jetzt schon ein geringes Leid nicht ertragen kann, warum
bekämpft man dann nicht den Zorn, den Grund für die höllischen Leiden?
74. Tausendmal bin ich wegen des Zornes in den Höllen gemartert worden
und habe damit weder mir selbst noch anderen gedient.
75. Weniger Schlimm ist das Leiden in dieser Welt und großen Vorteil wird
es bringen. Freude ist daher angemessen in dieser Welt über das Leid, das die
Leiden der Welt beseitigt.
Neid
76. Wenn andere das Glück der Freude darin finden, dass sie große Vorzüge
der Nächsten rühmen, warum freust nicht auch du dich, mein Geist, wenn du
sie rühmst?
77. Und dieses Glück der Freude in dir ist untadelig, eine Quelle des Glücks.
Auch die Tugendhaften lehnen es nicht ab, dieses beste Mittel, andere für
sich einzunehmen.
78. "Es ist doch sein Glück". Wenn es dir also nicht wert ist, dann hört jede
Verhütung wie das Bezahlen des Lohnes auf. Die sichtbaren und
unsichtbaren Früchte unserer Taten dürften dann wohl zerstört sein.
79. Zwar schätzt du die Freude der anderen, wenn deine eigenen Vorzüge
gelobt werden; werden der anderen Vorzüge gelobt, schätzest du die eigene
Freude nicht.
80. Aus dem Wunsch nach dem Glück aller Wesen hast du den
Erleuchtungsgedanken entwickelt. Warum zürnst du nun jenen Wesen, die
von sich aus das Glück der Freude gefunden haben?
81. Du wünschst doch gewiss für die Wesen die in den drei Welten
verehrungswürdige Buddhaschaft; warum erhitzest du dich, wenn du merkst,
dass man ihnen niedrige Ehre erweist.
82. Wer den ernährt, den du ernähren sollst, der gibt doch dir. Du findest
einen, der deine Familie unterhält, und freust dich nicht, ja ärgerst dich.
83. Was wünscht der nicht den Wesen, der ihnen die Erleuchtung wünscht?
Woher könnte der das Erleuchtungsdenken haben, der sich über die anderen
Glücksgüter ärgert?
84. Wenn er es nicht erhält, dann bleibt es im Hause den Spenders, aber auf
keinen Fall gehört es dann dir. Was kümmert es dich also, ob es ihm gegeben
wurde oder nicht?
85. Soll er seine Verdienste, die Wohltäter, seine Vorzüge zurückhalten? Soll
er nicht nehmen, wenn er erhält? Sprich: Worüber ärgerst du dich?
86. Nicht nur beklagst du dich nicht selbst, der du Sünden begangen hast; mit
den anderen, die Gutes getan haben, willst du in Streit geraten.
87. Wenn deinem Feinde Unangenehmes widerfährt, kommt das etwa, weil
du damit zufrieden bist? Doch auf deinen bloßen Wunsch hin wird nichts
entstehen, das keine wirkliche Ursache hat.
88. Und wenn es auf deinen Wunsch hin geschehen ist, bist du dann
glücklich, wenn er unglücklich ist? Auch wenn dies ein Vorteil sein könnte,
ist nicht der Nachteil noch viel größer?
89. Denn dies ist ein schrecklicher Angelhaken, den die Laster als Fischer
erhalten haben. Von ihnen werden die Höllenwächter dich kaufen und in
ihren Töpfen kochen.
90. Lob, Ruhm und Ehre kommen weder dem Verdienste zugute noch dem
Leben, weder der Stärke noch der Gesundheit, noch auch meinem
körperlichen Behagen.
91. Und von dieser Art dürfte der Vorteil sein für den Klugen, der seinen
Vorteil kennt. Dem Trinken, Spielen und anderem wird der sich widmen, der
nach Fröhlichkeit verlangt.
92. Um Ruhmes willen opfern sie ihr Gut, ja bringen sich selbst den Tod.
Sind die Silben der Lobreden etwa essbar? Und, wenn man tot ist, wer
genießt dieses Glück?
93. Wie ein Kind, das mit schmerzlichem Geschrei über sein zerstörtes
Sandhaus weint, erscheint mir mein Denken, wenn Lob und Ruhm vergangen
sind.
94. Lob ist nur Schall. Da er nicht geistig ist, ist es nicht möglich, dass er
mich lobt. Der Gedanke, dass ein anderer an mir sich freut, ist Grund meiner
Freude.
95. Was habe ich von eines anderen Freude über mich oder einen anderen? Er
allein hat das Glück ihrer dieser Freude; ich habe daran nicht den kleinsten
Anteil.
96. Wenn mein Glück von seinem Glück kommt, so möge es mir in jedem
Falle gegeben sein. Warum bin ich nicht glücklich, wenn sie durch ihr
Wohlwollen gegen andere beglückt sind.
97. Also wächst mir die Freude, weil ich gelobt worden bin. Auch das ist
ebenso ungereimt und daher bloß Kinderei.
98. Lobesworte und anderes vernichten mir die Ruhe des Gemüts und das
Entsetzen vor dem Kreislauf der Existenzen. Sie bewirken den Neid auf
Wesen von Verdienst und Zorn über ihr Wohlergehen.
Feinde sind Wohltäter
99. Sind also nicht die, welche sich gegen mich erhoben haben, um Lob und
anderes zu untergraben, in Wahrheit dazu da, mich vor dem Sturz ins Unheil
zu bewahren?
100. Auch sind bei mir, der ich nach Erlösung strebe, die Fesseln von Erfolg
und Ehre nicht am Platz. Warum sollte ich die hassen, die mich von diesen
Fesseln befreien?
101. Die für mich, der ich in das Leid zu stürzen verlange, gleichsam durch
die Macht der Buddhas zur Sperrpforte geworden sind, warum sollte ich die
hassen?
102. "Er hemmt meine guten Werde!" Auch hier ist Zorn nicht angebracht.
Es gibt keine Buße gleich der Geduld. Und hat nicht er sie mir ermöglicht?
103. Wenn ich aus eigener Schuld gegen ihn Geduld nicht übe, dann habe ich
selbst da ein Hindernis aufgebaut, als sich ein Grund für Verdienst bot.
104. Das allein, ohne das ein anderes nicht ist und sich findet, wenn es
vorhanden ist, ist seine Ursache. Wie kann man es Hindernis nennen?
105. Der Bettler, der zur rechten Zeit sich einstellt, bereitet doch der Gabe
kein Hindernis. Und trifft man auf einen Bettelmönch, spricht man nicht von
einem Hindernis für den Eintritt in diesen Stand.
106. Sehr leicht findet man Bettler in dieser Welt, sehr schwer dagegen
Übelwollende. Denn niemand wird mir übel wollen, wenn ich nicht übel will.
107. So ist mir ein Feind, der sich einstellt wie ein mühelos im Hause
gewonnener Schatz liebenswert; denn er hilft mir auf dem Weg zur
Erleuchtung.
108. Also ist diese Frucht der Geduld, die durch mich wie durch ihn
gewonnen wurde, zuallererst ihm zuzuwenden; denn meine Geduld setzt ihn
voraus.
109. Wenn der Feind nicht hochgehalten werden soll, weil er gar nicht die
Absicht hat, meine Geduld zu entwickeln: Warum verehrt man dann die
Wahre Lehre, obwohl auch sie ohne Absicht Grund für die Vollendung ist?
110. Wenn man den Feind nicht hochhält, weil es seine Absicht ist zu
schaden, auf welche andere Weise soll meine Geduld sich ergeben? Etwa
dann, wenn ein Arzt sich bemüht um mein Wohl?
111. Hat man also seine böse Absicht erkannt, entsteht die Geduld. Der Feind
allein ist daher die Ursache der Geduld, die ich wie die Wahre Lehre
verehren muss.
Liebe zu den Wesen
112. Deshalb hat der Weise erklärt, dass die Wesen das eine Feld des
Verdienstes sind, die Sieger über das Leid das andere; denn viele haben
dadurch , dass sie diese beiden hochhalten, die äußerste Seligkeit erreicht.
113. Wenn man durch die Wesen wie durch die Sieger in gleicher Weise die
Eigenschaften der Buddhas erlangt, wozu dann die Abstufung, dass man den
Wesen nicht die gleiche Ehrerbietung erweist wie den Siegern?
114. Die Größe der Absicht kommt nicht aus ihr selbst, sondern aus ihrer
Wirkung. Und die Größe der Wesen ist daher die gleiche; sie sind daher den
Buddhas gleich.
115. Dass der verehrt wird, dessen Trachten voll Liebe ist, das ist wahrlich
die Größe der Wesen. Das Verdienst, das vom Glauben an die Buddhas
kommt, das ist wahrlich die Größe der Buddhas.
116. Sofern sie ein Teil sind bei der Erlangung der Eigenschaften der
Buddhas, sind die Wesen daher den Siegern gleich; dennoch gibt es in
Wahrheit keine, die den Buddhas gleich sind, diesen schon in ihren Teilen
unendlichen Ozeanen der Tugend.
117. Wenn man einen der Vorzüge jener, die eine einzige Fülle des Kerns
aller Vorzüge sind, und sei er nicht so klein, in irgendeinem Wesen findet,
dann reicht selbst die Dreiwelt nicht aus, es zu verehren.
118. Dennoch findet sich in den Wesen ein ganz ausgezeichneter Teil, der
imstande ist die Eigenschaften der Buddhas hervorzubringen; diesem Teil
gerecht soll man die Wesen verehren.
119. Wie sonst können wir ferner diesen wahren Verwandten, deren Hilfe
unermesslich ist, unsere Dankbarkeit erweisen, wenn wir auf die Würdigung
der Wesen verzichten.
120. Was wir für die tun, um deretwillen jene ihren Körper zerstückeln, ja in
die unerste Hölle eingehen, das ist wohlgetan. Daher soll man auch den
größten Feinden nur Gutes in jeder Hinsicht erweisen.
121. Um deretwillen selbst meine Meister so gleichgültig sind gegen sich,
warum verhalte ich mich hochmütig gegen diese anderen Meister die Wesen
und nicht vielmehr dienend?
122. Über deren Glück die hohen Weisen sich freuen, über deren Leid sie
betrübt sind, wenn ich die zufrieden stelle, sind alle hohen Weisen zufrieden,
wenn ich diese kränke, kränke ich die Weisen.
123. Wie es für einen, dessen Körper von Flammen umhüllt ist, durch kein
einziges Sinnesobjekt Wohlbehagen gibt, so gibt es für die, die voll Mitleid
sind, keinen Grund zur Freude, wenn die Wesen leiden.
124. Deshalb will ich das Leid, das ich allen Wesen von Großem Mitleid
zugefügt habe, indem ich den Geschöpfen Leid brachte, heute als Sünden
bekennen. Mögen die Weisen das vergeben, wodurch ich ihnen Kummer
bereitet habe.
125. Um den Buddhas zu huldigen, will ich mich heute mit ganzem Herzen
zum Diener der Welt machen. Mögen Scharen von Geschöpfen ihren Fuß auf
mein Haupt setzen oder mich töten! Möge der Herr der Welt (der Buddha mit
mir) zufrieden sein!
126. Die ganze Welt haben sie, ganz Mitleid, zu ihrem Selbst gemacht. Das
steht außer Zweifel. Erscheinen nicht eben dese Herren in der Gestalt der
Wesen? Wie wäre da Nichtachtung angebracht?
127. Das allein ist die Verehrung der Buddhas, das allein die Verwirklichung
des eigenen Zieles, das allein die Vernichtung des Leidens der Welt. Deshalb
soll das allein mein Auftrag sein.
128. -130. Wie ein einziger Mann des Königs ein großes Volk bedrückt und
das Volk, vorausschauend, nichts daran ändern kann, weil er eben nicht ganz
und die Macht des Königs seine Macht ist, so möge man sich an keinem
Schwachen, der schuldig geworden ist, vergehen; denn seine Macht sind die
Wächter der Höllen und die Mitleidsvollen. Deshalb möge man die Wesen
verehren wie ein Diener den reizbaren Herrn.
131. Könnte ein zorniger König wohl etwas tun, das der Pein in den Höllen
gleichkäme, das man erfährt durch das den Wesen bereitete Missbehagen?
132. Könnte ein zufriedener König wohl etwas verleihen, das der
Buddhaschaft gleichkäme, das man erfährt durch das den Wesen bereitete
Wohlbehagen?
133. -134. Aber lassen wir die künftige Buddhaschaft, die sich aus der
Hochhaltung der Wesen ergibt! Siehst du nicht, dass der Geduldige, während
er im Kreislauf der Existenzen weilt, hier schon Glück, Ruhm und
Wohlergehen erreicht, Schönheit, Gesundheit, Freude und langes Leben und
das volle Glück eines Weltbeherrschers?
Vollkommenheit der Stärke
1. Der in der Weise über Geduld verfügt, möge die Stärke üben, denn die
Erleuchtung beruht auf der Stärke. Ohne Stärke nämlich ist kein Verdienst,
wie keine Bewegung ist ohne Wind.
2. Was ist die Stärke? Die Kraft im Guten. Was nennt man ihren Gegensatz?
Die Trägheit, den Hang zu Unwürdigem und die Selbstverachtung aus
Mutlosigkeit.
Die Gegenkräfte
3. Aus der Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Leid im Kreislauf der
Existenzen ergibt sich durch Untätigkeit, Geschmack an der Lust, Schlaf und
Verlangen nach Halt der Trägheit.
4. Von den Lastern, den Jägern, bist du aufgespürt worden und in die
Fangnetze der Geburten geraten. Weißt du selbst jetzt noch nicht, dass du in
den Rachen des Todes gelangt bist?
5. Siehst du nicht, wie deine Gefährten einer nach dem anderen ums Leben
gebracht werden? Und dennoch schläfst du wie der Büffel unter Schlächtern.
6. Wie kannst du dich am Essen erfreuen, wenn der Tod dich beobachtet und
jeder Ausweg versperrt ist, wie am Schlaf, wie am Genuss der Liebe?
7. Wenn der Tod alles bereitet hat, wird er rasch kommen. Selbst wenn du
dann, zur Unzeit, die Trägheit aufgibst, was wirst du tun?
8. -10. "Das habe ich nicht erreicht; das habe ich angefangen; das ist halb
getan geblieben; unerwartet ist der Tod gekommen. Ach! Ich bin verloren",
denkst du und siehst die hoffnungslosen Verwandten, die Gesichter mit von
der Gewalt des Kummers verschollen, tränenvollen, geröteten Augen, und die
Gesichter der Todesboten; gepeinigt durch die Erinnerung an deine Sünden
und die Schreie aus den Höllen in den Ohren, vor Angst den Leib verschmiert
mit Kot, bestürzt, was wirst du tun?
11. "Ich bin wie ein Fisch, der lebendig zum verzehren bewahrt wird". So ist
es recht, dass du dich hier schon fürchtest; wie sehr erst, Sünder, vor den
schrecklichen Leiden der Höllen.
12. Schon die Berührung von heißem Wasser schmerzt dich, zartes Kind,
Wie bleibst du so gelassen nach Taten, die zur Hölle führen?
13. Untätiger, dennoch auf Lohn Hoffender, zartes Kind, an Schmerzen
Reicher, du bist vom Tode erfasst, der du dich für unsterblich hältst. Wehe,
Unglücklicher, du gehst zugrunde.
