Wozu der Mensch da ist
oder: Wie die beste aller Religionen finden?
Zwei Mängel haften den Gläubigen an: zuviel Ignoranz, zuwenig
Redlichkeit. Verstockte, hartherzige und hart denkende Christen
wissen kaum etwas von ihrer eigenen Konfession. Auch sind sie in
der Mehrheit »Laien«. Einige wenige wissen zwar einiges, doch sie
sind nicht redlich genug, Konsequenzen daraus zu ziehen - ihre
Religion aufzugeben.
Dem ersten Mangel, der Ignoranz, kann dieses Buch begegnen,
indem es Fakten zum Nachdenken vermittelt. Den zweiten Mangel
kann es nicht beseitigen. Wer unredlich denken und handeln will, wer
gar durch seinen Brotberuf mit der Unwissenheit anderer spielt, wer
also »Kleriker« ist, der ist zwar bloßzustellen, doch zu helfen ist ihm
nicht.
Ein einschlägiger Text des Neuen Testaments (Lk 10, 30-37)
beschreibt den Normalfall christlicher Nächstenliebe: den Kleriker, der
an einem verwundeten Menschen vorbeigeht, ohne ihm zu helfen.
Geholfen hat dem »unter die Räuber Gefallenen« der barmherzige
Samariter, der von den sogenannten Guten ausgestoßene Fremde. Das
ist eine zeitlose Geschichte. Immer wieder sehen - nichts wissen
wollen, nichts tun. Millionen von Opfern, die das Christentum auf dem
Gewissen hat, verdauen - nichts bereuen. Ein Sehen, das nicht hilft, ein
Wissen, das nichts nützt. Eine »Räuber- und Passantengesellschaft«,
eine christliche Gegenwart.
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Kleriker können weiter an ihren »Katechismus« glauben. Der
Vatikan denkt sich gerade den neuesten aus. Seine »ewigen
Wahrheiten« hängen allerdings meist vom Zeitgeist ab: Nicht weniger
als 24 000 Änderungsvorschläge zum kurialen Entwurf wurden bisher
eingereicht. Eine Heidenarbeit wartet auf die christlichen
Sachverdreher in Rom. Doch viel Neues wird ihr »Katechismus« 1992
nicht bringen, nur Altes neu verpackt. Kleriker können deswegen bei
ihrem Glauben bleiben. Bloß eines sollen sie künftig nicht mehr so
erfolgreich tun dürfen: jene, die weniger Schimpf und Schande der
Kirchen kennen als sie, dafür aber redlich denken und handeln,
ideologisch verführen und finanziell schröpfen. Alle Versuche,
Glauben und Gehorsam interessengeleitet zu begründen, müssen
enden.
Wenn unser Buch sich »gegen« etwas richtet, dann gegen diese
Kirchenleute und ihre Achtelwahrheiten. Wenn es sich um die ganze
Wahrheit der Kirchen bemüht, wenn es ihre dunklen Seiten zeigt,
wenn es gar nachweist, daß diese Seiten vorherrschen, dann ist es
zwar nicht »ausgewogen« in dem Sinn, den pfäffisch Denkende gern
hätten. Dann ist es parteiisch. Ebenso parteiisch wie die tausend und
abertausend Traktätchen der Kleriker, die nur eine helle Institution
ablichten — und die gleich lautstark klagen, wenn den tausend
Büchern der Unwahrheit und der Achtelwahrheiten ein einziges
gefährlich zu werden droht, weil es die historische Wahrheit sagt. Ein
»Anti-Katechismus« ist so lange notwendig, wie die Gründe, die er
gegen die Kirchen und für die Welt nennt, ebensowenig in den
offiziellen Katechismen auftauchen wie die Fakten aus Geschichte und
Gegenwart des real existierenden Christentums. Die Gewichte, die
dieser Anti- Katechismus setzt, sind freilich nicht nur eigenbestimmt.
Sie bemessen sich nach den Vorgaben der Kirchen. Was diesen so
wichtig ist wie Geld, Macht, Krieg, greift unser Buch ausführlicher auf
und an als die Nebenthemen des klerikalen Alltags wie Geist,
Nächstenliebe, Gott.
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Hoffentlich läßt sich niemand ins Bockshorn jagen von jenen, die
Jahrhunderte hindurch mit Unwahrheiten bares Geld gescheffelt
haben und es weiterscheffeln. Hoffentlich ist der Mut derer groß
genug, die sich nicht mehr anlügen lassen wollen. Hoffentlich verfliegt
der Weihrauch. Hoffentlich wird eines Tages die Luft so rein, daß
Menschen atmen können. Wozu der Mensch da ist? Gewiß nicht, um
auf den Knien zu liegen und jene auch noch zu bezahlen, vor denen er
kniet, die ihn belügen und beherrschen.
Wie kommt ein Mensch zur Religion?
Die Menschen, die als einzige von der Religion profitieren, haben zu
allen Zeiten gepredigt, »der Mensch« sei von Natur aus religiös.
Ohne Religion könne er nicht existieren, ver komme er wieder zu dem
Tier, das er in vorreligiösen Zeiten gewesen sei. In diesen urgewaltig
klingenden Sätzen verrät sich der Kern der Argumentation: die
Arroganz der Religionsdeuter, die sich von den Tieren (deren
Unschuld nicht zu übertreffen ist) zu unterscheiden versteht und die
alle Mitmenschen der eigenen Ideologie zu unterjochen sucht, als
handle es sich um eine Wahrheit.
Wo Wahrheit ist, ist Bescheidenheit. Demütig machen müßte die
Interpreten des Religiösen bereits das Wissen um ein paar Fakten der
Menschheitsgeschichte (falls sie es nicht längst schon, um des Profits
willen, verdrängten). Zum einen wissen wir sehr wenig von der frühen
Menschheitsgeschichte, die im Vergleich zu ihren bekannten Teilen
unverhältnismäßig lang gedauert hat. Aufs Ganze dieser Geschichte
gesehen, ist die gegenwärtige Religion eine Winzigkeit. Wird die
Geschichte der Menschen (»wir selbst sind die Neandertaler«) auf
rund 150000 Jahre angesetzt, so nehmen sich die 2000 Jahre der
sogenannten »Hochreligion Christentum« bescheiden aus. Sie
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sind nur in Promillewerten auszudrücken. Und wie heruntergekommen
ist doch die »Hochreligion« bereits nach zwanzig Jahrhunderten
»gedeihlicher Wirksamkeit für das Menschengeschlecht« ! Daß selbst
diese 2000 Jahre voll von Mord und Totschlag, Lug und Trug waren,
sollte die Verfechter des Religiösen noch bescheidener machen. Nichts
außer ihrer Arroganz und Menschenverachtung spricht für ihre
Position. Die beste aller Religionen das Christentum? Dessen eigene
Geschichte blutig dagegen zeugt? Wo die allen Menschen zugelegte
»Naturanlage«, das »Urbedürfnis nach Religion«, doch nicht zu finden
war, mußte ein wenig nachgeholfen und die menschliche Natur
nachgebessert, mußte die Anlage in den meisten Fällen offensichtlich
erst »aktiviert« werden. Bei den Germanen etwa oder den Millionen
von Indios, die das christliche Schwert traf, bis sie sich der
»Hochreligion« ergaben. Ganz so unbedarft von einer »religiösen
Uranlage« des Menschen zu sprechen wie gewohnt ist reiner Hohn.
Dasselbe gilt für die Behauptung, diese »Uranlage« sei in den
sogenannten Hochreligionen, im Christentum zumal, besonders in der
römisch-katholischen Spielart, voll und ganz »erfüllt«. Dagegen
sprechen schon die Schreie eines einzigen Indiokindes, das die
Frohbotschafter an der Brust seiner Mutter erstachen. Nur sehr wenige
Menschen hatten während der zwei Jahrtausende Kriminalgeschichte
des Christentums die Chance, ihrer »Uranlage« froh zu werden. Die
weitaus meisten sind blutig missioniert oder zwangsgetauft worden.
Die letztere Übung findet sich noch heute an allen Orten, an denen
die Geographie zufällig »Christentum« statt Buddhismus oder
Hinduismus anzeigt.
Wozu machen Menschen anderen Menschen Angst -und
Hoffnung?
Als die Menschen sich durch das Bewußtsein ihres Todes vom Tier
unterschieden glaubten, machte sie dies fast automatisch
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zu Denkern, die »über den Tod hinaus« schauten. Und mit diesem
Schauen kamen allmählich Fragen auf nach der eigenen Existenz
(»Seele«), nach einer den Tod überdauernden Lebens form
(»Unsterblichkeit«) und nach einer Instanz, die beides garantieren
sollte (»Gott«).
Diese Fragen fanden im Verlauf der Jahrtausende verschiedene
Antworten. Die Welt der Fragenden war von Geistern und
Stammesgöttern bevölkert, die schließlich die Vorstellung einer
»einzigen ausschließlich wahren Gottheit« ablöste. Generationen von
Interessierten malten mit an diesem Bild, das gegenwärtig als perfekt
gestaltet gilt. Zumeist zeigten diese Gottesbildner den ausgeprägten
Willen, den denkerisch weniger Begabten nicht nur die richtigen
Antworten auf vorformulierte Fragen zu liefern, sondern sich die
Hoffnung auf Erlösung auch honorieren zu lassen. Den wahren Gott
gab es nicht umsonst; Billigkeit ließ das Objekt, das da gehandelt
wurde, nicht zu. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz - und
vor einem Verlust auf Dauer - war indes nicht ganz so allgemein, wie
mancher Religionsphilosoph das gern sähe. Vielleicht hat man sie zu
wesentlichen Teilen erst herbeigeredet. Die berüchtigte »Sinnfrage«,
mit deren »richtiger« Beantwortung sich noch heute Geld verdienen
läßt wie mit wenig anderem, ist vielen gar nicht so wichtig, wie
Klerikerkreise meinen. Doch wird die Angst um die Natur des
Menschen wie die um die »Übernatur« durch Jahrtausende von
Priestern jeglicher Provenienz gepredigt, ist es verständlich, wenn viele
den Angstrednern auch die Arznei abkaufen, die diese anbieten: ihre
Moral und ihre Glaubenssätze, deren Befolgung Hoffnung auf das
Jenseits macht.
Es genügt, an die gewaltigen Bauleistungen der Christenheit zu
denken, um Angst und Hoffnung in einem besser zu verstehen: Pflicht
und Lust des Abendlandes, Kathedralen hochzuziehen, entsprangen zu
gleichen Teilen der Höllenangst und der Himmelshoffnung. Auch
Papst Nikolaus V. hatte nicht unrecht, als er 1455 die Kardinale
mahnte, die Erneuerung Roms
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weiterzuführen: »Um in den Hirnen der ungebildeten Masse
dauerhafte Überzeugungen zu schaffen, muß etwas vorhanden sein,
was das Auge anspricht. Ein Glaube, der sich allein auf Doktrinen
stützt, kann immer nur schwach und wankend sein. Wenn aber die
Autorität des Heiligen Stuhls sichtbar wird in majestätischen
Gebäuden. . . die von Gott geschaffen scheinen, wird der Glaube
wachsen ...«
Weitere Kulturleistungen des Christentums wie die Kreuzzüge und
die »Ketzer«-Verfolgungen ließen diesen Glauben gewiß erstarken. In
solchen Hochleistungen wird die Hochreligion unserer Breiten
greifbar. Ist in parteipolitischen Diskussionen die Rede vom
Abendland und dem »ideellen Mehr« des Christentums, dann gründen
sich diese Hinweise wahrscheinlich auf solche und ähnliche
Kulturtaten. Der abendländische Mensch und das Tier beispielsweise:
Wie hoch steht denn dieser Mensch über dem Rest der »Schöpfung«,
wenn er für grauenhafte äonenlange Massenmorde an Tieren
verantwortlich ist? Wie hoch steht der »Schöpfer« selbst über seiner
Schöpfung, wenn er zuläßt, daß Millionen Tiere ermordet werden - um
der »Krone der Schöpfung« willen? Zahlen aus deutschen
Laboratorien: Allein 1990 sind über 2,5 Millionen Versuchstiere
»benutzt«, also gegen ihre natürliche Bestimmung verwandt oder
getötet worden. 1971 wurden in US-Laboratorien 15 Millionen
Frösche, 45 Millionen Ratten und Mäuse, 850000 Menschenaffen,
46000 Schweine, 190000 Schildkröten, 200000 Katzen, 500000
Hunde und 700000 Kaninchen »verwendet«. Zeugt nicht die
Todesangst in den Augen eines einzigen Versuchskaninchens
entschieden gegen den abendländischen Menschen und seinen
»Schöpfer«? Macht euch die Erde Untertan, ihr gläubigen Mörder?
Wie lange denn noch? Wer gibt den Kirchengebundenen das Recht,
den Kirchenfreien Raub und Mord zu unterstellen und sie als
»unentwickelte Menschen« zu diffamieren? Wer darf sich, ohne
schamrot zu werden, darauf berufen, »allein der Gottglaube«
gewährleiste, daß Mord und Tot-
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schlag nicht überhandnähmen? Predigt und Praxis der Gläubigen, wie
sie die bisher erlittenen 2000 Jahre Geschichte des Christentums
geprägt haben, lehren das Gegenteil.
Ewige Lügen, die es gibt, setzen noch keine ewige Wahrheit voraus.
Die »Sinnfrage« selbst löst kein einziges der historischen Probleme.
Sie ist nur für solche Menschen sinnvoll, die beruflich davon
profitieren. Für sie muß alles zweckvoll sein. Und nachdem sie erkannt
haben, wie gut sich Geld mit der zeitgemäß richtigen Antwort auf eine
unzeitgemäß gestellte Frage machen läßt, kommen sie nicht mehr von
ihrem eigenen Sinn los. Ob sich dem Denken selbst je eine Sinnfrage
stellt, bleibt zweifelhaft. Das Sein braucht überhaupt keinen Sinn zu
haben. Der Mensch kann und soll sich seinen Sinn selber geben.
Glaube, der sich als Besitz versteht, will die Wahrheit (und den Sinn)
haben - und von daher alle Wirklichkeit beurteilen und objektivieren.
Glaube ist dann - nach Erich Fromm - eine Krücke für jene, die
Gewißheit wünschen, die einen Sinn im Leben finden wollen, ohne den
Mut zu haben, diesen eigenständig zu suchen. Suche nach Sinn? Daß
nur sehr wenige Christen fähig und bereit sind, diese humane Aufgabe
selbständig mit anzupacken und zu lösen, spricht nicht für sie, sondern
für ihre gutchristliche Tradition. Christen haben sich allzulange daran
gewöhnen dürfen, ihre eigenen Pseudoproblerne zu »Fragen der
Menschheit« aufzuwerfen und ihre Scheinantworten zu vermitteln. In
Zeiten allgemeinen und tiefgehenden Umbruchs wie den
gegenwärtigen müssen sie erkennen, daß sie verpfuschte Fundamente
gelegt haben - und als Bauleute der Zukunft nicht mehr in Betracht
kommen. Das Angst- und Hoffnungsmodell ist überholt. Menschen
sind gewiß nicht dazu da, Angstpredigten zu hören. Menschen
brauchen auch keine Mitmenschen, die - im Besitz angeblich höheren
Wissens als der menschlichen Vernunft - ihren Senf als Hoffnung und
Erlösung verkaufen. Schon gar nicht benötigen Menschen andere
Menschen, die Bekehrungen mit Feuer und Wasser besor-
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gen. Bittere und gute Erfahrungen, die Menschen mit anderen
machen, werden zu neuen Bestimmungen ihres Verhältnisses zur
Umwelt und zu sich selbst. Was ist Wahrheit? Keine Autorität der Welt
kann es verbindlich sagen oder unfehlbar auferlegen. Keine Autorität
darf die Prüfung der Voraussetzungen von Erkenntnis hindern oder
abblocken. In Sachen Wahrheit gilt der Grundsatz: »Weil es wahr ist,
muß es gesagt werden und wurde es von Menschen gesagt.«
Umgekehrt wird ein Irrtum daraus: »Weil es eine Autorität (Jesus,
Papst) gesagt hat, ist es wahr.«
Warum fordern »Missionen« immer Opfer?
Zunächst hat jeder Mensch den Gottesglauben, den ihm ein anderer
aufgeschwatzt hat. Erst allmählich hat er den, den er verdient.
Nietzsches Meinung, fürs Christentum werde kein Mensch geboren,
für diese Religion müsse ein Mensch krank genug sein, relativiert
sich unter bestimmten historischen Umständen. Nicht alle Christen der
Geschichte konnten die entsprechende Krankheit ausbilden; die
meisten wurden von dem todbringenden Virus befallen und mußten
ihn tragen wie ein Wirtstier, wollten sie nicht gleich von denen
umgebracht werden, die ihn freiwillig weitertrugen. Mit Schwert und
Feuer fiel die Religion der Liebe über die Menschen her und brachte
ihnen bei, was sie zu glauben, zu hoffen, zu lieben hatten - und was
nicht. Die Verbreitung des sogenannten Glaubens geschah historisch
niemals ohne Zwang: Bibel und Prügel sind eins, und Buchstabe wie
Backenstreich des »Glaubens« machen den Menschen weich, ducken
ihn, erobern derart eine Welt. Sind Menschen dazu da? Bleiben sie
freiwillig in ihren Kirchen?
Daß eine Religion, die damit prahlt, die wahre Hochreligion zu sein,
so viele andere Kulturen buchstäblich niedergemacht hat, muß den
Menschen guten Willens zu denken geben. Wenn das Christentum nur
auf der Asche seiner Gegner Frucht trägt,
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ist es inhuman. Eine Mörderideologie, eine Anleitung zum
Verbrechen. Kaum auf der Welt, hat es bereits die Gegner beschimpft,
verleumdet, angegriffen. Die frühesten Briefe des Neuen Testaments
und die darauffolgenden Evangelien sind Meisterstücke vor allem in
einer Hinsicht: Sie verherrlichen ihre eigenen »Wahrheiten« und
machen, vor diesem goldenen Hintergrund, die Andersdenkenden
nieder, heißen diese nun »Pharisäer und Schriftgelehrte«, Juden,
Römer oder »Ketzer«. Daß es sich um einen gewaltsam
missionierenden neuen Glauben handelt, wird spätestens zu dem
Zeitpunkt klar, da die Christen in Staat und Gesellschaft bestimmen.
Ein Beispiel für die Wut der neuen Religion gegen die alte: Der heilige
Kirchenlehrer Kyrill, ein großer Marienverehrer, der das Dogma von
der Gottesmutterschaft mit riesigen Bestechungssummen durchsetzt,
läßt im Jahr 415 die in der ganzen damaligen Welt bekannte und
gefeierte Philosophin Hypatia überfallen, in eine Kirche schleppen,
entkleiden und mit Glasscherben buchstäblich zerfetzen. Als sie noch
eine verschwindende Minderheit waren, haben die Christen sich
zurückgehalten und lediglich in ihren heiligen Büchern gegen
ihresgleichen polemisiert. Kaum fühlen sie sich jedoch stärker, gehen
sie entschiedener vor und diffamieren die tradierte Kultur, die
Philosophie, die alte Religion. Denn sie haben etwas Besseres, und sie
setzen dies Bessere, die Liebesreligion, mit Feuer und Schwert gegen
die zurückgebliebenen »Heiden« durch. Die frühe Märtyrer- und
Verfolgtenideologie der Kirche ist wie weggeblasen, als die
Herrenchristen selbst Märtyrer und Verfolgte schaffen können. Sie
berauben, demolieren, vernichten die Tempel. Sie errichten das Kreuz
über Leichen und Ruinen. Sie kassieren den Besitz der Verfolgten. Sie
bereichern sich ganz offiziell am Erbe der hingerichteten
»Ungläubigen«. Aufgeputschte Massen, die den neuen Predigern
nachlaufen, massakrieren die »Heiden«. Mönche stürmen Häuser und
Kultstätten derer, die sich nicht taufen lassen wollen, zerschlagen
Götterbilder, zerstören unersetzliche
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Kunstwerke, veranstalten Spottprozessionen, töten heidnische
Religionsdiener, richten das Kreuz Jesu als Siegeszeichen auf.
Im 20. Jahrhundert behauptet der Theologe Daniélou: »Die Kirche
hat immer betont, daß sie die religiösen Werte der heidnischen Welt
achtet.« In Wirklichkeit hat sich keine kirchliche Stimme von Gewicht
gegen die frühen Vernichtungsfeldzüge erhoben. Predigten, die zum
Rauben und Morden aufriefen, gibt es dagegen genug. »Nehmet weg,
nehmet weg ohne Zagen, allerheiligste Kaiser, den Schmuck der
Tempel«, hetzt um 347 der Theologe Firmicus Maternus, »... alle
Weihegeschenke verwendet zu eurem Nutzen und macht sie zu
eur em Eigentum. Nach Vernichtung der Tempel seid ihr zu höherem
fortgeschritten. Mit Hilfe der Kraft Gottes.« Das alles soll geschehen,
»damit kein Teil des verruchten Samens. . . keine Spur des heidnischen
Geschlechtes bleibe«. Kein Wunder, daß die von Klerikalen
angezettelten Pogrome unvergleichlich blutiger und erbarmungsloser
sind, als es jemals eine Christenverfolgung zuvor war. Noch 1954 lehrt
Papst Pius XII., daß alles, was nicht (seiner) Wahrheit oder Sittennorm
entspricht, »kein Recht auf Existenz« verdient.
Papst Leo X. hat 1520 den Satz Luthers als der katholischen
(wahren) Lehre widersprechend verdammt: »Es ist gegen den Willen
des Heiligen Geistes, daß Ketzer verbrannt werden.« Der Papst setzte
Lut her eine Frist von sechzig Tagen zum Widerruf. Seither ist viel Zeit
vergangen. Inzwischen war Papst Johannes Paul II., Nachfolger jenes
Leo, schon zweimal in Deutschland, dem Land Luthers. Obgleich die
Päpste über 470 Jahre Zeit zum Widerruf jenes Verdammungsurteils
oder wenigstens zum Nachdenken über die Richtigkeit des lutherischen
Satzes gehabt haben, ist noch immer nichts geschehen. Der Wojtyla-
Papst will offensichtlich dem Beispiel Luthers nicht folgen und die
Bulle des Leo verbrennen. Offenbar setzt er auf andere Mittel.
Die Ausrottung des Irrtums durch die sogenannte Wahrheit
21
hat Methode. Die Vernichtung der Irrenden ist ebenso konsequent wie
die Zwangsbekehrung zur christlichen »Wahrheit«. Nach militärischen
Siegen der Christen schickt der Papst Glückwünsche, wurde doch
einmal mehr »das Gottesreich ausgebreitet«. Die große Treibjagd auf
die Goten endet im 6. Jahrhundert mit Christenjubel, mit
Gottesdiensten - und Hinrichtungen. Der zwanzigjährige Gotenkrieg
hat Italien in eine rauchende Ruine verwandelt und dem Land
schlimmere Wunden zugefügt als der Dreißigjährige Krieg
Deutschland. Rom, die blühende Millionenstadt von früher, fünfmal
erobert, fünfmal verheert, zählte nur noch 40000 Einwohner, der
römische Bischof aber war unter den Kriegsgewinnlern der erste. Mit
den irrgläubigen Goten wurde zugleich die »Ketzerei« ausgerottet, und
Geld und Gut gab es für den Bischofssitz noch obendrein.
Dieses Beispiel wird in der Kirchengeschichte viele nach sich ziehen.
Immer wieder ist blutig missioniert, überzeugt, bekehrt worden.
Angefangen von der Ausrottung der Samaritaner über die Bekehrung
der Friesen im 7. und 8. Jahrhundert über die Christianisierung der
Sachsen unter Karl »dem Großen«, den Wendenkreuzzug (1147), den
Albigenserkrieg im 13. Jahrhundert bis hin zur »Katholisierung« der
Weißrussen und Ukrainer in Polen zwischen den beiden letzten
Weltkriegen und zu den grauenhaften Kroatengreueln der Jahre von
1941 bis 1943: Immer wieder ist die Wahrheit auf fürchterliche Weise
gegen den sogenannten Irrtum durchgesetzt worden, um Menschen zu
»bekehren«. Immer wieder sollte sich die Zahl der Katholiken mehren
— und das Geld, das eben die größere Zahl zeitigte und zeitigt.
Das neueste Beispiel: Wie die Missionierung Rußlands, ist die
Katholisierung des Balkans ein altes Ziel des Vatikans. Er suchte es
politisch und militärisch immer dringender zu erreichen; erst mit dem
Beistand des Hauses Habsburg, dann mit Hilfe des Preußenkaisers,
zuletzt mit der Mussolinis und Hit-
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lers. So entstand 1941 ein »unabhängiger Staat Kroatien« und wurde
von Papst Pius XII. abgesegnet. Die »besten Wünsche für die weitere
Arbeit« harte der Papst dem neuen Diktator Pavelic auf seinen Weg
mitgegeben, und diese Glückwünsche fruchteten augenblicklich: Die
Katholisierung des Landes begann, orthodoxe Kirchen wurden
hundertweise dem römischen Glauben eingemeindet, wurden zu
Warenhäusern, Schlachthäusern, Ställen, öffentlichen Toiletten
gemacht oder zerstört. Noch im April 1941 hat man die einheimischen
(orthodoxen) Serben auf eine Stufe mit den Juden gestellt; Juden wie
Orthodoxen wurde das Betreten der Gehsteige untersagt. In
öffentlichen Verkehrsmitteln hingen Schilder: »Betreten für Serben,
Juden, Nomaden und Hunde verboten«!
Orthodoxe Bischöfe wurden ermordet, ebenso 300 Priester,
während der katholische Erzbischof von Sarajewo die neuesten
Methoden des »Kroatenführers« als »Dienst der Wahrheit, der
Gerechtigkeit und der Ehre« pries. Was zwischen 1941 und 1943 im
»unabhängigen Kroatien« an Propaga nda für den Katholizismus
geschah, steht hinter den Inquisitionsgreueln nicht zurück. Überall rief
der römisch-katholische Klerus zur Konversion auf, überall drohte er,
Unbekehrte zu bestrafen. Schon innerhalb der ersten sechs Wochen
des katholischen Regimes wurden 180000 Serben und Juden
massakriert. Im Lauf des nächsten Monats kamen 100000 Tote
hinzu, darunter viele Frauen und Kinder. Massenexekutionen waren
üblich, gräßliche Folterungen, vergleichbar mit denen in deutschen
KZs, wurden zur Regel. Pius XII. aber, der sonst zu allem und jedem,
gefragt oder ungefragt, sprach, verlor kein Sterbenswörtchen zu
diesen Greueln seiner »getreuen Söhne«. Vielmehr gab der Papst
Audienzen, versicherte die Kroaten seiner »hohen Befriedigung«,
seiner »väterlichen Empfindungen« und feierte den obersten Mörder
Pavelic als »praktizierenden Katholiken«.
Von zwei Millionen Serben wurden damals 240000 gewalt-
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sam zum römischen Katholizismus bekehrt - und etwa 750000, oft nach
sadistischsten Torturen, ermordet. Kein »Heiliger Vater« hat sie bis
heute beklagt. Lamentiert hat Pius XII. erst 1945, als »Morde an
Bürgern ohne Prozeß oder aus privater Rache« geschahen, als sich die
Kommunisten Jugoslawiens an den Katholiken rächten. So ist dieser
Papst, dessen Seligsprechungsprozeß ansteht, wahrscheinlich mehr
belastet als jeder seiner Vorgänger seit Jahrhunderten, bietet er der
Welt ein fast unvergleichliches Exempel verbrecherischer Unmoral.
Schließlich war das Treiben der Klerofaschisten sogar den
faschistischen Italienern zuviel. Italien griff ein und rettete rund
600000 Menschen aus den Fängen der Katholiken. Was italienische
und deutsche Soldaten selbst gesehen haben, spottet jeder
Beschreibung: einen Kroaten mit einer Halskette aus menschlichen
Zungen und Augen. Auf dem Schreibtisch des kroatischen »Führers«
einen »Geschenk«-Korb: »vierzig Pfund Menschenaugen«, wie
Pavelic renommiert haben soll, ein Mann, der sich eine eigene
Hauskapelle und einen eigenen Beichtvater hielt, der nach dem
Zusammenbruch seines Kroatiens, des »Reiches Gottes und Mariens«,
mit Zentnern geraubten Goldes, als Priester verkleidet, geflohen ist —
vom Papst noch 1959 auf dem Totenbett gesegnet.
Religion als Uranlage? Mission als Zwangstaufe? Mord und
Totschlag als Mittel der Mission? Nichts Neues unter der Sonne.
Dennoch ist zu hoffen, daß sich diese religiöse Tradition nicht fortsetzt,
daß mehr und mehr Menschen aufstehen und den Religionsmördern
die Tatideologien und Tatwerkzeuge aus den Köpfen und den Händen
nehmen. Das bisherige Konflikt modell, welches von einer - unter
allen Umständen, auch höchst mörderischen, gegen den Irrtum und
die Irrenden zu verteidigenden - Wahrheit ausging, ist überholt. Es hat
denen, die es vehement vertraten, gewaltige Profite eingetragen, aber
keine Konflikte gelöst, vielmehr immer neue Konflikte bewirkt. Indem
es davon ausging, unter den Guten müßten, wie in einer
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Festung, Einigkeit und Harmonie herrschen, damit die Soldaten der
Wahrheit »schlagkräftig« gegen die da draußen blieben, hat dieses
Denk- und Handlungsmodell bis heute Krieg nach innen und Krieg
nach außen getragen.
Weshalb werden noch immer Säuglinge getauft?
Zwangsbekehrungen von Menschen erfolgen nicht immer mit Hilfe
von Blut. In den meisten Fällen tut es auch Wasser. Freilich darf es
nicht irgendein Wässerchen sein. In dieser Frage sind die Hirten
heikel. Sie zeigen viel mehr Skrupel, wenn es um die »richtige
Materie« der Taufe als um Schwert-Missionen geht. Dann plustern sie
sich auf, gewichten sie Gewichtloses. Eine mit kirchlicher
Druckerlaubnis immer wieder aufgelegte, als klassisches
Standardwerk geltende »Moraltheologie« lehrt: »... gültige Materie ist
wahres, natürliches Wasser. Darunter ist aber jedes einfache,
elementare Wasser zu verstehen, sei es Meer-, Fluß-, Quell-, Brunnen-
, Zistern-, Sumpf-, Regenwasser, Wasser aus Eis, Schnee und Hagel
aufgelöst, Mineral-, Schwefelwasser, Wasser aus Tau, aus Dämpfen
gesammelt. Wasser, wie es sich zur Regenzeit an den Wänden
niederschlägt und niederläuft, Wasser, das mit etwas anderem gemischt
ist, wenn nur das Wasser vorherrscht, überhaupt was immer für
Wasser, wenn es noch überhaupt wirkliches Wasser ist, auch
destilliertes Wasser, soweit es durch die Destillation bloß von fremden
Bestandteilen gereinigt ist. Dagegen sind ungültige Materie alle
organischen Sekrete, wie Milch, Blut, Speichel, Tränen, Schweiß, der
aus Blumen und Krautern ausgepreßte Saft, ebenso Wein, überhaupt
alle Flüssigkeiten, welche nach dem gemeinsamen Urteil der Menschen
vom Wasser verschieden sind, so auch Bier, Tinte.«
Der Wassertaufe unterliegt nur ein »Mensch«. Moraltheologen
zerbrechen sich daher die Köpfe, wann ein Fötus Mensch ist. Bei
einem »ausgestoßenen Fötus, welcher noch von der
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Netzhaut umschlossen ist, muß diese sorgfältig zerrissen, das ganze
Gebilde in warmem Wasser untergetaucht und emporgehoben werden,
während man die Taufformel spricht«. Und »nur wenn eine vollständig
degenerierte Fleischmasse oder Ähnliches aus dem Mutterschoße
austritt, ist kein Mensch vorhanden, also auch die Taufe nicht zu
spenden. Doch sind solche Massen zu untersuchen, weil sie
manchmal einen belebten Keim enthalten.« Eine Mißgeburt, nur aus
Bauch und Beinen bestehend, zählt wohl nicht als menschliches
Individuum, doch kann auch sie — man weiß ja nie — »bedingt getauft«
werden. Derjenige Papst, der sich am häufigsten und eindringlichsten zu
diesen Themen geäußert und die Hebammen der Welt entsprechend
angewiesen hat, war, wie könnte es anders sein, der große
»Schweiger« Pius XII.
Jesus aus Nazareth, auf den solche Theologen sich berufen, hat die
Taufe weder gepredigt, noch hat er selbst getauft. Allerdings hat er
auch nicht in einem einzigen Fall blutig bekehrt. Erst die
Zwangsreligion unserer Regionen hat das eine wie das andere
praktiziert, hat Millionen Menschen gemordet - und tauft noch heute
Millionen, um den eigenen Nachwuchs zu sichern sowie ihr
ideologisches und finanzielles Überleben. Daß die Zwangsgetauften
unmündige Kinder sind, die sich gegen ihr »Glück« nicht wehren
können, nimmt unter diesen Bedingungen sowenig wunder wie die
Tatsache, daß noch immer sogenannte metaphysische oder
psychologische Gründe gesucht werden, um die Praxis und die hinter
ihr stehende Ideologie des Geldes und der großen Zahl zu stützen.
Doch kommen alle Gründe nicht gegen das Menschenrecht des
Kindes an.
Daß die Zwangstaufe in der Bundesrepublik Deutschland einen
Verstoß gegen das Grundrecht des Kindes auf Religionsfreiheit (Art. 4
Abs. 1 GG) darstellt und sich dennoch niemand darum schert,
verwundert freilich nicht. Im Zweifelsfall zieht man
Klerikalprivilegien gewohnheitsmäßig den allgemeinen Grundrechten
vor. Säuglinge, die eigenes Vermögen besitzen
(durch Erbschaft), werden in der Bundesrepublik mit ihrer Taufe
kirchensteuerpflichtig und müssen die Kirche mitbezahlen. Das Neue
Testament aber kennt überhaupt keine Kindertaufe. Und in den
folgenden Jahrhunderten schoben die besten Christen die Taufe
möglichst weit hinaus, da der Klerus lehrte, durch sie würden alle
26
Sünden eines Lebens getilgt. Säuglinge freilich hatten nichts zu tilgen,
Greise schon. Das heilige Wunderbad sollte verrucht leben und
versöhnt sterben lassen.
Weshalb ist die »große Zahl« der Christen falsch?
Sehr wenige Menschen hätten einen Gott, hätte die Kirche ihnen keinen
gegeben. Bei Diskussionen, die den bevorzugten Status der
Großlärchen in der Bundesrepublik begründen helfen sollen, wird gern
das Argument der »großen Zahl« angeführt. Deutschland weist 28
Millionen evangelische, 27 Millionen katholische Christen auf; bei
insgesamt 78 Millionen Bürgerinnen und Bürgern eine satte
Zweidrittelmehrheit. In der Tat beeindrucken die Angaben über die
Zahlmitglieder der beiden Kirchen fürs erste. Doch dieser Eindruck
mindert sich gewaltig, wird zum einen bedacht, daß gut 90 Prozent der
nominellen Zahlmitglieder wenig engagierte Christen und — im
katholischen Raum — die gewöhnlichen »Laien« ohnedies zum
Schweigen verpflichtet sind, geht es um wichtige Entscheidungen ihrer
Kirche. Beide Wirklichkeiten relativieren die »große Zahl« erheblich.
Beide Wirklichkeiten werden im politischen Leben der Republik noch
viel zuwenig ernst genommen. Hinzu kommt, daß die Zahl derer, die
ihre Kirchen verlassen (»Konfessionslose«), nicht nur von Jahr zu Jahr
mächtig ansteigt, sondern bereits eine zweistellige Millionenhöhe
erreicht hat. Kirchenfreie besitzen zumindest eine Sperrminorität. Ihre
Aussichten, früher oder später in der Mehrheit zu sein, sind gut. In
Berlin übertrifft die Zahl der Kirchenfreien mit 47 Prozent bereits die
Zahl der Katholiken (9 Prozent) und Protestanten (37 Prozent).
27
Das Desinteresse vieler Demokraten an diesen Fakten, wie es in
anderen, aufgeklärteren Ländern undenkbar ist, fördert freilich die
Argumentation der bundesdeutschen Himmelslobby. Diese spiegelt
eine Position klerikaler Stärke vor, für deren Weiterleben - wenn die
Fakten ausgewertet werden - keinerlei Grund besteht. Schon vor dreißig
Jahren schrieb Corrado Pallen-berg, ein profunder Kenner des Vatikan:
»Man darf es für schlechthin undenkbar halten, daß die Regierungen
von Großbritannien, Frankreich, Italien und den USA, ja selbst die
ultrakatholischen Spanier es wagen würden, ihren Bürgern solch
schwere Steuerlasten >um des Glaubens willen< aufzubürden. Die
Deutschen ertragen es, weil sie sich daran gewöhnt haben.« Und weil
sie eines der fleißigsten, doch auch politisch dümmsten Völker sind.
Nichts aber ist schlimmer als diese Mischung aus Energie und
Hörigkeit — die beiden Weltkriege beweisen es. Im übrigen haben sich
mittlerweile Italien und Spanien von den mit Mussolini und Franco
geschlossenen Konkordaten befreit. In der Bundesrepublik dagegen gilt
das Hitler-Konkordat von 1933, das unter anderem die Kirchensteuer
garantiert, noch immer. Für die Jahrtausendwende kündigt sich in
Deutschland eine groteske Situation an: Die kirchenfreie
Bevölkerungsmehrheit lebt in einem von den Großkirchen
dominierten Staat.
Sind die Deutschen besonders fromm? Oder brauchen sie einen
speziellen Kirchenservice, um Mensch sein zu können? Benötigen sie
nach wie vor zum Überleben eines der vielen Christentümer? Gar
einen besonders lieben Gott? Der CSU-Politiker Wolfgang Bötsch
drängt in diese Richtung, wenn er vom Bundespräsidenten ein
»hilfreiches und klärendes Wort« gegen den in den neuen
Bundesländern ererbten »aggressiven Atheismus« verlangt und sich
»als Christ daran interessiert« zeigt, daß im mitteldeutschen
»Missionsland« die »Rückbesinnung auf den christlichen Glauben
gefördert« werde. Die Oberhirten hören's mit Freude. Im vereinten
Deutschland, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz
Karl Lehmann,
28
will die römische Kirche »viel entschiedener als bisher alle Kraft
ihrem missionarischen Auftrag« zuwenden.
Weshalb streiten sich so viele Christentümer?
Die Hauptreligion der gemäßigten Zonen, das Christentum, hat
sich nicht wenige Privilegien gesichert, die aus der allgemeinen
Anerkennung einer Tatsache folgen sollen, die höchst
zweifelhaft ist. Das Christentum will nicht nur finanziell
gefördert sein, sondern auch den besonderen Schutz des
Staates genießen : weil es (für seine Gläubigen) die einzige
Wahrheit darstellt und weil es (diesmal sollen es auch die
weniger Frommen glauben) Kulturleistungen erster Ordnung
erbracht hat und noch immer erbringt. Beide Begründungen
sind nicht zu halten. Zum einen ist die Chose mit der
»einzigen Wahrheit« nicht mehr allen Gläubigen so geheuer,
wie es Rom oder Wittenberg gern hätte. Inzwischen finden sich
so viele Christentümer mitten unter uns, daß es nicht nur dem
Unbedarften schwerer fällt denn je, das Richtigste von dem
weniger Richtigen zu unterscheiden. Zum anderen wird die
Frage nach den besonderen Kulturleistungen der Christen unter
uns längst nicht mehr so allgemein und so gleichlautend
beantwortet, wie es der harte Kern der Christenleute tut.
Müssen geschichtliche Fakten als Beleidigung des
Christentums verstanden werden?
Waren es die Dümmsten denn, die protestierten, sich
mokierten, erbrachen fast vor Ekel, Zorn ? Der Katholizismus sei
»eine Lüge«, »die Religion der unanständigen Leute« und der
Papst »der beste Schauspieler« Roms, steht da geschrieben. »Der
Katholizismus verteidigte stets den Diebstahl, den Raub, die
Gewalttat und den Mord«, heißt es anderswo; »in der Regel«
werde »jeder katholische Priester zu einem Scheusal«, und »je-
29
der anständige Mensch« müsse es »als eine Beleidigung ansehen .. .
katholisch genannt zu werden«, schreibt man an anderer Stelle. Dem
Christentum wird attestiert, es habe »siebzehn Jahrhunderte
Schurkereien und Schwachsinnigkeiten« auf sich geladen, es sei ein
»Wahn«, der »die ganze Welt bestach«, ein »unsterblicher
Schandfleck«, das »Blatterngift der Menschheit«. Die dies und
anderes mehr erklärten, waren keine kleinen Köpfe abendländischer
Kultur, keine so geringen Geister, wie die Christen es gern hätten. Es
waren Menschen mit großen Namen: Pierre Bayle, Voltaire, Helvetius,
Goethe, Schiller, Heine, Hebbel, Nietzsche, Freud. Leute ohne Einfluß,
mögen Kleriker sagen, Randerscheinungen der menschlichen Kultur.
Aber desavouieren solche Richter sich nicht selbst? Dürfen sich
Vertreter einer Kirche, die gegenwärtig nicht mehr den geringsten
Schritt nach vorn machen kann, die kulturell bedeutungslos wurde, der
in den letzten Jahren selbst die letzten braven Schriftsteller abhanden
gekommen sind, als Repräsentanten ei ner abendländischen Kultur
aufspielen? Durften sie es je? Kam ihnen je eine wesentliche Rolle im
Geistesleben zu — oder nur die Hauptrolle in der Tragödie der eigenen
»Wahrheit« ?
Bei Gott, spricht es für Gott, daß er all die dummen Köpfe braucht,
die ihn predigen ? Das Christentum ist immer die Religion der Kleinen
gewesen, nicht der sogenannten einfachen Leute. Denn die hat es
ganz selten erreicht. Die hat es getauft und gemordet, über deren
wahres Leben, deren alte Volksgötter hat es seinen Firnis gelegt. Eine
Religion dieser kleinen Leute war die »Hochreligion« der Kleriker
nicht. Sie war eine Ideologie der kleinen Geister, deren ausgeprägte
Machtgier es nicht ertragen konnte, den Großen nur dienen zu dürfen.
Also mußten diese nieder in den Staub, und der Kleinchrist konnte
über sie herrschen. Seither sind die Anschauungen der
Andersdenkenden, mochten diese geistig so groß sein, wie sie wollten,
»Seuche«, »Krankheit«, »von Gottlosigkeit strotzende Possen«, »wildes
Heulen und Gekläff«, »Erbrechen und Auswurf«,
30
»stinkender Unrat«, »Kot«, »Jauchegrube«. Seither sind Nichtchristen
— oder Angehörige einer anderen christlichen Denomination als der
eigenen — »Verseuchte«, »Invaliden«, »Vorläufer des Antichrist«,
»Tiere in Menschengestalt«, »Söhne des Teufels«. Alle diese
Kulturwörter stammen aus dem Mund von Bischöfen und Päpsten, alle
sind sie gegen »Ketzer« gerichtet, gegen »schlimme Bestien« also,
»Schlachtvieh für die Hölle«.
Was wäre los im Land, schimpfte ein Großer heute den Papst ein
»Tier«, einen »Drachen und Höllendrachen«, »Bestie der Erde«? Fände
Johannes Paul II. sich plötzlich als »Fastnachtslarve« charakterisiert, als
»Rattenkönig«, »erzpestilenzialisches Ungetüm«? Schriee ihm einer
ins Gesicht, er sei ein »stinkender Madensack«, »besessen vom
Teufel«, »des Teufels Bischof und der Teufel selbst, ja der Dreck, den
der Teufel in die Kirche geschissen«? Dann wären ein ausländisches
Staatsoberhaupt und alle wahren Christen beleidigt, wäre der
»öffentliche Friede« gestört, dann hätte der Staatsanwalt
Ermittlungen nach § 166 StGB eingeleitet, dann hätten ihn die
christliche Kirche und der weltanschaulich neutrale Staat zu fassen
bekommen, hätten ihn verurteilt, den Doktor Martin Luther, diesen
Christenführer, der solches wider einen anderen Christenführer
geschleudert, inzwischen aber in deutschen Landen als salonfähig gilt.
Warum wohl? Weil sich selbst die wahrste aller Kirchen damit hat
abfinden müssen, daß die Wahrheit, die sie gelehrt, nicht die einzige
geblieben ist, sondern nur noch eine unter vielen. Tempi passati?
Vergangene Epochen einer unfriedlichen Geschichte? Abgelegt unter
der Rubrik »Geistesmord«? So hätten die Nachfolger es gern. Deshalb
wollen sie das Geschehene, Erledigte nicht mehr behandeln lassen.
Deshalb rufen sie: Haltet den Dieb!, wagt jemand, die Akten zu
öffnen, die Dokumente einzusehen. Deshalb weisen sie nicht sich
selbst und ihren Vorgängern die Schuld zu, sondern denen, die diese
Schuld offenbaren. Wer Erfahrung hat mit Klerikern, weiß: Die Kritiker
sind stets schuld, die kritisierten Zustände werden hin-
31
genommen. Wer offenlegt und dies nicht nur am Rand des Teppichs,
unter den gekehrt worden ist, verbricht einen »Rundumschlag«. Daß
gerade die Kirchengeschichte Rundumschläge von ganz anderen — und
blutigsten — Ausmaßen kennt, ist Klerikern noch immer keinen
Hinweis wert. Daß ihre Literatur nichts anderes als Rundumschläge
verteilt, darf nicht festgestellt werden: Müssen aber Menschen sich von
Klerikalen mit Hymnen auf die Kirche eindecken, müssen sie sich
Rundumschläge von angeblich Guten bieten lassen?
Trägt dieses Buch alte Argumente vor? Bleibt es vordergründig, weil
ihm der Zugang zum »Wesen der Kirche« fehlt? Ja, vordergründig, so
schreit jeder Pfaffe, deckt man seine Hintergründe, seinen
Schwachsinn auf. Und immer wollen jene, die wenig wissen, wenig
wissen dürfen, religiöse Klatschbasen, Stammtischbrüder, engstirni ge
Bigotte, aufgeblähte Narren, am meisten wissen; können jene, denen
klerikale Traktätchen genügen, mit denen, die ein Leben lang geforscht
haben, ins Gericht gehen: Das Objekt läßt es offenbar zu. Religion
kann jeder vertreten, über Gott kann er mitreden, schon eine kleine
naturwissenschaftliche Frage aber überfordert den »Laien«. Nicht
dieser »Anti-Katechismus« ist ein Pamphlet, nicht
er eine
Kampfschrift. Sie kommen aus einer anderen Ecke, sie sind normale
Erzeugnisse klerikalen Denkens. Mittlerweile tragen sie friedliche
Namen wie »Enzyklika«, »Hirtenwort«, »Katechismus«. Doch die
Sache blieb dieselbe, die des Kampfes. In ihren Traktaten tragen sie
den Kampf nach vorn. In ihnen agieren sie wie immer, unfriedlich,
friedensunfähig, friedensunwillig. In ihnen spalten sie die Menschen,
einzeln und allgemein, in gute und böse Teile — und ziehen ihre
geistes- und freiheitsmörderischen Konsequenzen. Sie ertragen die
Sicherheit der Andersdenkenden nicht, bei all ihrer eigenen
Unsicherheit, ihren Identitätskrisen, ihren beseligenden
Kohlkopfharmonien. Sie reagieren empört, mit Haß - der großen
Domäne der Liebesreligion. Sie antworten mit Denkverboten,
Leseverboten,
32
Index und Zensur, mit Verleumdungen, Gift und Galle, Pech und
Schwefel. Und nachdem ihre Scheiterhaufen erlöschen mußten,
schmollen sie und warten auf bessere Zeiten; reagieren sie, indem sie -
höchst diplomatisch - gar nicht reagieren, gar nichts beantworten, die
Kritiker als Unpersonen behandeln, die Argumente ebenso
totschweigen wie die Argumentierenden. Argumente? Niemand kann
guten Wissens und Willens behaupten, daß »nur« die vergangenen
1900 Jahre Christentum böse und blutig gewesen seien, die Situation
der Kirche aber in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sich
grundlegend geändert, gebessert habe. Das Gegenteil ist wahr: Rein
quantitativ gesehen, belasten die katholische Kirche im 20. Jahrhundert
mindest gleichviel, wenn nicht noch mehr Verbrechen als in
irgendeinem früheren Zeitraum. Hinzu kommt, daß sie in unserer
jüngsten Vergangenheit eine neue Blutschuld brandmarkt, die an
Scheußlichkeit nicht hinter den schlimmsten Missetaten des
katholischen Mittelalters zurücksteht. Der grauenhafteste Skandal des
Christentums im 20. Jahrhundert, die bereits erwähnten Kroatengreuel
zwischen 1941 und 1943, ist nicht ohne Grund das unbekannteste und
am meisten verdrängte geschichtliche Faktum in der christlichen Welt.
Nur die stets Wissenden haben es auch in diesem Fall gewußt: Das
vatikanische Staatssekretariat besitzt angeblich 8000 Fotografien von
den durch Katholiken geschehenen Massakern und
Massenbekehrungen.
Scheinbar einsichtige Christen suggerieren heute, alles Schlimme
der Kirche sei endgültig vorbei. Diese Suggestion macht nur die Toten
schuldig und spricht die Lebenden frei. Doch freut man sich zu früh:
Wer 59/60 der eigenen Kirchengeschichte als verderbt ansieht und nur
das gegenwärtige 1/60 als passabel, der verletzt nicht bloß - übrigens
gegen den Willen der Päpste aller Zeiten — die Tradition der eigenen
»heiligen« Institution, der handelt auch gegen sich selbst unredlich. Er
sieht sich nicht als das, was er ist — und nach katholischer
33
Doktrin sein muß: als Erben einer Vergangenheit, die unabdingbar zur
Gegenwart der konkreten Kirche gehört und von der er sich nur
befreien kann, indem er diese Kirche verläßt. Die Kirche verlassen
hieße in diesem Fall, mit der Tradition brechen, auf das »ewige« Leben
verzichten, um wenigstens einmal im Leben Mens ch statt bloß
Christenmensch zu sein.
Bundesdeutsche Staatsanwaltschaften müssen Jahr für Jahr gegen
»besonders verletzende, rohe Kundgaben der Mißachtung« (so ein
amtlicher Text von 1985) einschreiten, weil sich ein praktizierender
Christ beleidigt fühlt, rechnet ihm jemand die Schandtaten seiner
Kirche anhand unbestreitbarer Fakten vor. Flugblätter, die auf solche
Wahrheiten und ihre Hintergründe weisen, werden amtlich
eingezogen, denn sie sind »geeignet, Gefühle des Hasses und der
Verachtung zu wecken und zu fördern und daher den öffentlichen
Frieden zu stören«. Wer demgegenüber — durch Hirtenworte und
andere »fromme« Flugschriften — Krieg und Haß geschürt, wer den
öffentlichen Frieden über Jahrhunderte eklatant ruiniert hat, wer die
Meinung Andersdenkender bis auf den heutigen Tag der öffentlichen
Mißachtung aussetzt, geht straffrei aus: ein nicht zu übersehendes
Exempel gesunden Rechtsempfindens im Dienst der wahren, das ist der
klerikal bestimmten abendländischen Kultur! Hierzulande scheint sich
niemand von den Verantwortlichen schämen zu müssen. Im Gegenteil:
Die historisch und aktuell Schuldigen stehen - ungeachtet der
vernunftverheerenden Wirkung ihrer Dogmen und Moral - unter dem
besonderen Schutz des weltanschaulich neutralen Staates. Sie werden -
wie keine vergleichbare Gruppe unserer Gesellschaft — finanziell
ausgehalten. Sie haben einen gesicherten Zugang zu allen
gesellschaftspolitisch wichtigen Institutionen. Ihr
Mitentscheidungsrecht oder zumindest ihr Einfluß in Sachen
Kindergärten, Schulen, Universitäten, Rundfunkanstalten,
Presseorgane ist institutionell gesichert. Sie brauchen sich — blutige
Tradition hin oder her — bis auf weiteres keine Sorgen zu machen.
34
Gibt es aber nicht auch Gründe für Kirchen, stolz zu sein? Ist ihre
Vergangenheit nur mörderisch? Ist alles Kirchliche von vornherein
schlecht? Kleriker betonen, daß die Ideale des Evangeliums sehr
hochgesteckt sind. Und sie folgern daraus, daß niemand die konkreten
Kirchen oder die einzelnen Christen schon deswegen verdammen
dürfe, weil sie diese evangelischen Ideale nicht ganz, nicht halb oder
gar nicht realisieren. Sich zu verfehlen sei menschlich, auch und
gerade im Reich Gottes. Doch geht es niemals um kleine
Verfehlungen, Bagatellen. Im Gegenteil. Ist doch keine Organisation
der Welt zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit
Verbrechen belastet wie die christliche Kirche. Und diese Ansicht ist
erst widerlegt, wird dem bisher von der Kirchenkritik erbrachten
wohlfundierten Material ein ebenso wohlfundiertes Material
gegenübergestellt, welches irgendeine andere Organisation der Welt
genauso fortgesetzt und genauso scheußlich belastet.
Ist das Christentum originell?
Die soeben gemachte Aussage impliziert schon, worin das Christentum
besonders originell ist und bleibt. Doch ist weiterzu-fragen: Gibt es
Gründe für das Vorgehen der Christen gegen Andersdenkende? Ja,
denn Christen, die gegen das »andere« kämpfen, bekriegen es in sich
selbst. Sie spüren mit machtsicherem Instinkt, daß sie nicht besonders
viel Neues in die Welt gebracht haben - und daß diejenigen, die dies
wissen, ihnen gefährlich werden müssen. Jede Religion, die mit ewigen
Wahrheiten jongliert, fürchtet die Enthüllung, daß ihre Wahr heit
nicht von irgendeinem Gott geoffenbart, sondern bei lebendigen
Geistern und Zeitgenossen entlehnt oder gestohlen worden ist.
Kleriker sehen die Wahrheit der christlichen Lehre durch Weissagung
und Wunder bewiesen; aber nichts, angefangen vom zentralen Dogma
bis hin zum peripheren Ritus, ist im Christentum wirklich innovativ
und originell. Wunder wie
35
Weissagungen sind übernommen. Leidende, sterbende,
wiederauferstehende »Gottessöhne« waren in Mythologie und
Geschichte wohlbekannt, als christliche Autoren sie übernahmen.
Dreifaltigkeitslehren gibt es zwar nicht bei Jesus, doch in Fülle in
vorchristlicher Zeit. Die Gottesmutterschaft, die Jungfrauengeburt?
Nichts Neues. Wallfahrten, Gnadenorte, Reliquien? Alles bekannt.
Das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe? Den sogenannten
»Heiden« vertraut. Die Taufe? Die Beichte? Das Abendmahl? Alles,
was im Christentum ein hochheiliges Sakrament sein soll, war schon
lange vor den Christen auf der Welt.
Der größte aller Kirchenlehrer, Augustinus, hat dies auch
unumwunden in Bausch und Bogen und freilich mit dem ihm eigenen
Zynismus eingeräumt: »Das, was man jetzt als christliche Religion
bezeichnet, bestand bereits bei den Alten und fehlte nie seit Anfang
des Menschengeschlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo
an die wahre Religion, die schon vorhanden war, anfing, die
christliche genannt zu werden.«
Heiden oder Juden oder beide haben die Weltanschauungen
erfunden, bei denen sich die Christen bedienten. Wer Christ sein
wollte, konnte sich nicht auf das eigene, schon gar nicht auf das
innovative Denken verlassen, sondern mußte nehmen, was da war: die
Predigt vom nahen Gottesreich, die Lehre von der Gotteskindschaft,
die Messias- wie die Heilandsidee, die Prophezeiung des Erlösers,
seine Herabkunft, seine Geburt aus der Jungfrau, seine Anbetung
durch die Hirten, seine Verfolgung schon in der Wiege, seine
Versuchung durch Satan, sein Lehren, Leiden, Sterben (auch am
Kreuz), seine Auferstehung (bis hin zum Bild des »dritten Tages« wie
beim ägyptischen Gott Osiris), sein leibhaftiges Erscheinen vor
Zeugen, seine Höllenfahrt, seine Himmelfahrt, die Erbsündenlehre,
die Siebenzahl der Sakramente, die Zwölfzahl der Apostel, das Amt des
Bischofs, Priesters, Diakons, Wunder wie der Wandel auf dem
Wasser, die Sturmbeschwörung, Speisenvermehrung,
36
Totenerweckungen - wozu weiter aufzählen ? Nichts davon ist neu.
Religionsgeschichtler haben längst nachgewiesen, daß es in der
antiken Literatur zahlreiche und genaue Gegenstücke zu den
evangelischen Wundergeschichten gibt; daß diese in Inhalt und
Stilisierung mit den profanen Wundererzählungen weithin
übereinstimmen; daß schließlich selbst der heidnische Ursprung der
neutestamentlichen Wunderlegenden überwiegend wahrscheinlich ist.
Selbst das größte Wunder, die Auferstehung, glückte den
»Göttersöhnen« immer wieder, den mythischen wie den
geschichtlichen; glückte so oft, daß der Kirchenschriftsteller Origenes
im 3. Jahrhundert sagen kann, das Wunder der Auferstehung Christi
bringe keinem Heiden etwas Neues und könne daher nicht anstößig
sein. Auch gekreuzigte Götter gab es vor dem in den Evangelien
gestalteten Jesus aus Nazareth: Dionysos, Lykurgos, Prometheus.
Zum Teil bis in geringste Einzelheiten hinein wiederholt sich beim
Tod Jesu, wie die Evangelisten ihn schildern, was beim Tod der
heidnischen Gottheiten geschehen und überliefert worden war. Der
babylonische Marduk etwa, als guter Hirte gepriesen, wird
gefangengenommen, verhört, gegeißelt, zusammen mit einem
Verbrecher hingerichtet, während ein anderer freikam. Beim Tod
Cäsars verhüllte sich nach Legendenberichten die Sonne, eine
Finsternis trat ein, die Erde barst, und Tote kehrten zur Oberwelt
zurück. Herakles, schon um 500 v. Chr. als Mittler für die Menschen
und zur Zeit Jesu als Weltheiland verehrt, befiehlt seinem göttlichen
Vater seinen Geist — mit fast denselben Worten, die Jesus nach dem
Lukasevangelium gebraucht haben soll. Der Theologieprofessor Joseph
Ratzinger mußte die Tatsachen anerkennen, als er noch nicht
Kurienkardinal und oberster Glaubenswächter Roms war. Er schrieb
1968: »Der Mythos von der wunderbaren Geburt des Retterkindes ist
in der Tat weltweit verbreitet.« Und er vermutet, »daß die verworrenen
Hoffnungen der Menschheit auf die Jungfrau-Mut-
37
ter« vom Neuen Testament aufgenommen worden sind. Aufgenommen
und für die eigenen Belange umgedreht? Daß die frühesten
christlichen Autoren das Stilmittel des frommen Betrugs ebenso
häufig anwenden wie viele ihrer Zeitgenossen, muß nicht eigens betont
werden. Kein einziges Evangelium, überhaupt keine biblische Schrift,
liegt im Original vor, sondern nur in Abschriften von Abschriften von
Abschriften. Die Zahl der verschiedenen Lesarten ist mittlerweile auf
schätzungsweise 250000 gestiegen. Dabei haben die jüngeren
Evangelien (und ihre Abschreiber) die älteren systematisch in ihrem
neuen Sinn verbessert. Paulus, der eigentliche Gründer dessen, was
gegenwärtig Christentum heißt, hat die Person Jesu weitgehend
ignoriert und dessen Lehre fundamental verändert. Er hat - aus
seiner Umwelt entlehnt - verschiedene Doktrinen begründet, die
noch heute christliches Denken und Handeln prägen: die Askese
(Leibfeindlichkeit), die folgenschwere Verachtung der Frau, die
Diffamierung der Ehe. Zudem stellte er Glaubenslehren auf, die der
jesuanischen Botschaft strikt zuwiderlaufen: die Lehre von der
Erlösung, von der »Prädestination« (Vorherwissen und -handeln
Gottes), die gesamte »Christologie«. Kein Wunder, daß es zwischen
Paulus und den Uraposteln zu schweren Auseinandersetzungen
gekommen ist. Kein Wunder, daß diese Kämpfe der »Wahrheitslehrer«
gegen die Lehrer des »Irrtums« die ganze Kirchengeschichte
durchtoben. Noch Papst Pius XII. lehrt: »Was nicht der Wahrheit und
dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein,
Propaganda und Aktion.« Doch auch kein Wunder, daß sich das
Christentum durchweg bei denen bedient hat, die es als »Heiden« abtut.
Wenn eine Religion jeden Bezug zu Lehren und Bräuchen einer
Vorgängerin offiziell eliminiert, werden die verbannten Denkmuster
und Gewohnheiten wieder in anderen, nur oberflächlich angepaßten
Formen zu neuem Leben erweckt.
Das Christentum hat sich dabei bei sämtlichen zur Verfügung
stehenden »Irrtü mern« nach Gusto bedient.
38
Der endgültige Monotheismus (Glaube an einen einzigen Gott) ist
von ägyptischen Anhängern des Sonnenkultes übernommen und über
die Religion des Mose ins Christentum übergeführt worden. Das
christliche Johannisfest geht in seinen Grundstrukturen auf präkeltische
Rituale zurück, Weihnachten ist ein Fest römischen Ursprungs, das
Allerheiligenfest ist an die Stelle der keltischen Samain-Nacht
getreten. Das Brauchtum, am 1. November Feuer zum Zeichen der
Wiedergeburt anzuzünden, haben die Christen von den Druiden-Kulten
übernommen und auf Ostern übertragen. Das keltische Imbolc-Fest,
das die Mitte des Winters bedeutete und Feuer wie Wasser verehrte,
wurde zum christlichen »Maria Lichtmeß« umgemodelt. Unzählige
christliche Kirchen und Kapellen erheben sich noch heute dort, wo
sich früher heidnische Heiligtümer befanden. Die christlichen
Priester, Mönche, Äbte, Bischöfe haben im sozialen Gefüge der
»eroberten Länder« genau dieselbe Rolle gespielt wie die früheren
Zauberpriester. Der Apostel Irlands, der hl. Patrick, hat die
vorgefundene Priesterklasse sogar nach ihrer sogenannten Bekehrung
zum Christentum zur intellektuellen Elite der neuen Religion gemacht.
Die Urschriften des Christentums sind nicht glaubwürdiger als die
Texte des Hinduismus, der griechischen Religionen oder des Druidentums.
Trotzdem haben der hl. Augustinus und andere Kirchenväter
keine Bedenken gehabt, sich über die Mythen der Heiden lustig zu
machen, sie als verrückte Geschichten hinzustellen und als
Erfindungen des Teufels, um die arme Menschheit vom rechten,
christlichen Weg abzubringen.
Freilich: Im Gegensatz zum Christentum hat es bei den »irrigen
Heidenreligionen« keine absolute und offenbarte Wahrheit gegeben,
die mit Feuer und Schwert hätte verkündet werden müssen. Ob die
gewalttätig überwundenen »Irrtümer« der neuen »Wahrheit« nicht
weit voraus waren?
39
Brauchen die Kirchen Denkhilfen?
Das Wort »Dogma« kommt aus dem Griechischen. Es meint das, was
als richtig erscheint. In seiner Grundbedeutung besagt es nicht die
wahre Lehre, sondern die Lehrmeinung. Allerdings hat es diese
ursprüngliche Unschuld verloren, als es in die Hände der Kleriker
gefallen ist. Inzwischen wird lustig - und seit 1870 auch unfehlbar -
drauflosdogmatisiert: Die erste Definition eines Lehr - und
Glaubenssatzes erfolgte schon im Jahr 325 in Nikaia, die vorerst letzte
im Jahr 1950 zu Rom (Aufnahme Mariens in den Himmel). Alle
Dogmen sind, so die römische Lehre, eingebettet in eine besondere
Struktur des »Bekennens«. Auch sind sie mit rechtsverbindlichen
Normen (Sanktionen gegen Bestreitung) versehen. Sie stellen Lehrsätze
dar; in ihrer Gesamtheit machen sie ein förmliches Lehrgebäude aus,
den »Schatz des Glaubens«. Ob sie geistiges Leben statt klerikale
Lehren fördern, bleibt dahingestellt. Ob diese Wahrheitslehren
jemandem etwas nützen? Wer, wenn nicht die Kleriker selbst, zieht
beispielsweise Nutzen aus der Lehre über die allein erlaubte Form der
Zeugung von Kindern? Daß die Doktrinen Roms den Menschen
schaden, ist demgegenüber unschwer festzustellen. Der
Religionswissenschaftler Friedrich Heiler faßt zusammen: »Ja, das
Christentum ist durch unsühn-bare Verbrechen geschändet worden,
die sich in dieser Form und Ausdehnung in keiner der anderen hohen
Religionen nachweisen lassen. Weder der Islam noch der Buddhismus,
noch der Hinduismus haben auch nur entfernt so viele Menschen um
ihres Glaubens willen getötet wie die christlichen Kirchen.« Je mehr
Licht in die Kirchen- und Dogmengeschichte gebracht wird, desto
dunkler werden diese.
Der Katholizismus hat sich nicht durchgesetzt, weil er besonders
rechtgläubig ist oder weil seine »Wahrheiten« die einzigen wären,
sondern er »ist« rechtgläubig, weil er sich und seine »Wahrheiten«
fürs erste hat durchsetzen können. Die
40
erwünschten einheitlichen Glaubensvorstellungen hat es im
Christentum zu keiner Zeit gegeben, wohl aber schon im 3.
Jahrhundert viele Dutzende, im 4. Jahrhundert bereits Hunderte
rivalisierende »Konfessionen«, die sich den Besitz der jeweils wahrsten
Wahrheit streitig machten. Unter ihnen allen hat schließlich der
»römische Katholizismus« gesiegt. Nicht etwa, weil er die wahrste
Wahrheit gepredigt hätte, sondern weil er alles, was ihm ins politische
Konzept paßte, von den anderen großen »Häresien« und den
Philosophien der zeitgenössischen Umwelt übernahm, dabei geschickt
die wirklichen Extreme vermied und sich, auch organisatorisch, dem
Durch-schnittsmaß anpaßte, eine Haltung, die im Konkurrenzkampf
von größtem Vorteil war. Die »katholische Lehre« setzte sich durch; sie
hatte die geschicktesten Übernahmen heidnisch-philosophischer und
römisch-j uristischer Elemente aufzuweisen. Sie wurde, durch solche
Lehnstücke angereichert, bald zur persönlichen Weisung für das
sogenannte »christliche« Verhalten in der Welt - und darüber hinaus
zur Brücke für die totale Bejahung der vorgefundenen Institutionen
(Kaiser, Reich, privilegierte Herrenschicht). Seit Konstantin I.
(gestorben 337) wird der Katholizismus zur Heils- und Siegesdoktrin,
die es den Andersdenkenden schwermacht, das grandiose Bild der
ideologischen und militärischen Geschlossenheit zu stören.
George Orwell zeichnet in seinem berühmten Roman »1984«
das Bild dieser Seelenlage nach, wie es in totalitären Systemen üblich
ist: »Crimestop bedeutet die Fähigkeit, gleichsam instinktiv auf der
Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen. Es schließt die
Gabe ein, Analogien nicht zu verstehen, außerstande zu sein, logische
Irrtümer zu erkennen, die einfachsten Argumente mißzuverstehen...
und von jedem Gedankengang gelangweilt oder abgestoßen zu
werden, der in eine ketzerische Richtung führen könnte. Crimestop
bedeutet, kurz gesagt, schützende Dummheit.«
Doch der Christen-Zweifel blieb. Ihn aus dem eigenen Sie-
41
ges-Glauben zu entfernen oder ihn wenigstens in eine Siegesformel zu
bannen war eine wichtige Aufgabe der Klerikalen (und ihrer
politischen Handlanger). Das »Dogma« wurde erfunden, die angeblich
höchste Stufe ideologischer Zuverlässigkeit und Absicherung. Diese
für alle Gläubigen verbindliche »Denkhilfe«, die dem
duckmäuserischen, dem unterkriechenden Denken dient, war selbst
zutiefst von der Abweichung, von Irrtum und Zweifel bedroht. Aber
auch hierfür wußte der Klerus Abhilfe. Eine oberste Instanz entstand,
der unfehlbar den Glauben regierende und die Zwangsidee »Dogma«
legitimierende Papst. Ihm sich anzuvertrauen, auf sein (Petrus-)Amt
zu bauen erschien künftig die einzige Möglichkeit, von den »Pforten
der Hölle« nicht überwältigt zu werden. Daß im Verlauf der
Dogmengeschichte Millionen Denkende dem Sicherheitsbedürfnis
einiger weniger geopfert worden sind, wird in den offiziellen
Verlautbarungen des Papsttums nicht einmal am Rand erwähnt.
Rom hat andere Dinge zu tun. Das Erste Vatikanische Konzil zum
Beispiel hat 1870 als Glaubensdoktrin verkündet, daß zumindest einige
Dogmen nicht von natürlichen Grundsätzen aus verstanden und
bewiesen werden können - und daß, sollte sich ein Widerspruch
zwischen Glaubenslehre und Wissenschaft ergeben, der Irrtum auf
Seiten der menschlichen Wissenschaft steht. Inwieweit sich -
nachweislich - Rom selbst im Lauf der Kirchengeschichte geirrt hat,
steht auf einem anderen Blatt. Der Vatikan kann sich nur durch
ständige Neuinterpretationen früherer Aussagen (»kein Dogma«,
»Fehldeutung«) davor retten, Päpste, Konzilien und Bischöfe als schwer
irrende Menschen und Gruppen entlarvt zu sehen. So bewahrt sich eine
Institution vor dem Irrtum, allerdings auf Kosten der eigenen
Wahrhaftigkeit.
Wer Glauben als umfriedeten Besitz betrachtet, wer seine
Theologie als Wissenschaft der käuflichen Argumentationen verstehen
will, wer Wahrheit in simple Antworten umfunktioniert, wer den
einzelnen Menschen total absorbieren möchte,
42
wer die Netze einer autoritären Disziplin über ihn zu werfen sucht,
der sichert sich ein Monopol - und zieht daraus den größten
persönlichen Profit. Die »Vermittlung« des Heils geschieht von da an
in Form eines Monopols, wo sie unaufgebbar an eine elitäre Gruppe
gebunden wird, die allein den richtigen Weg weiß und ihn den
Unwissenden vermittelt, im klerikalen Jargon: den »Gläubigen«. Die
Eliteformation »Klerus« verkündet nie nur das Heil an sich, sondern
beschwört erst die »Not«, um aus dieser Propaganda Kapital für die
eigene exklusive »Nothelferei« schlagen zu können. Jesus aus
Nazareth, der Christus und der Weltheiland, gibt selbst das
Musterbeispiel für solche Nothilfe ab, seit er in die Hände der Kleriker
gefallen ist: Er ist zur Projektion des nach Heil (und Heilssicherheit)
verlangenden Menschen geworden — und er muß dafür herhalten, als
letzter Grund für die Privilegierung und finanzielle Dotierung
»seiner« Kirche propagiert zu werden. Der katholische Theologe
Gotthold Hasenhüttl: »Jesus Christus ist fast restlos objektiviert; alle
möglichen Sonderheiten sind bei ihm zu finden; vor diesen kann man
sich nur gläubig beugen. Daß man diese selbst hineinspekuliert hat
und ein Geheimnis baute, vor dem man nun niederkniet, fällt nicht
auf, wenn das Denken einen objektivierten festen Grund einfordert.«
Fester Grund? Nothilfe? Das Monopol ist erfahren. Es liefert eine in
sich stimmig erscheinende Welt- und Überweltorientie-rung, ein
System von scheinbar sinnigen Aussagen. Es bietet auch den Plan zu
durchgängiger Handlungsformierung an, damit jeder Mensch, der sich
dem Monopol ausliefert, weiß, wo er steht und was er zu tun und zu
lassen hat. Damit soll das Elend der Realität aufgearbeitet und
aufgehoben sein. Das Elend aber ist nicht nur nicht aufgehoben. Es ist
verstärkt. Der Klerus war nicht gar so siegreich, wie er es selbst in
seinen Schriften darstellt. Immer wieder mußte er sein Heil in großen
Geschichts-lügen suchen. Diese Informationen mit Denkverbot
beziehen sich nicht von ungefähr auf »dogmatische Wahrheiten«.
43
Daß Jesus aus Nazareth selbst eine Kirche - gar die
römischkatholische, die »alleinseligmachende« — gestiftet habe: eine
geschichtliche Unwahrheit. Daß das »Apostolische«
Glaubens bekenntnis auf die Apostel zurückgehe: geschichtlich falsch.
Daß Petrus der erste Papst gewesen ist: historisch unwahr. Daß die
Bischöfe Nachfolger der Apostel seien: völlig unbeweisbar. Daß die
römischen Bischöfe von Anfang an den Primat über die Gesamtkirche
besessen hätten: schlicht erfunden. Daß das Wesen der Kirche
»übernatürlich« sei: Historisch steht das Gegenteil fest, denn bei
Entstehung, Ausbreitung und Durchsetzung der Institution ging
überhaupt nichts übernatürlich zu, sondern alles nur allzu natürlich.
Nach diesem bewährten Prinzip ihrer Tradition lebt und überlebt die
Kirche.
Warum ist von einer »Reform der Kirche« nichts zu
erwarten?
Die Glaubensgrundlage der Kirche ist mißlich. Angesichts dieser
unbestreitbaren Tatsache hat sich die derzeit so viel verhandelte Frage
nach der Kirchenreform eigentlich von selbst erledigt. Denn wollte die
Kirche - und dies wäre doch die unerläßliche Bedingung jeder Reform
— auf den »Stifter« selbst zurückgreifen, auf Jesus aus Nazareth, und
dies heißt heute ohne jede Frage auf jenen Menschen, den eine fast
zweihundertjährige Evangelienforschung und Bibelkritik aus dem
Schutt der Legenden herausgelöst hat, müßten die Oberhirten doch
alles auf-und preisgeben, was ihr Leben so angenehm macht und
woraus ihre Kirche besteht: Dogmen, Sakramente, Bischofsamt,
Papsttum, staatliche Finanzierung und Privilegierung, Ritus und
Folklore, kurz, das gesamte Service- Unternehmen von heute, en gros
und en detail. Erasmus von Rotterdam schreibt dazu vor fast 500
Jahren: »Wie viele Vorteile und Vergünstigungen würden die Päpste
verlieren, wenn sie nur einmal von der Weisheit heimgesucht
würden... dahin wären finanzieller Reich-
44
tum, kirchliche Ehrenstellung, Mitspracherecht bei der Vergabe
wichtiger Amter, militärische Siege, die große Zahl Sonderrechte,
Dispense, Steuern und Ablässe...« An deren Stelle träten Predigten,
Nachtwachen, Gebete, Studien »und tausend ähnliche Belastungen«.
Kopisten, Notare, Advokaten, Sekretäre, Maultiertreiber,
Pferdeknechte, Wechsler, Kuppler wären plötzlich arbeitslos. Doch so
weit läßt Rom es nicht kommen, und Erasmus faßt zusammen: »Ich
sehe, daß die Monarchie des Papstes zu Rom, so, wie sie jetzt ist, die
Pest des Christentums ist.«
Eine wahrhaft jesuanische Reform müßte aber nicht nur das
Unternehmen Großkirche hinwegfegen, sondern auch die
menschlichen Verhältnisse selbst umstürzen: vor allem das
Patriarchat, die Ausbeutung von Menschen durch Menschen. Allein
schon das Gebot der Feindesliebe ließe, endlich einmal auch von
Christen beherzigt, eine ganze Welt anders aussehen und handeln. Von
Kirchenleuten kann eine solche Reform, die Revolution nach innen
wie nach außen bedeutete, niemals erwartet werden. Von einer »stets
zu reformierenden Kirche« (ecclesia semper reformanda) zu sprechen
bleibt Augenwische-rei sogenannter progressiver Theologen. Theresia
von Avila, Franz von Assisi, in dieser Hinsicht zwei Ausnahmen von
der katholischen Regel, haben es besser gewußt als ganze Scharen
heutiger Bischöfe: Jede echte Reform in der Kirche hat nicht bei der
Liturgie zu beginnen, nicht bei der Theologie, nicht bei der
Organisation, sondern bei den Finanzen.
Wenige Menschen sind ähnlich reformunfähig und reformunwillig
wie »wahre Christen«. Oder haben die Christen je reformiert? Doch.
Seit eh und je. Schon die zweite Christengeneration hat gegenüber der
ersten von Grund auf reformiert, indem sie ein ganz neues Jesus-,
Gemeinde- und Glaubensbild geschaffen hat. Die nachkonstantinische
Kirche hat gegenüber der vorkonstantinischen durchgreifend
reformiert: Aus Pazifisten sind damals Kriegsgewinnler geworden,
aus Christen-
45
menschen privilegierte Kleriker. Dann wurde das gesamte Mittelalter
hindurch reformiert, in Rom und anderswo, in Hirsau beispielsweise,
in Cluny, auf den Konzilien. Und da kommen immer noch Reformer
auf die Menschheit zu ? Christliche Reformer, die — 2000 Jahre
Reform im Rücken und ebenso viele Jahre Mord und Totschlag unter
Christen - den Menschen von heute ihr reformiertes Heil predigen ?
Christen, die, nach soviel Kampf gegen den »Irrtum«, den »Dialog«
entdeckt haben? Die das Evangelium den Atheisten bringen, die sie,
wenige Jahrhunderte früher, noch haben verbrennen lassen ?
Reformer, die sich nach rechts wie nach links öffnen, die mit dem
»Alles-halb-so-schlimm-Gesicht« der etablierten Theologen »wir sind
auch noch da« rufen? Soll noch einer denen vertrauen, die das eigene
Unglück nur verlängern, die sich als Helfershelfer der Hierarchen
mißbrauchen lassen? Peinlich, peinlich, diese innerkirchlich
Progressiven! Doch wo alles allzu menschlich ist, hilft vielleicht ein
Gort. Aber welcher?
Wozu ist Gott auf Erden?
Weshalb so viele Verbrechen von Christen öffentlich
zusammentragen? Hat die große Zahl je »Gläubige« erschüttert,
ihr Weltbild ins Wanken gebracht? Wurden sie nicht an die kriminelle
Energie der Ihren gewöhnt? Sprechen sie nicht, gewandte Advokaten
ihrer Oberhirten, vom »Wesentlichen« des Christentums, von Glaube
und Dogma, von Gott gar, der letzten, unangreifbar verfestigten
Instanz, an der sich die Schandtaten der Christen brechen wie an
einem Felsen? Dieser Gott wird es schon richten. Gewiß, im wahrsten
Sinn des Wortes wird er richten. Abrechnen wird er, so seine Väter,
mit den Kritikern des Christentums. Er wird die guten Gläubigen zu
sich in seinen Himmel nehmen und auf Throne setzen zum
Mitrichten, wie es in der Bibel steht. Und ist endgültig
46
abgerechnet, dürfen sie Gott loben mit all seinen Heiligen auf ewig.