14. Hast du das Boot der menschlichen Existenzen gefunden, überquere den
großen Strom des Leidens! Tor, es ist nicht die Zeit zum Schlafen! Dieses
Boot ist kaum wiederzufinden.
15. Hast du die edelste Freude am Guten verworfen, an die sich endlose
Freude anschließt, wie kannst du dich freuen an Leichtsinn, Lachen und
anderem, das Leiden bewirkt?
Die Hilfsmittel der Stärke:
16. Selbstvertrauen, die Gesamtheit der Kräfte, ausschließliche Hingabe,
Selbstzucht, Gleichheit des anderen und das Selbst und die Austauschung des
anderen und des Selbst sind die Hilfsmittel der Stärke.
Selbstvertrauen
17. Den Mut darf man also nicht sinken lassen: "Wie könnte mir je die
Erleuchtung zuteil werden?", denn der Buddha, der die Wahrheit sagt, hat
diese Wahrheit gesprochen:
18. "Auch sie, die kraft ihrer Mühe die kaum erlangbare höchste Erleuchtung
erlangt haben, sind einmal Bremsen, Mücken, Fliegen und Würmer
gewesen."
19. Und ich, ein Mensch von Geburt, imstande Gutes und Schlechtes zu
erkennen, sollte ich den Hinweisen des Allwissenden folgend die
Erleuchtung nicht erlangen?
20. Ich aber fürchte mich davor, Hände, Füße und dergleichen opfern zu
müssen. Aus Unüberlegtheit bin ich wohl verwirrt über das, was schwer ist
und leicht
21. Verstümmelt soll ich vielmals werden, aufgeschlitzt, gebrannt und
zersägt, unzählige Millionen von Zeitaltern lang, und die Erleuchtung wird
mir nicht zuteil. Das ist schwer, aber ich halte es für leicht.
22. Das Leiden dagegen, das die Erleuchtung bewirkt, ist mir begrenzt, wie
das Leiden an der Entfernung des eingesunkenen Dorns, wenn der Schmerz
sich legt. Das ist leicht, und halte es für schwer.
23. Wohl alle Ärzte stellen die Gesundheit durch schmerzhafte Kuren wieder
her. Um viele Leiden zu lindern, muss man daher ein kleines Leid ertragen.
24. Aber solche, wenn auch angemessene Kur hat der beste Arzt uns gar
nicht auferlegt; durch wohlabgestimmte Behandlung heilt er die schwer
Erkrankten.
25. Zu Anfang hält der Meister an zur Gabe von Gemüse und anderem. Dann
wirkt er allmählich dahin, dass man später auch sein eigenes Fleisch hingäbe.
26. Wenn sich auch dem eigenen Fleisch gegenüber eine Auffassung einstellt
wie gegenüber den Gemüsen, ist es dann wohl schwierig für den, der Fleisch
und Knochen hingibt?
27. Er leidet nicht, weil er die Sünde abgetan hat. Er ist nicht betrübt, weil er
wissend ist. Denn durch falsche Auffassung leidet der Geist, durch die Sünde
der Körper.
28. Durch gute Werke ist der Körper beglückt, der Geist ist glücklich durch
das Wissen. Was also könnte den Mitleidvollen bedrücken, der zum Wohle
der anderen im Kreislauf verbleibt?
29. Bloß durch die Kraft des Erleuchtungsdenkens tilgt er die früheren
Sünden und gewinnt Meere an Verdienst; so eilt er schneller zum Ziele als
selbst die Hörer.
30. Welcher Vernünftige würde verzagen, wenn er so auf dem Wagen des
Erleuchtungsdenkens, der ihm, die Ermüdung durch all die Anfechtungen
erspart, von Glück zu Glück eilt?
die Kräfte:
31. Die vielfache Kraft, das ist das Verlangen nach Gutem, die
Entschlossenheit, Freude und die Entsagung, dient der Verwirklichung des
Heils der Wesen. Aus Furcht vor dem Leiden möge man das Verlangen nach
Gutem entwickeln und unter Betrachtung der Segnungen durch das Gute.
32. Hat man so den Gegensatz entwurzelt, mühe man sich um die Mehrung
der Stärke mit Hilfe der sechs Kräfte des Verlangens nach Gutem, der festen
Gesinnung, Freude, Entsagung, der ausschließlichen Hingabe und der Zucht.
das Verlangen nach Gutem
33. Unermessliche Fehler muss ich beseitigen, eigene und die anderer Wesen,
wobei es sogar jeden einzelnen Fehler zu tilgen, unzählige Zeitalter braucht.
34. Dabei findet sich bei mir so gut wie gar nichts, mit einer Tilgung dieser
Fehler Ernst zu machen. Wenn ich zu unermesslichem Leid bestimmt bin,
warum zerspringt mir nicht meine Brust?
35. Und Tugenden muss ich viele erringen, eigene und die anderer Wesen.
Dabei wird die Übung jeder einzelnen Tugend wohl unzählige Zeitalter
währen.
36. Selbst eine billige Tugend habe ich niemals geübt. Nutzlos habe ich
meine mit Not erlangte, wunderbare Geburt als Mensch vergeudet.
37. Ich habe das Glück durch die Feste zur Verehrung der Erhabenen nicht
erlangt, ich habe die Lehre nicht geehrt, die Hoffnung der Armen nicht
erfüllt.
38. Den Wesen in Furcht habe ich Sicherheit nicht gegeben, die Gequälten
nicht glücklich gemacht. Zum Leiden bloß bin ich ein Fötus im Schoß einer
Mutter geworden.
39. Weil in früheren Existenzen das Verlangen nach der Lehre gefehlt hat, ist
mir nun solches Unheil zuteil geworden. Wer würde mit dieser Einsicht dem
Verlangen nach der Lehre entsagen.
40. Auch hat der Weise das Verlangen nach Gutem als die Wurzel aller guten
Taten bezeichnet. Und die Wurzel dieses Verlangens ist die ständig geübte
Betrachtung der Früchte, die aus unseren Taten reifen:
41. Vielfache Leiden, Verzweiflungen und Ängste, sowie die Zerschlagung
ihrer Hoffnungen ergeben sich für die Sünder.
42. Wohin sich auch der Wunsch der Guten richtet, da wird er ihrer
Verdienste wegen mir dem Gastgeschenk der Frucht gewürdigt.
43. Wohin sich dagegen der Sünder Wunsch nach Glück richtet, da wird er
ihrer Sünden wegen mit den Waffen des Leidens vernichtet.
44. Im Sukhavati-Paradies werden die Buddhasöhne, die im Schoß großer,
duftender und kühler Lotusblüten ruhten, deren starker Glanz durch die süße
Nahrung der Stimme des Siegers verursacht wurde und deren schöne Körper
dann aus den durch die Strahlen des Weisen entfalteten Lotusblüten
hervorkamen, um ihrer guten Werken willen in Gegenwart des Buddha
Amitabha geboren.
45. Brüllend vor Schmerz, wenn ihm von den Knechten das Yama die Haut
zur Gänze abgezogen, der Körper mit durch Feuersgluten verflüssigtem
Kupfer beträufelt wird und seine Fleischteile zerfetzt werden durch hunderte
Hiebe mit flammenden Schwertern und Spießen, stürzt der Sünder um seiner
Sünden willen viele Male in die mit glühendem Eisen gepflasterten Höllen.
46. Nach solcher Betrachtung der Früchte möge man deshalb mit Sorgfalt das
Verlangen nach Gutem entwickeln.
die feste Gesinnung
Hat man das Werk begonnen, möge man nach dem Gebot des
Vajradhvajasutram nunmehr die feste Gesinnung üben.
47. Hat man zuerst die Gesamtheit der ursächlichen Bedingungen geprüft,
mag man ein Werk beginnen oder unterlassen. Nicht zu beginnen ist
sicherlich besser als nach dem Beginnen aufzuhören.
48. Auch in einem Dasein ist dann diese Gewohnheit vorhanden, und aus
dieser Sünde wächst das Leiden; ein anderes deswegen unterlassenes Werk
und die Zeit für das dann wieder aufgegebene Werk sich verloren, und auch
dieses ist nicht vollbracht.
49. Bei dreien soll man eine feste Gesinnung einnehmen, bei dem eigenen
Werk, bei den sittlichen Schwächen und bei der eigenen Macht.
"Ich allein muss es tun!",da ist die feste Gesinnung beim Werk.
50. Die Welt, abhängig von den Lastern, ist nicht imstande ihr Heil zu
erreichen. Deshalb muss ich es für sie tun, denn ich bin nicht unfähig wie die
anderen Wesen.
51. Warum macht ein anderer die niedre Arbeit, obwohl ich da bin? Tue ich
sie aus Stolz nicht, dann mag mein fester Sinn lieber zugrunde gehen.
52. Vor einer toten Eidechse wird selbst ein Rabe zum Adler. Wenn mein
Geist kraftlos ist, wird mir selbst eine kleine Schwäche schaden.
53. Sind nicht solche Schwächen häufig, wenn einer durch Kleinmut nicht
tatfreudig ist? Aufrecht und tatfreudig aber ist er auch bei großen Schwächen
kaum zu bezwingen.
54. Deshalb schwäche ich mit festem Sinn meine Schwäche. Dass ich die
Dreiwelt besiegen will, ist lächerlich, wenn mich die Schwäche besiegt hat.
55. Denn alles muss ich besiegen, nichts darf mich selbst besiegen. Das ist
die feste Gesinnung, die ich einzunehmen habe, weil ich ein Sohn der
löwenhaften Sieger bin.
56. Vom Stolz besiegte Wesen sind elend, nicht fest gesinnt. Der
Festgesinnte gerät nicht in die Gewalt des Feindes, aber diese sind in der
Gewalt des Feindes Stolz.
57. -58. Der Stolz hat sie ein schlechtes Geschick geführt; doch selbst wenn
sie Menschen sind, sind sie freudlos, essen das Brot des anderen, sind
Sklaven, dumm, hässlich, schwächlich und von allen Seiten erniedrigt, die
stolzstarren Elenden. Wenn auch sie zu denen von fester Gesinnung zählen,
dann sage, wie die wahrhaft Erbärmlichen aussehen.
59. Diese sind stolz und siegreich, diese allein sind Helden, die ihren Stolz
zum Siege führen über den Stolz, den Feind, die diesen Feind Stolz, wenn er
auch mächtig hervorbricht, zerschlagen und dann in der Welt die Frucht ihres
Sieges kundtun.
60. Mitten in der Horde der Laster möge er tausendfach überheblicher sein.
Unbezwinglich ist der durch die Lasterscharen, wie der Löwe durch die
Scharen der Tiere.
61. Selbst in großen Bedrängnissen sieht ja das Auge nicht den Geschmack.
so wird er, auch in Bedrängnis, nicht in die Gewalt de Laster geraten.
Freude
62. Dem Werk, das sich einstellt, möge er sich von ganzem Herzen widmen,
berauscht von diesem Werk, unersättlich, als wollte er das Glück eines
Spielgewinnes erhaschen.
63. Um des Glückes willen wird das Werk getan; doch mag sich das Glück
erweisen oder nicht. Ist aber das Werk allein sein Glück, wie kann er untätig
glücklich sein?
64. An den Lüsten, die dem Honig auf der Schneide des Rasiermessers
gleichen, wird er in diesem Dasein nicht satt. Wie sollte er satt werden an den
nektargleichen guten Werken, süß durch ihre Reifung und glückbringend?
65. Deshalb stürze er sich, selbst wenn ein Werk beendet ist, in das nächste
Werk, wie der vom Mittag erhitzte Elefant, der den See erreicht hat, sich
sogleich in das Wasser stürzt.
Entsagung
66. Wenn er aber dem Werk bis zum Schwinden seiner Kräfte treu war, lasse
er es ruhen, um es später wieder aufzunehmen. Auch das wohlgetane Werk
lasse er ruhen, nach immer weiteren dürstend.
ausschließliche Hingabe
67. Er hüte sich vor den Schlägen der Laster und schlage der Laster mit aller
Kraft, als wäre er im Schwertkampf mit einem geübten Gegner.
68. Wie man dabei das entfallene Schwert voll Schrecken eilends wieder
ergreifen wird, so wird man das enfallene Schwert der Wachsamkeit
ergreifen, der Höllen eingedenk.
69. Wie Gift, ist es ins Blut gelangt, im Körper sich verbreitet, gerade so
verbreitet sich im Geiste das Übel, har es eine Blöße gefunden.
70. Wie einer, der von Leuten mit gezogenem Schwert überwacht einen Krug
voll mit Öl trägt, aus Furcht vor dem Sterben, wenn er versagt, seine ganze
Aufmerksamkeit darauf richten wird, so auch der, der die Disziplin eines
Bodhisattvas aufgenommen hat.
71. So rasch, wie einer aufspringt, wenn eine Schlange auf seinen Schoß
gleitet, soll daher, wenn sich Schlaf und Trägheit einstellen dagegen
ankämpfen.
72. Über jegliche Schwäche äußerst bekümmert möge er überlegen: "Wie soll
ich es anstellen, dass mir das nicht wieder geschieht?"
73. Aus diesem Grunde suche er die Gemeinschaft mit den geistlichen
Freunden oder das durch ihren Rat empfangene Werk: "Wie könnte ich unter
diesen Umständen wohl die Wachsamkeit üben?".
Zucht
74. So mache er sich beweglich im Gedanken an die Lehrrede von der
Wachsamkeit, so dass er, noch bevor das Werk sich einstellt, zu allem bereit
ist.
75. Wie die Baumwollflocke dem Gehen und Kommen des Windes gehorcht,
so möge er der Kraft im Guten gehorchen; und so entwickelt sich die
Wunderkraft.
Vollkommenheit der Versenkung
1. Hat der Bodhisattva in dieser Weise die Kraft im Guten entwickelt; möge
er sein Denken in der Versenkung befestigen; denn ein Mensch, dessen
Denken zerstreut ist, steckt zwischen den Zähnen der Laster.
Weltverzicht:
2. Dadurch, dass er Körper und Geist (von der Welt) trennt, stellt sich die
Zerstreuung nicht ein. Also möge er die Welt fallen lassen und dann auf die
zerstreuenden Überlegungen verzichten.
körperliche Abgeschiedenheit:
3. Aus Liebe und aus Gier nach Gewinn und anderem lässt man die Welt
nicht fahren. Deshalb möge der Kluge zu ihrer Preisgabe folgendes
bedenken:
4. "Die Laster vernichtet, wer durch geistige Ruhe mit Klarsicht wohl
versehen ist". In dieser Erkenntnis soll man zuerst die geistige Ruhe suchen;
und diese ergibt sich durch Gleichgültigkeit gegen die Freude an der Welt.
Verzicht auf Liebe
5. Kann es für ein endliches Wesen Liebe zu endlichen Wesen geben? Für
Tausende von Existenzen ist jeder, den man liebt, nicht wieder zu sehen!
6. Sieht man ihn nicht, wird man betrübt, und man verbleibt nicht in der
Versenkung. Und man ist nicht zufrieden, auch wenn man ihn gesehen hat:
wie früher wird man von heftigem Verlangen gequält.
7. Man sieht die Wirklichkeit nicht, man verliert den heilsamen Schrecken
vor den Höllen, durch denselben Kummer wird man weiter versengt, weil
man nach Gemeinschaft mit dem Geliebten verlangt.