Der Auserwählten-Dünkel spielt selten die Demut, die
Bescheidenheit. Denn die »Elite« hat sich ein für allemal auf die rechte
Seite gestellt, auf die der christlichen »Wahrheit«. Der Rest—die Welt
— auf die andere. Diese Aus- und Abgrenzungs-zwänge gehören
notwendig zum Charakter eines Christenmenschen. Gläubige achten
die Gleichdenkenden stets höher als die Andersdenkenden. Aus ihrer
Liebe zum Gleichen, Höherwerti-gen folgt die Verfolgung aller Nicht-
Gleichdenkenden. Der Fanatismus der Verfolger ist die einzige
Willensstärke, zu der auch die Schwachen gebracht werden können.
Selbst das langweiligste Leben wird durch gelegentliche Schlachtfeste
interessant. Weil Erfolg Zuschauer und Kommentatoren braucht, muß
sich Theologie an so vielen Stellen aus barem Unsinn Sinn schaffen
und den Anschein von Tiefsinn erzeugen. Leute gibt es, denen die
Religion wie ein Anzug oder ein Kostüm paßt. Sie tun gut daran, es zu
tragen. Es läßt sie noch besser aussehen, als sie sind.
Gläubigen geht es kaum um historische, philosophische, ethische
Probleme, um Wahrheit gar oder, bescheidener gesagt,
Wahrscheinlichkeit. Es geht ihnen um ihre eigenen Probleme. Sie
»glauben«, weil sie ohne diese Stütze angeblich nicht leben könnten.
Obgleich sie, als Chinesen etwa, einen ganz anderen Glauben hätten.
Woher ihr Glaube stammt, interessiert sie kaum. Hauptsache, ihr
jeweiliger Gott garantiert ihr Leben, hüben wie drüben. Die
Hartnäckigkeit des einzigen Problems, das sie sich leisten dürfen,
spricht für sich. Sie sind derart darauf fixiert, daß ihr Leben zu
einem »Bekennerstatus und -kult« degenerieren muß und sie selbst
kein Pardon mehr kennen für alle, die anders leben. Das völlige Fehlen
von Mitleid gegen Abweichler, die dem eigenen Besitzsystem
gefährlich werden könnten, charakterisiert Kleriker hinlänglich.
Glaubensautorität klebt stets an »zeitlos gültigen Lösungen«. Diese
47
lassen sich glauben, autoritativ deuten, griffig erklären,
moralisch umsetzen, pädagogisch entwickeln. »Ketzer« kann es in
diesem Weltbild nur als Störfaktoren geben, die am Rande
wahrgenommen werden. Ein Ketzerproblem, Signum voll
erwachter Vernunft, stellt sich Gläubigen nicht ernsthaft. Denn
sie haben sich darauf verständigt, allein richtig zu leben. Sie
haben ein gesundes »Mißtrauen gegen das Mißtrauen« entwikkelt.
Sie nehmen ein transrationales Grundvertrauen in ein
Sein mit (für ihre Hirten) erkennbarem Sinn in Anspruch.
Exklusiv. Exklusiv mörderisch gegen Andersdenkende.
Das sogenannte Leben der Gläubigen? Das Leben unter
Gläubigen, das Kirche-Sein, das Sekte-Sein? Eine kollektive
Zwangsneurose sei das, lehren neuzeitliche Wissenschaften,
eine Neurose, wunderbar gedeihend auf dem Humus infantiler
Hilflosigkeit. Denn Kinder, wenn sie unfrei gehalten werden,
brauchen Väter: Menschen, die ihnen immer wieder sagen, wie sie
»richtig« zu leben haben, Väter, die sie lehren, wie sie einmal
richtig zu sterben haben, und schließlich einen Übervater, der
allen Wertevätern auf Erden sagt, was von ihm, ihrem Gott, zu
halten sei. Derart wird Religion organisiert. Hier nisten totale
bis totalitäre Weltanschauungen, hier werden psychische
Heilssysteme heimisch, hier fallen Erleben und Glauben in
eins: Begreifen soll nur der Ergriffene. Und der »Gottesdienst«,
ein nicht ganz harmloser Begriff, der auf Gehorsam spekuliert?
Auch er hat seinen Platz im System: Väter feiern Feste für ihre
Kinder - und lassen sich von diesen feiern.
Weshalb hat Gottvater so viele Väter?
Die guten Gläubigen wissen es selbst nicht so recht. Sie sind
meist etwas erstaunt, hören sie, ihre Religion sei eigentlich eine
»Vaterreligion«. Denn allem Anschein nach werden sie über
alles Mögliche (und Unmögliche) von ihren Predigern
informiert, über alle Nebenfragen des »wahren« Glaubens bis
hin
48
zum Peterspfennig, aber nicht über das Zentrum: Gott, der ein
Vater ist und die Liebe. Offenbar haben sich die Gewichte
innerhalb des Glaubens verschoben: weg vom Zentrum, hin
zum Rand. Was die Kirchen überleben läßt, wird noch
besprochen.
Die Theologie kümmert sich relativ wenig um Gottvater. Sie
zieht, wenigstens gegenwärtig, andere Themen vor: Jesus- und
Christusfragen, Probleme des Papsttums (Unfehlbarkeit,
Konzilien), Befreiung von Diktaturen (nicht von der eigenen).
Kon-zilianz und Kompromißbereitschaft sind solch einer
Wissenschaft gegenüber kaum am Platz. Die Psychoanalyse
aber hat sich schon früh mit dem Thema Vaterreligion befaßt.
Die so lange im Dunklen gehaltenen Seiten des Christentums
mußten sich selbst durchsichtiger und damit kontrollierbarer
gemacht werden. Eventuelle infantil-autoritäre Züge sollten
sich nicht mehr länger, wie unter einem neurotischen
Wiederholungs -zwang, durchsetzen dürfen. Psychoanalyse,
eine Art Hebammenkunst, wollte dem einzelnen Menschen und
ganzen Gruppen helfen, von sich aus Probleme zutage zu
fördern, die die seinen/ihren sind und die niemand für ihn/sie
lösen kann.
Der »Vaterglaube« wird aus infantilen Triebwünschen und
deren Befriedigung hergeleitet. Sigmund Freud hat diese
Wünsche als Illusionen gedeutet, die die vorgegebene
Unmündigkeit des Infantilen fortführen und sichern. Die
Bindung der Gläubigen an einen Vatergott erscheint als
Produkt einer Lebensschwäche, die sich den
Herausforderungen und Chancen der Welt durch Flucht in den
Sicherungsgehorsam gegen den übermächtigen Vater zu
entziehen sucht. Ein Übervater wird geschaffen, der typisch
patriarchale Klassifikationen garantieren soll: Hoffnung auf
Belohnung, Auszeichnung, schließlich — gesellschaftlich und
nationalistisch gewendet - Hoffnung auf Sieg über
Andersdenkende, über »fremde Völker«, auf Weltmacht. So
und nicht anders ist die »conditio hominis«, nicht die »con-ditio
humana«. Nur ein solcher Gott wie der biblische ist unter solch
kriegerischen Umständen zugelassen.
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Die frühen Vater-Sohn-Dogmen des Christentums (die man heute
wenig predigt, aber heftig glauben muß) sind - nach Theodor Reik -
Ausdruck eines fortdauernden Kampfes, an
dem die verdrängten Triebregungen des Sohnestrotzes und der
Revolution ebenso beteiligt sind wie die Liebe zum Vater. Der im
Herzen der Söhne keimende und nie ganz zu unterdrük-kende
Zweifel am Vater soll durch das Dogma beschwichtigt werden. Doch
weil das nicht ganz gelingen kann, schafft man im Verlauf förmlicher
Immunisierungsstrategien immer noch »präzisere« und noch
»gewaltigere« Zwangsideen (Glaubenssätze). Möglichst im Medium
des Scheinbar-Vernünftigen.
Für diese Schwerstarbeit kann der Klerus keine einfachen
Gläubigen brauchen. Die Kirche bedarf — angefangen bei Paulus und
Johannes — waschechter Theologen, die etwas von ihrem Gott
verstehen — und dies Sonderwissen schlichteren Gemütern
mundgerecht feilbieten können. Werteväter sind gefragt. Läßt sich
schon eine Einsetzung des Priestertums durch den Gottessohn biblisch
nicht nachweisen, so doch eine Einsetzung Gottes durch die Priester.
Der eine Vater — Gottvater — bekommt schließlich mehr und mehr
Väter, die genau sagen können, wie er »ist« und wie er »handelt«.
Schon die Evangelien haben, ebenso wie die Briefe des Paulus,
handfeste Interessen. Diese sind erkenntnisleitend: Sie führen die
Hand der Erstschreiber, sie lenken den Geist der Abschreiber und
Interpreten. Von allem Anfang an ist klar, wie der Vatergott zu sein
und zu handeln hat. Von Beginn an ist auch das Vater-Sohn-Verhältnis
exemplarisch gestaltet: Jesus muß ein zeitloses Beispiel dafür geben,
wie gehorsame Söhne sich gegen ihre Väter verhalten. Die Väter des
Vatergottes, die viele vitale Interessen zu verteidigen haben, wissen,
wie sie ihre Heiligen Schriften abfassen müssen. »Im Namen des
Vaters und des Sohnes« wird noch heute nachgebetet, was
vorgeschrieben worden ist.
Für Gläubige darf es keinen Zweifel geben: Die sogenannte
Orthodoxie besteht aus siegreichen Denkern und Tätern. Sie hat
50
es geschafft, ihre eigenen Irrtümer als Wahrheiten auszugeben. Und
damit alles noch seine letzte Richtigkeit habe, erfinden die Werteväter in
der wahrsten aller Kirchen eine letzte Instanz für ihre Irrtümer. Gott
selbst ha: sie »geoffenbart«, und der oberste Vater auf Eiden, der Papst
(»papa«), wacht unfehlbar über diese Offenbarung. Das Papsttum ist im
Verlauf seiner Geschichte (das heißt über unzahlige Tote hinweg) aus
der Rolle einer Anwaltschaft für das dogmatisierte Vater-Sohn-
Verhältnis in die Rolle einer selbständigen Vaterschaft
hineingewachsen. Der liebe Gott braucht offenbar viele
Miniaturausgaben von Vaterschaft [die fathers, padres der Weltkirche) -
und einen Hauptvater, den römischen Papst. Und nicht nur Gottvater
braucht solche, sondern auch die lieben Kinder, die Gläubigen, die
besser die Gehorsamen hießen. In einem solchen System darf
es keine
Lücken geben, die Restschuld zurückließen und Gehorsamsleistungen
unnötig machten. Väter müssen immer präsent bleiben, müssen zu
allen Zeiten und in allen Fragen eine Lösung anbieten können, die
erlöst. Das ist die wirksamste und zäheste Form des Kampfes gegen die
Befreiung der Menschen: ihnen Bedürfnisse einzuimpfen, die die
veralteter Formen des Kampfes ums Dasein verewigen.
Warum ist Gott ein Vater und ein lieber Vater?
Jede Religion muß ein absolutes Bezugssystem haben: eine Gottheit
oder mehrere Gottheiten, deren Dasein, Funktion und Verhalten von
beispielgebender Bedeutung sind. In jeder Tradition, Lehre oder
Institution religiösen Charakters gibt es ausdrückliche Hinweise auf
die »Zeit des Anfangs«, auf >jene Zeit«, da die Gottheit begonnen
haben soll, ins Leben der Menschen zu treten. Beim Christentum ist
das nicht anders. Doch scheint es in einer bestimmten Hinsicht
gehemmt: »Ihr sollt euch kein Bild machen von eurem Gott!« (2 Mose
20, 4) Eigentlich hat dieser Gott deutlich genug gesprochen. Aber
51
würde
sein Wort aufs Wort befolgt, wären nicht nur alle Kirchen so
leer, so nüchtern weiß gekalkt wie manche Bethäuser, in deren sich die
strengeren Gruppierungen wohl fü hlen. Auch die beamteten Theologen
der Großkirchen hätten ihre Schwie-rigkeiten. Die Mythen der
Menschheit lieben ein bestimmtes Bild: >In jener Zeit, zur Zeit des
Paradieses, war die Erde mit dem Himmel durch eine Brücke
verbunden, und ein Mensch kam ohne Hindernis vom einen Ende
dieser Brücke zum ändern, weil es den Tod nicht gab. Doch so leicht
geht es schon lange nicht mehr. Inzwischen ist der Übergang
schwierig geworden, und nicht allen gelingt er. Die Brücke wird für
die Gottlosen zur scharen Schneide eines Rasiermessers, und nur die
Guten haben relativ wenig Angst vor dem Betreten des Pfades, der
zum »ewigen Leben« führt. Erfreulich, daß den Gläubigen außerdem
besondere »Brückenbauer« zur Hand ge hen, jene Oberhirten, die -
Bischof oder Papst - sich als Wegweiser fühlen.
Was stellen sie anderes her als Bilder von Gott? Hier ein Strichlein
zum Nachbessern des alten Gemäldes hingetupft, dort eine
Deckfarbe dick aufgetragen. Doch läßt sich weder die Existenz eines
Gottesbeweisen noch seine Nicht-Existenz. Was sich nachweisen läßt
ist die Tatsache, daß die christlichen Kirchen einen bestimmten Gott
verbindlich vorstellen. Und dieser Gott hat nicht etwa »den Menschen
nach seinem Bild« geschaffen, sondern Menschen haben ihn nach
ihrem Bild gemacht. Diese Auffassung ist seit Ludwig Feuerbach nicht
neu. Wer aber nur sagt, der Mensch habe sich seinen Gott geschaffen,
denkt und argumentiert nicht konsequent. Präziser ist beispielsweise
die feministische Theologie (von der manche vielleicht erst jetzt
erfahren): Nicht »der Mensch«, sondern »der Mann« hat einen Gott
für die herrschende Männergesellschaft gestaltet. Aber auch dieser
Satz ist nur vorläufig. Er geht von einer unrichtigen Übersetzung von
»Patriarchat« aus. Nicht »Männerherrschaft« heißt Patriarchat,
sondern »Herrschaft der Väter«. Diejenigen,
52
die einen solchen Begriff gestaltet und durchgesetzt haben, dachten
sich etwas dabei. Ein gesellschaftlich so wichtiger Begriff, ja der
wichtigste Begriff einer ganzen Welt, wird nicht beiläufig, en bagatelle
geprägt. Die religiöse Tradition hat die Vokabel »Patriarchat« so ernst
genommen wie nur irgend möglich. Während sich ihre Philosophen
und Metaphysiker denke-risch mit »Gott« herumgeplagt haben, sind
die Kirchen ihren Heiligen Schriften in dieser Sache treu geblieben.
Die biblischen Autoren (Autorinnen gibt es keine) schreiben nur von
einem Vater. In den paar Jahrtausenden jüdisch-christlicher
Überlieferung wirkte diese Anschauung fort wie keine andere. Sie hat
Meinung, Überzeugung, Glauben organisiert. Beeinflussungen,
Wechselwirkungen, Verschränkungen zwischen religiösen
Vorstellungen und sozialen Erfahrungen sind daher die Regel.
Glaubensexperten haben schließlich die Bedeutungen, die sie alldem
zulegen wollten, verbindlich vereinbart. Nicht von ungefähr nennt
sich der oberste Glaubenswächter der römischen Kirche bis auf den
heutigen Tag »Heiliger Vater«. Wer bei »Männergesellschaft«
stehenbleibt, kann nicht erklären, weshalb der Gott der Christen nicht
nur als Gott vorgestellt wird und schon gar nicht als Mann, sondern
als Vater und als lieber Vater. Dieser zunächst gering erscheinende
Unterschied ist in Wirklichkeit gewaltig. Gelingt es, das Vater-Sein und
das Liebe-Sein Gottes ebenso schlüssig zu erklären, wie das die
Feuerbachsche Doktrin für ihren Teil tat, ist der Durchbruch gelungen.
Er löst durchweg Entsetzen bei den Betroffenen aus. Christen wissen
gut, wovon sie Zeugnis geben. Wenn die religiöse Sozialisation von
einem Vater, vom lieben Vater schlechthin spricht, so ist das keine
Floskel, die bei den Betroffenen folgenlos bliebe. Der geringste
Versuch, diese Vaterfixierung zu lockern, schmerzt besonders. Hier soll
nicht die Käuflichkeit der Schriftauslegung gegen ihre Profiteure
thematisiert und gesagt werden, daß die Auslegung eine der jeweiligen
Gegenwart entsprechende Verfälschung darstellt. Hier ist hinter
53
allen exegetischen Interpretationen das eine Gemeinsame zu
entdecken: Daß Gott ein Vater ist und die Liebe, hat noch keiner
bestritten. Warum muß Gott aber, in dieser Zurichtung, der liebe Vater
sein? Das Bild Gottes als eines Vaters entspricht bis ins Detail der
herrschenden Gesellschaft. Wo Väter regieren und alle Nicht-Väter, also
Frauen und Kinder, unter sich lassen, ist es schlecht vorstellbar, daß
ausgerechnet die höchste Instanz kein Vater ist.
Gott als Mutter? Gott als Kind? Es gibt Versuche, den traditionellen
Gottesbegriff in diese Richtungen aufzulösen. Doch gehen sie an ihrer
eigenen Basis vorbei. Statt »Vaterunser« künftig »Mutterunser« zu
beten, verkennt den gesellschaftlichen Humus, auf dem dies
Hauptgebet der Christen entstanden ist. Worte aus dem Vaterunser wie
»Dein Reich komme« oder »Dein Wille geschehe« (Mt 6, 10) sind
nach allem, was wir heute wissen, geradezu vatertypische
Herrschaftsfloskeln. Sie setzen den Gehorsam des — als »Kind«
adoptierten (1 Jo 3, 1) — Menschen voraus, dem eines Tages als
Gratifikation das Reich winkt, die Landnahme (1 Mose 5,17;
PS 36, 3),
das Paradies, in dem er/sie zum »Richten« berufen sein soll. Falls
er/sie sich nicht bis zuletzt als ungehorsam erweist. Denn der in der
Bibel geschilderte Gott ist ein eifersüchtiger Vater. Er wartet darauf,
daß der verlorene Sohn zu ihm zurückkommt. Wer sich solcher Umkehr
bis zuletzt verschließt, findet kein Erbarmen. Auch wenn neuere
Theologen an dieser Aussage herumdeuteln, um zu retten, was
überhaupt noch vom Christentum zu retten ist, bleibt sie bestehen:
Der ungehorsame Sohn ist in den Augen des Vaters kein Sohn
mehr. Er wird enterbt - und in die »Hölle« geworfen auf ewig. »Habt
keine Angst vor Leuten, die nur den Körper töten können, aber nicht
die Seele! Fürchtet vielmehr euren Gott, der Leib und Seele ins ewige
Verderben schicken kann!« (Mt 10, 28) Gehört diese Warnung auch
schon zu den inzwischen ausgesonderten Bibelstellen ? Nein, eine
solche Drohung sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen,
54
der sich Christ oder Christin nennt. Vor genau hundert Jahren hat der
Vatikan noch offiziell erklären lassen, das »Höllenfeuer« sei real -
und kein bloßes Bild. Und er ist bis heute nicht von dieser Meinung
abgewichen. Bischöfe ernennen bis auf den heutigen Tag offizielle
»Teufelsaustreiber«, und auch die Existenz des »Fegefeuers« ist als
Glaubenssatz definiert. Desgleichen, daß »die dort festgehaltenen
Seelen durch Gebet und Messe Hilfe finden« und daß sie »dort
zeitliche Sündenstrafen abbüßen«. Niemand soll meinen, diese
»Geographie des Jenseits« habe keinen Zweck. Die »Hölle« ist die
letzte Konsequenz jener Angst vor Schuld, Sünde, Ungehorsam, die
vor uns, unter uns und nach uns Millionen von Menschen gequält hat
und quält. Erlösung, das Pendant zur Sünde, das andere Symptom ein
und derselben Krankheit, ist ausschließlich denen zugesagt, die
gehorsame Kinder ihres Vaters sein wollen. Das ist keine
Privatmeinung, sondern ein tausendfach gepredigter Lehrsatz, der das
offizielle Gottesbild in feurigen Farben malt. Alle biblischen Autoren
drohen — auch im Neuen Testament, nach herrschender Meinung eine
»Frohbotschaft« - den Unbußfertigen mit einer auf Ewigkeit
berechneten Vatersanktion, während sie den Gehorsamen die ebenso
ewige Gratifikation durch denselben Vater verheißen.
Hölle? Viele Generationen von Christen haben sie sich ausgemalt;
die Architektur dieser Wahnvorstellungen ist gewaltig. Nicht selten
erscheint die »Hölle« bis ins letzte Detail hinein wie eine
Folterkammer der spanischen Inquisition. Christen berauschen sich bis
heute an ihrem Foltertraum. Da wird ihnen warm ums Herz, da
können sie »die anderen« braten lassen. Die Vorfreude, die
Schadenfreude wärmt; sie ist für sie die reinste Freude. Jetzt
triumphieren die schönen, die braven Seelen, jetzt wird Marquis de
Sade zum Christen. Denn sie, die Guten, erwischt es nie. Sie sind
gerettet, sie richten selbst mit ihrem Gott die Bösen, nehmen teil an
seiner Vaterliebe, sie verdammen mit auf ewig. Die ewige Qual der
einen ist das
55
ewige Entzücken der anderen! Die Vorfreude hat es in sich: Die
»Hölle« könnte jeder Ort sein, an dem die christliche Kirche -
besonders die römische - schon heute unumschränkt herrscht, eine
Art Fortsetzung des Krieges gegen die Menschen mit anderen Mitteln.
Das hin und wieder herumgeisternde »Fegefeuer*' das Erlöste auf den
Himmel vorbereitet, ist eine spätere Erfindung, dem Neuen
Testament unbekannt; aber dennoch ein kirchliches Dogma.
Aber »Gott ist doch die Liebe«? Eben. Er muß sie sogar sein. Liebe
ist dem System der Vatergewalt immanent. Es läßt sich in allen
patriarchal verfaßten Gesellschaften nachweisen, daß Vaterliche ein
Herrschaftskorrelat der Vatergewalt bleibt. Liebe ist funktionalisiert
wie ein Deckmantel: Sie deckt die Gewalt und kaschiert sie. Liebe
sichert und schützt Gewalt, indem sie deren Ausübung bemäntelt. Die
Folterer wollen nur das beste
der Opfer. Der Stasi-Minister Mielke
plärrt in der Volkskammer-»Ich liebe euch doch alle!« Gewalt braucht
nicht nackt aufzutre-ten, wo die Liebe alles zudeckt. Gewalt bleibt
nur bestehen, bleibt sie im Licht, im Schatten jener Liebe, ohne die
sie überleben kann. »Wie ein Vater seine Kinder liebt, so liebt Herr
die, die ihn fürchten.« (Ps 103,13) Und: »Wen der liebt, den
züchtigt er.« (Spr 3,
12) Auch Gottes Vaterliebe ist ausnahmslos mit
dem Anspruch auf Ehrfurcht verknüpft. Soh-nesgehorsam provoziert
Vaterliebe: Legitimation nach innen und nach außen, Schutz gegen
Fremdvölker, Legalisierung des als Besetzung eines »verheißenen
Landes« getarnten Land- und Frauenraubes. Und so fort. Der liebe
Vatergott, von dem hier die Rede ist, unterscheidet sich nicht im
geringsten von denen, die seine vielen Väter sind. Sie haben auf
religiösem Terrain ihr verheißenes Land in Besitz genommen: Ein
genehmer Gott ist
definiert, ein Gott ist geschaffen, der alle Ansprüche derer, die ihn
gestaltet ha ben, im Gehorsam gegen seine Schöpferväter erfüllt.
Ein Gott, der schon im sogenannten Paradies die Angst vor der Frau
und Mutter niederzuhalten hilft. Eva, die nach-
56
geschaffene, die aus der Rippe des Mannes genommene, die zur
bloßen Gehilfin des Mannes herabgedrückte »Auch-Menschin«. Das
paßt nur in ein patriarchales Muster, nirgendwo sonsthin. Und in
diesem Stil geht es durch die Jahrhunderte des Glaubens fort: Alle
phallokratischen Phantasien der Gottesväter werden auf jenen
»allmächtigen« Vatergott abgelenkt, von dem letzte und gewisseste
Sicherheit gegen die Angst (vor der Frau und vor dem Sohn, die
vereint den Vater töten könnten) kommen soll.
Wo von Größe und Macht gesprochen wird, wo ein Mensch sich
einen Namen verschafft, ein Volk zum Eigenbesitz erkauft (2 Sam 7,
23), ist immer dasselbe Prinzip wirksam: der absolute Wille zur Gewalt,
der sich seinen Gott schafft. Ein solcher Gott muß notwendig ein
Kriegsgott sein. Daß die spezifisch religiöse Variante des Kriegstreiber-
und Kriegsgewinnlertums kaum untersucht ist, spricht für die
Verhüllungsstrategien der Patriarchen. Auch das sogenannte Neue
Testament läßt die traditionellen Herrschaftsstrukturen wiederfinden,
und der Vatergott, den seine Autoren schildern, scheint seit Jahwes
Tagen nichts hinzugelernt zu haben. Das für patriarchale Systeme
charakteristische Schema von Gewalt und Liebe wiederholt sich.
»Harret aus in der strengen Zucht«, sagt ein Schriftsteller des Neuen
Testaments, »denn als Söhnen begegnet euch Gott! Wo wäre der Sohn,
den der Vater nicht in seine Zucht nähme? Würdet ihr ohne Strafe
bleiben, wie sie doch alle kosten müssen, so wäret ihr unechte Kinder,
keine Söhne. Und wenn wir unsere irdischen Väter zu strengen
Erziehern hatten und ihnen Ehrfurcht erwiesen, sollen wir uns da nicht
gehorsam unterordnen dem Vater unserer Seelen, um das ewige
Leben zu sichern?« (Heb 12, 7-9)
Sage mir, welchen Gott du hast, und ich sage dir, wer du bist.
Dieser Gottvater ist völlig unabhängig, absolut. Er hat alles Glück in
sich selbst. Er ist wesentlich von der Welt verschieden. So wird er in
den offiziellen Katechismen beschrie-
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ben, so stellt er die höchste Verobjektivierung der Gottheit dar, die
sich Werteväter ausdenken konnten. So ist er total abgeschlossen in
sich, der Welt nur als Grund und Ziel immanent, so stabilisiert er die
bestehenden Verhältnisse am zweckdienlichsten. So schadet er dem
Patriarchat überhaupt nicht. Gerade so ist er aber auch bereits tot.
Die Frage nach dem »Gottesbild«? Der Gott des Alten und des
Neuen Testaments, dessen einzelne Bildvorgaben hier nur
angesprochen werden konnten, hat mit einem möglichen oder
wirklichen Gott nicht mehr zu tun als der griechische Zeus oder der
römische Jupiter oder der germanische Wotan. Alle miteinander sind
diese Götter Herrscherbilder, Gewaltväter. Ob sich die gängige
Religionswissenschaft oder die Theologie des Christentums intensiv
genug mit diesen Vorstellungen, ihren Begründungen und ihren
Konsequenzen für das Leben der Menschen befaßt haben? Sünde?
Beleidigung der Vaterliebe. Verzeihung? Dem bußfertigen Sünder
zugesagt. Nur ihm. Interaktionen wie diese, die sich ständig und
regelhaft wiederholen lassen, sind auslösende Faktoren religiöser
Maschinisie-rung. Kranke, die sich den Formen solcher Religion
überlassen, dürfen Macht an sich erfahren. Die
Religionsmaschinerie gleicht einer Konserve ideologischer Kraft, und
deren Leistungen, die Tausende von Jahren und Millionen von
Menschen ihrem Sieg geopfert haben, lassen sich auf Prinzipien
maschineller Produktion reduzieren. Das Gewaltwort von
»Wertevätern« zergliedert die Wirklichkeiten der Welt und rekonstruiert
diese nach einem eigenen profitablen Wertesystem. Für diese
Zergliederung und Rekonstruktion fordern die Werteväter der Kirchen
reproduzierenden-Gehorsam von denen, die als »nicht
definitionsmächtig« definiert worden sind: den »Gläubigen«. Wo aber
die jahrhundertealte Systemtheorie noch immer Lük-ken belassen hat,
stellen die Werteväter der Kirchen die Maschine ihres Gottes - die
»Vorsehung« zumal — zur Verfügung. Sie soll künftige
Systemverbesserungen antreiben und die
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Organisation der Religion gewährleisten von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Bei den betroffenen Gläubigen verfestigen sich solche
Mechanismen zu psychischen Strukturen. Die Interaktionen
zwischen Vatergott und Menschensohn sind bereits zu so abstrakten
Organisationsmustern (»patterns«) versteinert, daß Liebesleistungen
wie Gebet, Reue, Gehorsam automatisch die Leistung der Vaterliebe
Gottes auslösen. Wie? Ein Gott, der seine Leute liebt, vorausgesetzt,
sie glauben an ihn und tun ihm seinen Willen? Ein Gott, der mit der
Hölle drohen läßt, wird seiner Liebe nicht geglaubt? Wie? Ein Vater?
Selbstverständlich. Nicht mehr als ein Vater. Die Tüchtigkeit eines
Vatergottes, der die Verlorenen liebt, wenn sie zu ihm zurückfinden
(Lk 15, 11-32), kennt die große Geste gegen die Reuelosen
ebensowenig, wie kleinbürgerliche Väter sie gegenüber ihren Kindern
kennen.
Gibt es eine Alternative zum lieben Gott der Christen?
Offizielle Katechismen haben noch vor wenigen Jahrzehnten durch
Bischöfe, »die Gott aufgestellt hat als Lehrer der himmlischen
Wahrheit«, Schulkindern Details über Sein und Tun des wahren Gottes
mitteilen lassen. Da steht: »Was Gott geoffenbart hat, lehrt uns die
katholische Kirche.« Heißt das, daß Gott sich den Seinen nur indirekt
offenbart? Daß die Gläubigen seine Wahrheiten nur aus zweiter Hand
erhalten ? Daß alle Kirchen außer der römischen gar nicht voll
informiert sind? Der katholische Katechismus lehrt weiter: »Gott läßt
Leiden kommen, damit wir für unsere Sünden Buße tun und
himmlischen Lohn erwerben.« Haben also Millionen Leidender,
Ermordeter (auch und gerade von Klerikern Ermordeter) Leid und Tod
nur erlitten, um himmlischen Lohn zu erlangen? Oder mußten gerade
sie, und nicht die schuldigen Täter, »für ihre Sünden Buße tun«? Der
Katechismus, gleichsam eine Checkliste für Men-
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Schenkinder, klärt weiter über seinen Gott auf: »Die Verdammten der
Hölle leiden mehr, als ein Mensch sagen kann. Sie leiden Qualen
des Feuers... und wohnen in der Gesellschaft des Teufels.« Dieser
Unsinn war noch in den fünfziger Jahren Glaubensgut in deutschen
Schulen. Hat sich die Kirche inzwischen eines Besseren besonnen?
Hat sie sich damals - vor so kurzer Zeit — gar geirrt? Gilt heute nicht
mehr, was vor dreißig Jahren noch fest geglaubt werden mußte?
Wer hat den Mut, von seinem Gott Liebesgesten zu fordern, die
einmal von der bourgeoisen Regel abweichen ? Keiner der an den
Christengott Glaubenden hat offensichtlich Mitleid mit einem Gott,
der - wie ein richtiger Vater in den Augen seiner lieben Söhne - alles
kann und alles weiß. Der nichts mehr vor sich hat. Der seine eigene
Vergangenheit, seine eigene Zukunft ist. Kein Verständnis für die
ungeheure Langeweile eines vollkommenen Wesens. Kein Mitgefühl
mit einem Gott, der seine Mitkonkurrenten und Mitkonkurrentinnen
um die Liebe der Menschen aus dem Feld geschlagen hat. Kein
Erbarmen mit einem Gott, dessen Vorsehung für alles verantwortlich
gemacht werden kann. Dessen Vaterliebe alles auferlegt werden darf.
Der Vatergott, den sich die Werteväter der Erde zugerichtet haben,
stellt in der ihm addizierten Perfektion eine unvollkommene
Schöpfung dar. Ihrer Moral fehlt jeder Abstand zu der ihrer Väter.
Dieser Vater belohnt stets genau die Leistung, die ihn geschaffen hat.
Die siegreiche Tüchtigkeit der als gut Definierten. Wer aber durch
Nichtleistung auffällt, wer diesen Gott wieder abschaffen will, gehört
bestraft. Ein armer Gott.
Daß Gott tot sein kann, schreckt die Interessenvertreter des
Patriarchats nicht. Ihr System ist vor jeder Vaterreligion. Die weit
ursprünglicheren Strukturen des Patriarchats behaupten sich gegen
die spätere Religion, die kommen und gehen kann. Das Patriarchat
bleibt. Es bedient sich seiner Religionen als den Deuterinnen und
Verstärkerinnen seines Machtwillens. Hin und wieder benötigt das
patriarchale Errettungsbedürfnis bestimmte
60
Überväter. Sie können neuerdings auch »Große Brüder« heißen.
Patriarchat reicht weiter als nur bis an seine Religion. Falls sich das
Christentum endgültig als für das Patriarchat unnütz erweisen sollte, ist
sein Tod beschlossene Sache. Und sein Ersatz durch profitabler zu
nutzende Weltanschauungen.
Was die Theologie und das offizielle Reden der Kirchen lebensfähig
erhält, entspricht schon jetzt dem, was den Christen von der
Soziologie, der Psychologie, der Anthropologie zur Verfügung gestellt
- und schamlos »ergänzt«, sprich, zum eigenen Profit gewendet —
wird. Die Menschen dürfen gespannt sein, wie schnell sich dann auch
jene Theologen wenden werden, die heute noch den alten Glauben
vertreten. Die noch immer innerkirchliche Streitgespräche führen,
Gezänk anzetteln im abgeschlossenen Denkgetto, Spitzfindigkeiten von
Fachidioten austauschen, Sektenmentalitäten hegen - und schon
lange außerhalb der Realitäten, der Bedingungen menschlichen
Denkens und Tuns leben.
61
Was sich die Menschen bieten lassen oder: Welche
ewige Wahrheit darf es heute sein?
Wer meint, Religion und Kirche seien Angelegenheiten irgend eines
Himmels und dementsprechend allem Irdischen entrückt, bezeugt eine
geglückte klerikale Erziehung - fern aller Wirklich keit. »Das«
Christentum gibt es nur als Abstraktion der Statisti ker oder als einen
Wunschtraum der Theologen. Real gibt es hierzulande die Kirchen:
große (evangelische, römisch -katholische) und kleine (oft
gesellschaftlich namenlose). Die letzteren heißen bei den großen gern
»Sekten«. Einen inneren Grund für diese abwertende Bezeichnung gibt
es nicht: Hier spricht der Machtwille der (noch) Großen. Real sind in
der Bundesrepublik die Verankerungen der Großkirchen in der
Gesellschaft sowie die praktische Symbiose von Kirche und Staat, die
sich gegenseitig ihre Schäfchen zuführen (und deren Geld), obwohl sie
sich auf den Verfassungsgrundsatz der »Trennung« verständigt haben.
Real sind der vergleichsweise hohe Grad an Institutionalisierung dieser
Kirchen, ihre unvergleichlich gute Finanzierung und ihr Reichtum. Wir
haben mit solchen Realitäten zu tun, Tag für Tag. Auch wenn uns der
Überbau der Religion nicht mehr sonderlich interessiert: Das
Bodenpersonal begegnet uns immer. Dieses weiß, woran es sich
klammert. Heinrich Böll hat festgestellt, in unserem Land könnten eher
Dogmen diskutiert und zur Disposi tion gestellt werden als Fragen der
Kirchenfinanzierung. Über wieviel Moral verfügen diese Kirchen denn
noch?
62
»Kirche konkret«, das sind nicht nur Kanzel und Küster, das sind
ebenso die alltäglichen Formen des kirchlichen Soll und Habens. Viele
Menschen stehen der Kirche als einer Arbeitgeberin und
Unternehmerin gegenüber. Wohnungen werden errichtet und
vermietet, Grundstücke vererbt und verpachtet, Konten werden von
Geldinstituten geführt — und das alles macht die Kirche. Die
Tageszeitung kommt aus einem Verlag, der mehrheitlich der Kirche
gehört (die Redakteure wissen es gut), der Sonntagsspaziergang führt
durch einen Wald, den eine Kirchengemeinde meistbietend verpachtet
hat, die Kinder besuchen einen kirchlichen Kindergarten (weil es am
Wohnort keinen anderen gibt), Bier und Wein auf unserem Tisch
stammen aus Kirchengütern und Ordensbrauereien. Die konkrete
Kirche sorgt für unser leibliches Wohl, mögen manche sagen. Für das
geistliche Wohlergehen sorgen die Pfarrer ohnehin, oder nicht? Dafür
wollen sie auch bezahlt sein. Ob sie jedoch genug für ihr Geld leisten,
oder ob sie längst nicht soviel verdienen, wie sie bekommen? Das
Preis-Leistungs -Verhältnis stimmt in der Bundesrepublik am
allerwenigsten auf der ganzen Welt. Nur hier wird die Kirche
überbezahlt und überprivilegiert. Kein anderes Land leistet sich eine
ähnlich teure Kirche. Zu Unrecht? Die Kirchen verfügen doch über
einen wahren Schatz an Moral, an guten Worten und an letzten
Werten, oder etwa nicht?
Wozu
gibt es ein solches Service-Unternehmen?
Kaum jemand außerhalb der Bundesrepublik erkennt die Begründung
für diese Überbewertung an, die die Kirche nennt: das sogenannte
»Mehr«, das sie angeblich darstellt oder leistet. Das übrige Europa sieht
da klarer: Kirchen haben weder ein historisches noch ein aktuelles
Mehr. Ihre Vorsprünge vor anderen Interessengruppen sind nicht
allgemein anerkannt. Die
63
Berufung auf sogenannte »letzte Werte« ist in der säkularen
Gesellschaft ebenso wie im weltanschaulich neutralen Staat obsolet.
Von der Tatsache, daß sich die Kirchen in ihrer Geschichte selbst
millionenfach desavouiert haben, ganz zu schweigen. Das hindert diese
aber weder selbst noch ihre Parteigänger in den großen Parteien, den
überholten Grundsatz vom »Mehr« beizubehalten und aggressiv zu
vertreten. Statt endlich auch die Kirche nur als Verband unter
Verbänden zu sehen, ohne ihr schon wieder Privilegien zuzuerkennen,
behaupten solche Lobbyisten entgegen besserem historischem Wissen,
die Kirchen hätten zeitliche und überzeitliche Vorsprünge vor
sämtlichen anderen Gruppen der modernen Gesellschaft. Vor allem
seien sie Kulturträgerinnen ersten Ranges im Abendland und schon
von daher förderungswürdig. Genau dies stimmt nicht. Gerade die
Kirchen, und nur sie, haben eine immense inhumane und damit nichtkulturelle
Vergangenheit. Ein Mehr an Unkultur, zumal an Mord und
Totschlag, läßt sich ebenso leicht nachweisen wie die Tatsache, daß es
zutiefst unbiblisch ist, das sogenannte »ideelle Mehr«, falls es ein
solches wirklich gäbe, finanziell honorieren zu lassen oder durch
besondere Privilegien abzusichern. Kann man sich Jesus aus Nazareth,
der als einziger für das ideelle Mehr stehen mag, als Garant für
Gewinn und Privileg vorstellen? Kann eine kranke Gesellschaft wie
die der Kirche, die beispielsweise das freie Wort nicht schätzt, überhaupt
eine gesunde Kultur, ein ideelles Mehr hervorbringen?
Bei überzeugt Gläubigen (»Gehorsamen«) ist eine auffallend
geringere positive Wertung geistiger Autonomie festzustellen als bei
Nicht-Gläubigen. Denken ist nicht die Stärke der Glaubenden.
Wahrscheinlich werden die Kirchen vor allem deswegen als
Garantinnen ewiger Werte geschätzt und bezahlt, weil der Bedarf an
Ethik um so größer erscheint, je raffgieriger eine Gesellschaft ist. Eine
Gesellschaft, die den individuellen Tod ebensogern verdrängt wie die
Frage nach dem selbstgestalteten
64
Lebenssinn, hält sich für solche Probleme ein Spezialistenteam und
garantiert diesem das Monopol der letzten Tage auch finanziell. Hinzu
kommt, daß man in der Bundesrepublik versäumte, den Anschluß
an die Aufklärung zu halten und eine säkulare Kultur des Humanen
zu entwickeln. Wie es aber um die konkrete abendländische Klerus -
Kultur (und deren letzte Werte) bestellt ist, wird noch zu sehen sein.
Wie viele Menschen bedient die Kirche?
Nicht selten gewinnen Bürgerinnen und Bürger der Republik den
Eindruck, die Oberhirten artikulierten einen »Willen Gottes«, der sich
nur unwesentlich vom Wollen der maßgebenden Christenpolitiker
unterscheidet. Von daher gesehen, nützen Kirchenleute in erster Linie
den staatstragenden Parteitaktikern. Aber zugeben werden dies beide
Seiten des Bündnisses nicht. Sie sprechen viel lieber vom »Volk« und
der »Volkskirche«. Die Zahlen, welche die Klerus-Organisation hierfür
vorlegt, sind beeindruckend. In den letzten Jahren wird von kirchlicher
Seite vor allem auf die sozialen Dienstleistungen verwiesen. Das hat
seinen Grund: Spezifische Glaubensfragen sind längst nicht mehr so
spannend wie früher. Mit dem Dogma macht keine Kirche mehr
Staat. Es ist für sie längst gewinnbringender, wenn sie statt vom
Dogma von der »Cari-tas« sprechen und von deren Leistungen im
Sozialbereich. Was bei den Massen zählt, ist soziales Engagement—
»die Nächstenliebe«. Vorsicht ist jedoch angebracht, wenn die Kirchen
sich als Synonyme der Liebe verkaufen. Vorsicht, wenn sie sich als
Resterscheinungen von Zuwendung in einer lieblos gewordenen
Umwelt verkündigen. Daß hinter den Kulissen der friedfertigen
Charity (die Schuldgefühle in Form von Spenden und Kirchensteuern
übernimmt) die alten Aggressionen lauern, bezeugen die vielen
Berichte von psychisch gefolterten und vergewaltigten Menschen der
Gegenwart, lauter Anklagen der von
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Mutter Kirche verkrüppelten Kinder. Eine Institution, welche die ihr
Anvertrauten nicht so nimmt, wie sie sind oder sein wollen, kann
sich nicht auf irgendeine Legitimation berufen. Da sie Kinder immer
wieder auf ihr eigenes System hin verkrüppelt, bleibt sie ein ständiger
Skandal.
Gegen sie kann auch niemand auf eine christliche Moral pochen.
Denn die geläufige Moral ist selbst Ergebnis und Bestandteil des
Systems. An ihr Forum zu appellieren ist Unsinn, weil sie ihre eigene
Existenz von denen ableitet, gegen die appelliert werden soll.
Moralische Appelle sind keine systemöffnenden Fragen. Nichts
innerhalb eines bestimmten Rahmens hat die Kraft, den Rahmen
selbst zu leugnen. Spricht die Kirche von Moral, kehrt sie höchst
gefahrlos auf ihr eigenes Territorium zurück. Handelt sie in
»Nächstenliebe«, braucht sie nicht mehr um ihre Existenz zu fürchten.
Sie selbst sagt es seit eh und je der Welt, was unter Liebe zu verstehen
sei. Die Welt ist noch immer voll von solcher Liebe.
Der katholische Caritasverband, der sich in dieser Richtung
organisiert hat, betreibt in der Bundesrepublik rund 30000 Institute
mit 351500 festen Mitarbeitern in Zivil und Ordensgewand. Das sind
mehr Beschäftigte, als die Deutsche Bundespost aufzuweisen hat. In
Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten 176 000 Menschen für
diese Caritas, in Jugendheimen und Tageseinrichtungen 72000, in
Altenheimen 51000, in Behindertenheimen 30000, in sonstigen
Einrichtungen 22500. Der Wert der vielen sozialen Institute dieses
Verbandes wird auf einen dreistelligen Milliardenbetrag geschätzt.
Keine bundesdeutsche Firma besitzt auch nur annähernd so viele
Immobilien wie die katholische Caritas. Ihre Einnahmen machen Jahr
für Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag aus. Eine umfassende
Kontrolle dieser Milliarden (und der Spendengelder) fehlt ebenso
wie eine einheitliche Vermögensaufstellung für alle Landesverbände.
Bei so viel Dunkel wundert es nicht, daß man immer wieder
66
(und immer häufiger) von Betrug und Unterschlagung in
Millionenhöhe hört. Manch ein Kirchenbediensteter kann der
Versuchung nicht widerstehen, in die eigene Tasche zu arbeiten. Wer
als Kleriker zum Beispiel einen Jahresetat von über 100 Millionen DM
zur Verfügung hat, braucht schon sehr viel Charakterstärke. Und
weshalb soll es ausgerechnet im Klerus keine kriminelle Energie
geben? Die Geschichte der Institution hat doch genügend Beispiele
parat seit der Antike! Aber solche »Einzelfälle« sind noch die geringste
Sorge der Oberhirten. Sie lassen sich isolieren und als Betriebsunfälle
definieren, wie sie überall vorkommen, wo Geld und Macht im Spiel
sind. Schwerer wiegt die Tatsache, daß das Service-Unternehmen
Kirche nicht mehr so akzeptiert wird, wie es dem Klerus gefiele. Die
Kirchen bröckeln nicht nur an den Rändern ab. Ihre Verletzungen sitzen
tief. Zwischen 1979 und 1988 sank in der Bundesrepublik die Zahl der
aktiven katholischen Seelsorgsgeistlichen von 10533 auf 9284. Das
Bistum Augsburg zum Beispiel hat für 600 kleinere Pfarreien nur
noch 178 Priester. Die 220 katholischen Frauenorden melden einen
rasanten Mitgliederschwund: jährlich 350 Eintritte und rund 2000
Todesfälle. Über die Zahl der Austritte aus den Orden werden keine
Angaben gemacht. In den letzten 15 Jahren hat sich die Quote der
katholischen Kirchgänger von 48 auf 24 Prozent halbiert; mehr als
die Hälfte ist über 65 Jahre alt.
Die Akzeptanz der Kirchen wird zum Existenzproblem. Nach
dem Soziologen Ferdinand W. Menne sind in den breiteren Schichten
der Bevölkerung die ausgeformten Morallehren der Kirchen - soweit
überhaupt zuverlässig bekannt - bereits unter die Schwelle der
Konfliktfähigkeit gesunken. Verstöße gegen Dogma und Moral
erfolgen ohne das Bewußtsein einer Normverletzung. Die
Motivationskraft christlicher Ethik (falls es eine solche überhaupt gibt)
verfällt von Tag zu Tag. Was weitergeschleppt wird, sind jene
Restbestände klerikaler Moral, denen es gelang, in allgemeine
konservative Ideologien der Ge-
67
Seilschaft einzudringen und sich in diesen - wie auf dem Terrain Ehe
und Familie - zunächst zu etablieren. Wenn Päpste noch immer
meinen, sie gingen in Sachen Moral der Welt voran, und wenn sie diese
Ansicht in eigenen Enzykliken publizieren, täuschen sie sich: Solche
Hirtenschreiben lösen kein Problem. Sie verraten nur eigene Probleme,
an erster Stelle das des kirchlichen »Lehramtes«, seine Autorität über
Menschen zu behaupten, die sich langsam aus autoritätsvermittelten
seelischen Zwängen und Angstzuständen befreien (G. Hirschauer).
Freiheit aber ist nur zu gewinnen, indem sich ein Mensch vom
bösen katholischen Erbe löst und Abschied nimmt von den Ängsten
seiner Väter.
Warum nicht aus der Kirche austreten?
Keine Organisation gibt gern zu, daß ihr die Mitglieder scharenweise
weglaufen. Bedrohlich sind die Kirchenaustritte auf dem Gebiet der
Bundesrepublik für die Großkirchen — jede führt einige Millionen
Karteileichen — noch immer nicht; für die ehemalige DDR werden sie
als »nennenswert« bezeichnet. Es ist anzunehmen, daß — mit steigender
Tendenz — Jahr für Jahr etwa 80000 Katholiken ihrer Kirche den
Rücken kehren; für 1990 dürften die Zahlen wesentlich höher liegen.
Die Gruppe der Kirchenfreien ist schon ziemlich groß; in Städten wie
Berlin, Hamburg oder Frankfurt umfaßt sie inzwischen mehr als ein
Drittel der Einwohner. Der Anteil der evangelischen Christen in
Hamburg ging zwischen 1970 und 1987 um 20 Prozent zurück, der in
West-Berlin von 67 auf 48,3 Prozent, der in Bremen von 80, 6 auf 59, 7
Prozent. Der Katholikenanteil in diesen Städten lag 1987
durchschnittlich unter 10 Prozent. Damit stellen die katholischen
Bevölkerungsteile eine Minderheit dar; sind die Gruppen der
Konfessionslosen dreimal größer. Dennoch ist im bundesdeutschen
System von Kirche und Staat der (finanzielle, politische) Einfluß noch
immer genau umgekehrt. Wie lange
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sich die tatsächliche Mehrheit diese Privilegierung der Kirchen noch
gefallen läßt ? Die auf die ehemalige DDR bezogenen Schätzungen (7
Millionen evangelische, 1,1 Millionen katholische Christen) sind
überholt. Von den etwa 16 Millionen Bürgern auf dem einstigen DDRGebiet
ist höchstens noch ein Viertel konfessionell gebunden. Die
Schwemme »politischer Pfarrer« nach der Wende von 1989 hat das Bild
verzeichnet.
Waren 1982 noch 47 Prozent der deutschen Katholiken davon
überzeugt, die Religion könne auf die meisten Zeitfragen eine
hilfreiche Antwort geben, sind es 1989 nur noch 36 Prozent. Die
Bereitschaft, sich wichtigen Lehrentscheidungen des Papstes zu
beugen, ist auf ganze 16 Prozent gesunken, ein noch nie erreichter
Tiefstand. Nur noch 16 Prozent der Katholiken zwischen 20 und 29
Jahren gehen jeden Sonntag zur Messe. Es ist sehr zweifelhaft, ob unter
diesen Umständen weiter behauptet werden darf, Deutschland sei ein
christliches Land und das christliche Sittengesetz auch künftig die Basis
beispielsweise für die Rechtsprechung in Ehe- und Familiensachen. Den
Klerikern wie den von ihnen beeinflußten Juristen kommen nicht nur
die Argumente abhanden, sondern auch die Menschen.
Von einer allgemein verbindlichen christlichen Werteordnung kann
keine Rede mehr sein. Es ist an der Zeit, sich politisch an der
veränderten Situation zu orientieren und die schon vollzogene
Säkularisierung der Gesellschaft entsprechend aufzuarbeiten. Freilich
zögern Millionen Bundesbürgerinnen, die keinen Klerus mehr
brauchen, Konsequenzen zu ziehen und ihre Kirche, die ihnen nichts
mehr bedeutet, auch formell zu verlassen. Die Gründe für diese
Haltung sind unklar: Antriebsschwäche? Versäumnis? Opportunismus?
Angst vor dem Jenseits? Mangel an alternativen Perspektiven? Dabei
ist ein Kirchenaustritt kein Problem: Gang zum Amtsgericht oder
Standesamt, Vorlegen des Personalausweises, Erklärung des Austritts
(ohne Angabe von Gründen), Steuerfreiheit. Der Kir-chenaustritt
stellt die Wahrnehmung eines unverletzlichen
69
Grundrechts dar. Er darf weder behindert noch mit Sanktionen belegt
werden. Dieses demokratische Leitprinzip ist freilich nicht in allen
Regionen der Bundesrepublik anerkannt: Sich in bestimmten
Landstrichen oder Berufen zum Kirchenaustritt zu entschließen kommt
einer Selbstaufgabe gleich. Für Arbeitnehmer im Kirchendienst, von
denen nach vorsichtigen Schätzungen allenfalls drei bis fünf Prozent
noch überzeugte Gläubige sind, ist ein Kirchenaustritt noch immer
praktisch unmöglich. Die Kirchen, die sich als »Tendenzbetriebe«
verstehen, ahnden ihn als Verbrechen gegen ihren Geist. Die
entsprechenden Sanktionen treffen selbst Menschen, die in
Einrichtungen mit konfessioneller Trägerschaft arbeiten, die zu 100
Prozent aus nicht- kirchlichen Mitteln finanziert sind. Der
Kirchenaustritt stellt für viele Menschen eine Lösung persönlicher
Probleme mit der Kirche dar. Das Gesamtproblem löst er vorerst nicht.
Hier ist erst eine Änderung zu erwarten, wenn jene Millionen die
Kirchen verlassen, die heute noch als Karteileichen fungieren.
Wozu werden eigentlich noch Kirchtürme gebaut?
In der bundesdeutschen Gesellschaft werden klerikale Moralstandards
meist nicht im Leben des einzelnen Menschen konserviert. Als
Konservierungseinrichtungen fungieren vielmehr die offizielle Rechts-,
Familien- und Sozialpolitik. Kirche und Staat schützen sich gegenseitig
und leisten sich Amtshilfe, indem sie die gemeinsamen Werte
propagieren. Da der weltanschaulich neutrale Staat offenbar solche
Hilfeleistungen braucht, bezahlt er seine Kirchen entsprechend.
Öffentliche Gelder fließen nicht nur in die Militärseelsorge oder, als
»Entschädigungsleistungen«, in die Taschen der Bischöfe. Sie dienen
auch der Renovierung von Kirchendenkmälern. Sie unterstützen sogar
die Errichtung neuer Kirchen. Schon der Wiederaufbau nach dem Krieg
hatte einen immensen kirchlichen Bauboom ausgelöst. In Stadt
70
und Land gehörten neue Kirchen zum gewohnten Bild. Mancher Pfarrer
stellte seinerzeit Rekorde auf; einige Geistliche galten als besonders
befähigt, weil sie es in ihrem Seelsorgerleben auf mehrere Neubauten
gebracht hatten. Es bleibt abzuwarten, ob es in nächster Zeit einen
ähnlichen Trend auch auf dem Gebiet der früheren DDR geben wird.
Im
20. Jahrhundert dürften mehr Kirchen gebaut worden sein als
in den 400 Jahren vorher. Seit Kriegsende sind etwa 3000
evangelische Kirchen errichtet worden, und allein in der Erzdiözese
Paderborn wurden zwischen 1950 und 1967 nicht weniger als 518
Kirchen, 8 Notkirchen und 393 Dienstwohnungen gebaut. Die Diözese
Speyer hat 1968 fast die Hälfte ihres damaligen Etats, nämlich 16,5
Millionen DM, für Bauten verwendet. Das Bistum Trier plante im
selben Jahr für den Bauhaushalt 17 Millionen, für den sozialen Sektor
aber nur 6 Millionen DM ein. Während 1969 eine durchschnittliche
Kirche noch um eine Million DM gekostet hat, dürfte sich diese
Summe mittlerweile mindestens verdreifacht haben. Investition in
Steine statt in Menschen: Während die Niederlande alte Kirchen
meistbietend versteigern, während in der Diözese Haarlem bis zum
Jahr 2000 wegen des stark rückläufigen Kirchenbesuchs die Hälfte aller
katholischen Kirchen geschlossen werden muß, dürfen sich in der
wohlhabenden Bundesrepublik Landpfarrer und Architekten von
lokaler Bedeutung weiterhin gegenseitig ihren Kunstsinn bestätigen.
Unklar bleibt, wozu noch Kirchtürme gebaut werden. Um ein
»sichtbares Zeichen« zu setzen? Um auf »Gottes Finger« hinzuweisen?
Um Glocken für das Mahnläuten unterzubringen? Um einer Masse
von Armbanduhrträgern öffentlich geförderte Uhren vorzuzeigen?
Selten wird kirchliche Dysfunktion so anschaulich. Nicht wenige
kommen ins Grübeln, wenn sie mit ansehen müssen, wie -mit Mitteln
der öffentlichen Hand - neue und teure Kirchen allein dafür erstellt
worden sind und weiter erstellt werden, um sonntags ein paar
Dutzend Gläubige zu bedienen. Von daher
71
gesehen, sind die Kirchen in der Bundesrepublik völlig unrentabel. Sie
halten keinen Vergleich mit denen anderer Länder aus. Das Thema
muß dringend öffentlich diskutiert, der Skandal beseitigt werden. Die
Zeit der klerikalen Repräsentationsbauten ist ein für allemal vorbei.
Läßt sich der Vatikan aber am Rand der Sahelzone mit einem dem
Volk abgepreßten »Dom« beschenken, der allein 120000
Quadratmeter Marmor für die Prachtstraße zum Besuch des Papstes
verschlungen hat, so ist der Protest nicht Sache der Katholiken (die
schweigen), sondern die aller redlich Denkenden und Fühlenden.
Niemand kann künftig mehr sagen, er habe es nicht gewußt. Wer
durch Spenden, Steuergelder, Wählerstimme einen derartigen
Wahnsinn weiter unterstützt und finanziert, schreibt mit an einem
neuen Kapitel der Kriminalgeschichte des Christentums.
Was verdienen Bischöfe und Pfarrer?
Wenn jemand meint, er bezahle mit seiner Kirchensteuer auch den
eigenen Bischof, und der Konfessionslose tue das nicht, irrt er. Auch aus
der Kirche Ausgetretene tragen hierzulande zum Unterhalt
katholischer Prälaten bei. Die Rechtsgrundlage für solche
bundesdeutschen Spezialitäten sind zum Teil über 150 Jahre alte
Verträge zwischen Staat und Kirche. 1817 wurde — um nur ein
Beispiel zu nennen - eine Übereinkunft zwischen Papst Pius VII. und
Maximilian I. Joseph, König von Baiern, geschlossen, die in ihrem
Artikel IV die Einkünfte »für baieri-sche Erzbischöfe, Bischöfe,
Pröbste, Dechanten, Canoniker, Vi-care« der Erzdiözesen München und
Bamberg sowie der Diözesen Augsburg, Würzburg, Regensburg,
Passau, Eichstätt und Speyer festlegte. Das Konkordat Bayerns mit
dem Heiligen Stuhl von 1924 hat diese Bestimmungen ausdrücklich
akzeptiert. Das Bundesland zahlte denn auch im Jahre 1986 an
Jahresrenten für die bayrischen Erzbischöfe und Bischöfe 900000 DM,
an Gehaltszulagen für Weihbischöfe 180000 DM, an Jah-
72
resrenten für Domkapitulare 8,95 Millionen DM - und zur
»Ergänzung des Einkommens je eines hauptamtlichen Mesners an den
Domkirchen« nochmals 200000 DM. Zuschüsse zur Besoldung von
Seelsorgsgeistlichen schlugen in Bayern damals mit 54,2 Millionen
DM zu Buch, Zuschüsse zum Sachbedarf der Hohen Domkirchen mit
fast 1 Million DM. Diese Gelder haben nichts mit der Kirchensteuer
zu tun; sie erfolgen aus allgemeinen Steuermitteln. Folglich zahlen
auch bayrische Konfessionslose für die Küster an bayrischen Domen
wacker mit.
Bayern hat auf diese Weise an Staatsleistungen für Bischofs und
Pfarrersgehälter u. ä. im Jahr 1986 nicht weniger als 87 Millionen DM
aufgebracht. Andere Bundesländer spendieren ähnliche Summen,
Nordrhein-Westfalen beispielsweise fast 12 Millionen DM jährlich an
»Beihilfen zur Pfarrersbesoldung« und fast 8 Millionen für die
Erzbischöfe und Bischöfe des Landes. Auf diese Weise finanzieren
Kirchenfreie die exotische Kleidung von Bischöfen einer Kirche mit,
die sie selbst schon verlassen oder der sie nie angehört haben. Im
übrigen rentiert es sich — nicht zuletzt aufgrund solcher
Staatssubventionen an Kirchendiener — schon, Oberhirte in der
Bundesrepublik zu sein. Bischöfe werden hier besoldet wie höhere
Ministerialbeamte und beziehen ein Jahreseinkommen von 150000
bis 180000 DM. Ein vergleichbar hohes Gehalt erhalten nur etwa 0,5
Prozent der jeweiligen Landesbeamten. Die weitaus überwiegende
Mehrheit der Beamten (von Arbeitern und Angestellten nicht zu reden)
liegt erheblich darunter. Postbeamte, Polizeibeamte, Finanzbeamte
erreichen in der Regel nicht einmal die Hälfte der Bezüge höherer
Kleriker. Wer also ein »Opferleben« führt, der zölibatäre Priester oder
der Familienvater, ist keine Frage mehr.
Die westdeutschen Kleriker erhalten nach eigenen Aussagen
»Spitzengehälter«; nach Besoldung und Einkommen geht die Schere
zwischen Pfarrern und »Laien«-Mitarbeitern der Groß-
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kirchen weit auseinander. Pfarrer werden in der Bundesrepublik in der
Regel wie Beamte im höheren Dienst (Hochschulabschluß) bezahlt;
ihr durchschnittliches Einkommen liegt damit zwischen 3000 und
5000 DM. Nicht vergessen werden dürfen in diesem Zusammenhang
die weiteren Vorteile des geistlichen Lebens: freie Dienstwohnung
(einschließlich Energiekosten, Telefongebühren, Dienstwagen),
häufige Einladungen, die das eigene Portemonnaie schonen. Der
Monatsetat eines Klerikers leidet selten übermäßig. Vielmehr kann
manches dem Privatvermögen zugeführt werden. War es früher
erstrebenswert, »wie Gott in Frankreich« zu leben, so ist es
gegenwärtig lohnender, Pfarrer in der Bundesrepublik zu sein. Freilich
scheint dieses Leben nicht allen zu bekommen: Zwei neuere
wissenschaftliche Untersuchungen erwiesen, daß Geistliche beider
Großkirchen nicht nur in überdurchschnittlichem Maß sexuelle
Probleme haben, sondern auch auffällig häufig suchtkrank sind. In der
Bundesrepublik sollen gegenwärtig etwa 4000 geistliche Personen
mehr oder weniger von Alkohol oder Medikamenten abhängig sein.
Sind nicht Diakonie und Caritas der Kirchen liebste
Kinder?
Mit der Angst vor dem Jenseits, also mit spezifischen
Glaubensgründen, können wohl nur noch wenige dazu bewogen
werden, ihr Geld der Kirche zu geben. Dies Paradigma hat beinahe
ausgedient. Um so aktueller ist das neue: Die Kirche braucht Geld, um
karitative Aufgaben zu erfüllen. Nicht von ungefähr kommen nun
Theologen immer häufiger zu dem Schluß, Christentum habe eine
»soziale Seite«, »Nächstenliebe« sei eine zentrale Aussage des Neuen
Testaments und so fort. Das stimmt zumindest in einer Hinsicht:
Niemals war - so die Theologin Uta Ranke-Heinemann - in den
Großkirchen die christliche, das heißt friedenstiftende, gar
pazifistische Tradi-
74
tion vorherrschend. Vielmehr verbindet sich die militarisierende
Verfälschung des jesuanischen Wollens mit der »Caritas«, mit dem
Verbinden von Wunden und dem Bestatten der Toten. Krankendienst
und Waffendienst werden zu hervorstechenden Merkmalen des
Christseins, klassisch verkörpert in den Spitalorden, die zur Zeit der
Kreuzzüge entstanden sind. Wunden und Schmerzen sind Früchte
christlicher Militanz - und Hilfe und Heilung Früchte christlicher
Caritas. Immer haben sich die Christen mit der schönen Pflicht der
Hilfe für Verwundete und Sterbende über die primäre Pflicht
hinweggeholfen und hinweggelogen: Wunden und Tod dadurch zu
verhindern, daß Kriege verhindert worden wären. Unter dem
Gesichtspunkt der Arbeitsplatzbeschaffung für Mann und Frau ist
freilich die gewählte Form vorteilhafter: christliche Soldaten hier und
dort christliche Krankenschwestern.
Die klerikale »Caritas« ist ein Buch mit sieben Siegeln. Sie hat
noch immer »kein System der öffentlichen Abrechnung sowohl für
die Gesamtbilanz als auch für Einzelaktionen gefunden«. Gegen die
Folgerung, daß schon deshalb Spenden an sie »nicht empfohlen«
werden können, zog eben diese Caritas vor den Kadi. Viel Erfolg hatte
sie nicht; sie muß den überwiegenden Teil der Prozeßkosten aus allen
Instanzen tragen. Aus welchem Topf sie das Geld wohl nimmt?
Daß in den letzten Jahren kirchliche Wohlfahrtsverbände ins
Zwielicht geraten, daß ihnen Filz, Korruption und Inkompetenz
vorgeworfen worden sind, wiegt gewiß nicht leicht. Ungleich schwerer
als diese Kritik lastet jedoch der Vorwurf auf den Kirchen, ihre
karitativen Unternehmungen seien erratische Blöcke im
demokratischen Rechtsstaat. Und mit »Caritas« hätten sie recht wenig
zu tun. Vielme hr machten sie nur unlautere Werbung für
Sozialleistungen, die nicht die ihren seien (da zu 90 Prozent vom Staat
finanziert). Ob die Kirche dem Vergleich mit einem weltanschaulich
neutralen Verband wie beispielsweise dem Deutschen Roten Kreuz
überhaupt noch standhält?
75
Werden kirchliche Kindergärten von der Kirche bezahlt?
Kinder sollen beten lernen, Kirchen dafür zahlen? Genau da liegt das
Problem, das mit der Kirche und unserem Geld zu tun hat. Denn, was
viele Eltern gar nicht ahnen: Nicht die katholische Kirche unterhält
finanziell den Kindergarten, der nach ihr benannt und auf ihre
klerikalen Prinzipien ausgerichtet ist, sondern der weltanschaulich
neutrale Staat. Wieder einmal stoßen wir auf eine unglaubliche, aber
wahre bundesdeutsche Spezialität: Das Verhältnis zwischen staatlicher
und kirchlicher Finanzierung der Kindergärten beträgt, alles in allem,
etwa 75 zu 15 (die fehlenden 10 Prozent sind Elternbeiträge). Das
bedeutet, daß zwar alle Steuerzahler - unabhängig von ihrem
Glaubensbekenntnis - mit dazu beitragen, daß Kindergärten in
kirchlicher Trägerschaft betrieben werden können, daß aber nur die
klerikale Kleingruppe (die zu höchstens 18 Prozent beteiligt ist) in
diesen Kindergärten befiehlt. Katholische Kindergärten gehören zu
den klerikal bestimmten und damit demokratiefernen Einrichtungen
der Bundesrepublik.
Die Kirche, das heißt zumeist der — fast ausschließlich seinem
Bischof verantwortliche — Ortspfarrer, entscheidet über die
Einstellung und Kündigung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
sowie über die Art der Erziehung, die sie über diese handverlesenen
Mitarbeiterinnen den Kindern »angedeihen« läßt - oder zumutet. Das
ist ein Privileg. Oder ein Monopol, worüber nicht nur die jeweiligen
Kleriker wachen, sondern auch deren Außenposten, die christlichen
Kommunalpolitiker. Kindergärten und Kindertagesstätten sind beliebte
Felder kirchlichen Engagements. Weltanschauungsgemeinschaften
wollen die Menschen möglichst früh auf ihre Leitbilder einschwören.
Und was so früh angelegt ist, soll ein Leben lang nicht mehr abgelegt
werden können. »Schon früh«, sagt es ein Faltblatt der evangelischen
Landeskirche Württembergs, sollen die Kinder »die prägende Kraft des
Evangeliums« erfahren. Also Hand auf
76
die Kinder — und die Kindergärten. Und auf die Schulen. »Wer die
Jugend hat, hat die Zukunft«, hieß es bei den Nazis. Und in den
kommunistischen Staaten verfährt man nach dem gleichen Grundsatz.
Sozialleistungen sind zwar im Prinzip von öffentlichen Trägern zu
erbringen. Doch widerspricht die Monopolbildung der Kirchen im
Kindergarten-, Krankenhaus - und Behindertenbe-treuungsbereich dem
Sinn dieses Prinzips. Die Klerikergruppen sind hierzulande schon lange
nicht mehr nur »subsidiär« am karitativen Werk. Sie haben alle
wichtigen Plätze im Sozialsektor eingenommen. Und der Staat bezahlt
sie dafür. Sie genießen nach wie vor Narrenfreiheit. Ihre
missionarische Zielrichtung kann im weltanschaulich neutralen Staat
ohne Bedenken öffentlich propagiert werden. Die Zuteilung der - auch
von Bürgerinnen und Bürgern anderer, ja gegenteiliger
Weltanschauungen aufgebrachten - Finanzmittel wird durch die
entsprechenden Äußerungen des Klerus nicht im geringsten gefährdet.
Ein katholischer Priester konnte daher »seinen« Kindergarten bei der
Einweihung »eine Oase der religiösen Erziehung« nennen, ein anderer
meinen, »das religiöse Training« könne »nicht früh genug beginnen«.
Und ein Leben lang anhalten. Von den 31,2 Millionen DM, die
Bayern 1987 für Erwachsenenbildung bereithielt, flössen allein 6,2
Millionen DM der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft für
Erwachsenenbildung zu. Das ist eine ganze Menge Geld, die nichts
mit Kirchensteuermitteln zu tun hat, sondern mit Staatsleistungen für
Kirchenzwecke. Damit kann die Lobby schon etwas anfangen. Der neue
Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, gab denn auch die
wegweisende Parole aus, die bundesdeutsche Gesellschaft sei
»christlich zu unterwandern«.
77
Können wir mit der Fürsorge der Kirche zufrieden sein?
Nach einer von der Katholischen Nachrichtenagentur im April 1988
veröffentlichten Umfrage sind sich fast alle Kirchensteuerzahler darin
einig, daß die Einnahmen aus der Kirchensteuer vor allem für soziale
Zwecke ausgegeben werden sollten. Tatsächlich entfallen von den
Kirchensteuereinnahmen nur etwa 9 Prozent (katholisch) und 7
Prozent (evangelisch) auf soziale Zwecke. Der ungleich größere Rest,
zwischen 50 und 70 Prozent, geht für die Besoldung von
Kirchenbediensteten drauf. Darüber sprechen diese nicht gern. Vorerst
wird weitergewurstelt wie gewohnt. Konfessionelle Kindergärten sind
fast schon Monopolbetriebe. Und das bringt nicht nur Kinder in die
Kirchen, sondern auch Geld in die Kirchenkassen. Im Saarland beträgt
das Verhältnis von kirchlich betriebenen und nicht-konfessionell
betriebenen Kindergärten etwa 16:1. München zahlt an kirchliche
Kindergärten das über Dreifache von dem, was es pro Jahr an
Kindergärten zahlt, die von freien Wohlfahrtsverbänden und
gemeinnützigen Trägern unterhalten werden. Das heißt, daß rund 77
Prozent der gesamten öffentlichen Zuschüsse in kirchliche
Einrichtungen wandern.
Caritas in diesem Sinn wird vom Steuerzahler finanziert — und von
der Kirche propagandistisch ausgeschlachtet. Den Ruhm der nackten
Zahlen hat allein sie. Sie kann verbreiten, sie unterhalte in der
Bundesrepublik Hunderttausende von Sozialeinrichtungen, sie sorge
für die Menschen, ob klein oder groß, ob arm oder schwach. Denn im
Fall anderer karitativer Institute wiederholt sich das Gesagte:
Einrichtungen, die kranke, behinderte oder alte Menschen in deren
Wohnung betreuen, werden in vielen Gebieten der Bundesrepublik
ebenfalls zum überwiegenden Teil von den Kirchen unterhalten. Aber
finanziell beteiligt sind diese nur etwa zu 13 Prozent der anfallenden
Kosten. Den Hauptteil von 87 Prozent übernehmen Zuschüsse des
Landes und der Kommunen sowie Krankenkassen
78
und Privatpersonen. Wieder zeigt sich das gleiche Bild von der
»Caritas«: Fast 90 Prozent zahlen andere, doch als »Wohltäterinnen«
(und einflußreiche Arbeitgeberinnen) treten aus schließlich die
Kirchen in der Öffentlichkeit auf. Für Hunderttausende von
(konfessionslosen, steuerzahlenden) Eltern aber heißt die
»demokratische« Alternative: entweder katholisches Frühtraining
oder Verzicht auf die Sozialeinrichtung Kindergarten.
Hinsichtlich der »Caritas« bestehen freilich wesentliche
Denkverbote. So ist es noch immer ein besonderes Tabu, die karitativen
Hilfeleistungen der Kirchen zu hinterfragen. Es gelang, wie gesagt,
dem Klerus, in einer Zeit abnehmenden Glaubens die karitative Seite
des Christentums stärker denn je zu betonen. Kirche und Caritas
wurden fast schon zu einem öffentlichen Synonym. Die kirchlichen
Sozialträger finanzieren ihren relativ geringen Kostenanteil übrigens
auch noch aus Straßensammlungen und ähnlichen Bettelaktionen.
Sogar Lotterieeinnahmen fließen in diese Richtung: Zwischen 1967
und 1983 überwies allein die Fernsehlotterie »Ein Platz an der
Sonne« den Kirchen 50 Millionen DM. Die Bundesrepublik
bezuschußte 1984 mit insgesamt über 202 Millionen DM, 1985 mit 211
Millionen DM die kirchliche Entwicklungshilfe. Diese staatliche
Leistung geht zu nicht geringen Teilen an Projekte, welche — im Fall
der katholischen Kirche - ungeniert als »Weltmission« firmieren. Die
Katholiken selbst haben an Spenden für ihre Weltmission nur gut die
Hälfte der staatlichen Subvention, nämlich 117 Millionen DM,
aufgebracht. Nach dem Haushaltsplan für das Bistum Berlin von 1989
sind für »Bischof und Domkapitel« 706000 DM vorgesehen gewesen,
für »Weltmission« 32000 DM. Klerikale Caritas ist wesentlich
fremdfinanzierte Caritas - oder gar keine. Karitativ-soziale Leistungen
machen nur einen geringen Teil in den Haushaltsplänen der
Großkirchen aus. Während der letzten zehn Jahre ist der ohnedies noch
nie hohe Haushaltsposten »Caritas« in den Diözesan-
79
haushalten kontinuierlich zurückgegangen. Im übrigen sind diese
Gelder häufig vermögenschaffend angelegt worden, also für den
Erwerb von Grundstücken oder für bauliche Zwecke. Die kirchliche
Nächstenliebe stammt zu wesentlichen Teilen aus der Staatskasse. Die
halbe Million ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen, von der die Kirchen
sprechen, sind — höchstens ein bis zwei Tage pro Jahr - beim Sammeln
von Spenden für Caritas und Diakonie tätig. In karitativen
Einrichtungen der Kirchen wie Krankenhäusern, Alten- und
Behindertenheimen arbeitet so gut wie niemand unentgeltlich. Hier sind
nach Tarif bezahlte Kräfte tätig. Keine zwei Prozent davon sind
Nonnen.
Spricht die Kirche für das Volk?
Die Wahrheit ist konkret; große Worte machen sie ebensowenig aus
wie Fensterpredigten. Machiavelli, ein genauer Beobachter der
Wirklichkeit, erkannte in den Jahren zwischen 1510 und 1520, »daß
die Völker am wenigsten Religion haben, die der römischen Kirche,
dem Haupt unseres Glaubens, am nächsten sind«. Im Kirchenstaat,
einer wahren Klerokratie, in der Priester und Polizei komma ndierten,
gab es noch im 19. Jahrhundert 70 Prozent Analphabeten. Ein weiteres
geschichtliches Faktum erlaubt andere Einblicke in das undemokratische
Innenleben einer »Volks«-Kirche am Hauptsitz Rom: In einer
Volksabstimmung im Herbst 1860 hatten sich schon 230000
Menschen gegen die päpstliche Herrschaft in den Provinzen
Umbrien und den Marken entschieden, und nur 1600 hatten für Pius
IX. gestimmt. Das hielt den Souverän nicht davon ab, nach wie vor ein
Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche von ganz Italien zu
beanspruchen und den Seinen die Freiheiten zu versagen, die sie
außerhalb seines Machtbereichs schon längst errungen hatten.
Als der Papst schließlich 1870 seinen Staat verlor, obgleich die
Bischöfe des Erdkreises immer wieder versichert hatten, das
80
weltliche Regiment des Heiligen Vaters - und wohl auch die 40000
Quadratkilometer Landbesitz - sei von Gottes Vorsehung gewollt,
und als sich bei einer Volksabstimmung 133000 Wähler für den
Anschluß an Italien (und nur 1500 dagegen) ausgesprochen hatten,
zog sich Pius IX. schmollend in seinen Vatikan zurück.
Entschädigungsangebote lehnte er ab. Aber nicht etwa, weil er der
Auffassung war, sein früheres Territorium sei ohnedies von seinen
Vorgängern zusammengestohlen gewesen, sondern weil er auf eine
Befreiung aus seiner »Gefangenschaft« hoffte. Schon 1871 wollte er
allen Ernstes, daß das Deutsche Reich ihn militärisch (»Kreuzzug über
die Alpen«) aus seiner Lage befreie und die »Beraubung des Heiligen
Stuhles« rückgä ngig mache. Da hätte er lange warten können. Ganz so
dumm schössen die Preußen nicht. Befreit wurden die im Vatikan
»gefangenen« Päpste erst von Mussolini. Der Faschismus Italiens
machte ein für allemal klar, wie gute Christen mit ihren Päpsten
umzugehen hatten. Daß der Name Mussolini in goldenen Lettern in die
Geschichte der katholischen Kirche eingetragen werde, stand 1929 in
einem Glückwunschtelegramm aus Köln. Absender? Konrad
Adenauer.
Papst Pius IX., dessen Eigensinn die Kirche das Dogma von der
»Unfehlbarkeit« verdankt, ist zu Recht schon lange nicht mehr im
Gespräch. Er war ein Zeitirrtum. Einmal mehr zeigt sich deutlich die
historische Erfahrung der Menschen: Grundrechte müssen gegen die
Amtskirche durchgesetzt werden. Mit ihr zusammen läßt sich nichts
bewegen. An der Emanzipation des neuzeitlichen Menschen hat die
Kirche so gut wie keinen Anteil. Martin Dibelius, ein bedeutender
protestantischer Theologe aus Deutschland, sagte einmal knapp:
»Darum waren alle, die eine Verbesserung der Zustände dieser Welt
wünschten, genötigt, gegen das Christentum zu kämpfen.«
Mit der Demokratie hatte der Vatikan - bis heute Sitz einer in Europa
einmaligen absoluten Monarchie — nichts im Sinn. Immer wieder
kamen von Papst und Bischöfen antidemokratische
81
Äußerungen: Rom weigerte sich aus Gründen der Selbsterhaltung, die
bürgerlichen Rechte auch nur von fern anzuerkennen.