8. Da man ständig mit ihm sich befasst, geht wieder und wieder ein kurzes
Leben nutzlos dahin. Durch einen unbeständigen Freund geht die beständige
Lehre verloren.
9. Wer in der Art der Toren lebt, gerät mit Sicherheit in ein schlechtes
Geschick. Und wer nicht lebt wie sie, wird von ihnen nicht geschätzt. Was
hat man vom Umgang mit Toren?
10. Bald sind sie Freund, bald sind sie Feind. Über einen Anlass zur Freude
zürnen sie. Schwer zufriedenzustellen sind die Kinder der Welt.
11. Sie zürnen, hat man mit gutem Rat sie versehen, und sie halten vom
Guten mich ab. Wenn man aber auf sie nicht hört, sind die zornig und geraten
in schlechtes Geschick.
12. Den Überlegenen beneidet, mit dem Ebenbürtigen streitet, den Geringen
verachtet er, durch Lob ist er berauscht, wird er getadelt, hasst er. Wann also
könnte von einem Toren Gutes kommen?
13. Selbstverherrlichung, Herabsetzung des anderen, Reden über die Freuden
de Welt: irgendein Übel dieser Art kommt sicher dem Toren von einem
Toren zu.
14. Auch für den anderen ergeben sich diese Übel, da er zu jenem sich
gesellt. Dadurch kommt nur Unheil zustande. Allein will ich leben, glücklich
und unbefleckten Geistes.
15. Weit flüchte man vor einem Toren! Hat man aber einen getroffen,
gewinne man ihn mit Liebenswürdigkeiten. Aber nicht, um mit ihm
vertraulich zu werden, sondern in der Art des gleichmütigen Mannes von
Ehre.
16. Wie die Biene nur Blütensaft aus der Blume nimmt, werde ich überall
bloß mit dem, was der Lehre dient, leben, unvertraut wie der Neumond.
Verzicht auf die Gier nach Gewinn und Ruhm
17. Dem Sterblichen, der durch falsches Glück denkt "Ich bin begütert und
geehrt, und viele verlangen nach mir", stellt die Angst vor dem nahen Tod
sich ein.
18. Worin immer der durch falsches Glück verwirrte Geist seine Lust sucht,
all das stellt sich, zu Leid geworden, tausendfach vergrößert dar.
19. Der Weise möge nach dieser Lust daher nicht verlangen. Aus dem
Verlangen entsteht die Angst. Und ganz von selbst geht diese weg. Man
warte ab in Festigkeit.
20. Viele Begüterte hat es gegeben und viele Berühmte. Nicht weiß man von
ihnen, wohin sie gegangen sind mir ihrem Gut und mir ihrem Ruhm.
21. Mich verachten die anderen ja; warum freue ich mich, bin ich gelobt?
Mich loben die anderen ja; warum gräme ich mich, bin ich geschmäht?
22. Die Wesen mit ihren vielfachen Neigungen, selbst durch die Buddhas
sind sie nicht befriedigt, um wie viel weniger durch Unwissende wie mich.
Wozu sich also kümmern um die Welt?
23. Sie schmähen das begüterte Wesen, vom begüterten denken sie schlecht.
Wie stellt mit denen die Lust sich ein, mit denen von Natur aus schlecht zu
leben ist?
24. Dass der Tor niemandes Freund ist, haben die Buddhas gesagt; denn bei
einem Toren ergibt sich Zuneigung nicht ohne Eigennutz.
25. Zuneigung durch den Eigennutz ist nichts als Zuneigung für sich selbst,
wie Kummer über den Verlust von Besitz, denn dieser ist durch Verlust an
Vergnügen bewirkt.
das Leben in der Wildnis
26. Die Bäume denken nicht schlecht und sind nicht mühevoll zu gewinnen.
Wann werde ich mit ihnen wohnen, mit denen gut zu leben ist?
27. Wann werde ich unbekümmert dahingehen, in einem verlassenen Tempel
verweilend, am Fuß eines Baumes oder in Höhlen, ohne zurückzublicken?
28. Wann werde ich in den jungfräulichen weiten Regionen, die keinem zu
eigen, frei und unbehaust umherstreifen.
29. Wann werde ich vom Besitz bloß einer Schale aus Ton und mit dem
Mönchskleid ohne Nutz für Diebe, furchtlos, den Leib nicht achtend
umherstreifen?
30.Wann werde ich die mir zu eigene Leichenstätte betreten und meinen
Leib, der Verwesung ist, mit anderen Skeletten vergleichen?
31. Denn dieser mein Leib wird ebenso faulig werden, so dass vor dem
Gestank selbst die Schakale nicht heranschleichen werden.
32. Obwohl er als Einheit gilt, werden die Knochenstücke dieses Leibes, die
zu ihm gehören, ganz und gar verstreut sein; um wie viel mehr wird der
andere, teure Mensch von mir getrennt sein, der niemals mit mir eins war.
33. Allein wird der Mensch geboren, und ganz allein stirbt er. Kein anderer
hat Teil an seiner Qual. Was sollen die Lieben, die mein Verdienst
behindern?
34. Wie einer, der auf der Straße zieht, eine Unterkunft nimmt, so nimmt
auch der die Straße der Existenzen ziehende die Unterkunft einer Geburt.
35. Solange er noch nicht von den vier Männern zur Leichenstätte
fortgetragen wird, von den Leuten beweint, möge er in die Wildnis ziehen.
36. Frei von Vertraulichkeit und Zwist ist einzig der armselige Leib
geblieben. Für die Welt schon vorher gestorben, trauert er nicht, wenn er
stirbt.
37. Niemand wird ihn umstehen und mit seiner Trauer quälen, und niemand
wird seine dem Buddha etwa geweihte Andacht stören.
38. Deshalb muss ich mich stets der liebenswerten, mühelosen, beglückenden
und alle Zerstreuung beruhigenden Einsamkeit hingeben.
geistige Abgeschiedenheit
39. Frei von allen anderen Sorgen, die Aufmerksamkeit allein dem eigenen
Denken gewidmet, will ich mich bemühen, das Denken zu sammeln und zu
zähmen.
die Fleischeslust
40. Denn die Lüste bewirken Unheil in diesem Leben und im nächsten: hier
Gefängnis, Tod und Verstümmelung, und dort die Höllen und andere Qualen.
41. -43. Um deretwillen du oft die Kuppler und Kupplerinnen höflich begrüßt
hast und um deretwillen du ehedem Sünde oder Schande nicht gezählt hast
und dich selbst sogar der Gefahr ausgesetzt und Geld vergeudet hast, die
umarmt zu haben höchste Seligkeit gewesen ist, dies hier sind dieselben
Knochen, keine anderen, frei und ohne Herrn. Warum findest du keine
Seligkeit, wenn du nach Lust sie umarmt hast?
44. -45. Das Gesicht, das sich nur mit Mühe heben ließ, das aus Scham zu
Boden gerichtet wurde, das du einst gesehen oder, war es vom Schleier
verhüllt, nicht gesehen hast, dieses Gesicht ist nun von den Geiern entblößt,
als ob sie Mitleid hätten mit deiner Drangsal. Sieh es an! Warum fliehst du?
46. Was wohl gehütet vor den Blicken anderer Wesen, das wird inzwischen
verschlungen. Warum, Eifersüchtiger, hütest du es nicht?
47. Du hast den von Geiern und anderen gefressenen Haufen von Fleisch
gesehen: die Atzung anderer bedenkst du mit Kränzen, Sandel und Schmuck.
48. Obwohl es sich nicht bewegt, entsetzt du dich vor dem in diesem Zustand
gewahrten Skelett. Warum hast du vorher keine Angst, wenn es wie durch
irgendeinen Leichendämon bewegt wird?
49. Speichel und Kot dieser Fleischhaufen entstehen aus ein und derselben
Nahrung. Der Kot ist dir da widerlich. Warum ist dir der Speicheltrank lieb?
50. Die Liebenden, von Sinnen nach Kot, erfreuen sich nicht an
baumwollgefüllten weichen Polstern, weil sie keinen üblen Geruch
verströmen.
51. Worauf sich, obgleich es verborgen, diese Begierde richtet, warum ist es
unverborgen widerlich? Wenn du nichts davon hast, warum liebkost du das
Verborgene?
52. Wenn du das Unreine nicht begehrst, warum umarmst du dann den
anderen mit Fleischunrat zugeschmierten, durch Sehnen verknüpften
Knochenhaufen?
53. Du hast selbst viel Unsauberes. Sei damit allein zufrieden! Vergiss,
Unflatlüsterner, den anderen Kotsack!
54. "Das Fleisch dieses Knochenhaufens ist mir lieb", sagst du und verlangst
es zu sehen und zu berühren. Warum verlangst du nach Fleisch, das von
Natur ohne Geist ist?
55. Wonach du eigentlich verlangst, dies Geistige kannst du nicht sehen und
nicht berühren; und was du sehen und berühren kannst, das erkennt nicht.
Warum umarmst du es ohne Sinn?
56. Dass du nicht erkennst, dass der Körper des anderen aus Kot besteht, ist
nicht erstaunlich. Verwunderlich ist, dass du diesen deinen eigenen nicht als
von Kot erkennst.
57. Außer an einem jungen Lotus, der unter den Strahlen der wolkenlosen
Sonne erblüht, was kann ein dem Kot verfallener Geist für Freude an einem
Unflathaufen haben?
58. Wenn du die Erde und anderes nicht berühren willst, weil sie von Kot
besudelt, warum willst du den Leib berühren, von dem dieser Kot gekommen
ist?
59. Wenn du das Unreine nicht begehrst, warum umarmst du dann das
andere, das in einem Kotschoße entstanden ist, aus ihm keimt und dadurch
genährt ist?
60. Den aus Kot entstandenen Wurm, weil er klein ist, willst du nicht; den
aus Kot bestehenden Leib, der auch aus Kot entstanden, hast du gern.
61. Nicht nur verabscheust du nicht, dass du selbst Kot bist, nach anderen
Gefäßen von Kot, Unflatlüsterner, verlangst du.
62. Wenn schmackhafter Kamfer und andere Gewürze oder Reis und andere
Nahrungsmittel aus einem Munde gefallen sind oder ausgespuckt wurden,
hält man sogar die Erde für unrein.
63. Wenn du, obgleich es offenkundig, nicht glaubst, dass dies Kot ist, sieh
dir doch auch die anderen grausigen Leiber an, die auf den Leichenacker
geworfen wurden.
64. Warum entzückst du dich wieder, obwohl du es weißt, gerade an dem,
was dich ungeheuer entsetzt, wenn die Haut aufgerissen ist?
65. Dieser Duft, obschon auf den Körper aufgetragen, kommt bloß vom
Sandel, nicht von anderem. Warum entzückst du dich an dem einen auf
Grund eines fremden Duftes?
66. Ist es nicht ein Glück, wenn sich durch den natürlichen üblen Geruch
keine Begierde zum Körper ergibt? Warum salben ihn die Leute in ihrem
Hang nach Schädlichem mit Duft?
67. Was ist denn da dem Körper geschehen, wenn der Sandel gut riecht?
Warum entzückst du dich an dem einen auf Grund eines fremden Duftes?
68. -69. Wenn der eine Schmutzkruste tragende nackte Körper mit langen
Haaren und Nägeln, mit fleckigen gelben Zähnen von Natur erschreckend ist,
warum wird er mühsam gepflegt, wie ein Schwert um sich selbst zu töten?
Die Welt ist voll von Verrückten, die eifrig dabei sind, sich selbst zu
täuschen.
70. Natürlich graut dir vor dem Leichenacker beim Anblick einiger Skelette;
im Leichenacker des Dorfes, in dem die wandelnden Skelette sich drängen,
bist du vergnügt.
71. Und diesen, obschon so unreinen Knochenhaufen erlangt man nicht ohne
Geld. Ihm gilt die Mühsal des Erwerbens und die Qual in den Höllen und
anderen schlechten Schicksalen.
72. Das Kind ist zum Erwerb nicht fähig. Wodurch könnte es in der Kindheit
glücklich sein? Die Jugend vergeht mit Erwerben. Der Alte, was macht er mit
Liebesfreuden?
73. Einige, schamlos begehrend, kommen erschöpft von den Arbeiten bis zu
Tagesneige nach Hause und liegen am Abend wie Tote.
74. Andere, gequält durch die Pein der Abwesenheit infolge von Feldzügen,
sehen selbst jahrelang Söhne und Frauen nicht, für die sie sich plagen.
75. Wofür diese Liebesnarren sich selbst verkauft haben, das haben sie nicht
erreicht. Ganz vergeblich haben sie ihr Leben in Arbeit für andere verbracht.
76. Die Frauen wieder, die sich verkauft haben und die Aufträge ihrer Herren
durchführen, gebären auf Reisen unter den Bäumen des Waldes.
77. Um zu leben stürzen sie sich unter Gefahr für das Leben in die Schlacht.
Um des Stolzes willen werden die liebestollen Verblendeten zu Sklaven.
78. Einige Liebhaber werden verstümmelt, andere gepfählt; dass sie
verbrannt werden, sieht man, und dass sie getötet werden mit Speeren.
79. Erkenne, dass Besitz ein unendliches Unglück ist, wegen der Mühsal des
Erwerbens und Behütens, und wegen des Kummers bei Verlust. Weil sie
darauf versessen sind, finden sie, deren Sinn am Reichtum hängt, keine
Gelegenheit für die Befreiung aus dem Leiden des Daseins.
80. So sind die Nöte der Lüsternen groß, wie für das Tier, das den Karren
zieht, der Lohn des bisschen Futters.
81. Um dieses bisschen Genuss, selbst für ein Vieh nicht schwer zu erlangen,
hat der vom selbst geschaffenen Schicksal Geschlagene das überaus schwer
zu erlangende Glück der günstigen Umstände zerstört.
82. -83. Die Anstrengung, die er allzeit um eines sicher dahingehenden,
minderen Körpers willen auf sich nimmt, der in die Höllen und andere
schlechte Schicksale stürzt, selbst um den hundertmillionsten Teil dieser
Anstrengung könnte die Buddhaschaft sich ergeben. Groß ist das Leiden
verglichen dem Leiden im Wandel des Bodhisattvas, und doch finden die
Lüsternen nicht die Erleuchtung.
84. Weder Schwert noch Gift, weder Feuer nicht Abgrund noch Feind ist mit
den Lüsten vergleichbar, wenn man sich die Qual in den Höllen vor Augen
hält.
85. In solchem Schauder vor den Lüsten möge man sich in den von Streit und
Mühsal freien, friedvollen Gefilden der Wildnis entzücken an der
Abgeschiedenheit!
86. Die Glücklichen wandeln von lautlosen, lieblichen Winden des Waldes
gefächelt auf reizenden Felsflächen umher, weit wie Palastterrassen und
gekühlt vom Sandel der Strahlen des Mondes, und sinnen zum Heile der
anderen.
87. Solange er mag, wohnt er irgendwo, in einer leeren Behausung, am fuße
eines Baumes, in Höhlen, und frei von Verdruss über der Hütung von Besitz,
streift er ohne Rücksichtnehmen umher, wie er will.