Meinungsfreiheit und Pressefreiheit blieben ihm ein Greuel. Zur
Erinnerung: Die Erklärung der Menschenrechte zu Beginn der
Französischen Revolution wurde von der Kirche mit einer
Verlautbarung beantwortet, die diese Menschenrechte -
Gedankenfreiheit, Religionsfreiheit, Rede- und Pressefreiheit — als
Ungeheuerlichkeiten verdammte. Woher der tschechoslowakische
Staatspräsident Vaclav Havel das Recht nimmt, den Papst, der von
einem »unter dem siegreichen Zeichen des Kreuzes« vereinten Europa
träumt, als »unseren Lehrer und Mitstreiter für die Ideale der
Menschenrechte« zu bezeichnen, bleibt unerfindlich. Hält Havel, von
dem früher anderes zu hören war, das Gedächtnis der Menschen für
erschöpft?
Fuldas Bischof Johannes Dyba schmähte noch 1989 die Französische
Revolution als »Machtübernahme der Gottlosen«, die »vor 200 Jahren
zum ideologischen Völkermord geführt« habe. Die ideologischen
Völkermorde (Religionskriege, Kreuzzüge, Inquisition,
Indianerausrottung), die seiner eigenen Kirche anzulasten sind, hat er
in diesem Zusammenhang zu erwähnen versäumt. Hierzulande kann
sich ein Kleriker so etwas noch immer leisten. Und wenn niemand auf
ihn hört, läßt er die Glocken rufen.
Nebenbei: Wann dürfen in Deutschland die
Glocken läuten?
Deutsche Kirchenglocken haben nachweislich nicht nur - auf Wunsch
des Oberhirten Dyba — zum »Tag der Unschuldigen Kinder« (28.12.)
des Jahres 1989 geläutet, sondern auch aus Anlaß von »Führer«-
Besuchen während der Hitler-Diktatur. Die deutschen Bischöfe haben
zu Hitlers sogenannter »Volksabstimmung« vom 10. April 1938
mahngeläutet, um die Ihren an die Urnen zu treiben. Nach der
Niederlage Polens 1939
82
haben sie sieben Tage hintereinander zwischen 12 und 13 Uhr
festläuten lassen, um Hitlers Angriffskrieg zu feiern. Aus Anlaß der
Vereinigung Deutschlands sollten die Glocken allerdings nicht läuten
dürfen; Kleriker hatten plötzlich »politische Bedenken«. Wie viele der
mahn- und festläutenden katholischen Glocken sind wohl aus
staatlichen Mitteln mitfinanziert worden? Es müssen Tausende sein.
Wo
bleibt das »Freie Wort zum Sonntag«?
Privilegien für die Kirchen gibt es zuhauf. Nicht immer sind sie
versteckte Subventionen. Oft brüsten sie sich selbst, und dies in einem
Land, das - offiziell - die Trennung von Staat und Kirche kennt.
Obwohl das Bonner Grundgesetz zu seinen unveräußerlichen und
irreversiblen Grundrechten das Recht und die Pflicht eines jeden
Menschen zählt, wegen seiner Religion weder »bevorzugt noch
benachteiligt« zu werden (Art. 3, 3 GG), werden Kirchen und
Kirchenangehörige hierzulande unwidersprochen bevorzugt. Zu den
wichtigsten Gebieten gehört in diesem Zusammenhang das Medium
öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Der frühere Vorsitzende der
»Publizistischen Kommission der Deutschen Katholischen
Bischofskonferenz«, Bischof Georg Moser (Diözese Rottenburg-
Stuttgart), hat 1987 den zur Ratifizierung anstehenden
Medienstaatsvertrag kritisiert, weil »private Rundfunkveranstalter
den Kirchen die Selbstkosten für Sendezeit in Rechnung stellen
könnten«. Der Bischof wußte, wovon er sprach: Bei den öffentlichrechtlichen
Anstalten geht das - und die Kirchen leben offensichtlich
davon - vergleichsweise billig ab. Daß der Klerus für sein »Wort zum
Sonntag« bezahlt, ist nicht bekanntgeworden. Er besetzt diese
Sendeplätze für seine Werbung kostenlos.
Man weiß auch, daß ein »Freies Wort zum Sonntag«, das sich
zum Sprachrohr der Millionen kirchenfreien Bürgerinnen und Bürger
der Republik machen könnte (Themen genug!),
83
bisher von den Besitzkirchen verhindert wurde. Millionen
Konfessionslose bezahlen ihre Gebühren in dieser Hinsicht umsonst,
und jene Politiker, die so gern von allgemeinen Menschenrechten
sprechen, haben noch kein Wort über diese Benachteiligung verloren.
Die Freiheit der Andersdenkenden zu wahren, zu fördern ist unter
Kirchenleuten kein Thema. Auch bei den Privatsendern nicht, bei
denen schon wieder ganz selbstverständlich ein paar Klerikale hocken
und über die Moral aller wachen.
Über wieviel Moral verfügt die Kirche?
Die Gesellschaft hat seit langem die Verwaltung des Religiösen an einen
erfahrenen Konzessionär abgegeben, den Kirchenapparat. Ihn
bezahlen die meisten, von ihm verlangen viele, daß er seine Aufgabe
still und zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllt. So lange sie ihn noch
brauchen. Was immer war, muß bleiben: eine Regierung, die privaten
wie öffentlichen Wohlstand garantiert, eine Streitmacht, die diesen
gegen Feinde und Neider verteidigt, und wohlfeile Kirchen, die beides
absegnen. Der Klerus arbeitet nach öffentlicher Meinung aufgrund
einer Konzession, die zu den Grundlagen der »christlichen
Gesellschaft« gehört, auf die - vorerst — nicht verzichtet werden kann.
Die Institution ist gut dotiert, denn der Normalverbraucher läßt sich
seine Religion schon etwas kosten. Nichts Schlimmeres für viele als
das Gefühl, die Konzessionärin sei von ihrer Aufgabe überfordert und
müsse sich dies sogar öffentlich sagen lassen. Kurz: Sie leiste nichts
fürs Geld. Dann wird es für die Kirche lebensgefährlich. Alles kann
sie sich leisten, Skandale zuhauf, aber nicht die allgemeine Meinung,
sie sei eigentlich zu nichts nütze. Satte reagieren ausgesprochen
empfindlich auf alle Störungen ihrer Sicherheit. Die Kirchen strampeln
sich ab; immer wieder suchen sie, den aufkommen-
84
den Eindruck, sie taugten eigentlich nicht viel, durch besondere
Anstrengungen zu verwischen. Und da es mit dem allgemeinen
Glauben schon lange nicht mehr weit her ist, versuchen sie es -die
feiertags üblichen folkloristischen Einlagen hier einmal beiseite gelassen
— mit dem, was sie »Moral« nennen. Auf diesem Terrain fühlen sie sich
zu Hause; es gibt sogar Leute (vor allem Parteipolitiker), die meinen,
die Kirchen besäßen so etwas wie ein Moralmonopol. Aber die
Wirklichkeit sieht wie so oft ganz anders aus. Was von klerikaler Seite
als zeitlose Moral, letzter Wert, göttliches Gebot verkündigt wird, ist
Ergebnis einer geschickten Anpassung an die jeweiligen Zeitläufte.
Beliebigkeit statt Zeitlosigkeit ist an der Tagesordnung. Neue
Theologien oder Moralen verdanken, nach dem Religionssoziologen
Günter Kehrer, ihre Öffentlichkeitswirkung nicht selten dem Gespür
ihrer Erzeuger für die Themen, die in der Luft liegen. Theologen sind
gute Theologen, wenn sie ein solches Gespür offenbaren — und für die
Interessen ihrer Oberhirten einsetzen. Ob die so entstehende und
propagierte »Moral« für die Menschen taugt, ist eine andere Frage.
Der Zeitgeist? Kirchen müssen, wollen sie gehört werden, den
Durchschnitt bedienen. Heilige sind zu selten, als daß eine
»Volkskirche« auf sie, vom »Vorbildcharakter« abgesehen, zählen
dürfte. Volkskirchen müssen eine mittlere, dem allgemeinen Denken
und Empfinden angepaßte Meinung vertreten. Zu mehr reicht es nicht.
Dieser Grundsatz gilt besonders für die katholische »Volkskirche«, die
in einem entschiedeneren Sinn als die protestantischen Kirchen eine
offizielle Moral propagiert. Den Zeitgeist, dem sie ihre Moral
verdankt, verrät sie nie; sie leitet ihre Auffassungen aus ihm ab, selbst
wenn es von Fall zu Fall anders aussieht. Ihr Pech: Es handelt sich
stets um den Geist vergangener Zeiten, dem sie sich angepaßt hat. Nach
vorne weist sie nicht. Als jüngste Schicht in den klerikalen
Moralsystemen lassen sich - so Ferdinand W. Menne - jeweils ethische
Reflexe auf den Teil der Wirklichkeit ausmachen, den
85
die offizielle Kirche positiv oder negativ zur Kenntnis nehmen darf.
Sie schöpft aus dem Vorrat der religiös interessierenden Themen
jeweils die, die zum jeweiligen Zeitgeist passen. Sie setzt ihre
Schwerpunkte nach eigenem Gusto. Dabei beweist sie diplomatisches
Geschick: Sie paßt sich zu fast 99 Prozent an, indem sie Themen von
allgemeinem Interesse nun auch ihrerseits als »moralisches Problem«
behandelt, und sie hält sich ein, zwei Prozente an »Widerspruch« frei
(gegenwärtig die Frage des Schwangerschaftsabbruchs), um von sich
behaupten zu können, sie sei »nicht von dieser Welt«. Derart bleibt sie
- vorerst - im Gespräch und hat heute noch einen bestimmten Einfluß
auf die öffentliche Meinung.
Die Kirche sei geschichtlich, heißt es - eine bloße Banalität. Was
anders sollte sie sein? Was anders als eine zu einem geschichtlich
festzumachenden Zeitpunkt entstandene, legitimierte und ausgestaltete
Institution? Was anders als eine Institution, die ebenso ein
geschichtlich festzustellendes Ende haben wird, wie sie einen
historischen Anfang hat? Gerade das sogenannte »Mehr«, das von
Klerikalen mit Zähnen und Klauen verteidigt zu werden pflegt, hat sich
als geschichtlich gewordenes und geschäftlich ausgenutztes
Sammelsurium von frommen Wünschen erwiesen. Nirgendwo ist der
Nachweis gelungen, daß es -über die Anhäufung von Ängsten und
Wunschphantasien hinaus - ein tatsächliches »Mehr« gibt - und wie
dieses zu fassen oder zu benennen sei.
Diese Wahrheit haben Klerikale zu allen Zeiten besonders
gefürchtet. Sie leben nach anderen Prinzipien, zumal diese sich als sehr
profitabel erweisen. Die überall festzustellende Re-formunwilligkeit
der Kirche ist auch in der Tatsache begründet, daß eine Moral, die nicht
von Menschen stammen will, auch nicht zugeben wird, sie könne von
Menschen verbessert (humanisiert) werden. Und solche Eigenmoral
einer elitären Gruppe soll als Vorbild für eine ganze Welt dienen? Sie,
die vatikanische, soll in andere Kulturen exportiert werden ? Wann
86
endlich ist die Mission zu Ende? Daß die Kirchen historisch gescheitert
sind, beweisen Hunderte von Beispielen. Daß sie unredlich handeln,
ist ebenso erwiesen: Eigentlich hatte der frühe Gott der Kirchenleute
deutlich genug gesprochen. Doch wird sein Wort eben nicht aufs Wort
befolgt, wenn es um das Innenverhältnis der Kirchenleute geht. Nicht
alle Gebote Gottes sind von gleicher Durchsetzungskraft. Nicht alle
haben es geschafft, von den Gläubigen anerkannt zu werden. Offenbar
wählen Kleriker sorgfältig aus den Offerten ihres Gottes aus, was
ihnen als Gebot tauglich erscheint und was nicht. »Ihr sollt nicht
schwören, euer Wort sei eindeutig Ja oder Nein« (Mt 5, 34-37), hatte
Jesus geboten. Die Kirche hält sich nicht im mindesten daran; sie läßt
die Ihren schwören, sooft sie will. »Keinen auf der Erde sollt ihr
euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, und der ist im
Himmel« (Mt 23, 9), heißt das strikte Gebot in der Bibel. Der Heilige
Vater zu Rom lacht sich eins, die vielen geistlichen Väter desgleichen.
»Wenn ihr betet, so zuhause, im Zimmer eingeschlossen, in der Stille«
(Mt 6, 6): Auch dies Wort ist längst desavouiert, nicht zuletzt durch die
Prachtbauten der Kirchen in aller Welt.
Die Reihe der still vergessenen und amtlich wegdiskutierten
Gottesgebote ist fast beliebig fortzusetzen. Doch das Schweigen und der
Ungehorsam des Klerus gegenüber dem, den er seinen »Stifter« oder
»Herrn« heißt, ist nur die eine Seite der Moral. Die andere ist nicht
weniger erschreckend. Wo Gebote nicht gehalten werden, wo Moral
beliebig geworden ist, müssen die entstandenen Lücken gefüllt
werden. Darin haben die Kirchen wirklich ein Monopol, weil sie seit
Jahrhunderten die Lücken mit eigenen Anpassungsleistungen stopfen.
Erstaunlich, wieviel »neue Moral« entstand: Aussagen - in der
römischen Kirche sogar »unfehlbare« - über Themen, von denen selbst
der biblische Gott nicht das geringste ahnte und äußerte.
Moraltheologische Lehren über Masturbation, über ehelichen und
vorehelichen Geschlechtsverkehr, über Kondome und Pillen.
87
Von einigen Auswüchsen dieser »Moral« ist im folgenden zu sprechen.
Ihre Schwerpunkte sind von der Kirche vorgegeben. Nicht ohne Grund
haben sich Kleriker mit sexuellen Problemen besonders intensiv
beschäftigt: Besessenheit ist Ausdruck des Mangels. In Sachen
»Umwelt«, einem der wichtigsten Beispiele neuzeitlicher Ethik, ist das
kirchliche Engagement vergleichs weise gering. Eigene und fremde
Schlafzimmerprobleme sind interessanter. Mit Fragen nach dem Sex -
und ihrer »richtigen« Beantwortung - lassen sich viel mehr Menschen
hörig halten als mit der Sorge um die Zukunft einer Welt, die — »Macht
euch die Erde Untertan!« - hemmungslos ausgebeutet worden ist
und weiter ausgebeutet wird.
Aber die Fehlorientierung rächt sich schon: Auf dem Weg zur
humanen Gesellschaft sind die Kirchen längst keine Führerinnen mehr
(wenn sie es je waren). Von Klerikern kann kein Anstoß zum Leben
erwartet werden. Moral, der es um eine lebendigere Zukunft geht,
kommt um die Wahrheit nicht herum. Die Priester haben sich so sehr
in ihren eigenen Netzen verfangen, daß sie in wirklich bedeutsamen
Bereichen kein Gehör mehr finden. Daß sie an einem ausgeprägten
»Wir-auch-Syndrom« leiden, daß sie mit hängender Zunge hinter
jedem neuen Problem herlaufen, um eine »Lösung« zu erarbeiten, die
niemanden interessiert, daß die wirklich praktikablen Lösungen von
anderen kommen, sei hier nur angemerkt.
Sollst du Vater und Mutter ehren oder doch lieber die Kirche?
Die angeblichen Zehn Gebote Gottes haben es schwer in der Kirche.
Nicht allein die einzelnen Sünderinnen und Sünder verstoßen Tag für
Tag gegen sie, sondern die Kirche selbst hält sich von Amts wegen
kaum daran. Den ersten Fall, die Privatpersonen und ihren Umgang
mit dem Gebot, haben manche Beichtväter noch im Griff. Da kann
immer wieder Sündenangst
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eingejagt werden. Doch den ungleich schwierigeren zweiten Fall, in
dem die Institution selber betroffen ist, löst niemand so schnell.
Beichtväter für die Kirche gibt es wohlweislich nicht, und deshalb tut
sie sich auch so schwer mit Reue und Buße. Daß die
Kirchengeschichte eine Kriminalgeschichte ist, daß sie voll ist von
Mord und Totschlag, daß Kleriker sich selten an das Gebot »Du
sollst nicht töten« gehalten haben, ist evident. Priester haben politische
Morde wie die Bartholomäusnacht (1572 sterben 20000 Hugenotten)
mitverantwortet, Priester haben sich bis heute für die Möglichkeit
staatlichen Tötens (»Todesstrafe«, »gerechter Krieg«) ausgesprochen.
Dabei geht es nicht darum, »Sünder« festzumachen. Kritik an
einzelnen Fehlleistungen wirkt anachronistisch. Kritik an der
»allgemeinen Lehre« der Moral von Bischöfen und Päpsten ist geboten.
Menschen werden doch noch fragen dürfen, über wieviel Moral die
Kirche überhaupt verfügt.
Nicht nur das 5. Gebot, das Tötungsverbot, wird von der Institution
ständig gebrochen. Auch den Verboten des Lügens, Stehlens, des
Fabrizierens von Gottesanschauungen (»Du sollst dir kein Bildnis
machen von Gott, dem Herrn«) oder des Begehrens fremden Eigentums
ist es niemals anders ergangen in der Kirche. Ebenso macht das 4.
Gebot, »Du sollst Vater und Mutter ehren«, keine Ausnahme. Es gilt,
wie die übrigen, nur von Fall zu Fall, gilt nur, solange es keine
entgegenstehenden klerikalen Interessen betrifft. Wie oft doch schlug
jenes Schwert zu, das schon der Evangelist geschärft, indem er den
Sohn wider den Vater, die Tochter wider die Mutter trieb? Wie oft
wurde das 4. Gebot, angeblich in Stein gehauen oder den Menschen
ins Herz geschrieben, um angeblich höherer Interessen willen
übertreten? Höhere Interessen? Wer diese anerkennt und zugleich
bestimmt, was solche Interessen sind, hat bereits ein Gebot seines
Gottes grundsätzlich zur Übertretung frei gegeben. Entweder gelten
nämlich die ehernen Sätze immer oder gar nicht. Entweder sind sie
verständliche, klare, kompro-
89
mißlose Gebote für alle - oder sie sind bloße Handreichungen,
Empfehlungen, zur Deutung durch Dogmen- und Moralwächter
freigegebene Sätze.
»Die Kirche wird's schon richten.« Sie hat auch das sogenannte 4.
Gebot immer so gerichtet, daß es in ihren jeweiligen Kram paßte.
Welche Szenen, Zwiste, Entzweiungen bis heute! Wie haben
Engstirnige, Bigotte, Verpfaffte die Familien vergiftet, gegen Eltern,
Ehemänner, Ehefrauen gehetzt, zur Unmenschlichkeit verleitet, zur
Preisgabe fast aller sozialen Beziehungen, zum Verlassen, Verstoßen,
Fortgang ins Priesterseminar oder Kloster! Wie viele Menschen sind
zum Glaubenswechsel, zum Ungehorsam gegen Eltern aufgestachelt
worden - um des »wahren Glaubens« willen! Kleriker aller Zeiten
haben Kinder ihren Eltern entfremdet, um ihr eigenes Schäfchen ins
trockene zu bringen. Clemens von Alexandrien: »Wenn einer einen
gottlosen Vater oder Bruder oder Sohn hat... mit diesen soll er nicht
zusammenstimmen und eines Sinnes sein, sondern er soll die
fleischliche Hausgenossenschaft der geistigen Feindschaft wegen
auflösen... Christus sei in dir Sieger.« Kirchenlehrer Ambrosius: »Die
Eltern widersetzen sich, doch sie wollen überwunden werden...
Überwinde, Jungfrau, erst die kindliche Dankbarkeit. Überwindest du
die Familie, überwindest du die Welt.« Da werden Opfer verlangt und
gebracht, Opfer, die sich gegen die nächsten Verwandten richten,
Opfer, die Klöster füllen und Kirchenkassen, Opfer, die Eltern ratlos
zurücklassen und diesen, nicht den Kindern, ein Opferleben abnötigen.
»Schreite mutig über den Vater hinweg, und fliehe trockenen Auges
zum Panier Christi«, rät Kirchenlehrer Hieronymus, der bei seinem
Weggang vom Vaterhaus das größte Opfer im Verzicht auf die
Tafelfreuden erblickt.
90
Warum
haben es Frauen in der Kirche so schwer?
Opferleben? In der Kirche ein gewichtiges Wort. Die einen raten dazu,
die anderen führen es. Es ist schon nicht mehr merkwürdig, sondern
systemimmanent, daß die großen Ratenden stets Männer, die kleinen
Ausführenden immer Frauen sind. Den Frauen wird — von
Klerikerherren— eingeredet, daß es »frauliche Art« sei, opferbereit zu
werden, zu sein und zu bleiben. Warum ist das so? Daß Männer sich
gern lieben, bedienen lassen, daß sie deswegen den Frauen einreden,
Lieben und Bedienen sei deren Sache, ist ganz üblich in
Männergesellschaften. Wo Patriarchen herrschen, brauchen sie
Untertanen, Opferwesen, Beutemenschen. Solche zu definieren,
auszubilden und sich ihrer dann zu bedienen ist ein herrscherliches
Privileg, also Männerart. In der Männergesellschaft »Kirche« finden sich
nur Spiel- und Abarten dieses generell patriarchalen Prinzips. Freilich
ganz besonders mickrige und verletzende Varianten. Eine
Distanzierung der Kirche vom jeweiligen Zeitgeist gibt es nicht.
Kleriker sehen zwar in nackten Brüsten und kurzen Röcken die
schwersten Gefahren für die Moral. Doch dadurch heben sie sich nicht
von der »Welt« ab, sondern bestätigen ihren Männerstandard. Sie
machen alles (bis hin zum Morden) mit; ihre Moral erhebt sich zu
keiner Zeit über die der anderen. Ihr Gott handelt so, wie es von ihm
verlangt wird.
»Zur Frau sprach der Herr Gott: Vermehren will ich deine
Schmerzen bei deiner Schwangerschaft. Unter Leid sollst du Kinder
gebären, und doch geht deine Brunst hin auf deinen Mann, obgleich
(oder: gerade weil) der über dich herrscht.« (1 Mose 3,16) Das Wort
eines Herrengottes, der dazu geschaffen erscheint, die Brunst dem
Weibchen zuzuschreiben, ist charakteristisch und verräterisch. Es
verkehrt den Sachverhalt. Wer ist denn brünstig? Wer denn will die
tatsächlichen Besitzverhältnisse zwischen Mann und Frau im eigenen
Sinn legitimieren? Wenn dieser Männergott den Mund auftut, weiß
Eva
91
immer, woran sie ist. Die Patriarchen haben es geschafft, ihre Tradition
seit den Zeiten der Bibel fugenlos aufrechtzuerhalten. Der Vatikan, ein
Hochsitz des Patriarchats, äußert sich noch 1988 genauso über
»Würde und Berufung der Frau«, wie er es zu allen Zeiten getan hat.
Er spricht von »Berufung«, um der Welt anzudeuten, daß er sich zum
Sprachrohr des Herrengottes macht. Er spricht vom »grundlegenden
Erbe der Menschheit« und bezieht dadurch ungefragt die Menschen
aller Zeiten und Zonen ein, um sie seiner Doktrin zu unterwerfen. Er
meint mit diesem Erbe der Menschheit (Mannheit) nichts anderes als
die »gottgewollte Tatsache«, daß die Frau und Mutter sich gehorsam
gegen den Willen des Mannes und Vaters zu erweisen habe, sich
also »typisch fraulich« verhält.
Die Reformation hat die Nonnen von ihren Gelübden befreit, doch
hat sie streng darüber gewacht, daß aus Nonnen brave Hausfrauen
wurden, fügsam und stumm wie die übrigen. Luther nennt den Mann
»höher und besser«, die Frau »ein halbes Kind«, ein »Toll Thier«.
Dieser Mönchsmann spricht durchaus im Sinn und im Wortschatz
seines Geschlechts, wenn er predigt, daß die »größte Ehre« der Frau
darin bestehe, Männer zu gebären. Übernimmt die Frau den
Manneswillen, so ist sie eine gute Frau. Wer aber nicht dienen,
sondern eigenbestimmt sein oder werden will, der sündigt. Kein
Wunder, daß Papst Johannes Paul II. sich noch 1988 auf den Apostel
Paulus beruft. Kein Wunder, daß er einen der vielen frauenfeindlichen
Sätze des ehelosen Frauenhassers Paulus verwendet: »Eine Frau soll still
zuhören und sich ganz unterordnen. Ich gestatte es keiner Frau, zu
lehren und sich über den Mann zu erheben. Zuerst wurde ja Adam
erschaffen, und dann erst Eva. Doch nicht Adam wurde verführt,
sondern die Frau ließ sich verführen. Aber ihre Rettung besteht in der
Erfüllung ihrer Mutterpflichten, wenn sie sie sorgsam in Glauben,
Liebe und Gehorsam versieht.« (1 Tim 2,11-15)
Der Papstmann hat gesprochen, der Apostelmann, der Mann-
92
gott. Die Frauen wissen jetzt, was zu tun und zu lassen ist. Die
Geschichte der klerikalen Frauenfeindlichkeit beweist, daß sich der
Manneswille nicht einmal zu ändern brauchte. Die Aussagen waren
stets klar, die Positionen von Mann und Frau ein für allemal
festgelegt. Nachzubessern gab es nichts, von den wenigen Fällen
abgesehen, in denen einige Frauen gegen diesen Herrenwillen
aufbegehrten. Wo klerikale Predigt nicht mehr fruchtete, griff »man«
zu dem innerkirchlich nicht weniger erprobten Mittel des Mordes.
Ungezählte (»Hexen«-)Frauen zum Beispiel mußten sterben, weil die
Verkünder der Frohen Botschaft es so wollten. Solange diese Kirche
Macht über die Herzen besitzt, werden Männerinquisitoren noch
immer mit den Frauen da unten fertig. Über wieviel Moral verfügt
denn die Männerkirche?
Der »Hexenhammer« (Erstdruck 1487 in Straßburg) wurde von
einem Papst abgesegnet und sofort auf der ganzen damals bekannten
Welt als autoritatives Kirchenwort verbreitet. In all seinen 29
Auflagen findet sich eine päpstliche Bulle, die zum Mord aufruft und
wider die kein einziger Papst auch nur ein Sterbenswörtchen verlor —
fast 200 Jahre Heilsgeschichte lang. Warum denn auch ? Wenn schon
der klerikale Gott sich moralisch so verhalten mußte wie seine Erfinder,
war dieselbe Forderung auch gegen die Päpste zu richten: Also ist es
folgerichtig, daß ab 1258 Hexenerlasse von Päpsten nachzuweisen sind.
Also paßt es zum Bild, daß die Hexenbulle des Jahres 1484 sich damit
brüstet, Ausdruck »einer das Innerste bewegenden oberhirt-lichen
Fürsorge« zu sein. Frauen werden peinlich befragt, schamlosen
Verhören durch Priester ausgesetzt. Die inquirie-renden Schweine
foltern Geständnisse heraus, erbärmliche Sauereien allesamt: Riesige
Glieder tauchen auf, stinkende Böcke paaren sich mit lüsternen
Weibern, und die Kleriker hören zu, die Hand unter der Kutte am Glied.
Noch heute verraten die Akten jene säuische Freude der Befrager, noch
immer lassen sich zwischen den Zeilen die Gefühle derer mitlesen,
die sich auf
93
diese Weise aufgegeilt und befriedigt haben. Köstliche Befriedigungen
fürwahr, den Klerikern und ihren Helfershelfern reserviert, denn die
geduldige Suche nach dem teuflischen Mal am Körper der angeklagten
Frau blieb eins der Wesenselemente des Prozesses. Das christliche
Abendland hielt sich Tausende von Folterknechten, die sich abmühten,
in der Nähe der Brüste, des Gesäßes oder der Geschlechtsteile die
berüchtigten schmerzunempfindlichen Zonen zu finden und zu testen,
all die Teufelsmale, welche die Zugehörigkeit zum Satan bewiesen. Ein
Inquisitor teilt mit, er habe 1485 in Como 41 Frauen einäschern lassen,
»nachdem am ganzen Körper die Haare sorgsam abrasiert worden
waren«. Er blieb kein Einzelfall, als der Zeitgeist der Kirche es forderte,
kurzen Prozeß mit den »Teufelshuren« zu machen.
Kurzer Prozeß? Frauen müssen schließlich »sich mit der Kirche
versöhnen lassen«. Das wird ihnen gewährt, »ohne daß die Frau
freilich«, so ein Prozeßprotokoll des 14. Jahr hunderts, »dadurch
verhindern kann, der weltlichen Macht ausgeliefert zu werden, die für
die erforderlichen Strafen sorgen wird«. Das Patriarchat hat sich seine
Funktionen geschaffen: Vergebung (nach Folter) durch die patriarchale
Kirche, Hinrichtung durch den patriarchalen Staat. Vor allem, wenn es
die Hinterlassenschaft der Gemordeten einzuziehen und zu verteilen
gilt, machen Staat und Kirche gemeinsame Sache. Es wurde nicht
bekannt, daß sie sich je von ihrem Raub getrennt hätten. Getrennt
haben sich die beiden »Gewalten« nur von den lästigen Frauen —
sowie von einzelnen Klerikern und Knechten, die den Mut gezeigt
hatten, gegen das allgemeine Wüten und Morden zu protestieren.
Solche Männer verschwanden fast immer in lebenslanger Klosterhaft;
ihre Namen wurden ausgelöscht, während ihre eigene Kirche stets mit
den Wölfen geheult hat.
Das Konzil zu Trient (1545-1563) gilt heute als eine Sternstunde
des Heiligen Geistes. Wichtige Dogmen brachte es der
94
Kirche; Luther und die Seinen wurden in jenen Jahren zumindest
theoretisch »besiegt«. Doch verlor die hochheilige Versammlung der
Kirchenväter, die sich jahrelang mit den subtilsten Problemen der
richtigen Definition einer »Glaubenswahrheit« herumgeschlagen hatte,
auch nur ein Wort über den Mord an »Ketzern«, an Juden, an Frauen?
Frühere Päpste und Konzilien hatten die Folter legitimiert; die eine
geschichtliche Wahrheit. Die andere? Die damals in ganz Europa
brennenden Scheiterhaufen haben keinen einzigen der sogenannten
großen Konzilsväter und Theologen in Trient interessiert.
Bei dem Jahrhunderte andauernden Frauenmord geht es nicht um
vereinzelte »Sünder im Schoß der Kirche«, sondern um eine päpstliche
Lehre. Kein Konzil, kein Heiliger hat sie angefochten. Beendet wurde
das Morden erst, nachdem sich Stimmen durchgesetzt hatten, die
gewöhnlich von außerhalb der Kirche kamen. Sie selbst führte
unverdrossen ihr Foltern und Morden auf den Willen Gottes zurück.
Und da ihr eigener Gott ein gehorsamer, dem jeweiligen Zeitgeist
folgender Gott ist, wird sie auch recht gehabt haben. Und heute? Da das
apologetische Geschwätz der Erben Konjunktur hat? Da gerade
»feministische Theologie« der letzte Chic ist? Da es keiner mehr
gewesen sein will ? Da sich ein Papst lächerlich macht, der von
»Hexen« redet wie seine Vorgänger? Da er sich nicht mehr daran
erinnern lassen will, daß diese jahrhundertelang - unter dem Einfluß
des Heiligen Geistes, wohlgemerkt - dunkelste Magie unterstützt
haben, Mord an »Hexen«, Aberglauben? Heute zieht ein Papst sich
aus der Schlinge, indem er das Vorkommen von »Hexen« leugnet —
und die Tatsache ihrer Verfolgungen verschweigt. Heute spricht er - wie
Johannes Paul II. 1986 — vom Faktum des »Teufels«, von der
Notwendigkeit, an dessen Existenz zu glauben und von der »List Satans,
den Menschen durch Rationalismus zur Leugnung seiner Existenz zu
verführen«. Die Menschheit darf gespannt sein, welcher spätere
Papst einmal auch diesen Unsinn eines Vorgängers ver-
95
schweigt. Wie viele Jahrhunderte es dauert, bis ein Papst unser Denken
nicht mehr als »Rationalismus« und »satanische Verführungskunst«
diffamiert?
Fraulicher Ungehorsam? Ein Nein der Frauen gegen das ihnen von
Gott auferlegte »Oben« des Mannes? In solchen Fällen regt sich nicht
nur die Angst der Männer vor den Frauen; regt sich nicht allein die
Erinnerung an das allen Männern (zumal den Klerikern) gemeinsame
Wissen um die Überlegenheit des »anderen Geschlechts«. Da wird aus
Angst nackte Gewalt. Da zeigt »man« es denen da unten. Da werden
Definitionen gezeugt, Kopfgeburten, zu denen nur Männer fähig sind.
Albertus Ma-gnus, ein 1941 von Pius XII. zum »Patron aller
Naturwissenschaftler« erklärter Mönch aus dem 13. Jahrhundert,
nennt die Frauen defekte Wesen. Der anerkannteste Lehrer der
römischen Kirche, Vorbild bis heute (wenn es nach dem Wunsch des
Papstes ginge), Thomas von Aquino, wird Angst und Sadismus in einem
los: »Frauen sind mißglückte Männer«, Menschen, denen etwas (was
wohl?) zum richtigen Menschsein fehlt. Denn eigentlich müßte ein
Mann stets männliche Kinder zeugen, weil jede Wirkursache ein ihr
Ähnliches hervorbringt, meint der heilige Kirchenlehrer. Doch das
klappt nicht immer. Denn wirkten »widrige Umstände« bei der
Zeugung mit, war beispielsweise das Sperma defekt oder bliesen
während des Liebesaktes feuchte Südwinde (so daß Kinder mit
größerem Wassergehalt entstanden), wurden, Gott sei's geklagt,
Mädchen gezeugt. Hier spricht - über die Jahrhunderte der
Kirchengeschichte hinweg — eine »vernünftige Autorität«. Denn hier
spricht ein Kirchenmann.
Die Frauen werden sich zu richten wissen. Sie wissen, daß die
Kirche — weit entfernt, sich gegen den Zeitgeist der Männergesellschaft
zu wenden — selbst eine Ausgeburt des Patriarchats ist, nicht um ein
Haar besser als diejenigen, die sie sich erfunden haben. In dieser
Kirche wurde zum Beispiel, wie Rudolf Krämer-Badoni schreibt, die
Prostitution »für das vergewaltigte Mädchen letztlich als einzige
Möglichkeit betrachtet,
96
ihre Lust zu sühnen«. Das Bußbuch des Alanus ab Insulis fordert den
Beichtvater auf nachzuforschen, ob die Frau, mit der man gesündigt
hat, attraktiv war; wenn ja, wurde dem Sünder die Buße reduziert.
Noch im 11. Jahrhundert war es unter Kirchenmännern strittig, ob
Frauen überhaupt eine Seele hätten. Jedenfalls blieben sie »unten«,
wo männliche Lust sie so gern sah. Frauen dienten der Männerkirche,
wo immer diese solcher Dienste bedurfte: in Klöstern, in
Pfarrhäusern, bei Tag und, lieber noch, bei Nacht. Die Zahl der zu
Mätressen und Konkubinen Herabgewürdigten in der Kirche ist fast
unendlich; sie ist unter den zölibatären Umständen neuerdings nicht
geringer geworden. Frauen haben die Kirche ihrer Männer mit
aufrechterhalten, Frauen, die noch immer nicht aufmucken, tragen
diese Kirche weiter mit: in den Klöstern und auf Ehebetten wie auf den
Lotterbetten der Pfaffen. Über allem aber schwebt wie eh und je die
geile Phantasie derer, die — als Männer — etwas von Philosophie oder
Theologie zu verstehen glauben. Da träumt sich die augustinische
»Civitas Dei«, eins der Hauptbücher des Abendlandes und für
unzählige Gewissensmorde verantwortlich, in ein Paradies hinein, das
vor allem deswegen ohne Sünde ist, weil ihm trotz seiner Nacktheit die
sexuelle Leidenschaft fremd bleibt. Im Garten Eden ist die Schande des
Koitus noch unbekannt, und das freut jenen Kirchenvater Augustinus
besonders, der erst ein Leben voller Laster hinter sich bringt, bevor
er sich »bekehrt« - und aufbricht, ganz Europa ähnlich zu bekehren.
Welcher Kleriker hat ein Wort des Verständnisses oder der
Entschuldigung für die Millionen, die diesem Kirchenvater auf den
Leim gegangen sind und ihr (Sexual-)Leben, an den schmachvollen
augustinischen Gedanken orientiert, vergeudet haben?
Kirche und Ehe? Da sind klerikale Obsessionen am Werk, wie sie
Hieronymus Bosch wiedergab: Das neuzeitliche Europa sollte, so der
renommierte Historiker Jacques Sole, »im Koitus und den
Versuchungen des Fleisches die höchste Gefahr sehen
97
und dieselbe Lektion von Kanzeln und in Traktaten unablässig
wiederholen«. Da ist von Geschlechtsakten die Rede, die lasterhaft sind
und eklig. Da kann die Frau sich nur vor der Einschätzung als Hure
retten, indem sie sich als jungfräuliche Braut des Herrn oder als treue
Ehefrau und Mutter vieler Kinder bewährt. Der katholische Theologe
A. J. Rosenberg schreibt 1915 allen Frauen ins Stammbuch, worum es
christlicher Militanz und Kinderliebe geht: »Moderne Kriege sind
Kriege, in denen die Massen sehr viel mehr bedeuten. Die gewollte
Einschränkung der Kinderzahl (in Frankreich) bedeutete also den
Verzicht auf gleiche nationale Stärke mit Deutschland... Tausende von
Eltern beklagen den Verlust des einzigen Sohnes... Strafe muß sein. . .
Der Krieg hat das Problem der gewollten Kinderscheu in ein neues
Licht gerückt.«
Eine erleuchtende Anmerkung zum Schluß des Themas: Die
Verfasser des berüchtigten »Hexenhammers«, deren
Schreibtischtäterschaft viele Tausende von unschuldigen Frauen Ehre
und Leben gekostet hat (entschädigungslos!), waren brünstige
Marienverehrer und zugleich typische Klerikermänner: Auf der
einen Seite haben sie lüstern beschrieben, wie den inkrimi nierten
Frauen alle Körperhaare abzuscheren seien, weil sich »in den Haaren
des Körpers, und bisweilen an den geheimsten, nicht namhaft zu
machenden Orten«, zauberische Amulette verstecken könnten. Auf der
anderen Seite luden sie ihre Triebe musterhaft- mannhaft auf die ganz
und gar Reine ab, auf eine junge und schöne Frau, die ihnen niemals
gefährlich werden konnte, da sie ganz hoch droben angesiedelt
worden war.
Muß einer ledig bleiben, um besonders viel von der Ehe zu
verstehen?
Unter Klerikern gilt es als ausgemacht, daß ihre Kirche einen
besonderen Auftrag hat, »Sakramente« wie Taufe, Buße,
Krankensalbung dogmatisch abzusichern und juristisch auszufor-
98
men. In solchen Fragen lassen die Kirchenleute nicht mit sich handeln.
Noch aufgeregter werden sie, geht es um das »Sakrament« der Ehe
(das unter nichtkatholischen Christen gar keines ist). Auf diesem
Terrain verstehen Geistliche überhaupt keinen Spaß. Sie wissen,
warum. Wer - wie gegenwärtig noch die Kirche — die Hand auf der
Ehe hat, kann Millionen Gewissen gängeln.
Nun bleibt die Frage, warum ausgerechnet jene viel über
voreheliche, eheliche, außereheliche, uneheliche und nacheheliche
Themen zu sagen wissen, die selbst ehelos sind, weil ihre Oberhirten
ihnen dies befohlen haben. Die Geistlichen antworten: Wir sind
auserwählt, ein bevorzugtes und reserviertes Wissen über alles und
jedes zu haben - und dieses Wissen, in Normen, in Regeln verpackt,
nach unten weiterzugeben, damit jeder Christenmensch Bescheid
wisse, wie er vor und in seiner Ehe zu leben habe. Mangelnde
Sachkompetenz gibt es unter Klerikern nicht: Zum einen wissen sie
ohnehin alles (da der Geist ihnen einflüstert, was sie nicht wissen),
zum ändern »braucht auch ein Apotheker nicht jedes Gift probiert zu
haben, um es beurteilen und als Arznei weitergeben zu können«. Die
Ehelosen haben die Ehe fest im Griff. Sie verkündigen ihre Wahrheiten,
sie predigen, je nachdem, Gebrauch, Mißbrauch oder Enthaltsamkeit.
Und der Umstand, daß die Bibel so gut wie nichts zum Thema sagt,
fällt den Eingeweihten gar nicht mehr auf. Sie haben ihre eigene
Praxis.
Sie fürchten die eheliche Bindung wie ihr Teufel das Weihwasser.
Sie nehmen lieber jahrzehntelange Konkubinate in Kauf. Sie opfern
ihre Geliebten auf dem Altar der Wahrheit. Noch im Oktober 1990
diskutiert eine Bischofssynode in Rom ernsthaft, ob die römische
Kirche als Ausnahme auch verheiratete Männer zum Priesteramt
zulassen dürfe. Als schließlich bekannt wird, daß es in Brasilien
schon zwei solche Männer gebe, gerät alles in Aufregung. Die
sogenannten Reformer sehen wesentliche Forderungen erfüllt (die
Kirche ändert sich
99
leibhaftig), die Konservativen sehen damit den Anfang vom Ende
gemacht. Um derlei Probleme dreht sich die Moral einer Kirche, die
Millionen von historischen Blutopfern verschweigt und Abermillionen
von gegenwärtigen Gewissensopfern knebelt. Doch welche Moral hat
denn diese Kirche?
Nun, der Papst weiß Rat, und in diesen wenigen Worten ist die
»Moral« einer ehelos geführten Kirche greifbar. Sie richtet sich
fundamental gegen die Ehe, und sie weiß, weshalb. Dispens vom
allgemeinen Gesetz der priesterlichen Ehelosigkeit gibt es nur unter
den folgenden Bedingungen: Der verheiratete Kandidat muß sich
bewußt zu einem zölibatären Leben bekennen, obwohl seine (gültige!)
Ehe nicht annulliert, sondern nur »suspendiert« wird. Seine Frau und
seine Kinder müssen sich rechtsverbindlich mit der Priesterweihe des
Mannes und Vaters einverstanden erklären. Die Ehefrau muß künftig
»von ihrem Mann total getrennt leben«, sie darf weder »im selben
Bett noch unter demselben Dach« anzutreffen sein. Die Angst der
Männer vor den Frauen? Die uralte Furcht, Klerikerhände könnten
nachts einen Frauenleib, morgens den Christusleib anfassen? Jeder
Mensch, der Menschenrechte kennt und wahrnimmt, schüttelt sich.
Doch Millionen Christen, denen solche Rechte versagt bleiben,
schweigen, wie sie immer schweigen, weil sie zu schweigen gelernt
haben. Sie schweigen und übertreten still die geltenden Ehegesetze und
»Moralnormen«. Sie beseitigen so keine einzige Regel der
Klerikermoral. Sie bestätigen sie, indem sie nach dem intakten Schema
weitersündigen — und bei jenen, die ihre Gewissen gefesselt haben,
»Vergebung« erlangen, Woche für Woche. Moraltheologen (ein
schrecklich doppelmoralisches Wort!) können zufrieden sein: Das
geltende Normensystem der Klerikerkirche ist nicht tangiert. Gesündigt
wird nach wie vor, von Verheirateten wie von Zölibatären, und jeder
Sünder und jede Sünderin erlangt, nach Reuebeweis, die Absolution
just von den Pfaffen, die Verantwortung tragen für die Lage der
Frevlerinnen.
100
Die Ehefrau, die noch vor Jahren im Beichtstuhl angebrüllt und als
Mörderin diffamiert worden ist, weil sie Verhütungs mittel angewendet
und dies als »Unkeuschheit« gebeichtet hat, zeugt gegen die Institution,
welche sich heute nicht einmal für die eigenen Todsünden gegen das
Leben der Menschen entschuldigt. Der pubertierende Junge, der noch
vor wenigen Jahren jeden Samstag dieselbe »geheime« Sünde
gebeichtet hat und dessen Leib und Leben Stück für Stück gedemütigt
wurden, klagt den Kleriker an, der im Beichtstuhl für eine Institution
tätig ist, die selbst weder öffentliche Scham noch öffentliche Reue
kennt. Weil gegenwärtig die Beichtstühle leerer sind denn je, kann
der Junge auf mehr Verständnis hoffen. Schließlich macht er die
Institution Beichte noch nicht ganz überflüssig. Aber sind Sünden, die
vor zehn Jahren noch unnachgiebig als solche galten, heute plötzlich
keine mehr? Hat der Zeitgeist die Kleriker endlich eingeholt ? Wer
besonders unmoralisch und inhuman sein will, der erstelle Gesetze, die
zu schwer sind, der lasse sie übertreten, der neige sich den
Übertretenden zu und verspreche ihnen, bis zum nächstenmal, seine
Absolution. Dies Vorgehen schafft wie kein zweites Herren und
Knechte. So und nicht anders pflanzt sich die Unmoral der Kirche
fort von Generation zu Generation. Beispiele für solch klerikale
Unsittlichkeit, die im Vergleich zu den Übertretungen der ihr
Unterworfenen ungeheure Ausmaße angenommen haben, sind Inhalte
der offiziellen Kirchenlehre: Geburtenkontrolle, Zölibat,
Ehescheidung, Normsexualität.
Wer kennt den »normalen Sex« am besten?
Die Frage ist kirchenamtlich längst beantwortet: Wenn schon Sexualität
»ausgelebt« sein muß (ein Problem, mit dem Generationen von
Theologen sich herumgeplagt haben), dann bloß auf geregelte Weise.
Denn, so Pius XII. (einer der Geburtshelfer Hitlers), die nun einmal
nicht wegzudiskutierende mensch-
101
liehe Lust wird nur akzeptiert, um »zum Dienst am Leben anzutreiben«.
Wehrdienst und Liebesdienst? Kriegsdienst und Lebensdienst? Über
alles wacht der Papst. »Geregelt« heißt: innerhalb der gültig
geschlossenen Ehe, nicht vorher, nicht nebenher, und moralisch
korrekt. Das bedeutet, die Kleriker haben sich ihre Gedanken gemacht
und wissen inzwischen, was sie erlauben können und was nicht.
Kondome sind nicht erlaubt (der Papst sagt das in Afrika und in
Lateinamerika, wo immer er den Boden küßt). Das Messen der
Temperatur zur Bestimmung empfängnisfreier Tage ist dagegen
natürlich. Ehebruch aber ist ebenso Frevel wie Masturbation,
vorehelicher Verkehr ebenso verwerflich wie Verkehr zwischen zwei
Männern. Denn das eine ist natürlich, das andere nicht. Was Natur
ist, bestimmt der Patriarch. In der Männergesellschaft kann der Heilige
Vater mit Bestimmtheit sagen, daß es Tage der Frau und Nächte des
Mannes geben muß - und was zu diesen Zeiten geschehen darf und was
nicht. Wehe jenen, die dies nicht anerkennen ! Sie stellen sich auf die
Seite der schwarzen Schafe. Da den verstockten Sexualsündern
entweder der Kirchenbann oder der Liebesentzug durch Vater Bischof
und Vater Papst droht, muß der heutige Gläubige andere Wege
suchen. Er klatscht dem Papst bei einer von dessen »Pastoralvisiten«
Beifall und denkt gleichzeitig an seine Freundin. Diese applaudiert
ebenfalls dem Mann in Weiß - und trägt die Pille im Handtäschchen.
Auf diese Weise sind alle zufrieden, denn der Papst denkt, er habe die
Volksmassen überzeugt, und die Volksmassen haben ihre private Lösung
der wichtigsten Probleme des Vatikans bereits gefunden.
Freilich geht es nicht in jedem Fall so friedlich zu. Es gibt auch
Opfer der vatikanischen Sexualmoral, die nicht mehr applaudieren
können. Hier seien nur diejenigen genannt, deren
Selbstverwirklichung den harten Priestermännern als »Sünde gegen
die Natur« gilt. Homosexuelle Menschen sind im Lauf der
Kirchengeschichte immer verfolgt und oft ermordet wor-
102
den. Sie reihen sich ein in die Gruppe der »Abweichler«, auf die beide
patriarchale Institutionen - Kirche und Staat - Jagd gemacht haben, um
sich selber und ihre Ideologie vor »Anstek-kung« zu schützen. Das
historisch vorerst letzte Beispiel bietet die Hitler-Diktatur: Von einem
Protest der Kirche gegen die Verfolgung Homosexueller ist nichts
bekannt. Die Kirche hat die Verfolgung und Tötung von Menschen
einer sogenannten Minderheit geduldet - und wurde einmal mehr
mitschuldig. In der Regel stehen kirchliche Amtsträger und Ideologen
nicht auf der Seite der Diskriminierten. Die Regel heißt:
Homosexuelle sind - auch beruflich - zur Diskr iminierung durch
sogenannte gute Christen freigegeben. Nach (inzwischen
verschwiegener) katholischer »Moraltheologie« war es einmal
verwerflicher, sich homosexuell zu betätigen oder die Empfängnis zu
verhüten, als eine Frau zu vergewaltigen oder mit der ei genen Mutter zu
schlafen. Denn das eine war »natürlich«, das andere nicht.
Die Diskriminierung der Homosexuellen ist von der
menschenfeindlichen patriarchalen Tradition der Kirche gefordert.
Eben diese Tradition kann jederzeit - guten Willen vorausgesetzt -
abgebrochen werden. Fehlt der gute Wille zum Umdenken bei den
Hirten, dann muß dieser Mangel an Humanität öffentlich
angeprangert werden. Ohne grundsätzliches Umdenken in der Kirche
können Homosexuelle keinen Frieden mit dieser machen. Das
ketzerische Potential der Homosexuellen muß aktiviert werden: Die
Zeit, in der sie ihre Verfolgung hingenommen haben, ist
unwiderruflich zu Ende. Niemand sollte sich künftig verpflichtet
fühlen, eine Institution, die ihn schädigt, finanziell mitzutragen.
Die Evangelische Akademie Tutzing will ab sofort ihre Räume
der Deutschen Aids-Hilfe nicht mehr zur Verfügung stellen, weil
»einige Teilnehmer. . . ihr Schwulsein vor den anderen Gästen
öffentlich in einer Weise demonstriert« hatten, »die als nicht
notwendig und deplaziert empfunden wurde«. Deplaziert in
kirchlichen Räumen? Haben die Homosexuellen
103
etwas anderes getan, als dies unter heterosexuellen Menschen üblich
ist? Sind Umarmungen, Küsse, Handhalten »nicht notwendig und
deplaziert«? Die Doppelmoral der Kirche sagt: Du darfst sein, wie du
willst. Aber konfrontiere mich bitte nicht damit, sonst muß ich die
Konsequenzen ziehen.
Darf sich jemand auch »auf katholisch« scheiden lassen?
Einmal mehr mögen Nichteingeweihte die Köpfe schütteln.
Scheidungen - das wissen alle - sind im Geltungsbereich des
katholischen Kirchenrechts nicht möglich. Es gibt sie einfach nicht.
Auch das Bonner Grundgesetz, welches allgemeine Menschenrechte
verteidigt, ist sich darüber klar: Katholiken, die im Dienst der Kirche
stehen, können sich nicht scheiden lassen und wieder heiraten, ohne ihre
Arbeitgeberin schwer zu beleidigen und eine fristlose Kündigung zu
riskieren. Wer streng katholisch ist, weiß genau, daß eine Scheidung
für ihn nicht in Frage kommt. Die Ehe, so wenigstens die ehelosen
Kleriker, ist »unauflöslich«. Daran haben die Päpste nie rütteln lassen.
Dies ist eine der letzten moralischen Bastionen Roms. Man beruft sich
dabei auf das indiskutable »Herrenwort«, daß der Mensch nicht lösen
dürfe, was Gott verbunden habe. Freilich ist Rom auch in diesem Fall
nicht sehr auskunftsfreudig, geht es darum, die ganze Wahrheit zu
sagen. Es gibt in der Tat eine Scheidung auf katholisch. Nur muß der
Gläubige sie kennen. Das als völlig unantastbar erklärte Herrengebot
von der absoluten Treue in der Ehe und deren »Unauflöslichkeit« ist
längst ausgehöhlt. Auch die katholische Kirche, die auf andere Kirchen
herabsieht wie auf Abtrünnige, kennt nur ein bedingtes, nicht ein
absolutes Scheidungsverbot. Sie hat diese Scheidungsmöglichkeiten
selbst erfunden, denn einmal mehr steht in der Heiligen Schrift nichts
zu diesem Thema.
Der Papst löst eine »gültige« (hier: »sakramentale«) Ehe in einem
einzigen Fall auf: wenn sie »geschlechtlich nicht vollzo-
104
gen« ist. Zwar schweigt Jesus aus Nazareth genau zu diesem Punkt.
Denn nirgendwo ist nachzulesen, der Herr habe
Schlafzimmerprobleme erörtert. Defloration und Penetration sind
Angelegenheiten, die der katholische Klerus unter sich aus macht.
Und steht - durch Experten nachgewiesen - fest, daß ein
»Jungfernhäutchen« nicht beschädigt ist, kann der Papst eine solche
Ehe annullieren. Im Vatikan gibt es ein eigenes Büro für derlei
Aktivitäten, und auch die einzelnen Diözesen haben ihre Fachmänner.
Alle suchen, von Fall zu Fall, nach faktischen Beweisen für ihre
Theorie, lassen Unterkörper von Frauen beschauen und trennen Jahr
für Jahr einige hundert solcher »nichtkonsumierter« Ehen. Das
geschieht selbstverständlich streng nach der Bibel und mit
verachtenden Seitenblicken auf die anderen Kirchen, die gar eine
»Wiederverheiratung Geschiedener« kennen wie die Ostkirche.
Noch eine römisch-katholische Ausnahme: Eine unter Ungetauften
geschlossene Ehe, die sogar »vollzogen« ist, kann ebenfalls
aufgelöst werden. Hier handelt der Papst »um des wahren Glaubens
willen«. Denn von einem Heidenmann, der seine heidnische Ehefrau
verstoßen will, kann nicht verlangt werden, daß er dieser treu bleibt,
auch nachdem er katholisch geworden ist. Er kann sie verstoßen. Das
Ganze nennt sich »Privileg des Apostels Paulus«. Und da nicht nur
Paulus solche Mätzchen mitmachen soll, sondern auch Petrus, gibt es
auch ein »Petrinisches Privileg«, das es dem »Nachfolger« zu Rom
ermöglicht, von den Bedingungen des Paulus selbst wieder zu
dispensieren. Ein Trauerspiel. Traurig, weil sich eine Kirche zu Lasten
der ihr Verfallenen Macht sichert. Traurig, weil die wenigsten
Gläubigen jemals über solche Ausbeutungsmechanismen informiert
worden sind. Traurig, weil jährlich ein paar tausend Frauen auf ihre
»Jungfräulichkeit« hin untersucht werden (Kleriker schauen nicht selbst,
sie »lassen schauen«). Traurig, weil Millionen auch diese Schandtaten
hinnehmen, ohne eine menschenverachtende Kirche für immer zu
verlassen.
105
Muß Geburtenkontrolle »sündhaft« sein?
Die Meinung der Kirchenvertreter zur Frage der Empfängnisverhütung
scheint eindeutig. Aber sie ist es nicht. Zum einen lehren
nichtkatholische Kleriker etwas ganz anderes als katholische, und zum
anderen ist selbst unter katholischen Theologen die »richtige«
Wahrheit umstritten. Neuerdings haben Ober-hirten in diesem
Zusammenhang sogar das »Gewissen« wiederentdeckt. Zwar nicht ihr
eigenes, doch das der »Laien«, die überhaupt noch auf derlei
Spitzfindigkeiten hören. »Laien« sollten sich ohnedies hüten, von
amtskirchlichen Wahrheiten allzuviel zu halten. Denn nicht selten
haben die Hirten schwer geirrt, als sie von der Wahrheit sprachen.
Häufig haben sie baren Unsinn erzählt, als sie meinten, Dogma und
Moral zu verteidigen. Ein Beispiel für viele: Um 1789 — zur Zeit der
Französischen Revolution -, als wichtigste Menschenrechte verhandelt
wurden, spaltete eine Diskussion um den rechten Gebrauch der
Unterhosen die deutschen Protestanten. Pastoren meinten, die
Einengung der Genitalien schade der Samenproduktion und sei daher
nach göttlichem Recht untersagt. Dasselbe gelte, weil enge
Unterhosen Männer zum Masturbieren ermunterten. Masturbation
aber, so lehrte die ererbte christliche Angst vor »illegaler Sexualität«,
sei die Männersünde schlechthin.
Warum? Weil die »Keimstoffvergeudung« (so ein dem christlichen
Dunstkreis entlehnter Begriff nationalsozialistischer
Sexualpädagogik) nicht nur die Manneskraft schwäche, sondern auch
die »natürliche Bestimmung« des Spermas, Kinder zu zeugen, ins
Gegenteil verkehre. Die Masturbation, eine christliche und eine
bürgerliche Hölle, war seit jeher ein Objekt der Theologie.
Masturbation, diese skandalumwitterte Freundlichkeit gegen sich
selbst, wurde einerseits unter dem Gesichtspunkt der »Ausschweifung«
abgehandelt, andererseits mit den verschiedenen verdammenswerten
Formen der Verhütung in
106
Zusammenhang gebracht. Das Vergnügen der Verschwendung zielte
gegen einen der folgenschwersten Grundsätze der Patriarchatskirche:
Das nach Gottes Willen lebenschaffende Sperma ist heilig. Auf
Körper reduzierte Frauen hatten in diesem Männerdenken keinen
anderen Platz als den, gleichsam wie Blumentöpfe den Same n
aufzunehmen und sprießen zu lassen.
Wie die Frau hat die Kirche - sosehr sie es bestreitet - durch fast
2000 Jahre auch die Ehe diffamiert. Angefangen bei den heiligen
Kirchenvätern bis zum heutigen Papst, loben Kleriker den Eunuchen
um des Himmelreiches willen mehr als den Ehemann. Laut
Kirchenlehrer Hieronymus leben Verheiratete »nach Art des Viehs«.
Sie unterscheiden sich im Beischlaf »in nichts von den Schweinen und
unvernünftigen Tieren«. Der Kirchenlehrer Augustinus predigt, daß
Verheiratete im Himmel schlechtere Plätze erhalten als die Eunuchen;
daß nur die »Josephsehe« (die der Namengeber am wenigsten kannte)
eine »wahre Ehe« sei. Von Geschlechtlichem hält sich der Erwählte am
tunlichsten frei (sagt er öffentlich), denn es befleckt ihn. Menschen, die
ein zweites Mal heiraten, wälzen sich, so ein geflügeltes Wort des
Mittelalters, »wie die Sau nach der Schwemme wieder im Kot«. Der
Witwenstand ist ungleich heilsamer, sagen die Ehelosen. Am besten
werden Frauen in vorgerücktem Alter (über 30) bei
Unterleibsoperationen durch den Gynäkologen »ganz zugenäht«; am
besten tragen Frauen (in südlichen Ländern Katholiens) nach ihrer
Hochzeit tiefes Schwarz.
So mußte der Verkehr rigoros eingeschränkt werden. Die
Moralisten der Kirche waren mit Verboten schnell zur Hand. Was
ihnen selbst (offiziell) ganz verboten war, sollten andere nur zu
bestimmten Zeiten genießen dürfen. Untersagt war
Geschlechtsverkehr in vielen Jahrhunderten des Mittelalters an Sonn-
und Feiertagen, Buß- und Bittagen, allen Mittwochen und Freitagen
oder Freitagen und Samstagen, um Ostern und
107
Pfingsten, während der vierzigtätigen Fastenzeit, während der
vierwöchigen Adventszeit, vor der Kommunion, mitunter auch danach,
während der Schwangerschaft und zu Zeiten der Menstruation. Den
Übertretungen folgten Kirchenstrafen und -büßen, den
»Ausschweifungen« schreckliche Racheakte des Patriarchengottes:
aussätzige, epileptische, verkrüppelte, besessene Kinder. Besser hatten
es unter diesen Vorzeichen die Tiere. Als sittliches Vorbild galten in
Klerikerpredigten das Kamel, das nur einmal pro Jahr, und die
Elefantenkuh, die lediglich alle drei Jahre koitiere.
Der einflußreichste Moraltheologe seiner Zeit, H. Noldin, sagte
1911 mit bischöflichem Segen: »Der Schöpfer hat die Lust und das
Verlangen nach ihr in die Natur hineingelegt, um den Menschen zu
einer Sache anzulocken, die in sich schmutzig und in den Folgen lästig
ist.« Wenn schon geliebt werden mußte, dann ohne »Gier«. Ohne
unerlaubte Hilfsmittel, ohne streng verbotene - und daher sündhafte -
Verhütungsmittel, auf die korrekte (gottgewollte) Art, in der klerikal
empfohlenen (gottgewollten) Lage, die Frau unten, wo sie hingehörte,
auf dem Rücken, der Mann obenauf, die »Missionarsstellung« also, ein
bedeutender — und vielbelächelter - Beitrag des Abendlandes zur
Mission der »Wilden« in Afrika. Liebten sich zwei Menschen auf
andere als die behördlicherseits angeregte Art, galt dies als
Verbrechen, schlimm wie Mord. Sich »nach Art der Hündlein« zu
lieben: Verboten! (In einigen Staaten der USA noch immer) Sich vor
unerwünschter Schwangerschaft zu schützen: Streng verboten! (Für
Vatikan-Hörige noch immer.) Die Gläubigen, so verkündigten die
deutschen Bischöfe 1913, sollten lieber jede Not tragen, jeden Vorteil
preisgeben, als Kondome zu benutzen. Die einschlägige Industrie
(besitzt der Vatikan keine einschlägigen Aktienpakete?) wurde wegen
»verbrecherischer Beihilfe« als »fluchwürdig« bezeichnet, da ihre
»verruchten Artikel... unser armes deutsches Volk nicht mit seinem
Geld allein, sondern auch mit seinem Blut, mit der
108
Gesundheit des Leibes und der Seele, mit dem Glück der Familie« zu
bezahlen hat. Hersteller von Gummiartikeln und Antibabypillen
können demnach, so die klerikale Moral, verdammt werden. Die
Rüstungsindustrie hat es da entschieden besser. Bis zu ihr reicht kein
kirchlicher Fluch. Granaten, Kanonen, Bomben sind augenscheinlich
weniger fluchwürdig als Präservative, ja, sie sind es gar nicht. So war
es im Ersten, so war es im Zweiten Weltkrieg — so ist es noch heute.
Der gegenwärtige Papst ist der amtlichen Meinung, selbst die
»Lustseuche« Aids sei nicht Grund genug, Kondome zu benutzen.
Krieg also den Verhütungsmitteln, kein Krieg dem Krieg! Selbst der
Verkauf von Präventivmitteln gilt als »formelle Mitwirkung mit der
Sünde des Käufers«. Der Verkauf von Granaten nicht.
Doch die Kleriker sind ja gar nicht so. Auch sie geben - geht es gar
nicht anders - einmal nach. So hat Papst Paul VI., unrühmlich
bekannt für seine Pillenmoral, die Ausnahme erforscht und als
»natürlich« erlaubt. So ist »Die Heiligsprechung von Knaus-Ogino,
dargestellt durch die Schauspieltruppe des Altersheimes St. Peter
zu Rom unter Anleitung Papst Pauls VI.« erfolgt. Die Schafe werden
sich danach zu richten wissen. Erlaubt aber haben die Kleriker den
Koitus unter Eheleuten nur, um den möglicherweise lustvolleren
außerehelichen zu verhindern. »Drumb«, sagt Luther, »hat das
Meidlein ihr Punzlein, daß es ihm ein Heilmittel bringe, damit
Pollutionen und Ehebrüche vermieden werden.« Und auch zum Zwecke
der »Zeugung von Nachkommenschaft« mußte der Beischlaf gestattet
werden, denn woher sonst zum Beispiel die neuen Kleriker nehmen?
Wieder zeigt Luther, was er bei den Mönchen gelernt hat: »Ob sie (die
Ehefrauen) sich aber auch müde und zuletzt todt tragen, das schadet
nichts, laß sie nur todt tragen, sie sind darum da.«
Übervölkerung der Erde? Verhungern von Millionen? Kein Thema
vatikanischer Moral. Der jetzige Papst meint: »Es ist eine
lebensfeindliche Haltung entstanden, die sich bei vielen
109
aktuellen Fragen bemerkbar macht. Man denke etwa an die gewisse
Panik, die von demographischen Studien der Ökologen und Futurologen
ausgelöst wird, die manchmal die Gefährdung der Lebensqualität durch
das Bevölkerungswachstum übertreiben. Aber die Kirche ist fest
überzeugt, daß das menschliche Leben ein herrliches Geschenk der
Gnade Gottes ist. Gegen Pessimismus und Egoismus, die die Welt
verdunkeln, steht die Kirche auf der Seite des Lebens.« So
verantwortungsvoll denkt und handelt der selbsternannte oberste Hirte
der Weltmoral: Er bezweifelt wissenschaftliche Ergebnisse, er ignoriert
die lebens feindliche Vergangenheit der eigenen Kirche, er hofft auf
bessere, »unegoistische« Zeiten, er erwartet Hilfe von der Vorsehung -
und er ruft die Eheleute zum Weitermachen auf. Am
12. November
1988 hat er die Verwendung von Kondomen durch Aids-Kranke als
»schweres Delikt« verdammt. In einer Ansprache an katholische
Apotheker hat er im Oktober 1990 den Verkauf von
empfängnisverhütenden Mitteln untersagt, weil es sich um
Medikamente handle, die »direkt oder heimlich gegen das Leben
benutzt« werden könnten. Zwar hat sich an dieses Verdikt die
Mitteilung aufgeschreckter deutscher Oberhirten angeschlossen,
Johannes Paul II. habe gar nicht die Pille gemeint, sondern sich
grundsätzlich zum Leben geäußert. Doch wird dieser Papst, der keine
Gelegenheit ausläßt, sich über Kondome auszulassen, mit den
»Medikamenten gegen das Leben« wohl kaum Rattengift gemeint
haben.
Warum kämpft die Kirche für das ungeborene Leben?
Wozu Frauen und Kinder da sind, ist unter Klerikern aller Couleur
ganz klar. Die einen sollen dafür sorgen, daß auch die nächste
Generation von Christen bereitsteht — und Hirten wie Schafe sich
nicht verlieren. Die anderen stellen diese neue Generation dar. Beide,
Frauen wie Kinder, sind funktionalisiert, sind von vornherein in den
Status von Opfer- und Beutemen-
110
sehen verbracht. Das ist der Kirche systemimmanent: Wo Väter und
Männer herrschen, werden Opfer benötigt. Diese Opfer zählen, was
Morde an Frauen und Kindern betrifft, nach Hunderttausenden. Was
die »denkerischen Totschläge« angeht, die in der Männergesellschaft
durch die »Erziehung« (von Kindern und Frauen) erfolgen, reichen
Millionen nicht aus.
Die gegenwärtig virulenten Auseinandersetzungen um den § 218
StGB sind nicht nur aktuell; sie werden von den Klerikal-Konservativen
als Kämpfe von zeitloser Gültigkeit gesehen. Es geht dabei nicht bloß
um eine typisch »katholische Wahrheit«, noch nicht einmal um eine
spezifisch »kirchliche« (obgleich solche Wahrheiten bereits Millionen
Tote gefordert haben). Es geht um ein »allgemein menschliches
Problem«. Denn hier kämpfen Mannmenschen gegen Fraumenschen
vor einem archaischen Hintergrund, streiten ganze
Weltanschauungssysteme gegeneinander, und das macht dies so
gefährlich erregend, läßt die Probleme zu einem wesentlichen Stück
Kampf zwischen Vater, Mutter und Kind werden. Kein Wunder, daß
sich alle patriarchal verfaßten Institutionen und die von deren Denken
befallenen Charaktere fast selbstverständlich auf die eine Seite
schlagen, und ebensowenig ist verwunderlich, daß die nicht (mehr)
patriarchal denkenden und fühlenden Menschen sich auf der anderen
wiederfinden. Beide Seiten setzen den uralten Kampf in dessen
neueren Erscheinungsformen fort.
Hinter dem nur scheinbar errungenen Sieg der Frauen über die
mannmenschliche Reproduktionskontrolle lebt nach wie vor der
Männer- und Väterdiskurs über die Reproduktion als solche weiter.
Dieser Diskurs stärkt sich selbst durch immerwährende Hinweise auf
die Notwendigkeit des Kinderkriegens und -erzie-hens: Wir, die
Patriarchen, brauchen Kinder (am besten viele echte Söhne und dazu
ein nettes Töchterchen), um unsere Väterreihe (»Tradition«) der
Herrschaftsausübung und Privilegierung fortzusetzen. Solange wir
dafür auf Frauen angewiesen bleiben, müssen diese ran (»Sie sind
darum da«, sagte Luther).
111
Ihre Männer haben dafür zu sorgen, daß sie sich nicht verweigern. Die
Grundprinzipien des Patriarchats bestehen weiter, und manche
Moralisten würden sich wundern, wagten sie einmal nachzulesen,
woher sie ihr Wissen über die »Natur« beziehen. Von Autoren, deren
einzige Denkleistung es war, die Angst der Männer vor der Frau zu
verschleiern. Ausgekeimt muß in einer Männergesellschaft werden,
der kostbare Männersamen darf nicht verschleudert sein, auch wenn
Millionen Kinder hungern und verhungern.
Verschleierung kann und soll auch durch Überhöhung geschehen.
Je stärker sich das eine Faktum vernebeln muß, desto wichtiger muß
sich das andere nehmen. Je weniger über die Atomkraft (männlich)
gesprochen werden darf, desto häufiger muß für das ungeborene
Leben (fraulich, kindlich) demonstriert werden. Aussagen der
Geistlichen zum einen Thema finden sich nur sehr sporadisch, zum
zweiten Thema plappern sie ungefragt und ungebrochen. Solange
Kirche und Staat aber sanktionieren, daß beispielsweise die Belastung
menschlicher Ei- und Samenzellen mit Gemischen toxischer
Fremdstoffe andauern darf, ist deren Behauptung unglaubwürdig, der
§ 218 StGB schütze ungeborenes Leben.
Nach einer Studie des US-amerikanischen Worldwatch-Insti-tuts
werden weltweit pro Jahr 50 Millionen Abtreibungen vorgenommen,
davon die Hälfte illegal. Mehr als 200000 Frauen überleben den
Eingriff nicht; eine weit höhere Zahl stirbt an späteren Komplikationen.
Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt bei einer restriktiven
Gesetzeslage keineswegs ab. Die Zahl der Todesfälle bei illegalen
Abbruchen nimmt aber drastisch zu. In Ländern, in denen
Empfängnisverhütung aus religiösen Gründen eine geringe Rolle
spielt oder in denen kaum eine Information über Verhütungsmittel
erfolgt, ist die Abtreibung die gebräuchlichste Form der
Geburtenregelung. Am schnellsten ist die Zahl der Abbruche in jenen
Ländern gesunken, die sie zu einem legalen Teil freiwilliger
Familien-
112
planung gemacht haben. In Staaten wie Dänemark, Frankreich, Italien
und den Niederlanden steht der Schwangerschafts abbruch sogar erst
an vierter Stelle der Kontrollmaßnahmen. Im dezidiert päpstlichkatholischen
Polen nimmt er die erste Stelle ein.
Hat auch der Zölibat seine Folgen zu tragen?
Der regierende Papst hat den Pflichtzölibat im Jahr 1979 eine
»apostolische Lehre« genannt. Zwar wären die — durchweg
verheirateten - Apostel sehr erstaunt gewesen ob dieser Doktrin aus
Rom, doch über zwei Tatbestände kann keine Diskussion mehr geführt
werden: Die römische Kirche muß die Ehelosigkeit ihrer höheren
Amts- und Würdenträger offiziell beibehalten (Zölibat), und sie muß -
wie stets in ihrer Geschichte — damit fertig werden, daß die
wenigsten der von diesem Gesetz Betroffenen sich normgerecht
verhalten. Ein Diskurs über Wohl und Wehe des Eunuchentums um
des Reiches Gottes willen ist anachronistisch. Die Oberhirten lassen
nicht davon ab, sich der Richtigkeit ihres Gesetzes zu versichern, und
die niederen Kleriker wissen, warum und wie sie in aller Stille auch viel
Gutes tun können. Das Priesterleben ein »Opferleben«? Gewiß nicht,
weil es an dienstbaren Frauen fehlte. Die waren den Willigen stets zur
Hand. Eher ein Opferleben, aber ein selbstgewähltes, weil der Kleriker
sich als allzeit disponibles, nicht an Frau und Kinder gebundenes
Menschenwerkzeug erwiesen hat, mittels dessen die Oberhirten
herrschen konnten. Empfand der Kleriker sich noch als sündig, weil er
einmal mehr sein Gelübde gebrochen und eine Frau angefaßt oder mit
den Augen begehrt hatte, war er ein besonders qualifiziertes
Instrument: Niemand gehorcht so willig wie der reuige Sünder
demjenigen, der ihm Erlösung zusagt. Verzeihung freilich nur für den
Reuevollen. Der ließ — seine nächste Gelegenheit zur Sünde im
Auge - sich auch schon mal bespitzeln und denunzie-
113
ren. Der schaute zu, wie ertappte »Mitbrüder« gefoltert und getötet
wurden (im Mittelalter der Kirche) oder wie sie, falls sie nicht nur
Kinder gezeugt, sondern auch geheiratet hatten, aus dem Amt gejagt
worden sind (in der Gegenwart). Priesterkinder und Priesterfrauen: ein
noch unaufgearbeitetes Thema klerikaler Mordgeschichte.
Ungleich lustvoller als die Blut- und Gewissensopfer lassen sich die
Bettgeschichten der Eunuchen erzählen: Zölibatäre haben, anstelle des
ihnen versagten einen Weibes, Liebchen in hellen Scharen gehabt.
Keine Klerikerehe, doch ein Klerikerharem ist die Regel. Im 8.
Jahrhundert spricht Bonifatius bereits von Geistlichen, die sich »vier,
fünf, auch noch mehr Konkubinen nachts im Bette halten«. Später
wird es - in Basel, in Lüttich - Bischöfe mit 20, ja 61 Kindern geben.
Im 13. Jahrhundert nennt Papst Innozenz III. seine Priester »sittenloser
als Laien«, bestätigt Papst Alexander IV., »daß das Volk, anstatt
gebessert zu werden, durch Kleriker vollständig verdorben wird«.
Geistliche »verfaulen wie das Vieh im Miste«, sagt ein anderer Papst
dieser Epoche. Im nächsten Jahrhundert sieht ein Prediger die Kirche
Christi als ein »Bordell des Antichrist«. Im 15. Jahrhundert suchen
»stinkende Menschenkadaver« Bischofssitze zu erobern. Beim Konzil
zu Konstanz, das den sittenstrengen »Ketzer« Jan Hus zur höheren
Ehre Gottes verbrennt, sind 300 Bischöfe zugegen und 700 Huren zu
deren Bedienung, nicht gerechnet jene, die die Oberhirten schon selber
mitgebracht hatten.
Papst Pius II. hat 1460 dem Kardinal Borgia (und späteren Papst
Alexander VI.) vorgeworfen, er habe in Siena ein Fest veranstaltet, bei
dem »keine Verlockung der Liebe fehlte« und zu dem die Ehemänner,
Väter und Brüder der anwesenden Frauen nicht eingeladen worden
waren, »auf daß der Wollust keine Grenzen gesetzt seien«. Solche
Vorwürfe konnten die Nachfolger sich schenken; sie kümmerten sich
gar nicht mehr um das, was zur Regel geworden war. Papst Sixtus
IV. baute
114
nicht nur die nach ihm benannte Sixtinische Kapelle im Vatikan,
sondern auch ein Freudenhaus. Er führte — einer der Geilsten seines
Standes, der seine Schwester, seine Töchter beschlief - 1476 das Fest
der »Unbefleckten Empfängnis« ein - und er kassierte von seinen
Huren auch 20000 Golddukaten Luxussteuer jährlich. 1490 weist eine
Statistik in Rom, das damals kaum 100000 Einwohner zählte, 6800
Dirnen auf. Papst Pius II. hatte recht, als er dem böhmischen König,
unter Berufung auf einen Kenner, den hl. Augustinus, beteuerte, ohne
ein geordnetes Bordellwesen könne die Kirche nicht leben. Papst
Alexander VI. präsidierte einem Bankett, das in den Annalen der
Pornographie unter dem Namen »Kastanienballett« berühmt
geworden ist. Fünfzig Dirnen tanzten nach dem Mahl, »zuerst in
Kleidern, dann nackt«. Man stellte Kandelaber auf den Boden und
streute zwischen ihnen Kastanien aus, »die die nackten Dirnen«, so der
päpstliche Sekretär Burchard, »auf Händen und Füßen zwischen den
Leuchtern durchkriechend, aufsammelten«. Der Papst und seine Kurie
schauten zu, gewannen Einblicke und geilten sich auf, so daß alsbald
die Gastgeber sich mit den Kurtisanen paarten — und Preise denen
ausgesetzt wurden, »welche mit den Dirnen am häufigsten den Akt
vollziehen konnten«. Alexander VI. hatte bereits sieben Kinder
gezeugt, als die Vaterschaft des achten sogar in der eigenen Familie
strittig wurde: Zwei päpstliche Bullen legitimierten dieses Kind, die eine
als Nachkomme des Papstsohns Cesare Bor-gia, die andere als Sohn
des Papstes selbst.
In den ländlichen Gegenden der Champagne, wo viele Pfarrer im
15. und 16. Jahrhundert eine Konkubine hatten, bestand der
verbreitete Brauch, diese am Sonntagvormittag zu entführen und
gruppenweise zu vergewaltigen. Nicht alle »Laien« achteten Kleriker,
die ohne weiteres die Nacht in einer Herberge zu zweit verbrachten,
gemeinsam mit einem Mädchen, dem sie einen ihrer Talare geliehen
hatten. Bischöfe erlaubten, so nebenbei, ihren Priestern Nebenfrauen
und nahmen dafür
einen eigenen »Hurenzins«. Noch im 17. Jahrhundert hatten die
Hirten nicht nur Schafe, sondern auch Frauen und Kinder. Salzburgs
Erzbischof von Raitenau allein 15. Am lustvoll ehelosen Leben der
Pfaffen mag sich bis heute nicht viel geändert haben, doch dürfen sie es
nicht mehr gar so offen treiben. Denn inzwischen gehört die
Heuchelei zum Geschäft: »Wenn du schon nicht keusch leben
kannst«, sagt ein Klerikerwort, »so wenigstens vorsichtig.« Nun ist die
alte katholische Unterscheidung zwischen einer heimlichen und einer
bekanntgewordenen Sünde wieder wichtig. Die geheime und allerorten
grassierende Unzucht der Priester mag noch hingenommen werden,
aber nicht die schwangeren Leiber und schreienden Kinder ihrer
Konkubinen. »Was schreit, macht Ärger«, nennt die Moral ihren
eigenen Zustand. Damit genug mit dem »6. Gebot« des Kir chengottes.