88. Das Glück der Zufriedenheit, das der genießt, der nach eigenem Wunsche
wandert und wohnt und an keinen gebunden ist, ist selbst für Indra, den
König der Götter, schwer zu erlangen.
Betrachtung
Gleichheit des anderen und des Selbst
89. Während man durch die Betrachtung der Vorzüge der Abgeschiedenheit
auf diese und andere Weise die zerstreuenden Überlegungen beruhigt, möge
man dafür das Erleuchtungsdenken betrachtend üben.
90. Zuerst betrachte man sorgfältig in folgender Weise die Gleichheit des
anderen und des Selbst: Alle haben das gleiche Leid und das gleiche Glück.
Ich muss sie beschützen wie mich selbst.
91. Wie der durch verschiedene Körperteile, Hand usw., vielfache Körper als
Einheit beschützt werden muss, so auch diese ganz ebenso verschiedene Welt
der Wesen, die in gleichem Glück und in gleichem Leid besteht.
92. Wenn auch mein Leid in den anderen Körpern nicht peinigt, so ist doch
dies Leid für mich durch die Liebe zum Selbst schwer zu ertragen.
93. Und wenn auch des anderen Leid von mir selbst nicht gespürt werden
kann, so ist doch dies Leid für ihn durch die Liebe zum Selbst schwer zu
ertragen.
94. Des anderen Leid muss ich beseitigen, weil es Leid ist, wie mein eigenes
Leid. Und ich muss den anderen helfen, weil sie Wesen sind, wie ich selbst
ein Wesen bin.
95. Wenn mir und anderen ganz das gleich Glück lieb ist, was zeichnet dann
das Selbst vor anderen aus, dass Glücksbemühungen nur auf dieses sich
bezieht.
96. Wenn mir und anderen Angst und Leid zuwider sind, was zeichnet dann
das Selbst vor anderen aus, dass ich dies hüte und den anderen nicht.
97. Wenn ich den anderen deshalb nicht behüte, weil sein Leid mich nicht
peinigt: Auch durch das Leid des zukünftigen Körpers wird mir keine Pein.
Warum behüte ich ihn dann?
98. Anzunehmen, dass auch dann im nächsten Leben nur ich es sei, ist falsch,
denn ein anderer ist gestorben, ein anderer ist geboren.
99. Wenn nur der das Leid abwehren soll, der es empfunden hat, dann ist der
Schmerz des Fußes nicht die Sache der Hand. Warum behütet sie ihn?
100. Wenn man meint, dass dies, obschon falsch, aus dem Ichbewusstsein
hervorgeht, sagen wir, dass das, was falsch ist, eigenes oder fremdes, nach
Kräften beseitigt werden muss.
101. Kontinuum und Aggregat sind irreal, wie eine Reihe von Ameisen und
ein Heer. Zu dem das Leid gehört, den gibt es nicht. Wem also wird es eigen
sein?
102. Herrenlos sind alle Leiden ohne Unterschied. Der Leidhaftigkeit alleine
wegen sind sie zu besiegen. Was könnte da eine Einschränkung auf eigene
Leiden oder die anderer begründen?
103. "Warum muss das Leid beseitigt werden, da es doch zu keinem gehört?"
Weil alle dieser Meinung sind. Wenn man es beseitigen muss, dann gilt das
für ein jedes Leid; wenn nicht, dann auch nicht für das eigene, wie für jedes
andere Leid.
104. "Wozu ergibt sich mit Gewalt im Wandel eines Bodhisattva das große
Leiden durch das Mitleid?" Sieht man das Leid der Welt, wie ist das Leiden
durch das Mitleid groß zu nennen?
105. Wenn das Leiden vieler durch eines einzigen Leiden vergeht, dann muss
der, der für sich und für die anderen voll Mitleid ist, dieses Leiden eben
hervorrufen.
106. Deshalb hat der Bodhisattva Supuspacandra, obwohl er das Unheil, das
vom König drohte kannte, zugunsten der vielen Leidenden das eigene Leid
nicht gescheut.
107. So dringen die Bodhisattvas, deren geistiges Kontinuum voll entwickelt
ist, und die, was ihnen lieb, dem Leiden anderer gleich halten, in die
schlimmste Hölle ein, wie Gänse in ein Lotusdickicht.
108. Sie, die ein Meer von Freude sind, wenn die Wesen erlöst werden,
haben sie nicht damit ihr äußerstes Glück erreicht? Was bedeutet ihnen noch
eine Erlösung ohne Geschmack
109. Und hat dann der Bodhisattva das Heil der anderen gewirkt, gibt es nicht
Stolz noch Hochmut, noch ein Verlangen nach abgegoltener Furcht, denn er
dürstet allein nach der anderen Heil.
110. Wie ich mich selbst letztlich vor Herabsetzung schütze, so verwirkliche
ich deshalb auch den anderen gegenüber die geistige Haltung des Schützens
und die des Mitleids.
Austauschung des anderen und des Selbst
111. Aus Gewohnheit gibt es die Erkenntnis "ich" mit Bezug auf die fremden
Tropfen von Samen und Blut, obgleich es kein Wirkliches gibt, das Grund für
die Erkenntnis sein könnte.
112. Warum wird nicht auch der fremde Körper als Selbst erkannt? Das
Fremdsein des eigenen Körpers steht ja fest und so ist die Austauschung des
anderen und des Selbst nicht schwierig.
113. Hat man das Selbst als fehlerhaft erkannt und die anderen als
Tugendmeere, soll man die Aufgabe des Selbst und die Annahme des
anderen üben.
114. Warum sind einem die Wesen als Teile der Welt nicht ebenso teuer, wie
die Hand und andere Glieder als Teile des Körpers.
115. Wie die Erkenntnis des Selbst sich aus Gewohnheit auf diesen eigenen
wesenlosen Körper bezieht, warum ergibt sich nicht ebenso aus Gewohnheit
der Begriff des selbst mit Bezug auf die anderen?
116. Und hat man so das Heil der anderen gewirkt, gibt es nicht Stolz noch
Hochmut. Hat man sich selbst in den anderen genährt, ergibt sich auch kein
Hoffen auf eine Frucht.
117. Wie du dich selbst vor Schmerzen etwa und Kummer schützen willst, so
sollst du deshalb der Welt gegenüber die geistige Haltung des Schützens und
die des Mitleids üben.
118. Daher hat der Bodhisattva Avalokita, der schützende Herr, sogar seinen
Namen gewidmet, um dem Menschen, der an ihn denkt selbst die Furcht vor
der Scheu in einer Versammlung zu nehmen.
119. Vor einer schwierigen Aufgabe möge man nicht fliehen, denn kraft der
Gewohnheit freut man sich nicht mehr ohne das, vor dem man schon zittert,
hört man es nur.
120. Wer rasch das Selbst und die anderen retten will, der möge sich diesem
höchsten Geheimnis widmen: der Austausch des anderen und des Selbst.
121. Aus übergroßer Liebe zum Selbst entsteht die Angst auch durch geringe
Gefahr. Wer würde dieses Selbst nicht hassen, das Angst bringt, wie ein
Feind,
122. dies Selbst das, Krankheit, Hunger, Durst und anderes abzuwehren,
Vogel, Fisch und Wildtier tötet, und allen feindlich im Weg steht,
123. dies Selbst, das des Gewinns und der Ehren wegen selbst Vater und
Mutter morden, den Besitz der drei Juwelen rauben würde, so dass es in der
schlimmsten Hölle Brennstoff werden dürfte?
124. Welcher Verständige wird dieses Selbst begehren, es schützen, es
verehren? Wer wird es nicht für einen Feind ansehen und wird es achten?
125. Wer denkt "Wenn ich gebe, was werde ich essen?" wird um des Selbst
willen zu einem menschenfressenden Dämon. Wer denkt, "Wenn ich esse,
was will ich geben?" wird um des anderen Willen zu einem Götterkönig.
126. Hat man um des Selbst willen den anderen gequält, wird man in den
Höllen usw. gekocht. Hat man aber um des anderen Willen sich selbst
gequält, ergibt sich Glück in allem.
127. Hat man eben dies Verlangen, sich selbst zu erhöhen, durch das sich um
nächsten Leben ein schlechtes Geschick, Niedrigkeit und Blödheit ergeben,
auf den anderen übertragen, stellen ein gutes Geschick, Ehre und Verstand
sich ein.
128. Hat man um des Selbst willen über den anderen verfügt, erfährt man
Sklaventum und andere Abhängigkeit. Hat man dagegen über das Selbst um
des anderen willen verfügt, erfährt man Herrschaft und andere Freiheit.
129. Die unglücklichen sind in der Welt, sie alle sind es durch das Verlangen
nach eigenem Glück. Die glücklichen sind in der Welt, sie alle sind es durch
das Verlangen nach dem Glück der anderen
130. Wozu viele Worte? Betrachtet doch diesen Unterschied zwischen dem
Toren, der seine eigenen Zwecke verfolgt, und dem Weisen, der für die
Zwecke der anderen wirkt!
131. Die Buddhaschaft ist sicherlich nicht zu verwirklichen, doch wie könnte
selbst im Kreislauf der Existenzen Glück sich einstellen, wenn man das
eigene Glück nicht mit dem Leiden der anderen tauscht?
132. Lassen wir einmal das nächste Leben! Selbst sichtbarer Nutzen in dieser
Welt stellt sich nicht ein, wenn der Diener sein Werk nicht tut, der Herr den
Lohn nicht gibt.
133. Die Verblendeten verzichten darauf, sich gegenseitig Glück zu bereiten -
der Ursprung des Glücks in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt -
und, da sie einander leiden lassen, wählen sie grausiges Leid.
134. Die Heimsuchungen, die die Welt bietet, die vielen Leiden und
Gefahren, all das kommt davon, dass man ein Selbst begreift. Was nützt also
dieses Begreifen?
135. Ohne das Selbst zu meiden, kann dem Leid nicht entgehen, wie man
nicht, ohne das Feuer zu meiden, dem Brand entgehen kann.
136. Um das eigene Leid zu stillen und um der anderen Leid zu stillen, gebe
ich deshalb das Selbst den anderen und nehme die anderen an als mein
Selbst.
137. "Mit den anderen bin ich verbunden." Versichere dich dessen, mein
Geist! Nun darfst du an nichts anderes mehr denken als an den Nutzen aller
Wesen..
138. Es ist nicht recht, dass die Augen usw., die diesen gehören, den eigenen
Nutzen sehen usw., es ist nicht recht, dass die Hände usw., die anderen
gehören, zu eigenem Nutzen sich rühren.
139. Was immer du daher, ganz auf die Wesen bedacht, an diesem Körper
siehst, all das nimm von ihm weg und nütze es zum Heil für die anderen!
140. Hast du die Idee des Selbst in die niedrigen Wesen und andere gelegt,
und die Idee des anderen in dich selbst, dann magst du unbedenklichen
Sinnes Eifersucht und Stolz üben:
141."Dieser wird geehrt, ich nicht; ich bin nicht reich wie er; er wird gelobt,
mich muss man tadeln; unglücklich bin ich, er ist glücklich.
142. Ich mache die Arbeit, er aber steht bequem dabei; er ist freilich groß in
der Welt, ich bin gering und unzulänglich.
143. Was fängt man an mit einem, der ohne Vorzug ist? Eines jeden Selbst
hat seine Vorzüge. Es gibt Leute, unter denen bin ich gering; es gibt Leute,
unter denen bin ich besser.
144. Dass meine Sitten und Anschauungen voll Mängel sind etwa, kommt
von der Kraft der Laster, nicht durch mich selbst. Wenn möglich, soll man
mich heilen; selbst Schmerzen nehme ich auf mich.
145. Wenn ich aber für ihn nicht heilbar bin, warum verachtet er mich? Was
habe ich von seinen Vorzügen? Er selbst aber ist an Vorzügen reich.
146. Er hat kein Mitleid für den Menschen, der im Raubtierrachen der
schlechten Schicksale steckt; obendrein will er aus Stolz auf seine Vorzüge
die Weisen übertreffen.
147. Hat er bemerkt, dass er selbst gleich anderen ist, trachtet er, sogar durch
Streit, zu Mehrung seiner Überlegenheit Gewinn und Ehren für sich
durchzusetzen.
148. Wenn doch überall in der Welt meine Vorzüge offenbar würden, und
wenn doch von den Vorzügen, die er besitzt, niemand mehr hörte!
149. Möchten doch auch meine Fehler verdeckt werden, möchte doch mir
Verehrung zuteil werden, nicht ihm! Nun bin ich leicht zu Reichtum gelangt;
verehrt bin ich, er aber nicht.
150. Voll Freude sehen wir endlich nach langem, dass er verächtlich gemacht
worden ist, ein Gespött für alle Welt, hier und dort geschmäht.
151. Denn dieser Elende misst sich tatsächlich mit mir. Hat er denn soviel
Gelehrtheit, Wissen, Schönheit, Familie und Gut?
152. Wenn ich so höre, wie meine Vorzüge hier und dort gepriesen werden,
genieße ich erregt mit gesträubten Härchen das Freudenfest.
153. Wenn er auch ein Gut besäße, wir müssten es mit Gewalt ihm nehmen
und ihm nur das Lebensnotwendige lassen, falls er unsere Arbeit tut.
154. Und aus dem Glück soll er vertrieben werden, mit unserer Not für
immer beladen. Alle sind wir von ihm hundertfach in den Kreislauf gestürzt
worden."
155. Unermessliche Weltalter sind vergangen, während du den eigenen
Nutzen suchtest. Durch diese große Mühsal hast du nichts als Leid
gewonnen.
156. Widme dich so auf meinen Befehl dieser Betrachtung der Austauschung
des anderen und des Selbst ohne zu zögern! Ihre Vorzüge wirst du später
sehen, denn die Worte des Buddha sind wahr.
157. Wenn du dies Werk schon früher getan hättest, wärest du nicht in
diesem Zustand, ganz zu schweigen von dem Glück der Vollendung, das den
Buddhas zu eigen und das du bereits gewonnen hättest.
158. Wie du mit Bezug auf den fremden Tropfen von Samen und Blut das
Ichbewusstsein gepflegt hast, so übe es deshalb auch mit Bezug auf die
anderen Wesen!
159. Was immer du nun als fremder Späher an diesem Körper siehst, all das
nütze, um es ihm zu nehmen, zum Heil für die anderen.
160. Dieses Selbst hat es gut, der andere ist übel dran. Der andere ist am
Boden, dieses Selbst ist erhöht. Der andere arbeitet. dieses nicht: So sollst du
voll Eifersucht sein auf das Selbst.
161. Und aus dem Glück vertreibe das Selbst, zwinge es in das Leid des
anderen. Prüfe seine krummen Wege: Wann tut es was?
162. Lass Schuld, auch wenn von anderen begangen, allein auf sein Haupt
fallen, und enthülle dem Buddha seine Schuld, auch wenn sie gering ist.
163. Verdunkle dadurch seinen Ruf, dass du den besseren Ruf des anderen
verkündest, und stelle es wie einen niedrigen Sklaven an für die Bedürfnisse
der Wesen.
164. Denn dies aus Schuld bestehende Selbst soll man nicht des Anteils
zufälliger Tugenden wegen loben. Handle so, dass niemand seinen Vorzug
erkenne!
165. Kurz, was immer du um des Selbst willen anderen angetan hast, lass all
das Böse um der Wesen willen auf dich selbst fallen.
166. Auf keinen Fall soll man dem Selbst Kraft gewähren, dass es
geschwätzig werden könnte. Wie eine Jungvermählte soll man es halten,
schamhaft, furchtsam und zurückgezogen.
167. Handle so! Halte dich so! Das darfst du nicht tun! - so soll man es
beherrschen. Bestraft werden muss es, übertritt es diese Befehle.
168. Wenn du dies nicht tun wirst, o mein Geist. obwohl es dir so
aufgetragen, werde ich dich strafen, denn alle Fehler liegen bei dir.
169. Wo willst du hingehen? Ich sehe dich. Allen Stolz zerschlage ich dir.
Die alte Zeit hat sich verändert, als ich von dir vernichtet worden bin.
170. Lass nun die Hoffnung fahren, du wärst auch heute noch von Interesse.
Dich habe ich an die anderen verkauft, der du ihrer großen Verzweiflung
nicht achtest.
171. Wenn ich dich nämlich aus Leichtsinn nicht den Wesen übergebe, wirst
du mich den Wächtern der Hölle übergeben. Kein Zweifel.
172. Und so bin ich ihnen von dir schon oft übergeben worden und wurde
lange gequält. Dieser Feindlichkeit eingedenk vernichte ich dich Sklaven
eigener Zwecke.
173. Wenn du das Selbst liebst, darfst du dich selbst nicht lieben. Wenn du
das Selbst schützen musst, darfst du es nicht schützen.
Schlussbetrachtung
174. Je mehr dieser Körper behütet wird, umso zarter wird er und fällt umso
mehr hinab.
175. Aber obschon er fällt, ist diese ganze Erde nicht genug, um sein
Begehren zu stillen. Wer also wird sein Verlangen stillen?
176. Wer das Unmögliche verlangt, erfährt Mühsal und die Zerstörung seiner
Hoffnungen, doch unvergängliche Seligkeit, wer nirgends hofft.
177. Man darf daher dem Körper zum Gedeihen seiner Wünsche keine
Freiheit lassen. Gut ist wahrlich nur das, was man nicht ergreift, da man nach
ihm verlangt.
178. Dieses grausige unreine Standbild, dessen Ende in der Asche liegt, das,
leblos, von einem anderen bewegt wird, warum betrachte ich es als mein?
179. Was habe ich von dieser Maschine, sei sie lebendig oder tot? Was
unterscheidet sie etwa von einem Klumpen Lehm? O Ichbewusstheit, du
vergehst nicht!
180. Vergeblich erwirbt man dadurch das Leid, dass man zum Körper hält.
Was hat er, einem Holze gleich, von Hass oder von Liebe?
181. Er zeigt weder Liebe noch Hass, mag ich ihn derart behüten, mag er von
Geiern etwa gefressen werden. Warum liebe ich ihn?
182. Wenn er selbst davon nichts weiß, dessen Erniedrigung mich erzürnt
und dessen Verehrung mich befriedigt, für wen bemühe ich mich dann?
183. Die diesen Körper lieben, die freilich sind meine Freunde. Alle aber
lieben ihren Körper; warum sind nicht auch sie mir wert?
184. Gleichgültig habe ich den Körper aufgegeben zum Heil der Welt. Von
nun an trage ich ihn, obschon er voll Fehler, wie ein Werkzeug.
185. Genug darum von den Lebensweisen der Welt! Den Weisen will ich
folgen, im Gedanken an die Lehrrede über die Wachsamkeit Starrheit und
Schlaffheit meines Geistes abwehrend.
186. Um jedes Hemmnis zu beseitigen, ziehe ich den Geist vom schlechten
Wege ab und will die Sammlung üben, die sich beständig auf ihr
entsprechendes Objekt bezieht.
Vollkommenheit der Einsicht
EINLEITUNG
1. Dass diese ganze Schar von Vollkommenheiten der Einsicht dient, hat der
Weise gesagt. Die Einsicht möge der Bodhisattva daher entwickeln, da er
sich nach dem Aufhören des Leidens sehnt.
ZWEI ARTEN VON WIRKLICHKEIT.
Definition
2. Die verhüllte Wirklichkeit und die absolute Wirklichkeit, diese zwei
Wirklichkeiten nehmen wir an. Die absolute Wirklichkeit ist nicht
Gegenstand von Erkenntnis. Die Erkenntnis wird als verhüllte Wirklichkeit
bezeichnet.
Unterschied der Menschen dem Erkenntnisgrad nach
3. Diesen beiden Wirklichkeiten entsprechend kennen wir zwei Arten von
Menschen: den die Versenkung übenden Yogis und die gewöhnlichen
Menschen. Von diesen beiden Arten von Menschen werden die
gewöhnlichen in ihrer Weltsicht von den Yogis entkräftigt.
4. - auch die Yogis werden dem höheren Grad der Erkenntnis entsprechend
von den jeweils fortgeschritteneren entkräftigt -, und zwar durch das von
beiden den gewöhnlichen Menschen für die Welt im Traum, und den Yogis -
und bei in unterschiedlicher Weise - für die Welt der Erscheinungen im
weitesten Sinne anerkannte Beispiele der Illusion usw., auf das sich der
Nachweis der Wesenlosigkeit aller Erscheinungen stützt, denn um das Zieles
(der Buddhaschaft) willen zögern sie nicht, die Mittel dafür zu gebrauchen.
5. Die gewöhnlichen Menschen sehen die Dinge und halten sie auch für
wirklich, nicht aber für gleich einer Illusion. Darin liegt der Unterschied in
der Auffassung zwischen dem Yogis und dem Gewöhnlichen.
Entkräftigung
- des buddhistischen Realismus
6. Auch die wahrnehmbaren Konstituenten der Persönlichkeit, das
Körperliche usw., sind durch Konvention gegeben, nicht durch gültige
Erkenntnis. Diese Konvention ist falsch, wie die, welche Unreines usw. für
Reines usw. hält.
7. Der Meister hat die Dinge gelehrt, um die gewöhnlichen Leute an die
wahre Lehre heranzuführen. In Wirklichkeit gibt es die augenblicklichen
Dinge nicht. Meint man, dass es sie der verhüllten Wirklichkeit nach gibt und
dass diese Auffassung in Widerspruch steht mit der Wahrnehmung
nichtaugenblicklicher Dinge,
8. sagen wir, dass es diesen Widerspruch nicht gibt, weil der verhüllten
Wirklichkeit der Yogis nach, die die Substanzlosigkeit erkannt haben, die
Dinge als augenblicklich erkannt werden. Gegenüber der Welt der
gewöhnlichen Leute sind es diese Yogis, die die Wirklichkeit erkennen.
Andernfalls würdet auch ihr mit der Welt in Konflikt stehen, wenn ihr die
Frau als unrein betrachtet, die von der Welt als rein gehalten wird.
9. Einwand: Wie kann durch den einer Illusion vergleichbaren Buddha
Verdienst entstehen, indem man ihn verehrt?
Antwort: Und wie, selbst wenn er wirklich wäre?
Einwand: Wenn das Wesen einer Illusion vergleichbar ist, wie kann es dann,
einmal gestorben, wieder geboren werden?
10. Antwort: Auch eine Illusion währt nur so lange wie der Komplex ihrer
Ursachen. Warum sollte es bloß dadurch, dass das Kontinuum von Ursachen
und Wirkungen lange dauert, das Wesen in Wirklichkeit geben?
11.Ein Phantom zu töten etwa, ist keine Sünde, weil ihm das Denken fehlt.
Verdienst und Sünde ergeben sich aber, wenn das Wesen mit der Illusion des
Denkens ausgestattet sind.
12. Einwand: Da etwa Zaubersprüche nicht fähig sind es hervorzubringen,
kann es ein illusorisches Denken nicht geben.
Antwort: Auch Illusion ist von vielerlei Art und von vielerlei Ursachen.
13. Nirgends ist eine einzige Ursache fähig, alles hervorzubringen.
Einwand: Wenn das der absoluten Wirklichkeit nach im Nirvana befindliche
Wesen der verhüllten Wirklichkeit nach im Kreislauf der Existenzen wandert,
14. dann wird auch der Buddha im Kreislauf sein. Was ist dann der Zweck
des Lebens zur Erleuchtung?
Antwort: Solange die Ursachen nicht unterbrochen sind, ist auch die Illusion
nicht unterbrochen.
15. Wenn aber die Ursachen unterbrochen sind, dann gibt es selbst der
verhüllten Wirklichkeit nach keine Existenz mehr.
- des buddhistischen Idealismus
Einwand: Wenn es den Irrtum eines illusorischen Denkens nicht gibt, wer
erkennt dann die Illusion?
16. Antwort: Wenn es für dich einmal die Illusion als wirkliches Objekt gibt,
was wird dann erkannt? Wenn auch diese objekthafte Erscheinungsform bloß
eine des Denkens ist, ist die doch sachlich etwas von seiner subjektiven
Erscheinungsform verschiedenes.
17. Wenn aber das Denken selbst die objektive Illusion ist, was wird dann
von wem erkannt? Außerdem hat der Buddha gesagt, dass das nicht das
Denken sieht.
18. Wie ein Schwertblatt sich selbst nicht schneidet, so sieht auch das
Denken nicht sich selbst.
Einwand: Das Denken erleuchtet sich selbst wie das Lampenlicht.
19. Antwort: Das Beispiel ist falsch, denn das Lampenlicht wird keineswegs
erleuchtet, weil es nicht von Dunkel verhüllt war.
Einwand: Es hängt doch nicht ein Blaues, um blau zu sein, von einem
anderen ab, wie ein Kristall.
20. So sieht man, dass einige Dinge von anderen abhängen, und einige
unabhängig sind.
Antwort: Auch das zweite Beispiel ist falsch, denn wenn das Blausein fehlt,
weil die Ursachen dafür fehlen, kann doch das Blaue nicht sich selbst von
sich aus blau machen.
21. Wenn wir nun zugestehen, dass das Lampenlicht sich selbst erleuchtet:
Dass das Lampenlicht licht ist, erkennt und vermittelt die Erkenntnis; dass
aber die Erkenntnis licht ist, wodurch wird das erkannt und vermittelt?
23. Wenn die Erkenntnis ihrerseits durch nichts erkannt wird, mag sie nun
licht sein wie das Lampenlicht oder nicht licht wie ein Topf, dann ist sie,
auch wenn von ihr geredet wird, sinnlos, wie die Koketterie der Tochter einer
Unfruchtbaren.
24. Einwand: Wenn es das Selbstbewusstsein nicht gibt, wie kann man sich
dann an die Erkenntnis erinnern?
Antwort: Man erinnert sich an die Erkenntnis, wenn etwas anderes als die
Erkenntnis wahrgenommen worden ist, durch die Verbindung, die die
erfassende Erkenntnis mit dem Objekt hat, wie im Falle von Rattengift, das
zuerst eingegeben wird und später wirkt, wenn es donnert.
25. Einwand: Weil man ein mit anderen Bedingungen, wie der Kunst des
Gedankenlesens oder der übernatürlichen Hellsicht usw. in Beziehung
stehendes Denken anderer Person erkennt, erleuchtet die Erkenntnis sich
selbst und ebenso auf Grund bestimmter Bedingungen, wie der unmittelbar
vorhergehenden gleichartigen Erkenntnis, des Objektes hat usw..
Antwort: Der Topf, den man durch Verwendung einer Zaubersalbe gesehen
hat, dürfte doch sicherlich nicht die Salbe selbst sein.
26. Dass es durch Sinneswahrnehmung, glaubwürdige Überlieferung und
Schlussfolgerung Erkanntes gibt, verneinen wir im Rahmen der
Erfahrungswelt keineswegs. Wir verwerfen aber in unserer Sicht, dass die
Annahme der Erkenntnis der wahren Wirklichkeit nach Grund für das Leiden
sei.
27. Wenn ihr meint, die Illusion sei nichts anderes als der Geist, stellen wir
fest, dass sie auch nicht dasselbe ist. Wenn sie ferner wirklich ist, wie kann
sie dann nicht etwas anderes sein als der Geist? Und wenn sie dasselbst ist,
dann ist sie nicht wirklich.
28. Wie die Illusion, obwohl sie nicht existiert, sichtbar ist, so ist (nach
unserer Auffassung) der Geist das, was sieht, obwohl er ebenfalls nicht
existiert. Wenn du meinst, der Kreislauf der Existenzen stütze sich auf etwas
Wirkliches, nämlich auf den Geist, dann wird er etwas anderes als dieses
Wirkliche sein und daher unwirklich wie der Äther.
29. Wie könnte ein Nichtseiendes wie der Kreislauf durch eine wirkliche
Grundlage Wirksamkeit erhalten? Für dich ergibt sich also tatsächlich, dass
der Geist mit einem Nichtseienden verbunden und daher allein ist.
30. Wenn der Geist ohne Objekt ist, dann sind alle Wesen Buddhas. Und
wenn es so wäre, was hast du davon, selbst wenn du der Meinung bist, dass
es nur den Geist gibt?
Die Methode der Madhyamaka
31. Einwand: Auf welche Weise hört denn das Laster auf, selbst wenn man
erkannt hat, dass die Welt einer Illusion gleicht? Entflammt nicht in Liebe
auch ihr Schöpfer zu der Frau, die er durch Zauber geschaffen hat?
32. Antwort: (Ja, aber deshalb), weil bei ihrem Schöpfer die Tendenz, seinem
Objekt ein Sein zuzuschreiben, nicht aufgehört hat und deshalb, wenn er
diese Frau sieht, sie als leer zu erkennen zu schwach ist.
33. Wenn man sich der Tendenz zur Leerheit versichert, schwindet die
Tendenz zum Sein, und später schwindet durch die Einübung der Erkenntnis,
dass nichts existiert, auch diese Tendenz zur Leerheit.
34. Wenn man auf kein Sein mehr stößt, von dem man annehmen könnte,
dass es nicht existiere, wie könnte sich dann dem Geist ein anhaltsloses
Nichtsein bieten?
35. Wenn sich dem Geist nicht Sein noch Nichtsein bieten, dann findet er,
anhaltslos, die Ruhe, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht.
Das Wesen des Buddha und der Sinn seiner Verehrung
36. Wie das Wunschjuwel, wie der Wunschbaum, der die Wünsche der
Wesen erfüllt, so erscheint der Leib des Buddha durch die Reifung der
heilsamen Taten der Gläubigen und die vom Buddha noch als Bodhisattva
gefassten Vorsätze, das Heil der Wesen zu verwirklichen.
37. -38. So wie der Pfahl, den ein Schlangenbeschwörer vor seinem Tode
noch geweiht hat, die Wirkungen von Giften und anderem beilegt, auch wenn
dieser schon lange tot ist, so wirkt auch der Buddha-Pfahl, der dadurch
geweiht ist, dass der Bodhisattva dem Leben zur Erleuchtung entsprochen
hat, alle Wirkungen, auch wenn der Bodhisattva erloschen ist.
39. Aber wie brächte ein Kult Frucht, der einem Wesen ohne Geist erwiesen
wurde? Weil in der Überlieferung gelehrt wird, dass die Frucht des Kultes die
gleiche ist, beim lebendigen und beim erloschenen Buddha.