Machen Kleriker gute Geschäfte?
Daß sich Geistliche auf weltlichem Terrain betätigen, ist so neu nicht.
Als im 11. Jahrhundert mit der aufkommenden Geldwirtschaft
kaufmännische Tugenden gefragt zu werden begannen, waren Kleriker
von Anfang an dabei. Rechnungsführung und
Wirtschaftskorrespondenz verlangten Leute, die rechnen und
schreiben konnten. Wer bot sich dafür besser an als die geistlichen
»litterati« (Schreibkundigen)? Wer auf einer Domoder Klosterschule
ausgebildet worden war, wem auch einige Lateinkenntnisse nicht
fehlten, hatte die besten Chancen auf einen auskömmlichen
Arbeitsplatz. Kamen noch etwas Geschäftsgeschick und -praxis
hinzu, konnte aus dem Kleriker bald ein brauchbarer Gehilfe für
weltliche Geschäfte werden. Als aber die Praktiken dieser Gehilfen
über das gesunde Maß hinausgingen und die Gewinnsucht der Herren
überhandnahm, wurden die kirchlichen Vorschriften verschärft. 1079
exkommuniziert eine Synode bereits Kleriker, die sich unerlaubten
116
Finanzaktionen widmen. Erlaubte Geschäfte, das heißt Tätigkeiten, die
sich für die Institution und nicht für den einzelnen auszahlten, waren
vom Verdikt freilich immer ausgenommen. Dieser Gummiparagraph
machte alles möglich. In die eigene Tasche zu wirtschaften, unter
dem Vorwand, für das große Ganze tätig zu sein, ist eine sehr alte
und erfolgversprechende Übung. Sie begann bereits in der Antike, und
zwar schon in vorkonstantinischer Zeit.
Die »Laien« des Mittelalters sahen zu, wie sich der elitäre Stand in
ihren eigenen Branchen bediente. Wie er vorgab, aufgrund besonderer
Erwählung auch in ökonomischen Fragen das bessere Wissen, die
höhere Wahrheit zu kennen. Wie er sich bemühte, staatliche
Privilegien (Steuerbefreiungen u. ä.) für sich und seinesgleichen zu
gewinnen. Wie er stets erfolgreicher war, als es der Konkurrenzneid
zuließ. Daß sich in allen Jahrhunderten kirchenrechtliche Regelungen
für das leidig-erfreuliche Geschäft des Klerus mit der Welt finden,
beweist zweierlei: Zum einen hat es solche Geschäfte stets gegeben,
zum anderen haben die oberhirtlichen Mahnungen nichts genutzt.
Immer wieder wurde als geläufiger Grund, es doch zu tun, angeführt:
Wir arbeiten nicht für uns, sondern für das Reich Gottes. Das
päpstliche Ministerium für die Heidenmission zum Beispiel konnte ein
Lied von seinen Versuchen singen, einerseits die Mittel für die Mission
beschaffen zu lassen, andererseits den Unternehmergeist der
Missionare einzuschränken. 1893 erlaubt es schließlich, was längst
schon fromme Übung war, den Handel mit Aktien.
Dieses Verhalten ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern
es zeigt das Problem der Theologen, die richtige Antwort auf eine
drängende Frage zu finden. Alle wissen sie, daß das Reich ihres Herrn
»nicht von dieser Welt« (Jo 18, 36) ist. Alle wissen sie um das
eindeutige Gebot des armen Jesus, nicht zwei Herren zu dienen, »Gott
und dem Mammon« (Mt 6, 24). Sie kennen sogar das harte Wort vom
Reichen, der es schwieri-
117
ger hat, in den Himmel zu kommen, als ein Kamel durch ein Nadelöhr
(Mt 19, 24). Aber sie haben auch den Spruch im Ohr, daß man sich
Freunde machen soll »mit dem ungerechten Mammon« (Lk 16, 9).
Und sie haben es auch geschafft, den Reichtum ihrer Kirche nicht zum
Selbstzweck zu erklären, sonder n ihn ausschließlich altruistisch zu
interpretieren. Reich sind wir, sagen sie, weil es Arme gibt, die
von unserem Geld zehren... »Die Kinder dieser Welt sind in ihrer
Art klüger als die Kinder des Lichtes.« (Lk 16, 8) Auf der römischen
Bischofssynode wurde im Oktober 1990 gefordert,
Priesterseminaristen künftig auch in Ökonomie auszubilden, um
»getreue Verwalter des kirchlichen Eigentums und Vermögens« zu
haben.
Zensiert die Kirche noch immer?
Schnüffler gibt es überall, doch es ist kaum bekannt, daß die
Denunziation zu den erprobtesten Methoden kirchlicher »Seelsorge«
gehört. Dabei spricht allein das Blutwort »Inquisition« (Nachforschung)
Bände. Die Kirche kann es sich und ihrer Tradition zurechnen, nicht
nur Bücher zensiert zu haben (»Index librorum prohibitorum«),
sondern auch Menschen. In beiden Fällen hat das Feuer die schlimme
Arbeit der Schreibtischtäter, Hetzer und Denunziatoren vollendet. Auf
dem »Index der verbotenen Bücher« finden sich große Namen der
deutschen Geistesgeschichte wie Heinrich Heine, Immanuel Kant,
Gotthold Ephraim Lessing und Arthur Schopenhauer. Wer vor diesem
Hintergrund noch immer von den »unvergänglichen kulturellen
Großtaten der Kirche« redet, denunziert die Opfer. Ein Zensurdekret
des Papstes Innozenz IV. von 1487 stellt lapidar fest, daß es dem
Geschenk der göttlichen Vorsehung - der Buchdruckerkunst -
widerspreche, werden Bücher übersetzt und gedruckt, die dem
Glauben und der guten Sitte der Kirche schaden. Künftig haben alle
Buchdrucker vor der Drucklegung
118
ein »Imprimatur« einzuholen. Verstöße werden durch Geldstrafen
(zugunsten des Baus der neuen Peterskirche) geahndet. Hinzu komme
die Exkommunikation - und das beanstandete Buch werde verbrannt.
Die Oberhirten hatten und haben einfach Angst. Bücherzensur ist
ein probates Mittel, Angriffe gegen sich selbst und die eigenen
Geschäfte zu unterbinden, die Wahrheit über die bischöflichen
Machenschaften zurückzuhalten, die »Laien« igno-rant und
glaubensgehorsam zu halten. Zensur ist auch in der heutigen Kirche -
die sich so viel auf die ungestörte Kontinuität zum eigenen Gestern
zugute hält — nichts zufällig Hinzugekommenes, Nebensächliches,
sondern ein Wesensmerkmal. Sie ist nicht nur institutionalisiert, sie ist
institutionell vorgegeben. Der Klerus, der einen bestimmten, klar
umrissenen »Glaubens schatz« vertritt und weitergibt, unternimmt erst
gar nicht den Versuch, die Existenz einer Kirchenzensur zu leugnen.
Zensur wird als alltägliche Erscheinungsform des eigentlich
Kirchlichen akzeptiert. Ein ziemlich großer Teil der Bevölkerung ist
prinzipiell zensurfreundlich bis chronisch zensurwillig. Die meisten
Kirchentreuen sind im Ausüben wie im Ertragen von Zensur durchaus
geübt; derlei Maßnahmen, Berufsverbote für Abweichler inbegriffen,
gehören nun einmal zu ihrem gesunden Empfinden - und sind ein
gottgefälliges Werk. Der »Volkswartbund«, eine Art katholische
Literaturpolizei, hat mit Hilfe eines Heeres anonymer Denunzianten
allein von 1959 bis 1962 nicht weniger als 700 Strafanzeigen erstattet
sowie 271 Anträge auf interne Indizierungen »jugendgefährdender
Schriften« gestellt (in 92 Fällen mit Erfolg).
Als die deutschen Bischöfe 1971 die katholische Wochenzeitung
»Publik« einstellten — ausgerechnet wegen »finanzieller
Schwierigkeiten« —, blieben die Massenproteste aus. Inzwischen
unterstützen die Bischöfe ihre Hofblätter, auch dies ohne großen
Protest. Und die Deutsche Bischofskonferenz hat im Februar 1976 den
römischen Zensurerlaß vom 19. März 1975
119
zum Thema »Die Aufsicht der Hirten der Kirche über die Bücher«
übernommen und adaptiert. Das Grundgesetz, das in diesem Fall die
Weimarer Verfassung zitiert (Art. 137, 3), leistet Schützenhilfe.
Religionsgesellschaften ordnen und verwalten »ihre Angelegenheiten
selbständig«. An diesem Verfassungsgebot scheitern alle
Reformvorschlage. Die Kirchen dürfen selbständig regeln. Das bedeutet
in der Praxis Berufsverbote gegen Menschen, die ihr Grundrecht auf
Meinungs - und Wissenschaftsfreiheit wahrnehmen
(»Lehrzuchtverfahren«), und fristlose Kündigungen wegen
»Lebenswandels« solcher, die im Kirchendienst (Kindergarten,
Krankenhaus) stehen. Kündigungen von Arbeitsverhältnissen gab es in
der Bundesrepublik unter anderem wegen Verstoßes gegen die
Ehelehre der Kirche, wegen Befürwortung einer Reform des § 218,
wegen verspäteter Taufe von Kindern und »Verunglimpfung
christlicher Politiker«. Beanstandungen von Andersdenkenden
betrafen Hochschullehrer, Religionslehrer und - in Bayern - Schüler,
die den Religionsunterricht »störten«.
Damit werden im Geltungsbereich des Grundgesetzes rechts-
und demokratieferne Räume geschaffen und genutzt. In welchem Maß
sich diese grundgesetzwidrigen Praktiken rentieren, zeigt die Tatsache,
daß die »Schere im Kopf« gerade beim kirchentreuen Bevölkerungsteil
funktioniert. Fälle von Selbstzensur in Hochschulen, bei
konfessionellen Verlagen und Akademien, im Rundfunkbereich, bei
den konfessionell betriebenen Sozialeinrichtungen sind an der
Tagesordnung. Die Betroffenen, wenn sie sich ihrer unwürdigen Lage
überhaupt bewußt werden, können stets neue Fälle nennen. Die
Kirchen »Horte der Freiheit« - eine krasse Lüge!
120
Hat sich die Kirche als Ausbeuterin bewährt?
Daß Worte und Taten auseinanderfallen müssen, darf als historisch
gesichertes Prinzip klerikaler Fürsorge gelten. Wasser predigen und
Wein trinken: in Kirchenkreisen nichts Besonderes. Die Themen der
hohen Kirchenmoral liegen denn auch im allgemeinen fest. Schon ein
mittelalterlicher Bischof sagt über die Lieblingsbeschäftigungen der
Seinen: »Alles nur um Irdisches und Zeitliches, um Könige und
Königreiche, um Prozesse und Streitigkeiten. Kaum ein Gespräch über
geistliche Dinge war erlaubt.« Der deutsche Chronist Burckhard von
Ursperg sieht im Geld die einzige Gottheit der römischen Kurie. »Freue
dich, Mutter Rom«, spottet er, »die Schleusen der weltlichen Schätze
haben sich weit geöffnet, und von allen Seiten fließt das Geld als ein
Strom zu dir und häuft sich in Bergen an. Es gibt kein Bistum, keine
religiöse Würde und keine Pfarrkirche, um die kein Prozeß geführt
würde, welche dir nicht Leute mit gespicktem Geldbeutel zuführen
würde. Die Schlechtigkeit der Menschen ist die Quelle deines
Wohlergehens. Aus ihr ziehst du deinen Vorteil.«
Von nichts kommt nichts. Da die Kirchenleute stets mit dem
Realistischeren unter Menschen, mit der Bosheit, gerechnet und
nicht auf die Güte der Menschen gesetzt haben, konnten sie Berge
von Geld und Gut anhäufen. Die Päpste, Meister im Ausbeuten des
menschlichen Bedürfnisses nach etwas Besserem, durften sich jeden
Luxus erlauben. Sie standen stets auf der Sonnenseite des Lebens. Sie
kassierten in jedem Fall: für die Schwärze der menschlichen Natur, die
sie in ihren Fensterpredigten beschworen, ebenso wie für das
Deckweiß, das jene Not hienieden übertünchen sollte, da drüben im
sogenannten Himmel. Während der Zeit ihres freiwilligen Asyls in
Avignon (1309-1376) hat eine päpstliche Krönungsfeier um die 10000
Goldgulden verschlungen, das Jahreseinkommen von etwa 2000
Bauern. Allein das Festmahl zur Inthronisation kostete 5000
121
Gulden. Von diesem Betrag hätten 1000 Landarbeiterfamilien
mindestens ein Jahr lang leben können. Kardinale erhielten bei der
Wahl eines Papstes, je nach Abstimmungsverhalten, Gratifikationen in
Millionenhöhe (nach heutiger Kaufkraft). Papst Eugen IV. (1431-1447),
ein zur persönlichen Armut verpflichteter Augustinermönch, bestellte
bei einem Goldschmied in Florenz eine Papstkrone im Gegenwert von
zwei Millionen Franc. Papst Paul II. (1464-1471) hat sich Edelsteine
geleistet, die auf acht bis zehn Millionen Franc geschätzt worden sind.
Aber auch die Gegenwart trägt ihre Zahlen bei: Die Krone des Papstes
Johannes XXIII. (1958-1963), die als Erbe an die Nachfolger ging, wog
etwa sechs Pfund an Gold. Paul VI., sein unmittelbarer Nachfolger, ließ
sich eine weitere anfertigen (oder: »schenken«).
Schätze und Gelder kamen nicht von ungefähr. Sie wurden den
Untertanen, den »Gläubigen«, abgepreßt, sind Resultate nackter
Ausbeutung. Das vatikanische Gold stammt von lebendigen Menschen,
nicht von Engeln. Es schuf soziale Not. Und während die einen darbten,
praßten die anderen. Ein durchaus papsttreuer Kurialer aus der Zeit
von Avignon berichtet, wann immer er die päpstlichen Gemächer
betrat, traf er die geistlichen Herren beim Zählen von Geld. Nahezu
alles haben Päpste, Nachfolger Petri, um Güter und Privilegien
verschachert, fast alles haben sie zu Geld gemacht - Jahrhundert für
Jahrhundert leuchtende Vorbilder an Korruption und Verdorbenheit.
Früher verkauften sie jeden Bischofsstuhl, jeden Abtssitz, jede
Domherrenwürde, verkauften sie sogar die Anwartschaft auf solch
heilige Ämter, manchmal an mehrere Kandidaten zugleich. Sie
verschacherten jede Bulle, jede Dispens, jeden Ablaß, jedes Urteil. Sie
haben die heiligsten Schätze vermittelt und verklopft, haben jeden
»frommen Betrug« im Reliquienhandel gedeckt. Von 19 überprüften
Heiligen existieren noch heute in Kirchen und Kapellen 121 Köpfe, 136
Leiber und eine stupende Fülle anderer Glieder.
Päpste lassen den geistlichen Schacher auf diesem Gebiet
122
noch immer zu: Da es aber nur noch wenige echte Partikel von Heiligen
gibt, kann die massenhafte Nachfrage nur befriedigt werden, indem
»Berührungsreliquien« verkauft werden: Gegenstände (Stoffteilchen u.
ä.) also, die mit einem Originalteil vom jeweiligen Heiligen in
Berührung gekommen sind — und sich auf diese Weise wunderbar
multiplizieren lassen. Papst Johannes Paul II. ist stark mit der Suche
nach solchen und anderen Geldquellen beschäftigt, sei seine Kirche
doch »ärmer, als die meisten Menschen denken«. Sie muß somit auch
an das Geld anderer Leute kommen. Ergo kostet der päpstliche Segen,
auf einer eigenen Urkunde ausge fertigt, 5000 DM. Orden werden
verhökert (je nach Höhe bis zu 120000 DM), Adelstitel desgleichen.
Der Preis für einen päpstlichen Freiherrn-Titel liegt bei 300000 DM.
Wer mehr sein will als ein bloßer Baron, muß mehr anlegen:
Fürstentitel liegen bei 2,5 Millionen DM. Nach einer gewissen
Wartezeit (Schamfrist) wird die Erhebung im Petersdom gefeiert. Die
Nebenkosten für eine solche Prozedur, etwa anläßlich der Ostermesse
dort, belaufen sich auf weitere 50000 DM.
Über solche Gelder kann gespottet werden. Wer unbedingt meint,
er brauche einen akademischen Titel aus dem Vatikan oder einen
päpstlichen Orden oder einen Grafentitel, der soll dafür zahlen.
Schlimmer wird die geistliche Ausbeutung in Millionen anderer Fälle.
Wenn es um diejenigen geht, die nicht nur kein Geld haben, um sich
beim Vatikan Titel zu kaufen, sondern deren Pfennige auch noch vom
selben Vatikan erpreßt worden sind. Die Rede ist von den Armen und
Besitzlosen dieser Welt. Für sie hat sich der Klerus nur in Worten
stark gemacht, wenn überhaupt. Taten hat er keine aufzuweisen.
Sein eigenes Vermögen rührt er für diesen Zweck so gut wie nie an.
Was tut er? Er fordert andere auf, sich praktisch um das Problem zu
kümmern.
123
Wer hat sich bis zuletzt für die Sklaverei engagiert?
Jesus aus Nazareth erschien als Freund der Ausgestoßenen und
Entrechteten, Zöllner und Sünder, der Kranken, Krüppel,
Gezeichneten, Ausgegrenzten, Abweichler. Er ging mit ganz anderen
Kreisen um als dann die Kirchenleute. Er hat die Armen gepriesen,
den Reichen gedroht, und diese Radikalität zog schon früh die
wirklich Armen des Römischen Reiches an, die Sklaven, die
Freigelassenen, die Arbeiter und die kleinen Handwerker, die
vertriebenen Bauern und Tagelöhner. Für sie alle versprach die neue
Religion Erlösung aus dem sozialen wie geistlichen Elend der ersten
Jahrhunderte. Wer sich taufen ließ, rechnete damals nicht nur damit,
von diesem Jesus - dem von Paulus zum Christus hochgeschriebenen
Herrn - erlöst zu werden und »in den Himmel zu kommen«. Er konnte
auch Befreiung aus wirtschaftlicher Not erhoffen, zumal sich das
Christentum anfangs auch als eine Art Erfüllung proletarischer
Hoffnungen auf Erden dargestellt hat.
Doch sehr bald dachte die neue klerikale Herrenclique nicht mehr
im Traum daran, irgendwelche Gesellschaftsstrukturen zu ändern.
Im Gegenteil. Die »Laien« hatten ihre Unterwerfung akzeptiert, oder
sie waren tot, und der Klerus konnte mit dem Erreichten zufrieden
sein. Er stand auf der richtigen Seite, er genoß »den Reichtum der
Heiden«. Seine Kirche, ohne Bezug zum wirklichen Jesus,
entwickelte sich konsequent zu einer konservativen Großmacht ersten
Ranges. Die sozialen Traditionen des kleinen, armen Häufchens der
Urchristen wurden relativiert oder ganz aufgegeben. Das
althergebrachte Wirtschaftssystem fand eine neue Legitimation durch
die christlichen Wortführer. Bereits Paulus - Kirchengründer und -
ideologe - gibt die Devise aus, jeder Mensch bleibe in dem Stand, in
dem er sich befinde. Der Freie bleibt nach Gottes und des Apostels
Willen frei, der Sklave versklavt. Bischof Ignatius verlangt im 2.
Jahrhundert, daß ein Sklave nicht nur unfrei
124
bleibe, sondern »zur Ehre Gottes noch eifriger Sklavendienste tue«.
Kirchenlehrer Ambrosius nennt die Sklaverei ein »Gottesgeschenk«.
Kirchenlehrer Augustinus, ganz auf der richtigen Seite, propagiert
das Ideal der »arbeitsreichen Armut«. Arm bleiben und viel
arbeiten, ist einer seiner Ratschläge an die Betroffenen sowie einer
der wichtigsten Beiträge zum Jahrtausendproblem des Urngangs mit
armen und reichen Schafen. Die religiöse Gleichberechtigung der
Sklaven geht 257 wieder verloren, als ihnen Papst Stephan I. den
Zugang zum Klerus verbietet. Ausgestoßene, Unfreie, Verkrüppelte,
unehelich Geborene und so fort: alles keine Kandidaten für die
Hirtenschaft (bis heute). Wo kämen wir Kleriker hin, wenn wir
solchen Untermenschen den Zugang zu uns erlaubten! Papst Leo
I., der »Große«, meint 443, ein Verbot sei angebracht und Milde
untersagt, »als wäre ein schäbiger Sklave einer solchen Ehre würdig«.
Sklaven bleiben Untermenschen in der Christenherde. Sie gehören mit
der Zeit, als Sachen, zum »Kirchengut«. Nicht von ungefähr
profitieren die Kleriker am meisten von diesem »christlichen
Institut« der Sklaverei (Ägidius von Rom), nicht ohne Grund hält die
päpstliche Hauptstadt Rom unter allen westlichen Städten am
längsten an der Sklavenhaltung fest. Diese Arbeitskräfte im
Weinberg des Herrn sind die billigsten. Und urn sich solche
Untermenschen zu halten, ist den Klerikern jedes Predigtmittel recht.
Noch die moderne amerikanische Negersklaverei, eine unmittelbare
Fortsetzung der mittelalterlichchristlichen Sklavenhaltung, wird
durch die althergebrachten theologischen Argumente gestützt:
Gottgewolltheit (jedem das Seine) und »wesentliche« (religiöse)
Gleichheit vor Gott bei andauernder sozialer Ungleichheit vor den
Herrenmenschen.
125
Was
haben Kleriker gegen Bauern?
Ebenso wie die Hirten alle Emanzipationsversuche der Sklaven
bekämpften, sprangen sie mit den Freiheitsbewegungen anderer
Unterdrückter um. Zwar engagierten sich auf der Seite der
Ausgebeuteten immer auch Prediger; Thomas Müntzer ist der
gewaltigste von ihnen. Doch waren dies Einzelfälle. Die offizielle
Kirche hat sich nie zur Sprecherin solcher Bewegungen gemacht, hat
vielmehr - im Verein mit den übrigen Herren -die Entrechteten
durch ihr Mitleid verspottet, ihnen von Fall zu Fall den theologischen
Garaus gemacht - und sie hat geholfen, ihre Führer, die »abgefallenen«
Prediger zuerst, zu ermorden.
Bauernaufstände grassierten derart im Abendland, daß die
Historiker sie bis in unser Jahrhundert nicht selten übersehen. Das 11.
Säkul um schon ist voll von Revolten. In Frankreich, wo sich die
Landsklaven erheben, kostet einer von ihnen 38 Sous, ein Pferd
dagegen 100. Im französischen Bauernaufstand des 14. Jahrhunderts
werden 20000 Bauern vom Adel hingerichtet. Die Kirche schaut
beiseite oder segnet das Morden. Die Bauernerhebung der Deutschen
wendet sich im 16. Jahrhundert dezi-diert gegen Adel und Klerus. Und
beide rächen sich so furchtbar, daß den deutschen Revolten über
Jahrhunderte hinweg die Angst vor weltlichen und geistlichen
Potentaten in den Knochen steckt. Pfaffen und Ritter, Thron und Altar
- mindestens ein Jahrtausend lang haben sie die Menschen da unten
verachtet, unterdrückt, ausgesogen. Und mochten sie sich noch so oft
befehden, sozial hielten diese Herren zusammen, eine auf Macht
und Gewinn versessene, nur vom Schweiß und Blut der Ausgebeuteten
lebende Klasse. Wieviel Moral hat denn die Kirche? Auch Luther
versagte sozial. Er hat — trotz gelegentlichen Tadels der Fürsten —
Hand in Hand mit ihnen gearbeitet und seine Kirche den
Bauernmördern anvertraut. Er hat die abgründige Not der Bauern
ignoriert, ja in einer Schrift wider die
126
Rotten der Bauern, von aller Welt verlangt, die Aufständischen »zu
würgen, zu stechen wie tolle Hunde«. Die Reformation Luthers
verdient keinen Vorzug vor der alten Kirche. Auch die neugläubigen
Herren waren geneigt, diese Reformation mitzumachen »bis zur
äußersten Grenze ihres eigenen Vorteils« (Theodor Lessing). Noch in
der Nationalversammlung von 1848 findet sich unter 600
Abgeordneten ein einziger Bauer. Die Herren blieben in Staat und
Kirche unter sich. Sie haben die Bauern geschunden, erst zu Hörigen,
dann zu Leibeigenen gemacht — mit fortschreitender »christlicher
Zivilisation« immer mehr. Bauern blieben fortan Objekte. Oft galten
sie den Herren weniger als Vieh. Der Hochmeister des
Deutschritterordens, Siegfried von Feuchtwangen, pflegte um 1300 zu
sagen, es schmecke ihm kein Bissen, habe er zuvor nicht ein paar
Bauern aufknüpfen lassen. Was unbarmherziger gegen die armen
Leute sei als die Geistlichkeit, fragt Paracelsus.
Daß sich Päpste, Bischöfe, Kleriker selbst schadlos gehalten haben,
ist geschichtlich erwiesen. Daß sie für ihre eigene Verwandtschaft
sorgten, desgleichen: Päpste sanieren ganze Hundertschaften von
»Neffen« (Nepotismus), sie beschäftigen ihre Favoriten rings um den
Heiligen Stuhl, sie zimmern sich Wirtschaftsmacht zusammen, sie
hinterlassen - wie noch vor wenigen Jahrzehnten Papst Pius XII. -
selbst ein Privatvermögen in fast dreistelliger Millionenhöhe (in
DM!). Moral? Ausbeutung?
Wer hat die »Soziale Frage« nie beantwortet?
Zwar hat sich Jesus aus Nazareth, wie ihn die Evangelisten darstellen,
gerne »in schlechter Gesellschaft« aufgehalten und sich um diejenigen
gekümmert, die zu den Verachteten seiner Zeit gehörten. Doch kann
keine Rede davon sein, daß er die damals bestehenden
Herrschaftsverhältnisse auch nur in Ansätzen in Frage gestellt hätte.
So weit haben es die Evangelien
127
nun doch nicht kommen lassen wollen, und die Kleriker, die sich auf
die »Frohbotschaft« berufen, haben eigentlich gar nichts dagegen. Die
sogenannte »Bergpredigt«, in der Jesus sich in die Sehnsüchte der
Ärmsten hineingefühlt haben soll, ist denn auch in der heutigen
Kirche zur Fensterpredigt verkommen. Bewegen darf sie heute sowenig
wie eh und je. Auf dem Stuttgarter Evangelischen Gemeindetag 1985
löste der Mathematikprofessor Bodo Volkmann Heiterkeit und Beifall
aus, als er darauf hinwies, daß die Bergpredigt nicht wörtlich und
politisch verstanden werden dürfe. Denn dann müßten die
Gerichtsbarkeit (»Richtet nicht!«) und die Polizei (»Widersteht nicht
dem Bösen!«) abgeschafft werden; ebenso die Rentenversicherung
(»Sorget nicht ängstlich!«), die Banken (»Sammelt euch keine
Schätze auf Erden!«) und die Gewerkschaften (»Wenn dich jemand
anstellt, um vierzig Stunden für ihn zu arbeiten, dann arbeite freiwillig
achtzig Stunden«). Wie unschwer zu erkennen ist, hat nicht einmal die
Kernaussage des rebellischen Mannes aus Nazareth eine praktische
Bedeutung für jene, die seinen Namen feiern.
Die gelenkte innerkirchliche Geschichtsschreibung (wer sollte
gelenkt sein, wenn nicht sie?) hat in den Köpfen vieler Unheil
angerichtet, hat bare Unwahrheiten zur Wahrheit hochgejubelt, hat
Menschen glauben lassen, ihre eigenen Päpste hätten die soziale Not
anderer zu lindern gesucht, theoretisch wie praktisch. Die Realität sieht
völlig anders aus. An den klerikalen Beteuerungen ist kein wahres
Wort. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hat kein einziger Papst für die
Armen und sozial Bedrängten mehr übrig gehabt als ein Almosen; hat
keiner praktische Vorsorge getroffen, um wenigstens das schlimmste
Leid zu lindern. Soziale Neuerungen, die Erfolg hatten, kamen von
nichtkirchlicher Seite. Und erst als sich diese Neuerungen
durchzusetzen begannen, bequemten sich auch die Kleriker dazu, im
nachhinein statt der üblichen Verdammung ein vorsichtiges »Ja, aber«
zu formulieren.
128
Päpstliche Rundschreiben, die hin und wieder den euphemistischen
Namen »Sozialenzykliken« führen (1991 steht wieder eine ins Haus),
gehen durchweg von allgemeinen und daher ungefährlichen
Betrachtungen aus. Sätze wie »Alle Gewalt kommt von Gott und nicht
vom Volk« passen ins klerikale Menschen- und Gesellschaftsbild. Sie
stützen die Institution, und sie tangieren die Betroffenen so wenig, daß
diese sich zufrieden zeigen können. Kommen die Päpste schließlich
zum Kern der Frage und sollen sie konkrete Innovationen nennen, die
den Herren der Welt übel aufstoßen könnten, reden sie drum herum.
Sie haben bis heute noch kein wesentliches Mittel genannt, das den
Grund für die Mißstände träfe und helfen könnte, sie zu beseitigen.
Sie wissen gut, warum sie solche Konkretionen unterlassen. Sie
dürfen die nicht vergraulen, denen sie ihr Wohlleben verdanken.
Wenn Pius XII. 1943 sagt, seine Kirche habe »sich immer der
gerechten Ansprüche der Arbeiterschicht gegen jede Unbilligkeit
angenommen«, dann sagt er die blanke Unwahrheit.
Leo XIII., der »Arbeiterpapst« aus dem edlen Hause der Grafen
Pecci, hat 1891 bestätigt, was die Seinen gerne von ihm hören wollten:
Das Privateigentum ist und bleibt Naturrecht. Die Armen sollen nicht
danach streben, mehr zu erlangen, als ihnen zukommt. Denn »vor
allem ist von der einmal gegebenen unveränderlichen Ordnung der
Dinge auszugehen, wonach in der Gesellschaft eine Nivellierung von
hoch und niedrig, von arm und reich schlechthin nicht möglich ist«.
Reiche genießen (der Papst gehört selbst dazu), und Armen wird
bestätigt, daß »Leiden und Dulden nun einmal der Anteil unseres
Geschlechtes« sei. Es wird niemanden verwundern, daß Kaiser Wilhelm
II. bekannt hat, in der Arbeiterfrage »durchaus mit dem Papst
übereinzustimmen«. Kein Wunder auch, daß Leo XIII. ein Exemplar
seiner Enzyklika an Zar Alexander III. gesandt hat, weil er allzugut
wußte, gerade für den russischen Alleinherrscher würden die
päpstlichen Sozialprinzipien akzeptabel sein.
129
Noch zur Zeit Leos XIII. hatte Lenin der Welt anhand der
Guthaben von fast drei Millionen Sparkassenbüchern vorgerechnet,
wie lukrativ es seinerzeit in Rußland war, Pope zu sein. Pro Buch
besaßen Zivilbeamte durchschnittlich 202 Rubel, Händler 222 Rubel,
Grundeigentümer 268 — und Popen mit 333 Rubeln die höchste
Summe. Die Sorge für das Seelenheil der Armen war demnach kein
unvorteilhaftes Geschäft. Jahr zehnte zuvor hatte Victor Hugo
gerufen: »Erhebt euch doch, ihr Katholiken, Priester, Bischöfe,
Männer der Religion, die ihr da in dieser Nationalversammlung sitzt
und die ich da mitten unter uns sehe! Erhebt euch! Das ist eure Rolle!
Was macht ihr da auf euren Bänken?« Die einzige Reaktion:
Gelächter.
Erst als die entstehende Arbeiterbewegung Europas begann, selbst
einige Christen aufzuwecken, sahen sich die Päpste — über
Jahrhunderte hinweg Herrenmenschen und nichts als das — genötigt,
die Bewegung zu »taufen« und scheinheilig in die eigenen Bahnen zu
lenken. Dieses Süppchen mußte mitgekocht werden. Der sogenannte
»Arbeiterbischof« Freiherr von Ketteier hatte als einer der ersten die
neue Zeit richtig einschätzen können. Ketteier, der arm zu arm und
reich zu reich legte wie gewohnt, sah das Risiko der Revolte und
nutzte die Chance, alles prinzipiell beim alten zu lassen, indem er an
den Rändern kleine soziale Erleichterungen schuf. Der Klerus mußte
handeln, nicht kraft eigener Einsicht, sondern aus Selbstschutz. Nicht
ohne Grund geben alle päpstlichen Botschaften das eine Thema
wieder: Die gottgewollte Weltordnung ist nun einmal so, wie sie ist,
und alle Not der jeweiligen Zeit kommt allein vom Schwund des
Glaubens, alle Arznei vom neu entfachten Glauben an uns, die Hirten.
Pius XII. hat 1939 in einem Schreiben an die Bischöfe der USA diese
Meinung bekräftigt: »Die Erinnerung an jedes Zeitalter bezeugt, daß
es immer Reiche und Arme gegeben hat; und daß dies auch immer-so
sein wird, läßt die unabänderliche Beschaffenheit der menschlichen
Dinge voraussehen... Die Reichen, wenn sie rechtschaffen und red-
130
lich sind, üben das Amt von Austeilern und Verwaltern der irdischen
Gaben Gottes aus; als Werkzeuge der Vorsehung helfen sie den
Bedürftigen ... Gott selbst hat bestimmt, daß es zur Ausübung der
Tugend und zur Erprobung der menschlichen Verdienste in der Welt
Reiche und Arme geben soll.«
Ob der Papst — privat ein Multimillionär — je darüber informiert
worden ist, was der angebliche Kirchengründer Jesus aus Nazareth über
die Reichen gesagt hat? Ob ein Gott, der nicht gerade zufällig ein Gott
der Edlen und Reichen ist, wirklich der Reichen bedarf, um irdische
Güter zu verteilen? Ob ein Gott, der nicht von Klerikalen erfunden
wurde, wirklich daran interessiert ist, daß täglich 40000 Kinder auf der
Welt verhungern? Wozu es überhaupt eine Kirche gibt? Wenn diese
doch nur bestätigt, was alle wissen: hier arme Leute, dort reiche?
Warum Päpste keine »soziale Frage« beantworten? Nicht, weil sie zu
dumm dazu wären. Nein, weil sie zu klug sind, um ihre eigene Basis zu
gefährden. Alle Antworten, die wirkliche Antworten sind, gefährden
den Reichtum der Kirche und infolgedessen deren soziale und
politische Privilegien. Da macht man besser von »Sozialenzyklika« zu
»Sozialenzyklika« viele nette Worte für arm wie reich und beläßt im
übrigen alles beim alten.
Ist der Kirchendienst für Arbeitnehmerinnen gefährlich?
Arm bleibt arm, und reich bleibt reich. So will es der Kirchengott,
sagen seine Stellvertreter auf Erden. Unternehmer bleibt Unternehmer
und Arbeitnehmer Arbeitnehmer, so praktizieren es hierzulande die
beiden Großkirchen, die Unternehmerinnen, die mehr Leute
beschäftigen als die Deutsche Bundespost. Weil die Großkirchen ihre
Monopolstellung in Sachen Caritas weidlich ausnützen, haben
Menschen mit nichtkirchlicher Weltanschauung, sofern sie sozial tätig
sein wollen, keine echte Berufschance gegenüber diesen
Tendenzbetrieben. Obwohl der Staat bis zu 90 Prozent der Kosten
solcher Einrichtungen trägt,
131
läßt er darin die Kirche völlig frei als Arbeitgeberin walten — und damit,
unter Bezug auf den angeblich undemokratischen Willen Gottes in
Kirchensachen, demokratieferne Räume schaffen. Kirchliches
Dienstrecht - so Stimmen aus dem Klerus - sei weder Arbeitsrecht
noch öffentliches Recht. Es sei schlicht Kirchenrecht und damit dem
Zugriff des Klerus freigegeben. Ergo möchte dieser schalten und
walten, wie er will, und seine Einflußzonen ausdehnen. Nach seinem
Selbstverständnis könnten nicht nur sämtliche konfessionellen
Krankenhäuser, sondern auch kirchliche Kindergärten, Sozialstationen,
Altenheime als »Stätten der Religionsausübung« unter den besonderen
Grundrechtsschutz der Verfassung fallen. Die Kleriker versuchen zu
bestimmen, welche Bereiche unseres Staatslebens von der speziellen
Kirchenfreiheit (Glaubens-, Religionsfreiheit) erfaßt werden.
Gegenüber einer solch expansiven Deutung werden die »Schranken des
für alle geltenden Gesetzes« praktisch bedeutungslos. Religion wird
damit in einem Sektor ausgeübt, der dem Staat verschlossen bleibt.
Es gibt in der Bundesrepublik eine große Zahl konfessioneller
Arbeitsplätze. Der Deutsche Caritasverband hat schon 1979 den
Durchschnittswert des pro Arbeitsplatz investierten Vermögens auf
300000 DM geschätzt: ein Aufwand an Gesamtinvestitionen von über
50 Milliarden DM. Aber was geschieht mit und an diesen
Arbeitsplätzen? Nicht ohne Grund kritisieren Gewerkschaften wie die
ÖTV immer wieder die unter demokratischen Gesichtspunkten
unhaltbaren Zustände in kirchlichen Sozialeinrichtungen. Zwar sind
die Kleriker sofort bereit, überall dort soziale Aufgaben an sich zu
ziehen, wo Ansprüche gegenüber dem Staat oder den
Sozialversicherungsträgern und Krankenkassen geltend gemacht
werden können. Doch weigern sie sich strikt, die Arbeitsbedingungen
ihrer Mitarbeiterinnen tariflich ebenso festzulegen und abzusichern,
wie das den Regeln des demokratischen, sozialen Rechtsstaats
entspricht. Caritas? Oder bloß »Caritasverband«?
132
Es ist unglaublich, aber wahr: Die katholische Kirche, in der
Bundesrepublik eine der größten Arbeitgeberinnen gerade auf
karitativem Sektor, schränkt die - in Verfassung und Gesetz verbrieften
— Rechte ihrer Bediensteten ein. Aus vorgeblich »dogmatischen«
Gründen. Es zeigt sich ein Prinzip kirchlicher Arbeitsmarktstrategie:
Zum einen sind Kleriker nicht von dieser Welt, zum ändern
beanspruchen sie alle Privilegien dieser Welt. Also bedecken sie sich,
was ihre Institution und alle ihre Einrichtungen und Besitztümer
(Brauereien eingeschlossen) betrifft, mit dem Schutzmantel einer
»öffentlich-rechtlichen Körperschaft«. Zum anderen fordern sie
ständig Ausnahmen von den für alle geltenden Gesetzen unter
Berufung auf ihren unvergleichlich »höheren Zweck«. In beiden Fällen
bringt dieses doppelmoralische Verhalten erhebliche finanzielle
Vorteile. Das Btmdesarbeitsgericht hat erst vor kurzem entschieden,
daß in öffentlich-rechtlich organisierten, also auch kirchlichen
Betrieben das Betriebsverfassungsgesetz nicht gilt. Anlaß war die
Klage von Beschäftigten der Andechser Klosterbrauerei, die einen
Betriebsrat bilden wollten. Zuvor hatte das Münchner
Verwaltungsgericht entschieden, daß gewerbliche Betriebe in
Kirchenbesitz — wie zum Beispiel Brauereien — nicht dem
Tendenzschutz unterliegen. Auch müsse ein Personalrat — wie bei
Behörden — eingerichtet werden. Die beklagten Benediktiner, klerikale
Arbeitgeber, waren aber in die Berufung gegangen.
Wer darf sich nicht scheiden lassen und wieder heiraten, ohne
fristlos gekündigt zu werden?
Bürgerinnen und Bür ger im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die
in kirchlichen Einrichtungen beschäftigt sind, tun gut daran, sich auch
in ihrem Privatleben an die »Grundsätze der katholischen Kirche« zu
halten. Scheidungen und Wiederverheiratungen, Abtreibungen,
Geburten unehelicher Kinder oder auch nur Stellungnahmen gegen
kirchliche Anschauungen (wie
133
die zum § 218 StGB) gelten als unvereinbar mit eben diesen
Prinzipien - und führen zum Verlust eines Arbeitsplatzes, der zu 90
Prozent aus Steuermitteln bezahlt wird. Prozesse vor Arbeitsgerichten
haben den Betroffenen immer wieder deutlich gemacht, was es heißt,
in einem Land zu leben, das klerikale und damit undemokratische
Räume zuläßt. Daß die Religionsgemeinschaften hierzulande »ihre
Angelegenheiten selbständig regeln«, wie es das Grundgesetz sagt, gilt
als Freibrief für arbeitsrechtlich skandalöse Zustände. Kirchliche
Arbeitnehmerinnen bleiben ArbeitnehmerInnen minderen Rechts.
Der Arzt eines von der katholischen St.-Elisabeth-Stiftung
getragenen und vom Staat wesentlich mitfinanzierten Krankenhauses in
Bochum hat sich 1989 lediglich an einer Unterschriftenaktion des
»stern« gegen den § 218 beteiligt. Die Folge war fristlose Kündigung.
Ein weiterer katholischer Fall zur Illustration der tatsächlichen
karitativen Verhältnisse: Nach l6jähriger Tätigkeit wurde eine
Buchhalterin von der Caritas fristlos gekündigt, weil sie zur
evangelischen Kirche übergetreten war. Zusätzlich hatte die Caritas
dem von ihr abhängigen Malteser-Hilfsdienst den »Verstoß« der
neuen Mitarbeiterin gemeldet. Das Arbeitsgericht Münster hat die
fristlose Entlassung für rechtswidrig erklärt - und eine fristgerechte
Kündigung angemahnt. Die Caritas verpflichtete sich ihrerseits, auf
den neuen Arbeitgeber keinen weiteren Druck auszuüben.
Einige Beispiele aus dem evangelischen Bereich: Das Diakonie-werk
Neuendettelsau hatte einem 39jährigen Gymnasiallehrer wegen
»ungenügender Leistungen« gekündigt, nachdem dieser an Krebs
erkrankt war. Da der Personalchef der kirchlichen Einrichtung
öffentlich argumentiert hatte, »mit Verwundeten kann man keine
Schlacht gewinnen«, folgte das Arbeitsgericht dieser Darstellung nicht.
Es erkannte die »ungenügenden Leistungen« nicht an, sondern
verurteilte das barmherzige Werk zur Nachzahlung der Gehälter und
zu einer Abfindung. Diako-nie ? Ein Einzelfall ? Frauen von
evangelischen Pfarrern, die in der
134
Gemeinde ihres Mannes mitzuarbeiten hatten, sind nach einer
Scheidung nahezu völlig rechtlos. Da sich Scheidungen in diesen Kreisen
häufen (in Ballungsgebieten soll die Zahl geschiedener Pfarrersehen bei
50 Prozent liegen), geht es nicht mehr um ein Randproblem. Die
Kirche versucht einen weiteren Zuwachs zu verhindern. Daß sie sich
dabei nicht scheut, die geschiedenen Pfarrersfrauen wenig karitativ zu
behandeln, ist keine Empfehlung. Dasselbe gilt für die
menschenunwürdige Vorschrift der evangelischen Kirche, nach der ein
Geistlicher keine Jüdin heiraten, wohl aber mit ihr zusammenleben
darf. Haben die Hirten vergessen, daß derjenige, nach dem sie sich
nennen, selbst Jude gewesen ist - und nicht Christ?
Erzieherinnen in evangelischen Kindergärten klagen 1988 auf
einer Bundestagung ihres Fachverbands über unzumutbare
Arbeitsbedingungen. Die Rechtsträger - häufig durch evangelische
Pfarrer vertreten - ließen erzieherische Fachkompetenz zuwenig
gelten. In Personal- wie in Sachfragen gebe es kaum ein Recht auf
Mitbestimmung. Manche kirchlichen Träger nutzten die
katastrophale Arbeitsmarktlage aus, indem sie Dienste im
Kindergarten nur vergaben, wenn zusätzlich inner kirchliche Dienste -
wie Orgelspielen am Sonntag - verrichtet wurden. Auch hat 1989 die
arbeitsrechtliche Kommission der evangelisch-lutherischen Kirche in
Bayern beschlossen, künftig Wegezeiten nicht mehr der bezahlten
Arbeitszeit der im Kirchendienst Tätigen zuzurechnen. Eine
Schrittmacher-Leistung in Sachen Diakonie?
Nach Auffassung der Gewerkschaft ÖTV koppelt die geplante
»Arbeitsvertragsgrundordnung« der Kirche das Arbeitsrecht der
kirchlich Beschäftigten vom geltenden Tarifrecht im öffentlichen
Dienst ab. Die Kirche, Wegbereiterin des Unsozialen? Die sozialen
Nachteile liegen auf der Hand. Sie betreffen die Umsorgten wie die
Umsorgenden. Sich auf klerikale Art sozial versorgen lassen zu
müssen ist für die Menschenrechte nicht weniger gefährlich, als bei
den Einrichtungen klerikaler
135
Caritas beschäftigt zu sein. Wer heute noch freiwillig in den
Kirchendienst geht, ist selber schuld.
Was hat denn ]esus mit alldem zu tun?
Jesus aus Nazareth in einem Atemzug mit einer Kirche zu nennen,
die sich auf ihn als ihren »Stifter« beruft, fällt schwer, auch wenn die
heutigen Kirchen alles versuchen, um sich den Menschen als Jesus-
Kirchen vorzustellen. Oder als Christus -Kirchen? Ganz einig sind sich
die »gestifteten« Kirchen nicht. Jedenfalls kann zum einen nachgewiesen
werden, daß »Jesus« — wenn es ihn gegeben hat - keine einzige
Kirche gegründet oder auch nur angeregt hat. Das bringt jene
Gläubigen, die einen festen Grund, eine unfehlbar sichere Basis für
ihren Kirchenglauben brauchen, um überleben zu können, in schwere
Bedrängnis. Sie rechnen nämlich ständig mit »Kraft« und »Festigkeit«
ihrer Kirche und gründen diese höchst unsicheren Begriffe auf den
»Herrn Jesus Christus«. Doch dieser verläßt sie, falls er als
»Gründer« einer Kirche in Betracht gezogen werden soll. Selbst wenn
eine solche Gründung nachgewiesen werden könnte, rechtfertigte sie
nur ein bestimmtes klerikalautoritäres Bewußtsein, das Wert auf derlei
legt. Die Kontinuität zwischen Jesus und Kirche ist nicht durch
Gründungsurkunden zu erweisen, sondern durch den Selbstvollzug
einer Gemeinschaft. Und gerade daran hapert es bei der Kirche
gewaltig. Ihr »Selbst« fußt auf Gehorsam, auf Fremdbestimmung,
auf Klasseneinteilungen und Hierarchiebildungen, auf Bedürfnissen
nach Absicherung. Ihre Gehorsamen brauchen eine Kirche, die die
Garantie geglückten Lebens übernimmt, die Himmel und Hölle
verwaltet, wenn sich der einzelne ihr nur ganz und gar anvertraut, ihr
absolut gehorcht, an sie »glaubt«, sie »liebt«. Mit diesen extremen
Verobjektivierungen des Menschen kann Jesus aus Nazareth
überhaupt nicht dienen. Es sei
136
denn, sein eigenes Leben werde umgeschrieben, umgedichtet und
angepaßt.
Zum anderen ist jener »Christus«, den die dogmatisch verfaßten
unter den vielen Kirchen so lieben, gegenwärtig nicht gar so attraktiv,
wie ihre Werbung es verspricht. Es ist nämlich nicht jedermanns (und
nicht jederfrau) Sache, sich einem »Gottessohn« auszuliefern, der
förmliche Hoheitstitel auf sich versammelt, der präexistent,
allmächtig, allwissend und so fort sein soll - und der nichts mit dem
geschichtlichen Jesus zu tun hat. Die »Christen« befinden sich in
einem Dilemma, und die »Jesuaner«, die noch hoffen wollen, weil sie
nicht kämpfen können, nicht weniger. Beide Religionen kommen sich
nicht näher, und die Menschen, die weder die eine noch die andere
wollen, werden zahlreicher.
War dieser kreuzbrave »Jesus« vielleicht ein Rebell?
Leichter als zu sagen, wer oder was »Jesus« gewesen ist, fällt die
Aussage, wer er nicht gewesen ist. Ob er überhaupt gelebt hat, ist
weder sicher zu bestreiten noch sicher zu erweisen. Für beide
Annahmen sprechen Gründe. Es ist möglich, daß Jesus gelebt hat,
vielleicht sogar wahrscheinlicher als das Gegenteil; doch auch dies ist
nicht ganz auszuschließen. Wer es von vornherein abtut und die
Geschichtlichkeit Jesu für zwingend erwiesen erklärt, ist befangen.
Ein sicherer Beweis fehlt, und ein solcher ist auch kaum mehr zu
erbringen, wenn keine neuen Quellen erschlossen werden. Die
damalige Geschichtsschreibung jedenfalls schweigt. Das ganze
nichtchristliche 1. Jahrhundert — das Jahrhundert Jesu — ignoriert ihn.
Kein Historiker nimmt von ihm Notiz, weder in Rom noch in
Griechenland oder Palästina.
Kein »christlicher« Lehrsatz, der sich nicht auch schon bei anderen
finden ließe, so beispielsweise bei den »Essenern«. Die 1947
entdeckten Schriften der »Essener«-Sekte (Qumran am
137
Toten Meer), die zur Zeit Jesu entstanden und die in unmittelbarer
Nähe seines Wirkens verfaßt worden sind, erwähnen keinen Jesus
aus Nazareth. Und daß die Historiker des 1. Jahrhunderts der
christlichen Zeitrechnung schweigen, ist um so erstaunlicher, als eine
ganze Reihe von ihnen ausführlich über die damalige Situation
Palästinas schrieb. Im Gegensatz zum Nazarener Jesus ist der Täufer
Johannes eine historisch einwandfrei belegte Persönlichkeit. Selbst
Philon von Alexandrien (etwa 20 v. bis 50 n. Chr.), der
ungerechtfertigte Hinrichtungen durch Pontius Pilatus anprangert,
erwähnt die eines Jesus aus Nazareth nicht. Und nicht jeder »Jesus«,
der in zeitgenössischen Schriften erscheint, meint den Nazarener. Jesus
war seinerzeit ein so beliebter Name wie zu anderen Zeiten Wilhelm
oder Otto.
Seine Existenz aber vorausgesetzt, ist dieser Jesus nicht Christ,
sondern Jude. Die Mitglieder seiner Urgemeinde heißen Hebräer (die
neuere Forschung nennt sie »Judenchristen«). Jesus propagiert eine
Mission nur unter Juden, Jesus ist stark von der jüdischen
Apokalyptik beeinflußt, Jesus glaubt daran, daß das Gottesreich bald
komme. Ob dieses Reich freilich jenes sein sollte, das uns die -
mittlerweile gereinigten — Evangelien präsentieren, ist eine andere
Frage. Ob der historische Jesus überhaupt der überbrave Gottessohn
gewesen ist, der nach Meinung der Evangelisten von Gehorsam gegen
den Vater überfließt? Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht war
Jesus ein trotziger Sohn, der so wenig von »Vater« und »Vaterliebe«
gehalten hat, daß ihn die Werteväter seiner Zeit umbringen mußten.
Vielleicht haben sich die Evangelien nur deswegen durchsetzen können,
weil sie aus dem rebellischen Sohn einen Bestätiger patriarchaler
Gesellschaften im Himmel wie auf Erden gemacht haben, wer weiß.
Jesus ist jedenfalls nicht der notorische Jasager gewesen, der zu allem,
was auf ihn zukam, »Amen, lieber Vater« gesagt hat. Dieser
Sohnesgehorsam paßt freilich auffallend gut in die Interessenlage der
Evangelien.
138
Jesus hat das unmittelbar bevorstehende Weltenende gepredigt und
sich im Zentrum seiner Verkündigung vollständig getäuscht. Dies gilt
als die sicherste Erkenntnis der gesamten modernen historischkritischen
christlichen Theologie. Nicht um des Wahren willen, das
Jesus gepredigt hat, sondern wegen einer Vorhersage, in der er sich
geirrt hat, konnte dieser Mensch zum Mittelpunkt einer neuen
Religion werden. Wäre das Weltenende wirklich so schnell
eingetroffen, wie Jesus das gemeint hatte, wäre keine Kirche
notwendig geworden. Nur sein Irrtum hat die Kirche gebracht; eine
Selbsttäuschung hat ermöglicht, daß andere, wesentlich
machtinteressiertere Kreise sich seiner Person bemächtigen und eine
Täuschung größten Ausmaßes inszenieren konnten: Nicht Jesu Reich
ist auf die Welt gekommen, sondern die Kirche Christi. Zwischen
beiden klaffen Abgründe, und jeder Versuch muß kläglich scheitern,
Brücken von Jesus zu Christus, vom »Reich« zur »Kirche« zu bauen.
Wer solche Hilfsbrücken konstruiert hat, nennt sich zwar
»Brückenbauer« (Pontifex maximus) wie der römische Papst, aber
gelungen ist ihm eine tragfähige Konstruktion nie. Im übrigen ist
selbst jener Petrus, der in Rom als Apostelfürst und »erster Papst« eine
Gemeinde gegründet haben und hingerichtet worden sein soll, eine
ahistorische Legende. In Wirklichkeit wurde über das Schicksal des
Fischers Simon (»Petrus«) nichts bekannt, insbesondere nicht über
Zeit und Umstände seines Todes. »Jesus aus Nazareth« mußte
rekonstruiert werden, damit er zu dem paßte, was heute »seine Kirche«
genannt wird. Er ist kein lebendiges Wesen mehr, sondern die
Kunstfigur eines an bestimmten Aussagen interessierten Glaubens.
Entsprechend unhistorisch ist alles, was sich auf seine Existenz
beziehen soll und in den Evangelien berichtet oder in den klerikalen
Dogmen ausgesagt wird:
Geburtstag, Geburtsjahr und Geburtsort, wie sie die Evangelien
und die fromme Tradition überliefern, sind historisch falsch. Jesus ist
nicht in Bethlehem geboren worden. Der
139
25. Dezember hat eine heidnische Vorgeschichte und wurde im 3.
Jahrhundert als Feiertag im Römischen Reich eingeführt zu Ehren des
»Sonnengottes«.
Es kann kaum ein blinder Zufall sein, daß Mithras, der Heiland
und Sonnengott der Römer, von einer Jungfrau in der Krippe am 25.
Dezember geboren worden sein soll, daß Hirten ihm gehuldigt haben,
daß er der Welt den Frieden versprach, nur um später gekreuzigt zu
werden, zu Ostern aufzuerstehen und in den Himmel zu fahren, um
nur die auffallendsten Ähnlichkeiten zwischen seiner Legende und der
des Jesus Christus zu erwähnen.
Jesus ist nicht das Kind einer Jungfrau; er stammt aus der Ehe einer
Frau namens Maria mit einem Mann namens Joseph. Er hat selbst nicht
ein einziges Mal etwas anderes gesagt. Der aufkommende Marienkult
der Kirche mußte Legenden erfinden und präsentieren: Die neue Göttin
konnte nicht gut als Witwe eines jüdischen Zimmermanns vorgestellt
werden.
Die Geschichte vom Kindermord des Königs Herodes ist ebenso
unhistorisch wie die Legende von der Flucht der Zimmermannsfamilie
mit dem Jesuskind nach Ägypten.
Auch daß Jesus unverheiratet gewesen sein soll, ist kaum
historisch. Daß er zu einer Art »männliche Jungfrau« stilisiert worden
ist, hatte Methode. Sexualität mit ihm oder mit einem seiner
Gefolgsleute zu verbinden erschien einer Kirche, die von Ehelosen
gelenkt wurde, unpassend.
Daß die über Jesus tradierten Wunderberichte fromme
Ausschmückungen eines Heroenbildes darstellen, steht außer Zweifel.
Eine spezielle Doktrin, die ihren Ursprung in Jesus aus Nazareth hätte,
gibt es nicht. Es gibt auch kaum ein Wort Jesu, das in der jüdischen
Literatur vor ihm nicht bereits — wenn auch modifiziert — nachzulesen
gewesen wäre.
Jesus hat keinen »Zwölferkreis« von Jüngern oder Aposteln
ausgewählt. Die »Zwölf Apostel« sind, von der Symbolzahl einmal
abgesehen, eine spätere Konstruktion.
140
Das Gebot der Feindesliebe, mittlerweile als edelste Forderung des
Christentums präsentiert, findet sich in den Urtexten überhaupt nicht,
wohl aber, rigoroser, schon bei Platon.
Jesus hat niemals einen spezifischen Anspruch erhoben, der
Messias der Juden zu sein. Er hat keinen der vielen messia-nischen
Titel angenommen, die die Tradition ihm angeboten hätte. Sich
»Christus« zu nennen oder nennen zu lassen wäre ihm nicht in den
Sinn gekommen. An den messianischen Huldigungen, die die
Evangelien überliefern, ist - historisch gesehen - kein wahres Wort.
Die Passionsgeschichte ist legendarisch ausgeschmückt und hat
sich niemals so zugetragen, wie sie die Evangelien berichten. Jesu
Passion muß alttestamentarische Weissagungen bis ins Detail hinein
»erfüllen« — und wird entsprechend zurechtgebogen. Den Evangelisten
stand hierzu biographisches Material so gut wie nicht zur Verfügung;
Paulus schweigt sich aus. Augen- und Ohrenzeugen fehlen.
Entgegen der allgemeinen Annahme, ein Judas habe Jesus
verraten, ist diese Darstellung tendenziös. Auch wenn nach einer
Umfrage von 1967 noch bare 91 Prozent der Befragten (die sonst
wenig genug glaubten) an den Judasverrat geglaubt haben, ist dieser
unhistorisch.
Einen aufsehenerregenden Prozeß Jesu hat es ebensowenig
gegeben wie bei den Hunderten und Tausenden anderen Verurteilten,
die unter Pontius Pilatus hingerichtet worden sind. Der römische
Oberbeamte war - entgegen der evangelischen Schilderung —
keineswegs mild gestimmt, sondern ein ausgesprochen harter Richter
mit Vorliebe für standrechtliche Verfahren. Wenige Jahre nach Jesu
Tod wurde Pontius Pilatus auf jüdischen Protest hin aus seinem Amt
abberufen.
Eine eigene Verhandlung vor dem Hohen Rat der Juden fand mit
großer Wahrscheinlichkeit nicht statt. Pontius Pilatus war es, der das
Todesurteil gefällt hat. Dieses ist dann von seinen Legionären
(wahrscheinlich Syrern) vollstreckt worden.
141
Ungewiß bleibt das genaue Todesdatum Jesu. Gegenwärtig wird
der 7. April 30 als der wahrscheinlichste Termin angenommen. Jesus
aus Nazareth, der sieben Jahre vor dem offiziellen Geburtsjahr geboren
worden ist, wäre damit 37 Jahre alt geworden.
Der genaue Ort der Hinrichtung ist nicht zu ermitteln. Wo sich
heute die Grabeskirche erhebt, dürfte er nicht gelegen haben. Daß
jemals das Kreuz Jesu aufgefunden worden sei (nach 300 Jahren
durch die Mutter des Kaisers Konstantin!), ist eine Lüge. Die auf die
Welt verteilten Splitter vom »wahren Kreuz« sind Fälschungen.
> Die Behauptung, Jesus habe seinen Kreuzestod freiwillig
auf sich genommen, ist absurd. Todessehnsucht ist dem jüdi
schen Denken ganz fremd.
Jesus hat kein einziges »Sakrament« selbst eingesetzt.
Getauft hat er niemanden. Sogar das Abendmahl hat er nur
eingenommen, nicht aber als Sakrament der Kirche - von der er
nichts ahnte - begründet.
Heißt der Stifter der Kirche »Paulus«?
Es gab einen Menschen mit einem starken Interesse daran, den
historischen Jesus aus Nazareth umzudeuten und - zugunsten der
paulinischen Gemeinden - zum Christus der Welt zu er heben. Ihm
gebührt die Palme; er hat das Christentum begründet. Der erste
»Christ« aus einer Reihe von Millionen und Abermillionen war nicht
Jesus aus Nazareth, sondern Paulus aus Damaskus, wo er seine
»Bekehrung« erlebt haben soll. Er ist der früheste christliche
Schriftsteller. In vieler Hinsicht lehrt er gänzlich anders als der Jesus
der Bibel (der sogenannten historisch-kritischen Theologie). Paulus, der
Jesus selbst nicht kennengelernt hat, gibt dessen Endzeitglauben auf. Er
beweist nicht nur in diesem Fall ein gesundes Gespür für die Zukunft
des Christentums. Taufbefehl und Missionsbefehl sind ganz
142
und gar paulinisch; sie sollen - Jesus in den Mund gelegt — die vielen
Reisen des »Völkerapostels« legitimieren (und sie sind für
millionenfaches Leid der Menschen verantwortlich geworden). Paulus
führt die Erbsündenlehre ein und die Lehre von der Erlösung. Er, der
nachgeborene Apostel, ist ein besonders ehe- und leibfeindlicher
Einzelgänger, dessen Haß sich nicht nur gegen die Frauen richtet (er
bleibt unverheiratet), sondern auch gegen die, mit denen er keine
Gemeinschaft pflegen darf, die wirklichen Urapostel, oder aus
»Glaubensgründen« will, die Juden und die »Ketzer«.
Auf diesem Haß des Ausgeschlossenen errichtet er eine neue
Gemeinschaft, seine Religion, seine Gemeinde, seine Kirche. Noch
heute tragen Millionen Menschen schwer an diesem Erbe. Der
bedeutende Theologe und Arzt Albert Schweitzer urteilt, Paulus
scheine »nicht im entferntesten ein Bewußtsein davon zu haben ...,
persönliche Erlebnisse als etwas Nachzuerlebendes mitzuteilen«,
sondern propagiere »alles als ein aus den Tatsachen unmittelbar und
objektiv sich ergebendes System«. Und der jüdische Autor J.
Klausner meint: »Er gehörte zu jenen >geistigen Tyrannen<, denen
ihre Person und ihr Werk eins werden und die im Namen dieses
Werkes sich unbewußt das zu tun erlauben, was ihnen ihr Egoismus
eingibt...«
Daß, nach einem Wort des Theologen Franz Overbeck, »Jesus
gerade dem Paulus unbegreiflich« gewesen ist, läßt sich begreiflich
machen. Das Judesein Jesu ist für Paulus nur noch eine Beiläufigkeit.
Statt dessen vermittelt dieser Apostel den Eindruck, als habe sich Jesus
in einer ständigen Auseinandersetzung mit dem Judentum, vor allem
mit den Pharisäern befunden. Die echten Zeugen waren demgegenüber
unbrauchbar; Paulus mußte alles daransetzen, sie abzuwerten und
ihnen einen nur geringen Einfluß auf die Gestaltung seines
»Christusbildes« einzuräumen. Jesus aus Nazareth soll nicht mehr
nach dem beurteilt werden, was er wirklich gewollt und getan hatte. Er
ist »von Ostern her« wichtig geworden. Was Paulus
143
über den Nazarener sagt, ist wenig genug: Jesus war ein loyaler Jude
(Gal 3,16), nicht von einer Jungfrau geboren, sondern von einer Frau
(Gal 4, 4). Er hatte mehrere Geschwister (Rom 8, 29), er war allzeit
Gott gehorsam (Phil
2, 8). Die Passionsgeschichte, in den Evangelien
von zentraler Bedeutung, bleibt bei Paulus unerwähnt.
Die Jerusalemer Urapostel, über die direkte Zeugnisse fehlen,
haben sich mit dem Emporkömmling Paulus, der Jesus nicht gekannt
hat wie sie, doch alles über den Christus zu wissen vorgab, immer
wieder angelegt. Die Judenchristen, die Paulus schließlich das
Heidenapostolat absprechen, behaupten, er rede den Menschen nach
dem Mund, sei ein angeberischer, gleißnerischer Mensch, er mache
den Zugang zu Jesus viel zu leicht, er predige nicht Jesus, sondern
Paulus. Sie beschuldigen ihn des finanziellen Betruges und der
Feigheit. Sie halten ihn für verrückt und fallen zuletzt in seine
Gemeinden ein, um sie ihm abzunehmen: Der Kampf um das richtige
Lehren wird bereits - typisch für die Dogmengeschichte - zu einem
Kampf um Einfluß und Macht. Paulus wäre nicht Paulus gewesen,
hätte er dies hingenommen. Er steckt nicht nur ein, er gibt vielfach
zurück. Seine Feindschaft wird unerbittlich. Sie hält bis zu seinem Tod,
und nur unhistorisch Denkende glauben dem frommen Märchen vom
»idealen Apostelfürstenpaar Petrus und Paulus«, wie es in Roms
Legenden zum Nationalfeiertag des Vatikans (29. Juni) als postume
Versöhnungsfeier auftaucht. Von allem Anfang an gab es keine
»Orthodoxie« im Christentum, sondern Streit um eben diese — und
Mord und Totschlag als notwendige Folge solchen Streits.
Siegreich ist schließlich nur der späte Paulus; von seinen
urchristlichen Gegnern verliert sich die geschichtliche Spur. Paulus
aber weiß seine Religion durchzusetzen. Er öffnet dem Zeitgeist Tür
und Tor, und während sich die Jesuaner politisch und sozial nicht halten
können (sondern durch Staat und Kirche leicht unterdrückt werden),
überflutet der Paulinismus die
144
ganze westliche Welt. Paulus ist der nüchterne Organisator, der ein
wesentliches Element guter Politik kennt, die Anlage auf Dauer. Der
seine Kirche so anlegt, als ob es kein Weltenende gäbe. Der mit
Rücksicht auf die scharfe Kontrolle des römischen
Herrschaftsapparates die ursprünglich politische Seite des »Messias-
Gedankens« eliminiert. Der die Frage nach der Legitimation
tatsächlicher Macht gar nicht stellt, sondern sich in seiner Lehre von
der »Obrigkeit« jeder Herrschaft unterordnet und anpaßt. Der das
vorgegebene römische Verwaltungssystem optimal zu nutzen versteht,
der seine Gemeinden mit dem Diesseitigsten, dem Geld, an sich zu
binden sucht. Der maßgeblich jene Entwicklung fördert, die aus Jesus
den Christus werden ließ, den als Erlöser aller Bedürftigen
ausgerufenen Gott und Heiland. Paulus hat die Wende von der
Naherwartung zum »ewigen Leben« eingeleitet und die neue Doktrin
maßgeblich befestigt. Glaubte die Urgemeinde noch an die
Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden durch den
wiederkommenden Herrn, lehrte Paulus das profitablere Gegenteil:
Dieses Reich sei mit Jesu »Opfer-Tod« und seiner »Auferstehung«
bereits angebrochen. Kein Jesus kommt mehr auf die Erde zurück,
zumindest nicht in absehbarer Zeit, sondern der einzelne Christ kommt
nach seinem Tod zu ihm in den Himmel - falls er auf dieser Erde
seinen Gott nicht reuelos enttäuscht hat.
Paulus weiß, was er sagt. In seinen Schriften steht der Name Jesus
nur 15mal, der Titel »Christus« jedoch 378mal. Paulus, der historische
Fakten um-schreibt und sich seine Religion zu-rechtformt, entlehnt aus
der zeitgenössischen Geisteswelt alles, was in sein Konzept paßt. Er
malt die Seligkeit des Christen mit lauter griechischen und
hellenistischen Wendungen aus, seine Schriften strotzen vom
religiösen Formelschatz des Heidentums, seine Inhalte decken sich oft
frappierend genau mit Vorstellungen der zeitgenössischen
Mysterienreligionen und der griechischen Philosophie. Beispiel
»Erlösung«: Hier hat die Doktrin des »Völkerapostels« Elemente der
Antike übernom-
145
men und auf die Kunstfigur des »Christus« übertragen. Jesus aus
Nazareth erhält nur noch die Funktion eines Kleiderständers, auf den
das jeweils passende (»modische«) dogmatische Gewand gehängt wird.
Nach allem, was von Jesus überliefert worden ist (und das ist herzlich
wenig!), lag seinem Denken die paulinische Erlösungslehre fern. Daß
dieser Jesus sich selbst als »Erlöser und Heiland der Welt« gesehen
hätte, ist nach historischen Erkenntnissen undenkbar. Der jüdische
Prophet wollte kein Gottessohn der Christenkirchen, und auch die
jüdische Jesussekte wollte um alles in der Welt nicht zur christlichen
Kirche werden. Aus Rom war für Israel noch nie das Heil gekommen.
Wer freilich den paulinischen Christus nicht aner kannte, der verfiel
dem Bann nicht nur des Paulus, sondern auch dem der Kirche, die
sich zu Unrecht auf Jesus statt auf Paulus gründet.
Welche Rolle haben die Evangelisten gespielt?
Als eine Religion des Buches hat das Christentum bei den Seinen stets
um Respekt gegenüber einer Anzahl heiliger Texte geworben. Doch
sind Texte, heilige Texte und die Zahl dieser Texte bis heute strittig.
Frohbotschaft, Drohbotschaft? Für welche der beiden Lösungen sich
die Evangelien entschieden haben, die - in hunderttausend
Abweichungen - auf uns gekommen sind, bleibt wie so vieles unklar.
Das Bild ihres Gottes spricht dafür, daß Gottvater ein strenger Gott
ist, mit dem sich folgenlos nicht spaßen läßt und der früher oder
später seine Rache an den Reuelosen nimmt. Mit diesem »Gottesbild«
stehen die Hauptschriften des Christentums nicht allein. Der Gott,
den sie der Welt verkünden, hat keine Vorsprünge vor seinen
patriarchalen Mitbewerbern. Auch »Heilige Schriften« (oder, besser,
»von der Kirche heiliggesprochene Schriften«) wie die Evangelien
sind in der Religionsgeschichte nichts Auffälliges, sie sind üblich.
Historisches Interesse ist ihnen fremd.
146
Sie wollen missionieren. Sie richten sich - als Stütze - an die bereits
Gläubigen oder - als Aufmunterung - an jene, die es werden sollen.
Mit Jesus haben die Evangelien wenig zu tun. Nicht eines seiner Worte
wurde direkt aufgezeichnet. Was er gesagt hatte, kursierte mündlich,
und nach seinem Tod waren nur Einzelstücke im Umlauf, kleine
Geschichten, Gleichnisse, Sprüche, Spruchgruppen. Wann Jesus was
gesagt hat, wie er es genau gemeint hatte, war zu diesem Zeitpunkt
nicht mehr sicher. Da weder das Wann noch das Wo, noch das Wie
festgehalten werden konnte, durften die Evangelisten Stück um Stück
und Wort um Wort glätten, umgr uppieren, ergänzen. Wunder wurden
hinzugedichtet, passende Sinnstücke und »Herrenworte« desgleichen,
Orts- und Zeitangaben stimmen historisch nicht. Die »Heilige Schrift«
ist ein bereits beträchtlich über Jesus hinausentwickeltes, aus
gläubigem Überschwang entstandenes Literarprodukt, eine Sammlung
von religiösen Erbau- ungs- und Missionierungsschriften, wie sie der
damaligen »Gemeinde« nützlich erschien.
Kein Evangelium ist von einem Augenzeugen verfaßt worden. Die
Verfasser sind durchweg geschichtlich unbekannte Personen. Bei
keinem von ihnen handelt es sich um einen der gleichnamigen Apostel
oder Jünger Jesu. Auch der Verfasser der Petrus-Briefe hat nichts mit
dem im Evangelium aufgeführten Petrus zu tun. Hier und in anderen
Fällen schmücken sich die Autoren mit fremden Federn. Kein
historischer Jünger Jesu wäre - auch wenn er hätte schreiben können —
überhaupt imstande gewesen, theologische Schriften zu erstellen. Die
Diskrepanz zwischen Namengebung und wirklicher Autorenschaft ist
besonders groß beim sogenannten Johannesevangelium. Dieses
wurde von außen, von der frühchristlichen Gnosis, beeinflußt, einem,
wie der evangelische Theologe Hans Conzel-mann formuliert,
»ungeheuerlichen mixtum compositum aus iranischen, babylonischen,
ägyptischen Ideen«. Es ist bei diesem späten Evangelium ganz
auszuschließen, daß es sich um
147
authentische Jesus -Texte oder eine authentische Botschaft Jesu handelt.
Die »schönen Worte«, die der Autor Johannes findet (der kein Jünger
gewesen ist), klingen zwar für theologische Ohren sehr bedeutend, aber
sie stammen nicht von Jesus selbst. Der Nazarener sagte beispielsweise
nie von sich, er sei »das lebendige Brot, das vom Himmel
herabgekommen ist«. Er verlangte von niemandem, um des Heiles
willen sein »Fleisch und Blut« zu sich zu nehmen.
Aber die Ansicht des Johannes hat sich dennoch durchgesetzt.
Einigen wenigen (den besten oder den siegreichsten?) unter den
Hunderten von rivalisierenden Lehrern, die alle behaupteten, die
einzig wahre Lehre Jesu zu kennen und zu vertreten, und die alle
anderen des Betrugs bezichtigten, ist der Durchbruch gelungen. Daß
sich unter den besonderen Umständen, unter denen die Evangelien
entstanden sind, nicht nur (Abschreibe-)Fehler eingeschlichen haben,
sondern auch Widersprüche, ja Unwahrheiten, ist verständlich. Schon
von den Schriften des sogenannten Neuen Testaments sind mehr als
die Hälfte unecht, das heißt entweder ganz gefälscht, oder sie stehen
unter einem falschen Verfassernamen, was anscheinend ihrem
Charakter als »Gotteswort« keinen Abbruch tut. Die offizielle Kirche
weiß wie stets einen Ausweg: Was sie, wenn auch erst Jahrhunderte
später, als Originaltext deklariert hat, ist authentisch, ist »vom
Heiligen Geist inspiriert«, ohne Fehl und Tadel, ohne Abstriche.
Wieder muß sich das Prinzip der Catholica bewähren: Was gefälscht ist
und was nicht, was irrig und was wahr, bestimmt nicht die
Wissenschaft, nicht der denkende Mensch, sondern das bestimmen die
Kleriker — und der Heilige Geist. In der Praxis sieht das so aus: Um der
heillosen Verwirrung der Heiligen Schrift ein Ende zu machen,
beauftragte Papst Damasus (zu diesem sonderbaren Heiligen später) im
Jahr 383 den Hieronymus (einen heiliggesprochenen Verleumder und
Fälscher), einen einheitlichen Text herzustellen. Der Beauftragte tat
sein Bestes. Er änderte den Wortlaut der
148
Vorlagen an etwa 3500 Stellen. Diese Übersetzung des Hie-ronymus,
die sogenannte »Vulgata« - als »allgemein Verbreitete« bezeichnet -,
hat die Kirche selbst über Jahrhunderte hinweg angefochten, im 16.
Jahrhundert aber durch das Konzil zu Trient als »authentisch« erklärt.
Und für Katholiken wurde das Dogma von der göttlichen »Inspiration«
der biblischen Texte auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870
nochmals bestätigt. Darüber gibt es bis heute keine erlaubte Diskussion.
Die nichtkatholischen Kirchen wundern sich.
Die kanonischen, das heißt die nach langem Streit kirchenoffiziell
anerkannten Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes
sind erst Jahrzehnte nach dem mutmaßlichen Kreuzestod Jesu
entstanden. Keine Schrift des Neuen Testaments, der Bibel insgesamt,
ist original erhalten. In einem 1966 in Istanbul entdeckten Manuskript,
das Aufschluß über die frühen christlichen Jahrhunderte gibt, wird von
achtzig verschiedenen Versionen der Evangelien berichtet. Das heute
vorliegende Neue Testament entspricht dem Zustand, in dem es um
das Jahr 380 in der östlichen Christenheit verbreitet war. Ursprünglich
dachte niemand an die Möglichkeit einer »Kirche« und an deren
Geschichte oder Zukunft. Interessant wurden solche Aufzeichnungen
erst, als das Weltende nicht eintrat und der »Herr« partout nicht
wiederkommen wollte. Je weniger von diesem Herrn zu sehen war,
desto mehr mußte er — für die Evangelisten, Jünger, Gläubigen —
vergottet werden. Ein gewaltiger Prozeß des Umdeutens und
Umschreibens setzte ein. Die Naherwartung wurde zur Fernerwartung
und noch etwas später zum »ewigen Leben« umgemogelt, die Wunder
Jesu steigerten sich systematisch an Zahl und Qualität, und der Herr
selbst avancierte unter der Hand zum »Messias« für die Juden, zum
»Christus« für die Christen, zum »Gottessohn« für die Menschen aller
Länder und Zeiten. Damit hatte die Zwangsidee »Dogma« endgültig
den armen Mann aus Nazareth besiegt, war die »Kirche Christi«
definitiv zur Institution überhöht, mit
149
deren Hilfe die Menschen einer von Elitegruppen organisierten
Ausbeutung unterworfen werden konnten.
Ausbeutung? Die Stichwörter Ablaß, Hölle, Fegefeuer, Buße,
Spende, testamentarische Schenkung stehen für viele Details dieses
geistlichen Geschäfts mit der Angst. Jeder einzelne dieser
Mechanismen religiösen Schröpfens hat seine unheilvolle Tradition;
jeder von ihnen lebt bis heute fort. Noch in der Mitte unseres
Jahrhunderts wurde beispielsweise der Ablaß als »einer der größten
Faktoren der Wirtschaftsgeschichte« gerühmt, der »die strahlenden
Bischofsdome und lieblichen Münster« erbauen half, »die Landschaft
mit trauten Kapellen und Bildstöcken« füllte und »die Sakristeien und
Schatzkammern« ebenso. Ein 1971 mit kirchlicher Druckerlaubnis
erschienenes Buch schwärmt: »Die Lehre vom Ablaß, aus
Unwissenheit oft bekämpft, ist etwas vom Schönsten unseres
Glaubens. Am besten läßt sich der Ablaß mit einer Aktie vergleichen.
Je mehr Aktien einer besitzt, um so größeren Anteil erhält er am
Kapital und am Gewinn der betreffenden Firma. Die >Firma<, der wir
angehören, ist die Kirche; wer einen Ablaß gewinnt, wird >Aktionär<
der Kirche.«
Und die Beichte, neuerdings »Bußsakrament« geheißen? Der
Jesuit Adolf von Voß schreibt: »Gib Almosen, pflege Kranke,
begrabe Tote, faste, wache, bete, quäle dich, kasteie dich, weine dir
die Augen blind; — nichts von alledem ersetzt die Beichte.« Kleriker
brauchen die Sünden und die reuigen Sünder; sie leben davon, und sie
leben davon nicht schlecht. »Sei ein Sünder und sündige wacker«,
animiert Luther, »aber vertraue und freue dich in Christus.«
150
Was
Kirchen Menschen antun oder: Wer
wäscht da seine Hände in Unschuld?