40. Der Überlieferung nach ist die Frucht seines Kultes von verhüllter oder
auch wahrhafter Wirklichkeit. Daher hat auch der Kult des erloschenen
Buddha seine Frucht. Wie wäre es sonst möglich, dass der dem wirklichen
Buddha erwiesene Kult eine Frucht hat, da der Buddha in jedem Falle
erloschen ist?
AUCH DAS ZIEL DES HINAYANA, BLOßE ERLÖSUNG, SETZT DIE
ERKENNTNIS DER LEERHEIT VORRAUS
41. Einwand: Die Erlösung ergibt sich aus der Erkenntnis der vier edlen
Wahrheiten. Wozu dann die Erkenntnis der Leerheit?
Antwort: Weil die Überlieferung lehrt, dass es ohne diesen Weg keine
Erleuchtung gibt.
Authentizität des Mahayana
42. Einwand: Nun ist aber das Mahayana für mich als autoritative
Überlieferung gar nicht gesichert.
Antwort: Wieso ist denn deine Überlieferung gesichert?
Gegner: Weil sie für uns beide gesichert ist.
Antwort: Aber für dich war sie auch nicht gesichert, bevor du selbst sie
erkannt hast.
43. Aus welchen Gründen du diese deine Überlieferung wert hältst, mache
doch auch im Falle des Mahayana von derselben Wertschätzung Gebrauch!
Wenn du aber meinst, dass das wahr sei, was von zwei anderen angenommen
wird, nämlich von dir und von den Brahmanen, dann ist auch der Veda usw.
wahr.
44. Wenn du meinst, das Mahayana als Tradition sei voller
Meinungsverschiedenheiten, dann gibt auch deine eigene Überlieferung auch
und jede andere Überlieferung, denn Meinungsverschiedenheiten gibt es auch
in deiner Tradition sowohl mit Andersgläubigen, als auch mit Anhängern der
eigenen und anderen Schulen des Hinayana.
Ungenügen des Hinayana
45. Die Lehre des Buddha wurzelt im Zustand des Bettelmönchs, der von
allen Lastern ledig ist; und eben dieser Zustand des Bettelmönchs, aber auch
das restlose Nirvana, ist bei denen kaum möglich, deren Geist noch an
Objekten hängt.
46. Wenn sich die Erlösung durch die Zerstörung der Laster ergäbe, dann
müsste sie unmittelbar nach dieser Zerstörung der Laster durch die
Erkenntnis der vier edlen Wahrheiten eintreten. Und doch wissen wir aus der
Überlieferung, dass die der Laster ledig ist noch fähig zu einem Werk, wenn
es auch lasterfrei ist.
47. Wenn nun festgestellt wird, dass bei diesen der Durst, die Ursache der
Wiedergeburt, nicht mehr vorhanden ist, fragen wir: Ist nicht dennoch Durst,
auch wenn er lasterfrei ist wie das Streben nach dem Nirvana, bei ihnen
vorhanden, genauso wie die lasterfreie Verblendung des Glaubens, dass die
Gegebenheiten leidvoll sind?
48. Außerdem ist der Durst durch die Empfindung verursacht; und
Empfindung findet sich bei ihnen. Und das Nirvana ist nicht möglich, denn
ein Geist, der noch ein Objekt hat, muss noch auf diesem oder jenem
verweilen.
49. Ohne die Leerheit kehrt der objekt-gebundene Geist wieder, wie im Falle
der Versenkung der Unbewusstheit. Daher soll man die Leerheit betrachtend
üben.
Unmöglichkeit der Furcht vor der Leerheit
53. Einwand: Weil sie aber einerseits an der Existenz hängen und sich
andererseits vor der Leerheit fürchten, werden sie nicht erlöst. Daher steht
das Verbleiben der leidenden Wesen im Kreislauf wegen ihrer Verwirrung
über das Objekt der erlösenden Erkenntnis fest. Die Leerheit hat also dieselbe
Frucht.
54. Antwort: Der in dieser Art gegen die These von der Leerheit als Grund
für die Erlösung vorgebrachte Einwand ist nicht angebracht. Daher soll man,
der Zweifel ledig, die Leerheit betrachten.
55. Denn die Leerheit ist das Gegenmittel für das Dunkel der Hemmnisse der
Laster und des zu Erkennenden. Warum betrachtet sie nicht unverzüglich,
wer nach Allwissenheit sich sehnt?
56. Vor dem, was Leiden bringt, mag Furcht entstehen. Die Leerheit bringt
das Leid zur Ruhe. Warum sich vor ihr fürchten?
57. Vor dem oder jenem mag man sich fürchten, solange das "Ich" etwas
Wirkliches ist; wenn aber eben das "Ich" nichts Wirkliches ist, wer soll sich
dann fürchten?
NACHWEIS DER LEERHEIT
Nachweis der Wesenslosigkeit eines substantiellen Ich
Das "Ich" ist nicht körperlich - gegen den Materialismus
58. -60. Ich bin nicht die Zähne, das Haar, die Nägel, die Knochen und nicht
das Blut, der Rotz bin ich auch nicht und nicht der Schleim, auch nicht der
Eiter oder der Speichel; ich bin nicht das Fett und nicht der Schweiß; nicht
die Lymphe noch die Eingeweide bin ich; die Gedärme bin ich und nicht der
Kot und der Urin; ich bin nicht das Fleisch noch die Sehne, nicht die
Körperwärme noch der Körperwind, und ich bin nicht die Körperöffnungen
und in keiner Weise die sechs Sinneserkenntnisse.
Das "Ich" ist nicht geistig - gegen das Samkhya
61. Wenn die Hör-Erkenntnis das Ich wäre, dann erfasste man den Ton
immer, weil ihr das Ich als ewig betrachtet. Ohne Objekte aber, was erkennt
sie, dass man sie Erkenntnis nennt?
62. Wenn Erkenntnis ist, was nicht erkennt, dann folgt, dass Holz Erkenntnis
ist. Daher steht fest, dass es eine Erkenntnis ohne ein mit ihr in Beziehung
stehendes Objekt nicht gibt.
63. Die nämliche Erkenntnis, die den Ton erfasst, erkennt die Farbe. Warum
hört sie nicht auch zu selben Zeit? Meint man, weil der Ton dann nicht mit
ihr in Beziehung steht, dann gibt es auch diese Erkenntnis des Tons nicht.
64. Wie könnte jene Erkenntnis, deren Natur es ist, den Ton zu erfassen, die
Farbe erfassen? Ein und derselbe kann sowohl als Vater als auch als Sohn
gedacht werden, es ist aber nicht der Wirklichkeit nach,
65. denn die drei Konstituenten der Urmaterie Güte, Leidenschaft und
Finsternis, die nach deiner Meinung das Wirkliche sind, sind weder Sohn
noch Vater. Die mit dem Erfassen des Tons verbundene Natur der Erkenntnis
dagegen ist von der die Farbe erfassenden Erkenntnis nicht zu denken.
66. Die nämliche Erkenntnis des Tons könnte nach deiner Auffassung die
Farbe in einer anderen Natur erfassen, wie ein Schauspieler, der verschiedene
Kostüme trägt, und der ist nicht ewig. Meinst du, es sei dasselbe Ich oder
derselbe Schauspieler, die mit einer anderen Natur agieren, das wäre
allerdings eine unerhörte Einheit dieses Prinzips.
67. Meinst du, die andere Natur sei nicht wirklich, dann musst du mir seine
eigene Natur angeben. Soll es die Natur der Erkenntnis sein, dann folgt, dass
alle Menschen ein und dasselbe sind.
68. Auch wären Geistigkeit der Seele und Ungeistigkeit der Urmaterie ein
und dasselbe, weil die Natur der Existenz bei beiden gleich ist. Wenn nicht
Identität, sondern Ähnlichkeit die Gleichheit der Erkenntnis oder Existenz
begründen soll, aber der Unterschied nicht wirklich ist, worauf soll dann die
Ähnlichkeit beruhen? Das "Ich" ist nicht die mit Erkenntnis verbundene
ungeistige Seele - gegen das Nayaya-Vaisesika.
69. Auch das ungeistige Selbst, die Seele ist nicht das Ich, weil es ungeistig
ist, wie etwa ein Tuch. Meint man, die Seele erkenne auf Grund der
Verbindung mit dem Geistigen, dann folgt, dass sie, wenn sie nicht erkennt,
tot ist.
70. Wenn das Selbst ganz unverändert ist, was kann die Geistigkeit dann für
es tun? So kann man auch meinen, dass der nicht erkennende und nicht tätige
Äther das Selbst sei.
Kausalität der Werke ist ohne ein "Ich" möglich
71. Meint man, ohne ein Selbst gäbe es keine Verbindung zwischen dem
Werk und der Vergeltung, wem wird dann die Vergeltung zuteil, wenn er, der
das Werk getan hat, zugrunde gegangen ist?
72. Für uns beide ist erwiesen, dass Werk und Vergeltung verschiedene
Bereiche haben, und das Selbst ist nach deiner Meinung in dieser Hinsicht
untätig. Ist dann der Streit über dieses Selbst nicht überflüssig?
73. Den Fall, dass der, der mit dem Werk verbunden ist, auch mit der
Vergeltung verknüpft ist, können wir nicht sehen. Nur auf die Einheit des
Kontinuums hat der Buddha sich bezogen, als er einen Täter und einen
Genießer gelehrt hat.
74. Vergangener und zukünftiger Gedanke ist nicht das Ich, denn er ist nicht
vorhanden. Ist das vorhandene Denken das Ich, dann gibt es das Ich wieder
nicht, wenn es vergangen ist.
75. Wie der in Teile zerlegte Stamm der Banane nicht existiert, so ist auch
das Ich nicht wirklich, wenn es kritisch geprüft wird.
Entwicklung des Mitleids ist ohne ein "Ich" möglich
76. "Wenn es die Wesen nicht gäbe, wem gegenüber übte dann der
Bodhisattva das Mitleid?" Es ist das Wesen, das dem Irrtum der verhüllten
Wirklichkeit nach vorgestellt wird, den man sich um des Zieles der
Buddhaschaft willen zu eigen macht.
77. Wenn es das Wesen nicht gibt, wer hat dann ein solches Ziel? Richtig!
Die Anstrengung aber beruht auf dem Irrtum. Den Irrtum des Zieles aber
lehnen wir nicht ab, weil wir das Leid beenden wollen.
78. Aus dem Irrtum des Selbst erwächst doch das Ichbewusstsein, des
Leidens Ursache. Und wenn es durch diesen falschen Glauben an das Selbst
nicht beseitigt werden kann, ist die Betrachtung der Ichlosigkeit vorzuziehen.
Nachweis der Wesenslosigkeit der Gegebenheiten:
durch die "vier Konzentrationen der Wachsamkeit"
- auf den Köper
79. -80. Nicht die Füße, nicht die Unterschenkel, nicht die Oberschenkel sind
der Körper, auch nicht die Hüften; es ist auch nicht der Bauch, nicht der
Rücken, nicht die Brust, nicht die Arme; die Hände sind es nicht, die Seiten
nicht, die Achseln nicht, die Schultern nicht; der Hals ist nicht der Körper,
nicht der Kopf. Was von diesen ist der Körper nun?
81. Wenn sich der Körper teilweise in allen diesen Gliedern befindet, sind es
die Glieder, die sich in den Gliedern befindet, und wo befindet er sich selbst?
82. Wenn sich der Körper als ganzes überall, in den Händen usw., befindet,
dann wird es wohl ebenso viele Körper geben, wie es Hände usw. gibt.
83. Der Körper ist also weder innerhalb, noch ist er außerhalb. Wie könnte er
dann in den Händen usw. sein? Von den Händen usw. ist er nicht getrennt. In
welcher Weise ist er nun vorhanden?
84. Also gibt es den Körper nicht. Auf Grund des durch die besondere
Komposition von Händen, Füßen usw. hervorgerufenen Irrtums aber gibt es
die Vorstellung von einem Körper, die sich auf die Hände usw. bezieht,
genauso wie es die Vorstellung von einem Menschen gibt, die sich auf einen
Pfahl bezieht.
85. Solange der entsprechende Ursachenkomplex währt, erscheint der Körper
als Mann oder als Frau. Ebenso sieht man, solange dieser Komplex in den
Händen usw. währt, in diesen den Körper.
86. Weiter: Was könnte der Fuß sein, da er nur ein Haufen von Zehen ist?
Und dieser, da er nur eine Vereinigung von Zehengliedern ist? Und das
Zehenglied, da es nur aus seinen Teilen besteht?
87. Und seine Teile, da sie nur aus Atomen bestehen? Und dieses Atom, da
es nur in den sechs Richtungsabschnitten besteht? Der Abschnitt einer
Richtung am Atom aber ist, weil er teillos ist, der leere Äther. Daher gibt es
kein Atom.
88. Welcher Prüfende würde sich wohl an das Körperliche klammern, das in
dieser Weise einem Traumbild gleicht? Und wenn es somit keinen Körper
gibt, was ist dann eine Frau und was ist ein Mann?
-auf die Empfindungen
89. Wenn es Schmerz in Wirklichkeit gibt, warum quält er dann nicht die, die
sich erfreuen? Wenn es Lust, etwa wohlschmeckende Nahrung, in
Wirklichkeit gibt, warum erfreut sie dann nicht den von Kummer usw.
Bedrückten?
90. Meint man, dass die eine Empfindung nicht gefühlt werde, weil sie von
einer stärkeren überwältigt wird, wie kann das Empfindung sein, was nicht
gefühlt wird?
91. Meint man, dass bei denen, die Lust empfinden, der Schmerz in subtilem
Zustand vorhanden sei, sein manifester Zustand aber unterdrückt durch die
stärkere Empfindung der Lust, und ferner, dass sein subtiler Zustand eine von
der Lust verschiedene reine, aber eben schwächere Freude sei, dann ist auch
diese verschiedene Form ein subtiler Zustand der Lust, aber kein Schmerz.
92. Wenn nach einer anderen Meinung der Schmerz in Gegenwart der ihm
entgegengesetzten Ursache nämlich der Lust nicht aufkommt, ist dann nicht
zugestanden, dass die Empfindung nichts ist als durch Einbildung verursachte
Neigung?
93. Daher unternehmen wir ja diese Untersuchung als Gegenmittel für diese
Neigung. Dass die Empfindung nur eine solche Neigung ist, ergibt sich auch
daraus, dass die Yogis sich nämlich nähren aus den auf dem Felde der
Vorstellungen gewachsenen Versenkungsstufen.
94. Wenn das Sinnesorgan und sein Objekt, falls die Empfindung durch die
Berührung zustande kommen soll, voneinander getrennt sind, wie könnten
die beiden dann zusammenkommen? Und falls sie nicht getrennt sind, dann
sind sie ein und dasselbe. Was kommt dann womit zusammen?
95. Auch bei den teilelosen Atomen ist eine Berührung nicht möglich, denn
das Atom kann in ein anderes Atom nicht eindringen, da es dicht ist und
gleichförmig. Somit gibt es weder eine Verschmelzung ohne ein Eindringen,
noch ein Zusammenkommen ohne Verschmelzung.
96. Es ist also ganz unmöglich, dass etwas Teilloses sich mit einem anderen
verbindet. Solltest du aber jemals bei einer Verbindung Teillosigkeit
festgestellt haben, dann weise sie auf!
97. Die Erkenntnis des Objekts überdies, die ja gestaltlos ist, kann sich
ebenso wenig mit dem Sinnesorgan und dem Objekt verbinden. Schließlich
auch nicht die aus Atomen zusammengesetzte Masse, denn sie ist gar nicht
wirklich, wie ich früher erklärt habe.
98. Wenn es in dieser Weise eine Berührung nicht gibt, wodurch soll es dann
eine Empfindung geben? Was hat es dann für einen Zweck, sich für Lust und
Leid zu plagen? Wer könnte denn leiden und wodurch?
99. Wenn es weder einen gibt, der empfindet, noch eine Empfindung, warum
löst du dich dann nicht auf, o Durst, wenn du diesen Umstand bemerkt hast?
100. Man sieht zwar, und man fühlt, aber das kommt daher, was man sieht
und fühlt zusammen mit dem Denken, dessen Wesen seinerseits einem
Traumbild, einem Zaubertrug gleicht, in ein und demselben
Ursachenkomplex entstanden ist, und die sich daraus ergebende Wirkung,
das Sehen und das Fühlen, ist, weil sie entstanden ist, nicht wirklich. Wir
stellen daher in Wirklichkeit keine Empfindung fest.
101. Auch dass das Sehen und Fühlen später von einer Erkenntnis erfasst
wird, ist keine Erklärung, denn eine früher und eine später eintretende
Erkenntnis ist Erinnerung, aber keine Empfindungswahrnehmung.
Schließlich nimmt die Empfindung auch nicht sich selbst wahr, und sie wird
auch nicht durch eine weitere gleichzeitige Erkenntnis wahrgenommen.
102. Es gibt auch kein Subjekt der Empfindung, also ein Prinzip, das die
Empfindung empfinden könnte. Die Empfindung ist somit nicht wirklich.
Wenn dieses ganze psychische Bündel ohne ein Ich ist, wer wird dann in
Wirklichkeit von der Empfindung gequält?
- auf den Geist
103. Das Denken ist weder in den Sinnesorganen noch in ihren Objekten der
Farbe usw., noch dazwischen. Nicht innerhalb, noch außerhalb des Körpers,
noch auch anderswo findet man das Denken.
104. Was weder im Körper ist, noch anderswo, weder in beiden zugleich,
noch irgendwo für sich, das ist in Wirklichkeit nichts. Daher sind die Wesen
von Natur aus vollständig erlöst.
105. Wenn die visuelle Erkenntnis früher ist als das Objekt, auf welches
Objekt stützt sie sich, wenn sie entsteht? Wenn die Erkenntnis gleichzeitig ist
mit dem Objekt, auf welche Ursache stützt sie sich, wenn sie entsteht?
106. Und wenn sie später wäre als das Objekt, woraus könnte die Erkenntnis
dann entstehen?
- auf die Gegebenheiten
Eben in dieser Weise stellt man bei allen Gegebenheiten ein Entstehen nicht
fest.
Einschub: diese Betrachtung beeinträchtigt nicht die Lehre von den zwei
Wirklichkeiten
107. Wenn es sich so verhält, dann gibt es keine verhüllte Wirklichkeit.
Warum gibt es dann zwei Wirklichkeiten? Ist auch diese Wirklichkeit durch
eine weitere verhüllte Wirklichkeit, nämlich die vorstellende Erkenntnis
geschaffen? Wie könnte dann ein Wesen erlöst sein, da man auch dieses
vorstellen kann und damit seine verhüllte Wirklichkeit schaffen würde?
108. Diese Vorstellung gehört zum Denken eines anderen Wesens als des
erlösten. Das aber existiert nicht einer eigenen verhüllten Wirklichkeit nach.
Wenn es eine als Folge einer Ursache bestimmte Gegebenheit gibt, dann ist
eben die verhüllte Wirklichkeit vorhanden, und wenn es diese Gegebenheit
nicht gibt, dann ist die verhüllte Wirklichkeit nicht vorhanden.
109. Die Vorstellung und das Vorgestellte, diese setzen einander
wechselseitig voraus. Jede kritische Untersuchung, sagen wir, stützt sich auf
das, was gemeinhin bekannt ist.
110. Einwand: Wenn man aber mit einer Kritik kritisiert, die ihrerseits
kritisiert ist, dann gibt es keinen Halt, denn auch diese neue Kritik wird
kritisiert.
111. Antwort: Wenn kritisiert worden ist, was kritisierbar ist, dann hat eine
weitere Kritik keine Basis mehr und weil sie keine Basis hat kommt sie nicht
mehr vor. Und das nennen wir Nirvana.
112. Wer aber diese beiden, Kritik und Kritisiertes, für absolut wirklich hält,
der ist in einer besonders elenden Lage: Wenn sich nämlich der Gegenstand
kraft der Erkenntnis ergibt, wie ergibt sich dann wieder die Wirklichkeit der
Erkenntnis?
113. Oder, wenn sich die Erkenntnis kraft des Erkannten ergibt, wie ergibt
sich dann wieder die Wirklichkeit es Erkannten? Oder die Wirklichkeit
beider ist wechselseitig begründet, dann wären wohl beide nicht wirklich.
114. Wenn es keinen Vater gibt ohne einen Sohn, wodurch soll dann der
Sohn entstehen? Gibt es keinen Sohn, gibt es auch keinen Vater. Ebenso sind
auch diese beiden nicht wirklich.
115. Einwand: Der Spross entsteht aus dem Samen; der Same wird durch ihn
ans Licht gebracht. Warum erkennt man nicht ebenso durch die aus dem
Erkannten entstandene Erkenntnis dessen Wirklichkeit?
116. Antwort: Dass der Same vorhanden ist, wird durch eine vom Spross
verschiedene Erkenntnis erkannt. Wodurch aber ist die Wirklichkeit der
Erkenntnis erkannt, so dass man durch sie das Erkannte erkennt?
Nachweis der Argumentation:
Das Argument mit vier Positionen
Die Dinge entstehen nicht aus sich, ohne Ursache
117. Zur Lehre, dass die Vielfalt der Dinge aus sich, ohne Ursache, gegeben
sei, ist zu sagen: Die Welt erkennt zunächst die Wahrnehmung und durch
Schlussfolgerung, dass es Ursachen jeglicher Art gibt, denn die
verschiedenen Teile eines Lotus, Blüte, Stängel usw., entstehen aus
verschiedenen Ursachen.
118. Was bewirkt nun die Verschiedenheit der jeweiligen Ursache? Die
Verschiedenheit der früheren Ursache. Und aus welchem Grunde bringt die
Ursache eine Wirkung hervor? Durch die Wirksamkeit der früheren Ursache.
Die Dinge entstehen nicht aus einer ewigen Ursache:
-nicht aus Gott -gegen den Nyaya
119. Gott ist die Ursache der Welt. Sage, wer ist nun Gott? Sind es die
Elemente so mag es hingehen. Doch warum die Mühe etwa die Existenz
Gottes zu beweisen, wenn es sich bei Gott nur um einen anderen Namen für
die Elemente handelt?
120. Ferner sind die Elemente Erde usw. vielfach, vergänglich, untätig, ohne
göttliches Wesen, man kann sie vernachlässigen, und sie sind unrein. Gott ist
es nicht.
121. Der Raumäther ist nicht Gott weil er untätig ist, noch das Selbst, denn
wir haben es früher schon widerlegt. Und eines unbegreifliches Gottes
Schöpfertum, nennt man auch es unbegreiflich?
-nicht aus Gott und zusätzlichen Ursachen
122. -123. Und was hätte er zu schaffen beabsichtigt? Das Selbst. Das ist
doch ewig. Die ewige Natur der Erde und der anderen Elemente, sich selbst,
den ewigen Gott, das Erkennen, das durch das Objekt entsteht und ohne
Anfang ist, und Lust und Leid, die aus dem Werk hervorgehen, sage, was hat
er geschaffen? Wenn die Ursache keinen Anfang hat, wie könnte dann die
Wirkung einen Anfang haben?
124. Warum schafft er nicht immerdar, da er ja von nichts anderem abhängt?
Da ist keiner, den er nicht geschaffen hätte. Worauf müsste er also warten?
125. Wenn er von einem Ursachenkomplex abhängt, dann ist Gott nicht die
Ursache, die ihr wünscht. Er ist nicht imstande, den Ursachen-Komplex nicht
zu schaffen ist er nicht imstande, und ihn zu schaffen ist er nicht zu schaffen,
weil es ihn nicht gibt.
126. Wenn Gott schafft, ohne es zu wollen, dann folgt, dass er abgängig ist.
Und wenn er es will, hängt er wohl vom Willen ab. Wie könnte einer, der
schafft, Gott sein?
- nicht aus den Atomen
127. Jene, die ewige Atome behaupten, sind schon früher widerlegt worden.
Die Dinge entstehen nicht aus der ewigen Urmaterie - gegen das Samkhya
Die Samkhya-Denker meinen, die Urmaterie sei die ewige Ursache der Welt.
128. Die Konstituenten der Urmaterie, "Güte, Leidenschaft und Finsternis",
werden im Zustand gleichmäßiger Verteilung "Urmaterie" genannt. Auf
Grund der Konstituenten in ungleichmäßiger Verteilung spricht man von
Welt.
129. Das eines drei Naturen hat, ist falsch. Daher ist es nicht. Ebenso gibt es
die Konstituenten nicht, denn auch sie sind jeweils dreifach.
130. Und wenn es die Konstituenten nicht gibt, ist ein Sein der
Umgestaltungsprodukte Ton usw. weit entfernt. Ebenso könnten die
Konstituenten Lust usw. d.h. "Güte usw." nicht in Ungeistigem wie Kleidern
usw. vorhanden sein.
131. Meint ihr, die ungeistigen Dinge seien ihrer Natur nach Ursache dieser
Lust usw.: Sind denn nicht die Dinge gerade kritisiert worden? Auch ist ja für
dich gerade die Lust usw. Ursache, und daher nicht die Kleider usw.
132. Lust usw. gibt es wohl vielmehr auf Grund der Kleider usw.; und wenn
diese fehlen, gibt es auch Lust usw. nicht. Außerdem nimmt man niemals
eine Ewigkeit von Lust usw. wahr.
133. Wenn die Lust in entfaltetem Zustand vorhanden ist, warum empfindet
man sie dann nicht immer? Die nämliche Lust wird subtil: Wie kann diese
Lust grob sein und subtil?
134. Wenn sie nach Aufgabe des groben Zustandes subtil wäre, dann sind
grober und subtiler Zustande endlich. Warum nehmt ihr dann nicht genauso
die Endlichkeit eines jeden Dinges an?
135. Wenn der grobe Zustand der Lust nichts anderes als die Lust ist, dann ist
die Endlichkeit der Lust klar. Meinst du, nichts, das nichtseiend ist, entstehe,
weil es eben nicht ist,
136. so hast du, auch wenn du nicht willst, ein Entstehen des entfalteten
Zustandes der Lust, der nichtseiend ist. Wenn ferner die Frucht in der
Ursache vorhanden wäre, dann würde einer, der Reis isst, Exkremente essen
137. und dann soll man sich für den Preis eines Kleides Baumwollsamen
kaufen und sich damit bekleiden. Meinst du, nur die Welt sehe aus
Verblendung nicht, dass die Wirkung einer Ursache vorhanden ist: Auch der,
der die Wahrheit kennt, zeigt das nämliche Verhalten.
138. Und auch der Weltmensch hatte diese Erkenntnis, die ihn die Wirkung
in der Ursache erkennen ließe. Warum erkennt er es nicht? Wenn es darauf
beruht, dass der Weltmensch nicht maßgeblich ist, dann ist auch die
Manifestation der entfalteten Dinge nicht vorhanden.
139. Ist nicht, wenn gültige Erkenntnis in Wahrheit nicht gültige Erkenntnis
ist, auch das durch sie Erkannte falsch? Die der absoluten Wirklichkeit nach
gegebene Leerheit der Dinge ergibt sich nicht dadurch.
140. Ohne Erfassen des fälschlich vorgestellten Dinges erfasst man auch sein
Fehlen nicht. Deshalb ist das Fehlen des Dinges, das falsch ist, offensichtlich
falsch.
141. Daher verhindert, wenn im Traum der Sohn zugrundegegangen ist, die
Vorstellung, dass er nicht vorhanden ist, das Aufkommen der Vorstellung
von seinem Vorhandensein; auch diese erste Vorstellung ist falsch.
142. [Zusammenfassung:] Deshalb ist nach solcher Kritik nichts ohne
Ursache, nichts ist in den einzelnen oder in den vereinten Bedingungen
vorhanden,
143. nichts ist von anderswo hergekommen, bleibt und geht fort.
Das Argument des "Entstehens in Abhängigkeit"
Worin unterscheidet sich von einer Illusion das, was Einfältige für wirklich
halten?
144. Sowohl das, was durch Illusion geschaffen ist, als auch das, was durch
Ursachen geschaffen ist, wo kommt es her, wo geht es hin? Das ist zu fragen.
145. Was durch die Gegenwart eines anderen beobachtet wird und nicht
beobachtet wird, weil dieses fehlt, wieso ist Wirklichkeit in diesem
Künstlichen, das einem Spiegelbilde gleicht?
Das Argument des "Entstehen als seiend und als nichtseiend"
146. Was für einen Zweck hat die Ursache für ein Ding, das existiert? Und
wenn es nicht existiert, was für einen Zweck hat die Ursache?
147. Selbst durch Milliarden Ursachen ist ein Nichtseiendes nicht zu
verändern. Wieso ist das, was diesen Zustand hat, ein Seiendes? Und welches
andere als ein Nichtseiendes kann seiend werden?
148. Wenn das Seiende zur Zeit des Nichtseienden nicht ist, wann wird das
Seiende entstehen? Dieses Nichtseiende wird nämlich nicht verschwinden,
solange das Seiende nicht entstanden ist.
149. Und das Seiende kann nicht eintreten, wenn das Nichtseiende nicht
verschwunden ist. Ebenso wenig wird ein Seiendes nichtseiend, weil daraus
folgte, dass es zwei Wesen hat.
150. So also gibt es niemals Vernichtung noch Sein. Also ist diese ganze
Welt unentstanden und unvergangen.
151. Einem Traum gleichen die Schicksalsformen, denn untersucht man die
Gegebenheiten, sind sie wie der Bananenstamm ohne Wesenkern. In
Wirklichkeit ist kein Unterschied zwischen den Erlösten und den Unerlösten.
ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUERMMAHNUNG
152. Was von diesen in dieser Weise erklärten Gegebenheiten wäre erlangt,
was wäre gewonnen? Wer könnte von wem geehrt oder geschmäht werden?
153. Woher kämen Lust oder Leid? Oder was wäre wert, was unwert? Was
wäre der Durst nach Genuss, nach Werden und Vergehen? Worauf würde
sich der Durst beziehen, wenn man ihn seinem Wesen nach untersucht?
154. Wenn man die Natur der absoluten Wirklichkeit untersucht, was wären
die Lebewesen? Welches von ihnen würde wohl sterben? Welches entstehen?
Wer hätte gelebt? Wer wäre ein Verwandter? Wer wessen Freund?
155. Mögen die, die von meiner Art, alles dem Äther gleich also für leer
halten: Sie erbosen sich durch Streitereien, und sie entzücken sich an
Festlichkeiten.