Der Katholische Erwachsenenkatechismus, den die Deutsche
Bischofskonferenz 1985 herausgegeben hat, ist seiner Sache ganz
sicher: »Schließlich ist die Kirche als Tempel des Heiligen Geistes
selbst heilig.« Diese Heiligkeit wird gedeutet als »Ausgesondertsein
aus dem Bereich des Weltlichen und Zuge hörigkeit zu Gott«. Stark
kontrastiert zu dieser Katechismus-Wahrheit die historisch begründete
Meinung der katholischen Theologen Gertrude und Thomas Sartory, die
— wie wachsende Minderheiten in der Kirche - kritisieren: »Das
Christentum ist die mörderischste Religion, die es je gegeben hat.«
Zwar kann auch der Katechismus im Jahr 1985 nicht mehr die
geschichtlichen Schandtaten der Kirche unterschlagen, doch hat er eine
Ausrede parat. Er spricht davon, daß die »Spannung zwischen der
Heiligkeit der Kirche und der Sündigkeit ihrer Glieder« ein
»erschreckendes Ausmaß annehmen« könne - aber nur »zuweilen«,
»etwa im späten Mittelalter«. Daß die Gesamtgeschichte der Kirche
mörderisch ist und keine Ausnahmen zuläßt, gibt der Katechismus
wohlweislich nicht zu.
Sonntag für Sonntag beten Kirchengläubige im sogenannten
Apostolischen Glaubensbekenntnis, dem »Credo«, den uralten Satz
nach: »Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische
Kirche.« Kapierten aber die Gläubigen wirklich, was sie plappern,
müßte ihnen der fromme Satz im Mund stek-
151
kenbleiben. Denn kein einziges schmückendes Beiwort ist wahr: Die
Kirche, für die sie sich vollmundig stark machen, ist weder die »eine«
(sondern eine von vielen) noch die »apostolische« (sondern eine
selbsternannte), noch eine »katholische« (sondern, aufs Weltganze
gesehen, zunehmend eine Minderheit). Vor allem ist sie keine pauschal
»heilige« Kirche. Wer »progressiv« argumentiert, von einer »Kirche
der Zukunft« plaudert, die schließlich einmal heilig sein werde und
zumindest reformiert, hat nichts dazugelernt. Er handhabt eine
verdächtig unhistorische Methode. Er ist zu schnell bereit, seiner
Utopie 2000 Jahre Kirchengeschichte zu opfern. Er gibt offen oder
insgeheim zu, daß bisher so gut wie alles falsch gelaufen ist. Er blickt,
radikal und voller Weltveränderungswillen, in die große Zukunft einer
an Haupt und Gliedern erneuerten Kirche, als stünde die Wende
unmittelbar bevor. Er tut gut daran, diesen Glauben beizubehalten, denn
davon lebt er — und von nichts anderem. Er hat eine Lebensstellung, er
wartet auf die Reformation der Kirche.
Weil mancher Oberhirte partout nicht länger Exzellenz sein will,
sondern »Vater Bischof«, weil Pfarrer jetzt Krawatten und mausgraue
statt rabenschwarze Pullis tragen, die Nonnen kürzere Röcke, weil
Galilei nun schon vor Jahren rehabilitiert und so mancher hilfreiche
Heilige — nur weil er nie gelebt hat - aus dem Kalender gestrichen
worden ist, weil so vieles doch »aufbrach«, sich zur Welt hin »öffnete«,
zum »Dialog«, weil Theologen evidenter denn je am »Wir-auch-
Syndrom« leiden, einmal den Sozialismus preisen und neuerdings
wieder nicht, weil selbst Theologieprofessoren in Lateinamerika
Kaffee ernten und dafür in Randspalten auftauchen: Das alles mag
manche glauben lassen, der Katholizismus sei liberal, seine Theologie
fortschrittlich geworden. Ob das aber reicht, vor dem Hintergrund von
2000 Jahren Kriminalgeschichte an eine neuerdings »heilige Kirche«
glauben zu können? Ob Theologieprofessoren wirklich daran glauben?
Franz Schubert, dessen geistliche Mu-
152
sik man nicht ungern auch in Domen aufführt, wußte schon vor 150
Jahren, was das klerikale »Credo« taugt. Bei dessen Vertonung hat er
den Satz von der einen, heiligen, katholischen und apostolischen
Kirche, an die er glauben sollte, ausgelassen. Ob diese Konsequenz den
katholischen Hörern Schuberts je aufgefallen ist? Noch dürfen sie
nichts von der katholischen Wirklichkeit wissen.
Darf es ein bißchen Mord und Totschlag sein?
Wer die Bibel wörtlich nimmt, kennt das sogenannte 5. Gebot. Es
lautet knapp und klar: »Du sollst nicht töten!« Der überlieferte Text
des 5. der Zehn Gebote macht keine Umstände und keine Ausflüchte.
Er sagt, was er will. Zumindest könnte der unbefangene Gläubige das
meinen. Doch so naiv darf niemand sein, sagt ihm seine Kirche. Denn
sie hat längst schon den Klartext des Gottesgebots umgesetzt in
bedingte Tötungsverbote. Sie kennt eine Regel - und einige
Ausnahmen davon. Getötet werden darf nicht, sagt sie. Das gilt für
private Morde oder für Abtreibungen. Da läßt die offizielle Kirche
vorerst nicht mit sich reden. Aber sie meint auch, daß es legitime
Ausnahmen gibt: offiziell erlaubte Morde, Abweichungen vom
Gottesgebot. Zum Beispiel »gerechter Krieg«, »Glaubenskrieg« oder
»Todesstrafe«. Kardinal von Galen, dessen Widerstand gegen Hitler
sich in wenigen Predigten, dessen Zustimmung zu Hitler sich in vielen
Bekenntnissen gezeigt hat, ist ein leuchtendes Beispiel für den Umgang
der Kirche mit Gottes 5. Gebot: In derselben Predigt, in der er die
Vernichtung von Geisteskranken in Heil- und Pflegeans talten
anprangert, unterstreicht er das Recht zur Tötung von Millionen
gesunder Menschen in einem »gerechten Krieg«, dem des Adolf Hitler.
Wie immer handelt es sich um eine Machtfrage. Wer die
gesellschaftliche Macht hat, bestimmte Definitionen von Moral
aufzustellen und
153
durchzusetzen, ist gut dran. Wer diese Macht nicht hat, kann es mit
Argumenten versuchen, mit dem gesunden Menschenverstand, mit
einer Berufung auf Humanität. Ob er Erfolg haben wird, bleibt nach
unseren Erfahrungen mit den Definitionsmächtigen der Welt- und
Kirchengeschichte ausgesprochen zweifelhaft. Von daher gesehen, ist
es sehr chancenreich, Papst zu sein und unfehlbar. Dann kann einer ex
cathedra feststellen, daß Sterbehilfe inhuman ist und Gentechnologie
auch, daß fremde Kriege Sünde sind und die eigenen »gerecht«. Dann
läßt sich ein göttliches Gebot so lange zurechtbiegen, bis es den
eigenen Wünschen und Ansprüchen entspricht.
So ist beispielsweise der Freitod (klerikal als »Selbstmord«
diffamiert) streng untersagt; er richtet sich gegen das Gottesgeschenk
Leben. Allerdings kann das Gebot, andere umzubringen, unter
Umständen Vorrang haben vor dem Gebot, sich selbst nicht
umzubringen. Wenn andere Menschen im »gerechten Krieg« zu töten
sind, kann sogar - so die Moraltheologie -der eigene Tod mit in Kauf
genommen werden. Auch die Todesstrafe wird von Christen nicht
völlig abgelehnt; auch für sie führen gerade Christen »zureichende
Gründe« an. Luther schreibt über die weltliche Obrigkeit: »Die Hand,
welche das Schwert führet und würget, ist nicht mehr Menschen
Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott
hänget, rädert, enthauptet, würget, krieget.«
Das ist folgerichtig: Der Gott, den sich solche Theologen
ausgedacht haben, unterscheidet sich nicht im geringsten von seinen
Vätern und deren Mordinteresse. Noch heute — so 1973 ein
katholisches Lexikon - sind »die meisten katholischen und
evangelischen Theologen die wohl bedeutsamste Gruppe der erns t zu
nehmenden Verteidiger der Todesstrafe«. Sie haben aus ihrer eigenen
Geschichte gelernt: Seit das Christentum zur Herrschaft gelangt ist,
wurde die Anwendung der Todesstrafe im Römischen Reich nicht
vermindert, sondern vermehrt. Kaiser Konstantin verhä ngte sie auch
für jene Delikte, die den
154
sogenannten Heidenkaisern vor ihm noch als nicht schwerwiegend
gegolten hatten. Gegenstimmen aus der Kirche gab es so gut wie keine.
Zwar hat sich im 15. Jahrhundert Kardinal Bor-gia, später Papst
Alexander VI., einmal gegen die Todesstrafe ausgesprochen. Er hatte
seine Gründe, die Verurteilten gegen Kaution freizulassen: »Der Herr
wünscht nicht den Tod des Sünders, sondern daß er lebt - und zahlt.«
Es
wird doch noch gerechte Kriege geben?
Für Mord hatten die frühesten Synoden keine Strafe festgesetzt. Sie
waren davon ausgegangen, unter Christen käme so etwas nicht vor.
Doch um dieselbe Zeit, als der Kirchenlehrer Basilius für Soldaten noch
eine jahrelange Verweigerung des Abendmahls gebot, pries ein anderer
Oberhirte bereits das Töten im Krieg: der hl. Athanasius, der berühmte
»Vater der Rechtgläubigkeit«, ein ebenso kampferfahrener wie
intrigenerprobter Mann. Der seltsame Heilige, von Eidbrüchigen zum
Bischof gewählt und fortan ein besonders eifriger Gegner
zeitgenössischer »Irrlehren«, erklärte zwar den gewöhnlichen Mord
für unerlaubt, fand es aber »sowohl gesetzlich als auch lobenswert,
Gegner zu töten«. Sein Beispiel machte Schule, und bald war die
Privatmeinung des Theologen allgemeine Kirchenlehre und Moral. Sein
Kollege Ambrosius, der viel über die Nächstenliebe schrieb, schwieg
sich über die Feindesliebe instinktsicher aus - sie hätte seiner Kirche
nicht ins politische Konzept gepaßt. Christen wie er hetzten schon bald
in den »gerechten« Krieg, während nichtchristliche Denker der Epoche
durchaus noch zwischen den Parteien zu vermitteln suchten.
Ausschlaggebend für die Durchsetzung des legitimen Mor-dens
aber wurde jener hl. Augustin, der auch die schlimmsten sozialen
Gegensätze gerechtfertigt hat und dessen Ratschlag an die Armen hieß,
»im ewig gleichen unverändert harten Joch des niederen Standes«
auszuharren. Dieser Schreibtischtäter, der
155
lehrte, »wer härter straft, zeigt größere Liebe«, traf die folgenschwere
Unterscheidung zwischen »gerechten« und »ungerechten« Kriegen.
»Was hat man denn gegen den Krieg, etwa, daß Menschen, die doch
einmal sterben müssen, dabei umkommen?« fragt Augustin. Der
heilige Mann, der die Zwangsbekehrung Andersgläubiger, die
Konfiskation ihres Vermögens, die Verbannung Andersdenkender
betrieb, auch schon die Folter erlaubte, sie sogar »leicht« im Vergleich
zur ewigen Höllenstrafe nannte, eine förmliche »Kur« für den
Menschen, verteidigte den »gerechten Krieg« als Weg zum Frieden,
zumal der Erfolg des Guten eine gewisse Verlustquote rechtfertige.
Diese Doktrin stammte von einem Täter, der als »Zunge des Heiligen
Geistes« gefeiert worden ist, von einem Verbrecher des Wortes, »der,
wenn auch irdischer Mensch, doch ein Engel vom Himmel« geheißen
wurde, zumal er »in überirdischen Visionen wie ein Engel immerfort
Gott schaute«. Augustinus hat das blutige Handwerk rückhaltlos
anerkannt und von Grund auf legitimiert. Wahrheit und Irrtum
können und dürfen sich nicht vertragen, meinte der Große, und
deshalb müsse alles, was nicht im klerikalen Sinn wahr sei, mit
Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Der frühe Theologe Theodoret
gestand, »uns bringt Krieg mehr Nutzen als Frieden«, und hatte in
bezug auf die Kirche nicht unrecht. Als Christ unter »Heiden« zu leben
kann hart sein. Als Christ oder als Jude oder Heide unter Christen zu
leben ist viel schlimmer.
Was macht einen Krieg gerecht ? Alles, was der Kirchenlehre nützt,
alles, was deren Gegner schädigt. Von hier bis zu der Meinung, alles
antiklerikale Leben sei irrig und daher wertlos, war nur ein kleiner
Schritt. Das reale Töten hatte seinen Ursprung in der vorhergehenden
Vernichtung des anderen durch das Wort. Kardinal Nikolaus von
Kues, nur einer unter Hunderten, hetzt den Christen im 15.
Jahrhundert gegen den Türken, »das Tier der Apokalypse«, »den Feind
aller Natur und der ganzen Menschheit«.
156
Während die agnostisch denkenden Römer im Bereich der Religion
sehr tolerant waren und alle Kulte duldeten, die nicht den Gang des
öffentlichen Lebens störten, während sie auch die Christen erst
verfolgten, nachdem diese Sektierer das Volk aufzuwiegeln begonnen
hatten, haben sich die orthodox denkenden Christen ihre Feinde
systematisch zurechtgebogen, um sie bewußt auszurotten. Christliche
Feindbilder und Ressentiments lassen sich austauschen: »Heiden«,
Türken, Juden, »Ketzer«, »Hexen«, Kommunisten. Wer als irrend
definiert ist, hat sein Leben verwirkt. Zunächst war das Abschlachten
der sogenannten Heiden geboten. Dann galt jedes Gemetzel als
gottgefällig, bei denen die Guten und Gerechten den Bösen die
Feindesliebe mit dem Schwert beibrachten. Um der guten Sache
willen durfte schon etwas härter als gewöhnlich zugelangt werden,
besonders in jenen Kriegen, die man nicht nur gerecht, sondern
»heilig« nannte. Jetzt konnten die Guten guten Gewissens töten, jetzt
war das Gottesgebot endgültig ausgehöhlt. Der römische Kaiser
Konstantin hatte 313 den Christen die volle Religionsfreiheit gewährt,
und schon im folgenden Jahr beschlossen sie die Exkommunikation
fahnenflüchtiger Soldaten. Wer die Waffen wegwarf, galt als gebannt.
Vordem war es umgekehrt. So schnell ändern sich die heiligsten
Traditionen. So schnell sind statt der pazifistischen Christen die
kirchlichen Feldpfaffen zu sehen, statt der getöteten christlichen
Kriegsdienstverweigerer die tötenden christlichen Krieger. Die Kirche
war plötzlich militärfreundlich, und die Namen der frühen
Soldatenmärtyrer wurden aus den Heiligenkalendern getilgt.
Soldatengötter, Christus und Maria, diverse Heilige hielten dafür
Einzug und übernahmen genau die Funktion der heidnischen
Kriegsidole. Im Jahr 416 schließt der Erlaß eines Christenkaisers alle
Nichtchristen vom Heeresdienst aus; Massenmord im gerechten Krieg
ist von nun an allein Sache von Christen.
Noch bis nach Vietnam reichte dieser Gedanke. Im Spiel der
Allianzen war die westlich geprägte Kirche des Landes zur be-
157
vorzugten Partnerin des US-Apparats aufgerückt. Kirche und Armee
traten als mächtige Verteidiger einer etablierten Ordnung auf. Beide
hatten im Gegner den Todfeind erkannt, die Verleiblichung des Teufels,
dessen radikale Bekämpfung banale Selbstverständlichkeit unter
Christen war. Der Krieg wurde de facto zur Religionsausübung. Das
Adjektiv »gerecht«, durchaus ein schmückendes Beiwort, stand dem
Kriegführen, an dem Christen beteiligt waren, stets gut an. Katholische
Theologen haben es bis heute nicht auf die Empfängnisverhütung
angewandt. Geburtenkontrolle ist - von der »natürlichen« Papst Pauls
VI. abgesehen - auch nicht aus »noch so schwerwiegendem Grund«
gerecht. Kinder zu zeugen und zu gebären ist ungleich wichtiger, als
sich um deren Los zu kümmern. Zum Nationalfeiertag 1872, nach
dem von Frankreich gegen Deutschland verlorenen Krieg, wandte sich
Kardinal Mermillod an Frankreich und löste die Schuldfrage: »Du
hast dich von Gott abgewandt, und Gott hat dich geschlagen, du hast
in abscheulicher Berechnung Gräber geschaufelt, anstatt Wiegen mit
Kindern zu füllen, deshalb hat es dir an Soldaten gefehlt.« Mit der Zeit
kamen die Christen freilich in Bedrängnis, da sie immer häufiger und
mit einer gewissen Regelmäßigkeit über ihresgleichen herfielen. Daß
sie auf beiden Seiten durch Fasten, Gebete, Feldgottesdienste,
Feldpredigten auf den heiligen Krieg vorbereitet worden waren,
verschärfte ihr Problem. Was taugte ein gerechter Krieg, dessen
Teilnehmer an allen Fronten durch Predigt und Abendmahl gestärkt,
zu gleichen Teilen mit einem glücklichen Ausgang der gerechten
Sache rechnen konnten? Das Dilemma hat sich noch nicht lösen lassen,
bis heute nicht. Die »Waffen des Worts«, die »Waffen des Lichts«
unterstützen dann, wenn es erst richtig losgeht, den Donner der
Kanonen. Dann finden die Christen sich auf den Schlachtfeldern, dann
morden sie millionenfach, dann werden sie zu Millionen ermordet.
Dann gehen die Theologen, meist recht weit weg vom Schuß, an ihre
Trauerarbeit, dann trösten
158
sie Witwen und Waisen, und zum guten Ende stehen sie - wie ihre
Oberhirten — wieder auf der richtigen Seite. Gerecht ist stets die
Sache der Sieger, und da die Kirche Wahrerin der Gerechtigkeit (auch
und gerade im Krieg) ist, wird es niemanden wundern, läßt sie sich
immer wieder als Siegerin feiern. Verlegen wird die Kirche nie,
daher kennt sie auch keine Scham. Wer sich für Kinder ausspricht,
muß sich ebenso dezi-diert gegen Kriege entscheiden. Sonst
entscheidet man sich für »Kinder für den Krieg«.
Luther zum gerechten Krieg, den er als ein »Werk der Liebe«
bezeichnet, als »köstlich und göttlich«: »Also muß man auch dem
Kriegs- und Schwertamt zusehen mit männlichen Augen, warum es so
würgt und greulich tut. So wird sich's selbst beweisen, daß es ein Amt
ist, an ihm selbst göttlich und der Welt so nötig und nützlich wie
Essen und Trinken oder sonst ein anderes Werk.« Der evangelische
Theologe Althaus meint 1929, die »kriegerischen Zeitalter« seien der
Jugend nicht als »moralisch tieferstehend« zu schildern oder als
»barbarisch zu verleiden«. Solch einer ethischen Begriffsverwirrung
müsse gerade die Kirche scharf entgegentreten. Sie habe den
Mißbrauch aufzudecken, der mit Begriffen wie »Abrüstung« und
»Versöhnung« getrieben wird. Kardinal von Galen, noch immer als
»Widerstandskämpfer« gefeiert, hat 1938, ausgerechnet zur Zeit des
großen Judenpogroms, einen »Fahneneid« auf Hitler autorisiert, der
mit den Worten schloß:
»Was Frost und Leid!
Mich brennt ein Eid.
Der glüht wie Feuerbrände
Durch Schwert und Herz und Hände.
Es ende drum, wie's ende -
Deutschland, ich bin bereit!«
Die deutschen Bischöfe haben ihre Schafe in einen objektiv
verbrecherischen, also ungerechten Angriffskrieg gejagt und
159
den Hitler-Eid von ihnen verlangt. Sie haben die katholischen Soldaten
aufgefordert, »aus Gehorsam zum Führer ihre Pflicht zu tun und bereit
zu sein, ihre ganze Person zu opfern«. Sie haben den Überfall des
Diktators auf die Sowjetunion »mit Genugtuung« begleitet, ihn mit
dem »heiligen Willen Gottes« identifiziert. Und während sie
unermüdlich für den Verbrecher beten und ihre Glocken läuten ließen,
verlangten sie von »jedermann ganz und gern und treu seine Pflicht«,
die »ganze Kraft« und »jedes Opfer«, priesen sie Hitler als
»leuchtendes Vorbild«, seinen Schreckensstaat als »Retter und
Vorkämpfer Europas«, seinen Angriffskrieg als »Kreuzzug« und
»heiligen Krieg«. Kardinal von Galen 1936: » ... ich als deutscher Mann
und Bischof... danke dem Führer unseres Volkes für alles, was er für
das Recht, die Freiheit und die Ehre des deutschen Volkes getan hat.«
Was er damit konkret meinte, sagte der »Widerständler« auch: »Der
Führer, dem Gottes Vorsehung die Leitung unserer Politik und die
Verantwortung für das Geschick unserer deutschen Heimat anvertraut
hat, hat in mutigem Entschluß die Ketten zerrissen, in denen nach dem
unglücklichen Ausgang des Krieges feindliche Mächte unser Volk
dauernd gleichsam gefangenhielten.« Die feindlichen Mächte macht
derselbe Bischof 1945, nach seiner Bekehrung, wieder aus, doch wieder
anderweitig: »Das Gift der nationalsozialistischen Irrlehre hat offenbar
auch andere Völker angesteckt, selbst solche, die sich ihrer Demokratie
zu rühmen pflegten. Selbst die Nationalsozialisten gestatteten den
Häftlingen in Konzentrations lagern, zweimal im Monat Briefe mit
Angehörigen zu wechseln und von ihnen Lebensmittelpakete zu
erhalten. Solche Vergünstigungen gibt es bei den Engländern nicht.«
Schluß: Die KZs der Briten, in denen Nazis saßen und keine Briefe
schreiben durften, waren schlimmer als die der Nazis, in denen
Massenmorde an Juden exekutiert wurden.
Der Katholik Hitler war eben besser als die britischen Angli-kaner.
Der damalige Papst, Pius XII., wünschte dem Führer
160
folgerichtig »nichts sehnlicher als einen Sieg«. Als es dann anders
kam als erwartet, fand sich derselbe Papst sehr schnell auf der Seite
der wahren Sieger. Seine Kirche hatte doch den bösen Mann Hitler
schon vor 1933 tapfer bekämpft, und nach 1945 bekämpfte sie ihn
wieder. Hatte sie nicht jedes moralische Recht, auch künftig zu
definieren, was gut war und was böse? Was gerecht und was
ungerecht? Der Kölner Kardinal Frings hatte schon 1950 den Mut, als
erster öffentlich die Wiederaufrüstung der Deutschen zu fordern. Du
sollst nicht töten?
Auf zu neuen gerechten Kriegen, wo immer diese sich lohnten, hieß
die klerikale Devise. Kriegsdienstverweigerung aber galt deutschen
Oberhirten als »eine verwerfliche Sentimentalität«. 1956 wurde der
stellvertretende Armeebischof Hitlers, Werthmann - der einst
hakenkreuzgeschmückt katholische Kriegsdienstverweigerer
»ausgemerzt und einen Kopf kürzer gemacht« hatte sehen wollen -,
Generalvikar in der Bundeswehr. Du sollst nicht töten? 1959
verkündete der Jesuit Gund-lach, einer der wichtigsten Berater Papst
Pius' XII., als Resultat der päpstlichen Lehre über den gerechten Krieg:
»Die Anwendung des atomaren Krieges ist nicht absolut unsittlich.«
Und die Folgen? Der Moraltheologe meint zum möglichen
Weltuntergang: » ... wir haben erstens sichere Gewißheit, daß die Welt
nicht ewig dauert, und zweitens haben wir nicht die Verantwortung für
das Ende der Welt. Wir können dann sagen, daß Gott der Herr, der
uns durch seine Vorsehung in eine solche Situation hineingeführt hat
oder hineinkommen ließ, wo wir dieses Treubekenntnis seiner
Ordnung ablegen müssen, dann auch die Verantwortung
übernimmt.«
Jesuit Hirschmarin bejahte »unter Aussicht auf millionenfache
Zerstörung menschlichen Lebens in der heutigen Situation das Opfer
atomarer Rüstung«. Ein Gremium katholischer Theologen billigte »die
Anlegung eines Atomwaffenvorrates« und tat die Massentötung
Unschuldiger als erlaubte »Nebenwirkung« des Atomschlages ab.
Die katholische Militärseel-
161
sorge der Bundeswehr bereitete ihre Soldaten darauf vor, daß
»Christus mehr von uns verlangt, als selbst Hitler...«. Du sollst
nicht töten? Doch all dies ist keine römisch-katholische Spezialität:
Nach dem Zweiten Weltkrieg belehrt der protestantische Bestseller-
Theologe Thielicke seine Leser: »Christen, die ihren Kriegsdienst unter
den Augen Gottes ableisten, haben ihr Handwerk des Tötens immer so
verstanden, daß sie es im Namen der Liebe übten!« Und sein Kollege
Künneth erklärt 13 Jahre nach Hiroshima: »Selbst Atombomben
können in den Dienst der Nächstenliebe treten.« In einem
österreichischen Prozeß um Waffenschiebereien hat der katholische
Moraltheologe Andreas Laun noch 1990 in einem Gutachten
behauptet, Waffenexporte seien nicht grundsätzlich verwerflich. So
könne im vorliegenden Fall der Export von Raketen an den Iran nicht
als in sich unmoralisch bezeichnet werden. Wer das sage, müsse zuerst
beweisen, daß der Iran einen Aggressionskrieg geführt und die
gelieferten Waffen »in unmoralischer Weise« eingesetzt habe.
Waffenlieferungen könnten sogar »eine gute Tat« sein.
Die Kirche ist bis in die Gegenwart hinein ein erheblicher Faktor
des Unfriedens. Auch das Zweite Vatikanische Konzil hat die Idee
vom »gerechten Krieg« nicht beerdigt; es hat keine ausdrückliche
Verurteilung des Angriffskrieges ausgesprochen und
Kriegsdienstverweigerung nicht direkt anerkannt. Der gegenwärtige
Papst hat am 11. Juni 1982 vor der UNO die Abschreckung mit
Atomwaffen als moralisch vertretbar bezeichnet, wobei er wie
selbstverständlich nur die westliche Abschreckung gemeint hat und
nicht die von der anderen Seite. Ähnlich haben es die westdeutschen
Bischöfe in ihren Verlautbarungen zum Thema gehalten und sich als
Hilfsbischöfe der NATO bezeugt. Der New Yorker Erzbischof
O'Connor hat vor dem Ausschuß für Außenpolitik des
Repräsentantenhauses dargelegt, daß die Kirche die Anwendung von
Atomwaffen durchaus billige, wenn eine »geringstmögliche
Schädigung von Zivilpersonen gewährleistet ist«.
162
Die Theologin Uta Ranke-Heinemann fragt, was der Ober-hirte
darunter verstanden haben wolle. Darf nur ein Zivilist unter
Milliarden nuklear verheizt werden? Darf nur eine Stadt unter tausend
Städten verstrahlt werden? Darf nur ein Land unter vielen verbrannt,
nur ein Kontinent unter anderen atomar beseitigt werden? Darf nur
ein Planet unter Millionen anderen ausgelöscht werden? Und was
ungeborene Zivilpersonen im Mutterleib betrifft, bis zu welcher
Zahlenobergrenze stimmt die Kirche den nuklear bewirkten
Abtreibungen zu? Und was ist schließlich mit dem Erbgut der
Zivilpersonen? Ist eine Schädigung des Erbgutes bis in die dritte oder
bis in die siebente Generation als »geringstmögliche Schädigung« für
den katholischen Bombenkatechismus noch tragbar? Die Bischöfe der
Bundesrepublik antworten in ihrem einschlägigen Hirtenbrief von
1983 nicht auf diese Fragen. Diese Megaphone der Rüstung, deren eine
Vorgänger die Hexenverfolgung belobigt und deren andere Vorgänger
Hitlers Angriffskrieg unterstützt haben, machen es sich noch
einfacher. Ihre Bombenmoral ist schon zufrieden, wenn sich die
Atomwaffeneinsätze nicht gegen »Bevölkerungszentren« oder
»vorwiegend zivile Ziele« richten.
Den Theologen, die ständig mit Himmel und Erde jonglieren
(darunter tun sie's nicht gern), geraten Situationsdeutungen sehr
leicht und schnell zu Global- und Weltinterpretationen. Weltkrisen
müssen es sein, mit denen sie sich befassen, und die »Welt im Wandel«
ist ein Lieblingsthema solch pauschaler Deutungsversuche. In jedem
Fall muß das Feindbild umfassend sein; seine Errichtung und
Legitimation sind christliches Gedankengut seit eh und je. Innere
aggressive Bedürfnisse, so der Theologe Friedhelm Krüger, werden
ebenso wie Triebspannungen in der Weise verarbeitet, daß man sie in
Fremdgruppen hineinprojiziert, die damit automatisch als
aggressionsgeladene »Feinde« erscheinen. Die Tötungshemmung
braucht ein solch potenziertes Feindbild, um aufgehoben wer-
163
den
zu können. Das 5. Gebot Gottes, Du sollst nicht töten!, bedarf der
theologischen Ergänzung durch ein spezifisch christliches Feindbild
(Irrlehrer, Heiden, Juden), um übertreten werden zu können. Die
wahren Kriegsgründe sind gekonnt verschleiert: Der Landnahme-Trieb
(»verheißenes Land«) ist einer von ihnen.
Haben Päpste und Bischöfe sich wenigstens selbst an das
5.
Gebot gehalten und »nicht getötet«?
Der Krieg von Christen gegen Christen, von Oberhirten gegen
Oberhirten ist keine Ausnahme der Kirchengeschichte gewesen,
sondern die Regel. Päpste haben jahrhundertelang gegen i hre
Konkurrenten (»Gegen-Päpste«) gekämpft, und Bischöfe gegen
Bischöfe oder auch gegen Klöster, ja Mönche gegen ihre Äbte. Keiner
schont den Mitchristen. Du sollst nicht töten? Päpste sind bald mit
Helm, Panzer und Schwert auf der Weltbühne erschienen. Sie hatten
eigene Heere, ihre eigene Marine, ihre Waffenfabrik. Um Schlösser,
Grafschaften, Grundbesitz führten sie Krieg. Ganze Herzogtümer
wurden von den »Nachfolgern des hl. Petrus« geraubt. Überall
warben sie Söldner und schlachteten ihre Gegner ab. Papst Leo IX.
ignorierte 1053 die Friedensbestrebungen der Reformer von Cluny,
ignorierte sein eigenes Wehrverbot für Kleriker, ignorierte Treueid und
Lehensdienst, den ihm die getauften Normannen versprachen, und
bekriegte sie. Dabei verwandte er zum erstenmal den Begriff des
»heiligen Krieges«, eine der folgenreichsten und verhängnisvollsten
Entscheidungen des Papsttums, die nicht nur das Elend des
Kreuzzugsjahrhunderts einleitet. Leo IX. erklärte seine Soldaten zu
Märtyrern und Heiligen; ein Beispiel, das bald zum Mißbrauch des
Begriffs »heilig« führen sollte. Vierzig Jahre später waren die
Kreuzzüge, allesamt heilige Kriege, geboren, um mit wechselnden
Namen und Zielen die folgenden 900 Jahre zu überdauern.
164
Krieger müssen gestählte Körper haben — und geduckte Geister.
Christlicher Kriegsdienst verlangte eine kollektive soziale Askese. Nur
die Disziplin solcher verkappten Mönche, die auf Gehorsam und
Verzicht eingeschworen worden waren, würde es schaffen, die
Überlegenheit des Christenglaubens über alle Rivalen zu begründen
und vor den Augen einer ganzen Welt durchzusetzen. Schöpferisch
und aggressiv, weil diszipliniert und verdrängend, hieß die siegreiche
Lebensanschauung der Glaubenskämpfer. Papst Gregor VII. (1073-
1085) hatte ein Motto: »Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert
vom Blut zurückhält.« Er rief eine ganze Welt zur Bildung eines
Heeres auf, an dessen Spitze er als »Führer und Bischof«
marschieren wollte. Gregor IX. (1227-1241) zog gegen den siegreich
vom Kreuzzug heimkehrenden Kaiser Friedrich. Urban VI. (1378-
1389), ein Wahnsinniger auf dem Thron, der den Bischof von Aquila
ermorden, fünf Kardinale fürchterlich foltern und hinrichten ließ, focht
mit seinen Söldnern im sizilianischen Erbfolgekrieg. Pius V., von
dessen Heiligkeit noch die Rede sein wird, und Sixtus V. lieferten
Türken und Briten gewaltige Seeschlachten. Julius II. (1503—1513)
führte in fast jedem Jahr seiner Regierung einen Krieg: »Wenn mir
schon Sankt Peters Schlüssel nicht weiterhelfen, so doch sein Schwert!«
Papst Paul IV. (1555-1559) sah seinen Arm »bis zum Ellbogen in Blut
getaucht«, war aber so moralisch, daß er Michelangelos »Jüngstes
Gericht« übermalen ließ. Noch vor gut hundert Jahren rekrutierte Pius
IX. (1846-1878) eigene Truppen. Und noch vor fünfzig Jahren hätten
Päpste das Diktum Pauls IV. wiederholen können, sogar mit größerem
Recht - obgleich auch sie sehr auf Moral hielten. Pius XII. (1939-1958)
beispielsweise, der Ende 1939 als Ursache des »heutigen Elends« nicht
Hitlers Weltkrieg sah, sondern die kurzen Röcke der Damen.
Bischöfe und Äbte hielten sich, das Vorbild der Päpste vor Augen, in
ihren eigenen Territorien nicht zurück. Sie waren jahrhundertelang
die Söhne, Br üder, Vettern des weltlichen
165
Adels, waren so machtgierig und habsüchtig wie dieser, auch gewiß
nicht weniger verhaßt. Das bezeugen die Bischofs- und Abtsmorde im
Mittelalter, die Pfaffenkriege und Pfaffenjagden sowie unzählige
literarische Dokumente. Die »Kardinals-Verschwörung« - ein Beispiel
von vielen - richtete sich 1517, dem Jahr von Luthers Thesenanschlag,
gegen Papst Leo X. Der Giftanschlag scheiterte, und der Papst rächte
sich furchtbar an den Verschwörern. Die Verhöre sollen grausige
Enthüllungen erbracht haben, Geständnisse wurden erpreßt,
geflüsterte Berichte über den Prozeß verwirrten den Kirchenstaat. Der
27jährige Kardinal Petrucci wurde mit einer angemessenen Schlinge
aus purpurner Seide von einem Mohren erdrosselt; kein Christ durfte
einen Kirchenfürsten hinrichten. Angesichts dieses Exempels
winselten die übrigen Kardinale um Gnade. Diese wurde ihnen gegen
Zahlung riesiger Bußgelder gewährt; allein Kardinal Riario berappte
150000 Golddukaten, gut die Hälfte der päpstlichen Jahreseinnahmen.
Leo X. kassierte - und ernannte gleich 31 neue Kardinale auf einen
Schlag. Nach politischen Gesichtspunkten, wie manche meinten, nach
der Zahlungskraft der Kandidaten, wie Kenner wußten.
Die Oberhirten — Du sollst nicht töten! — kommandierten ganze
Armeen. Manche Prälaten vollstreckten die Blutrache an den Irrenden
mit eigener Hand. Kein Bistum, dessen Hirte nicht zuweilen
jahrzehntelange Fehden führte. Oft wurden weder Frauen noch Kinder
geschont, weder Greise noch Invaliden. Bischöfe kämpften mit den
Königen gegen die Fürsten, mit den Adligen gegen die Könige, mit dem
Papst gegen den deutschen Kaiser, mit dem Kaiser gegen den Herrn zu
Rom, mit einem Papst gegen den anderen, mit den Pfarrgeistlichen
gegen die Mönche und umgekehrt, im offenen Feld, in Straßen-,
Kirchenschlachten, mit Dolch und Gift. In Katechismen und Büchern
der Kirchengeschichte ist von solchen Dingen wenig bis nichts zu lesen.
Die klerikal gelenkte Geschichtsschreibung baut lieber
Nebenkriegsschauplätze auf. Sie ist beispielsweise bestrebt, die
166
Zahl der christlichen Märtyrer möglichst hoch anzusetzen, um ihre
These zu bekräftigen, der christliche Glaube sei durch das Blut der
Verfolgten zur Staatsreligion geworden. Doch diese Heldensage
stimmt nicht. Sie wird auch durch Wiederholung nicht wahr. Die
große Zahl wird bereits durch den Kirchenschriftsteller Origenes im
3. Jahrhundert stark relativiert, der schreibt, die christlichen
Blutzeugen seien »leicht zu zählen«. Es wird freilich noch lange
dauern, bis die offiziellen Katechismen auch in dieser Hinsicht redlich
werden.
Wer meint, das 5. Gottesgebot habe jemals uneingeschränkt auch
für Kleriker gegolten, irrt. Die Devise lautete: Du sollst Gottes Feinde
töten, wo immer du auf sie triffst! Und du sollst zuerst definieren, wen
du am meisten für Gottes Feind hältst! . Und du sollst am tunlichsten
deine eigenen Feinde als die der Kirche - und Gottes — ausgeben! Denn
das verschafft dir freie Hand. Niemand vor Stalin und Hitler hat in
Europa das menschliche Leben so unentwegt aufs äußerste
verachtet, in den Staub getreten, ja diese Vernichtung als
»gottgewollt« verkündet wie die christliche Kirche.
Wie oft mußte die Madonna als Kriegsgöttin dienen?
Waren die beschriebenen Taten nicht bloße Männeruntaten, wie sie
im Patriarchat vorkommen? Gibt es nicht auch eine andere, feminine
Seite des Christentums? Einen unpolitischen Marienkult? Wer so zu
fragen gewohnt ist, verrät seine Ignoranz in Dingen klerikaler
Wirklichkeit. Denn nichts in der Kirche ist harmlos, alles ist
machtpolitisch kalkuliert. Gewiß gilt Maria als die »reine Jungfrau«,
»unsere liebe Frau«, zu der Scharen von Beterinnen und Betern
wallfahren. Aber die Madonna, von den Ihren seit eh und je
funktionalisiert, ist keineswegs so friedlich: Wie ihre Vorläuferinnen -
die Liebes- und Kampfgottheit Ischtar etwa oder die jungfräuliche
Kriegsgöttin Athene - wurde auch sie die große Rachegöttin, »Unsere
Liebe
167
Frau vom Schlachtfeld«, die »Siegerin in allen Schlachten Gottes«. Mit
Maria zu morden ist alter römisch-katholischer Brauch. Daß Männer
der Kirche mit Maria in jeden Religions krieg ziehen konnten, ist eine
Tatsache. Maria wird zum »Schlachtruf der Christen«: auf den
Kreuzzügen der Ritterherren, auf den Ketzerjagden der Mönchsherren,
in den Türkenkriegen der Abendlandsherren, im Kampf der guten
Herren um ihre heiligsten Güter gegen die gottlosen Untermenschen
der neueren Zeit, die Bolschewiken. Immer zieht die Jungfrau mit den
Kriegern. Immer erweist sie sich den Ihren als siegreich, denn »ein
Diener Mariens geht niemals verloren«. Selbst wenn er auf dem Feld
der Ehre fällt, ist er nicht vergessen: Die Madonna hat es schon da
drüben gerichtet.
Hienieden haben die Kleriker ihre Madonna nach Gusto
hergerichtet. Wenn schon Gottvater ins Bild passen mußte und auch
der Sohn Jesus, konnte die Mutter nicht zurückstehen. Beispiele für
eine solche Zurichtung finden sich zuhauf. Dreihundert Jahre lang
hatte sich der Klerus desinteressiert gezeigt, wie sich das
Geschlechtsleben Marias im weiteren Verlauf ihrer Ehe mit Joseph
gestaltet hatte. Dann aber kam der Jungfrauenkult auf und forderte sein
Recht. Geschlechtliche Enthaltsamkeit ist, so der Jesus-Forscher
Weddig Fricke, eine klerikale Erfindung, und diese Erfindung entsprach
just der Interessenlage des römischen Kaisertums im 4. Jahrhundert:
Menschen mögen sich paaren, eine Göttin tut so etwas nicht. Also hat
Maria außer Jesus keine weiteren Kinder gehabt und ist »vor, in und
nach der Geburt Jungfrau« geblieben, wie das Dogma lehrt. Im übrigen
spricht der Jesus, den die Evangelisten zeichnen, seine eigene Mutter
nicht ein einziges Mal mit einem respektvollen oder gar liebevollen
Wort an. Diese Mutter ist - im Vergleich zum göttlichen Vater (auf den
es patriarchalen Denkern und Schreibern auch allein ankommt) - nur
das »Weib«. Im Neuen Testament findet sich nicht der geringste
Ansatz für den später ausufernden Kult um Maria. Die Dogmen der
römischen Pa-
168
triarchatskirche mußten Stück um Stück hinzuerfunden werden, als es
politisch angezeigt war. Maria unter dem Kreuz? Papst Johannes Paul
II., dessen Regierungsdevise »totus tuus«, »ganz der deine« (an Maria
gerichtet), lautet, interpretiert 1987 seine Maria als eine Mutter, die
der Hinrichtung des Sohnes »in mütterlichem Geist. .. liebevoll
zugestimmt« habe. Leicht zu sehen, wieviel Ahnung Kirchenmänner
von mütterlichem Geist haben. Aber auf ihre Fahnen pflanzen sie ihre
Madonna. Oströntische Truppen nahmen ihr Bild mit in den Krieg.
Zahlreiche katholische Großschlächter waren innige Marienverehrer.
Kaiser Justinian I., der mit päpstlichem Beistand zwei Germanenvölker
ausgerottet hat, schrieb seine Blutsiege Maria zu. Ebenso erkor sie
sein Neffe Justinus II. zur Schutzherrin im . Kampf gegen die Perser.
Ein Monstrum wie Chlodwig - nach dem Köln noch heute einen Platz
benennt - führte seine brutalen Triumphe über die »ketzerischen«
Gegner auf die Madonna zurück. Karl der Große, der über seinen
vielen Frauen und Nebenfrauen immerfort Marias Bild auf der Brust
trug, konnte i n 46 Regierungsjahren auf fast fünzig Feldzügen ganze
Völker dezimieren und Hunderttausende Quadratkilometer Land
rauben. Dankbar errichtete er seiner »himmlischen Schützerin auf dem
Schlachtfeld ehrwürdige Heiligtümer«.
Der Marien- und Schlachtkult wurde ausgebaut: Beim Ritterschlag
empfing der Reisige das Schwert zu »Mariens Ehr«. Das
Feldgeschrei hieß »Maria, hilf!«. Die Kreuzfahrer riefen die
Madonna an, bevor sie mordeten, und danach lobten sie die
jungfräuliche Siegerin. Im Osten standen die Ritter des Deutschen
Ordens, die töteten und notzüchtigten, »allein im Dienste ihrer
himmlischen Dame Maria«. Die fürchterliche Massakrierung der
albigensischen »Ketzer« war »ein Triumphzug Unserer Lieben Frau
vom Siege«, der das ganze Mittelalter durchziehende Krieg gegen den
Islam ein Sieg der »Gottesmutter«. Im Kampf um Belgrad (1456),
einer »marianischen Waffentat unter der Führung eines großen
Marienpredigers«,
169
sollen mit Mariens Hilfe 80000 Türken erschlagen worden sein. 8000
»Ungläubige« fielen in der Seeschlacht von Lepanto, zu deren
Andenken der Papst ein eigenes Marienfest eingeführt hat. Denn
»weder Macht noch Waffen, noch Führer, sondern Maria vom
Rosenkranz hat uns zum Sieg verholfen«. Auch das erste große Blutbad
im Dreißigjährigen Krieg, die Schlacht am Weißen Berg von 1620,
war ein Mariensieg. Der Heerführer Tilly, ein inbrünstiger
Madonnenverehrer, erfocht »seine 32 Siege im Zeichen Unserer
Lieben Frau von Altötting«. Die Hauptfahne der Katholischen Liga
zeigte das Bild »Marias vom Siege«. So ging es weiter bis in unsere Zeit:
Mussolinis Fliegertruppen hatten Maria zur Schutzpatronin, und selbst
der Spanische Bürgerkrieg war in den Augen Francos von einem
mariani-schen Endsieg gekrönt. Freilich machte die Madonna nicht auf
Anhieb alle Finten mit, sondern half auch der falschen Seite: Obgleich
der fanatische Marienpapst und Hitler-Unterstützer Pius XII. zum 31.
Oktober 1942 die ganze Welt ihrem unbefleckten Herzen geweiht
hatte, erfolgte an diesem Tag der Durchbruch der englischen Truppen
bei El Alamein. Der nächste Mariensieg fiel mit Stalingrad zusammen:
Am Fest Maria Lichtmeß triumphierte die Rote Armee. Die
Befreiung von Tunis und Nordafrika geschah am Fatimatag, die
Kapitulation Italiens fiel auf Maria Geburt, die japanische Kapitulation
auf das Fest Maria Himmelfahrt. Auch in der jüngsten Vergangenheit
will die himmlische Heerfrau offensichtlich nicht immer so, wie der
Vatikan es gern hätte. Doch besteht noch die Hoffnung, daß sich die
päpstlichen Dinge zum Guten wenden: Der gegenwärtige polnische
Pontifex, bei dessen Visiten in aller Welt die Marienwallfahrtsorte
Kulminationspunkte sind, erwartet von seiner Patronin die baldige
Bekehrung der Sowjetunion. Die Marienverehrung des Wojtyla-
Papstes ist Ausdruck seiner politischen Theologie, und Präsident
Watesa trägt die Schwarze Madonna am Revers.
170
Wozu sind Kreuzzüge geführt worden?
Über Jahrhunderte hinweg predigte der Klerus den Heiligen Krieg, zu
dem Papst Urban II. im Jahr 1095, in richtiger Einschätzung der
Angelegenheit, noch die Räuber aufrief. Er garantierte den
Kämpfenden Sündenvergebung im Jenseits, im Diesseits reiche Beute
und ein Land, in dem Milch und Honig fließen. »Gott will es, Christus
befiehlt es!« hieß die Devise, die Tausende in den sicheren Tod trieb.
Mit dem Kreuz, dem Siegeszeichen, zogen sie los. Auf Kleider, auf
Fahnen hatten sie es nähen lassen. Schon an Rhein und Donau
erschlugen sie in Seinem Namen Tausende von Juden. Dann
vergewaltigten und mordeten sie die christlichen Ungarn. Bei der
Einnahme Jerusalems im Sommer 1099 - an einem Freitag, zur Stunde
der Kreuzigung, wie entzückte Chronisten jubeln - massakrierten sie
fast 70000 Sarazenen. Sie töteten, da sie alles zu rauben beschlossen,
»jeden Einwohner«, wie ein Erzbischof schreibt. Sie troffen von Blut
und hängten an den Eingang der »gesäuberten« Häuser zum Zeichen
ihrer Besitzergreifung den eige nen Schild, das »Wappen«. Mord,
Totschlag, Landnahme wurden eins. Im Tempel Jerusalems metzelten
sie derart, daß sie »durch Gottes wunderbares und gerechtes Urteil bis
zu den Knien und sogar bis zu den Sätteln der Pferde in Blut wateten«.
Dann, so ein Augenzeuge, gingen sie »glücklich und weinend vor
Freude hin, um das Grab Unseres Erlösers zu verehren«.
Für die katholische Welt wurden die Kreuzzüge freilich bald ein
einziges Fiasko. Ganze Heere verschwanden fast spurlos, auch 50000
Kinder, die perverse Prediger gegen die »Ungläubigen« gehetzt.
Andererseits erstarkte der Islam, das dauerhafteste Resultat der
Kreuzzüge überhaupt. Den Muslims von heute Fanatismus, Mordlust,
Fundamentalismus, heilige Kriege vorzuwerfen verkennt die
historische Ausgangslage. Für jeden einzelnen Vorwurf stehen
Tausende von historischen Beweiszeugen im christlichen Lager.
Papst Gregor XIII. stellt 1584 die
171
Nichtkatholiken auf eine Stufe mit Seeräubern und Verbrechern. Als
man den Westfälischen Frieden schließt, nach Dreißigjährigem Krieg
und in totaler Erschöpfung der ausgebluteten Völker, ist es Papst
Innozenz X., der feierlich gegen den Friedensschluß protestiert. Die
Päpste treiben immer wieder in den Krieg. Die Kreuzzugsidee wird
zum beherrschenden Gedanken ihrer Außenpolitik, und dies bis zum
Ende des Mittelalters. »Die höhere Seeräuberei«, wie Nietzsche urteilt,
bringt Gewinn. Die religiöse Idee, falls es eine solche je gegeben hat,
wird mit den militärischen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten
des Unternehmens in eins gesetzt. Der Heilige Krieg ist Angriffs- und
Landnahmekrieg, und mit der Zeit machen sich die Päpste nicht
einmal mehr die Mühe, diesen Sachverhalt zu kaschieren.
Haben etwa die »Ketzer« die Inquisition erfunden?
Von Augustinus, dem Prototyp der späteren Ketzerjäger, führt eine
gerade kirchenpolitische Linie zur Inquisition. Der Begriff selbst
wurde relativ spät gefunden und legitimiert. Die Sache ist wesentlich
älter. Die »Suche nach dem bösen Feind« (Inquisition) begann in der
Karolingerzeit mit der Einrichtung von bischöflichen Sendgerichten
und führte allmählich zur systematischen Sektenfahndung, zur
bewußten Produktion eines Terrors, der über Jahrhunderte hinweg
ungezählte Menschen vernichtet hat. Von einer Entschädigung für
die Opfer ist unter den Klerikalen nie die Rede gewesen. Eine
öffentliche Bitte um Vergebung für diese Morde kommt keinem Papst
über die Lippen; es gibt weder einen (wenn auch nur symbolischen)
Fonds in der Kirche zur Wiedergutmachung noch irgendeinen
Gedenktag im Festkalender, der an die eigenen Blutopfer erinnert.
Unter den Tausenden Festtagen, die Jahr für Jahr den
Kirchenkalender füllen und sich mehrfach auf jeden einzelnen Tag
des Kirchenjahres legen, findet sich kein
172
einziger, der die eigene Schuld bekennt. Die Institution, die aller
Welt Sünden vorrechnet und Reue verlangt, ist selbst zwar
hunderttausendfach schuldig geworden, aber völlig reueunfähig.
Die historische Inquisition gipfelte im Herausschneiden der Zunge,
im Erdrosseln, im Feuertod. 1194 wurde sie zunächst in Spanien, dann
in Italien, Deutschland und Frankreich gesetzlich geregelt. Papst
Innozenz IV. stellte 1252 alle nichtkatholischen Christen auf eine Stufe
mit Banditen und verpflichtete die weltlichen Herrscher, schuldige
Ketzer innerhalb von fünf Tagen umzubringen. Die Dominikaner,
Schüler des Thomas von Aquino, der energisch die Vernichtung
»verpesteter Menschen« verlangt hatte, richteten eigene Bluthunde für
die Ketzerjagd ab. Nun wurden die »Schuldigen« gemartert und mit
Weihwasser bespritzt, auf den Folterbock gebracht, auf die Wippe, in
glühende Kohlen, Spanische Stiefel. Die Guten schlugen Kreuzzeichen
und zerschlugen Andersdenkende. Sie riefen beim Zusammentritt des
Tribunals zum Heiligen Geist und erlaubten während des
Schauprozesses alle Mittel des Betrugs. Jeder Katholik mußte eidlich
die Mithilfe bei der Ketzersuche geloben und den Schwur alle zwei
Jahre wiederholen. Kam es zum Brennen, wurden die besten Plätze am
Scheiterhaufen meistbie-tend verkauft. Gläubige, die das Brennholz
heranschleppen halfen, bekamen vollkommene Ablässe zugesagt. Alles
geschah auf legale und gottgefällige Weise. Die vatikanische
Jesuitenzeitschrift lobt noch 1853 die Inquisition als »ein erhebendes
Schauspiel sozialer Vollkommenheit«. Denn der Mord kannte sein
Rezept und hatte seine Kunst. Du sollst nicht töten?
Ketzerverfolgungen geschahen - so die offizielle Lehre -, um der
Wahrheit gegen den Irrtum zum Sieg zu verhelfen, aus Wahrheitsliebe.
Papst Urban II. (1088-1099), seliggesprochen und somit unfehlbar im
Himmel beheimatet, sah im Erschlagen und Verbrennen von
Gebannten »aus Eifer für die Mutter Kirche« keinen Mord. Die
Seinen hielten sich denn auch daran.
173
Allein der Großinquisitor Torquemada schickte in Spanien 10220
Menschen in den Feuertod und 97371 auf die Galeeren. Und auch die
Strafe der »Sippenhaft« ist keine nazistische Erfindung: Papst Gregor
IX. (1227-1241) hat bis in die siebte Generation exkommuniziert.
Tote, deren Irrlehre erst später aufgedeckt wurde, mußten exhumiert
und wie zu Lebzeiten behandelt werden. Berüchtigte frühe Beispiele
bieten Päpste selbst. Stephan VI., ein grauenhaft pathologischer
Pfaffe, befahl 897, den Vorgänger Formosus (891-896) auszugraben.
Dann wurde der Ketzerpapst offiziell verurteilt; sein Nachfolger schlug
ihm zwei (»Segens«-)Finger der rechten Hand ab. Es war freilich eine
der letzten Schandtaten des Papstes Stephan, bevor ihn das Volk von
Rom in den Kerker werfen und erwürgen ließ. Doch Sergius III., eine
der Leitgestalten der päpstlichen Pornokratie im 10. Jahrhundert, ließ
den Leichnam des Formosus 905 nochmals ausgraben, ihn in päpstliche
Gewänder hüllen und auf den Thron setzen, bevor dem Toten,
neuerlich verdammt, drei weitere Finger und der Kopf abgehackt
wurden. Sergius III. hatte, was das Bild des Papsttums seiner Zeit
abrundet, eine Mätresse namens Marozia, die nach dem Urteil des
Historikers Hans Kühner umsichtig begonnen hatte, »Päpste
einzusetzen, abzusetzen, zu morden und zu gebären«.
Verfolgung über den Tod hinaus? In Sachen Inquisition nichts
Ungewöhnliches. Nachdem der Züricher Reformator Zwingli
erschlagen worden war, wurde er unter rechtgläubiger Aufsicht
gevierteilt und verbrannt. Um seine Asche zu ver-unehren, mischte
man Schweinemist unters Feuer. Nichts Neues: Bereits unter den
Scheiterhaufen des Jan Hus, den die Kirche 1415 in Konstanz
verbrannte, hatte man ein verfaultes Maultier gesteckt, um den tumben
Gläubigen den Gestank des Teufels zu demonstrieren. Solche Fälle
können den Blick auf die Mordwut nicht verstellen, die ganz Europa
überzog. Wer nicht katholisch war und es partout nicht werden wollte,
sollte vom Erdboden verschwinden, Europa voll von guten
Katholiken
174
sein. Diese Devise galt bis ins 20. Jahrhundert hinein, im klerofaschistischen
Spanien etwa oder in Kroatien, wo »Söhne des hl.
Franziskus« sich zwischen 1940 und 1942 als KZ-Kommandanten,
Anführer gewaltiger Pogrome und Massenmörder betätigt haben.
Theoretisch gibt sich das Christentum für die friedliebendste
Glaubensgemeinschaft der Weltgeschichte aus. Praktisch ist es
nachweislich die blutrünstigste aller Religionen. Christen führten
Krieg und ließen andere für sich Kriege führen. Sie vernichteten das
Heidentum, sie schufen die Inquisition, sie betrieben Kreuzzüge
gegen Türken und Christen. Doch war es ihnen noch immer nicht
genug.
Wer hatte Lust daran, »Hexen« foltern zu lassen?
Vom 13. bis ins 19. Jahrhundert hinein verbrannte zunächst die
katholische, dann auch die protestantische Kirche Frauen, die sie als
»Hexen« definiert und damit zum Vernichten freigegeben hatte.
Primitivster Geister-, Dämonen- und Teufelsglaube - selbst bei dem
Kirchenlehrer Papst Gregor I. - verbindet sich mit einem durch und
durch rational kalkulierten Machtwillen, es denen einmal richtig zu
zeigen, die Klerikermänner fürchten und hassen: den Hexenweibern.
Frauen in der Kirche? Richtige Priester schütteln sich. Kluge Frauen
für die Kirche, die in der Gemeinde nicht nur fromm vor sich hin
schweigen, sondern den Mund auftun? Die gar mehr wissen von Gott
und der Welt als die beamteten Pfaffen? Da sei Gott vor, da muß
»man« eingreifen, denunzieren - und töten.
Entgrenzungsvorgänge, historisch zu belegende Prozesse, in denen
Menschen sich den gewohnt klerikal-patriarchalen Defi nitionsmächten
entzogen, hat es immer gegeben. Manche von ihnen, die
Bauernkriege, die Ketzerbewegungen, sind noch greifbar, auch wenn
die Sieger alles getan haben, um das Gedächtnis in den Menschen neu
zu formulieren. Die »damnatio
175
memoriae«, die Auslöschung und negative Sanktionierung bestimmter
Erinnerungen, hat ihre Geschichte. Aber sie ist nicht nur eine Sieger-
Historie. Auch die Opfer leben weiter. Hunderttausende von
sogenannten Hexen sind verbrannt, ihre Überreste weggeworfen
worden, nichts sollte an sie erinnern. Ihre Mörder haben zum Teil
noch heute ihre Erinnerungsstätten; Straßen und Plätze wurden nach
ihnen benannt. Die Namen der Opfer sind gelöscht. Und doch hält sich
das Gedächtnis an sie. Aus dem vergessen Gemachten wird das
politisch Er innerte. Die Prozesse der Vernichtung blieben nicht das
letzte Wort der Geschichte. Die Antriebe jener, die Hexenpogrome
brauchten, um sich selbst vor Ansteckung zu bewahren, werden
offengelegt. Der »Hexenhammer« (1487), eines der blutrünstigsten
Bücher der Welt und schon deswegen mit päpstlichem Segen
erschienen, sagt aus, was alle Patriarchen-Kleriker denken und fühlen:
»Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben
zweifelt, auch schneller dem Glauben abschwört, was die Grundlage
für Hexerei ist.« Hexenverfolger wissen genau, was sie tun, wenn sie
mordbrennen: Ihre Angst vor der Rache der wissenden Frauen schlägt
um in Haß, in Verleumdung fremden Lebens. Die Ve rbindung von
Vergeltungsangst und Schuldgefühl, die Kleriker zum Töten treibt,
braucht eine Erlösung. Diese muß wieder systemimmanent sein, also
in einer patriarchal bestimmten »Vaterreligion« wie dem Christentum
aufgehoben werden. Augustinus, Heiliger und Kirchenlehrer, ein
Schreibtischtäter mit widerwärtigsten Gedankenleistungen, geht von
einem sexuell bestimmten Teufelspakt der Frauen aus. Dieser
ermöglicht es, daß alle Mittel, Manipulationen, Worte, Gebärden ein
besonderes Zeichensystem ausbilden, mit dessen Hilfe Dämonen und
Hexen korrespondieren können. Kleriker sind folglich gezwungen,
ihren eigenen Logos gegen die zauberische Alternative zu verteidigen.
Tod den Alternativen.
Das Wort Hexenwahn verhüllt bewußt. Historisch war hier
176
eben kein Wahn am Werk, sondern eine überlegte Strategie. Zwischen
1258 und 1526 sind nicht weniger als 47 päpstliche Erlasse gegen die
Hexen erschienen. Klerikermänner und ihre Helfershelfer aus dem
»gläubigen Volk« haben alle Medien der Epoche gewandt benutzt, alle
Maschinen eingesetzt, alle Methoden durchgearbeitet. So gab es nicht
nur Flugblätter, die den Mord geistig vorbereiteten, sondern auch
Fangprämien für eingebrachte Frauen, schrankenlose Torturen,
technisch auf dem neuesten Stand und immer wieder verbessert. »Du
sollst so dünn gefoltert werden, daß die Sonne durch dich scheint«,
hieß eine Hexenformel. Eine Viehseuche im Erzbistum Salzburg
führte 1678 zum Feuertod von 97 Frauen. Der Bamberger Bischof
mordete um 1630 an die 600 Menschen, und sein Vetter, der Oberhirte
zu Würzburg, brachte es auf 1200 Morde. Mitte des 17. Jahrhunderts
klagt ein Pfarrer aus Bonn, gewiß gehe bald die halbe Stadt drauf, zumal
unter dem Druck des Kölner Erzbischofs bereits dreijährige Kinder
wegen ihrer »Buhlteufel« verbrannt worden waren. Überall wurden
Frauen »weggebeizt« und »weggeputzt«, wie die christlichen Chroniken
prahlen. »Da wir nun die alten nahezu erledigen und hinrichten
ließen«, meint Landgraf Georg von Darmstadt 1582, »so geht es jetzt
an die jungen ...« In vielen protestantischen Territorien starben noch
mehr Hexen als in katholischen. Im Braunschweigischen, wo
protestantische Kleriker Ende des 16. Jahrhunderts oft zehn an einem
Tag verbrannten, sahen die Pfähle, an denen die Frauen standen, bei
Wolfenbüttel wie ein verkohlter Wald aus. Und noch im späten 18.
Jahrhundert zeigte sich ein evangelischer Bischof in Schweden tief
betrübt über die neue »freidenkende Zeit«, die sich dagegen wehre,
angeklagte Hexen zu verheizen. Steht etwa in den Gemeinden, die
noch immer ihre Straßen und Plätze nach Mördern benennen, auch
nur ein einziges Denkmal für die Opfer? Schon die Antwort auf diese
Frage verurteilt die »Religion der Liebe«.
177
Kennen wir die Namen einiger Judenmörder vor Hitler?
Ablenkungsmanöver und Scheingefechte auf Nebenschauplätzen sind
bei christlichen Schriftstellern beliebt. Wer es schafft, die historische
Schuld der eigenen Kirche unter den Teppich zu kehren, hat in den
Augen seiner Kumpane eine wissenschaftliche Großtat vollbracht.
Lange Zeit ist so und nicht anders verfahren worden, doch es gelingt
nicht mehr. Immer mehr Menschen wollen die Wahrheit erfahren.
Diese heißt aber hier: Es gab klerikale Judenmörder zuhauf, und ihre
Namen sind bekannt. Der blutige AntiJudaismus christlicher
Elitegruppen, zu denen Bischöfe und Päpste in Massen zählten, währte
zwei Jahrtausende lang. Er gehört als Signum zur
Kirchengeschichte. Er ist eines ihrer Wesensmerkmale. Niemanden
kann es wundern, daß er direkt in die Gaskammern des »gläubigen
Katholiken« Adolf Hitler geführt hat. Wie kam es dazu?
Weil im Christentum so gut wie nichts originell ist, sondern
geliehen, zerschlagen und neu zusammengeleimt, hat es alles, was
nicht von antiken Heiden stammt, vom Judentum bezogen: Engelheere,
Erzväter, Propheten, Gottvater und -sohn. Doch weil die Juden das
angeblich Christliche ihres eigenen Glaubens nicht einsehen konnten
und weil sie den angeblichen Stifter der christlichen Kirche ermordet
haben sollen, weil sie eben »verstockt«, »perfide« blieben, flammte
der klerikale Judenhaß durch zwanzig Jahrhunderte. Auch er begann
bereits bei jenem Paulus, der mit seinen Vätern noch haderte, nachdem
er endlich »bekehrt« war. Fast alle antiken Kirchenväter sind in seiner
Nachfolge (nicht in der des Juden Jesus) überzeugte Antijudai-sten
gewesen. Sie haben den AntiJudaismus fast zu einer eige nen
Literaturgattung gemacht. Tertullian, Augustinus, Johannes
Chrysostomus schreiben eigene Kampfschriften »Gegen die Juden«.
Gegen das auserwählte Volk zu wüten und die eigene Auserwähltheit
an ihm auszulassen wurde zum Markenzeichen des wahren Christen.
Schon im 2. Jahrhundert gibt der hl.
178
Justin - seinerzeit der bedeutendste christliche Apologet - den Juden
nicht nur schuld am Unrecht, das sie selber tun, sondern »auch an dem,
das alle anderen Menschen überhaupt begehen«. Dieses Pauschalurteil
trägt den Keim zur Legitimation der Endlösung in sich, und nicht
einmal Julius Streicher wird es überbieten können. »Der Teufel als des
Juden Vater« steht in den Schaukästen der antisemitischen Zeitschrift
Streichers, aber auch im Neuen Testament (Jo 8, 44).
Der heilige Kirchenlehrer Ephraim, als »Zither des Heiligen
Geistes« gerühmt, nennt die Juden Wahnsinnige, Sklavennaturen,
Teufelsdiener, Mördergesellen, ihre Führer Verbrecher, ihre Richter
Ganoven, denn »sie sind 99mal so schlecht wie Nichtjuden«. Der
heilige Kirchenlehrer Johannes Chrysosto-mus, der »Goldmund«, hält
Juden insgesamt für »nicht besser als Schweine und Böcke« und
meint von ihrer Synagoge: »Nenne sie einer Hurenhaus, Lasterstätte,
Teufelsasyl, Satansburg, Seelenverderb, jeden Unheils gähnender
Abgrund oder was immer, so wird er noch immer weniger sagen, als
sie verdient hat.« Nachdem die Saat schreibend gesät worden war,
mußte sie bald aufgehen und zur Ernte anstehen: Schon im 4.
Jahrhundert brennen Synagogen, verbünden sich Kirchenlehrer mit
den Mordbrennern von der Straße, ziehen christliche »Heilige«
jüdisches Vermögen ein, raubt man den Besitz der »verworfenen
Schweine und Teufelsdiener«, läßt Juden internieren und vertreiben.
Der hl. Kyrill, Patriarch von Alexan-drien, bereitet im 5. Jahrhundert
die erste Endlösung vor: Mehr als hunderttausend Juden fallen ihr
zum Opfer.
Es hat noch immer nicht gereicht: Dutzende von Christensynoden
verfügen eine scharf antijüdische Bestimmung nach der anderen, bis
das 6. Konzil von Toledo 638 die Zwangstaufe aller in Spanien
lebenden Juden befiehlt und das 17. Konzil von Toledo 694 sämtliche
Juden zu Sklaven erklärt. Die Immobilien dieser Sklaven werden
eingezogen (zu wessen Gunsten wohl?), ihre Kinder vom siebten
Lebensjahr an ihnen weggenommen.
179
Das Prinzip der Enteignung von Personen und Sachen funktioniert gut:
Im Mittelalter fallen in immer mehr Ländern Juden und ihre Habe
dem Königsgut zu. Noch nicht einmal ganz umsonst: Lagen auf
diesem sogenannten Schutz doch hohe Abgaben und Steuern, die in die
Taschen der allerchristlichsten Majestäten wanderten. Zuweilen
mußten die Juden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation
nach der Wahl eines jeden römischen Königs und der Krönung eines
jeden römischen Kaisers diesen ein Drittel ihres Vermögens geben -
für die »Gnade«, nicht sofort verbrannt zu werden. Im 12. Jahrhundert
schreibt Abaelard: »Wenn Juden zum nächsten Ort reisen wollen,
müssen sie sich mit hohen Summen den Schutz der christlichen
Kirchen erkaufen. Diese wünschen in Wahrheit ihren Tod, um ihren
Nachlaß an sich zu reißen. Äcker und Weingärten können Juden nicht
besitzen, weil es niemanden gibt, der ihren Besitz garantiert. Also
bleibt ihnen nur das Zinsgeschäft, und dies macht sie wiederum den
Christen verhaßt«.
Keine der Erscheinungsformen des Antisemitismus im 20.
Jahrhundert kommt dem neu vor, der die Kirchengeschichte kennt. 306
verbietet eine Synode (Elvira) die Ehe und den Ver kehr zwischen
Christen und Juden sowie die gemeinsame Einnahme von Speisen.
Juden ist es nicht erlaubt, öffentliche Amter zu bekleiden (Synode
von Clermont, 535), Juden dürfen keine christlichen Mitarbeiter
beschäftigen (3. Synode von Orleans, 538). Die 12. Synode von Toledo
(681) ordnet die Verbrennung jüdischer Bücher an. Christen wird
untersagt, jüdische Ärzte zu konsultieren (Trullanische Synode, 692).
Juden dürfen an christlichen Feiertagen nicht auf die Straße (3. Synode
von Orleans, 538). Christen dürfen nicht bei Juden wohnen (Synode
von Narbonne, 1050). Juden müssen wie Christen den Kirchenzehnten
bezahlen, obgleich sie nicht zur Kirche gehören (Synode von Gerona,
1078), Juden dürfen Christen nicht vor Gericht bringen oder gegen sie
als Zeugen aussagen (3. Lateran-
180
konzil, 1179). Den Juden ist es verboten, ihre zum Christentum
übergetretenen Glaubensbrüder zu enterben (3. Laterankonzil, 1179).
Juden müssen an ihrer Kleidung ein Unterscheidungs zeichen tragen (4.
Laterankonzil, 1215). Juden dürfen keine Synagogen mehr bauen
(Konzil von Oxford, 1222). Juden dürfen nur in Judenvierteln wohnen
(Synode zu Breslau, 1267). Christen ist es untersagt, Grund und Boden
an Juden zu verkaufen oder zu verpachten (Synode von Ofen, 1279).
Juden dürfen nicht als Unterhändler bei Verträgen zwischen Christen
fungieren (Konzil von Basel, 1434). Juden können keine akademischen
Grade erwerben (Konzil von Basel, 1434). Juden müssen Geldbußen für
die »Ermordung christlicher Kinder« zahlen (Regensburg, 1421).
Jüdische Forderungen gegen christliche Schuldner werden konfisziert
(Nürnberg, Ende 14. Jahrhundert). Das Eigentum von Juden, die in
einer deutschen Stadt ermordet wurden, gilt als öffentliches Eigentum,
weil die Juden selbst Besitz der Reichskammer sind (Gesetzbuch
aus dem 14. Jahrhundert).
1179 dekretiert das 3. Allgemeine Laterankonzil - bis heute als
Versammlung unter dem besonderen Einfluß des Gottesgeistes
definiert -, daß »Christen, die sich erdreisten, mit Juden zu leben, dem
Kirchenbann verfallen sind«. Papst Innozenz III., unter seinesgleichen
als Größe verehrt, nennt sie 1205 »gottverdammte Sklaven« und
schreibt an den Grafen von Toulouse, den er bei dieser Gelegenheit
bannt: »Der Christenheit zur Schmach verleihst du öffentliche Ämter
an Juden... Der Herr wird dich zermalmen!« Dieser Papst, wohl der
mächtigste der Geschichte, schrieb 1205 an den Bischof von Paris:
»Der Jude ist wie ein Feuer im Busen, wie eine Maus im Sack, wie eine
Schlange am Hals.« Und von derlei mußte der wahre Christ sich
befreien. Das von Innozenz geleitete 4. Laterankonzil bestätigte, unter
Berufung auf den hl. Augustin, die Behauptung von der ewigen
Knechtsexistenz allen jüdischen Lebens.
Kein Wunder, daß der aufgeputschte christliche Pöbel von
181
Pogrom zu Pogrom schreitet. Juden werden erschlagen, wo sie
aufzugreifen sind, werden an Stricken und Haaren zum christlichen
Taufbecken geschleift. Die Kreuzzüge, die zu den ersten allgemeinen
Judenmassakern führen, wurden zu beträchtlichen Teilen mit
jüdischem Kapital finanziert, und indem man die Geldgeber erschlug,
befreite man sich von der Rückzahlung von Geld und Zinsen. In Mainz
ließ Erzbischof Ruthard die Juden, denen er gegen Geld seinen Schutz
zugesagt hatte, liquidieren, zwischen 700 und 1200 Menschen. Bei der
Eroberung Jerusalems trieben die Christenherren die jüdische
Bevölkerung in den Synagogen zusammen und verbrannten sie bei
lebendigem Leib. 1389 töten die Christen an einem einzigen Tag in
Prag 3000 Juden. Nach einer Predigt des hl. Johannes von Capistrano
(Fest am 28. März) geschieht 1453 in Schlesien dasselbe mit
allen nur greifbaren Juden. 1648 werden in Polen um die 200 000
Juden ermordet. Doch zu dieser Zeit sind die mordenden Katholiken
schon nicht mehr unter sich. Denn auch der Reformator Luther hat teil
am allgemeinen Schlachten: Auch er hat die Juden mit Schweinen
gleichgesetzt, auch er fand sie »schlimmer als eine Sau«, auch er
forderte für die Ausübung ihres Gottesdienstes die Todesstrafe,
verlangte ein Verbot aller jüdischen Schriften, Zerstörung aller
Synagogen und Bethäuser, »daß kein Mensch einen Stein oder
Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem
Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir
Christen seien.«
Hitlers Schergen brauchten nur zuzugreifen und sich zu nehmen,
was seit Jahrhunderten bereitlag. Der Diktator war der Erbe des
christlichen Gedankengutes und der klerikalen Mordpraxis. Die über
Jahrhunderte hinweg schlagkräftigste Armee der Päpste, der
Jesuitenorden, forderte von seinen Kandidaten »Judenreinheit« bis in
die fünfte Generation. Papst Paul IV. ließ alle erreichbaren Exemplare
des Talmud öffentlich verbrennen, zwang die Juden seiner
Territorien zum Tragen
182
gelber Hüte, verbot ihnen Grund und Boden, untersagte ihnen
christliche Angestellte, schloß sie von akademischen Berufen aus -
Verfügungen, die fast ausnahmslos im Kirchenstaat bis ins 19.
Jahrhundert hinein gelten. Derselbe Kirchenstaat stellt zu dieser
Zeit, auch bis ins kleinste Detail, das frühere Getto wieder her.
Als Hitler 1933 den Vertreter des deutschen katholischen
Episkopats empfängt, erklärt er dem Bischof, er tue gegenwärtig
nichts anderes, als was die katholische Kirche 1500 Jahre lang
getan habe. Der Bischof widerspricht nicht. Auch dann nicht, als
Hitler meint, vielleicht erweise er in der Judenfrage dem
Christentum den größten Dienst. Nachher wollte es keiner gewesen
sein. Der Historiker Friedrich Heer: »Adolf Hitler konnte zu einer
Weltmacht, zu einer Mordsmacht aufsteigen, da das Gewissen von
mehreren hundert Millionen Christen zu seinen Taten schwieg oder
diesen gar zustimmte. Dieses Gewissen war ein Privatgewissen, nur
beschäftigt mit Angelegenheiten der privaten Intimzone: der andere
da draußen vor der Tür, der Jude, der Pole, der Zigeuner, der
Italiener, der wurde aus geklammert. Auschwitz und . . . auch
Hiroshima und seine Todesengel beruhen auf
eineinhalbtausendjährigen erlauchten theologischen Traditionen der
Kirche.« Im Reich Hitlers sind die meisten Katholiken
gleichgeschaltet und schweigsam. Ein nach Holland geflüchteter
Jesuit nennt im April 1936 die katholische Presse Deutschlands ein
»unappetitliches Instrument der Lüge«. Doch das fällt nicht auf,
denn schon 1934 hatte der führende Dogmatiker Michael Schmaus
(seit 1951 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften)
geschrieben: »Katholizismus und Nationalsozialismus können und
sollen Hand in Hand marschieren.« Sein Kollege Karl Adam
(nach dem heute ein Studentenhaus der katholischen Kirche in
Stuttgart benannt ist) sekundierte: »Nationalsozialismus und
Katholizis mus gehen zusammen wie Natur und Gnade.«
Ob sich seither viel geändert hat? Noch 1956 darf der katho-
183
lische Theologe Albert Sleumer mit amtskirchlichem Segen über die
Filmwirtschaft mitteilen: »Wann wird das deutsche Volk sich
aufraffen, um den ausländischen (galizisch-polnisch-russischen)
Schmutzfinken und ihren inländischen Ebenbildern es zum
Bewußtsein zu bringen, daß deutsch sein so viel wie anständig sein
bedeuten soll ?!. . . Jeder Einsichtige wird darum doch die Hersteller
solcher Schmutzfilme — und das weiß selbst der deutsche Michel,
daß 95 Prozent der Filmfabrikanten JUDEN sind! - als gemeine
Verführer betrachten, denen nur der eigene Geldbeutel heilig ist.«
Aus Anlaß des Papstbesuches in der Tschechoslowakei im
Frühjahr 1990 haben enthusiastische Slowaken die Heiligsprechung
des politischen Prälaten Jozef Tiso gefordert, der von 1939 bis 1945
Präsident des Nazi-Vasallenstaates Slowakei gewesen ist und 70000
Juden an die Nazis hat ausliefern lassen. Tiso, ein katholischer Priester
an der Spitze eines faschistischen Regimes, wörtlich: »Ist es christlich,
wenn die Slowaken sich von ihren ewigen Feinden, den Juden,
befreien wollen? Die Liebe zu unserem Nächsten ist Gottes Gebot.
Seine Liebe macht es mir zur Pflicht, alles zu beseitigen, was meinem
Nächsten Böses antun will.« Tiso, jetzt offenbar ein »Märtyrer« und
ein »Verteidiger der christlichen Zivilisation«, wurde wegen
Hochverrats zum Tode verurteilt und 1947 hingerichtet.
Die Evangelische Kirche Deutschlands, die bereits 1933 einen
judenfeindlichen Arierparagraphen geschaffen hatte, veröffentlichte
1941 eine Bekanntmachung über die kirchliche Stellung
evangelischer Juden, in der sie nicht nur die Schuld am Zweitem
Weltkrieg ausschließlich den Weltjuden zuschrieb, sondern auch alle
Bürger jüdischen Glaubens als »geborene Welt- und Reichsfeinde«
schimpfte. Den evangelischen Ober hirten war es unter diesen
Umständen ein leichtes, sich auf Luther zu berufen und dessen
Forderung zu wiederholen, daß »schärfste Maßnahmen gegen die
Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen« seien.
Dieselben Oberhir-
184
ten waren in diesem Schanddokument auch fest entschlossen,
»rassejüdischen Christen« in der Kirche »keinen Raum und kein
Recht« zu geben und »keinerlei Einflüsse jüdischen Geistes auf das
deutsche religiöse und kirchliche Leben zu dulden«. Sollte von den
zigtausend Traktätchen, Predigten, Entschließungen,
Synodalbeschlüssen, Papst- und Bischofsbriefen, die sich von den
jüdischen »Schweinen« abgrenzten und zu deren Vernichtung
aufriefen, etwa kein direkter Weg zu Hitlers Endlösung führen? Ist
Auschwitz etwa kein christlicher Ortsname? Mußten irgendwelche
dahergelaufene Faschisten und Gottesfeinde irgend etwas erfinden,
was bekannte Christen und Gottesfreunde nicht seit Jahrhunderten
gekannt und praktiziert hatten? Wir kennen in der Tat viele Namen
von Schreibtisch-Juden-Mördern (und viele Heilige der Kirche
sind unter ihnen): Justin, Ephraem, Johannes Chrysostomus,
Ambrosius, Isidor, Innozenz III., Paul IV., Johannes von Capistrano -
keinesfalls die einzigen, die aufzufinden und öffentlich zu benennen
sind. Sie alle haben sich auf den Satz des Matthäusevangeliums (Mt 27,
25) stützen dürfen, der die Juden, »das ganze Volk«, bei der Passion
Jesu rufen läßt: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« Ein
schrecklich erlogener Vers, eine entsetzlich folgenschwere Erfindung.
Es ist schlimmer Haß auf die Juden, der diesen Satz eingegeben hat.
Es ist einer jener Sätze, die schuldig sind am Mord an Millionen
Menschen. Auch ein Evangelist kann zum Judenmörder werden.
Haben Päpste Grund gehabt, einen Weltkrieg zu
verhindern?
Nichts liegt so weit zurück, wie es die kirchliche Geschichtsschreibung
gern hätte. Die Untaten der Oberhirten erstrecken sich nicht nur aufs
»finstere Mittelalter«. Die Heilsgeschichte der Päpste bleibt aktuell.
Unser eigenes Jahrhundert zeigt, wie lebendig die althergebrachten
Ideale kurialer Weltanschauung
185
sind. Die Kontinuität ist atemberaubend. Der Vatikan wollte vor dem
Ersten Weltkrieg - und später erst recht - mit aller Energie an der Seite
Habsburgs den Balkan erobern (sprich: das abgefallene Territorium neu
missionieren). Serbien, ein nichtkatholisches Land, mußte
niedergeworfen werden - und sein Protektor Rußland ebenfalls. Papst
Pius X. hatte schon die Annexion Bosniens und der Herzegowina
durch Österreich abgesegnet, und die katholische Mission arbeitete mit
allen Mitteln. Ein hoher Prälat schmuggelte Waffen, wurde entdeckt,
verurteilt, schließlich aber »befreit« und vom Papst zum Bischof
erhoben. Der Wiener Kardinal Nagel forderte ein »katholisches
Slavenreich«. Ein katholisches Sonntagsblatt Österreichs meinte
bereits im Oktober 1912, der »lang erwartete europäische Krieg« sei
nun nicht mehr aufzuschieben, zumal es dem Kontinent nicht schade,
einmal »gründlich durchgerüttelt« zu werden. Pius X. war derselben
Ansicht. Er verlangte, die Serben »für all ihre Vergehen« endlich zu
bestrafen. Als Öster reichs Thronfolger 1914 ermordet wurde, sprach
der Pontifex -über dessen Mitwisserschaft am Attentat gegen den
liberalen und ungeliebten Erzherzog noch nicht die letzte Gewißheit
besteht - die wegweisenden Worte: »Hier ist der zündende Funke!«
Ein Wiener katholisches Blatt sagte es auf seine Art: »Noch einmal
weist uns der Finger Gottes den Weg...« Endlich konnte ein weiterer
»gerechter Krieg« beginnen, ein Waffengang, den Pius X. hatte
kommen sehen, ein Krieg gegen Rußland, den »größten Feind der
Kirche«, wie das römische Oberhaupt erklärt hatte. Daß die Slawen
allesamt Barbaren seien, war diesem Papst schon 1913 entfahren, und
nun, 1914, kurz vor seinem Tod, freute er sich, daß es - aus
gerechtem Grund - losgehen konnte. Der gerechte Grund des Papstes:
die Kriegsschuld Rußlands.
Einen Waffengang verhindern helfen? Die Bestrafung der Bösen
aufschieben? Kein Gedanke für den Papst. Zwar waren Millionen Tote
zu erwarten, doch die Kleriker trugen und tra-
186
gen deren Schicksal mit Fassung. »Jeder Krieg steht sogar in einem
geheimen Zusammenhang mit dem blutigen Drama auf Golgatha«,
wußte damals der Prior des Klosters Maria Laach, »er ist eine
Fortsetzung, er ist tatsächlich ein Stück des Kamp fes, den unser
Erlöser geführt hat. Liegt... darin nicht ein einzigartiges Motiv, das
Heilige - ich meine den Krieg - heilig zu behandeln?«
Also kein ausreichender Grund mehr für Christensoldaten und
ihre Prediger, Jesus selbst nicht zu militarisieren. Sie sprechen davon,
daß dieser in Form der Mobilmachung in die Welt gekommen sei, daß
seine Menschennatur seine erste Uniform, sein erstes Biwak der
Schoß der Jungfrau, sein zweites Bethlehem gewesen sei, seine
Schlacht Golgatha und sein Hauptquartier der Himmel. Seine Reden
wurden unter der klerikalen Hand zum Maschinengewehr, zum
Zünder der Gottesliebe. Was hätte ein Papst da noch bremsen, was
hindern sollen? Immerhin waren 188 Millionen Katholiken - zwei
Drittel aller damaligen Romtreuen — direkt in den Ersten Weltkrieg
verwickelt.
Auch die Madonna trat wieder an: »Türkensiegerin, segne die
Bajonette, segne, was sich eingräbt ins blutige Bette verlogenen
Fleisches und schlage deine Flügel um unsere Soldaten«, heult ein
Feldpfaffe, »Gottesmutter, wir singen dir Schlachtenpsalmen.« Denn
es war den deutschen Katholiken so ernst, daß sie den Krieg — wie
Jesuiten bekannten — selbst gegen die eigenen Glaubensgenossen
führen wollten, die zufällig auf der anderen Rheinseite beheimatet
waren. Die Franzosen, Katholiken von jenseits, standen nicht zurück.
Ihr Klerus feierte dasselbe Schlachtfest als Kreuzzug gegen das
evangelische und heidnische Preußen, und es nahm niemanden
wunder, daß 25000 Priester, Ordensleute und Seminaristen auf
französischer Seite für diesen eigenen gerechten Krieg ins Feld zogen.
Die französischen Schützengräben wurden - Originalton Feldpfaffe -
zum »Gethsemane«, das Schlachtfeld zu »Golgatha«,
187
der Augenblick des Schlachtens zur »göttlichen Minute«. Denn
Christus, »der die Franzosen liebt«, sollte leben, hochleben,
weiterleben! Die Zeit der Wiedergeburt Frankreichs stand bevor. Daß
diese Wiedergeburt 1,3 Millionen Tote gekostet hat, stand auf einem
anderen Kirchenblatt. Ebenso die Tatsache, daß der Nachfolger jenes
Papstes, der den Ersten Weltkrieg nicht hatte verhindern wollen, weil
er mit dem Sieg Habsburgs über die Slawen gerechnet hatte, danach
von einem seiner Kardinale als »der am besten aus dem Krieg
herausgekommene Mann« gefeiert worden ist. Der Vatikan auf Seiten
der Sieger und ein Kriegsgewinnler: nichts Neues unter der Sonne.
Heilige Kriege gab es nicht nur in früheren Zeiten. Noch der
katholische Feldbischof der Wehrmacht Hitlers feiert den
Rußlandfeldzug als »europäischen Kreuzzug«. Alle deutschen und alle
österreichischen Bischöfe haben diesen Waffengang »mit Genugtuung«
begleitet. Pius XII. setzt noch darauf, wenn er den Krieg gegen die
Sowjetunion, der mehr als 1700 Städte und 70000 Dörfer zerstört und
20 Millionen Tote allein unter den Überfallenen fordert, als
»Verteidigung der Grundlagen der christlichen Kultur« rühmt. Daß ein
solcher Papst den Zweiten Weltkrieg ver hindern oder seinen Auslöser
Hitler auch nur bremsen wollte, ist nicht anzunehmen. Pius XII. hatte
sich gegenüber dem Diktator stets freundlich verhalten. Bereits dessen
Annexionen vor Beginn des Krieges waren im Vatikan beifällig
registriert worden. »Wir haben Deutschland, wo Wir Jahre Unseres
Lebens verbringen durften, immer geliebt, und Wir lieben es jetzt
noch viel mehr. Wir freuen uns der Größe, des Aufschwungs und des
Wohlstandes Deutschlands, und es wäre falsch zu behaupten, daß Wir
nicht ein blühendes, großes und starkes Deutschland wollen«, meint der
Papst am 25. April 1939. Hitler dürfte in der Annahme nicht
fehlgegangen sein, ein von ihm ausgehender Krieg werde im Vatikan
auf keine großen Vorbehalte stoßen. Der Papst tat ihm bereits am 6.
Juni 1939 den Gefallen. »Der große Tag X ist nahe«, wird eine An-
188
spräche des Obersten Oberhirten wiedergegeben, »der Tag des
Einmarsches in die Sowjetunion.«
Auch dieser Papst hatte, wie sein heiliger Vorgänger zu Beginn des
Ersten Weltkriegs, allen Grund, die »Unterwerfung aufsässiger
Untertanen« herbeizuwünschen, die »Rückkehr Rußlands« und seiner
Christen in den Heimathafen der römisch-katholischen Kirche,
»seiner« Kirche. Auch dieser Papst hatte kaum einen Grund, den
Zweiten Weltkrieg nicht als Großtat der Vorsehung zu begreifen. Als
England und Frankreich darauf bestanden, er möge Hitlerdeutschland
als Angreifer bezeichnen, lehnte er ab. Schon Mitte August 1939 hatte
er dem deutschen Botschafter beim Vatikan versichert, wenn Hitler
Polen bekriege, werde er sich jeder Verdammung des Reiches
enthalten. Zu Weihnachten 1939 appellierte er an die Katholiken, ihre
»Kräfte gegen den gemeinsamen Feind, den Atheismus«, zu
vereinigen. Nach dem Attentat vom 8. November 1939 auf Hitler hat
der Münchner Kardinal Faulhaber -heute als »Widerstandskämpfer«
gepriesen - einen Dankgottesdienst für die glückliche Errettung des
Führers gefeiert, und die bayrischen Bischöfe haben gemeinsam Hitler
gratuliert. Pius XII. ließ seine persönlichen Glückwünsche übermitteln:
Der Angriffskrieger, der allem Anschein nach einen »gerechten Krieg«
für die Ziele dieses Papstes führte, war durch göttlichen Eingriff errettet
worden, und das schien aller Ehren wert.
Erst inmitten des Krieges erkannte der Stellvertreter Christi auf
Erden, daß er lange, zu lange, auf die falsche Karte gesetzt hatte. Doch
kam die Wende des »heiligmäßigen« Pacelli-Pap-stes noch zur rechten
Zeit, noch so zeitig, daß auch er - wie alle seine Vorgänger - auf der
Seite der Sieger stehen durfte. Der polnische Außenminister Beck, in
diesem heiligen Fall Vertreter der Gegenseite, sagte nach dem
deutschen Überfall und der Niederlage seines Landes durch Hitlers
»Blitzkrieg«: »Einer der Hauptverantwortlichen für die Tragödie
meines Landes ist der Vatikan. Zu spät erkannte ich, daß wir eine
Außenpolitik
189
betrieben hatten, die lediglich der egoistischen Zielsetzung der
katholischen Kirche diente.«
Und die deutschen Bischöfe? Nach dem Sieg der Diktatur über
Polen, dem »uns aufgezwungenen Waffengang« (wie einer von ihnen
predigte), ließen sie sieben Tage die Glocken läuten. Der Kölner
Kardinal Schulte hatte schon zu Hitlers Geburtstag 1939 beteuert,
die Treue der Seinen zum Führer könne »durch nichts erschüttert
werden«. Denn »sie beruht auf den unveränderlichen Grundsätzen
unseres heiligen Glaubens«. Daß die Stadt des Kardinals bald zu
72 Prozent zerstört wurde, konnte noch hingenommen werden. Daß
die bischöfliche Treue nach dem 8. Mai 1945 zu 100 Prozent
zerstört werden sollte, war nur Gottes unbegreiflicher Vorsehung
zuzuschreiben.
So weit ein wenig Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte. Der
Katholik Friedrich Heer weist über solche »historische« Schandtaten
der Kirche hinaus auf die Zukunft: »Ein christliches und kirchliches
Vorplanen, Vordenken, Vorbereiten - in Handlangerdiensten - eines
neuen Krieges schließt direkt an die Unterstützung des Hitlerkrieges
durch die Führungen der beiden Großkirchen an.« Er hat recht: Die
Welt darf auf weitere Kriegshetze der Kleriker gefaßt sein, auch wenn
die Schalmeien aus Rom nach wie vor zum »Frieden« blasen.
Kommt Krieg gar aus der Kirche selbst?
Der englische Bischof Joseph Hall hat es im 17. Jahrhundert gesagt:
»Man ist seines Lebens dort sicherer, wo es gar keinen Glauben gibt,
als dort, wo alles zur Sache des Glaubens gemacht wird.« Der
Oberhirte hatte recht. Daß die Geistlichkeit, um der Verteidigung der
eigenen Werte willen, in bestimmten Abständen von der
»erzieherischen« oder »ausgleichenden« Funktion eines handfesten
Krieges spricht, der sich gegen das Reich des Bösen richtet,
verwundert unter diesen Umständen nicht.
190
Offensichtlich kann die Kirche, um ihres lieben Friedens willen, nicht
auf den »Verteidigungsfall« verzichten. Was nach menschlicher
Erfahrung an dessen Ende steht — der Tod von Millionen —, zählt
gering im Vergleich zu der Aussicht der Kirche, durch
»Umverteilung« alte Werte zu sichern und neue Güter zu ergattern.
Inwieweit Kleriker Kriegsgewinnler hohen Grades sind, muß nicht erst
nachgewiesen werden: Nicht allein Gewinne durch »Landnahme«
machen den heutigen Kirchen-besitz aus. Kurz nach dem jeweiligen
Friedensschluß ist auch die Predigt gefragt, die außerhalb der eigenen
Reihen nach Schuldigen sucht und nach innen Schuldlosigkeit
(römischkatholisch) oder Vergebung (evangelisch) verspricht.
Soll hingenommen werden, daß offizielle Verlautbarungen der
Kirche bis in die jüngste Zeit hinein sich dezidiert für die
Vernichtungswaffen aussprechen, daß Bischöfe von Amts wegen nicht
dagegen predigen, daß man Atomwaffengegner mit dem
mitleidheischenden, wenn nicht gar diffamierend gebrauchten Namen
»Pazifisten« belegt? Muß es abendländisch-vernünftig bleiben, daß
man Abrüstungsvorleistungen als der Bergpredigt des Jesus aus
Nazareth widersprechend hinstellt, daß Kontinente sich zu Tode
verteidigen lassen, daß Weihnachten als einziger Friedenstag unter 365
Tagen des (kalten und des heißen) Krieges zelebriert wird, daß
werdenden Müttern ungleich mehr klerikale Aufmerksamkeit gilt als
werdenden Atomopfern, daß die Menschheit in jeder Minute des
Kirchenjahres eine Million DM für die Rüstung auswirft, während alle
paar Sekunden ein Kind verhungert? Sollen wir einfach schweigen,
wenn — wie 1981 in Münster - der Ring christlich-demokratischer
Studenten fordert, daß die Bundesrepublik als »potentieller Frontstaat«
an der »Vorwärtsverteidigung« festhält und auch an der »Bereitschaft
zum nuklearen Ersteinsatz, vor allem auch unmittelbar gegen
sowjetisches Territorium«, und kein einziger Oberhirte dagegen auch
nur ein Wort verliert? Sollen wir zusehen, wie vielen Mitmenschen
einfach die Seele ausgetauscht, wie ihnen sugge-
191
riert wird, es sei Aufgabe der Deutschen (wohlbemerkt der
Kriegsmacher in diesem Jahrhundert), auf den nächsten Weltkrieg
zuzurasen, wie man da jede anderslautende Meinung als
»Einmischung« in die Kriegsspiele der Experten moralisch
disqualifiziert? Oder sollten wir uns endlich von den falschen
Propheten lösen, von jenen zumal, deren Staats- und
kirchenerhaltende Kraft sich schon zweimal in grausamen Kriegen
hat entfalten und »bewähren« dürfen ?
Der Friede: »Gottes Geschenk, den Menschen anvertraut«? Diese
arg klerikale Formel, die so fromm daherkommt und so einleuchtend
wirkt, kann die Kenner der Kirche nur schaudern machen. Vielleicht
zählen diese deswegen nicht zu den in päpstlichen Ansprachen so
gern genannten »Menschen guten Willens«. Vielleicht sind sie bloß
nützliche Idioten, die das Geschäft der Gegenseite betreiben, gegen die
der abendländische Friede so drohend gerichtet ist. Doch der offerierte
»Gottesfriede« bleibt verdächtig. Zu lange hat sich die Kirche darin
gefallen, Gott und Krieg in einem Atemzug zu nennen und für diese
Gleichung Millionen Tote in Kauf zu nehmen. Zu lange hat sie die
jeweils modernsten Waffen gesegnet, als daß sie ausgerechnet heute
denselben Gott als den Geber des (ihres?) Friedens interpretieren
dürfte, ohne massive Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen
zu lassen. Wer die Schand- und Mordtaten dieser Kirche, wie sie —
geschichtlich beweisbar — sich gegen Juden, Heiden, »Ketzer«,
»Hexen«, Indios und Andersdenkende schlechthin gerichtet haben,
nicht vergessen kann, der wird auf den Gedanken kommen, es gebe
eine ganz gewöhnliche Gewalt innerhalb der Kirche, eine förmliche
Kriegstheologie auch, eine spezifisch aus dem Kirchenglauben
herrührende Bedrohung der Welt. Eine Religion wie das Christentum,
im Innersten durch und durch unfriedlich, kann kein »Salz der Erde«
sein, ist nicht mehr als verbrannte Erde.
Allerdings ist diese Einsicht noch lange kein Allgemeingut.
Christen in allen Kirchen verschließen sich ihr - freilich nicht
192
aus Scham über die Untaten der eigenen Konfession. Im Gegenteil. Sie
schämen sich nicht, sie leugnen und verdrängen schamlos, was sie
wissen oder wissen müßten. Wie lange wird es dauern, bis es als
Schande gilt, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen? Wie lange
wird es noch als humaner gelten, die Millionen Toten, die auf dem
Gewissen der Christenheit lasten, zu ignorieren, als sie zu nennen und
zu ehren? Was muß denn noch passieren, bis auch der letzte Christ
sich dafür entscheidet, die Geschichte des Grauens abzubrechen, um
ein freier Mensch zu werden ?
Haß ist es nicht, was die Greuel der Kirchen aufdecken läßt. Die
Unterstellung, Kirchenkritiker seien haßerfüllte Menschen oder
handelten aus Rache, ist zwar beliebt, doch gerade deswegen spiegelt
sie das Denken und Fühlen jener wider, die das unterstellen. Kein
Wunder, denn Kirchentreue haben zu hassen und sich zu rächen
gelernt. Ihre eigene Konfession hat über die Jahrhunderte hinweg aus
keinen anderen Beweggründen gelebt: Haß gegen Andersdenkende
und Rache an diesen sind Grundmuster starr ideologischen, sprich,
dogmatischen Denkens. Die Geschichte der Kirchen zeigt, wie sehr sie
ihre Gläubigen korrumpiert. Daß sich die Mehrheit der Betroffenen
noch immer nicht befreien will, verdient keinen Haß, verdient auch
Mitleid nur in den seltensten Fällen. Was ansteht, ist Verachtung.
Sollen wir noch an die »heilige Kirche« glauben?
Verachtung gegenüber den noch immer Kirchensüchtigen ? Den Treuen
mit dem unheilbar guten Gewissen? Die Chronique scandaleuse ist
nicht alles, was »Kirche« ausmacht, sagen sie. Wir glauben nicht ins
Ungewisse hinein oder ins Ärgerliche. Es gibt da auch viel Gutes, zum
Beispiel das Beste, unsere Heiligen. In diesen Menschen sehen wir
Beispiele geglückten Le-
193
bens, menschliches Leben, das seine Identität gefunden hat und frei ist
von Entfremdung. Diese These der Kirchenleute ist an konkreten
Fällen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Wurden nur Vorbilder heiliggesprochen?
Die Legenden, die in Predigten und Kinderbüchern ihr Leben fristen,
haben mit der Wahrheit wenig zu tun. Nicht alle sogenannten
Heiligen, die der Bevölkerung präsentiert werden, sind nach den
Maßstäben des Menschseins tugendhafte oder gar große Menschen
gewesen. Im Gegenteil: Unter ihnen gibt es leibhaftige Verbrecher,
Mörder und Totschläger. Doch bis heute steht die Kirche nicht zu
dieser Wahrheit. Ihre Gläubigen können sie offenbar nicht ertragen.
Die Päpste und ihr System stecken selbst in der Klemme. Wenn ein
Papst heiligspricht, muß er notgedrungen dafür seine »Unfehlbarkeit«
in Anspruch nehmen. Da amtlich erklärt wird, ein bestimmter
Mensch sei »heilig« und könne als Heiliger verehrt werden, dürfen
sich keine Fehler einschleichen. Ein Irrtum darüber, daß ein Toter im
Himmel ist und nicht in der Hölle, bleibt unerlaubt.
Unechte Heilige wie Christophorus oder Georg, die nie gelebt haben,
doch jahrhundertelang als Schutzpatrone herhalten mußten, wurden
inzwischen aus dem Festkalender der römischen Kirche getilgt. Aber
unsaubere Heilige durften in dem heiligen Buch bleiben: Kaiser gehören
zu ihnen, Kirchenlehrer, Bischöfe, Päpste. Im folgenden werden
Beispiele für heilige Verbrecher genannt. Es sind nur wenige Beispiele,
doch hängt diese Beschränkung nicht damit zusammen, daß es nur
wenige gibt. Wenn man ihre Heiligenlegenden liest, sagt Helvetius,
findet man die Namen von tausend heiliggesprochenen Verbrechern.
Und harmlos ist kein einziger Heiliger, nicht einmal der aus Gips.
Geld machen läßt sich mit Heiligen und Heiligtümern immer. Das
einzige Wunder, was sich mancherorts permanent
194
ereignet, ist das Wirtschaftswunder. So verkraftet der bekannteste
Wallfahrtsort der Welt, das französische Lourdes - das seine
Attraktivität den Marienerscheinungen von 1858 verdankt (die
»Seherin« Bernadette wurde inzwischen heiliggesprochen) -, täglich
riesige Kolonnen von Reisebussen und Autos. Die 18000 Einwohner
zählende Stadt hat 350 Hotels und Pensionen, die den anderthalb
Millionen Wallfahrern jährlich drei Milliarden Franc (etwa eine
Milliarde DM!) abnehmen. Pro Jahr werden 400 neue Gästebetten
eingerichtet. Eine weitere Geldquelle ist der Handel mit Souvenirs. Die
in 600 Shops teuer verkauften Massenartikel - Kruzifixe,
Marienstatuen, Weihekerzen, Medaillons, Rosenkränze,
Andachtsbildchen — sind zumeist billige Massenware aus Südostasien.
Heiligkeit zahlt sich aus. Der Vatikan gönnt sich ein eigenes
Ministerium, das den »Grad an heroischer Tugend« bei einzelnen
Katholiken (Andersgläubige scheiden von vornherein aus) festzustellen
und dem Papst schließlich einen heroisch Tugendhaften oder eine
heroisch Tugendhafte zur »Seligsprechung« vorzuschlagen hat. Die
Untersuchung der biographischen (und literarischen) Details benötigt
verständlicherweise viel Zeit und Geld. Die römische Behörde, der
Unterabteilungen in Bistümern und Orden zuarbeiten, geht davon aus,
daß jedes noch so kleine Lebenszeichen eines Menschen auf seinen
»heroischen Grad« hin erforscht werden müsse. Daher können sich nur
wohlhabende Familien oder Ordensgemeinschaften einen derart teuren
»Prozeß« erlauben, um einen oder eine der Ihren »zur Ehre der
Altäre« erhoben zu sehen. Auf der anderen Seite sucht der Vatikan aus
finanziellen Gründen, möglichst viele und langwierige Prozesse zu
führen. Die Beschäftigungstherapie lohnt sich, und der jetzige Papst
Johannes Paul II. sprach denn auch in seiner bisherigen Amtszeit (seit
1978) eine stu-pende Zahl von Katholikinnen und Katholiken selig oder
heilig.
Angesichts aller inflationären Aktivitäten um den »Herois mus«
mancher erst noch heiligzusprechender katholischer
195
Christen und Christinnen ist es verwunderlich, daß bei den bereits
als Heilige Verehrten nicht sorgsamer verfahren worden ist und wird:
Fänden sich sonst in den Akten der Heiligen der römischen Kirche
gar so viele wenig Tugendhafte? Werden die »Tugenden« der im Lauf
von Jahrhunderten Heiliggesprochenen überprüft, verstärkt sich der
Eindruck, nur bestimmte anerzogene Charaktermerkmale sind in
den Geruch katholischer
' Heiligkeit gelangt: bei Frauen Demut und Opferbereitschaft, bei
Männern ein starker bis fanatischer Wille, im Interesse der Kirche
selbst über Leichen zu gehen. Tugend macht benutzbar. Katholische
Heilige waren vor allem kirchenpolitisch griffig zu verwendende, für
machtpolitische Zwecke taugende Menschen. Tugend kommt auch in
diesem Fall von Tauglichkeit. Tugend haft sein meint: für alles und
jedes taugen. Zur Ehrenrettung
einiger Ausnahmen von dieser Klerikerregel sei gesagt, daß der
einzelne noch nicht einmal sich selbst als derart tauglich verstanden
zu haben braucht. Die Methoden der durchweg kirchenpolitisch
motivierten »Heiligsprechungsprozesse« lassen den Toten, die sich
nicht mehr gegen ihre Heiligsprechung wehren können, nicht die
geringste Chance auf Gegendarstellung, nicht mehr die Würde, es
auch anders gewollt zu haben. Die folgenden Regelfälle klerikaler
Tugendhaftigkeit dürften von solchen Zweifeln wenig berührt
gewesen sein: Sie blieben für die jeweiligen Kirchenzwecke (die sich
ihrerseits kaum je wesentlich geändert haben) tauglich. Es sind die
sogenannten Besten der Kirchengeschichte.
Welchem Heiligen verdankt die Kirche ihre Anerkennung?
Der Kirchenlehrer Augustinus - selbst eine höchst zweifelhafte,
richtiger: hochkriminelle Gestalt der frühen Kirche - hat den
»heiligen« Konstantin, den ersten »christlichen Kaiser«, der 17
Jahrhunderten Kirchengeschichte seinen Stempel aufdrückte,
verständnisvoll gelobt: »In allen Kriegen, die er unter-
196
nahm und leitete, siegte er glänzend.« Das Urteil trifft des Kaisers
Kern. Bischof Eusebius von Kaisareia, den Jacob Burck-hardt den
»ersten durch und durch unredlichen Geschichtsschreiber des
Altertums« genannt hat, bleibt nicht zurück, wenn es um die
Tugenden Konstantins geht: »Er allein hatte ja .unter den römischen
Kaisern Gott, den höchsten Herrn, mit unglaublicher Frömmigkeit
verehrt, er allein mit Freimut die Lehre Christi verkündet, er allein
seine Kirche verherrlicht wie nie einer seit Menschengedenken.« Und
auch noch Theologen unserer Zeit sind voll des Lobes und feiern den
Kaiser aus dem 4. Jahrhundert als »leuchtendes Vorbild« und
»wirklichen Gläubigen«. Denn »wer so handelt und vor allem so
handelt in einer Welt, die überwiegend heidnisch ist, ist Christ, und
zwar Christ dem Herzen, nicht nur der äußeren Handlung nach«,
meint Kurt Aland.
Der englische Denker Percy Bysshe Shelley (1792-1822) aber
kommt der geschichtlichen Wahrheit näher als alle Lohnschreiber: » ...
dieses Ungeheuer Konstantin... Dieser kaltblütige und scheinheilige
Rohling durchschnitt seinem Sohn die Kehle, erdrosselte seine Frau,
ermordete seinen Schwiegervater und seinen Schwager und unterhielt
an seinem Hofe eine Clique blutdürstiger und bigotter christlicher
Priester, von denen ein einziger genügt hätte, die eine Hälfte der
Menschheit zur Abschlachtung der anderen aufzureizen.«
Konstantin (geboren um 285) hat ohne Zweifel ein historisches
Verdienst: Er begann damit, die bestehende Ordnung des römischen
Staates umzudrehen, indem er einen Angriffskrieg nach dem ändern
führte und einen Mitregenten nach dem ändern beseitigte. Er hat auf
diese Weise revolutionär gewirkt, hat aus dem Christentum - bis dahin
eine (in Maßen) staatlich verfolgte Religion- eine Staatsreligion
gemacht. Diese Umwälzung förderte eine neue Herrenschicht zutage,
den Klerus, vom Kaiser hofiert und dotiert wie keine andere
Interessengruppe im Neuen Reich. Da dieser Klerus aber die alten, auf
Krieg und
197
Ausbeutung beruhenden Verhältnisse beibehielt, brauchte sich unter
ihm nichts wirklich zu verändern - von der eigenen Stellung dieser
Lobby einmal abgesehen, die sich zunehmend von unten nach oben
drehte.
Führt sich die fromme Folklore der Kirche auf einen
Verbrecher zurück?
Klerus und Militär machten die Basis des Neuen Reiches aus. Die
verheerend fortwirkende politisch- militante Religiosität, die noch
heute Gewalt über Menschen besitzt, gilt seit Konstantin als
Staatsideologie. Da niemand besser als die Staatskleriker die neue
Weltanschauung legitimieren konnte, wurden diese vom Kaiser mit
Ehrungen überhäuft. Eine Hand begann die andere sauberzuhalten.
Konstantin »säubert vor allem die Welt von der Feindschaft gegen
Gott« und wird dadurch - in den Augen der kirchlichen
Geschichtsschreiber - zum Vorbild aller späteren Kaiser, zum
unerreichten Ideal eines Herrschers, der aller Welt zeigt, wie mit den
Feinden und wie mit den Freunden Gottes zu verfahren ist. Auf die
einen warten Folter und Hinrichtung, auf die anderen Geschenke im
Überfluß. Konstantins Gunsterweise brechen über die Geistlichen
herein, und diese schnappen nach den unverhofft fetten Bissen. Gott in
Gestalt eines Kaisers meint es gut mit ihnen. Bischöfe haben jetzt
Anspruch auf besondere Titel, auf Weihrauch und Staatsgewänder,
kurz: auf jenen Talmiglanz, der bis heute seinen Eindruck auf schlichte
Gemüter nicht verfehlt. Bischöfe werden kniefällig begrüßt und sitzen
auf Thronen. Viele der »konstantinischen Gnadenerweise« für die
Bischöfe sind noch heute, nach Jahrhunderten, wirksam: Kleider,
Throne, Titel. Wer feiertags eine katholische Bischofskirche betritt, kann
sich satt sehen. Er bekommt in solchen »Gottesdiensten« kostenlosen
Anschauungsunterricht in byzantinischer Geschichte.
Kirchen in Rom erhalten Grundbesitz nicht bloß im Stadtge-
198
biet (über den sie noch heute verfügen), sondern auch in Süditalien und
auf Sizilien. Roms Stadtkirche bekommt eine Tonne Gold und zehn
Tonnen Silber geschenkt, die Kirchenbauten selbst werden erlesen
geziert. Erst so sind sie das, was der Kaiser braucht: Dankesmale für
seine - und des Herrn Jesus Christus -heiligen Siege über das unheilige
Gewürm auf Erden: die Andersdenkenden. Der katholische
Papsthistoriker V. Gröne, der mit seiner Interpretation zahlreiche
Verdreher und Schönfärber der Zunft vertritt, schreibt dazu: »Der
oberste Bischof der Kirche wurde genöthigt, sich mit weltlicher Pracht
zu umgeben und in Kleidung, Wohnung, Gastmählern Aufwand zu
machen, um die Kirche mit ihren kostbaren Bibliotheken, ihren
goldenen Gefäßen, purpurnen Gewändern, herrlichen Altären auch der
Welt gegenüber würdig zu repräsentieren.«
Darf sich ein überführter Massenmörder als
»Stellvertreter Gottes« fühlen?
Niemand gibt umsonst, schon gar kein Machtpolitiker wie Konstantin.
Um »Gottes Lohn« - wie die verdummten Untertanen von Staat und
Kirche - tut ein Kaiser nichts. Er bekommt als Gegengabe genau das,
was er will - und was er politisch vermarkten kann: Er erklärt, alles,
was er sei und habe, schulde er dem »größten Gott«. Aber er sei auch
dessen »Stellvertreter auf Erden«, nicht mehr und nicht weniger. Also
darf er die entsprechende Verehrung verlangen. Sie geschieht nicht nur
im Hofzeremoniell (Kaiserkult) wie bei den vorchristlichen
Monarchen. Konstantin entmachtet mit Hilfe seiner neuen Ideolo gie
alle, die nicht - gleich ihm - Gottes Stellvertreter sind, somit alle
Menschen seines Reiches. Menschenrechte gibt es nicht, nur den
Willen eines Kaisers, der sich mit Gottes Willen identifizieren läßt.
Warum wohl eine typisch klerikal geprägte Kirche wie die römische
noch heute nichts mit den allgemeinen Menschenrechten anzufangen
weiß ?
199
Der ungetaufte und noch nicht einmal als Taufbewerber anerkannte
Konstantin verhilft der Kirche zu einem wichtigen Dogma. Nach dem
katholischen Kirchenhistoriker Hermann-Josef Vogt bestand der Kaiser
kraft seiner politischen Erfahrung — das heißt seiner Erlebnisse als
Herrscher und Heerführer -darauf, den Sohn Gottes nicht für ein
geringeres Wesen als Gottvater zu halten, sondern ihn auf dieselbe
Stufe des Wesens und der Würde wie den Vater zu stellen. Das Konzil
von Nikaia übernimmt 325 diese Ansicht und lehrt, unter Strafe des
Bannes, der Herr Jesus Christus sei »wesensgleich« mit dem Vater. Und
Konstantins »Credo« wird noch heute nachgebetet. Der Kaiser,
ungetaufte Autorität in Glaubensdingen, hat dafür gesorgt, und er
hatte seine Gründe. An der dogmatischen Aussage lag ihm nichts; er
schaute darauf, daß der Sohn nicht weniger galt als der Vater. Seine
Siege waren unter dem Zeichen des Kreuzes geschehen, und der Sohn,
der am Kreuz gestorben war, konnte kein untergeordneter Gott sein.
Ein Gott zweiten Ranges als siegreicher Beschützer des Regenten war
undenkbar. Konstantin mußte von den unterworfenen Völkerschaften
seines Imperiums, die diversen Religionen huldigten, anerkannt sein
als derjenige, dem der höchste Gott in allem beistand, der
»wesensgleiche« Gottessohn. Daß für eine solch politische Dogmatik
Religionskriege geführt und viele »Ketzer« (Arianer) geopfert werden
mußten, erschien dem Kaiser als Bagatelle. Er hatte seinen Willen,
die Christen hatten ihr Dogma.
Bischöfe und Theologen seiner Epoche feiern Konstantin als
»gottgeliebten Führer«, den »von Gott eingesetzten allgemeinen
Bischof«. Der Kaiser, der endlich als »13. Apostel« bestattet wird, gilt
als großer Heiliger. Noch im mittelalterlichen England werden ihm
zahlreiche Gotteshäuser errichtet, noch im 20. Jahrhundert wird er als
Idealfigur des christlichen Herr-schertums überhaupt verehrt.
Doch der »Schöpfer des christlichen Weltreichs«, der heilige
200
Konstantin, war ein Massenmörder. Der »gottgeliebte und dreimal
selige« Kaiser hat sein Reich auf Angriffskriege gestützt und durch
nichts anderes als durch Schlachtenglück legitimiert. Kein Bischof, kein
Papst, kein Kirchenvater hat diese Perversion gegeißelt, Das Kreuz als
siegreiches Kriegszeichen und die »Gott-mit-uns«-Parole sind keine
Verirrungen menschlichen Denkens, sondern Wesensinhalte
christlicher Predigt. Die Rüstungswut des Abendlandes ist auf dem
Boden der Kirchen gewachsen; der Haß stammt aus christlichen
Herzen. Unter solchen Umständen, da die Größe des Wütens das
Verbrechen straflos macht, ja heiligt, fallen die eher privaten Morde
Konstantins gar nicht mehr auf: Der Heilige hat seinen Schwiegervater
erhängen, seine beiden Schwäger erwürgen, seinen eigenen Sohn
vergiften, seine Frau im Bad ersticken lassen. Den gesamten Besitz
der ermordeten Gattin aber erhielt der Papst geschenkt, und der
besitzt ihn wohl noch immer. So arbeiten Papst und Kaiser Hand in
Hand, und Thron wie Altar wanken nicht, wo Heilige am Werk sind.
Finden sich sogar ein paar heilige Päpste?
Wer unbedingt heiliggesprochen werden möchte, hat statistisch die
größten Chancen, sein frommes Ziel zu erreichen, wenn er eine
Papstkarriere macht. Ein Viertel der bisherigen Amtsinhaber hat es
schon geschafft. Das ist eine relativ hohe Zahl. Für Familienväter oder
Pfarrer vom Lande stehen die Vorzeichen wesentlich ungünstiger.
Bisher wurde erst ein einziger Dorfpfarrer kanonisiert. Aber insgesamt
78 Päpste gelten den Ihren als heilig; die ersten paar Dutzend der
Papstgeschichte sind ohnedies unbesehen heiliggesprochen worden.
Das Papsttum nahm es da nicht so genau. Später ging die Flut an
heiligen Päpsten zurück. Bisweilen herrschte fast schon Ebbe, und nicht
jeder Amtsinhaber konnte von vornherein damit rechnen, durch
einen seiner Nachfolger die höchste Würde der katholi-
201
sehen Christenheit zu erhalten. Inzwischen ist wieder Land in Sicht.
Auch im 20. Jahrhundert gibt es bis jetzt zumindest einen
heiliggesprochenen Papst: Pius X. Für andere läuft das • Verfahren
noch. Pius XII. zählt zu diesen Kandidaten: ein »Stellvertreter Christi«,
der ein Privatvermögen von 80 Millionen DM besaß, als er 1958 starb,
und der zuvor alle faschistischen Staatsverbrecher Europas unterstützt
hat.
Heilige Päpste? Zum Beispiel der Priestersohn Damasus (366-384),
schwer zu durchschauen, skrupellos und hart, ein Charakter, der
freilich wegen eben dieser Persönlichkeitsmerkmale gut zur Epoche
und zur Heiligenhistorie paßt. Durch Terror und Bestechung Papst
geworden, erkannte er früh die Möglichkeiten seines Amtes. Er
schaffte es, dem römischen Kaiser Gratian den bisherigen
Imperatoren-Titel »Pontifex Maximus« auszureden — und den bis
heute gebräuchlichen Titel auf den Bischof von Rom zu übertragen.
Damit war die Basis für die kommende Machtfülle des Papsttums
gelegt. Auch nannte Damasus seinen eigenen - römischen — Thron
die »Sedes Apostolica« und unterminierte auf diese Weise die Stellung
der übrigen Bischöfe des Erdkreises. Rom wurde zur geistlichen
Vormacht, die römische Kirche zur autoritären Herrin über andere,
statt die erste unter gleichen Gemeinden zu bleiben. Papst Damasus
nannte seine Kirche »allen anderen Städten der Welt vorangestellt«,
seinen Bischofssitz, den er erst nach monatelangen Krawallen und
blutigen Straßenschlachten erobert hatte, einen Platz ohne »Fleck und
Runzel«. Damasus hatte sich nur mit Hilfe einer eigens angeheuerten
Söldnertruppe wider seinen Gegenkandidaten durchsetzen können.
Seine Spießgesellen waren die schlagkräftigeren Prügler gewesen,
seinem Geld war es geglückt, die Mehrheit zu bestechen. Über 150
Tote lagen in Rom, als der hl. Damasus seinen Thron besteigen
konnte. Die Mordzüge gegen seine persönlichen Feinde gingen
allerdings weiter. Katholische Kirchengeschichtler aber loben seinen
»kindlich-frommen Sinn«, nennen ihn einen »gottbe-
202
geisterten Priester«. Der Papstverbrecher wird noch immer in den
offiziellen Heiligenkalendern geführt. Das Fest des wegen Ehebruchs
und wegen Mordes angeklagten Kirchenfürsten ist auf den 11.
Dezember datiert; in Italien gilt er als Fürbitter gegen
Fieberkrankheiten. Der Repräsentationshof des heutigen Vatikans trägt
mit Recht seinen Namen.
Daß Damasus - nach seinem Sekretär, dem heiligen Kirchenlehrer
Hieronyrnus, »Licht der Welt und Salz der Erde« -den anderen Kirchen
vorlog, die beiden wichtigsten Apostel, Petrus und Paulus, hätten
seine Gemeinde gegründet, rundet das Bild ab. Erstmals war es
gelungen, den konkreten Fischer Simon (Petrus) vergessen zu machen
und an seine Stelle eine Abstraktion namens Petrus zu setzen. Mit
dieser würde sich in Zukunft jeder einzelne »Stellvertreter«
identifizieren können, um die Tradition der Macht fortzusetzen. Kein
Wunder, daß römische Päpste ohne den nicht auskommen wollen, den
sie zu ihrem ersten gemacht haben. Kein Wunder, daß sie sogar den
Boden unter ihrer größten Kirche, dem nach diesem benannten
»Petersdom«, haben aufreißen lassen, um Reste des ersten zu fi nden.
Kein Wunder, daß es Papst Pius XII. geglückt ist, im Verlauf der
Ausgrabungen (seit 1940) zur richtigen Gelegenheit auch etwas zu
finden: nicht nur das »authentische Grab«, sondern wahrscheinlich
auch die darin befindlichen »echten Gebeine« des vor fast 2000 Jahren
Hingerichteten. Damasus, der seinerseits alles darangesetzt hatte,
möglichst »viele Leiber der Heiligen« aufzuspüren, um den Glanz der
eigenen Kathedra zu mehren, hatte weniger Erfolg. Obwohl er »eifrig
die Eingeweide der Erde« durchsuchte und der zeitliche Abstand zu
Petrus noch relativ gering war, hatte Petrus selbst sich ihm versagt.
Der sogenannte erste Papst wollte mit der Entdeckung seines Skeletts
warten.
Damasus, wegen seiner einschmeichelnden Predigten »Ohrenkitzler
der Damen« geheißen, hatte begonnen. Seine Nachfolger brauchten
nur noch weiterzumachen. Am Hof dieses
203
Bischofs von Rom soll bereits besser gegessen und üppiger getrunken
worden sein als an der Tafel der Könige, und hin und wieder kam auch
der arme Landklerus vorbei, um sich »ungesehen zu betrinken«. Ein
zeitgenössischer Heide sah, was sich am »ersten« Sitz der Christenheit
tat, und meinte: »Macht mich zum Bischof von Rom, und ich werde
sofort Christ.« Weitere Erfolge blieben nicht aus: Damasus gelang es,
den »weltlichen Arm« für Belange der Priester einzusetzen und damit
eine verhängnisvolle Entwicklung einzuleiten. Die staatliche Gewalt
wurde in der Folgezeit zum Instrument der klerikalen Herrschsucht —
bis hin zur Inquisition. Wen Geistliche künftig beseitigen lassen wollten,
ob »Ketzer«, Juden oder »Hexen«, den oder die konnten sie der
Staatsmacht übergeben, die ihren Wunsch erfüllte, die Endlösung
bereithielt. Blutige Hände machte sich der Klerus auf diese Weise
nicht, und blutrünstiges Denken und Fühlen war ohnedies sein
Kennzeichen.
Wie stand es um die »päpstliche Heiligkeit« im
16.
Jahrhundert?
Das 16. Jahrhundert kennt geschichtlich höchst interessante Päpste:
Eingeleitet wird es von Alexander VI. Borgia, einem skrupellosen
Potentaten, vor dessen Nachstellungen Frauen, sogar die eigene
Tochter, nicht sicher sein konnten. Stendhal schreibt über die
Kardinale, deren — von Aktien- und Immobilienhandel
gekennzeichnete - Wahl den Borgia zum Papst gemacht hat:
»Frömmigkeit war selten im Heiligen Kollegium, Atheismus
allgemein.« Alexander VI. selbst wird vom Papsthistoriker Hans
Kühner treffend als »vollkommener Verbrecher« bezeichnet. An die
Heiligsprechung dieses Mannes, der von verschiedenen Mätressen
neun Kinder hatte, war nicht einmal unter kurialen Verhältnissen zu
denken. Freilich' hat auch der große Gegenspieler Alexanders VI., der
Dominikanermönch Girolamo Savonarola (vom Papst als »Ketzer«
ermordet), bis
204
heute noch keinen vatikanischen Heiligsprechungsprozeß bestanden.
Noch immer halten die Päpste lieber zu ihresgleichen als zur
geschichtlichen Wahrheit, von den Menschenrechten ganz zu
schweigen.
Auch die Nachfolger des Borgia, darunter Kriegsherren wie Julius
II. della Rovere, Lebemänner wie Leo X. Mediä oder Machtpolitiker
wie Klemens VII. Medici, hatten wenig Chancen, heiliggesprochen zu
werden. Dasselbe galt, für Kenner der Kriminalgeschichte etwas
abgeschwächt, für Paul IV. Carafa, nach Hans Kühner »wohl die
grausamste Gestalt der ganzen Papstgeschichte, der personifizierte
Scheiterhaufen der Inquisition«. Ein pathologischer Haß auf
Andersdenkende und Meinungsfreie ließ diesen Paul IV. sagen, selbst
wenn sein eigener Vater Ketzer gewesen wäre, hätte er, der Papstsohn,
das Holz für das Feuer zusammengetragen. Paul IV. verschuldete
auch das einzige Massenverbrechen der italienischen Geschichte an
zwangsbekehrten Juden: 24 Flüchtlinge wurden auf seine Anweisung
hin verbrannt. Weitere Taten aus diesem Pontifikat sind die
Errichtung des Gettos für römische Juden sowie die Einführung des
sogenannten Index, der alle für katholische Leser verbotenen Bücher
aufzählt.
Paul IV., nach dessen Tod die römische Bevölkerung das Gebäude
der Inquisition eingeäschert und die Statue des Papstes auf dem
Kapitol umgestürzt hatte, durfte nicht heiliggesprochen werden. Die
heroische Tugend des Tötens hin oder her: So weit konnten es die
Verantwortlichen seinerzeit nicht treiben. Das 16. Jahrhundert weist
nur einen heiliggesprochenen Papst auf. Dieser Pius V. (1504-1572)
war ein relativ einfach denkender Mensch. Er glaubte, viel von der
sogenannten Übernatur zu verstehen. Sicher ist, daß er jedenfalls von
der Welt und ihren Menschen wenig begriff. Um so gefährlicher wurde
dieses simple Denken denen, die wagten, anders zu denken als der
Papst. Pius V. tat sich als einer der hartnäckigsten Ketzerverfolger der
Kirchengeschichte hervor, und dies will,
205
aufs Ganze dieser Verfolgergeschichte gesehen, schon etwas heißen. Die
kriminelle Energie des Heiligen Vaters schuf sich ihr Ventil.
Regelmäßige Hinrichtungen von Häretikern und von Kritikern des
Papsttums gehörten zu diesem »heiligmäßigen« Pontifikat. Mit der
Bulle »Hebrorum gens sola« hinterließ Pius V. eines der
erschütterndsten Dokumente des christlichen Kampfes gegen die Juden,
das den »Unbußfertigen«, deren Väter Jesus aus Nazareth ermordet
haben sollen, schwerste körperliche Strafen androht. Pius V. ließ die
Juden aus dem Kirchenstaat vertreiben (ausgenommen Rom und
Ancona). Wagte es ein bekehrter Jude, alte Freunde im Getto zu
besuchen, ließ der Papst ihn tagelang foltern. Jüdinnen wurden
ausgepeitscht.
Zeitbedingte Grausamkeit? Allgemeine Humanität? Heroischer
Tugendgrad? Vorbild im Himmel für alle Zeiten? Der Ketzerjäger und
Judenverfolger schlimmsten Ausmaßes wurde im Jahr 1712 durch
Klemens XI. heiliggesprochen, zur Zierde der römischen Kirche, zur
Schande für die Menschheit. Fragwürdig bleibt, warum nur der
Verfolgerpapst Pius V. und nicht auch der Verfolgerpapst Paul IV.
kanonisiert worden ist. Beide unterscheiden sich nicht im heroischen
Grad ihres Hasses auf »Ketzer« und Juden. Ausschlaggebend mag der
Machtinstinkt der Institution Kirche gewesen sein, der einen Pius V.
gegen die unbefragten Gläubigen eher durchzusetzen wagte als
einen Paul IV.
Wie war es um die heroischen Tugenden eines Papstes aus dem 20.
Jahrhundert bestellt?
Verglichen mit dem 16. Jahrhundert, wo es selbst den interessiertesten
Repräsentanten der Kirche schwerfiel, massentaugliche Ideal-Päpste
zu finden, weist unser Jahrhundert eine Menge von idealen
Papstgestalten auf, die miteinander im edlen Wettstreit um die Krone
der Heiligsprechung liegen. Der wahre Gläubige von heute ist versucht,
diese Krone nun jedem
206
Heiligen Vater zuzuerkennen. Denn »kleine Päpste« hat es im 20.
Jahrhundert nicht gegeben, folgt man der einschlägigen
Geschichtsschreibung. So darf die gläubige Bevölkerung gespannt sein,
wer von ihren Großen das Rennen macht. Geschafft hat es bisher nur
einer, Papst Pius X. (1835-1914), der 1954 von dem berüchtigten
Faschistenpartner Pius XII. (inzwischen selbst ein Anwärter auf die
höchste Ehre) kanonisiert worden ist.
»Von der Politik verstehe ich nichts, mit der Diplomatie habe ich
nichts zu tun, meine Politik ist der da«, damit deutete Pius X. auf den
Gekreuzigten. Allein dieser Ausspruch hätte genügt, den Papst in den
Augen der im Vatikan wirklich Herrschenden zum Vorzeigeheiligen zu
prädestinieren. Daß Pius X. diesen Klerikalen treu gedient hat,
beweisen die Taten seiner Regierungszeit. Sie erfüllten den Zweck, den
die eigenen Interessenpolitiker ihrer Kirche zugelegt haben. Unter der
Devise, ein »Reformpapst« und weiter nichts sein zu wollen, betrieb
Pius X., was dem Papsttum am zuträglichsten war - und ihn zum
politischen Heiligen werden ließ. Der naiv-fromme Mann, der seine
Politik mit dem Gekreuzigten machen wollte, besorgte wie kaum ein
anderer das Geschäft der klerikalen Scharfmacher seiner Epoche.
Gerade die Tatsache, daß Pius X. absolut nichts von der politischen
Wirklichkeit verstand, die er als Souverän des Vatikans leiten sollte,
degradierte ihn zum Werkzeug derer, die wußten, worauf es ankam.
Sachfragen ließen sich von dem Naiven nicht beantworten; er blieb
denen ausgeliefert, die für ihn bereits entschieden hatten. Ihm selbst
wurde freilich der Eindruck vermittelt, als seien alle Entscheidungen
die seinen.
»Rein wie eine Parzivalnatur« nannte diesen »Stellvertreter«
Bischof Alois Hudal, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der
NSDAP. Als tumb-fröhlicher Gottesmann wurde Pius X. damals wie
heute verkauft: Eine gelenkte Presse rühmte seine Schlichtheit, seine
einfache Kleidung, seine Nickeluhr. Dieser Papst der »Kleinen, Armen
und Pfarrer« konnte schon aus »Herzensgüte« nichts falsch machen.
Hatte sein unmittelbarer
207
Vorgänger Leo XIII. noch ein Vermögen von über 60 Millionen
hinterlassen, durfte von Pius X. allenfalls eine Hinterlassenschaft von
wenigen Pfennigen erwartet werden. Doch das Erbe, das der
Herzensgute hinterließ, war weder in Millionen noch in Pfennigen
auszudrücken. Der für alles und jedes taugliche Papst, der nicht
anders denken konnte als in den Kategorien Gut und Böse, Schwarz
und Weiß, teilte die ihn bedrängende Welt entsprechend ein. Was
dabei herauskam? Protestanten waren böse, Reformatoren galten als
»arrogante Feinde des Kreuzes Christi«, ihr Gott war »der Bauch«;
Österreich führte den Ersten Weltkrieg als einen »ausnehmend
gerechten« Kampf gegen die Alliierten; Rußland galt als »der größte
Feind der Kirche«. Ihm wurde vom Papst die Kriegsschuld
zugeschoben. Inwieweit er selbst auf seine unpolitische Weise zum
Krieg beigetragen hat, ist noch nicht recht erforscht. Verhindern
wollte er ihn gewiß nicht. Vielmehr forderte Pius X. mehrmals,
Österreich habe endlich seine Nachbarn an der Donau zu »züchtigen«.
Der Krieg sei seit Jahren emsig und ernst vorbereitet worden, und
eine der wichtigsten Vorbereitungen zum Krieg sei der »Eucharistische
Weltkongreß zu Wien« 1912 gewesen, konnte ein österreichischer
Bischof unwidersprochen und karrierefördernd bekennen. Der Papst
stand hinter der »Apostolischen Majestät«, dem »katholischen Kaiser
Europas und Sohn der Kirche«, Franz Joseph. Das französische Gesetz
über die Trennung von Staat und Kirche jedoch wurde von demselben
Papst »kraft der erhabenen Machtvollkommenheit, die Uns von Gott
übertragen worden ist«, einfach »annulliert«, weil es »Gott im tiefsten
Sinne verächtlich behandelt«. In Frankreich herrschten die Bösen, die
Vertreter der Meinungsfreiheit auch in der Kirche, die »Laizisten«.
Dem war zu begegnen. Der Heilige hatte - als Bischof - seinem Klerus
bereits das Radfahren scharf verboten und als Kardinal »die Zeitirrtümer
der Denk-, Gewissens-, Rede-, Kult- und Preßfreiheit« heftig
bekämpft. Als
208
Papst konnte er noch weiterreichende Kulturtaten begehen. Die
römische Kurie wurde mit Fundamentalisten reinsten Wassers
durchsetzt (gewiß die »Guten«). Ein bisher noch nicht in diesem
Ausmaß gekanntes Spitzel- und Denunziantenwesen blühte auf, das
die Schwarzen von den Weißen unterscheiden helfen sollte. Die
»bösen« Theologen, die anders zu denken wagten als der reine Tor im
Vatikan, wurden als Teufel verdächtigt und gewissenlos verfolgt. Die
offizielle Kirche Roms grenzte sich endgültig von der »bösen Welt« ab,
vatikanische Geheimpolizisten und Spione im Kirchensold übernahmen
die Aufgaben einer zweiten Inquisition, das katholische Abendland
mußte sich daran gewöhnen, im Namen des Papstes durchschnüffelt
und denunziert zu werden. Bei kirchlichen Lehrzuchtverfahren
wurde die Usance anderer neuzeitlicher Diktaturen eingeführt, den
Beschuldigten, als Unpersonen dämonisiert, keinerlei Möglichkeit zur
Verteidigung zu lassen. Der Papst bedrohte alle, die es wagten, sich
gegen die haltlosen Verdächtigungen ihres Denkens zu verteidigen und
damit eigene Menschenrechte wahrzunehmen, mit der höchsten
Kirchenstrafe, der Exkommunikation. Diese geistliche Gewohnheit,
Verurteilungen von vornherein festzulegen, ist noch immer nicht
beseitigt; sie ge hört zum System einer Kirche, die nach außen statt
nach innen die Menschenrechte predigt.
Über dem erst in unseren Tagen aufgedeckten Sumpf, der den
Humus für den Diktator und Papstfreund Mussolini abgeben sollte,
schwebte eine Gestalt in Weiß, der heilige Papst. Dieser machte sich
die Hände nicht schmutzig. Er ließ die Dreckarbeit seine
Hofkamarilla machen. Pius X., der nicht mehr die Macht seiner
Vorgänger hatte, Scheiterhaufen für die Gegner klerikalfaschistischen
Denkens zu errichten, hat jedoch für die Vergiftung der Atmosphäre in
Kirche und Gesellschaft gesorgt, hat das üble Denken einer
Interessengruppe zur Weltanschauung der Katholiken erheben lassen
und auf diese »unpolitische« Weise Millionen Köpfe und Herzen
besudelt.
209
Pius X. ist kurz nach Kriegsbeginn 1914 gestorben, nach Meinung der
Klerikalpresse als »1. Opfer und 1. Märtyrer des Krieges«, nach
Ansicht von Roger Peyrefitte vor Freude. Ein gebrochenes Herz,
gebrochen vor Freude über den endlich gelungenen Streich Österreichs
gegen das schismatische Serbien, dessen »Züchtigung« nun begann.
Für wen hat die »Heiligkeit« sich ausgezahlt?
Faseln Theologen von der »heiligen Kirche«, dann geraten sie schnell
in Hitze. Das wundert nicht: Je durchdringender der Ruf nach
Heiligkeit wird, je praktikabler sich Heilige verwerten und vorzeigen
lassen, desto schneller vergessen die Adressaten solcher »Theologie der
Heiligkeit«, was deren Autoren vergessen machen wollen: die
Tatsache, daß die heilige Kirche vor allem finanziell stark von der
Heiligkeit profitiert. Theologen des »Überbaus«, die nicht müde
werden, alle möglichen heroischen Tugenden zu erfinden und ihre
Erfindung gleich auf wirkliche Menschen anzuwenden, übersehen
bewußt das »Unten«. Keine Rede ist da vom Geld - schließlich ein ganz
untergeordneter Wert. Dabei lebt ihre Kirche davon, und sie selbst
haben auch ihr Auskommen. Heiligkeit zahlt sich in Mark und Pfennig
aus. Sie ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Sie rentiert sich nicht
allein in den vielen Wallfahrtsorten, wo sie massenhaft in Spenden
umgesetzt wird. Sie lohnt sich nicht nur lokal oder regional. Sie
liefert eine wichtige Grundlage für die Gesamtfinanzierung der Kirche.
Wäre diese Kirche nicht »heilig«, verstünde sie nicht, diese
»Heiligkeit« als letzten Wert auf Erden zu verkaufen, könnten
Menschen auf die Idee kommen, sich von der Kirche zu verabschieden -
oder die Konfession zumindest nicht mehr finanziell zu bedienen.
Kirche und Geld, Vorschuß auf jenseitiges Heil durch diesseitige
Dotation? Als Leitwort soll die Äußerung des Vorsitzenden der
Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1988 dienen, nach der ein
Un-
210
ternehmen »nicht moralisch diskreditiert werden« darf, »weil es
Gewinne macht«.
Daß sich der Hauptsitz der römischen Kirche »Heiliger Stuhl«
nennt, kommt nicht von ungefähr. Die größten
Unter nehmensgewinne sind noch immer dort zu machen, wo es sich
um Investitionen in das Jenseits handelt. Ist gar das Unternehmen in
aller Öffentlichkeit noch als »heilig« legitimiert, müssen Geld und
Immobilien sich mehren. Nicht ohne Grund ist es gelungen, das
angebliche Petrusgrab zu Rom in eine der augenfälligsten
Anhäufungen von Besitz an Grund und Boden zu verwandeln. Gewiß
haben geistliche Herren und Damen auch selbst hart für ihr
Fortkommen gearbeitet. Aus der langen Geschichte des christlichen
Klosterwesens wissen wir, daß die »Weltflucht« der Klosterleute zur
Quelle ungeheuren kollektiven Reichtums wurde. Arbeitet eine
Kommune bienenfleißiger Menschen, die bedürfnislos leben, Jahr um
Jahr für ihr Kloster, erwirtschaftet sie notwendig Überschüsse. Einen
kleinen Teil davon mag sie Bedürftigen gegeben haben, den großen
Rest hat sie in den eigenen Besitz investiert.
Doch war dies nicht die einzige und noch nicht einmal die
wichtigste Möglichkeit, den Besitz zu mehren. Noch heute ist im
Zusammenhang mit kirchlichem Grund und Boden hin und wieder die
Rede von »Schenkungen«. Das hört sich gut an, ohne es freilich zu
sein. Denn die gewaltigsten »Schenkungen«, die die Kirchengeschichte
kennt, beruhen auf Fälschungen. Und der Erfolg der Päpste bei ihren
Territorien und Immobilien war auch den unteren Chargen nicht
verborgen geblieben. Bald wollte jeder Bischof, jeder Abt seinen
eigenen »Priesterstaat« auf deutschem Boden. Alle bedienten sich am
Kuchen, und sie führten, nach römischem Vorbild, ihre eigenen
»Schenkungs nachweise« ein. Sie gingen keiner Fehde um ein
Stückchen Land mehr aus dem Wege. Erfolglos waren auch sie nicht.
Da sie es inzwischen durchgesetzt hatten, geistliche Gnaden zu
verteilen oder zu versagen, war es ein leichtes für sie, jeden zu
211
verdammen, der klerikalen Besitz kassiert oder eine Enteignung auch
nur begünstigt hat. Die noch immer verbreitete und von interessierter
Seite gepflegte Angst vieler Menschen, der Kirche (die nie »ihre«
Kirche gewesen ist) zu nahe zu treten, hat eine lange Tradition. Aber
noch immer liegt völlig im dunkeln, welche Liegenschaften, die
gegenwärtig der Kirche »gehören«, auf welche Weise »geschenkt« oder
»erobert« worden sind. Es braucht nicht viel Phantasie, sich
vorzustellen, daß auf diesem Terrain, würde wirklich einmal
sorgfältig geforscht, die schlimmsten Betrügereien aufgedeckt
werden könnten.
Blut und Boden ? Bodenerwerb durch Blut. Das gilt auch für die
folgenden Beispiele. In der Kirche gab es immer Fraktionen: Auf der
einen Seite die kleine Gruppe derer, die w ußten, was die wahrste
Wahrheit war, wo und bei wem sie lag - und bei wem nicht. Das
waren die orthodoxen, rechtgläubigen Christen; zumeist Kleriker.
Denn sie allein hatten mit der Zeit ein Wahrheitsmonopol errungen.
Diesen selbsternannten Elitecharakteren stand die Mehrheit
gegenüber: die »einfachen« Christen, denen gesagt werden mußte,
was Wahrheit sei, und die paar Christen, die eine andere Auffassung
von Wahrheit hatten als die jeweiligen Hirten - und dies auch offen
bekannten.
Ein kleiner, doch nicht unwichtiger Umstand: Die meisten der von
der Kleingruppe Klerus Verfolgten und Ermordeten waren
vermögend; die Juden vergleichsweise sehr. Dazu ein winziger
Ausschnitt aus der Kirchengeschichte: 1349 wurden in mehr als 350
deutschen Städten und Dörfern nahezu alle Juden verbrannt. In
diesem einzigen Jahr haben Christen weit mehr Juden ermordet als die
Heiden einst Christen in den 200 Jahren Christenverfolgung der
Antike. Diese Zahlen erscheinen in der gewöhnlichen
Geschichtsschreibung der Kleriker ebensowenig wie im normalen
Religionsunterricht: Da handelt man lieber von den vielen armen
Christen, die den Heiden und ihren Löwen zum Opfer gefallen sein
sollen. Hier aber geht es
212
um Fakten des 14. Jahrhunderts und nicht um Legenden: Nach der
Ermordung der Nürnberger Juden werden ihre Häuser beschlagnahmt
und die Geldvermögen eingezogen. Der Bischof von Bamberg kassiert
dabei ebenso wie beim Pogrom in seiner eigenen Bischofsstadt, wo er
fast sämtliche Häuser der Opfer übernimmt.
1931 hat der Regensburger Bischof Buchberger das »übermächtige
jüdische Kapital« als »Unrecht am Volksganzen« bezeichnet. Und Adolf
Hitler erklärte im April 1933 dem Osnabrücker Oberhirten Berning,
Vertreter des deutschen Episkopats bei der Reichsregierung: »Die
katholische Kirche hat 1500 Jahre lang die Juden als die Schädlinge
angesehen... Ich gehe zurück auf die Zeit, was man 1500 Jahre lang
getan hat... und vielleicht erweise ich dem Christentum den größten
Dienst.« Von einem Widerspruch des katholischen Bischofs, der seine
Briefe »Mit Deutschem Gruß und Hitler Heil!« unterzeichnete, ist
nichts bekannt. Staat und Kirche finden sich, als sei dies die natürlichübernatürlichste
Sache der Welt.
Warum liegen Mord und Landnahme so nahe beisammen?
Neben den Juden auc h die »Ketzer«, die »Hexen«: Ein Mainzer Dechant
ließ zur Zeit der Hexenverfolgungen in zwei Dörfern über 300
Menschen verbrennen, nur um ihre Güter zu seinem Sprengel zu
schlagen. Jedes der zahlreichen Todesurteile in der Diözese Augsburg
endete mit der Formel: »Ihr Hab und Gut verfällt dem Fiskus Ihrer
Fürstlichen Gnaden des hochwürdigsten Herrn Marquard Bischofs zu
Augsburg und Dompropstes zu Bamberg.« Die Inquisitoren und
Beichtväter strichen stets Blutgelder ein. Galt doch - so ein geflügeltes
Wort — als das schnellste und leichteste Mittel, reich zu werden, das
Hexenbrennen. Deshalb hielten sich auch die Kirchen der Reformation
wacker an dieses Prinzip. Vermögen einziehen, Kontributionen
auferlegen, vertreiben, verbrennen, das ist die eine Seite
213
des damaligen kirchlichen Tuns. Nichts mehr davon wissen, die andere,
die heutige. Was wurde aus den Vermögen und Liegenschaften, die
deutsche Kleriker ihren Blutopfern geraubt haben ? Daß es keine
einzige Statistik gibt, die nach der schlimmen Herkunft vieler
kirchlicher Immobilien fragt, beantwortet vieles. Daß kein einziger
unter den 10000 Klerikern der Bundesrepublik auch nur darauf käme,
an eine Art Entschädigung zu denken, beantwortet alles.
Die Reformation hat es weitgehend geschafft, die deutschen Gelder
von den früheren Adressaten, den Klöstern und Kirchen, abzuziehen -
und auf die eigenen Pfründen umzuleiten. Große Unterschiede
zwischen der alten und der neuen Kirche sind in diesem Punkt nicht zu
erkennen. Beide Großkirchen bedienen sich mit ähnlich geistlichem
Eifer. Mit nichts sonst wurde je soviel Geld verdient wie mit dem
relativ einfachen Faktum, daß niemand sicher sagen kann, ob diese
Welt die einzige ist — oder ob es noch etwas danach gibt. Warum wohl
sind in deutschen Großstädten noch einige der besten Innenstadtlagen
Kirchengut, auch wenn heute Kaufhäuser darauf stehen oder
Parkplätze?
Zu den Zeiten, da Bischöfe auch Landesherren waren, die mit
Feuer und Schwert das Gottesreich ausbreiteten, fiel immer wieder ein
Stück Land ab. Jeder Prälat mehrte auf solche Weise seinen
Grundbesitz, und manchen gehört dieser bis auf den heutigen Tag.
Deutsche Kleriker haben früher als politische Beamte, Minister,
Kronschatzverwalter, Heerführer des Königs gewirkt. Unter Kaiser
Otto II. (955—983) stellten sie einmal mehr als doppelt soviel
Gepanzerte wie alle weltlichen Fürsten. Die Erzbischöfe von Mainz,
Köln und Trier nahmen als erste deutsche Kurfürsten wesentlichen
Einfluß auf die deutsche Politik. Schon seit 1198 mußten sie an jeder
Wahl eines deutschen Königs oder Kaisers beteiligt sein, sonst war die
Wahl ungültig. Bischöfe haben ganze Armeen befehligt — fremde und
eigene —, haben auch höchst eigenhändig gemordet und die
Besitztümer
214
ihrer Opfer eingezogen: »Also stunt es mit der Pfaffhait, wo man
poses horte oder krig wer und man fragte, wer tut das, so hies es, der
bischof, der pfaff.«
Stimmt es, daß der Papst finanziell in der Klemme steckt?
Es ist nicht so, als müßte der Vatikan heutzutage bei
Entwicklungsländern betteln gehen und sich von afrikanischen
Macht- habern teure Riesendome schenken lassen, um die Notdurft
der Seinen zu decken. Der Eindruck trügt, als sei der Kleinstaat des
Papstes selbst ein wirtschaftliches Entwicklungsland, mochte auch
Papst Paul VI. noch 1966 von seinen »begrenzten finanziellen
Mitteln« sprechen. Das Lamento ist Zweckpropaganda. Mit der
Wirklichkeit hat es nichts zu tun. Der Wahrheit näher kam ein
Amtsvorgänger Pauls VI., Papst Leo X. Medici, der nach seiner Wahl
rief: »Der liebe Gott hat Uns nun einmal das Papsttum verliehen, da
wollen Wir es auch genießen.« Leo X. (1513-1521), dessen Krönung
allein 50000 Golddukaten gekostet hatte, gab monatlich für seine Tafel
10000 Golddukaten aus (ein Theologieprofessor wie Martin Luther
erhielt seinerzeit 8 Dukaten Jahresgehalt). Leo X. war übrigens der
Papst, der Luther in den - bis heute offiziell behaupteten -
Kirchenbann tat.
Die im wahrsten Sinne des Wortes reiche Vergangenheit des
Kirchenstaats spricht für sich. Schon bald nach dem Tod des Jesus
aus Nazareth wurde die christliche Botschaft nicht mehr durch
apostolische Wanderprediger verkündigt, sondern durch seßhafte
Gemeindevorsteher. Diese strebten — vor allem am Hauptsitz Rom -
nach materieller Sicherheit für sich und die Ihren. Gegen Ende des 4.
Jahrhunderts sagt der Historiker Ammianus Marcellinus, wer Bischof
von Rom werde, werde schnell reich und könne ein feudales Leben
führen. Kein Wunder, daß die Kandidaten sich so hartnäckige Kämpfe
um den Posten lieferten. Seit 475 gab die römische
Christengemeinde
215
ein Viertel der Gesamteinkünfte dem Bischof, ein Viertel dem Klerus,
ein Viertel für Kirchbauten - und das letzte Viertel den Armen. Dieses
Prinzip hat sich seither bewährt in der Heilsgeschichte: 75 Prozent für
sich, 25 Prozent für andere. Während die römische Kirche und ihr
Klerus immer wohlhabender wurden, immer reicher, blieben die
Armen der Welt so elend, wie sie stets gewesen waren.
Seit dem 5. Jahrhundert ist der Bischof von Rom der größte
Grundbesitzer im Römischen Reich. Die neue Herrenklasse -der
Klerus - profitierte von allen Rechts- und Wirtschaftsordnungen des
untergehenden Imperiums zuletzt fast als einzige. Und so ging es
weiter. Daß einmal ein Kaiser Konstantin (der »Heilige«) im 4.
Jahrhundert dem Papst Silvester I. (314-335) und seinen Nachfolgern
Rom und das ganze Abendland »geschenkt« haben soll, ist eine fromme
Fabel. Das haben sich, viel später, im 8. Jahrhundert, Kleriker in Rom
ausgedacht - und die entsprechenden Dokumente gefälscht -,
Priester, die Grundbesitz und abendländische Ideologie zugleich
interessierten. Um einen »von Gottes Gnaden« deutschen König
hereinzulegen, erfanden sie die Konstantinische Schenkung. Pippin, so
hieß der Karolinger, der Vater Karls des Großen, fiel auch auf den
Betrug herein, und seither gibt es den mittelalterlichen Kirchenstaat,
eine »Pippinische Schenkung« aus dem Jahr 754 mit ungeheuren
territorialen Zusagen. Diese sollten Pippin schon auf Erden Gewinn
eintragen, noch mehr aber an der Himmelstür, wo der hl. Petrus, von
den Päpsten als »erster Papst« verkündigt, über Sein oder Nichtsein
Wache hielt. Den eigentlichen Gewinn, wenn nicht den
ausschließlichen, hatten freilich die römischen Päpste. Pippin
versprach, aus lauter Angst vor dem Verlust diesseitiger wie jenseitiger
Gnade, künftig das Kirchengut in seinem Reich nicht nur zu schützen,
sondern auch zu mehren.- Er erließ ein Staatsgesetz, das die Zahlung
des Zehnten an den Klerus garantierte, und wurde derart gar so etwas
wie ein Erfinder der deutschen Kirchensteuer. Der
216
Apostel Petrus aber besaß einige Grundstücke in Rom. Und die
vatikanischen Kleriker erhielten von denen, die künftig zu diesem Ort
pilgerten - Kaiser, Könige, Kaufleute voran -, reiche Geschenke. Die
Erfolge solcher Immobilienpolitik sind noch heute zu sehen. Ist dies
nicht der Fels, worauf der Vatikan steht - und sich hält? Jedenfalls sind
mehr als Zweifel angebracht, geht es um die jahrhundertealten
Besitzansprüche der Kirche. Noch fragwürdiger aber wird es, spricht
man in diesem Zusammenhang von »Entschädigung«.
Papst Gregor VII. hat gegen Ende des 11. Jahrhunderts dekretiert,
allein er und seine Nachfolger könnten Kaiserreiche und Königtümer
sowie überhaupt die Besitztümer aller Menschen bestätigen oder
bestreiten, geben und nehmen. »Nach den Verdiensten eines jeden.«
Und neben der jahrhundertelangen Ausbeutung weltlicher Güter durch
geistliche Vertröster ist an die Einnahmen der Kurie durch Verkauf von
Dispensen, Gnaden und Reliquien zu erinnern, an Einnahmen
durch Zinsen, Mieten und Verkäufe, an Einnahmen durch
Börsenspekulationen, durch Bestechungsgelder, Sondersteuern, durch
eigene Kriegskassen.
Hockt der Heilige Stuhl auf seinem Geld?
Irgendwo muß das Geld geblieben sein. Oder haben die Päpste es
verpraßt? Hat die römische Kurie Mißwirtschaft betrieben? Hat sie es
gar an die Armen verteilt? Papst Paul VI. (1963-1978) versäumte es
nicht, den Glauben der Welt in letztere Richtung zu weisen. Klagte er
über den chronischen Geldmangel der Kurie, so erinnerte er an den
»mißlichen Umstand... daß die Kirche der materiellen Mittel
ermangelt, die sie für ihre Werke der unbegrenzten Wohltätigkeit und
Barmherzigkeit braucht...«. Vielleicht war er wirklich in Not. Die Welt
horchte auf, als eine Schlagzeile erschien, die den armen Souverän des
Vatikans zutiefst erschrecken ließ: »Erzbischof betrog Papst Paul um
752
217
Millionen«. Es ging um die jüngste der vielen vatikanischen
Bankaffären, die noch lange nicht die letzte gewesen sein wird. Paul
VI. hat gern von »Unserer heiligen Armut« geredet, vom »Mangel
Unserer Geldquellen«. Aber in Rom, wo es genug Arme gibt, die in
Slums hausen, wohnte er keineswegs in einer Notunterkunft. Seine
Suite im Vatikan umfaßte 13 Zimmer, für ihn persönlich, und fünf
Domestiken bedienten ihn.
Das Wort von der armen Kirche bleibt dem im Hals stecken, der an
ihren Grundbesitz denkt, insgesamt viele Millionen Hektar, in einigen
Ländern fast 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche; und an
die Beteiligung an Banken und Industrieunternehmen, an den
weitgestreuten Wertpapierbesitz in Staaten mit liberalem
Kapitaltransfer. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das
päpstliche Vermögen auf 2,12 Milliarden Lire geschätzt. Damit war es
ungefähr sechsmal größer als das des damals reichsten Deutschen, das
von Krupp. Nach einer Angabe aus dem Jahr 1974 verfügte der Vatikan
allein im römischen Stadtgebiet über 15 Millionen Quadratmeter
Land. Die Stadt Rom selbst besaß rund 4 Millionen Quadratmeter
unbebaute Fläche.
Die Lateranverträge, die der Heilige Stuhl 1929 mit Mussolini
schloß, brachten weiteres Geld. Zwar erklärte die Kirche, die
»ungeheuren Schäden«, die ihr durch den Verlust des früheren
Kirchenstaates (des auf gefälschten Dokumenten beruhenden
»Patrimonium des hl. Petrus«) entstanden seien, könnten mit
italienischem Geld allein nicht behoben werden. Doch ließ sie sich
dann doch abfinden. Die Entschädigungssumme betrug zum 19. Februar
1929 nicht weniger als 91656250 Dollar —und die für damalige
Verhältnisse riesige Summe wurde gewinnbringend angelegt.
Der Vatikan wuchert mit diesen Pfunden. Mit Zinsen,
Zinseszinsen, Spekulationsgewinnen und -Verlusten. »Für Werke der
Religion und der christlichen Barmherzigkeit in aller Welt.« Genaueres
ist nicht zu erfahren. Der römische Korrespondent
218
der »FAZ« hat 1982 mit einem Bestand von mehreren hundert
Millionen Dollar aus diesem Bereich gerechnet, »was wohl einige
Dutzend Millionen Dollar Rendite einbringt«. Der Heilige Stuhl besitzt
nach Corrado Pallenberg riesige Aktienberge, oft sogar die
Aktienmehrheit, von italienischen Banken und
Versorgungsunternehmen (Gas, Licht, Transport, Telefon), von
Hotelketten, Immobiliengesellschaften, Versicherungen. Die
Aufsichtsratsmandate in diesen Gesellschaften werden von
katholischen »Laien« wahrgenommen, die freilich den Direktiven
hoher Kurialer unterliegen. Die auswärtigen Finanzreserven des
Vatikans sind vornehmlich an der Wall Street konzentriert. Insgesamt
dürfte sich der Gesamtbesitz der Kirchenzentrale an Aktien und
anderen Kapitalbeteiligungen schon 1958 auf etwa 50 Milliarden DM
belaufen haben. Trotz verschiedener Bank- kräche und -skandale wird
diese Summe bis heute nicht gerade geringer geworden sein. Die
sonstigen Einnahmen sind vergleichsweise bescheiden. Der Verkauf
von Briefmarken, Medaillen und Münzen, die Konzessionen für
Andenken und Devotionalien, der Handel des Vatikans mit zollfreien
Waren (darunter Benzin) und die Eintrittsgelder aus den Museen
können die gewaltig angestiegenen Personalkosten nicht abdecken,
auch wenn berücksichtigt wird, daß selbst ein Kardinal der römischen
Kurie angeblich noch immer nicht mehr als umgerechnet 3000 DM pro
Monat - und damit weniger als ein bundesdeutscher Pfarrer - verdient.