156. Höchst peinvoll bringen sie, durch sündige Werke nach eigener Lust
verlangend, ihre Tage hin unter Sorgen, Mühen und Entmutigen, unter
gegenseitigen Peinigungen und Verstümmelungen.
157. Und sind sie gestorben, stürzen sie in lange währende schlechte
Schicksale voll scharfer Pein; dabei haben sie immer wieder ein gutes
Schicksal erreicht, und sich dabei immer wieder an die Lust gewöhnt.
158. Im Dasein gibt es zahlreiche Abgründe in die man stürzen kann, und aus
denen man nur mühevoll emporsteigt; es ist aber auch dieses Dasein so nicht
wirklich. Dann aber besteht ein gegenseitiger Widerspruch zwischen dem
Vorhandensein von Abgründen und der Unwirklichkeit des Daseins; es dürfte
also wohl eine Wirklichkeit von dieser Art nicht geben.
159. Dennoch finden sich in diesem Dasein grausige, endlose Leidensmeere
ohnegleichen. Da sind die Kräfte so gering, und doch ist das Leben nur kurz.
160. -161. Da bringt man rasch seine Tage hin unter Mühen für Leben und
Gesundheit, unter Hunger, Müdigkeit und Erschöpfung, unter Schlaf, unter
Missgeschicken, unter fruchtlosen Begegnungen mit Toren, und sicherlich
ohne Zweck. Die unterscheidende Erkenntnis aber ist da kaum zu gewinnen.
Was könnte es da auch ermöglichen, die angewöhnte Zerstreuung zu
verhindern?
162. Da sucht Mara, der Versucher, uns in großes Unglück zu stürzen. Und
da ist, weil die schlechten Wege zur Erlösung zahlreich sind, der Zweifel
kaum besiegbar.
163. Dann wieder sind die günstigen Umstände kaum zu erlangen, das
Auftreten eines Buddha kommt äußerst selten vor, und die Flut der Laster ist
schwer zu dämmen. Ach, welche ununterbrochene Folgen von Leiden!
164. Ach, wie sehr sich doch die sich in den Leidensfluten herumschlagenden
Wesen zu beklagen, die ihre schlimme Lage nicht erkennen, obwohl sie so
überaus elend sind.
165. Wie ein Verrückter, der sich immer wieder, hat er in kaltem Wasser
gebadet, ins Feuer stürzt so glauben auch sie an ihre gute Lage, obwohl sie so
überaus elend sind.
166. Bei ihnen, die leben als würden sie nicht altern und nicht sterben,
werden sich grausame Heimsuchungen einstellen, gekrönt vom Tod.
167. Wann werde ich wohl imstande sein, durch meine eigenen aus Wolken
von guten Werken entstandenen Glücksmittel den so vom Feuer des Leidens
gequälten Wesen den Frieden zu bringen?
168. Wann werde ich wohl imstande sein, denen der weltlichen Wirklichkeit
gemäß die Leerheit darzulegen, die die falsche Auffassung von der
Wahrnehmung eines Daseins hegen, und voll Ehrfurcht die Zurüstung an
guten Werken unter Nichtwahrnehmungen der Gabe, des Gebers und des
Empfängers?
Verdienstübertragung
1. Mögen alle Wesen durch das Gute, das mir zuteil wird, wenn ich über den
Eintritt in das Leben zur Erleuchtung sinne, mit einem Leben zur Erleuchtung
geschmückt sein!
2. Mögen alle, die gequält sind durch Pein an Körper und Geist in jeglicher
Gegend der Welt, durch meine Verdienste Meere des Glücks und der
Seeligkeit erlangen!
3. Möge, solange der Kreislauf währt, niemals das Glück ihnen schwinden!
Möge die Welt immerdar das Glück von Bodhisattvas haben!
4. So viele Höllen es in den Weltgegenden gibt, mögen die Lebewesen in
ihnen sich freuen durch die Wonnen des Glücks im Paradies Sukhavati!
5. Mögen die von der Kälte Gemarterten Wärme finden! Mögen es die von
Hitze Gemarterten kühl haben durch die aus der großen Wolke Bodhisattva
fallenden Wassermeere!
6. Mögen für sie der Schwertblätterwald den Glanz des Götterhains Nandana
haben, und mögen die Kutasalmalibäume mit ihren scharfen Dornen zu
Wunschbäumen werden!
7. Mögen die Höllenorte bezaubernd sein durch Teiche, erfüllt vom Duft der
Lotusblüten und lieblich reizend durch das Lärmen der Gänsen und Enten,
der Cakravakas, der Schwäne und anderer Wasservögel!
8. Möge der feurige Kohlenhaufen ein Edelsteinhaufen sein! Möge der
glühende Grund ein Boden aus Bergkristall sein! Und mögen die
zermalmenden Berge in der Samghata-Hölle zu himmlischen Ehrenpalästen
werden, dicht bevölkert von Buddhas!
9. Möge der Regen von Kohlen, glühenden Steinen und Waffen von nun an
ein Blumenregen sein! Und möge nun der Wechselkampf mit diesen Waffen
zum Spiel ein Kampf mit Blumen sein!
10. Mögen die im Höllenfluss Vaitarani mit seinem feuergleichenden Wasser
Versunkenen, denen alles Fleisch abgefallen ist und deren Skelette die Farbe
weißen Jasmins haben, kraft meiner guten Werke als himmlische Wesen im
Himmelsfuß Mandakini sich finden!
11. Mögen die Knechte des Yama und die grausigen Krähen und Geier
zitternd sehen, wie die Finsternis hier in den Höllen plötzlich allseits
verscheucht ist. Mögen sie, wenn sie dann aufwärts blicken, weil sie sich
fragen, wem wohl dieser Glück und Freude spendende wunderbare Glanz
gehöre, und den flammenden Bodhisattva Vajrapani am Himmel stehend
gesehen haben, durch die Gewalt der Wonne ledig der Not mit ihm vereint
werden!
12. Möge ein Regen von Lotusblüten fallen, mit duftendem Wasser
vermischt, so dass sie sehen, wie er zischend das Höllenfeuer löscht. Möge
der Anblick des Bodhisattvas Kamalapani den Höllenwesen zuteil werden,
die sich fragen, was das wohl sei, und unvermutet von Glück entzückt sind!
13. "Kommt herbei, kommt rasch herbei, legt ab die Furcht, ihr Brüder! Wir
sind dem Leben wiedergegeben. Erschienen ist uns ein strahlender,
Furchtlosigkeit bringender Jüngling mit Bändern im Haar, durch dessen
Macht alle Not vergangen ist, Fluten der Freude entsprungen sind, das
Erleuchtungsdenken entstanden ist und das Mitleid, die Mutter der Rettung
jeglicher Wesen.
14. Seht ihn euch an: Seine Lotusfüße werden verehrt von den Kronen
hunderter von Göttern, sein Blick ist feucht von Mitleid; von reizenden
Palastemporen, in denen Tausende wortreicher Götterfrauen Loblieder
singen, ist auf sein Haupt ein Regen vieler Blumenfluten niedergegangen.
Und habt ihr den Bodhisattva Manjughosa so vor euch erblickt, möge nun der
Höllenwesen Beifallslärmen sich erheben!"
15. Mögen die Höllenwesen frohlocken, wenn sie durch meine guten Werke
so die wohltuende, kühle und duftende Winde und Regen bergenden Wolken
der Bodhisattvas, voran Samantabhadhra, geschaut haben.
16. Mögen die heftigen Schmerzen und die Ängste der Höllenwesen sich
legen! Mögen alle in schlechten Schicksalen Lebenden aus diesen schlechten
Schicksalen befreit werden!
17. Möge den Tieren die Furcht vergehen, von einander gefressen zu werden!
Mögen glücklich seien die Gespenster, wie die ewig seligen Menschen im
Weltteil Uttarakuru!
18. Mögen die Hunger- und Durst- Gespenster immer gesättigt werden und
gebadet, und mögen erfrischt sie sein durch die aus den Händen des edlen
Bodhisattva Avalokitesvara fließenden Ströme von Milch.
19. Mögen die Blinden Farben sehen, die Tauben immer hören, mögen die
Schwangeren schmerzlos gebären wie die Mutter des Buddha, die Königin
Maya!
20. Mögen die Notleidenden Kleidung, Speise und Trank, Kränze, Sandel
und Schmuck erhalten, alles, was sie sich wünschen, was ihrem Wohl
förderlich ist!
21. Mögen auch die Furchtsamen furchtlos sein, Freude finden die von
Kummer Bedrückten, und mögen die Verstörten frei von Verstörung sein und
entschlossen!
22. Mögen den Kranken Gesundheit beschieden sein, mögen sie von allen
Fesseln befreit werden! Mögen die Schwachen stark sein und liebevoll
zueinander!
23. Mögen alle Richtungen sich für alle Reisenden günstig erweisen! Mögen
ihn die Unternehmung, um die sie ausziehen, durch Geschick gelingen!
24. Mögen auch die Schiffsreisenden ihre Ziele erreichen! Mögen sie sicher
an das Ufer gelangen und dann mit den Verwandten sich freuen!
25. Mögen die in der Waldwildnis auf falsche Wege geratenen auf eine
Karawane stoßen, und mögen sie ohne Ermattung reisen, ungefährdet durch
Diebe, Tiger und andere Schrecken!
26. Mögen die Götter den Schlafenden, Trunkenen und Unaufmerksamen,
den hilflosen Kindern und Alten in Krankheit, Wildnis und anderen
Fährnissen Schutz gewähren!
27. Mögen sie immer aller ungünstigen Umstände ledig sein, mit Glaube,
Einsicht und Mitleid begabt, von vollkommener Erscheinung und Benehmen,
und ihrer früheren Geburten sich erinnernd!
28. Mögen sie unerschöpfliche Schätze haben, wie der Bodhisattva
Gaganaganja! Mögen in Harmonie sie sein und ohne Verzweiflung und
unabhängig!
29. Mögen die Wesen mit geringer Kraft von großer Kraft sein! Mögen die
missgestalteten Bettelasketen von vollkommener Schönheit sein!
30. Mögen all die Frauen in der Welt Männer werden! Mögen die Niedrigen
hohe Stellung erlangen und dabei ohne Hochmut sein!
31. Mögen durch dieses mein Verdienst alle Wesen ausnahmslos abstehen
von allen Sünden und stets das Gute tun!
32. Mögen sie nicht ohne das Erleuchtungsdenken sein, dem Leben zur
Erleuchtung hingegeben und von den Buddhas gnädig umfangen dem Wirken
des Versuchers Mara entzogen sein!
33. Und mögen all diese Wesen, wenn sie als Menschen geboren wurden, ein
unermesslich langes Leben haben! Mögen sie immer im Glück leben! Möge
sogar das Wort "Tod" verschwinden!
34. Und mögen alle Weltregionen mit Wunschbaumhainen entzücken, die
durch den Klang der Lehre bezaubern und von Buddhas und Bodhisattvas
erfüllt sind.
35. Möge die Erde überall frei sein von Schotter usw., eben wie die Fläche
der Hand, weich und aus Beryll.
36. Mögen sich ringsum die Kreise großer Versammlungen von Bodhisattvas
niederlassen, mögen mit ihrem Glanz sie die Erde schmücken!
37. Mögen von denVögeln, aus allen Bäumen, aus den Sonnenstrahlen und
aus dem Himmel alle Geschöpfe ohne Unterlass den Klang der Lehre hören!
38.Mögen sie stets die Gemeinschaft mit Buddhas und Bodhisattvas
erlangen, und mögen sie mit Wolken von Opfern den Lehrer der Welt
verehren!
39. Möge der Regengott zur rechten Zeit es regnen lassen, und möge die
Ernte reichlich sein! Möge die Welt wohlhabend sein und der König gerecht!
40. Mögen auch die Heilpflanzen kräftig sein, die Sprüche der Priester Erfolg
haben! Mögen die Dakini-Hexen, die Raksasa-Dämonen und andere
schädliche Wesen von Mitleid ergriffen sein!
41. Möge kein Wesen unglücklich sein, sündig und krank, verlassen oder
unterdrückt, und möge keines bösen Sinnes sein!
42. Mögen die Klöster blühen, erfüllt von Rezitation und Studium! Möge die
Gesamtheit der Gemeinde von Dauer sein, und möge der Gemeinde Tätigkeit
Erfolg haben!
43. Mögen die Mönche die unterscheidende Einsicht gewinnen und die
Regeln lieben! Mögen sie wirkfähigen Geistes sich versenken aller
Zerstreuung ledig!
44. Mögen die Nonnen frei von Streitereien und Mühen die Lehre gewinnen,
und mögen alle Wanderasketen ebenso von ungebrochener Sittlichkeit sein!
45. Mögen die Übelwollenden stets bestürzt sein und stets befriedigt über die
Tilgung der Sünden, und mögen sie, wenn sie ein gutes Schicksal gewinnen,
in diesem ihr Gelübde nicht brechen!
46. Mögen sie gelehrt, gebildet sein, mit Gaben bedacht, von Almosen
lebend, mögen sie reinen Geistes sein, ihr Ruf in aller Welt berühmt!
47. Möge die Welt der Wesen ohne das Leid schlechter Geschicke gekostet
zu haben und ohne das strenge Leben einer mühevollen Bodhisattva-
Laufbahn mit einem einzigen himmlischen Körper die Buddhaschaft
erlangen!
48. Mögen alle vollendeten Buddhas in vielfacher Weise von allen Wesen
verehrt werden! Mögen sie unsäglich glücklich sein durch das unvorstellbare
Buddhaglück!
49. Mögen der Bodhisattva Wünsche für die Welt sich erfüllen! Möge, was
diese Schutzherren beabsichtigen, bei den Wesen gelingen!
50. Mögen die Einzelbuddhas glücklich sein und die Hörer, stets verehrt von
ehrfürchtigen Göttern, Halbgöttern und Menschen!
51. Möge schließlich ich selbst durch Manjughosas Gnadenhilfe zur
Erinnerung an meine früheren Geburten finden, und möge ich immer bist zu
"Freudigen Stufe" der Bodhisattvas gelangen!
52. Möge ich mit Stärke meine Zeit in dieser oder jener Sitzstellung
zubringen! Möge ich in allen Geburten alle Vorrausetzungen für einen der
unterscheidenden Erkenntnis günstigen Aufenthalt erlangen!
53. Möge ich gerade diesen Schutzherrn, den Manjunatha, ungehindert
erblicken, wenn ich zu sehen wünsche und auch zu hören!
54. Möge, wie Manjusri zur Verwirklichung des Heils aller Wesen bis ans
Ende des Himmels in den zehn Richtungen wandelt, derselbe Wandel mein
Los sein!
55. Solange der Äther besteht und solange die Erde besteht, solange möge ich
bestehen, als Vernichter der leiden der Welt!
56. Möge in mir das ganze Leiden der Welt zur Reifung kommen, und möge
die Welt durch all die guten Werke der Bodhisattvas glücklich sein!
57. Als einziges Heilmittel für die Leiden der Welt, als aller Erfüllung und
jeden Glückes Quell, möge die Lehre des Buddha lange bestehen, gefördert
und geehrt!
58. Ich verneige mich vor Manjughosa durch dessen Gnade mein Geist auf
das Gute sich richtet. Und ich verehre den geistigen Freund, durch dessen
Gnade es gedeiht.