Nach einem Bericht der italienischen Wochenschrift »L'Es-presso«
hatte Johannes Paul II. 1979 eine völlig »revolutionäre Änderung«
angeregt, die sich nur »ein ausländischer Papst« erlauben durfte. Er
wollte eine Bilanz der vatikanischen Finanzen vorlegen, eine Art
konsolidierte Bilanz. Unter dem Strich kam schließlich ein Defizit des
päpstlichen Staatshaushalts heraus, über dessen Millionenhöhe sich die
Experten noch immer streiten. Noch heftiger ist freilich der Streit,
geht es darum herauszufinden, wie das alljährliche Loch im Haushalt
gestopft
219
werden soll. Oberhirten wissen da manches — weil sie viel zahlen. Die
eine oder andere DM reist im Köfferchen mit über die Alpen, wenn ein
Bischof aus Deutschland seinen Chef in Rom besucht. Pius XII. hatte
zwar beteuert: »Die Kirche Christi geht den Weg, den ihr der göttliche
Erlöser vorgezeichnet hat. . . Sie mischt sich nicht in rein...
wirtschaftliche Fragen ein.« Doch da gab es beispielsweise das
langwierige Gerangel zwischen dem Vatikan und Italien um die
Besteuerung des kirchlichen Aktienbesitzes. Daß kein Papst sich
bereitfinden will, für seine Wertpapiere und deren Dividenden
Kapitalertragssteuer zu zahlen, ist verständlich.
Und beinahe wie eine Bagatelle wirkt die Episode aus dem Jahr
1973, als der Leiter der Abteilung für Organisiertes Verbrechen und
Korruption beim US-Justizministerium, Lynch, im Vatikan
auftauchte - das Originaldokument in der Tasche, in dem der Vatikan
bei der New Yorker Mafia »gefälschte Wertpapiere im fiktiven
Gegenwert von nahezu einer Milliarde Dollar« bestellt hatte.
Was
heißt denn »Peterspfennig«?
Daß der Vatikan sich von auswärtigen Kirchen mitfinanzieren läßt,
steht fest. Nicht nur in der Form des sogenannten »Peterspfennigs« -
Jahr für Jahr zum Fest Peter und Paul (29. Juni), dem
»Nationalfeiertag des Vatikans«, gesammelt - fließen Gelder nach Rom.
Wiedereingeführt wurde diese »Papstspende«, wie es gegenwärtig
verschämt heißt, durch Pius IX. Dieser hatte 1870 den Kirchenstaat
verloren und wollte sich dann dafür schadlos halten lassen. Freilich ist
die Höhe dieser Direktspende an das Papsttum von der Popularität des
jeweiligen Amtsinhabers abhängig. Bei Pius XII. wie bei Johannes
XXIII. soll - so die »Zeit« vom 5. Oktober 1979 - das Geld reichlich
geflossen sein. Unter dem wenig geliebten Paul VI. sei die
Spendenfreudigkeit dann sehr zurückgegangen; Papst Wojtyla
220
galt - vor allem in seiner Frühphase - aber wieder als
Kassenmagnet.
Peterspfennig? Ein kaum harmloser Name für eine keineswegs
harmlose Sache. Der Name stimmt ebensowenig wie derjenige der
»Rose von Jericho«, die weder eine Rose ist, noch aus Jericho kommt.
Und der Peterspfennig geht ebensowenig an den hl. Petrus, wie es
sich bei dieser Spende um bloße Pfennige handelt. Wie viele
Millionen gehen aus dieser Quelle im Vatikan ein? Nach einem
Bericht der »Welt« vom 14. März 1990 hält der Peterspfennig
gegenwärtig den Papst von Geldnot frei. Das vatikanische Defizit von
rund 145 Millionen DM für 1989 soll vollständig durch Spenden
abgedeckt sein. Unter den Spenden der Gläubigen aus aller Welt
rangieren die der US-Katholiken, die etwa ein Viertel der
Gesamtsumme aufbringen, an erster Stelle; den zweiten Rang der
Spendernationen nahmen die Bundesdeutschen den Italienern ab.
Als sich deutsche Bischöfe kurz nach dem Zusammenbruch des
Kirchenstaats nach der Verwendung des Peterspfennigs erkundigten,
hatte der Vatikan geantwortet, darüber führe er keine Bücher.
Wenn beträchtliche Summen verschwänden, sei eben, um einen
öffentlichen Skandal zu vermeiden, Nachsicht zu üben.
Auch außerhalb des Peterspfennigs stehen Gelder bereit. Über
deren Höhe sind keine Angaben möglich. Sicher ist nur, daß
Millionen mit einzelnen Bischöfen und Prälaten den Weg über die
Alpen nehmen. Diese Millionen zählen unter anderem zu den
»zweckgebundenen Sonderleistungen«: Gebühren für
Ordensverleihungen, Beträge zur Finanzierung von
Seligsprechungsprozessen. Orden gibt es immer wieder: Johannes Paul
II. hat 1990 den bayrischen Kultusminister Zehetmair zum Komtur des
Gregoriusordens, den Staatssekretär Goppel zum Komtur des
Silversterordens ernannt. Die Auszeichnungen wurden vergeben für
die »Förderung einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen
Staat und Kirche, insbesondere bei der Errichtung
221
der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Eich-stätt in
Ingolstadt«. Damit ist anerkannt, daß Staatsbeamte sich mit Hilfe
öffentlicher Gelder für eine »Katholische Universität« (ohne
nennenswerte Studentenzahlen) stark machen. Wer die Gebühren für
die verliehenen Orden bezahlt hat, die Ausgezeichneten oder die
Steuerzahler, ist noch nicht bekannt.
Gebühren für Ordensverleihungen? Kosten der Selig- und
Heiligsprechungsprozesse? Eine Person, eine Familie, eine Diözese darf
nicht kleinlich sein, wenn einer der Ihren zum päpstlichen Ritter
geschlagen oder - im Fall des Kardinals von Galen, der die
hochverbrecherischen Kriege des Dritten Reichs »mit Genugtuung«
verfolgt hat - als Widerstandskämpfer gegen Hitler zur Ehre der
Altäre erhoben werden soll: ein kirchen- und parteipolitisch zu
verwertender Heiliger mehr im römischen Festkalender. Ein Mann,
der 1936 stolz darauf war, daß »kein Tropfen fremdrassigen Blutes« in
seinen Adern rann. Der 1934 die »Treue zu den Ehegesetzen der
Kirche« als »beste Eugenik« feierte, »für die Reinerhaltung des
Blutes«. Der 1942 vom »spanischen Befreier Franco« sprach und 1943
von den (im gerechten Krieg?) »neuerworbenen Gebieten des Ostens
und des Westens«. Der die Alliierten nach Kriegsende nicht als
Befreier vom Hitlerfaschismus sah, sondern dessen Herz 1945 »blutete
beim Anblick der durchziehenden Kriegsgegner«.
Sind die Kirchen wirklich
»nicht von dieser Welt«?
Das schöne Bibelwort wird in Kirchenkreisen häufig zitiert. Die es
zitieren, glauben, daß es gut zu ihnen paßt: »Mein Reich ist nicht von
dieser Welt.« Nun sind schon historische Zweifel gegen diese
Selbstidentifikation des Klerus mit einem Spruch des Jesus aus
Nazareth angebracht. Auch erlaubt die Kirchengeschichte nicht den
Schluß, das »Reich« sei jemals nicht von
222
dieser Welt gewesen. Noch mehr: Die Gegenwart spricht Bände gegen
dieses Wort. Denn Kleriker sind immer dann, wenn es ihnen in den
Kram paßt, »nicht von dieser Welt«, und sind auch immer, wenn es
paßt, wieder ganz »von dieser Welt«. Sie jonglieren gekonnt mit dem
Jenseits und mit ihren angeblichen Kontakten zu einer anderen Welt.
Doch sie nehmen auch alles mit, was sich ihnen hienieden an
Vergünstigungen bietet. Festzulegen sind sie hüben wie drüben nicht.
Daß der Kölner Kardinal Meisner im März 1990 von der
»Fremdkörperfunktion« seiner Kirche in der ehemaligen DDR
geredet hat - um den eigenen Anteil am erbitterten öffentlichen
Widerstand gegen das sozialistische Regime zu würdigen -, erfüllt die
erste Wahrheit des Kleriker-Grundsatzes. Daß er hierzulande in den
Widerstand gegangen wäre und wenigstens begonnen hätte, die halbe
Milliarde DM an Vermögen anzutasten, die seiner Erzdiözese gehört,
ist nicht bekanntgeworden. Damit erfüllt er die zweite Wahrheit des
Prinzips. »Zeichen setzen« bleibt eine Frage der Perspektive. Im
Verhältnis von Staat und Kirche, im Zusammenspiel der beiden
»Reiche«, wie es bis auf den heutigen Tag vor aller Augen gespielt
wird, in den Beziehungen zwischen Privilegierung und Heiligkeit wird
deutlich, inwieweit das »Reich« doch von dieser Welt ist - und sein
muß, um überhaupt bestehen zu können.
Mögen Bischöfe die soziale Marktwirtschaft?
Die Liebe bundesdeutscher Oberhirten zur Marktwirtschaft hat keine
vorrangig geistlichen Gründe. Der Kölner Erzbischof ist selbst
Großaktionär. Nach der Haushaltsrechnung für 1982 hatte sein
Sprengel Einnahmen von 730 Millionen DM. Darin versteckt waren
Vermögensgewinne von 79 Millionen DM, davon 67 Millionen aus
Kapitalbeteiligungen und 2,2 Millionen aus Grundbesitz. Macht der
Kapitalertrag eines einzigen Jahres fast 70 Millionen DM aus, dann
kann unschwer auf die Höhe
223
des zugrundeliegenden Kapitals (Aktien usw.) geschlossen werden. Es
muß 1982 mindestens 498 Millionen DM betragen haben. Der
Grundbesitz, aus dem Einnahmen erzielt worden sind, läßt sich auf
einen Wert von mindestens 26,5 Millionen DM veranschlagen. Allein
in einem einzigen Jahr, in einer einzigen deutschen Diözese. Das
Kölner Klerus -Kapital arbeitet also, wie sich das gehört, wenn
Gewinne herausschauen sollen. Von 1979 bis 1982 stiegen die
Einnahmen aus Aktien und Beteiligungen jährlich um nicht weniger als
20 Prozent. Kein Arbeitnehmereinkommen erreicht auch nur
annäherungsweise diesen Steigerungssatz.
Kleriker errichten nicht nur Kirchen. Sie betätigen sich auch im
Wohnungsbau mit eigenen Siedlungsgesellschaften. Auch andere
Gebiete des Service-Unternehmens kosten Geld - und schaffen
Investitionsvermögen. Bildungseinrichtungen wie die vielen
Evangelischen und Katholischen Akademien, in denen sich die
kirchliche Intelligenz dem »Dialog« mit der weltlichen (politischen,
künstlerischen) Intelligenz unterzieht, verschlingen enorme Summen.
Wer diese recht komfortablen Bauten und Einrichtungen betrachtet,
mag sich fragen, ob die Ergebnisse des Dialogs das Geld wert sind, das
sie die Steuerzahler gekostet haben. Das Argument »Wir auch!« zieht
nicht mehr in jedem Fall. Dasselbe gilt für die Versuche der Kirchen,
sich eigene Zugänge zu den Massenmedien zu erschließen durch
eigene Presseagenturen, konfessionelle Zeitschriften (in denen sich
Katholiken an Katholiken wenden), durch Verlagsbeteiligungen - alles
Ergebnisse erheblicher Investitionen. Doch gelingt es kaum einem
dieser kostspieligen Medien, sich auf dem kulturellen Sektor der
bundesrepublikanischen Gesellschaft irgendwo anders als am Rande
zu bewegen. Nicht nur »Gott findet hier keine Leser« mehr, sondern
es glückt auch keinem einzigen kirchlichen Medium, sich
schrittmachend, statt begleitend oder nachhinkend zu betätigen.
224
Werden bestimmte Kirchen noch immer an erster Stelle
privilegiert?
Es gilt unter Politikern als Ehrensache, sich hin und wieder beim
Papst sehen zu lassen. Doch sind dies Ausnahmetage in ihrem Leben.
Ungleich alltäglicher ist jene Gratifikation, die sie den Kirchen
zukommen lassen, weil diese angeblich »letzte Werte« vertreten, ohne
die kein Mensch leben könne, wolle er wahrer Mensch sein. Der
religionsferne Mensch ein Monster? Der klerikal bestimmte dagegen
einer mit dem Heiligenschein? Die geschichtlichen Erfahrungen mit
den Kirchen sprechen gegen diese Annahme. Dennoch wird sie nach
wie vor hartnäckig verfochten — oder zumindest suggeriert. Denn
irgendwie sind immer die anderen die Bösen, und irgendwie ist stets die
eigene Gruppe, auch und gerade die religiöse, die Heimstatt aller
Guten. Mord und Totschlag also jenseits der Kirchenmauern? Die
Kirchen selbst »Wächterinnen« über Sitte und Anstand der Bürger, ja
mehr noch: über die Moral einer Welt?
Mitten im Zweiten Weltkrieg war in den »Catholic Princi-ples of
Politics« — einem mit päpstlicher Billigung publizierten Lehrbuch an
katholischen Universitäten - zu lesen, es gebe nur eine wahre Religion,
und die römische Kirche müsse in den USA Staatskirche werden.
Denn die Doktrin dieser Kirche sei fundamental wahr: »Der Staat muß
die wahre Religion anerkennen.« Und die weniger wahren Religionen
niederhalten und ausrotten helfen? Und die einzig wahre finanziell
aushalten? »Wächterin Kirche«? 1953 verlangten die deutschen
Bischöfe vom Gesetzgeber eine Totalrevision des Ehe- und
Familienrechts: die prinzipielle Unscheidbarkeit der Ehe, die
Abschaffung der obligatorischen Zivilehe, das ausschlaggebende
Entscheidungsrecht für den Vater, die Nichtbegünstigung der
berufstätigen Ehefrau und Mutter. Alle Forderungen waren gestützt
auf göttliches und natürliches Recht. In der Diskussion um den § 218
StGB ist das inzwischen genauso. Doch die Rede
225
vom »Wächteramt« der Kirche läßt sich weder historisch belegen - es
sei denn, klerikale Anpassungsleistungen gälten als Widerstand gegen
den Zeitgeist -, noch ist sie unter aktuellen weltanschaulichen
Gesichtspunkten wahr. Dennoch wird die »Wächterin« belohnt wie eh
und je: - das Bonner Grundgesetz respektiert nicht nur die Tatsache,
daß eine Kirche schalten und walten kann, wie sie will (also römischkatholisch-
undemokra-tisch) Die Verfassungen des Bundes und der
Länder lassen es auch zu, daß eine solche Gruppe privilegiert wird wie
keine andere. Wohl nur wenige Staatsbürger, Berufspolitiker und
Kirchenbedienstete haben eine zutreffende Vorstellung vom
finanziellen Ausmaß und von der Reichweite dieser Privilegien.
Freilich wollen die meisten Menschen auch gar nicht viel davon wissen.
Sie haben ihren eigenen Willen abgetreten, wie sie sich mit ihrem
Scherflein an die Kirchen von ihrer Verpflichtung für die Bedürfnisse
der Weltarmen freigekauft zu haben glauben.
Sind Staat und Kirche etwa keine Partner?
Die Unwahrheit fängt sehr früh an. Schon im Neuen Testament wird
gelogen. Es erschien den Evangelisten besser, Jesus aus Nazareth nicht
als einen Mann schildern zu müssen, der den typischen Rebellentod
am Kreuz gestorben war. Die tendenziöse Berichterstattung über die
»Passion Jesu« mußte nach anderen Kriterien gestaltet werden.
Hauptschuldige hatten nicht die Römer zu sein, sondern die Juden.
Bald auch verlangte das Apostolische Glaubensbekenntnis die
Aussage, Jesus sei »unter« Pontius Pilatus hingerichtet worden. Es galt
mittlerweile als anstößig, die Wahrheit zu sagen und die Römer für die
Kreuzigung verantwortlich zu machen. Das war Kalkül: Wurde die
Schuld am Tod Jesu den Juden angelastet, so war die junge Kirche von
vornherein jedes wirklichen und unüberwindlichen Konfliktes mit der
Weltmacht Rom enthoben. Mit Rom legte sich niemand gern an.
226
Die vergleichsweise machtlosen Juden konnten sich nicht wehren.
Paulus schreibt also gegen die Juden und zugunsten der damaligen
Machthaber. Sein Brief an die Römer hat es in sich: »Jedermann sei
Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine
Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott
verordnet.« (Röm 13, 1) Diese Textstelle hat nicht nur das Gewissen
von Millionen Glaubens-untertanen belastet. Sie ermöglichte es auch
stets den Oberhir-ten, ihre Interessen gegenüber dem - prinzipiell
anerkannten— Staat zu wahren. Seinerzeit waren übrigens gerade die
römischen Gemeindemitglieder, an die Paulus sich konkret wendet,
besonders stark vom Sog des römischen Sieges über Israel erfaßt. Sie
wußten, wo die wahre Macht saß — und Paulus wußte es auch. Es ist
der Staat des Nero, von dem Paulus spricht. Nach dem Soziologen
Anton Mayer der »Staat eines Polit-clowns, Bruder- und
Muttermörders«. Und »während römische Intellektuelle das römische
Unrechtssystem scharf angreifen, drücken Paulus und seine Schüler
die Augen vor dem Unrecht zu«. So ist es bis in die Gegenwart
geblieben, wenn Kirche sich der Staatsgewalt anbiedert.
Zwei Mächte, zwei Gewalten, zwei Reiche? Dem modernen Leser
wird es nicht selten merkwürdig vorkommen, daß sich neben den
Staat, den er kennt, eine andere Gewalt drängt, die er für überholt
hält: die Kirche. Während weder eine Gewerkschaft noch eine Partei es
in neuzeitlichen Demokratien wagen kann, ähnliche Ideen von
»Gewalt« zu äußern. Die Kirche neben dem Staat? Historisch gesehen,
ist dies anders gewesen. Päpste haben auf der Höhe ihrer Macht nicht
nur das »neben« gefordert, sondern das »über« durchzusetzen gesucht.
Der ungeheure Machtzuwachs, den die frühe Kirche durch ihren
»heiligen Kaiser Konstantin« gewonnen hatte, ließ sie nicht nur zur
Kombattantin des weltlichen Reiches werden, sondern auch zur
Konkurrentin und Gegnerin. Blieben weltliche Herrscher allerdings
mit der ihnen von den Päpsten zugewiesenen Rolle des
227
»unten« zufrieden, so konnten sie ungestört regieren und sich eines
Tages vielleicht sogar als Heilige verehrt wissen. Nur wenn sie gegen
die immer unverschämter als »Gottes eigene Rechte« auftretenden
Ansprüche der Kleriker aufbegehrten, hatten sie Widerstand zu
erwarten. Denn die Devise, daß »man Gott mehr gehorchen muß als
den Menschen«, erwies sich als sehr funktionstüchtig; sie ließ alle
politischen Gegner früher oder später kuschen. Gott und Kirche
mußten nur in eins gesetzt werden, und niemand mehr wagte auf
Dauer den Ungehorsam. Gott, der höchste, der unüberbietbare Wert,
und die Kirche, Gottes Sprachrohr und Interpretin: Gegen diese
Verbindung anzugehen erwies sich als politischer Selbstmord. Die
Ideologie, sich die Welt und den Geist der Menschen dadurch zu
unterwerfen, daß die Kirche sich auf ihren Gott berief und gleichzeitig
die Stelle der unfehlbaren Deuterin dieses Gottes beanspruchte, zeitigt
ihre furchtbaren Konsequenzen bis heute. Sie hat Köpfe und Herzen
der Menschen verwüstet.
»Soviel aber die Seele über alles Irdische erhaben ist, um soviel
muß auch unser Reich über das des Kaisers erhaben sein«, sagte
Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus schon vor 1600 Jahren. Und
nichts hat sich seither am Anspruch dieses klerikalen Machtprinzips -
Nuancierungen hin oder her — geändert. Noch immer finden sich
Menschen, die »berufen« sein wollen, das erhabenere Reich mit
aufzubauen und zu besitzen. Noch immer finden sich, gerade unter
zeitgenössischen Politikern, andere Menschen, deren Untertanengeist
verlangt, ein solches Prinzip auch politisch zu vertreten. Zwar denkt
gegenwärtig weder die eine noch die andere Seite daran, ein förmliches
Gottesreich auf Erden zu realisieren. Dazu fehlen der Mut und die
Macht. Aber die dem Reichsgedanken zugrundeliegende Ideologie
blieb virulent. Wer hierzulande die »letzten Werte« vertritt - und dies
ohne jede historische oder demokratische Legitimation -, der kann die
besten Plätze im Meinungsstreit für sich in Beschlag nehmen. Dabei
ist es den Kirchen
228
noch immer möglich, das uralte Prinzip anzuwenden, nach dem sie
gegenüber dem Staat kein anderes Prinzip kennen als das der
Mehrung der eigenen Macht. Sie gehen unverdrossen den Weg des
geringsten Widerstands. Sie kollaborieren stets mit der jeweils
stärksten und für sie nützlichsten Seite. Spielt der Staat mit, ist alles
gut. Dann eröffnen sich, wie in der Bundesrepublik, die Kleriker nur
Nebenkriegsschauplätze: Der Streit um den § 218 StGB läßt sich gut
als parteipolitischer Hebel einsetzen, um eine Art »Widerspruch«
gegen den Zeitgeist zu inszenieren. Daß die Kirche, die so tapfer für
das ungeborene Leben kämpft, selbst Millionen Menschen auf dem
Gewissen hat, fällt nicht auf. Daß sie von den Menschen, die sie in
Sachen Schwangerschaftsabbruch attackiert, Jahr für Jahr Milliarden
Kirchensteuer und - indirekt — öffentliche Mittel für ihre klerikalen
Belange einsteckt, interessiert offensichtlich auch niemanden.
Am besten zahlen alle Staaten weiter wie bisher. Oder sie nehmen
bestimmte Zahlungen auf. Zwei Beispiele von 1990: Die Präsidentin
von Nicaragua, Violeta Chamorro, sagte zu, den Bau einer neuen
Kathedrale in Managua ungeachtet der katastrophalen Finanzlage ihres
Landes mit Staatsgeldern zu unterstützen. Und wenige Tage vor seinem
Überfall auf Kuwait zeigte sich Iraks Präsident Saddam Hussein als
großzügiger Freund der Katholiken: Er schenkte der katholischen
Kirche des chaldäischen Ritus, der 2,4 Prozent der Iraker angehören,
ein 25 000 Quadratmeter großes und auf über 15 Millionen Dollar
beziffertes Grundstück in Bagdad zum Bau einer Kathedrale. Diese
Großkirche soll 5000 Personen fassen und zwanzig Millionen USDollar
kosten.
Weigert sich ein Staatswesen, das schlimme Spiel mitzumachen,
und hängt eine Gesellschaft den kirchlichen Brotkorb etwas höher,
dann ist klerikales Lamento angezeigt: Dann eifern die Theologen, die
ihren Brotberuf am Evangelium haben, solche Staaten hätten die
Tendenz, sich »zum Antichrist der End-
229
zeit« zu entwickeln. Einen völligen Rückzug treten sie freilich nicht an,
solange der tendenzielle Antichrist sie wenigstens weiterhin bezahlt.
Daß typische Klerikale eingefleischte Monarchisten sind oder
auch, lohnt es sich noch mehr, Lobredner der Diktatur, ist nicht
verwunderlich: Die Kirche, deren Reich nicht von dieser Welt ist,
versteht sich am besten mit Herren von Gottes Gnaden. Dann finden
Herrenmenschen und Herrenmenschen zusammen. Bischof Faul haber
1921: »Könige von Volkes Gnaden sind keine Gnade für das Volk, und
wo das Volk sein eigener König ist, wird es über kurz oder lang auch
sein eigener Totengräber. « Auf evangelischer Seite klang es 1919 nicht
unähnlich, als der Kirchentagspräsident dem Weltkriegsverbrecher
Wilhelm II. nachtrauerte: »Die Herrlichkeit des deutschen
Kaiserreichs, der Traum unserer Väter, der Stolz jedes Deutschen ist
dahin. Mit ihr der hohe Träger der deutschen Macht, der Herrscher. «
Woher sollte unter solchen kirchlichen Umständen das Ja zur Republik
kommen ?
Aber hat sich inzwischen nicht alles zum Beßren gewendet? Die
Kirche sagt immerhin, auch sie verstehe jetzt etwas von Demokratie.
Denn es sei ihr göttlicher Auftrag, sich zwar nicht selbst zu
demokratisieren oder die allgemeinen Menschenrechte einzuführen,
doch anderen etwas von Demokratie und Menschenrechten zu
erzählen. Wenn die Kirche zu anderen spreche, nehme sie ihr
spezifisches »Wächteramt« wahr. Diesen Auftrag habe sie direkt vom
lieben Gott. Also spreche sie nicht nach innen zu sich selbst und lasse
da alles beim alten. Also lasse sie die Frauen nach wie vor nur zu
dienender Tätigkeit zu. Also reserviere sie alle Machtpositionen den
Männern. Also kenne sie — bei ihren Amtsträgern — kein
Menschenrecht auf Ehe und Familie. Also versage sie sich — bei ihren
Theologen — jeden Gedanken an Meinungs- und
Wissenschaftsfreiheit. Doch was solche Menschenrechte da draußen,
außerhalb ihrer Mauern, seien und wie genau sie wahrgenommen
werden
230
müßten, das sage sie unerschrocken, gelegen oder ungelegen. Und für
diese Verkündigung wolle sie auch bezahlt sein, gelegen oder
ungelegen. Offenbar wird diese Argumentation so willig akzeptiert,
daß nicht die geringsten finanziellen Abstriche befürchtet werden
müssen. Die Kleriker können sich ins Fäustchen lachen. Ihre Pseudo-
Fragen nehmen viele noch immer politisch so ernst wie ihre Schein-
Antworten. Ist die Kirche nicht doch grundsätzlich »andersartig« ?
Kann sie sich überhaupt mit Gewerkschaften oder anderen Verbänden
vergleichen lassen, ohne sich aufzugeben? Sie meint, sie könne nicht.
Und in den Regierungserklärungen der sozialliberalen Koalition
stand seinerzeit dasselbe. Die Kirche ließ sich von SPD wie F.D.P.
bescheinigen, daß sie ein besonderes, ein unantastbares
Selbstverständnis ihr eigen nenne, also müsse die Republik auch
etwas Besonderes für sie tun. Johannes Chrysostomus läßt grüßen.
Honoriertes Selbstverständnis? Da werden Interessen der
Herrschsüchtigen mit den »Bedürfnissen« der Beherrschten verquickt.
Wenn jemand, der Geld machen will, demjenigen, der Geld hat,
einredet, er sei angetreten, ihm karitativ oder seelsorgerisch zu helfen,
ist alles klar. Wer Seelennöte und Seelenängste eingeredet bekommt,
läßt es sich etwas kosten, von dem befreit und erlöst zu werden, was er
von sich aus gar nicht hätte und wüßte.
Neuerdings wird ein Argument herangezogen, das selbst das
Bundesverfassungsgericht in seinen Bann schlug: die »Partnerschaft«
zwischen Staat und Kirche. Das klingt nicht schlecht -klingt aber sofort
auch hohl. Zu einer Zeit, in der sich jeder Mensch anstrengen muß,
Partner zu sein oder zu werden, in einer Epoche, in der man Ehen
durch Partnerschaften ablöst und »Partnerschaft« beinahe als höchster
Ausdruck zwischenmenschlicher Verbundenheit gilt, können die
Kleriker nicht zurückstehen. Sie kämpfen um ihre Macht wie andere
Lobbyisten auch. Was sie an unmittelbarem Einfluß auf unsere
Gesell-
231
Schaft verloren haben, wollen sie dadurch ersetzen, daß sie ihre
Institutionen absichern und für ihre Service-Offerten kassieren.
»Klerikalismus« — allem Anschein nach ein bei manchen nicht zu
behebender Charakterfehler — ist stets bestrebt, die gesellschaftliche
Entwicklung im Sinne der eigenen Optionen mitzubestimmen. Diese
uralte Ambition wird heute meist damit begründet, daß die Kirche
»eine besondere Verantwortung für die Welt« habe. Ergo müsse sie
eine allgemein wirksame, global tätige Kraft sein oder (wieder) werden,
die zwar am besten außerhalb der Gesellschaft stehe, um ihre
Eigenständigkeit gegen den »Zeitgeist« verteidigen zu können, die
jedoch »wie ein Sauerteig« eben diese Gesellschaft durchdringen
müsse, um sie ganz und gar umzuformen.
Vorbei sind die Zeiten, als sich der Papst und seine Kirche als Herren
der Restwelt aufspielten. Inzwischen ist die frühere Ideologie bankrott.
Kein Kleriker kann mit ihr mehr Staat machen. Aber Partner könnte
und wollte er schon sein. Doch die »grundsätzliche Gleichordnung von
Staat und Kirche als eigenständigen Gewalten«, wovon der
Bundesgerichtshof noch 1961 sprechen durfte, wird nun auch nicht
mehr akzeptiert. Von »Gewalten« wie früher spricht heute kein
Mensch mehr gern, der an seine Interessen (und Wähler) denkt. Staat
und Kirche gleichberechtigt nebeneinander zu nennen ist nicht mehr
opportun. Doch »Partner« hört sich passabel an. Solidarität zwischen
Gesellschaft, Staat und Kirche, Harmonie aller zugunsten der
gemeinsamen Probleme und erst recht zugunsten der sozial Armen und
Schwachen, das macht sich gut. Das läßt Wahlen gewinnen. Vor 1918
gab es ein »Ineinander« von Kirche und Staat, in der Weimarer
Republik ein »Nebeneinander«, von 1933 bis 1945 ein sogenanntes
»Gegeneinander« - und jetzt gibt es ein »Miteinander«. Merkwürdig,
daß die Kirche in jedem einzelnen dieser Fälle finanziell profitiert hat.
Offensichtlich dreht keine noch so prostitutive Argumentation der
Kleriker (»wir können es mit jedem«) den staatlichen Geldhahn zu.
232
Das heutige »Miteinander«? Der evangelische Theologe Claus -
Dieter Schulze stellt die gegenwärtige Lage dar: »Das unverändert
westliche Staatskirchenrecht ist die Voraussetzung für die volle
Integration der Kirchen in das Wertesystem der sozialen
Marktwirtschaft, zugleich die Stillhalteprämie für Zurückhaltung in
deutscher Selbstkritik angesichts weltweiter Ungerechtigkeit und
Erdverwüstung. Die partnerschaftliche, eheähnliche, zwillinghafte,
arbeitsteilige, parallele Zuordnung von Kirche und Staat... bedeutet
eine ausbalancierte gemeinsame Verpflichtung auf die herrschende
Gesellschaftsordnung.«
Ist die Kirche wirklich eine gleichberechtigte Gesprächs- und
Aktionspartnerin? Ist die Solidaritätsfrage unter Demokraten noch
offen? Nein. Denn mit Klerikern sind nur taktische Übereinkünfte
möglich. Grundsätzlich können Demokraten aller Lager nicht mehr
mit Leuten verhandeln, die in ihrer eigenen Institution und Gruppe ein
undemokratisches System aufrecht erhalten, das nicht einmal der
Menschenrechts-Charta der UNO entspricht. Der deutsche
Kurienkardinal Ratzinger ließ 1984 die Katze aus dem Sack. Er
bezeichnete — wie im 19. Jahrhundert im Vatikan üblich - den
modernen Staat ebenso unver froren wie entlarvend als »unvollständige
Gesellschaft« und bot ihm, dem Unvollkommenen, aufgrund der
Überlegenheit der Kirche »Kräfte von außerhalb seiner selbst« an,
»um als er selbst bestehen zu können«. Seither könnten manche
wissen, woran sie sind. »Partnerschaft« ist zu hoch gegriffen, der
Begriff nach Lage der Dinge ähnlich unpassend, wie wenn er auf andere
totalitäre Systeme angewandt würde. Nichtdemokraten können von
Demokraten nicht ohne Gesichtsverlust Partner genannt werden. Wer
meint, sich dennoch mit klerikalen »Partnern« sehen lassen und
handeln zu können, der hat keine Entschuldigung vor der Zukunft
mehr. Er nimmt nicht auf die Mehrheit der Bevölkerung Rücksicht,
sondern auf die Empfindlichkeiten einer bestimmten sozialen Klasse in
der Kirche.
233
Nützen »Kirchenverträge« nicht allen?
Während sich die Völker fast überall in der Welt zwischen den beiden
Weltkriegen von einem klerikalen Erbe befreien konnten, das nie das
ihre war, arbeiteten die Deutschen dem Vatikan geradewegs zu.
Federführend auf vatikanischer Seite ist der Nuntius Pacelli, später
Papst Pius XII. Er zieht die Fäden der Konkordatspolitik. Er hat die
deutsche Seite ziemlich fest in der Hand. Alle Konkordate jener Zeit,
die mit deutschen Ländern oder mit Hitler geschlossen worden sind,
atmen nicht nur seinen (dem Vatikan gegenüber loyalen) Geist, sie
tragen auch seine Unterschrift. Pacelli hat eine diplomatische
Meisterleistung nach der anderen vollbracht: Er hat in den von ihm
ausgehandelten und unterschriebenen Verträgen nicht nur seiner
Kirche alle Vorteile gegenüber den Deutschen verschafft. Er verstand es
auch, den Deutschen weiszumachen, sie zahlten im eigenen Interesse,
zum eigenen Vorteil.
Eine deutsche Zeitung nennt Pacelli, als er nach dreizehn Jahren
Berlin verläßt, »unseren Schutzengel«. Wie wahr das ist, wird sich
während des Hitlerkrieges herausstellen. Als Pacelli im März 1939
Papst wird, teilt er dies dem »Führer« als erstem Staatsoberhaupt der
Welt mit; in deutscher Sprache -»ein Akt besonderen
Ent gegenkommens«. Gegenüber einem Verbrecher, der damals bereits
die »Reichskristallnacht« hinter sich gebracht hatte, um nur ein
Beispiel aus seiner schon sechs Jahre andauernden Terrorherrschaft
zu nennen. Pacelli war über die Vorgänge so wohlinformiert wie stets.
Er kannte Deutschland. Er hatte als Nuntius alles getan, um seine
Schäfchen ins trockene zu bringen. Rom konnte triumphieren.
Innerhalb weniger Jahre war es der Kurie geglückt, mit deutschen
Ländern wie Preußen, Baden, Bayern Konkordate abzuschließen und
dann auch mit dem Dritten Reich des katholischen Diktators.
Erstaunlich, und auch wieder nicht. Da Bischof Faulhaber - seit 1921
Münchner Kardinal und in Bayern bis
234
heute als »Führer des katholischen Widerstandes gegen Hitler«
angesehen - die erste deutsche Republik als Produkt von »Meineid
und Hochverrat« geschmä ht hatte, wäre anzunehmen gewesen, daß
der Klerus sich mit Vertretern der Weimarer Republik nicht an einen
Tisch gesetzt hätte, um über Konkordate zu verhandeln. Doch genau
dies geschah. Zudem gelang es der Kirche, die Kirchenartikel der
Weimarer Verfassung so vorteilhaft zu gestalten, daß sie deren
Übernahme ins Grundgesetz der Bundesrepublik ebenso leichten
Herzens tolerieren konnte wie die fortwirkende Bonner Garantie
für das Konkordat mit
Hitler.
Wer annimmt, die staatlichen Unterhändler seien von den
Kirchendiplomaten bei Konkordatsverhandlungen über den Tisch
gezogen worden, kennt nur die halbe Wahrheit. Gewiß lassen sich
Kleriker nie lumpen, wenn es um ihren Vorteil geht; gewiß fühlen sich
die Vertreter einer Institution, die sich für überzeitlich hält, den
Repräsentanten der sogenannten vorletzten Werte von vornherein
überlegen. Doch brauchen Täter auch willige Opfer.
Willfährigkeit und Unterlegenheitsgefühl auf der Seite des Staates
und seiner Repräsentanten kommen nicht sehten und bis auf den
heutigen Tag zusammen, wenn es um kirchliche Belange geht.
Volksmeinungen interessierten die Herren nicht (der Evangelische
Bund hatte gegen das Preußen-konkorda« drei Millionen
Unterschriften gesammelt), Regie-rungskoalitionen wankten, ja
stürzten (in Baden), und das Wort des deutschen Dichterfürsten
schien vergessen:
»Ist Concordat und Kirchenplan Nicht
glücklich durchgeführt? -Ja, fangt
einmal mit Rom nur an, Da seid ihr
angeführt.«
Die Lemminge stürzten sich ins Meer. Obwohl in der ganz
überwiegenden Zahl der Fälle die Kirche nachweislich mehr an einem
Konkordat verdient als der Staat, haben sich die Deut -
235
sehen das Recht nicht nehmen lassen, solche insbesondere finanziell
höchst nachteiligen Verträge mit dem Heiligen Stuhl zu schließen.
Die seinerzeit geschlossenen Verträge sind noch heute nicht gelöst,
nicht abgeschüttelt. Sie sind gültig; auch das unter schmählichsten
Umständen zustande gekommene Hitler-Konkordat. Sie regeln — über
das Bonner Grundgesetz — das Verhältnis zwischen Staat und Kirche.
Und noch immer meinen die Deutschen, sie zögen Vorteile aus dieser
Weitergeltung. Noch immer unternehmen sie nichts, um die damals
beschlossene Verankerung des katholischen Kirchenrechts zu lockern
oder zu lösen.
Ein Staat aber, der auf seinen eigenen Vorteil und auf den seines
Volkes sieht, darf von vornherein gar kein Konkordat schließen. Die
USA oder die Niederlande haben das beherzigt. Und die Deutschen ?
Das letzte Reichskonkordat war 1448 zwischen Papst Nikolaus V. und
Kaiser Friedrich III. zustande gekommen. Es hatte bis 1806 Rechtskraft.
Die Kirche wollte sich zwar mit dem seither eingetretenen Mangel an
Einfluß und Geld nicht abfinden. Doch erst nach langem Warten gelang
es ihr, auf deutscher Seite einen verläßlichen Partner zu finden. Einen
Politiker, den zum Reichspräsidenten zu wählen schon 1932 auf
massenhaft verteilten Handzetteln den Katholiken empfohlen worden
war. Der »gläubige Katholik« hieß Adolf Hitler.
Leistete die Kirche Geburtshilfe für den Faschismus?
»Gleiche Klientel, gleiche Symptome« könnte ein Merkspruch über das
Verhältnis von Klerikalismus und Faschismus lauten. Er wäre
historisch belegt. Alle faschistischen Regimes wurden mit intensiver
Unterstützung des Papsttums an die Macht gebracht. Gleich und
gleich gesellte sich da allzugern. Italiens Mussolini und Spaniens
Franco sind von Katholikenmassen gestützt worden (von wem
eigentlich sonst?). Zwar hatte Benito Mussolini, Verfasser von »Es
gibt keinen Gott« und »Die Mä-
236
tresse des Kardinals«, noch 1920 religiöse Menschen als Kranke
bezeichnet und auf die Dogmen gespuckt. Doch schon im Jahr darauf
rühmte er den Vatikan und dessen Reich derart, daß Kardinal Ratti -
ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst Pius XI. -entzückt ausrief:
»Mussolini ist ein wundervoller Mann. Hören Sie mich? Ein
wundervoller Mann!«
Papst und Duce kamen aus Mailand. Beide haßten Kommunisten,
Liberale, Sozialisten. Mussolini rettete zudem den »Banco di
Roma«, dem die Kurie hohe Summen anvertraut hatte, vor dem
Bankrott, indem er öffentliche Gelder lockermachte. Worauf der
oberste Faschist vom Dekan des Kardinalskollegrums als »auserwählt
zur Rettung der Nation« gerühmt wurde. Und auch Pius XI. (1922-
1939) förderte natürlich den Diktator Italiens:
Er protestierte nicht, als
Geistliche von Faschisten getötet wurden. Er hielt den Mund, als
Kommunisten und Sozialisten ermordet wurden. Er sprach am 20.
Dezember 1926 die wegweisenden Worte: »Mussolini wurde uns von
der Vorsehung gesandt.« Drei Jahre später schlössen Klerikale und
Faschisten die Lateranverträge, die den einen eine Millionenrente für
das Reich einbrachten, das nicht von dieser Welt war, den anderen den
päpstlichen Segen und die öffentliche Anerkennung. Der
Katholizismus wurde Staatsreligion in Italien. Der Faschismus
übernahm die politische Leitung. Beide Ideologien verstanden sich
prächtig, ihre Ziele gingen Hand in Hand, Klientel und Symptome
waren oder wurden dieselben.
In Italien bestanden damals die Bücher der Grundschulen zu einem
Drittel aus »Katechismus«-Stücken und Gebeten, zu zwei Dritteln
aus Verherrlichungen des Faschismus und des Krieges. Beide Reiche
stammten wieder von dieser Welt. Nachdem Mussolini Abessinien in
einem »gerechten Verteidigungs krieg« (katholische Meinung)
niedergeworfen hatte, nachdem sich eine Munitionsfabrik in
vatikanischem Besitz als einer der wichtigsten Kriegslieferanten
bewährt und der Kardinal von Mailand den Krieg als
»Evangelisationsfeldzug« gerühmt hatte,
237
feierte der katholische Klerus den »wundervollen Duce« gemeinsam als
Führer des »neuen Römischen Reichs, das Christi Kreuz in alle Welt
tragen wird«. Mein Reich ist nicht von dieser Welt?
In Spanien, einem seit Jahrhunderten von klerikalen Macht- habern
finanziell und geistig ausgepowerten Land, forderten die Bischöfe
schon 1933 - das Jahr ist kein Zufall — ebenso wie der Papst einen
»heiligen Kreuzzug für die Wiederherstellung der kirchlichen Rechte«.
Francos Putsch gegen die legale Regierung begann denn auch mit dem
Segen der Prälaten. Nur einen Verteidigungsfeldzug wollten Frankisten
und Klerikale führen. Gegen den gottlosen Kommunismus. Gegen ein
Volk, das nicht ganz so wollte wie sie selbst. Als erste ausländische
Flagge wehte über Francos Hauptquartier die des Papstes, und über
dem Vatikan wurde bald die des Caudillo gehißt. Pius XI. wußte,
wie sehr sein Reich von dieser Welt war, als er mitten im Bürgerkrieg
dem Faschistengeneral Franco ein Huldigungstelegramm schickte, bei
dem er »den angestammten Geist des katholischen Spanien
pulsieren« fühlte. Im Sommer 1938 lehnte es derselbe Papst ab, sich
der Bitte Englands und Frankreichs anzuschließen und gegen die
Bombardierung der republikanischen Zivilbevölkerung zu protestieren.
Als Franco schließlich mit Hilfe aus Berlin und Rom über das
spanische Volk gesiegt hatte, beglückwünschte ihn der neue
Papst, Pius XII., am 1. April 1939: »Indem Wir Unser Herz zu Gott
erheben, freuen Wir Uns mit Ew. Exzellenz über den von der
katholischen Kirche so ersehnten Sieg. ... Wir hegen die Hoffnung«,
schrieb der Papst weiter, »daß Ihr Land nach der Wiedererlangung des
Friedens mit neuer Energie die alten christlichen Traditionen
wiederaufnimmt!« Er hatte nicht vergebens gehofft: Franco ließ in den
folgenden Jahren mehr als 200000 Andersdenkende erschießen.
Auch in der deutschen Kirchengeschichte ist erwiesen, daß die
Bischöfe — gelegen oder ungelegen, im Verein mit dem
238
Vatikan und dessen Chef, Papst Pius XII. - Hitler mit aufgebaut und
fast bis zuletzt gestützt haben. Die vielen Versuche einer
Mohrenwäsche versagen vor den Fakten. Das Ermächtigungsgesetz
vom 24. März 1933 (vorher schon waren die bürgerlichen
Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt) wurde mit
den die Mehrheit beschaffenden Stimmen der klerikal geführten
Katholikenpartei (»Zentrum«) beschlossen. Und ihre Zustimmung war
an die Zusage Hitlers gebunden, über den Abschluß eines
Reichskonkordats zu verhandeln. Am 10. April, inmitten von
Boykottbefehlen und Pogromen gegen Juden, ist Hitlers Paladin
Göring im Vatikan empfangen worden, um Deutschland zu seinem
neuen Führer beglückwünschen zu lassen. Am 3. Juni 1933, als schon
Tausende von Katholiken verhaftet sind, schreiben die Bischöfe: »Wir
wollen dem Staat um keinen Preis die Kräfte der Kirche entziehen.«
Am 20. Juli 1933 wird das Reichskonkordat unterzeichnet. Es enthält
nicht nur finanzielle Zusagen, die das Dritte Reich der katholischen
Kirche macht, sondern auch ein geheimes Zusatzprotokoll, das eine
Wiederaufrüstung Deutschlands absegnet. Es gilt noch heute.
Das Reichskonkordat wurde mit Festgottesdiensten gefeiert, wobei
das neu begründete Verhältnis von Staat und Kirche auch liturgisch
zum Ausdruck kam: Bischöfe stimmten das Tedeum an,
nationalsozialistische Geistliche hielten vor angetretener SA und SS
Festpredigten, Sturmfahnen der SA nahmen am Altar Aufstellung,
SA-Kapellen spielten Kirchenmusik. Alles jubelt, und wer nicht
jubeln kann, sitzt bereits im KZ. Papst Pius XI. läßt sich von seinem
Kardinal und Widerständler Faulhaber als den »besten, am Anfang
sogar einzigen Freund des neuen Reiches« rühmen. Und die deutschen
Bischöfe ordnen dies Konkordat am 20. August 1935 richtig ein: Der
Heilige Vater hat, so bescheinigen sie Hitler, »das moralische Ansehen
Ihrer Person und Ihrer Regierung in einzigartiger Weise begründet und
gehoben«. Noch 1937, als der Oberhirte Faulhaber
239
bereits wußte, was Hitler seit 1933 getan hatte, sagte er zum Thema:
»Zu einer Zeit, da die Oberhäupter der Weltreiche in kühler Reserve
und mehr oder minder voll Mißtrauen dem neuen Deutschen Reich
gegenüberstehen, hat die katholische Kirche, die höchste sittliche Macht
auf Erden, mit dem Konkordat der neuen deutschen Regierung ihr
Vertrauen ausgesprochen. Für das Ansehen der neuen Regierung im
Ausland war das eine Tat von unschätzbarer Tragweite.«
Papst Pius XII., der Oberste Oberhirte seiner Kirche und der
Meisterdiplomat der deutschen Konkordatsära, schwärmt nach der
Besetzung der Tschechoslowakei, er liebe Deutschland »jetzt noch
viel mehr«. Nach dem Überfall auf Polen wiederholt er diesen
Liebesschwur gegenüber seinen besten Finanziers. Und sein
»Osservatore Romano« schreibt, um die Kriegsschuldfrage von
vornherein richtig zu beantworten: »Zwei zivilisierte Völker beginnen
einen Krieg«. Als England und Frankreich darauf bestehen, die Kurie
möge Hitler zum Angreifer erklären, lehnt Pius XII. ab. Noch im
November 1943, mitten in Hitlers hochverbrecherischem
Angriffs krieg, beteuert der Papst, seine »ganz besondere Sorge« gelte
»dem jetzt so schwergeprüften deutschen Volke vor allen anderen
Nationen«. Und die Erzdiözese Freiburg hatte schon in den ersten 15
Kriegsmonaten über 1,3 Millionen Reichsmark an
»Kriegshilfeleistungen« erbracht. Kein Wunder, verfaßte doch
Oberhirte Gröber, selbst Förderndes Mitglied der SS, in dieser Zeit
nicht weniger als 17 Hirtenbriefe, die allesamt zur Opferbereitschaft
aufriefen.
Widerstand? Widerstandskämpfer unter den Bischöfen? Von den
26000 deutschen Klerikern saß ein Prozent in Dachau, darunter kein
einziger Bischof — weder Faulhaber aus München noch Galen aus
Münster. Als Hitler sich über Teilbestimmungen des Reichskonkordats
hinwegsetzt, beklagen Bischöfe und Papst nur die eigene
Benachteiligung. Der Historiker Hans Müller sieht in der
Verteidigung der katholischen Institution
240
»den ersten und beinahe einzigen Ansatzpunkt katholischen
Widerstands«. Der deutsche Katholizismus war nahezu aus schließlich
an der Erhaltung seiner Rechte, Freiheiten und Organisationen
interessiert. Dagegen ignorierte er das Unrecht, den Terror, den Mord,
die Vergewaltigung des Menschen. So beklagt Bischof Galen am 26.
Mai 1941 in einem Brief an seinen Kollegen Berning zwar ausführlich
die Einschränkung kirchlicher Rechte. Von der Verfolgung, die über
Nichtkatholiken hereingebrochen war, spricht er aber mit keinem Wort.
Äußerungen gegen die Jagd auf Juden sind von Galen nicht
bekanntgeworden. Juden waren für die deutschen Bischöfe ein »uns in
kirchlicher Hinsicht nicht nahestehender Interessenkreis«. Freiburgs
Erzbischof Gröber schreibt 1937, der Bolschewismus, gegen den Hitler
rüstete, sei ein »asiatischer Despotismus im Dienste einer Gruppe von
Terroristen, angeführt von Juden«. Bischof Gföllner von Linz meinte
schon 1933, kurz vor Hitlers Machtübernahme, es sei strenge
Gewissenspflicht eines jeden Christen, »das entartete Judentum« zu
bekämpfen, welches im »Bunde mit der Weltfreimaurerei... der
Begründer und Apostel des Bolschewismus« sei. Galen selbst schreibt
in seinem Glückwunsch zum Überfall Hitlers auf die Sowjetunion von
der »jüdisch-bolschewistischen Machthaberschaft von Moskau«, die
nun gestoppt werde. Wie groß war hier noch der Abstand zur
mörderischen Nazi-Formel von der »jüdischen Weltverschwörung« ?
Nie protestieren diese Bischöfe gegen die Aufhebung der
demokratischen Grundrechte aller Deutschen, nie gegen die Beseitigung
von Liberalen, Demokraten und Kommunisten, nie gegen den
Antisemitismus und seine verbrecherischen Taten an Millionen. Kein
einziger Hirtenbrief, lobt sich 1936 ein deutscher Kardinal, hat je den
Staat, die Bewegung oder den Führer kritisiert. In Spanien ist, so Galen,
der gottlose Bolschewismus »mit Gottes und Hitlers Hilfe besiegt
worden«.
Freilich, hinterher standen sie alle wieder auf der Seite der
241
Sieger. Kein einziger Hirte wollte es nun gewesen sein. Vielmehr
prangern im Juli 1951 Kleriker jene Katholiken als jämmerliche
Versager an, »die sich durch den totalitären Staat täuschen ließen« und
»in friedfertiger Gesinnung eine politisch verhängnisvolle
Kompromißbereitschaft« zeigten. Die Sündenböcke sind gefunden. Die
Tendenz, alle Schuld auf die Nazis abzuschieben und auf deren
Mitläufer, soll das eigene Versagen (nicht nur Mitläufer gewesen zu
sein) kaschieren. Dokumente werden gereinigt, klerikal bestimmte
Kirchenhistoriker dürfen wesentliche Dinge übergehen und
unwesentliche in aller Breite schildern. Ein aktuelles bundesdeutsches
Lexikon teilt unter dem Stichwort »Faulhaber, Michael von« mit, der
Kardinal sei »schon vor 1933 entschiedener Gegner des
Nationalsozialismus« gewesen. Doch diese Widerstandslüge ist nichts
Besonderes. Sie ist allen - zufällig am 8. Mai 1945 - vom Faschismus
bekehrten katholischen Bischöfen zu eigen. Ihr Reich war nie von
dieser Welt. Kardinal von Galen hat im Sommer 1945 selbst ein
Parteiprogramm für eine neue, christlich orientierte Volkspartei
entworfen. Von nun an wird an der Lebenslüge des deutschen
Nachkriegskatholizismus vom angeblichen Widerstand gestrickt.
Kleriker müssen fortan dementieren, ja entrüstet zurückweisen, daß
sie Hitlers Geld nahmen. Sie müssen verdrängen, daß ihr Papst zu
lange auf die falsche weltanschauliche Karte gesetzt hatte und erst
umgeschwenkt war, nachdem sich eine militärische Niederlage der
Deutschen abzeichnete. Sie müssen ihre eigenen Worte desavouieren.
Nie sagten sie, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Kein einziger
deutscher Bischof aber war als Häftling in einem Hitler-KZ. Bischof
Berning hat sogar einige KZs besucht, hat die Lagereinrichtungen, die
Wachen gelobt, die Häftlinge zu Gehorsam und Treue gegen Volk und
Führer ermahnt und seine Predigt mit einem dreifachen »Sieg Heil«
beschlossen.
Lob für die Bischöfe kam von Hitlers Scherge Heydrich.
242
Dieser rühmte den Hirtenbrief des Ermländer Bischofs Kalier, der
noch 1941 versichert hatte: »Gerade als gläubige, von der Liebe
Gottes durchglühte Christen stehen wir treu zu unserem Führer, der
mit sicherer Hand die Geschicke unseres Volkes leitet.« Auch Bischof
von Galen stand nie zurück. Schon am Tag seiner Bischofsweihe (28.
Oktober 1933) predigte er: »Wir wollen Gott dem Herrn für seine
liebevolle Führung dankbar sein, welche die höchsten Führer unseres
Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, daß sie die furchtbare Gefahr,
welche unserem geliebten deutschen Volke durch die offene
Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben
und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen.« Die starke Hand?
Die Ausrottung? Die Legitimation Hitlers durch den Bischof? Dieser
Widerständler kannte seine wirklichen Feinde. Sie hörten nicht auf den
Namen Nationalsozialisten. Sie waren unter den Kommunisten, diesen
»vertierten Bestien« (Galen 1945). Schon das Wort »Demokratie« war
ihm peinlich. Als im Herbst 1941 eine Fälschung zirkuliert, nach der er
zum passiven Widerstand gegen Hitler aufgerufen haben soll, läßt
der »Löwe von Münster« das Schriftstück, »dessen Tendenz zu seiner
Gesinnung und Haltung in schroffem Widerspruch steht«, ener gisch
dementieren.
Wer wirklich Widerstand leistete? Zum Beispiel der katholische
Pfarrer Dr. Max Joseph Metzger, der wegen seiner
Friedensbemühungen im Jahr 1944 hingerichtet wurde. Sein eigener
Bischof, das SS-Mitglied Gröber aus Freiburg, hatte sich von Metzger
und dessen »Verbrechen« in einem Brief an den Präsidenten des
Volksgerichtshofs Freisler distanziert. Diesem, nicht seinem Pfarrer,
bekundete er in diesem Brief »hohe Wertschätzung und Verehrung«.
Und selbst die Bekehrung des 8. Mai 1945 bewirkte bei Erzbischof
Gröber nichts: Als sich die elf Priester seiner Erzdiözese, die das KZ
überlebt hatten, 1946 trafen, verweigerte er ihnen seinen Besuch und
untersagte, das Treffen in Offenburg öffentlich zu machen. Die Lage
des offi-
243
ziellen Kirchenchristentums war damals so heikel, daß »nur ein
gigantisches Verdeckungsmanöver« (der Historiker Friedrich Heer) das
Gesicht der Bischöfe retten konnte. Im Schatten der Ruinen entstand
dann jenes mächtige Gebäude der Lebenslüge vom Widerstand - und
bald schon wurden die Bischöfe, die eben noch so schlimm versagt
hatten wie ihr Papst, zu Garanten der neuen Werte (und entsprechend
honoriert). Ein Beispiel für viele: München benennt eine Straße an
zentraler Stelle nach Kardinal Faulhaber. Sie ist nicht weit von der
Pacelli-Straße entfernt (die Pius XII. ehrt). Beide Straßen liegen nahe
am Platz der Opfer des Nationalsozialismus.
Hat die Kirche Hitler zuwenig versprochen?
Mein Reich ist nicht von dieser Welt? Hitler konnte 1940 dem Papst
sagen lassen, der nationalsozialistische Staat verwende jährlich eine
Milliarde Reichsmark zugunsten der katholischen Kirche, »eine
Leistung, deren sich kein anderer Staat rühmen könne«. Hitler sagte
die Wahrheit, und kein Papst widersprach. Vielmehr hatte sich der
Vatikan bereits 1933, als Hitler seine Maske schon abgelegt hatte,
bereit gefunden, seine Bischöfe künftig schwören zu lassen, »die
verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten und von meinem
Klerus achten zu lassen« (Artikel 16). Die deutschen Bischöfe, nach
Friedrich Heer »Söhne jenes autoritären Klerokratismus, der auf dem
Ersten Vatikanischen Konzil 1870 triumphiert hat«, waren
vertragstreu. Der Nationalsozialismus hatte sich ihnen, den
Hochklerikalen, präsentiert als einziger Kämpfer gegen Liberalismus,
Bolschewismus und Demokratie. Diese Bischöfe haben geschworen,
geachtet und achten lassen. Auch war ein eigenes »Gebet für das
Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes« zugesagt worden
(Artikel 30), das an allen Sonntagen in allen Kirchen »eingelegt«
werden mußte. Ob sich dieses Kon-kordats-Gebet ausgezahlt hat, ist
dem Urteil anderer zu über-
244
lassen. Die Bischöfe waren vertragstreu. Sie haben gebetet — und
beten lassen. Im Gegenzug hatte Hitler zugesagt, den Gebrauch
geistlicher Kleidung durch Laien »mit den gleichen Strafen wie den
Mißbrauch der militärischen Uniform« zu belegen (Artikel 10). Da
muß nichts erfunden werden. Dies ist keine Satire, sondern geltendes
deutsches Recht. Bischofs- und Generalsmütze, Meßgewand und
Ausgehuniform, Barett und Käppi sind bei uns strafrechtlich
gleichermaßen geschützt. Jede Elite hat sich ihre Rechte gesichert:
Während das Militär seine Uniform gegen die Nichtsoldaten abschirmt,
schützt der Klerus seinen Talar gegen jene Laien, die ihn bezahlen. Die
deutschen Bischöfe waren vertragstreu. Sie haben ihre »Uniform«
geschützt - und schützen lassen.
Das Reichskonkordat hatte auch das Amt des Nuntius garantiert,
»um die guten Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem
Deutschen Reich zu pflegen« (Artikel 3). Pacelli wußte, wovon er
sprach - und Hitler auch. Die deutschen Bischöfe waren vertragstreu.
Sie haben die guten Beziehungen zwischen dem Dritten Deutschen
Reich und dem Heiligen Stuhl gepflegt - und pflegen lassen. So weit
ein kleiner Exkurs über die Inhalte jener Abmachungen, die Vatikan
und Diktatur getroffen haben, um die guten Beziehungen
untereinander zu pflegen. Jeder Bischof der Bundesrepublik ist auf
diese Normen verpflichtet. Kein einziger von ihnen hat sich je
darangemacht, diese Abmachungen mit Hitler zu beseitigen.
Vielmehr erscheint es jedem Bischof noch heute wichtiger, die im
Hitler-Konkordat festgelegten Privilegien zu wahren. Privilegien
freilich nicht der Schafe, sondern der Hirten: die Befreiung der
geistlichen Amtseinkommen von der Zwangsvollstreckung (Artikel 8)
beispielsweise. Oder der Schutz der Kleriker vor Beleidigung ihrer
Person oder ihres Amtes (Artikel 5). Oder die Zusage des Artikels 13,
die allem klerikalen Besitz und Vermö gen besonderen Rechtsschutz
sichert. Oder die Garantie des Artikels 17, daß »aus keinem irgendwie
gearteten Grunde« ein
245
»Abbruch von gottesdienstlichen Gebäuden« erfolgen dürfe. Oder die
Zusage an den Nuntius des Papstes, grundsätzlich der »Doyen«
(Sprecher) des Diplomatischen Korps sein zu dürfen (Schlußprotokoll).
Oder - und dies vor allem - Hitlers Garantie der Kirchensteuer
(Schlußprotokoll). Die deutschen Bischöfe sind vertragstreu. Sie
rühren sich keinen Millimeter, um ihre Privilegien aufzugeben. Sie
haben nicht den geringsten Grund dazu. Ihr Reich ist nicht von dieser
Welt.
Die katholische Amtskirche leistete dem NS-Regime zu keiner Zeit
Widerstand, wie dies einzelne Christen oder die Kommunisten getan
haben. Diese Kirche ist nicht, wie viele Intellektuelle, ins innere Exil
gegangen. Sie hat sich nicht einmal angepaßt, um als harmlose
»Mitläuferin« möglichst ungeschoren davonzukommen. Sie hat mit den
Nazis um die Macht über Köpfe und Herzen der Menschen konkurriert.
Sie hat sich dabei der gleichen Argumente und der gleichen
demagogischen Sprache bedient. Sie hat sich selbst gleichgeschaltet,
um sich für die Nazis unverzichtbar zu machen. Als dann alles anders
kam als erhofft, ist es ihr gelungen, mit dem Hinweis auf ihren
»Widerstand« das Bild einer integren, von der NS-Ideologie
unbefleckten Kirche zu zeichnen - und sich (wie die Richter-,
Offiziersund Industriellenkaste) vor jeder wirklichen Entnazifizierung
zu retten. War ihr Reich zwischen 1933 und 1945 durchaus von dieser
Welt, so war es nach 1945 für kurze Zeit wieder jenseitig. Bis es ihr
gelang, in der entstehenden Bundesrepublik das Reich wieder in dieser
Welt aufzurichten. Bischof Simon Konrad Lan-dersdorfer aus
Regensburg, dessen Klerusblatt sich besonders für Hitler und dessen
Kriege engagiert hatte, sagte 1958 in seiner Jahresschlußpredigt, die
Sünden der Menschheit seien bereits wieder so groß, daß Gott wohl
einen Dritten Weltkrieg verhängen werde. Der Oberhirte, bequem
eingebettet in die postfaschistische katholische Gesellschaft seiner Tage
und entsprechend dotiert, blickte nach Osten.
Noch ist es nicht soweit. Dafür hilft »Partner Staat« kräftig
246
wie immer mit, das »Reich« auf Erden zu etablieren. Ein winziges
Beispiel: die Ausgabenpolitik der Bundespost. Auch wenn man es
kaum glaubt, die Briefmarke ist in Deutschland — im Gegensatz zu den
USA und der Schweiz, die jede kirchliche und religiöse Aussage streng
vermeiden - Trägerin weltanschaulicher Werbung. Zwischen 1949 und
1985 trugen 12,6 Prozent der Sondermarken kirchliche oder religiöse
Motive, aber nur 1,4 Prozent waren der Gewerkschafts- oder
Arbeiterbewegung gewidmet. Allein für die Kirchentage wurden 16
Sondermarken ausgegeben, mehr als für alle Marken mit
gewerkschaftsnaher Aussage zusammen. Die Gesamtauflage der
bundesdeutschen Luther-Sondermarken betrug 2,561 Milliarden
Exemplare, auch dies eine kostenlose Propaganda eines Staates für
eine Großkirche, auch dies eine auf keine andere gesellschaftliche
Gruppe der Republik zu übertragende Privilegierung.
247
Was Kirchen überleben läßt
oder: Wie lange noch wird es so weitergehen?
Die beliebte Frage zum Schluß: Was geht, was bleibt? Inner kirchliche
Antworten gibt es viele. Ein Beispiel: In Priesterseminaren geht es ganz
lustig zu. Schließlich kann kein Mensch dauernd von »Opfern« leben,
zumindest nicht von seinen eigenen (von den Spenden anderer schon
eher). Und stehen die heiligen Weihen bevor, dann nimmt nicht nur der
sittliche Ernst erheblich zu, sondern auch die Kurzweil. Dann wird über
Mitbewerber um das heilige Amt geraunt, und hin und wieder ist auch
ein Urteil über die Geistesgaben manch eines von ihnen fällig. Ein
unter Klerikern bekannter Spruch weist bereits künftige Stellen im
Personalkegel eines Bistums an: »Frömmigkeit vergeht, Dummheit
bleibt.« Diese Aussage hat Jahrhunderte der Erfahrung mit geistlichen
Herren für sich. Denn »wir tragen den Schatz in irdenen Gefäßen«,
meinte schon der Apostel. Freilich findet sich kein Satz von ähnlichem
Erfahrungswert, wenn es nicht um den einzelnen geistlichen Herrn
geht, sondern um den Fortbestand der Institution. Da ist dann die Rede
davon, daß die Kirche »in Jahrhunderten denkt«. Da spricht der
Kleriker von den »zeitlosen Wahrheiten«, die aus dem »ewigen Rom«
kommen. Doch der Leitsatz des Überlebens ist in den blumigen
Reden und wolkigen Worten nicht zu hören. Dabei ist er von tiefer
Erfahrung geprägt - und historisch gültig. Er lautet: »Geist ist
geschwunden, geblieben ist Geld.« Die Spanier, die
248
mehr vom Katholizismus verstehen als die Deutschen, sagen seit
langem: El dinero es muy católico, Geld ist sehr katholisch.
Wie meinte Paulus ? Die Seinen trügen den Schatz in irdenen
Gefäßen
? Inzwischen aber sind die Gefäße wertvoll geworden, und die
den Schatz des Wortes tragen, setzen alles daran, ihre Gefäße nicht
zerschlagen zu lassen. Vieles darf untergehen, die Pforten der Hölle
dürfen selbst den Geist zerstören, das Volk der Gläubigen kann sich
in alle Winde zerstreuen: Eine muß bleiben, die auf äußeren
Sicherungseinheiten wie Privileg und Geld beruhende Institution. Sie
und damit sich selbst zu legitimieren wurde zum Selbstzweck der
Kleriker. Der berüchtigte »heilige Rest« ist beileibe nicht das »arme,
arme Häuflein« der übriggebliebenen Gläubigen. Dieser heilige Rest
besteht in barer Münze, und ihn verteidigen Scharen von
Kirchenleuten. Doch in keinem »Katechismus« sind Zahlen zu finden.
Nicht vom Geld ist die Rede, sondern von der »irdischen
Erscheinungsform der Kirche«. Daß es ausschließlich eine irdische
Erscheinungsform der Kirche gibt und nichts darüber hinaus, wird
verschwiegen. Auch hier wäre die Wahrheit geschäftsschädigend. Das
klerikale Gezeter über die »Leistungsgesellschaft« ist unredlich:
Fragwürdige Theologentricks sollen die Leistung anderer
herabwürdigen und dabei verschweigen, daß Kleriker - über die
Kirchensteuer - von der Leistung anderer leben und sonst von gar
nichts. Die »Konsumgesellschaft«? Wer außer der Kirche profitiert
mehr von ihr? Wer außer ihr muß weniger leisten, um solche Profite
einzustecken? Gehören nicht gerade die Kleriker zu jener
Gesellschaftsschicht, die sich durch hö heren Konsum, interessantere
Bedürfnisse und angeblich besseren Geschmack von denen da unten
unterscheidet?
249
Was alles stecken sich die Kirchen in die Tasche?
Ein Satz der alltäglichen Erfahrung: Bevor andere Leute an unser
Geld kommen, müssen sie etwas dafür tun. Auch bevor Geld zum
»Geld der Kirche« wird, ist es zunächst unser Geld. Bevor wir es
herausrücken, muß die Kirche etwas dafür leisten. Und hat sie es
bekommen, muß sie nachweisen, was sie damit getan hat. Das ist kein
schlechter Grundsatz. Doch in der Bundesrepublik Deutschland, einem
mit christlichen Restsymbolen verbrämten Staat, gilt er in aller Regel
nicht. Die beiden Großkirchen haben die Gesetze für sich, auch das
Grundgesetz (vielleicht sogar die nächste Verfassung der Deutschen).
Das Grundgesetz (Artikel 140) macht die beiden Großkirchen zu
privilegierten Gruppen. Es garantiert ihnen eine Finanzierung, die in
der Welt ihresgleichen sucht. Es ist auch für Nichtdeutsche von
Interesse, was hier alles möglich ist. Heute könnten die Kirchen solche
Gesetze kaum mehr durchbringen; es gäbe im Bundestag keine
Mehrheit dafür. Aber sie brauchen ihre Privilegien gar nicht
demokratisch durchzusetzen. Sie können sich auf Abma chungen
berufen, die zum Teil fast 200 Jahre alt sind.
Die Trennung von Kirche und Staat, die das Bonner Grund gesetz
von der Weimarer Verfassung übernahm, ist faktisch ausgehöhlt. Wer
die tatsächliche Lage in Deutschland bedenkt, kommt nicht auf die
Idee, eine solche Trennung sei von der Verfassung vorgeschrieben
oder bereits verwirklicht. Und ob sich an dieser »Normallage« so
schnell etwas ändern läßt? Der Verwaltungsrichter Gerhard Czermak
schreibt, die gesamte umfangreiche staatskirchenrechtliche Literatur
werde zu 95 Prozent »von zumindest kirchennahen Juristen
beherrscht mit entsprechenden Auswirkungen auf die
Rechtsprechung«. Folgerichtig gelten gegensätzliche Positionen als
abwegig und kaum zitierfähig. Und es gibt gegenwärtig »kein
größeres Rechtsgebiet, in dem sich Literatur und Rechtspraxis von Text
und Geist der grundlegenden Normen noch weiter entfernt
250
haben als im sogenannten Staatskirchenrecht«. Keine anderen Juristen
haben diese Korruption zu verantworten als jene, die für die
»Katholisierung
des Rechts« (Verfassungsrichter Helmut Simon)
stehen.
Da gibt es erheblichen politischen Nachholbedarf. Inzwischen
leben die Kirchen fröhlich weiter von unserem Geld. Sie haben nicht
das geringste Interesse, daß sich etwas ändert. Es ist allgemein
bekannt, wie schwer es den meisten Menschen fällt, vom Üblichen
abzuweichen, Tabus zu brechen, »die Kirche und unser Geld« zu
hinterfragen. Die Existenz einer psychischen Hemmschwelle vor
dem Tabubruch wird von Kirchen und Politik bewußt ins
gemeinsame Kalkül einbezogen. Kleriker leben wie die Maden im
Speck. Wovon sie leben und wie gut sie leben, zeigen die folgenden
Abschnitte.
Warum Kirchensteuer zahlen?
Wird das Thema »Kirche und Geld« diskutiert, geht es meist um die
Kirchensteuer. Die kennt jeder, ob er nun zahlt oder nicht
(wünschenswert wäre ein ähnlich hoher Bekanntheitsgrad in den
Fällen der stillschweigenden Subventionierung der Kirchen durch
Bund, Länder, Kommunen). Der Begriff »Kirchensteuer« entlarvt das
ganze System, für das er steht. Die Kirchensteuer ist eine
Zwangsabgabe, die von allen Kirchenangehörigen erhoben wird, ohne
daß diese einen konkreten Rechtsanspruch auf Gegenleistung hätten.
Ein von der eigenen Verfassung (Artikel 3,3 GG) zur
Gleichbehandlung aller verpflichteter Staat garantiert nicht nur den
Vereinsbeitrag bestimmter Religionsgemeinschaften. Er treibt, ohne
verfassungsrechtlich dazu verpflichtet zu sein, deren Mitgliedsbeiträge
sogar mit Hilfe seiner Behörden ein (»Staatsinkasso«). Keine andere
Interessenvertretung in der Bundesrepublik genießt eine auch nur
annähernd ähnliche Bevorzugung. Das Besteuerungsrecht der beiden
Großkirchen ist von der Ver-
251
fassung verbrieft (Artikel 140 GG). Staatskirchenverträge und Gesetze
der Bundesländer sowie kirchliche Steuerordnungen und Beschlüsse
über Hebesätze konkretisieren das Kirchensteuersystem.
Voraussetzung für die Kirchensteuerpflicht ist die Mitgliedschaft in
einer steuererhebenden Kirche; der Austritt daraus beendet diese
Steuerpflicht. Die Intensität der persönlichen Bindung an eine Kirche
spielt nicht die geringste Rolle. Was zählt, ist die formelle
Zugehörigkeit. Und sie wird durch die (Säuglings -)Taufe begründet.
Der formelle Kirchenaustritt -auch aus Gründen der Steuerersparnis
- ist noch immer mit dem Kirchenbann bedroht und das Verhältnis zu
Gott in Deutschland ans willige Zahlen einer Steuer gebunden. Die
europäischen Nachbarn in Ost und West hören es staunend: Vieles ist
unglaublich, aber wahr in der Kirche der Deutschen. Denn bevor es
dem Bundesverfassungsgericht gelang, die Kirchen in ihre Schranken
zu verweisen, scheuten diese sich nicht einmal, selbst bei sogenannten
juristischen Personen (Firmen, Aktiengesellschaften) Kirchensteuern
einzuziehen. Freiwillig waren die Großkirchen nicht bereit, von
(ungetauften) Firmen keine Kirchensteuer zu fordern oder einen
Mohammedaner für seine christliche Frau nicht mitzahlen zu lassen.
In einigen deutschsprachigen Kantonen der Schweiz wird von
juristischen Personen (Gewerbebetrieben, Banken u. ä.) noch immer
»Kirchensteuer« eingetrieben. Dieses Verfahren bringt den Kirchen
ein erkleckliches Zubrot; allein im Kanton Solothurn nahm die
evangelisch-reformierte Kirche 1989 über 600000 Franken ein.
Insgesamt dürften es 18 Millionen Franken pro Jahr sein, die auf diese
Weise in die Taschen schweizerischer Kirchen fließen.
252
Muß es Sondertarife für Besserverdienende geben?
Die Kirchensteuerschuld wird in Prozentsätzen der zugrundeliegenden
Steuerschuld berechnet (meist nach Maßgabe der Einkommen- und
Lohnsteuer). Der Prozentsatz liegt gegenwärtig bei acht bis neun
Prozent. Bis zur Währungsreform lag er bei drei bis vier Prozent.
Spitzenverdiener können regelmäßig Sondertarife aushandeln. Dem
Großindustriellen Krupp wurde schon vor Jahrzehnten eine
Sonderregelung eingeräumt, und andere Prominente wie die Spitzen
der Familie Hoesch bildeten einmal einen sogenannten kirchlichen
Wirtschaftsbeirat, der mitbestimmen wollte, wie die Steuergelder
seiner Mitglieder verwendet wurden. Kleinere Leute haben nicht soviel
Glück bei der Kirche. Sie müssen in jedem Fall voll bezahlen.
Stundungs - und Erlaßanträge sind Sache der Kirchen, da diese - nicht
der Staat — Steuergläubigerinnen sind. Sie entscheiden von Fall zu Fall,
ob und wie sie die Steuerschuld eintreiben oder erlassen. Das Staatsinkasso,
zu dem die Bundesrepublik und ihre Länder - wie gesagt -
nicht verpflichtet sind, wird mit drei bis vier Prozent des
Kirchensteueraufkommens abgegolten. Die Hauptlast des Inkassos hat
der Staat auf die Arbeitgeber abgewälzt, die bei ihren Arbeitnehmern
die fälligen Kirchensteuerbeträge entschädigungsfrei einbehalten
müssen. Dieses Verfahren setzt freilich voraus, daß die
Konfessionszugehörigkeit auf den Lohnsteuerkarten eingetragen ist.
Der Bekenntniszwang im Lohnsteuerwesen ist verfassungsrechtlich
bedenklich.
Schon lange ist klar, daß nicht die angeblich höheren
Verwaltungskosten der Grund für das klerikale Festhalten am
Staatsinkasso sind. Bei dem heute erreichten Standard der
Großrechenanlagen dürfte eher das Gegenteil zutreffen. Die
Erfahrungen in den Schweizer Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land
zeigen, daß eine Abbuchung der Kirchensteuer vom Gehaltskonto
wesentlich stärker ins Auge springt als ein unscheinbar wirkender
Abzug vom Bruttolohn, der zwischen den
253
sonstigen Steuern und den Sozialabgaben fast verschwindet. Wird
demgegenüber direkt vom Konto abgebucht, nimmt die
Austrittsneigung stark zu, zumal dann auch der Arbeitgeber nichts
mehr von einem Kirchenaustritt mitbekommt. Austritte aber sind das
letzte, was eine auf Geld erpichte Kirche sich erlauben kann. Daher
beläßt sie es in Deutschland beim bisherigen Inkasso-Mißbrauch. Und
die ehemalige DDR muß mitziehen, weil ihr in einem Akt klerikaler
Piraterie das bundesdeutsche Verfahren übergestülpt worden ist.
Man darf gespannt sein, ob eine Verfassungsklage von Betroffenen
Erfolg hat: Immerhin sind Kirchensteuergesetze Ländersache, und
bislang ist noch nichts aus den fünf neuen Bundesländern bekannt, was
auf eine solche Gesetzgebung schließen ließe.
Die Bindung an die Steuerpolitik bringt es mit sich, daß
Steuersenkungen wie -erhöhungen sich auf die Kirchensteuer
auswirken. Die Kirche ist dadurch abhängig von der staatlichen Lohn-
und Steuerpolitik wie vom Wirtschaftswachstum. Frei ist sie
deswegen nicht, aber wohlhabend. Im gegenwärtigen Steuersystem
zahlt ohnedies nur eine Minderheit der Kirchenangehörigen
Kirchensteuer. Bundesbürgerinnen ohne Einkommen und solche, die
über nur geringe Einkünfte verfügen, sind von der Steuerpflicht
ebenso befreit wie die Bezieherinnen hoher Sozialrenten. Es stimmt
also nicht, daß alle Kirchenmitglieder zum Unterhalt der
Kirchenbediensteten beitragen - und daß die bundesdeutschen
Großkirchen von den Besserverdienenden ganz unabhängig sind.
Nehmen die Kirchen Jahr für Jahr mehr oder weniger
Geld ein?
Das gewohnte kirchliche Gejammer über Steuerausfälle ist nicht
begründet: Der Anstieg der Kirchensteuer hat nach einer Auskunft des
Bundesfinanzministers vom 1
. Oktober 1990 auf eine Anfrage der
Grünen im Bundestag seit 1970 jährlich im
254
Durchschnitt sieben Prozent betragen. Dieser Anstieg übertrifft
sowohl die durchschnittliche Inflationsrate als auch den
Lohnkostenanstieg. Daß die Durchschnittseinkommen von
bundesdeutschen Arbeitnehmern zwischen 1970 und 1990 um
durchschnittlich 3,2 Prozent pro Jahr gestiegen sind, ist die eine Seite
der Wirklichkeit. Daß die durchschnittliche Jahreswachs tums rate der
Kirchensteuereinnahmen in diesem Zeitraum 5,9 Prozent betragen hat,
die andere. Die Steigerungsrate beim Pro-Kopf-Aufkommen in den
Evangelischen Landeskirchen betrug zwischen 1975 und 1985 nicht
weniger als 73,9 Prozent, in Berlin-West sogar 103,9 Prozent.
Erhielten die Kirchen vor 1945 noch durchschnittlich zwei bis drei
Mark pro Kopf ihrer Mitglieder, waren es 1963 schon 45 Mark. Im
Jahr 1986 hat jedes Mitglied einer evangelischen Landeskirche
durchschnittlich 231 DM an Kirchensteuern gezahlt. Die Steigerung
des Kirchensteueraufkommens zwischen 1984 und 1985 betrug
14,46 Prozent, zwischen 1985 und 1986 5,69 Prozent. 1963 haben die
beiden Großkirchen noch 2,4 Milliarden DM eingenommen; 1980
waren es schon 9,33 Milliarden DM — und 1990 werden es mindestens
14 Milliarden DM gewesen sein. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart
frohlockt über das »unerwartete Mehr« von 1990 und rechnet für
1991 hoch: Eine Steigerung der Kirchensteuereinnahmen von
nochmals 6,5 Prozent gilt als sicher, auch wenn sich
»Schwächetendenzen z. B. in der US-Konjunktur und Golfkrise«
negativ auswirken könnten.
Es will schon etwas heißen, wenn ein durchschnittlich
verdienender Kirchensteuerzahler in seinem Arbeitsleben zwischen
30000 und 60000 DM berappt, das heißt nahezu ei n volles Jahr
seines Lebens nur für die Kirche arbeitet. Ob der Service, den diese
ihm dafür leistet, nicht weit überbezahlt ist? Nicht einmal besondere
Serviceleistungen wie Trauung oder Begräbnis gelten durch die
zigtausend DM Kirchensteuer eines Lebens abgegolten. Das sollte zu
denken geben.
Kirchensteuern sind in der Bundesrepublik in voller Höhe -
255
als Sonderausgaben — von dem zu versteuernden Einkommen
abzuziehen. Das wirkt sich Jahr für Jahr beim
Lohnsteuerjahresausgleich und bei der Einkommensteuererklärung
aus. So büßt der Staat jährlich über drei Milliarden DM an
Steuereinnahmen ein. Die Deutschen lassen sich diese Steuer gefallen.
Nicht wenige fühlen ihr soziales Gewissen durch das Staatsinkasso
entlastet: Wer automatisch zahlt, hat seinen Beitrag zur Linderung
der Not in nah und fern bereits geleistet und ist weiterer guter Taten
enthoben. Andere klagen hin und wieder, vor allem wenn es
Weihnachtsgeld (und die entsprechend hohen Abschläge für die
Kirchensteuer gibt), aber sie zahlen weiter.
Auch die Menschen auf dem Gebiet der früheren DDR müssen sich
seit dem 1
. Januar 1991 ungefragt dem bundesdeutschen System
anschließen. Ein soziales Engagement der Kirchen wäre der DDRBevölkerung
1990 gewiß ebenso willkommen gewesen wie in
vorrevolutionären Zeiten. Doch der erste Akt, den die Kirchen
Deutschlands vorgenommen haben, war die Einführung des
bundesdeutschen Kirchensteuersystems auch in den Ländern der
DDR. Zweistellige Kirchenaustrittszahlen waren die berechtigte Folge.
Wo Geld statt Geist regiert, können denkende Menschen nicht anders
reagieren. Wo Piraten statt Demokraten handeln, dürfte von Moral
keine Rede mehr sein.
Welche Subventionen beanspruchen die Kirchen?
Großkirchen leben nicht von der Kirchensteuer allein. Sie erhalten in
der Bundesrepublik erhebliche Gelder aus allge meinen
Steuermitteln. Das wissen nur wenige von denen, die mitfinanzieren
müssen. Alle bundesdeutschen Steuerpflichtigen, unabhängig davon,
ob sie einer Großkirche angehören oder nicht, ob sie Christen oder
Mohammedaner sind, zahlen die Subventionen mit, die ihr Staat den
beiden Großkirchen zukommen läßt. Zu diesen »Staatsleistungen«
zählen: die bun-
256
desweite Finanzierung des konfessionellen Religionsunterrichts, die
jährlich etwa 3 Milliarden DM verschlingt; die Ausbildung des
kirchlichen Nachwuchses an Universitäten und Hochschulen (1,1
Milliarden DM); die Unterstützung kirchlicher Hochschulen und der
Universität Eichstätt; die staatliche Förderung konfessioneller
Seelsorgseinrichtungen bei Bundeswehr, Polizei und Justizvollzug (130
Millionen DM); die Ausgaben für Denkmalpflege (270 Millionen DM);
die Staatszu-schüsse zu der Besoldung von Geistlichen; die Befreiung
der Kirchen von Grund- und Grunderwerbssteuern, von Schen-kungs -
und Erbschaftssteuern sowie die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer.
Diese Subventionen ergeben eine jährliche Summe von über 7
Milliarden DM. Hinzu kommen Leistungen von Kommunen und
Kreisen, von der Bundesanstalt für Arbeit für ABM-Stel-len sowie
vom Bundesamt für Zivildienst. Der Subventionsbericht der
Bundesregierung sprach noch 1980 von insgesamt 31,7 Milliarden
DM jährlich, die an die Kirchen gegangen sind. 1983 war aufgrund
veränderter Kriterien nur noch von 15,5 Milliarden DM die Rede.
» Staatsleistungen« beruhen auf Gesetzen, Verträgen und besonderen
Rechtstiteln, die den Großkirchen das Recht auf spezielle
Subventionen einräumen. Dieses Recht ist in manchen Fällen über 150
Jahre alt. Auch wird seine Ablösung und damit das Ende der
Staatsleistungen bereits in der Weimarer Verfassung (Artikel 138 I)
gefordert. Aber die Bundesrepublik hat entgegen dem
Verfassungsgebot noch immer keine Anstalten gemacht, die Uralt-
Verpflichtungen abzulösen. Das bedeutet, unser Staat läßt noch immer
eine in und für Großkirchen orga nisierte religiöse Betätigung
ausnahmslos von allen Steuerpflichtigen finanzieren. Die
Großkirchen werden sich hüten, eine derart sichere Einnahmequelle
auch nur diskutieren zu lassen.
Hatte Rheinland-Pfalz 1962 noch gut 10 Millionen bezahlt,
257
waren es 1966 schon 13,3 Millionen DM. 1968 waren insgesamt 260
Millionen DM an solchen Staatsleistungen zu zahlen. Heute handelt es
sich gut um den fünffachen Betrag. Allein das Land Nordrhein-
Westfalen entrichtet der Kirche aufgrund seiner »ererbten«
Verpflichtungen jährlich die stattliche Summe von rund 350 Millionen
DM (das Parlament dieses Bundeslandes muß sich mit einem Zehntel
der Summe bescheiden). Darüber hinaus erläßt Nordrhein-Westfalen
den Kirchen Steuern, Gebühren und Abgaben in geschätzter Höhe von
150 Millionen DM pro Jahr. Diese halbe Milliarde stammt nicht aus
Kirchensteuern, sondern aus normalen Steuermitteln. Sie wird von
Christen wie Nichtchristen aufgebracht, von Kirchengebundenen wie
Kirchenfreien. Ohne es zu wissen, hat jeder nordrhein-westfälische
Steuerzahler 1987 mitfinanziert: 7,8 Millionen DM an »Dotationen
für die Erzdiözesen und Diözesen« - der Unterhalt für die Bischöfe des
Landes und deren Domherren; 25 Millionen DM für die Bezahlung
von ungefähr 200 Dozenten der Theologie und für die entsprechenden
Investitions- und Verbrauchsmittel; 292 Millionen DM für die
Gehälter von Religionslehrern an den Schulen des Landes -
Arbeitsmittel und Raumkosten nicht mitgerechnet. 1987 hat allein die
katholische Kirche zusätzlich 2,3 Milliarden DM an Kirchensteuern in
Nordrhein-Westfalen kassiert.
Neuere Staatskirchenverträge wie das niedersächsische Konkordat
von 1965 schleppen die Zahlpflicht nach wie vor mit sich herum. Als
hätten demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen nichts
Volksfreundlicheres zu tun, als den Status quo für alle Zeiten
fortzuschreiben. Als hätten neuzeitliche Volks vertreter eine Option
darauf, die Sonderinteressen einer verschwindend kleinen (Kleriker-)
Gruppe noch immer in denselben Formen zu bedienen, die vor 200
Jahren - unter völlig anderen politischen Bedingungen - als Recht
galten. Seit 1919 wurden keine ernsthaften gesamtdeutschen
Anstrengungen unternommen, das Verfassungsgebot der
»Ablösung von
258
Staatsleistungen« einzulösen. Das herrschende Interesse geht in die
entgegengesetzte Richtung: Statt von Ablösung zu sprechen, wird eine
»Garantie« der Staatsleistungen gefordert, die künftige Änderungen
unmöglich machen soll. Die in diesem Geist geschlossenen neueren
Kirchenverträge garantieren die bisherigen Leistungen in Form von
Geldrenten; von Ablösung sprechen sie nicht. Die Kirche lebt auf
Rentenbasis, und sie lebt ganz gut. Die Staatsleistungen laufen so lange
weiter, wie niemand ihren Stopp fordert und durchsetzt.
Wofür sollte die Kirche denn »entschädigt« werden?
Warum müssen die Bundesländer solche Leistungen erbringen ? Wer
hat ihnen diese gesetzlichen und vertraglichen Verpflichtungen
eingebrockt? Sie haben die Folgen der »Säkularisation« zu tragen, jener
Enteignung von Kirchengut aus dem Jahr 1803, für die immer noch
»Entschädigung« an die Großkirchen zu zahlen ist. Die Kirche hatte
einmal den größten Grundbesitz in deutschen Landen. Wie sie zu der
unheimlich großen Menge Land kam, ist eine andere Frage. Noch
immer liegen darüber keine verläßlichen Angaben vor. Die
Geschichtswissenschaft hüllt sich in Schweigen, und die Kirchenge
schichtler tun gut daran, nicht allzuviel zu wissen.
Der Klerus besaß im 13. Jahrhundert fast ein Viertel allen Grund
und Bodens in Deutschland. Selbst die Reformation hat an diesen
Tatsachen nicht viel geändert. Zwar wurden im Dreißigjährigen Krieg
ehemals bischöfliche und klösterliche Besitzungen zuhauf säkularisiert,
das heißt in weltlichen Besitz übergeführt. Doch blieb noch genug
übrig. Gefahr drohte beispielsweise den geistlichen Kurfürsten von
Köln, Trier und Mainz sowie den Bischöfen von Worms und Speyer —
alle miteinander Erben und Nutznießer zusammengeraubten Besitzes -
erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Kaiser Franz II. mußte 1801
namens des sich auflösenden Reichs das gesamte Land
259
links des Rheins an Frankreich abtreten. Die deutschen Reichsfürsten
schrien Zeter und Mordio: Sie wollten für ihre links rheinischen
Verluste rechtsrheinisch entschädigt werden. Als Entschädigungsmasse
bot sich das Kirchengut an. Der »Reichs-deputationshauptschluß« von
Regensburg (22. Februar 1803) hat eine allgemeine Säkularisation der
Reichskirchen festgelegt. Alle reichskirchlichen Hoheitsrechte und
Güter wurden zugunsten weltlicher Fürsten konfisziert. Diese
Säkularisation betraf ein Gebiet von über 1700 Quadratmeilen mit
mehr als drei Millionen Einwohnern, die drei rheinischen
Kurfürstentümer Köln, Trier und Mainz sowie das Fürsterzbistum
Salzburg, dazu 18 Reichsfürstenbistümer, etwa 80 reichsunmittelbare
Abteien und Stifte sowie über 200 Klöster. Die weltlichen Herren
konnten zufrieden sein: Bayern hatte das Siebenfache seines Verlustes
erhalten, Preußen das Fünffache, Württemberg das Vierfache. Aber
die Kirche war unzufrieden, der Verlust rief nach Sühne. Daher
wurden die säkularisierenden Fürsten dazu verpflichtet, künftig für die
Ausstattung von Bischofskirchen und für die Zahlung von Pensionen an
die Geistlichkeit zu sorgen. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte wurden
diese Verpflichtungen in eigenen Kirchenverträgen konkretisiert;
Zusagen, die bis heute eingehalten werden müssen. Wer sich als
deutscher Staat versteht, zahlt. Das Kaiserreich hat gezahlt, die
Weimarer Republik ebenso, und die Bundesländer machen es nicht
anders. Während die Kirche keines ihrer vielen Opfer je entschädigt
hat, läßt sie selbst sich über Jahrhunderte hinweg entschädigen.
Wird diese Tatsache auch nur im entferntesten tangiert, kommt
sofort das klerikale Lamento auf. Im Dezember 1918 hatten die
deutschen Bischöfe nichts Wichtigeres zu tun, als gegen den
drohenden Entzug der Staatsleistungen zu protestieren und mitten im
Nachkriegseiend Deutschlands von ihrer eigenen »Beraubung« zu
sprechen. Pfarrer predigen gern Verzicht und Opfer. Ihre Kirche geht
nicht mit gutem Beispiel
260
voran. Sie klammert sich an die überholten Staatsleistungen wie an
eine gesicherte Rente. Ihre Wortführer haben es geschafft, sich als
»Opfer« darzustellen. Und alle zahlen, ungefragt, noch weitere
Entschädigung an den Klerus. Die Bundesrepublik ist
Gesamtschuldnerin der Kirche geblieben. Zum Trost: Für früher
geschehene Enteignungen von Kirchengut, wie sie etwa Karl Martell
(gestorben 741) durchgeführt hat, brauchen wir nicht auch noch zu
zahlen. Kein Bundesland interpretiert sich als Rechtsnachfolger des
Karolingers. Die von Klerikern im Zusammenhang mit den
Staatsleistungen gebrauchte Formel von der »Folgehaftung« der
Deutschen greift in diesem Fall nicht.
Wieviel Steuergelder reicht der Verteidigungsminister an die
Großkirchen weiter?
Grundsätzlich: Die Armee ist nicht unglücklich über ihre Pfarrer. Denn
bei der sogenannten Militärseelsorge geht es darum, »ein getröstetes
Gewissen für das legitime Tun des Soldaten im Kriege zu geben«, wie
ein Informationsblatt der Hardthöhe meldet. Getröstete Gewissen
bezahlen ganz gern. Wird ihr Tun gerechtfertigt, sollen die Tröster
nicht darben. Es kann guten Gewissens davon ausgegangen werden,
daß jährlich um die 45 Millionen DM an Löhnen und Gehältern allein
an das kirchliche Bodenpersonal gehen. In diesen Grundbezügen sind
nicht enthalten: Trennungsgelder, Umzugskosten, Vergütungen für
Dienstreisen. Die beiden Militärbischöfe — einer katholisch, einer
evangelisch — kassieren eigene Sonderzulagen. Ihre Gehälter liegen
jeweils bei 180000 DM pro Jahr. Versteckte Zahlungen wie die
Erstattung von Telefongebühren, die Bereitstellung von Kraft- und
Schmierstoffen, die Bezahlung von dienstlich verbrauchter Energie
(Strom, Gas, Öl) kommen hinzu. Erwerb und Haltung von
Dienstfahrzeugen für Militärpfarrer kosteten 1988 über 900000 DM.
Der für alle Rekruten verbindliche
261
(und damit verfassungswidrige), von Militärpfarrern erteilte
»Lebenskundliche Unterricht« machte 890000 DM erforderlich. Für
die Teilnahme von Soldaten an religiösen Sonder-übungen wie
Exerzitien war fast eine Million DM vorgesehen. Die Anschaffung
seelsorgerischer Schriften und der Druck militärgeistlicher
Verlautbarungen kosteten die Bundesrepublik über 400000 DM. Eine
ähnlich hohe Summe haben 1988 die Gebet- und Gesangbücher von
Soldaten verschlungen. Dazu kamen 167000 DM für Kultgeräte und
Kultkleidung. Das Bun-desverteidigungsministerium zahlt demnach
nicht nur für Panzer und Raketen, sondern auch für Altarkerzen und
Meßweine. Alle Kirchenfreien zahlen mit. Dabei dürfte der
weltanschaulich neutrale Staat nach seiner eigenen Verfassung eine
Militär-seelsorge nur zulassen, nicht aber »einrichten«, geschweige
denn voll finanzieren.
Daß vorerst in der Bundesrepublik alles weiterlaufen wird wie
gehabt, beweisen die am 1. Januar 1990 in Kraft getretenen
»Päpstlichen Statuten für den Jurisdiktionsbereich des Katholischen
Militärbischofs für die Bundeswehr«. Sie garantieren den Bischöfen
und Pfarrern, die sich der Seelsorge an den Soldaten widmen, Geld,
Diensträume und Kirchen — alles auf Staatskosten. Papst Johannes Paul
II. hat nicht ohne Grund den Militärdienst als »würdig, schön und
edel« bezeichnet — und den Dienst mit der Waffe als »sehr positiv«,
zumal der Friede endgültig erst im Reiche Gottes zu erlangen sei.
Damit steht er voll in der Tradition seines Amtes.
Doch nicht alle sehen es ebenso. Die Einführung der
Militärseelsorge in den fünf neuen Bundesländern stößt auf
evangelischer Seite auf erhebliche Schwierigkeiten. Aus Kreisen
evangelischer Pastoren ist zu hören, daß keine Neigung besteht, die
überwundene sozialistische Weltanschauungsarmee durch eine neue,
klerikal getröstete ersetzen zu lassen.
262
Sollen Kirchenfreie den Kölner Dom mitbezahlen?
Kirchen kann ein Mensch für Denkmäler aus überholten Zeiten halten,
aus Zeiten, die am besten nicht mehr wiederkommen, als »Grabmäler
Gottes«, um mit Nietzsche zu sprechen. Doch diese Meinung bewahrt
nicht davor, für den Erhalt vieler Kirchenmuseen mitbezahlen zu
müssen. Die Bürger der Bundesrepublik berappen über die
Denkmalpflege Jahr für Jahr Millionen zum Erhalt und zur
Renovierung von Kirchen, die nicht besonders effektiv genutzt
werden. Der bayrische Landeshaus halt 1986 führte folgende
Titelgruppen auf: zur Unterhaltung der kircheneigenen kirchlichen
Gebäude 19,5 Millionen DM; zur Ablösung von Bauverpflichtungen
des Staates 2 Millionen; zur Instandhaltung der bayrischen Dome 3,8
Millionen; zur Bauverpflichtung an einzelnen kirchlichen Gebäuden
19,5 Millionen DM. Der Etat für 1987 ging von insgesamt fast 59
Millionen DM für kirchliche Gebäude aus. Zuschüsse von Kreisen und
Kommunen waren in dieser Summe noch nicht enthalten. Nordrhein-
Westfalen zahlt durchschnittlich fast ein Drittel der Landesmittel für
Denkmalpflege für kirchliche Gebäude. Seit 1980 wurden allein in
diesem Bundesland 190 Millionen DM an Steuergeldern für Kirchen
investiert. Bayerns Aufwendungen haben sich zwischen 1980 und
1988 fast verdoppelt. Der Freistaat hat insgesamt für über 1300
kirchliche Gebäude mit staatlicher Baulast und staatseigene
Kirchengebäude aufzukommen. Der kirchliche Eigenanteil liegt etwa
bei 25 Prozent der staatlichen Aufwendungen. Unter diesen
Umständen leuchtet es ein, daß von einem förmlichen Boom in Sachen
Kirchenrenovierung gesprochen werden kann. Gemeinden entrichten
bis zu 100 Prozent der Kosten für Kirchtürme, Innen- und
Außenrenovierungen, Turmuhren, elektrische Läutewerke. Die Pfarrer
halten die Hand auf, und die Kommunalpolitiker drängen: Keine
Gemeinde will sich lumpen lassen, wenn die Nachbargemeinde bereits
»renoviert« hat. Für die Innenrenovierung
263
des Regensburger Doms zahlte Bayern 3,8 Millionen DM, bei einer
Eigenleistung der Diözese von 766000 DM. Das bedeutet, daß die
reiche Kirche selbst nur ein Fünftel, die öffentliche Hand vier Fünftel
der Renovierung einer Bischofskirche übernimmt. Ähnlich wird es in
anderen Fällen sein: Die Renovierung des Doms zu Fulda soll
Gesamtkosten von 52 Millionen DM verursachen. Wieviel will die
betroffene Kirche beisteuern? Wieviel müssen die unbeteiligten
Kirchenfreien auf dem Umweg über ihre Steuerzahlungen berappen?
In Frankfurt ist schon klar, was auf sie zukommt: Die Restaurierung
des Kaiserdoms wird etwa 28,5 Millionen DM kosten; die katholische
Kirche möchte davon gerade 3 Millionen DM tragen. Das sind nicht
einmal lächerliche 11 Prozent.
Das Verhältnis zwischen kirchlicher Eigenleistung und staatlicher
Bezuschussung ist in Deutschland nach einem bewährten Prinzip
geregelt: Immer übernehmen nichtkirchliche Stellen den Löwenanteil
der Kosten, während die Kirchen ihren Eigenanteil so gering wie
möglich halten. Die klerikale Lobby hat ihre nachweislichen Erfolge
auch auf diesem Gebiet, zumindest solange die bundesdeutschen
Steuerzahler keinen Widerstand gegen diese Plünderung öffentlicher
Kassen leisten.
Bezahlen Konfessionslose für Priesterschüler,
Atheisten für Theologen?
Die Personalkosten für den Fachbereich Evangelische Theologie der
Universität Hamburg lagen 1985 bei 2 Millionen DM, die Sachkosten
bei 163000 DM. Bayern gibt durchschnittlich fast 2 Millionen DM
aus, um »das Einkommen der Leiter und Erzieher an bischöflichen
Priester - und Knabenseminaren zu ergänzen«. Hinzu kommen jährlich
320000 DM als Unterhaltsbeitrag für solche Seminare. Für Neubauten
im Bereich des Augsburger Priesterseminars wurden 1985 und 1986 je
2,5 Millionen DM aufgebracht; das Münchner Pries terseminar ko-
264
stete die Steuerzahler (auch die kirchenfreien) zwischen 1982 und
1983 über
2 Millionen DM. Nordrhein-Westfalen war die Ausbildung
von Priesterschülern und Theologen 1987 etwa 25 Millionen DM
wert.
Die beiden neuesten »Fälle« von Theologen, die wegen ihrer Heirat
in Tübingen aus dem Amt getrieben worden sind, haben eine rege
Diskussion um die Finanzierung konfessioneller Universitätsfakultäten
entfacht. Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Engler
(CDU) möchte künftig die Kirche an der Finanzierung beteiligen:
Immerhin machen die Gehälter der vier Tübinger infolge
innerkirchlicher Querelen geschaßten Professoren pro Jahr um die
500000 DM aus. Für den vom Land zu stellenden »Ersatz« (also vier
weitere Professoren) ergibt sich die gleiche Summe, Kosten für
Mitarbeiter und Sachkosten nicht eingeschlossen.
Daß den theologischen Fakultäten an bayrischen Universitäten (ohne
Eichstätt) 1985 nicht weniger als 166 Professoren und 166 Stellen für
wissenschaftliches Personal zur Verfügung gestellt wurden
(Personalkosten 30,377 Millionen DM), kann nur mit einer
effizienten Lobby erklärt werden. Noch immer sind zum Beispiel
Gewerkschaften nicht annähernd erfolgreich. Ihnen steht kein
Weltanschauungsprofessor zur Verfügung, der an einer eigenen
»Gewerkschaftsfakultät« einer staatlichen Universität besoldet würde.
Noch immer - wie lange noch? -läßt es sich auch ohne Volk klerikal
leben.
Die von den (alten) Bundesländern zu tragenden Kosten für die
Priester- und Theologenausbildung an Universitäten und
Kirchenhochschulen werden gegenwärtig auf eine volle Milliarde DM
pro Jahr geschätzt; eine horrende Summe. Noch makabrer wird diese
Zahl, wenn man bedenkt, daß sie in etwa der Summe entspricht, die
die Kirchen aus eigenen Mitteln für das öffentliche Sozialwesen
ausgeben. Also: Hier eine Milliarde vom Staat für den
Klerikernachwuchs, da die gleiche Summe von der Kirche für die
Caritas. Eine um so üblere — wenn auch
265
oft angewandte — Methode ist es, Konfessionslose als Schmarotzer
kirchlicher Sozialeinrichtungen zu diffamieren. Zum einen wenden
die Kirchen nur einen sehr geringen Prozentsatz ihrer
Kirchensteuereinnahmen für öffentliche karitative Zwecke auf,
zum anderen finanzieren Kirchenfreie über ihre allgemeinen Steuern
die Priesterausbildung, den Religionsunterricht, die Militärseelsorge
und andere typisch klerikale Einrichtungen mit. Stellt man die
kirchlichen Sozialleistungen zugunsten der Öffentlichkeit den
Subventionen der öffentlichen Hand für klerikale Angelegenheiten
gegenüber, so ergibt sich ein krasses Mißverhältnis von mehr als 1:8
zum Nachteil der Konfessionslosen. Wer's nicht glauben will,
plädiere für eine schrittweise vorzunehmende Entflechtung staatlicher
und kirchlicher Subventionierung und lasse verifizieren, welche Seite
mehr von der anderen profitiert!
Was hat sich denn da angehäuft?
Geld statt Geist. Manche wollen dies gar nicht gern hören. Doch die
Fakten sprechen augenfällig für die Richtigkeit dieses klerikalen
Leitsatzes. Es ist ja nicht so, als hätten die Kirchen die Armut
gepachtet. Nicht einmal erfunden haben sie diese. Wer sich
aufmerksam umschaut, sieht an allen Ecken und Enden, was sich in den
Jahrhunderten des Raffens hat anhäufen lassen. Er begreift, weshalb die
Propheten des Verzichts, die im Lauf der Kirchengeschichte
aufgetreten sind, kein Gehör fanden. Wo Geld ist, wo der Wille zum
Geld ist, sammelt sich weiteres Geld. Unaufhaltsam. Die Fensterreden
über Opfer und Verzicht, die sich die Besitzenden Sonntag für Sonntag
in ihren Predigten abringen, sind weder ernst gemeint, noch ernst zu
nehmen. Klerikaler Grund- und Aktienbesitz sprechen die wahre
Sprache. Es gehört nicht viel guter Wille dazu, sie auch zu hören.
266
Wieviel Grund und Boden besitzen die Kirchen?
Nach dem Ende der Hitler-Diktatur präsentierte sich die Catho-lica —
vertreten durch ihre Bischöfe — als jene Institution, die fast als einzige
moralisch integer und ohne größere Schuld aus dem Bankrott des
Dritten Reiches hervorgegangen sei. Westdeutschland fing wieder an
zu beten. Mitten im materiellen und ideellen Chaos der frühen Jahre
gelang es der Kirche, sich ohne Anerkenntnis eigener Schuld einer
aufgewühlten bis verwirrten Öffentlichkeit als Wahrerin ewiger (und
damit unzerstörbarer) Werte anzudienen. Flugs reparierten die
Wechsler ihre Tische, stellten sie wieder auf und machten ihre
Geschäfte, als sei nichts gewesen.
Papst Pius XII. erwies sich als Schrittmacher. Auch seine
Geisteswende 1945 grenzte ans Wunderbare. Wieder einmal hatte der
Pontifex alles von Anfang an gewußt; von neuem begann er, seine
wegweisenden Reden zu halten, wenn auch mittlerweile in die andere
Richtung. Über die Ermordung von Millionen Juden verlor er
ebensowenig ein Wort wie über den Anteil seiner Person und seiner
Kirche an der Legitimation und Festigung des Nationalsozialismus. Die
Richtung, die der oberste Wendehals wies, wurde wegbestimmend für
die katholische Zukunft: Ganze klerikale Literaturen — so der
Historiker Hans Kühner — sind seit 1945 bemüht, »jede Andeutung
von Mitschuld und Mitverantwortung weit von sich zu weisen und
jeder sachlichen Dokumentation ... Wen, Gewicht und zum Teil
wirklich christliches Bemühen um Erkenntnis abzusprechen und als
Kirchenfeindschaft auszulegen, was der Wahr heitsfindung dient«.
Nicht ohne Wirkung auf gläubige Gemüter: Noch im Juni 1986 hat
Bundeskanzler Kohl bedauert, »daß einem der Vorgänger des jetzigen
Papstes durch einen Schriftsteller deutscher Zunge Unrecht
widerfahren« sei. Die Rede war von Rolf Hochhuth und dessen
»Stellvertreter- Trauerspiel um den großen Schweiger Pius XII.
Vom Unrecht, das
267
Menschen durch Päpste widerfahren ist, hat kein Bundeskanzler im
Namen des deutschen Volkes auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt.
Während ringsum alles in Trümmern lag, während die vielen
vorletzten Ideale entlarvt waren, zeigte sich eine Institution ohne jeden
Makel. Eine für die »Lobbyistin des Himmels« ausgesprochen
günstige Zeit. Günstig nicht nur in ideeller Hinsicht. Günstig auch,
was die pekuniäre Seite des Unternehmens betraf. Einer Kirche, die
sich als siegreich Gerettete präsentierte und den ausgehungerten
Hirnen und Herzen zeitlose Wahrheiten predigte, krümmte keiner der
neuen Beter ein Haar. Kriegsschuld hatten andere zu tragen. Die Frage
nach Reparationsleistungen stellte sich dieser Kirche nicht. Von einer
Institution, die sich als schuldfrei definiert hatte, Derartiges zu
verlangen, wäre als Skandal empfunden worden. Eine Retterin erntet
Dank.
Was heute vergessen wird: Kirchen hatten bereits in den ersten
Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen respektablen Kredit
(Glaubwürdigkeit) und erhebliche geldwerte Vorsprünge — genau wie
nach dem Ersten Weltkrieg, als der Klerus die Inflation vermöge seines
ausländischen Kapitals in Deutschland derart nutzte, daß er hier — um
nur dies zu nennen -von 1919 bis 1930 monatlich durchschnittlich
zwölf bis dreizehn Klöster gegründet hat. Der sogenannte
Neuanfang und der Neuaufbau nach 1945 sind Leistungen des
Wiederaufbaus gewesen: Die ererbten Strukturen und
Besitzverhältnisse wurden im vollen Wortsinn restituiert,
wiederaufgebaut. Die Kirchen konnten mit der Garantie des Status
quo gut bis sehr gut leben. Ihr Vorsprung hat es ihnen erleichtert,
Monopole auszubauen und die Prozesse der Konzentration
wirtschaftlicher Macht zu nutzen. Das garantierte ideelle und
materielle Vermögen war eine Quelle zusätzlichen Einkommens und
dieses wiederum eine Quelle zur Bildung neuen Vermögens. Kein
Wunder, daß sich in der Hand der Großkirchen eine immer
268
größer werdende ökonomische und politische Macht konzentrierte.
Nein, kein Wunder, keine hilfreiche Hand Gottes, sondern das
Resultat wirtschaftlicher Prozesse, wie sie - unter dem Schutz eines
weltanschaulich neutralen Staates — zugunsten der besitzenden Kirchen
erfolgen. »Wer hat, dem wird noch dazugegeben werden.« (Mt 13, 12)
Eines der seltenen Worte aus der Heiligen Schrift, die sich auf klerikale
Praktiken anwenden lassen.
Es war den Kirchen nicht nur geglückt, ihre früheren
Liegenschaften und Ländereien aus dem Chaos zu retten. Sie
konnten auch für den beim Wiederaufbau abgetretenen Grund und
Boden meist größere Ersatzländer erwerben. Verringert hat sich ihr
Besitz an landwirtschaftlich genutzten (und verpachteten) Böden, an
Wald und bebauten Grundstücken nicht, auch wenn - aus Gründen der
Wirtschaftlichkeit - immer wieder umgeschichtet wurde. Der gesamte
Besitz der katholischen Kirche in der Bundesrepublik an
landwirtschaftlicher Nutzfläche wird 1967 auf 3,5 Milliarden
Quadratmeter geschätzt - eine Fläche etwa elfmal so groß wie die der
Stadt München. Von diesen 3,5 Milliarden Quadratmetern waren
1967 ungefähr 77,5 Prozent verpachtet — und brachten mindestens 45
bis 50 Millionen DM an jährlicher Pacht ein.
Der entsprechende Grundbesitz der evangelischen Landeskirchen
ist verhältnismäßig gering, doch auch nicht unerheblich. 1967 wurde
er auf 700 Millionen Quadratmeter landwirtschaftliche Nutzfläche
geschätzt, also auf ein Fünftel des römisch-katholischen Besitzes. Die
evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg gab 1987 an, unter
anderem über 226 Hektar »Kirchhofs-Land« zu verfügen und auf
Kirchhöfen über 23 »Wartehallen und Läden«. Der Haushaltsplan der
katholischen Kirche in West-Berlin führte 1989 an
Grundstückserträgen 771 000 DM an. Zinserträge aus demselben Jahr
haben in Berlin 3,5 Millionen DM ausgemacht. Nach einer
Mitteilung von 1977 besaßen die evangelischen Kirchen in der DDR,
damals die
269
einzigen nichtstaatlichen Großgrundbesitzer, dort etwa 1,5 Milliarden
Quadratmeter Ackerland. Die evangelische Kirche ist - nach der
katholischen (wie immer) - die zweitgrößte nichtstaatliche
Grundeigentümerin Deutschlands. Zum Vergleich: Die drei
Stadtstaaten Hamburg, Bremen und West-Berlin kommen mit 1,634
Milliarden Quadratmetern zusammen auf eine nur geringfügig
größere Gesamtfläche.
Ein Großteil des kirchlichen Vermögens besteht aus Gebäuden, die
dem Kult und dessen Dienern dienen. Kathedralen, Kirchen, Kapellen
und Pfarrhäuser sollen freilich, wie immer wieder zu hören ist, »kaum
einen Marktwert« haben. Doch fänden solche Gebäude, stünden sie je
zum Verkauf, wirklich keine Interessenten? Diese Werte stehen nicht
einfach bloß auf dem Papier. Ob sich zwar ein Käufer für den Kölner
Dom einfände, müßte sich erst noch zeigen. Sicher ist, daß all die
Pfarr- und Gemeindehäuser, die es in jedem Ort gibt, jederzeit
verkäuflich wären. Die 1967 von Klaus Martens genannten
Schätzungen des kirchlichen Besitzes in Höhe von sechs bis zehn
Milliarden DM sind realistisch. In der Zwischenzeit erfuhr der
Kirchenbesitz einen Wertzuwachs, so daß er gegenwärtig auf etwa
zwanzig Milliarden DM geschätzt werden kann. Solche Schätzungen
enthalten noch nicht die zunächst unschätzbar erscheinenden Werte,
die den Kirchen auch gehören : Kunstschätze in Milliardenhöhe. Hinzu
kommen die riesigen (auf eine dreistellige Milliardenzahl geschätzten)
Vermögen der »karitativen« Einrichtungen der Kirchen. Auch diese
Werte werden gern als unrentabel eingestuft. Gewiß erbringen
Kindergärten und Altersheime keinen großen wirtschaftlichen Nutzen.
Doch sind sie deswegen noch keine Nullen in der Berechnung eines
Gesamtvermögens.
Die Kirchen sind mit den Renditen ihrer Ländereien ebensowenig
unzufrieden wie mit den Erfolgen ihrer unternehmerischen
Aktivitäten. In aller Stille wird einiges eingefahren. Öffentlich
sprechen Kleriker davon, daß die - zu wesentlichen
270
Teilen aus dem Mittelalter stammenden und recht zweifelhaften -
Besitztümer an Wald, Weinberg und Wiese keine hohen Erträge
abwerfen. Warum aber geben die Kirchen solche als unrentabel
bezeichneten Grundstücke nicht einfach auf? Sie werden als
»Tauschpfänder« benötigt, wenn die Kirche an »geeigneter Stelle
Bauplätze für Heime und Kindergärten sucht«, heißt eine offiziöse
Auskunft. Gegen dieses Argument haben es jene Bauern schwer, die
das kirchliche Gebaren erregt, das notwendige Flurbereinigungen
unmöglich macht. Wer möchte schon daran mitschuldig sein, daß
keine Kindergärten mehr gebaut werden können, weil er gerade dem
Pfarrer ein Grundstück abgekauft hat? Die katholische Kirche — in
Bayern trotz der Säkularisation noch immer größte nichtstaatliche
Grundbesitzerin - kauft bis heute immer wieder über verschiedene
Stiftungen den Besitz verschuldeter Bauern auf.
Soll niemand mehr die Kirche »beschenken«?
Klerikale Empfehlungen haben ihre Methode und ihre Tradition. Der
Theologe Salvian hatte bereits im 5. Jahrhundert wohlhabenden Eltern
empfohlen, ihr Vermögen lieber der Kirche als »Opfergabe« zu
hinterlassen als den eigenen Nachkommen, weil es besser sei, die
Kinder litten in dieser Welt, als daß die Eltern in der nächsten
verdammt würden. Im Jahr 321 wurde die Kirche allgemein zur
Annahme von Erbschaften berechtigt. Dies trug ihr soviel ein, daß
kaum zwei Generationen später der christliche Staat Gesetze erlassen
mußte »gegen eine Ausbeutung frommer Gläubigkeit, besonders der
Frauen durch den Klerus«. Gleichwohl wuchs der kirchliche Besitz ins
Riesenhafte, da die Schenkungen epidemische Ausmaße annahmen:
Die Kirche besaß zeitweilig ein Drittel Europas.
Wer ein Stück Land an die Kirche verschenkt, damit diese ein
Altersheim darauf errichtet, kann glauben, er habe auf Erden Gutes
getan. Aber wem hat er es getan? Den anderen, den
271
Beschenkten, oder sich selbst? Gerade im »Glauben« liegt dann viel
Gewalt beschlossen, wenn auch nur der geringste materielle oder
ideelle Nutzen mit im Spiel ist. Oder läßt sich bei solchen
Schenkungen etwa ganz ausschließen, daß der Schenkende sich »da
drüben« besser versorgt glaubt, als wenn er nicht geschenkt hätte?
Ein religiöser Mensch, sagt Nietzsche, denkt nur an sich. Und ist es
von vornherein undenkbar und jeder menschlichen Erfahrung fremd,
daß sich diejenigen, die eine solche Schenkung anregen, des Mediums
»Glauben« bedienen, um an Geld und Gut anderer zu kommen? Ganz
uneigennützig sind weder die Schenkenden noch die Beschenkten. Die
einen glauben, für den Himmel Schätze erworben zu haben. Die
anderen wissen, daß sie schon hier auf Erden Schätze erlangt haben.
Von denjenigen, welchen die Schenkung dienen soll, ist bei solchen
Geschäften meist nur am Rand die Rede. Das ist konsequent: Sie, die
Armen, sind austauschbar. Der Schenkende ist verstorben, die Kirche
hat das Grundstück, und die Armen sind darauf angewiesen, daß sie es
wenigstens nutzen dürfen. Gehören wird es ihnen in keinem Fall.
Immer sind sie in der Rolle derer, die das Almosen aus dem Eigentum
(der Kirche) empfangen. Es ist nicht unwichtig, sich solche
Grundregeln einzuprägen. Sie sind immer und überall gültig, wo es
um Schenkungen an die Kirche geht. Wo geschenkt und vererbt wird,
häuft sich Geld. Schon 1940 wurde das Rohvermögen der Klöster in
Deutschland auf über 608 Millionen Reichsmark beziffert. Und der
Gemeinschaftsbesitz von Klöstern in der Bundesrepublik wird
inzwischen vorsichtig auf drei Milliarden DM geschätzt. Es ist offenbar
gelungen, das Armutsgelübde, das für den einzelnen Mönch und die
einzelne Nonne gilt, im Hinblick auf die »Gemeinschaft« von Nonnen
und Mönchen zu umgehen.
Die Anteile der Kirchen an sonstigen Wirtschaftsunternehmen der
Bundesrepublik werden als »unbedeutend« eingestuft. Diese
Harmlosigkeit vortäuschende Bezeichnung wird gestützt
272
durch Hinweise auf die eine oder andere Brauerei von regionaler
Bedeutung, die der Kirche gehört. Doch sagen solche Hinweise mehr,
als sie selbst wollen. Daß es in Passau eine diöze-sane Brauerei, in
Bayern ein Dutzend Klosterbrauereien, an Rhein und Mosel kirchliche
Weingüter gibt, daß Klosterliköre ebensogern produziert wie getrunken
werden, daß Wallfahrer-Tropfen ihre Gewinne abwerfen, daß man ein
paar kircheneigene Hotels und Restaurants unterhält, malt ein
idyllisches Bild von der Gesamtlage. Kaum jemand verdenkt es dem
Klerus, wenn er sich auf diese Weise ein bescheidenes Zubrot verdient -
oder sich für seinen Dienst an den Armen der Republik rüstet. Doch
kann nicht übersehen werden, daß diese paar Brosamen vom Tisch
einer sehr reichen Institution fallen, die anderweitig unverhältnismäßig
mehr Geld gemacht hat und macht, durch Industriebeteiligungen
nämlich und Wertpapierbesitz in Milliardenhöhe. Über diese stillen
Teilhaberschaften spricht man unter geistlichen Herren nicht. Auch
sind Kleriker als Mitglieder oder Vorsitzende von Aufsichtsräten so
gut wie nie im Gespräch.
Priester nennen ungern die Summen, die aus frommen Stiftungen
und Spenden stammen. Ein einziges bundesdeutsches Bistum rechnet
jedoch pro Jahr allein mit einem Spendenaufkommen von 33 Millionen
DM. Ein evangelischer Präses stellt fest, daß noch immer
testamentarische Millionen fließen, die rheinischen
Schwerindustriellen jedoch nicht mehr wie früher hohe Stiftungen
aussetzen. Wer weiß? Der Lehrsatz, daß man Trinkern, Spielern und
Pfarrern kein Geld schenken soll, weil dies das Problem nur verlängert,
ist noch nicht allgemein anerkannt.
273
Gibt es realistische Alternativen zur Kirchensteuer?
Immer wieder tauchen Vorschläge auf, die eine Änderung des Status
quo anstreben. 1968 setzte der Bonner Kirchenrechtler Hans Barion
anstelle der »Austritts-Alternative« eine »Weige-rungs -Alternative«.
Der Frankfurter Jesuit Oswald von Nell-Breuning hat diesen Vorschlag
aufgegriffen und 1969 angeregt, der Staat solle künftig den Einzug der
Kirchensteuern davon abhängig machen, ob der Steuerpflichtige
widerspricht oder nicht und damit formlos seine Einwilligung gibt
oder verweigert. Dadurch könne der einzelne sich dem staatlichen
Inkasso entziehen, ohne deshalb schon kraft rechtsförmlicher Erklärung
mit der Kirche brechen zu müssen. Und der damalige Ratsvorsitzende
der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Scharf, hatte sich
schon 1967 gegen das Staatsinkasso als solches ausgesprochen. Keiner
der beiden Vorschläge war erfolgreich. Das liegt nicht allein an dem
unheilbar guten Gewissen der Kleriker. Es hat auch mit Angst zu tun,
die jede Veränderung bei den von ihr Betroffenen erzeugt. Die
Kleriker, die zu wesentlichen Teilen von der Kirchensteuer leben,
bekommen Angst um ihre Existenz, und die sogenannten einfachen
Christen bekommen gezielt Angst gemacht: Wird verändert, wird alles
schlimmer. Jedes Experiment auf diesem heiklen Gebiet kann nur
schiefgehen. Würden alle jedoch ehrlich und vollständig informiert,
sähe alles anders aus.
Anregungen für eine Wende gibt es genug. Die Interessierten
brauchen sich nur umzusehen, wie das Problem in den anderen
Wohnungen des gemeinsamen europäischen Hauses
staatskirchenrechtlich geregelt ist. Beispiel Kirchensteuer: 1972 wurde
in der Bundesrepublik eine Alternative zum gewohnten System der
Kirchenfinanzierung vorgelegt (»Herrmann-Mo-dell«). Dieses Modell,
das eine Solidarabgabe aller Bürgerinnen und Bürger für
Gemeinschaftsaufgaben anregte, hat man in Deutschland schnell unter
den Teppich gekehrt. Andere Länder
274
zeigten weniger Berührungsängste. Seit ein paar Jahren ist es in
Europa zweimal (in modifizierter Form) eingeführt worden. Der
Vatikan hat sich bereits 1979 in einem Vertrag mit Spanien auf ein
Modell festlegen lassen (oder es selbst gewählt, um keine noch
größeren Einbußen zu erleiden), das in der Bundesrepublik noch nicht
einmal 1991 als diskutable Lösung der eige nen Probleme gilt. Die
Steuerpflichtigen in Spanien konnten in ihrer Erklärung ankreuzen —
entweder »für die wirtschaftliche Erhaltung der katholischen Kirche
beizutragen« oder »andere Ziele von sozialem Interesse« mit ihrem
Beitrag von etwas über einem halben Prozent des Steuerbetrages
mitzufinanzieren«. 37 Prozent der Spanierinnen und Spanier haben
sich dabei für die Zahlung ihrer Solidarabgabe an die Kirche
entschieden. Das entspricht etwa der Zahl der regelmäßigen
sonntäglichen Kirchenbesucher.
Das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik
Italien vom 18. Februar 1984, welches die 1929 mit Mussolini
geschlossenen Lateranverträge revidieren sollte, ging einen ähnlichen
Weg. Zwar ist es noch immer durchsetzt mit typisch klerikalen
Ansprüchen, gegen die viele Italienerinnen und Italiener seither
protestieren. Doch auch dies Konkordat — und seine Zusätze — sind
auf finanziellem Terrain weitaus moderner als die veralteten Verträge, an
die sich die Bundesrepublik noch immer halten muß, weil sich offenbar
niemand findet, der hier durchgreifend ändern will. In Italien ist dies
geschehen. Die Steuerpflichtigen können persönlich darüber
bestimmen, wer Steuergelder erhalten soll. Die Gelder derjenigen, die
nicht optiert haben, werden aufgeteilt, wie es der prozentualen
Gesamtentscheidung all derer entspricht, die sich festgelegt haben. Wer
nicht optiert, wendet wenigstens einen Teil seines Steuergeldes der
Kirche zu. Wie wäre es mit einer ähnlichen Solidarabgabe bei uns?
Mancher Steuerpflichtige ergriffe doch die Chance und investierte sein
Geld lieber in Projekte des Umweltschutzes als in die Besoldung des
Küsters an einer Bischofskirche, wäre das
275
bereits möglich. Geld für bedrohte Bäume statt für den Druck von
bischöflichen Verordnungsblättern? Solidarabgaben für die Reinhaltung
des Grundwassers statt für Militärmeßweine? Ein Land wie die
Bundesrepublik, wo die Religion in der Rangliste der Bedürfnisse auf
einen der untersten Plätze abgerutscht und Kirche zum Überflüssigsten
in der Überflußgesellschaft dege neriert ist, leistet sich noch immer die
teuerste Kirche der Welt.
Wozu brauchen die Kirchen überhaupt noch Geld?
Wer schon bei dieser Frage zuckt, beweist, wie sehr er das Opfer seiner
Kirche ist. Offenbar macht es einem solchen Opfer nichts aus, daß
die Kirchen an Geld und Gut nehmen, was immer sie und von wem
auch immer sie's bekommen können. Ein richtiges Opfer der Kirche
interessiert sich auch nicht dafür, was die Kirchen mit dem
eingenommenen Geld tun. Wer gibt es wieder aus und wer nicht? Und
wofür gibt der Kleriker (nicht der Laie) es aus? Etwa, wie das Opfer
meinen soll, für die »Caritas«? Der Vatikan läßt Sündenböcke
suchen. Papst Wojtyla meint: »Wenn das sittliche Gefüge einer Nation
geschwächt wird, wenn das persönliche Verantwortungsbewußtsein
abnimmt, dann ist die Tür offen für die Rechtfertigung von
Ungerechtigkeiten, für Gewalt jeder Art und für die Manipulation der
Mehrheit durch eine Minderheit.« Seine eigene Kirche, die
Minderheit der Klerikalen, wollte er damit gewiß nicht angesprochen
haben.
Wer gibt das Geld der Kirchen wieder aus?
Wofür die Milliarden an Kirchensteuereinnahmen ausgegeben werden,
ist noch immer nicht sehr klar. Kleriker lassen sich nur ungern in die
Karten schauen. Sie arbeiten gewinnträchtiger mit Andeutungen. Im
übrigen wird mit Kirchensteuermitteln
276
zumindest in der katholischen Kirche nicht demokratisch verfahren:
Der jeweilige Bischof hat stets das letzte und entscheidende Wort. Die
katholischen Diözesankirchensteuerräte demokratischer mit
unabhängigen und kompetenten Leuten zu beschicken, statt sie von
Pfarrern und Bischöfen »handverlesen« zu gestalten, ist ein noch
immer utopischer Wunsch vieler Katholiken. Dasselbe gilt für die
Option, nicht mehr in absurd gewucherte diözesane und gemeindliche
Bürokratien zu investieren, sondern endlich andere Prioritäten in den
kirchlichen Haushalten zu setzen (Dritte Welt).
Die katholische Kirche hat noch keine ernsthaften (und
schmerzhaften) Konsequenzen aus dem Grundsatz »Besteuerung ohne
Vertretung ist Tyrannei« ziehen müssen, dessen Mißachtung unter
anderem die Loslösung Nordamerikas von der englischen Krone
mitbewirkt hat. Auf evangelischer Seite ist dagegen aufgrund
synodaler und presbyterialer Verfassungen eine Mitwirkung »von
unten« gegeben.
Da die Milliarden aufgrund des in der Bundesrepublik geltenden
Systems fließen und nicht eigens eingeworben werden müssen, wird
eine Verselbständigung der amtskirchlichen Bürokratie gefördert. Das
bundesdeutsche Kirchensteuerwesen begünstigt die
Machtkonzentration auf den höheren Leitungs-ebenen. Diese sind, auf
katholischer Seite, Männern vorbehalten. Mit Hilfe von
Kirchensteuerkapital kann eine »Abweichung« in nachgeordneten und
finanziell abhängig gehaltenen Gremien (Pfarreien) oder bei
Einzelpersonen (Arbeitnehmer im Kirchendienst) diszipliniert werden.
Der finanzielle Druck kommt stets von oben. Das ist
systemimmanent, wo Geld und Herrschaft Hand in Hand gehen.
Viele Menschen glauben der immer wieder aufgestellten
Behauptung, der Großteil der Kirchensteuer komme sozialen
Zwecken zugute. Das ist falsch, und für falsche Behauptungen kann es
kein Gewohnheitsrecht geben. In Wirklichkeit werden 60 bis 80
Prozent der Kirchensteuereinnahmen für die Bezah-
277
lung von Pfarrern und anderen Kirchenbediensteten verbraucht. Der
Rest der Kirchensteuereinnahmen fließt größtenteils in die kirchliche
Verwaltung sowie in Kirchenbauten und -renovierungen. Für öffentliche
soziale Zwecke bleibt — selbst nach Angaben aus Kirchenkreisen — nur
relativ wenig: etwa 8 Prozent der Einnahmen.
Die Evangelische Landeskirche Württemberg, die mit 910 Millionen
DM an Kirchensteuern rechnet, beziffert den Sozialanteil (Diakonisches
Werk, Familienhilfe, Beratungsstellen, Ausbildungsstätten) im
Jahreshaushalt 1991 auf 7,29 Prozent, die entsprechenden
Personalausgaben auf 4,74 Prozent. Das Bistum Essen gab 1981 ganze
8 Prozent für Caritas und soziale Dienste an. Die Behauptung, die
Kirchen gäben Milliardenbeträge für soziale Dienste aus, wird nicht
bewiesen. Das Gegenteil ist wahr: Sie nehmen Milliarden aus
Steuermitteln für solche Zwecke ein. Was viele jedoch nicht wissen
können - oder nicht wissen dürfen: Die Kosten von konfessionell
betriebenen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und
Altersheimen werden ganz überwiegend aus öffentlichen
Steuermitteln finanziert, soweit sie nicht ohnehin aus Elternbeiträgen,
Krankenkassensätzen usw. bezahlt werden. Auf diese Weise aber
bittet man auch jene Millionen Bundesbürgerinnen zur Kasse, die aus
der Kirche ausgetreten sind. Auch sie finanzieren konfessionelle
Einrichtungen mit. Übrigens dienen nicht geringe Teile der stillen
Mitfinanzierung der Kirchen dazu, über die geistige Indoktrination
(Kanzel, Katheder) die Nichtmitglieder oder Ausgetretenen zu
diskrimieren — oder sie (und ihre Kinder) zumindest zu missionieren.
Millionen zahlen so für ihre eigene Bekehrung Milliarden. Kein
Wunder, daß andere Staaten das »Modell Deutschland« nicht
übernehmen wollen, obwohl es ihnen von interessierten Klerikern
noch immer angedient wird. Das Kirchensteuer-Modell macht
entgegen einer hartnäckig aufgestellten Behauptung die Kirchen nicht
frei. Geld macht wohlhabend - und fettsüchtig. Daß die bundes-
278
deutsche Kirche die beste der Welt sei, glaubt sie wohl selbst nicht.
Daß sie die reichste wurde, kann kaum als Auserwählung im Sinne der
Bibel gelten.
Ob beamtete Kirchendiener dies anders sehen? Im Westteil der
Bundesrepublik, also auf dem Territorium der reichsten Kirche der
Welt, sank die Zahl der Priester zwischen 1965 und 1989 von 27500
auf 18900; ein beredtes Zeichen für die wahre Lage einer auf
Hierarchien gegründeten Organisation. Im Kirchendienst stehen schon
heute mehr Männer über siebzig als unter dreißig. Genügend
Nachwuchs ist nicht in Sicht: Begannen 1962 noch 777
Priesteramtskandidaten mit dem Theologiestudium, so waren es 1989
nur noch 429. Die Folgen: Etwa ein Viertel der rund 12400
westdeutschen Pfarreien hat keinen eigenen Pfarrer mehr. Priester
werden hin und wieder notgedrungen zu Multifunktionären, und die
Stimmung unter ihnen gilt seit langem als miserabel.
Wie die Hirten, so die Herde? Die vom kirchlichen Personal
angebotenen Service-Leistungen werden immer weniger angenommen.
Eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für rationelle
Psychologie ermittelte 1990, daß 87 Prozent der Männer und 74
Prozent der Frauen in Deutschland »so gut wie nie« und nur 8 Prozent
der Deutschen jeden Sonntag zur Kirche gehen. Auf die Frage, ob sie
häufiger zur Kirche gingen, wären die Kirchen »so wie im Fernsehen«
(wo sich neuerdings Pfarrer- und Nonnenserien ablösen),
antworteten 4 Prozent mit Ja, dagegen 96 Prozent mit Nein. Die
Einstellung zu den realen Kirchen verbesserte sich durch die TV-Serien
mit kirchlicher Thematik bei nur 9 Prozent, verschlechterte sich
bei 5 Prozent - und blieb bei 86 Prozent so wie immer. 1986 waren
bereits bei 12,1 Prozent der Geburten ein Elternteil konfessionslos.
Nur 10 Prozent der 25- bis 44jährigen Eltern sehen in der religiösen
Erziehung ihrer Kinder noch ein lohnendes pädagogisches Ziel. Aber
Kirchensteuer zahlen noch immer wesentlich mehr Menschen.
279
Was
hat die Kirche eigentlich für die Dritte Welt getan?
Aus
Kirchensteuermitteln wird den Entwicklungsländern kaum
geholfen. Was ihnen zufließt, stammt überwiegend aus
Spendengeldern. Überall hält man die Deutschen für spendefreudig. Sie
haben Geld, raunt es ringsum, und sie geben es für gute Zwecke aus.
Worauf es ankommt: »gute Zwecke« erfolgreich zu definieren. Die
Kirchenlobby ist darin seit langem beispielgebend tätig. Wer das
Spendengeld ausgibt und wie er es ausgibt, unterliegt bis heute
manchem Zweifel. Der katholische Kirchenrechtler Georg May
(Mainz) meint, die Gläubigen seien davor zu schützen, »ihre
Opferbeiträge zu unkatholischen Zwecken verwendet zu sehen«. Am
wirksamsten werde dieser Schutz »immer noch von dem universalen
Hoheitsrecht des Heiligen Vaters gewährleistet«. Das impliziert, daß
den Landesbischöfen selbst in dieser Hinsicht nicht zu trauen ist.
Gezahlt wird dennoch. Amtliche Kollekten der evangelischen
Landeskirche, die den geringeren Teil des Spendenaufkommens
ausmachen, ergaben in West-Berlin zwischen 1970 und 1986 pro Jahr
durchschnittlich 1,5 Millionen DM. Die bundesdeutschen Katholiken
haben 1980 nicht nur 4,5 Milliarden DM an Kirchensteuer
aufgebracht, sondern auch 1 Milliarde DM an Spenden. 1979 wurden
für das Lateinamerika-Hilfs-werk »Adveniat« 105 Millionen DM, für
das bischöfliche Hilfs-werk »Misereor« 102 Millionen DM und für das
Hilfswerk »Missio« 100 Millionen DM gespendet. Die sogenannten
missionierenden Orden haben 1980 etwa 138 Millionen DM in Länder
der Dritten Welt investiert; 85 Prozent dieser Mittel stammten aus
Spenden von Katholiken der Bundesrepublik. Weitere Gelder kommen
aus staatlichen Zuschüssen zur katholischen »Entwicklungshilfe« — die
stets Mission ist — sowie von Spenden deutscher Glücksspiel-
Unternehmen. Die Kirchen erhalten ferner Jahr für Jahr von staatlicher
Seite einen Zuschuß in Höhe von über 100 Millionen DM für ihre
Missionsprojekte;
280
die »Glücksspirale« hat 1984 rund 4 Millionen DM an die Cari-tas
bezahlt.
Die sogenannten guten Zwecke sind selten fest umrissen. Zum
einen lassen heutige Theologen häufig eine endzeitliche Aufgeregtheit
erkennen, wenn sie soziale Themen ansprechen. Sie »schwelgen in
weltweiten Dimensionen des Hungers, der Not und der Unsicherheit«
(Religionssoziologe Günter Kehrer). Konkrete Korrekturen, partielle
Lösungen, kleine Schritte sind ihnen zuwenig. Zum anderen streuen
Bischöfe Sand in die Augen der Spender. Das bischöfliche Hilfswerk
für Lateinamerika mit dem sinnigen Namen »Adveniat« (»Dein
Reich komme«) rechnet offensichtlich nicht mit dem geschichtlichen
Gedächtnis der Menschen. Denn nach Südamerika ist das »Reich«
schon einmal gekommen, und der Subkontinent trägt noch heute
schwer an den Folgen. Seine Länder haben sich nicht von diesem
mörderischen Ereignis erholt. »Die Christen«, schreibt ein
Beobachter aus dem 16. Jahrhundert der Mission, »drangen unter das
Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch
Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und hieben alles in Stücke,
nicht anders, als überfielen sie eine Herde Schafe... Sie machten
auch breite Galgen ... hingen zu Ehren und zur Verherrlichung des
Erlösers und der 12 Apostel je dreizehn und dreizehn an jeden
derselben, legten dann Holz und Feuer darunter, und verbrannten sie
alle lebendig. . . Da nun die Indianer, welches jedoch nur ein paarmal
geschah, einige Christen in gerechtem und heiligem Eifer erschlugen,
so machten diese das Gesetz unter sich, daß allemal hundert Indianer
umgebracht werden sollten, so oft ein Christ von ihnen getötet
wurde.«
Adveniat? Die Insel Haiti war von einem hochstehenden
Indianervolk besiedelt. Bei Ankunft der Katholiken lebten dort über
eine Million Einwohner, wenige Jahre später waren es gerade noch
tausend. Johannes Paul II. aber sagte bei seinem Besuch auf der Insel:
»Die Kirche möchte sich den Indios wid-
281
men. Heute ebenso, wie sie es an ihren Vorfahren tat. Hier wurde
unter Schwierigkeiten und Opfern Schönes erreicht.« Derselbe Papst
leistete es sich, 1980 einen der Indio-Missionare zur Ehre der Altäre zu
erheben, einen »Apostel Brasiliens«, der seinerzeit gerufen hatte:
»Schwert und Eisenrute sind die besten Prediger!« Von einem
Widerspruch derer, die das Hilfs -werk »Adveniat« bedienen,
verlautete bis heute nichts.
Nichts gegen die Spendenfreudigkeit deutscher Katholiken. Sie
verschafft ein gutes Gewissen und von seiten des Papstes hohes Lob.
Ob aber auch nur einer von denen, die Jahr für Jahr für den guten
Zweck des »bischöflichen Hilfswerks« spenden, über die mörderischen
Umstände der ersten »Ankunft des Gottesreiches« in Lateinamerika
informiert worden ist? Von einem Schuldbekenntnis des Papstes und
seiner Kirche wurde nichts bekannt. Von einer Entschädigungsleistung
ebensowenig, die die »Liebesreligion« an die Erben jener
millionenfachen Blutopfer entrichtet hätte. Adveniat? In Brasilien
besitzen heute drei Prozent der Einwohner fast zwei Drittel der Fläche
des ganzen Landes. In manchen Regionen kommt auf 300000
Einwohner ein einziges Krankenhaus. Hat das Christentum in den
letzten 500 Jahren zur sozialen Ordnung auf diesem Hunger-
Kontinent geführt? Der Papst, Haupt des millionenschweren Vatikans,
sagte den Ärmsten da drüben seine »besondere Zuneigung« zu. Ob er
aber aus seinen eigenen Beständen mitzahlt? Hilfswerke wie die
bundesdeutschen »bischöflich« zu nennen ist ein grober
Etikettenschwindel. Bischöfe helfen am allerwenigsten. Sie lassen nur
jene Gelder verteilen, die Nichtbischöfe gespendet haben. Kein
Spender kann darüber bestimmen, wohin sein Geld fließt. Das regeln
allein die Oberhirten, die innerkirchliches Wohlverhalten in
Lateinamerika finanziell belohnen können oder nicht. Immerhin liegt
ein Bericht vor, nach dem südamerikanische Bischöfe die dortigen
»Befreiungstheologen« per Computersystem überwachen lassen. Wer
wohl diese Datenbank finanziert hat?
282
Ein weiterer Bericht existiert, wonach Bischöfe in Lateinamerika in
Palästen residieren, die Zeitungen kontrollieren, zu den das Volk
ausbeutenden Politikern stehen und das ihnen selbst gespendete Geld
für die dubiosesten Zwecke verwenden. »Während meiner
Anwesenheit in Lateinamerika verbrachten die Geistlichen aller
Ränge ihre Zeit damit, Geldsammlungen zu veranstalten; vom
Ergebnis behielten sie, wenn sie zum Beispiel zehntausend Dollar
erhalten hatten, viertausend für sich, und für den Zweck, für den die
Spende erhoben worden war, wurden am Ende noch zweitausend
Dollar ausge geben.« Dies Urteil stammt von dem katholischen
Geistlichen Giuliano Ferrari, der - mit etwa fünfzig Kardinalen
bekannt, mit prominentesten Kurienkardinälen wie Tisserant, Bea,
Confalonieri befreundet, mit Kardinal Samore eng befeindet - nach
wiederholten Mordversuchen (so er selbst, der zur »Mörderbande«
auch Bischöfe zählte und namentlich nannte) am 3. Juli 1980 in einem
leeren Abteil des Schnellzugs Genf-Paris tot aufgefunden wurde.
Wörtlich erklärt der katholische Priester, der die katholische Kirche als
das »größte und schmutzigste Geschäftsunternehmen der Welt«
bezeichnet: »Hätten die Leute vom Reichtum der Bischöfe oder der
Religionsgemeinden auch nur die leisteste Ahnung, dann würde
niemand mit Verstand in Zukunft irgendeine weitere Zuwendung,
welcher Art auch immer, leisten.«
»Misereor« heißt ein anderes Hilfswerk. Das Wort stammt von
jenem, der da allein berechtigt war, sich arm zu nennen, Jesus aus
Nazareth. »Das Volk erbarmt mich« (Mt 15, 32), ein Wort, das nur zu
ihm paßt, aber nicht zu irgendeinem bischöflichen Werk. Er kann sich
allerdings nicht mehr gegen seine Erben wehren. »Es ist nicht
Aufgabe des Evangeliums, an den bestehenden Verhältnissen irgend
etwas zu ändern«, meinte 1952 ein offizielles Heft zur Vorbereitung
des Stuttgarter Evangelischen Kirchentags. Christliche Soziallehre ist
karitativ ausgerichtet, nicht kreativ. Sie reagiert auf bestehende
Verhält-
283
nisse, krempelt diese nicht um. Sie kuriert Symptome, zielt keine
strukturellen Ursachen an. Johannes Paul II. hat noch 1990 gelehrt,
das Evangelium dürfe »niemals durch eine besondere Sensibilität für
soziale Probleme verdunkelt« werden. Seine Praxis, den Protzbau
eines zweiten Petersdoms an der Elfenbeinküste als Geschenk
anzunehmen, entspricht dieser Theorie.
Warum verkaufen die Großkirchen ihren Besitz nicht
zugunsten der Armen?
Augustinus weist den Weg: »Wir sind die Zeiten; wie wir sind, so sind
die Zeiten.« Das ist der Zusammenhang von Zeit, Geld und Angst.
Die klerikale Argumentation steht felsenfest: »Würde die Kirche
ihren Besitz veräußern, würden die Armen ärmer und die Besitzenden
nur reicher.« Ist das realistisch? Gehört die Kirche selbst nicht zu den
Besitzenden, die immer nur reicher geworden sind? Auf welcher Seite
sie steht, ist doch seit der Antike keine Frage mehr. Die
Kirchenvermögen haben inzwischen eine Größenordnung erreicht, die
sie gesellschaftlich so gut wie nicht mehr kontrollierbar machen. Vor
allem die katholische Kirche kann wie ein weltweiter multinationaler
Konzern agieren, der sich eigene Banken und Finanzorganisationen
leistet.
Ein öffentlicher Diskurs über das Eigentum und über dessen
Umverteilung scheitert immer wieder. Ihn mit Klerikern zu führen,
die ihren Reichtum gegen die Armen verteidigen, indem sie ihn »für
die Armen« einzusetzen vorgeben, ist unmöglich. Das kirchliche
Eigentum wird als Medium der Zensur eingesetzt: Wer erklärt, sein
Eigentum sei sozialgebunden und sein Besitz diene den Ärmsten,
unterbindet jede Nachfrage durch eben diese Ärmsten. Caritas als
Zensurmittel: ein erprobtes Instrument im Kampf für den Status quo.
284
Kosten konfessionell betriebene Schulen nicht zuviel?
Selbst wenn der Streit um die sogenannte »Konfessionsschule«
abgeflaut ist, haben die Kleriker ihren ideologischen Anspruch
keineswegs aufgegeben, sondern nur auf Eis gelegt. Sie scheinen auf
bessere Zeiten zu warten, um wieder in die Mottenkiste greifen zu
können. Inzwischen vertrauen sie nicht nur auf den Religionsunterricht,
der — als einziges Unterrichtsfach! — von der Verfassung als
ordentliches Lehrfach garantiert ist. Sie setzt auch auf private
Bekenntnisschulen. Kein Wunder, daß Andersdenkende weniger
bekennen sollen. Kein Wunder, daß sich die Großkirchen über die
Zunahme von Waldorfschulen alarmiert zeigen. Hier entsteht ihnen
eine finanzielle Konkurrenz.
Die Kirche unterhält nicht nur im Bundesgebiet rund 2200 Schulen,
davon allein in Bayern fast 900. Sie läßt sich ihre »Schlacht um den
Schüler« (O-Ton Evangelischer Schulbund) auch noch bezahlen.
Kirchliche Privatschulen werden, wie könnte es anders sein,
hauptsächlich vom Staat finanziert, in Bayern faktisch bis zu 90
Prozent. Rheinland-Pfalz finanziert die fünfzig Ordensschulen des
Landes jährlich mit etwa 165 Millionen DM. Von einem wesentlichen
Eigenanteil der Kirche kann unter diesen Umständen keine Rede mehr
sein. Der Kirche freilich ganz und gar eigen ist die hundertprozentige
Ausrichtung solcher Schulen und ihres Personals auf die
Weltanschauung der siegreichen Kleriker. So läßt sich Orthodoxie in
Geld umsetzen. Und Geld in Orthodoxie. Erst eine Klage vor dem
Bundesverfassungsgericht gegen das Hamburger Privatschulgesetz von
1977 brachte es ans Licht: Der Stadtstaat hat kirchliche und
Waldorfschulen mit 77 bis 82 Prozent subventioniert (1985 waren das
51 Millionen DM), während die übrigen privaten Schulträger nur 25
Prozent Förderung erhielten. Bis 1977 wurden überhaupt nur private
Bekenntnisschulen gefördert. Dann sah sich die Hamburger
Bürgerschaft aufgrund von Gerichtsurteilen dazu gezwungen, auch
andere Projekte zu un-
285
terstützen. Das Bundesverfassungsgericht aber entschied 1987 in der
Sache: Nichtkonfessionelle Privatschulen dürfen vom Staat finanziell
nicht »willkürlich« schlechter gestellt werden als kirchliche. Daß ein
solches Urteil nötig war, spricht für sich - und für das intime
Verhältnis zwischen Staat und Kirche hierzulande, das bis zu diesem
Urteil offenbar »Willkür« zuließ.
Ein Siebtel des gesamten Kultusetats des Freistaats Bayern kommt
nichtstaatlichen (kommunalen, kirchlichen, freien) Schulen zugute.
1987 verschlang dieser Posten rund 987 Millionen DM, während
Bayern im Jahr zuvor noch 889 Millionen DM bezahlt hatte. Für 1988
waren dann bereits 1,024 Milliarden DM vorgesehen. Damit stiegen
innerhalb von zehn Jahren die Zuschüsse nahezu auf das Doppelte.
Nicht enthalten sind in dieser Milliarde die Zuschüsse Bayerns für den
Neubau privater Schulen. Die Katholische Hochschule Eichstätt, über
deren Effizienz so gut wie keine öffentlichen Diskussionen geführt
werden, wird vom Freistaat Bayern jährlich mit etwa 40 Millionen DM
subventioniert. Das bedeutet, daß der Staat bei dieser Hochschule fast
90 Prozent der Gesamtkosten übernimmt, weit mehr übrigens als bei
anderen (nichtkatholischen) Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft.
Wozu benötigen Schülerinnen noch Religionsunterricht?
Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat für die Besoldung
von Religionslehrern und deren Fortbildung in ihrem Haushaltsplan
1991 über 11,7 Millionen DM veranschlagt. Diese Kosten erstattet
ihr zu zwei Dritteln das Land. Lehrer an öffentlichen Schulen werden -
auch wenn sie Religionsunterricht erteilen - ohnedies vom Staat
besoldet. Der Anteil an Religionsstunden, den darüber hinaus Pfarrer,
Vikare, Katecheten und Diakone erteilen, wird den Kirchen aus
öffentlichen Haushalten bezahlt. In Berlin wurden 1985 die
Zuschüsse für
286
konfessionelle Schulen auf 85 Prozent angehoben, jene für
Religionsunterricht von 80 auf 90 Prozent. Das bedeutet: Allein der
Religionsunterricht kostete die Stadt, deren Einwohner (West) zu
mehr als einem Drittel kirchenfrei sind, 47,6 Millionen DM.
Bundesländer übernehmen bis zu 100 Prozent der Personalkosten an
kirchlichen Schulen, doch sehen Behörden beiseite, wenn einer der an
solchen Schulen Beschäftigten Schwierigkeiten mit der
konfessionellen Bindung seines Lehramtes hat. In Berlin - einem
Beispiel für viele - rühmt sich der Diepgen-Senat im November 1986,
als er den Kirchen weitere Gelder zusagen will, mit den neuen
Vereinbarungen werde »die gute und fruchtbare Zusammenarbeit
Berlins mit den beiden Kirchen fortgesetzt«. Auch werde »erneut die
große Bedeutung der Kirchen für Staat und Gesellschaft und ihr
Engagement vor allem im sozialen und pädagogischen Bereich sowie
im Gesundheitswesen gewürdigt«. Das Land Berlin leistet denn auch
1986 einen Anteil an den Personalkosten der Evangelischen Kirche
für die Berliner Kirchenmusikschule in Höhe von 196790 DM. Auch
darüber freuen sich alle Beteiligten mit Ausnahme der Zahlenden:
»Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg (Berlin West) und
das Land Berlin begrüßen auch diese neue Vereinbarung als Ausdruck
partnerschaftlicher Zusammenarbeit in freundschaftlichem Geiste.«
Freude hin oder her, Partnerschaft desgleichen. Die große - und
entsprechend gut dotierte - Bedeutung der Kirchen im
pädagogischen Bereich nimmt ab. Dieselbe Drucksache des Berliner
Abgeordnetenhauses stellt fest, daß die Zahl der Schülerinnen und
Schüler, die am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen, von
135823 auf 90732 im Jahre 1985 zurückgegangen sei. Doch
»rechtfertigen diese Teilnehmerzahlen den Religionsunterricht nach
wie vor«. Stimmt das? Der Religionsunterricht verliert laufend
seine Klienten. An den Gymnasien Nordrhein-Westfalens bleiben
ihm bereits über zehn Prozent der Schüler fern, in den
Gesamtschulen elf Pro-
287
zent. Eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland kommt
1985 zu dem Ergebnis, daß etwa 4, 5 Millionen jugendliche
Kirchenmitglieder »sozusagen den Fuß bereits aus der Kirche
herausgesetzt« haben. Das entspräche dem Dreifachen jener Zahl von
Kirchenaustritten, die seit 1975 zu registrieren waren.
Der als Ersatz geplante oder bereits angeordnete »Ethikunterricht«,
in dem kirchenfreie Schüler ihr Quantum an Moral nachgereicht
bekommen sollen, hilft dem Religionsunterricht nicht mehr auf die
Sprünge. Solche Surrogate haben in anderen Ländern keine Chance:
Das Oberste Gericht in Belgien entschied 1990, daß Schüler weder am
Religionsunterricht noch an nicht konfessionsgebundener
»Morallehre« teilzunehmen brauchen, weil die fehlende Wahlfreiheit
gegen die Europäische Menschenrechtserklärung von 1950 verstößt.
Das spanische Parlament verabschiedete ebenfalls 1990 gegen den
erbitterten Widerstand der katholischen Kirche ein
Schulreformgesetz, das die Teilnahme am Religionsunterricht
freistellt und auch kein Ersatzfach vorsieht.
Und bei uns? In Hamburg sollen sich nach einer Untersuchung
weniger als die Hälfte der evangelischen Religionslehrer noch mit der
Kirche und nur geringfügig mehr mit den zentralen Aussagen des
Christentums verbunden fühlen. Neun Prozent sind sogar aus der
Kirche ausgetreten. Die katholische Seite wird frohlocken: So etwas
könnte ihr nicht passieren. Wer nicht mehr an sie glaubt und so dumm
ist, dies auch noch zu äußern, fliegt. Auf katholisch wird im dunkeln
»gesündigt«.
»Der Spiegel« vom 5. November 1990 wird konkret: Bei einem
Priesterkurs im Rhein-Main-Gebiet stellte der Leiter fest, daß von
den teilnehmenden 20 Priestern 18 eine Beziehung mit einer Frau
hatten. Drei Viertel der deutschen Theolo gieprofessoren sollen eine
feste Partnerin haben.
Die Beobachtung des Zölibatsgesetzes ist längst
die Ausnahme. Eine in Boston veröffentlichte Studie meint, nur noch
zwei von hundert
288
katholischen Priestern in den USA lebten streng nach den gesetzlichen
Bestimmungen des Zölibats. Jeder dritte US-Priester ist sexuell aktiv.
Die Untersuchung, die auf Befragungen von 1500 Personen im
Zeitraum von 1960 bis 1985, beruht, stuft fast ein Viertel der
Betroffenen als homosexuell ein. 10 Prozent der Priester sind ein
aktives homosexuelles Verhältnis eingegangen, 20 Prozent verfügen
über »eine recht gut definierte nicht-zölibatäre Beziehung zu einer
Frau«, 6 Prozent sollen Beziehungen zu Minderjährigen haben, und 8
Prozent geben zu, mit nichtzölibatären Lebensformen zu
»experimentieren«. Wo bleibt die oft beschworene Glaubwürdigkeit
der Hirten ? Wohin hat sich die »Mutter Kirche« manövriert, die ihren
»besten Söhnen« nicht mehr viel sagt, sich aber von allen Bürgern teuer
bezahlen läßt?
Läßt es sich nicht ohne diese Kirchen menschlicher leben?
Manche halten bereits die Frage für absurd. Für sie ist sie auch nicht
gestellt. Doch es gibt Millionen andere, die sich Tag für Tag von den
Kirchen belästigt fühlen, übersättigt sind von der Verdrängungs - und
Desorientierungsliteratur der Kleriker. Viele von diesen wissen
schon, daß man ohne Religion nicht schlechter, ja sogar besser lebt als
mit einer religiösen Bindung. Die bisher Unentschiedenen wissen weder
das eine noch das andere. Ihnen aber sollen nicht nur die okkulten
Praktiken (Schwarze Magie u. ä.) eine Antwort geben. Sie haben
Anspruch auf mehr. Lösen sie sich von der Kleingruppe der
»Katechismus-Katholiken« und der »Bekenntnis-Protestanten«, die
lange Zeit für sie gedacht und gehandelt haben, so eröffnen sich
Ausblicke in eine Zukunft des Menschen. Kein Mensch erfüllt sein
Leben, indem er vorgegebene Meinungen über die Existenz Gottes,
über die Autorität der Bibel oder des Papsttums sowie über das Leben
nach dem Tode teilt. Menschen werden zu Menschen durch die
mitmenschliche Tat.
289
Totalitäre Weltanschauungen, Moralmonopole der Welt,
selbsternannte Experten finden sich heute überall. Gegen sie müssen
immer mehr Menschen ihre ureigenen Bedürfnisse erkennen und
behaupten lernen. Menschen haben nämlich ein Recht, in ihrer
Umwelt verwurzelt zu sein; kein Mensch braucht sich denen
auszuliefern, die seine Umwelt nach ihrem Profit gestalten wollen.
Menschen können kreativ werden; die herkömmliche Überbetreuung
von Menschen durch Menschen war eine Abfolge ausbeuterischer
Akte. Die Menschen haben ein Recht auf Mitsprache in allen
Belangen, die sie betreffen; die Vorausinterpretationen der
»Amtsträger« in der Kirche waren nie demokratisch legitimiert. Die
Menschen haben ein Recht auf ihre eigene Ethik und Religion;
Moralisten und »Religionsdiener« jeder Couleur besitzen keine
besonderen Wissensvorsprünge, keinen Anspruch auf (geldwerte)
Privilegien und Rechte. Menschen haben gegenüber ihrer
Todesbedrohung ein Recht auf Leben. Und sie haben gegenüber ihrem
Leben ein Recht auf ihren Tod.
290
Literaturverzeichnis
Um dieses Buch nicht zu überfrachten, haben wir nur das grundlegende und
allgemein weiterführende Schrifttum aufgenommen. Dort können die
interessierenden Details nachgelesen und nachgeprüft werden. Auf
Fußnoten und Anmerkungen haben wir verziehtet. Nicht, daß wir - im Stil
aller kirchenamtlichen Katechismen - keine Nachweise anzubieten hätten:
Zum einen meinen wir, auch in dieser Hinsicht durch unsere
Veröffentlichungen ausgewiesen zu sein. Zum anderen wollen wir zum
»detektivischen« Weiterstudium anregen. In der allgemeinen Literatur sowie
in den dort genannten Spezialunter-suchungen können die Belege ohne
unzumutbare Mühe aufgespürt und eingesehen werden.
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